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Full text of "Heinrich von Treitschkes Briefe Bd. 11"

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Heinrich von Treitschke 








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£einxi$ Don £rettfc$fc$ 

©tiefe 

€rfler 8an b 


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# e inrt$ »on £ r e U f d> ? e e 

Briefe 


J£>«rauagege6ttt 

von 

SJto* £ormcrtiu$ 



<E r ft e r t 93 a t» b 

(Srftrt ©u<$ 1834-1858 • 3XU 4 q>ortrAt* in 2i$tbnut 
£n>cit< Auflage 

- —] - 

©erlag »on €>. Seiptig 

19 13 

*w . 


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- 7 ? /9s 

/ 9/3 

k / 


iNDIANA UNIVEPSTTY LIBRARY 

Copyright by S. Hirzel at Leipzig 1913. 



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3n&rtlfc 


<Erftc« &u$, 

©ie Sabte bet (Borbereitung. 

1834—1868« 

Seite 

gltern$<ui« unb @<bu(e ttt ©wöben. 1 

Stfle ©tubienjeit in SSonn.66 

3»ei @emeftet in £eipjig.136 

Sbfebluf bet ofabemifc^en Silbung. (Bonn. Tübingen, JJeibelberg 184 
SM« jur Habilitation. @6ttingen. £eiy>gig.285 


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Vorwort 


Di« bi«* gebotene Sfu«gabe ber ©riefe Heinrich non Üreitfcbfe« 
(«bbpft au« einem banbfcbriftliiben ©orrat non reicher $ü(le. Wicht 
nur b«r ©ater ^at ba« an ihn ©«langte von b«n erften -toten un 
folglich aufbemabrt, auch unter b«n wäbrenb ber ©tubienfabre ge* 
monnenen greunben erfebienen febon früh gerabe ben beften, thebtigffen 
bie Jufcbriften Xrettfchfe« erhalten «wert. Seiber ftnb bennoeb wert* 
«öde leite btefer $reunbfcbaft«!omfponben}, fo bie ©riefe an Slipbon« 
Oppenheim unb bi« auf einen bie an Suliu« non grangiu«, fpäter 
nicht erbalten geblieben; anbere, norbent jugänglicb unb au<b febon 
in biograpbtfcben Darftedungen nerwenbet, waren wenigflen« gurgeit 
noch nicht mieber erreichbar. 

Die ©ereitwidigfeit, mit ber faft ohne S(u«nabme banbfcbriftlicber 
SJefift non Sfngebirigen einziger ^Briefempfänger, non ©ibdotbefen unb 
Srcbinen jur ©enugung überladen würbe, (ann ber $erau«geber auch 
«n biefer ©teile nur banfbar bernorbeben. Unb $u gleichem beglichen 
Oanfe nerpflichtet ibn bie (eichte ©ewäbr, welche ©itten um nähere 
fachliche, jumeiff biograpbifch« 3lu«funft nicht nur bei ben hinter* 
Hiebenen folget £reitfcbfefreunbe gefunben bähen. 8u« ber (leinen 
3ab( berer, bie noch cut« eigner Srfabrung non bem unnergeflichen 
Sugenbgenoffen erjäblen fbnnen, hoben ftch $err ©enattpräfibent am 
Obcrlanbe«gericbt a. D. Dr. ©tortin in Hamburg burch briefliche 9tocb* 
weife unb befonber« J&err ©rofeffor $ren«borff in ©ittingen burch 
SRitteilung feiner bonbfcbriftlicben, 1896 niebergefchriebenen „©rinne* 


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VIII 


&oroort» 


rungen an Heinrich oon Slreitfchfe" um ben oortiegenben ©anb ocrs 
bient gemalt, ®or allem aber tfJ ^ier zu fagen, tote großen Slnteil 
an biefer Sammlung unb 9lu«gabe ber Briefe ihre« ©ater« gräuletn 
SRaria oon Slreitfehfe b<*t. Sabrelang in feinem ©eftanbe oorbereitet, 
wirb ba« ©ueh fortgefefjt mit Xat unb 9tat oon ibr gefbrbert, toirb 
auch bie innere Arbeit baran, ©erflänbni« unb Erläuterung be« $erte« 
im einzelnen oielfacb erleichtert. — 

#einri<b oon Slreitfchfe« ©riefe bieten eine febr (ebenbige Slnfchau* 
ung feine« ©ilbung«gange«, feiner geifügen unbfttlichen Entwicklung 
oon ber frubften £inbbeit an. SDafj er, bem Heuchelei „bie b<*fF«n« s 
würbigfte ber Sünben" war, f«b ganz fo gibt, toie er im Slugenbtict 
be« Schreiben« f£»btt unb benft, baf? feine ©riefe immer geworben, 
nie gemacht finb, (ann feinem ihrer Sefer entgehn. Schon äußerlich 
tragen bie allemteifhn deutliche, in ben £rucf fo treu wie möglich 
übernommene, Reichen rafcher Btieberfchrift, ftnb (tätlich uniiberiefen ge* 
blieben. Unb immer aufrichtig fprechenb wiberfprieht ftch ihr ©erfaffer 
auch/ liefert felber bem Sefer bie ätritif momentaner Einfeitigfeit; biefe 
Sammlung wirb, wenn fte gefchloffen oorliegt, eine überall wahr« 
haftige, oft ergreifenbe ©iograpbie in ©riefen fein, ©er mufj nicht 
an bie beiden Kämpfe in »treitfehfe« fpäterem Sehen benfen, an bächfie . 
Sreuben, aber auch bittre Schmerlen bie fte ihm brachten, wenn er 
oon bem Siebenjährigen bie Meinung au«gefprochen ftnbet, bofj „bie 
fogenannten politifchen Sfnftcbten für Seben, ber fein ©aterlanb liebt, 
mehr fein follen al« blofje Slnftchten, weil fte einen 5£eil feine« innerfien 
SBefen«, feine« tiefften Renten« bitben follen". So tünbigen fleh auch 
anbere, wiffenfchaftliche Überzeugungen, an benen er fein Sehen lang feffe 
hielt, fchon überrafchenb zeitig an, wie — mit ihm felber zu fprechen — 
„Zumeift bei jenen SRenfchen, beren ©rbfje im Ebarafter Jiegt". 

Unb in ber Hat, noch früher at« bie rein geifüge beginnt bie fltt* 
liehe Äraft in ihm ftch Z u f«fügen, unb wie bie ©rieffolge biefen 
ftarfen $em in Xreitfchfc« SBefen in feiner Entwicflung immer flarer 


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ffötbar woben Wfjt, erhalt fte erft t^re ootfe SBebeutung. $of bie 
Siden«bi(bung eine wefentliche SJebingung wertvoller geifüger Srbeit 
fei/ ognt föon ber blutjunge Stubent, unb an bem Dichter* unb 
Seben«föi<ffal feine« Webling« Jgeinrich von Äleift ficht er fghter bann 
gan) beutlfö, baff „bie ^«fKgfcit unb SBefhmmtbeit brt ffiidcn« bem 
Jt&nfUer fo unentbehrlich ifl, wie bie glücflühe Begabung*. Staftlofe« 
Streben unb §uglefö boch immer wieber jielbewufjte Befördnfung, 
bie Srunbpfeiler ber goetgiföen 2eben«wei«heit, erfennt auch Üreitföfe 
f(bon in feinen jwanjiger Sagten al« bie fcften Stufen fruchtbaren 
Schaffen«. Sinbringlicg wie feiten ein« ^at fein Sehen unb feine 
Arbeit bicfe ffiahrgeit erwiefen; erft bie Briefe aber werben §u «oller 
Bnföauung bringen/ welche SBidenöfraft, welcher )u)eiten ^aroifche 
(Belehrten* unb jt&nftterfleif neben genialer Begabung am SBerle war/ 
um bie f&nf Binbe ber Deutföcn Qcföichte )u fchaffen. 

So fann Heinrich «on Slteitföfe noch lange in feinem geliebten 
beutfchen Bolle «orbilblich al« Srjieger wirftn. Such Sichte, auch 
€arl«le ftnb mit Siecht ju folchem €r)iegeramte unter un« heute wieber 
aufgerufen worben. SBeföe Scgtanfen breiterer SBirffamteit aber 
Sichte ftch fetter gefegt, hot fchon fcreitföfe in einem föhnen Buffag 
über biefen Borgdnger gejeigt, obwohl er hier jugtefö beutlfö auf 
fcber Seite erfennen Wftt, wa« alle« ihm mit Sichte gemeinfam ifl. 
Unb fo fommt ihm auch «or darlgle, ju bem ihn Dittgch gelegentlich 
a!« „gan| großen" unter ben neueren beutföen Ocföfötföreibem 
fteUte, nicht nur gugute, baf? er unfer war. 3hm würbe früh |u 
eigen, wo« Carole entbehren muffte: eine herrliche Jtraft, in adern 
Berbruf unb Aampf unb Schmer) be« Seben« hoch immer wieber 
rafch aufgerfötet heitern Stute« fort)uföreiten. „3cg hoffe grunb* 
figlich immer bi« )um legten Bugenbltde", föreibt er einmal an 
Salomon J^irjcl, unb mirflicg bi« )um (egten Bugenblicf feine« Sehen« 
ifl ZreitföBe biefem Srunbfag treu geblieben. Buch Soetge fölieft 
fein „Sptnbolum* mit foföer Sfagnung; darbte aber, ber ba« tief* 


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finnige ©ebi<bt )u feinem eignen ©loubetribefenntnib genutzt b«tte, 
ein* fein« fünften 83 {über, Paat and Present, gonj bornit erfüllte, 
überfe$te biefen ©<bluft>er*: Work, and despair not 

ÜBieoiel freubiger bat Zreitföfc ben ©einen bot goctbif<b« „ffiir 
beifen eud? fyafftn" in SÖort unb Slot auf* nette jugetufen, ruft cd 
je$t au<b „oon brüben* unb lebet entfagenbe Ergebung mit nie nee* 
fogenbem Urbeittmut )U oerbin ben. 

33ertin, im September 1912. 

SDlojr £ornfceliu*. 


Die ) weite Auflage ift um einen ©rief oermebrt unb in ben 
Einleitungen unb Sttnmerfungen migttcbft oerbeffert. 2(u<b fte bat birt 
wieber jum Sleit Jpetm ©ebeimrat grenöborff ju banfen. 

aWoi 1913. 

d. 


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<£ftern&ftu$ unt> (Schule in SDretfbetu 


1. 

Clftd .Heinrich von Jreitfcbte am 15. September 1834 in Drüben 
<\ geboren mürbe, bitten feine Ottern, ber ^remietleutnant unb 5Bti* 
gabeabjutant Sbuarb oon Jreitfchfe unb SRarie, geborene oon Oppen, 
„im Jjaufe bed gtduleind SRicpter auf ber roeifjen ©affe in Slltflabt" ihre 
ffiopnung genommen, „bte nach unb nach ihre febr einfache Ginrich* 
tung erhielt". So erjdljlt ber ®ater in hinterlaffenen forgfdltigen 
Mufjetchnungen, ba mo er ben Eingang feiner am 23. SJlai 1832 ge« 
fchtoffenen, oom erften bid jum lebten Jag ihn beglücfenben ®he 
fchilbert. ®on ben Äinbern, bie fie ihm brachte, ging bem Sohne 
Heinrich eine Jochtet 3oh«nna ooraud; eine jmeite Jochtet, Sofephe, 
am 8. Dejember 1836, unb ein Sohn SRainer, erfl 1845 geboren, 
folgten noch. 9flle ihm michtig erfcheinenben SBegebniffe ihre« frühen 
gebend hnt ber 93ater genau oerjeichnet, auch ben Flamen ber 2lmme 
nicht oergeffen, an beten SBrufl ber Meine Heinrich jur greube feiner 
Sltem »ortrefflich gebieh« Sr bemied bad baburch, bafj er fchon nach 
fechd ÜRonaten feinen etflen £<>hn befam unb noch nicht ein Saht alt 
)u laufen begann. 

Diefe fo behaglich ind Äleinfte eingehenben, mit #ilfe eined früh* 
jeitig begonnenen Jagebuchd niebergefchriebenen Srinnerungen finb 
natürlich mehl nur f&* Heinrich oon Jreitfchfed ^Biographie oon SEBert 1 . 
£ad SBilb bed SSaterd mirb aud Inhalt unb gorm ber Darflellung 
lebenbig ganj fo mie er in zahlreichen mit feinem dlteflen Sohne 

1 %k biefe finb fie fc^on genügt von £f)eobor @$iemann in feiner bis jum JDfs 
toter 1867 reic$enben biogtap$if<£cn Darfleflung „Jpeinricb von foeitföfeft xs 
onb 2Banberjaf>re". 2. 8ujl 1898, auf bie $ier ein für aflemal als bie ausführlich fie 
to$er erföienene venviefen fei 

i. 1 


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2 


€(tftnf)<ni6 unb €><bule in Oretten. 


geroecbfelten ©riefen erfcbeint. 3m niebetgefcbriebenen ffiort ftcb uns 
oerflellt ju geben/ auch h»er ganj wahrhaftig ju fein/ junäcpfl gegen 
ficb felber, bab ifl in Streitfcbfeb @b fl wfter ein 3ug, ber im Sßeftn 
feinet ©aterb fchon oorgebilbet mar. 

©ofm eine« 3ufHj* unb Jhofratb, fottte ber früh oerwaifie Sbuarb 
Streitfcbfe, mehr feinem ©ormunb alb eigener Neigung nacbgebenb, 
gerabe 1813 ftcb emflltcb bem ©tubium ber ©lebijin jumenben. ©ber 
bie Ereigniffe beb grofjen beutfcben ©cbicffalbjahreb bitten ben ©ieb* 
jehnjährigen „mächtig ergriffen", unb wie ©acbfenb £6nig ben Sin* 
fcbluf an bie ©erbunbeten länger unb länger hinaubjügerte, entwich 
et am 14. Oftober nach ©rag, um bei ben £>fterreichem Sienfle ju 
nehmen. ©ach ber ?eipjiger ©cblacbt jebocb febrtc er in bie Heimat 
jurücf, unb fcbon im näcbfien 3anuar war er jugteicb mit einem 
älteren ©ruber alb „beflanbmäfHger Korporal" einer ©cbügenfont* 
pagnie auf bem ÜBege nach hollanb unb ©elgien. $nat würbe ihm, 
wäbrenb ber ©locfabc 2lntwerpenb, fein SBunfcb fi<b mit bem §einbe 
ju „raufen" nicht erfüllt/ unb intnächflen 3abre erlebte auch * r in feinem 
Regiment ben ©ubbruch einer bebenflicben Unruhe über bie beoorfiehenbe 
Steilung ber fächftfchen 2lrmee unb halb barauf ben bitteren Stag ber 
Steilung felber. Sluch ihn, beffen Äontpagnie — nicht ohne fein, beb 
blutjungen Seutnantb, ©erbienfl — fiep boch untabelig gehalten, traf 
bie härtere ©träfe: bie Steilnahme an ber großen legten ©flacht gegen 
©apoleon war ihm oerfagt ©bet biefer unglückliche ©bfcplufj fonnte 
ihm bie Erinnerung „ber fcpünen 3eit beb gelblebenb" nicht bauerab 
trüben; im Jjetbfl 1815 in bie Jjeimat jurücfgefefjtt, buchte er halb 
fehnfüchtig an 8lb«m unb ÜÄofel jurücf. Sie bort oerlebten Stage 
blieben ihm unoergefjlicb; ben SRhrin unb auf bem 3Bege bahin bie 
fchon 1815 wieberholt befugte Sffiartburg noch einmal wieberjufepen, 
bab war nicht lange oor feinem Stöbe noch fein legtet Sfteifeplan. 

greube an fcpüner £anbfcpaft, wie an btfforifcb benfwürbigen ©tätten, 
bab ©ebürfnib, an fremben Orten auch bab eigentümliche £eben unb 
Streiben ber ©ewohner fennen ju lernen, finb fchon an Streitfchfeb ©ater 
bemerfenbwerte 3üge; überhaupt jeicpnete ein rühriger ©tlbungbtrieb 
ihn unter feinen Äametaben aub. ©eine militärifche ©rbeit, in ben 
erfien §tiebenbjafjren befonberb, lief ihm reichliche 3Jiufe, bie ein an* 
geboreneb teichteb Stalent junäcpf! mit allerlei anfprucpblofer ©cpüpfung 
in ©erb unb ©rofa aubfüllte. ©alb aber wanbte er ftcb baneben 
eifrig franjoftfcper unb italienifcher ©prache unb Literatur ju, lab 


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€ttrro$au4 unb ®<bult in DtcOtn. 


3 


Dante unb Staffo unb muf auch noch Cnglifcb getrieben haben; nach 
langen Sabten fcbreibt er einmal bem ©ohne erfreut, tote er Macaulap 
ohne ©cbwierigfeit tefen fönne. ©pdter, atg Mitarbeiter an einer 
militirifcben Sngtjflopdbie, lieferte er in fchlicbter Darfledung gasreiche 
@efe<bWf<bilberungen unb biograpbifch« ©ftggen befonberg aug ber -Seit 
brt SBefreiunggfriegeg, fo über tyotd oon ÜBartenburg, unb »erteibigte 
an anberer ©teile bie Haltung ber ©achfen in ber ©cblacbt bei ffiagram 
gegen Stapoleong ftbmdbenbe Äritif. 2lucb einer leidet fidf) betätigen* 
ben freunblichen Siebegabe erfreute er ftcb; am ©rabe geriebener 
Äameraben gumat gemahnten militärifcbe Jjörer gern bie gu 4?ergen 
gebenben prunflofen Morte. 

©eine oielfeitige praftifche «tücbtigfeit, bie guoerläfftge Sorgfalt 
feiner Arbeit mürben oon ben 93orgefe$ten frübgeitig erfannt unb 
gefehlt. 3lber in bem gu flarf befefcten Dffigierforpg ber nach ber 
Teilung brt Sanbeg beträchtlich oerminberten 2lrmee — 1834 gäblte 
jie 12600 Mann — rücfte er bennoeb lange Sabre binburcb nur längs 
fant auf; um fo rafcber fötberte ibn bann bie bewegte ^eit feit Mitte 
ber oiergiger Sabre. Sltg Major tourbe er gu Cnbe 1846 glügel* 
abjutant brt Äönigg griebticb 2lugufl II. 9ßom Jjerbfi 1848 brt ing 
folgenbe grübjabr hinein befehligte er bei ben in bag aufgeregte Sllten* 
bürg unb bie tbüringifchen Jjergogtümer gefanbten fächfifchen unb 
Öannöoetfchen Sleicbgtruppen art ßberfl bag Stegiment leichter Sn* 
fanterie $ring Sllbert. Unmittelbar barauf ging er mit J&erjog Crnft 
ron Coburg, ber ihn gu feinem Berater erwählt, nach ©chlrtwig, unb 
ifm oor adern oerbanfte bi«r bie 9teicbgtruppen*33rigabe, wag fie am 
5. Upril 1849 gu bem ©rfolg oon Ccfernförbe beitragen fonnte. Dag 
glücflicbe ©efedjt erregte in jenen «tagen einen flürmifcben Subei burch 
gan) Deutfchlanb. Heinrich oon Streitfchfe b fl t rt nicht lange oor 
feinem Stöbe anfchaulich gefchilbert, bag legte Stgeugntg feiner obdig 
auggereiften barftedenben Äunft. Sine Quelle aber, aug ber er für 
biefe ©chilberung mit gangem SBertrauen feböpfte, waren bie fchlichten 
Äufjeichnungen fejnrt „lieben SBaterg". 

$u bem, wag bag ©cbicffal Streitfchfe gu tragen gab, gehört feine 
Stellung bem eigenen SBater gegenüber. Cr liebte ihn Verglich), ehrte 
mit ©toi) unb greube wag er Stüchtigeg, SSorbilbtichrt an ihm fab, 
tmb mufte bo<h (ich felbet in feinem Äem febr balb gang oerfebieben 
geartet etfennen unb geigen. Denn auch folche 3üge, bie im SBater 
f<h*>n angelegt waren, oon ihm auf ben ©obn oererbt fcheinen, treten 

l* 


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4 


eitttnfjflu« unb Sdjulc in Drrtbtn. 


an biefem nicht nut gefleigert, fonbern »efentlich »erdnbert ^eroor. 
Sille £ugenben Sbuarb von £reitfchfe«, aße feine Neigungen unb 
SBebürfniffe ftnb »on ber »ohlbelannten, »eil für tppifch geltenben 
fdcbfifcben Slrt. £)er eifrige/ in feinem ©ienfl energifdje Solbat 
»ar boc^> gat nicht ein geborener Ädmpfer, er burfte oor fich felber 
ben ernflhaften au«fprechen, ob er »ohl überhaupt einen 

geinb bobe. 3n folget Ungewißheit ifl fein Sohn, ber ba« ©lücf 
guter greunbfcpaft früh banfbar genoß unb noch im 2lltcr nicht 
entbehren mochte/ auch feinen jungen Stohren f<h»erlich ge« 
»efen. 3mmer »ieber gewann ficb ber ®ater in feinen »erfchiebenen 
Stellungen nicht nur Slnfehen, fonbern auch bie Siebe ber Unter* 
gebenen unb fanb felber biefe« ©efchid in feiner natürlichen Anlage 
begrüntet: „wie ifl ei boch fo leicht/ wenn man nicht ohne ©emüt, 
aber ohne Seibenfchaft ifl". Seibenfchaft aber »ar bie ©runbfraft in 
ber Anlage befi Sohne«; abwdgen, »ermitteln, ba« kleinere bebenfen 
unb fchonen, wenn ei gilt ©roße« ju erfheben — biefe Äunfl wollte 
er burdjau« nicht »om 93ater lernen. Sr gebürte ju ben flreitbaren 
unb fheitfroben Sachfen, bie et in feinen Schriften »ieberbolt lebenbig 
gefchilbert bot/ befonberö bei ber Sbarafterjeichnung ^ufenbotf« mit 
beutlichem ©ewußtfein ber nabe »erwanbten eigenen Slnlage. „Starfe, 
aber burch ein rege« ©ewiffen gejügelte Seibenfcpaften" (tot fchon bet 
Secb«unbj»anjigjdbrige — in ber Slbbanblung über bie Freiheit — 
a(« „eine herrliche ©abe" erfannt. 3b*n mar fle jugefatten, unb fein 
Sehen lang »ar er beflrebt, fte immer fefler ju befi^en. 9tocp ba« 
(Borwort be« (egten ©anbe« ber Deutfchen ©efcbichte, ba« fchünfle 
be« ©erfe«, preifl an bem wahrhaft grofjen Jjiflorifer bie „©acht 
be« ©emütö", forbert oon ihm, baß er bie ©efchicfe be« (Baterlanbe« 
wie felbflerlebte« Seib unb ©lücf empfinbe. Sr aber ifl auch über 
biefe gorberung noch b<nau«gegangen; benn nicht«, fchlechtbin gat 
nicht« fonfl empfanb er felber fo tief wie ©lucf unb Seit feine« grofjen 
(Baterlanbe«, „meine« geliebten beutfchen (Bolfe«", wie er fo gern unb 
noch in feiner allerlegten Sorlefung fagte. 

Unb fo trat er mit früh gefefKgter Überjeugung ungeflüm in 
©ort unb Schrift für ba« politifcpe 3beal feine« Sehen« ein, ben 
machtvollen, ber $raft unb geifligen (Begabung biefe« ®olfe« ange* 
meffenen beutfchen Staat. (Huch er, wie Suther unb ^ufenborf, tonnte 
nicht »iber bie ©ahrheit wie er fle fühlte, unb mußte feinen mit 
JDeutfchlanb« Schictfalen unter ber Rührung beö 58unbe«tag6 ganj jus 


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SUmtynit unb Staute in £>rrib<n. 


5 


friebenen SBater burch fchdrffte publijiflifc^e Sluöfpracbe bet entgegen* 
gefegten, ffir ^reufjen« ®orberrfchaft eintretenben Meinung fort unb 
fort unb mit ben Sauren immer fcpnetbenber frdnfen. 211« ber fdcb* 
fif<he ©eneral bie erfle Sammlung ber „Jjiftorifcben unb $olitifchen 
2uffd|ie* feine« Sohne« in Jjdnben hielt voll Stolz über biefe reiche 
miffenfc^a ftticf>e unb literarifche Slrbeit be« Dreifjigjdbrigen, ba fdjrteb 
et bo<h flagenb jur&cf: „ba« ©efcbicf b«t meinem fonfl fo gefegneten 
Sitter zwei fernere Prüfungen aufgelegt; bie eine, ben unerwartet 
frühen Xob meiner treuen eblen Sebenögefdbrtin, bie zweite, bafj ich, 
ein gldubiger @btifi unb guter Sacbfe unb mithin auch ebenfo guter 
Deutfcber, in meinem tbeuren unb begabten Sohne ba« ©egentbeil 
meiner innigften Überzeugungen, einen Steiften unb ©rofjpreufjen 
haben rnufj." Denn au<b bafj fein eigener finbticb gldubiger Sinn 
in biefem Sobne nicht fortleben werbe, fonnte er nicht überfeben. 
ffiieberbotte herzliche Mahnung erwiberte Heinrich mit offener 2lu«* 
fpracbt. grub fc^roanb ibm ber naiv evangelifcbe Sbrifh««gtaube, bem 
Sltern unb Schweizern anbingen; nur in feiner innigen Überzeugung, 
bafj eine göttliche Sorfebung ba« Scpictfal ber 9)fenfcben (enft, ifl er 
nie wanfenb geworben. Slber auch bie fhreng cbriflliche gorm bc« 
@otte«glaubcn« war ihm von feinem Slternbaufe btt bocb für immer 
txrtrout unb verfidnbltcb geblieben; ba« zeigt beutlicb feine tebenbige 
€<hilberung ber frommen ©enerale in ber Umgebung griebricb 2Bil* 
beim« IV. 

Sllfo gerabe für fein befte«, ihm #erz unb Äopf erföllenbe« SBirfen 
rnufjte Sreitfchfe auf ba« SinvetfZdnbni« mit bem ©ater verzichten. 
Sbenfowcnig mochten bie Scbweflern in bie Sbeen eine« 93ruberö ftch 
einffiblen, ber fafl alle« wo« fte um fich bet in ©eltung unb Sbten 
faben fd)onung«lo« angriff; er erfchien ihnen balb „in jeber Jjinficbt 
«te ein unverbefferlicher Süabifaler". Die jüngere, in ber gamilie 
rheppchen" genannt, war fein erfldrter Siebling; bie 9lecfereien, fo* 
fcolb bie beiben z«f«ntmen waren, nahmen fein Snbe. De« ©ruber« 
Siebe auf gichte wollte fte vom ©ater nicht vorlefen b°ren, fonbem 
bemerfte fchnippifch, fte fdnbe ganz wie Srubelwifc unb Sprubel* 
®i| ben Speftafel um biefe Sanne ober tiefer febt unnötig; ben 
bunbertjdbrigen @eburt«tag eine« grofjen ©eneral«, z- 33. ©läcber«, 
b«be man nicht fo gefeiert unb werbe man nicht fo feiern. 3n ber 
ganzen gamilie, beren jungfter Sprofj in feinem etfien Slufwachfen 
tmb finblichen ©ebaren von bem viel dlteren ©ruber mit fo hetz* 


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6 


Sltern^ouS unb ©tfmlt in Drrtbm. 


lieber Siebe beobachtet unb in ben Briefen an ben SBotcr gefcpitbert 
wirb/ wußte fiep Heinrich julegt nur noch non feiner SRutter ganj 
oerftonben. 3br ®«ter hatte ate JReiteroffijier unter SBafbington ge* 
fochten, fie fühlte ben Kammer ber beutfchen Äleinftaaterei, machte 
ihren ungebulbig aufftrebenben frühreifen Knaben mit SBilibalb Slleri#, 
mit beffen „SabaniO" befannt unb wecfte hierburch jeitig in ihm bai 
Seroußtfein, „baß e# nicht gleichgültig ifi, ob ein 33ol! jurücffchaut 
auf Äonrab ,ben ©roßen' »on 2Bettin ober auf ben großen griebrüb". 
2Bohl hing auch fie treu an ihrer fdchftfchen Heimat unb oerehrte 
herjlich ben ju guter ©tunbe fich fo unbefangen gebenben Äonig 
griebricp Sluguft; jugleicp aber lebte in ihr bie ©ehnfucpt nach einem 
großen einigen unb jtarfen Deutfehlanb. Sine Meine, jumeifi oon 
ihrer #anb gefchriebene ©ebieptfammlung ift auö ihrem Stacplaß er* 
halten geblieben; auffallenb tritt barin bie politifcpe Sprif ber 3 e *t 
heroor. Sßian finbet b*rr natürlich ©ecferö Stbeinlieb unb baö Sieb 
ber Schleswig «Jjolfieinet; bad legte aber wad fie eingetragen ift 
3. @. gifehetö 9luf nach bem „Sinen ©tonn au« Millionen", ben 
1860 juerfl bie ©artenlaube, baO in bem ©eneralobaufe fonfl fiarf 
oerponte Demofratenblatt, oeroffentlichte: 

Srpeb’ bich wie au$ Sinem SJiunbe, 

Du ©chrei ber 9tot nach einem SWann; 

Da$ beutfehe gabrjeug geht ju ©runbe, 

S6 fingt fchon tief ju finfen an. — 

3br ©ilb etwa auö ber SDiitte ihrer oierjiger 3ahre geigt ebef 
geformte, fiarf geprägte -Jüge. SBäbrenb auö ben ©ilbniffen brt 
©ater# oor allem ©üte unb greunblicpfeit fpricht, glaubt man hier 
ben Sinbrucf einer felbfificperen ^erfünlicpfeit ju fühlen. Unb fo 
wirb fie angelegt gewefen fein unb hot biefe Einlage auf ben ©ohn 
oererbt, aber ein wenn nicht fcpweren hoch oft wieberholten Äranf* 
peitäanfällen unterworfener Körper bentmte in ©eifi unb ©emüt 
biefe Äraft. 3m #aufe für bie Shrigen ju forgen, ben ©ohn in ber 
grembe mit nüglichen ©aben, bie fie felber gearbeitet, $u erfreuen, 
baO bleibt ihr ein fletei ©ebürfniö; weitere ©efetligfeit. Meine wie 
große, empfinbet fie früh «1$ Saft. 3mmer mehr entjieht fie fiep 
ihr, unb ei füllt auf, wenn fie einmal mit unbefangenem gropfinn 
noch teilnehmen mag. Sine fiarfe Steigung für Slaturwiffenfcpaft 
behielt fie lebendlang. 3hre „©ammelwut", befonberd für ©iufcpeln, 
in ber gamilie gern belächelt unb unterfiügt, wußte boch auch wert* 


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€tt«m$au4 unb ©(pule in 2>rc<b«n. 


7 


»ollere Stüde ju erlangen; fie gehren heute ber ^sofogifcpen Samrn* 
lung beS ©reSbener Zwingers an 1 . 

Jheinricp batte in feiner unruhigen, oft ungebärbigen Änabenjeit 
bie mütterliche Sorge unb Siebe noch nicht erfannt. Später aber, 
in ihren lebten SebenSjapren jumal — fie fiarb 1861 — flanb ihr 
feind ber Ätnber innerlich fo nahe wie er; ber Sohn mar jum männ* 
liehen Vertrauten erwaepfen. Sr fah nicht, wie ber Vater, alle« 
„leicht unb roftg"; jene „beutfepe ©enügfamfeit, bie auch b«S Uner* 
träglicpe fidf> jurecptjulegen weif}", war ihm ebenfo unleiblich wie ihr; 
}u ihm mochte fie fiep offen über eine brüefenbe Sorge auSfprecpen. 
2cpt Stage oor iprem abfepeiben noch patte fie ipm gefeprieben, beiter, 
opne eine apnung ber ipr fo nape beoorffepenben toblicpen Äranfpeit. 
Skt Sopti aber geflanb halb barauf einer greunbin, er habe fiep oft 
gefragt, oh fo viel ©lüd, ein fo fepone# Verhältnis bauern, unb wie 
er fo »iel Siebe je oerbienen fünne. — 


2 . 

^»einriep oon StreitfcpfeS polittfcpe Sntwicflung, bie im Sltempaufe 
fcpliefjlicp nur bei ber SÄutter noep VerflünbniS unb £uftfmmung fanb, 
patte mit früpem anteil an bem öffentlichen Sehen ber Jjeimat begonnen. 
Seine Äinbpeit fällt gerabe in bie $tit, bie Sacpfen ntept nur ein 
erpäpteS wirtfcpaftlccpeS ©ebeipen brachte, fonbern auep in ber neuen 
Sottöoertretung naep ber Verfaffung oon 1831 einen beutfcpsnationalen, 
über bie engen Scpranfen beS (leinen SanbeS pinauSblicfenben ©eifl 
öffmäplicp peroortreten lief. StreitfcpfeS ©eburtSjapr ifl auep bas 
erfte 3apr beS burep SacpfenS Veitritt junäepfl erfüllten ©eutfepen 
^olloereinS, unb halb barauf fanben bie fieben ©ottinger <Profefforen 
nirgenbS fo tatfräftige Steilnapme wie in Seipjig. ©ie oon hier aus* 
gegangene abreffe patte ©aplniann unter alten ipm gewibmeten am 
meiflen erfreut, unb biefelben SRänner jum Steil, beren Unternehmung#* 
geift in jenen Stagen bie erfie grofere Sifenbapn in ©eutfcplanb fcpuf, 
grünbeten ben ©ottinger Verein, um ben oon amt unb Vrot Ver* 
triebenen wenigffenS bis auf weiteres einen auSretcpenben Sehens* 
unterhalt ju fiepem. 3® ar erhoffte Stellung an ber Unioerfitüt 
follte ber VJann, ben Streitfcpfe unter allen feinen Seprern flets in 
treuerer Srinnerung gepalten pat, in Sacpfen niept finben. ©ie 

* 9la<b fminMicp«: SCuifunft oon Jptrm 3 0C0 ^ > 


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8 


2Itfrnf)aui unb ©dnilc in Drrfbrn. 


Siegierung geigte fich gegen ihn jurucfhaltenb, argrobbnifch, obwohl 
fie am Vunbeßtage mit einigen anberen gegen ben hannboerfchen Vers 
faffungßbruch Sinfpruch erhob. Der Sanbtag aber, gumal bie ^toeite 
Kammer, wollte ficf> hiermit attein nicht jufrieben geben; er flettte 
währen b ber nächflen Tagung 1840 2lntrüge, befiimmt bem Sunbe jum 
Slrog bie Sanbeßoerfaffungen in ^ubunft wirffam ju fchügen. Daßfelbe 
3ahr trug bie Erregung über bie franjoftfehe 4?eraußforberung Deutfeh* 
lattbß auch * n haß ©achfenlanb, unb wie bamalß baß Secferfche Sieb, 
fo fang man fecf>6 3rahre barauf baß „©thießwigs.holftein rneer* 
umfchlungen", alß mit bem Dffenen Sörief EhrifHanßVIII. bie bänifche 
Vergewaltigung beß alten Siech tß ber jjergogtümer beutlich ju brohen 
begann. 

gafl gehn Sahre war ber Sanbtag in ungetrübtem Einvernehmen 
mit ber neuen, baß Sanb in Verwaltung, SBirtfchaft unb Vetfehr 
forgfam fbtbernben Siegierung geblieben. Ungewühnltch tüchtige 
Vlänner, bie fich über ben Parteien ju holten wußten, wirften gu* 
fammen an leitenber ©teile. Sieben Vernharb von Sinbenau, bem 
©chopfer ber neuen Verfaffung, tat baß Vefle grau »on Slreitfchfeß 
einziger Vormunb, ber ginangminifler »on 3«f<hau; alß er 1848 
gurüefgetreten war, verfugte bie preußifche Siegierung, auß bereit 
Dienfi er hwoorgegangen, vergeblich ihn alß Vlinifler fich »iebergus 
gewinnen. Die erfle heftige Vewegung in ber Kammer unb barüber 
hinauß tief in baß Sanb hinein erregte bie Siegierung 1842, alß ber 
3ufü$minifler »on Hbnnerig, auch « wohloerbient in feinem Slmt, 
bem Verlangen ber großen Viehrheit beß Sanbtagß nach Einführung 
beß üffentlichen, münblichen ©trafprogeffeß eigenfinnig wiberftanb. 
Siach Schluß ber ©effion fchieb ber im ganzen Sanbe beliebte unb 
»erehrte Sinbenau auß feiner ©tellung; er fühlte fich ntehr alß bie 
anbern ÜRinifler ben neuen gorberungen ber gemüßigten Siberalen in 
ber ^weiten Hammer geneigt, ©o »erfdurften fich hie ©egenfäge. 
Der hartndrftg fonferoatioe Honnerifj erhielt je|t bie Seitung beß 
ÜRinifleriumß; ihm gegenüber wuchß langfam an 3ah( unb Vebeutung 
eine Meine ©ruppe ber ^weiten Hammer, Vertreter beß boftrinären 
Siabifalißmuß, ber fich in ©übbeutfchlanb fchon längfl in ©chrift 
unb 2Bort betätigte. 

Draußen war ber flärBfle SDlann biefer Meinen, im Sanbtage aber 
halb fehr vorlauten Partei ber £beater!affierer Slobert Vlum in Seipgig. 
9>olittfch gang frei aber auch gang national gefinnt, begeifiert für ein 


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€(trm$au< unb in Drrtbfn. 


9 


eitrige« ffarfe« Seutfchlanb, hatte bet mächtigffe 33olf«rebner unb ©olf«s 
führet jener Sage mit einer öffentlichen änfpraeße an Sahlmann unb 
fllbrecht, bie 1837 von ©öttingen nach £eipgig ©efommenen, feine £auf* 
bahn betreten. Die in ber ©litte ber oiergiger Siahre Seutfchlanb burch* 
giehenben religiöfen unb fachlichen ^Bewegungen wußte er in ©achfen 
politifch gefchicft für ftch gu nufcen, ben 2Binb be« Seutfchfatholigtömu« 
fofort in bie ©egel feiner Partei gu fangen, hierüber wuch« im £anbe 
ba« gegen Jpof unb ^Regierung erregte ©tißtrauen; bei einem 2lufents 
halt beö bringen Johann in getpjig, äluguft 1845/ brach ber 93olfö* 
Unwille tumultuarifch au« unb fanb blutige Abwehr. Sie ©ehörben, 
vor allem ber üftintffer be« Snnern, non galfenflein, waren in ber 
weiteren ©ehanblung be« bedagen«werten (Jreigniffeö wenig gefchteft 
unb entfrembeten fidf> hierburch auch ben politifch gemäßigten Seil 
ber Seidiger (Jtnroohnerfchaft, ber trog Stöbert 23lutn ber entfeheibenbe 
blieb. 2lber auch ©lum war in biefen ffürmifchen Sagen mäßigenb, 
befchwichtigenb aufgetreten/ unb hatte gerabe hiermit nicht nur politifche 
llugheit/ fonbern auch feine gange ©lacht vor aller Slugen gegeigt, 
fr hatte ftch bie öffentliche Slnerfennung non ©lännem wie $arl 
SRathp «erbient, jugleich aber brang feitbem fein Sinfluß immer breiter 
auch in ba« fächfifche ©ol!, vor allem im Sogtlanb unb in ben 3n* 
buffrieffäbten be« mittleren Srjgebirge«. 

Srff jeßt, ebenfo wie in ©aben in jenen fahren/ begannen auch in 
Sachfen bie Stabifalen innerhalb ber liberalen Partei beutlicher fich gu 
fonbern. 2fn £eipgtg aber fchloffen ftch nach bem Sluguff 1845 auch bie 
gemäßigten liberalen feffer jufammen, hielten fo Stöbert ©lum unb feine 
Anhänger in ©chranfen unb oermochten fie fogar in entfeheibenben 
Sugenblicfen ftch nachgugiehen. 3n ben erffen ©lärgtagen 1848 gingen 
fie bem gangen £anbe politifch wirffam ooran. ihter Partei ge« 
hörige ©länner ber ©tabtoertretung gewannen ftch bie ^uftimmung be« 
Stabtrat« unb wirften für bie Sntlaffung ber ©linifler beim Äonig, 
bem ße fchon am 2. ©lärg in einer Slbreffe Preßfreiheit unb Pol!«« 
Vertretung am ©unbe al« notwenbigffe ©laßregel für gang Seutfch* 
lanb bringen b empfohlen hotten. 2fn ®re«ben bagegen flellte ber 
Stabtoerorbnete Dr. jtöchlp vergeblich ben Antrag/ tiefem ©organg 
in einem entfprechenben ©efuche gu folgen; ja/ al« fich ba« falfche 
Gerücht oerhreitete/ bie £eipgiger feien gegen bie Stefibeng im Slnmarfch 
griffen, um mit ©ewalt weitere, oon ber Stegterung bt«her nicht erhörte 
Sorberungen gu ergwingen, ba erfchien bie Sre«bener Äommunalgarbe 


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10 


@(tcmf)au< unb €>$iitc in Dtrtbrn. 


auf bem ©abnbof jur Slbwebr. Sion jeher hotten ftcb bie betten 
bebeutenbflen ©tdbte ©acbfenS eiferfücbttg gegenüber geftanben. 2dngff 
fcfton eine ©rofjfiabt im f leinen, war £eipjig »oll regen wirtfcbaft* 
lieben, griffigen, politifeben 8ebenS. Sölü^cnb in rübrig auSgreifenbem 
J^anbel unb Skrfebr, bie erfte ©tobt beS beutfeben ©ucbbonbetS, war 
eS nicht nur mit feiner Unioerfitdt jugleicb bie ©tdttc ernfler wiffen* 
fcboftlicber Slrbeit, fonbem in jenen Sabren aueb ber ©ammelplag 
einer buntfebeefigen ©<bar »on ©ppofition Sliteraten. SreSben bas 
gegen füllte ficb im Kern feiner Sinwobnerfeboft noch immer als bie 
©tabt beS JjofeS, ber ©eamtenwelt unb ber ficb abfcbltejjenben fünft* 
lerifeben unb dftbetifeben Riffel« 

Silber biefeS felbftjufriebene nur mit ficb unb feinen Stdcbften 
emfig befcbdftigte #in leben ohne emfleren inneren Slntetl an ber 
politifeben Slrbeit ber SRegierenben — ein ^uflanb ber auch bem ©er* 
liner ©ürgertum bamals bebagte — würbe ber #auptflabt in flür® 
mifeben Zagen gefdbrlicb- ©cbon wdbrenb ber unruhigen SDtonate 
nach ber „fdebfifeben Sulirevotution", ben ©eptemberauSbrücben 1830, 
»erjagte in SreSben bie neugefebaffene Kommunalgarbe. Konfus 
tabifale Sbeen, eine SBirfung ber bisherigen Slbelsberrfcbaft auf eine 
Slnjahl Kopfe aus bem Kleinbürgertum unb bem SBotfe, führten im 
Slpril 1831 ju offenem Slufrubr, unb nur bie Zruppen tonnten ihn 
nteberfcblagen. Ser {RabifaliSmuS, »on ben potnifeben Flüchtlingen 
gef&rbert, wirfte in SreSben auch weiterhin in benfelben Schichten 
ber ©evblferung unb unter einer fleinen 3°bl polttifcber Sbealifien. 
Sr würbe hier wenig beachtet, feinen J^auptberb butte er im ©ogt* 
lanb unb mittleren Srjgebirge, baneben fpdter in Üeipjig in ben 
Kteifen {Robert SlumS unb ber eingewanberten, mit ihm in enger 
Setbinbung ftebenben Literaten. #ier aber »ermoebte auch wdbrenb 
ber Zage beS SRaiaufflanbeS 1849 bie obere unb mittlere ©ürger* 
febaft ficb üben ju holten. Sie Seipjiger Kommunalgarbe unterbräche 
in ihrer »on Zruppen entblbfjten ©tabt — fie würben in SreSben 
gebraucht — bie heftigen Slufrubrverfucbe, wdbrenb bie Jßauptffabt 
»on ihren ©ürgerfolbaten, bie im SRdrj 1848 mit ihrer Sopalitdt fo 
energifeb geprunft hotten, in biefer ^eit ber Slot wieber gdnjlieb »er* 
laffen blieb. 

Ser in ben blutigen SreSbener SRaitagen ausbreebenbe FreibeitS* 
raufcb war bureb bie politifeben unb fojialen Erregungen beS vorher* 
gebenben Sabres Idngft vorbereitet. Sm fdebfifeben SÜJdrjminiflerium, 


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@(tcmbau< unb @<hu U in Brtibtn. 


11 


böS 6(4 jum gebruar 1849 im 2lmte blieb, Rotten jumal bet 
SRinifter be* 3nnern, SDlartin ©berlänber, unb bet ÄriegVtntnifler 
9on SButtlar ftch t^ren gerabe barnalö befonberV »tätigen Stellungen 
nic^t gemachten gezeigt. Oberlänber, ein rabifaler, burchauö gemut« 
lieber gortfcbrittVmann, tief (ich non bem aße alten Sämme junächfi 
uberflutenben greiheittfhrom willenlos treiben unb verteibigte einmal 
vor feinen SRäten eine von ihm felber mißbilligte iBerorbnung mit 
ben SBorten: ,,©ie h^ben recht, meine Herren, eO iß Unfinn unb 
fann feht gefährlich werben; aber ba$ 33ol! will eV einmal, unb ba 
muffen wir gehorchen." 

Söei ber 9teubefe$ung be$ äriegftminifieriumtf im Slugufl — jwei 
Inhaber fchon waren burch Äranfheit jum SRücf tritt genötigt worben — 
hatte ber £6nig wohl auch an XreitfcbfeV iBater, feinen bamaligen 
glugelabjutanten, gebacht. Ser banfte @ott, afe ber Auftrag an 
ihm ootubergegangen war; er felber fühlte ftch in fo unruhiger 3<it 
nicht für bie ©teile geeignet. Snergifcher aber alä ber bann er« 
nannte, mit ihm feit 3ahren fchon befreunbete ©eneral von SButtlar 
hätte er wahrfcheinlich boch burchgegriffen. 3war berichtet er in 
feinen Slufjeichmmgen ehrlich von feinem Mangel an politifcbem 
SBeitblitf in jenen Sagen unb billigte anfangs auch bi« iBereibtgung 
btf Jjeereä auf bie SBerfaffung; aber ald ©olbat behielt er feine 
ruhig fiebere Haltung, unb wie von ihm alä Äommanbanten von 
Eeipjig unb ber in ©tabt unb Umgegenb garnifonierenben Jjalb« 
brigabe leichter 3nfanterie, im September währenb gefährlicher Un« 
ruhen in <Sh«*nni§, müitärifcbe jpilfe verlangt würbe, ba gab er bem 
auörücfenben SRegtmente bie 3Beifung, „eintretenbenfalleV gleich mit 
9)achbrucf aufjutreten unb bie $ugel ju gebrauchen". 2luch freute 
er ftch fpäter ber guten Haltung, bie ba$ von ihm in Shüringen 
geführte ^Regiment ^>rin) Sllbert im SreVbener SRaifampf bann jeigte; 
benn ber innere geinb unb tätliche Angreifer beV Staate# galt 
ihm ganj gleich bem äußeren. Sem Äriegömtnifler im SOlärjminis 
ßerium aber lag bie fchwere Aufgabe ob, unter ben mit bem SRecbt 
ber ^Beteiligung an politifchen iBerfammlungen unb Vereinen, ja burch 
ba# neue SBablgefefc vom 15. November fogar mit bem ©timmrecht 
bcfchenften ©olbaten boch noch ©ehorfam unb Siöjiplin ju erhalten. 
Saß fie jebenfall# außer Sienß ben IBorgefeßten nicht ju ©ehorfam 
verpflichtet fein fotlten, ba# hatte bie Zweite Kammer be# erften nach 
bem neuen 2Bah(gefe$ gewählten 2anbtag# auf ben Antrag be# 


50'CZI 


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12 


€(t(mf>au4 unb Gdju(t in X'rrtbtn. 


früheren Oberleutnant« SDtüfler fafl einfHmmig befchloffen. @rft ber 
balb nach biefern SBefcpluf eintretenbe neue Uriegöminifter Habens 
horfl wanbte fich fofort energifdj unb rucfficbt«lo« gegen ba« Untoefen. 

Slber nicht bie Kammern allein taten ba« $u§erfie, bie £&gel bet 
^Regierung an ftch ju reifen/ auch allen möglichen Vereinen unb 
Rettungen füllten bie geplagten SRinifter ju SBillen fein. Unter ben 
Vereinen wuchfen vor allen anbern bie nach bem Vorgang rabifaler 
#dupter in Seipjig am 28. Sfödrj halb im ganjen ?anbe, felbfl in 
Dörfern gegrünbeten „93aterlanb«oereine" gewaltig an; nach einem 
2Ronat fchon jdhlten fte mehr at« 11000 SÖlitglieber. Rinfang« noch 
jur bemofratifchen SDtonarchie al« bet für Sactyfen jufunftig gegebenen 
Staatöform ftch befennenb, fpalteten |ie ftdf) nach einer ©eneratoer* 
fammlung in Dreöben am 3. September. Jjier war mit einer 
Stimme SDiehrheit befcploffen worben, biefeö SBefenntni« au« bem 
Programm ju fhreichen. Die überftimmte 9Rtn bereit hielt an bem 
alten Flamen fefl; bie anbern nannten fich jefct ganj offen „SRepu* 
bltfanifcher 93aterlanb«oerein". Sluch bie gemdfjigten liberalen fchloffen 
(ich feit Anfang Slpril in „Deutfcben SSereinen" jufammen, bie eben* 
faU« au« Reipjtg von einer ©rünbung ber gewichtigfien SWdnner ber 
Stabt au«gingen. Rlber in bem aufgeregten Strom ber öffentlichen 
üReinung, ber natürlich bie leichteffen Jjöljer voran trug, mufften fte 
hinter ben ©aterlanb«»ereinen weit jurücfbleiben. Sie brachten e« 
höchflen« auf ein Drittel ber von jenen erreichten SRitglieberjahl, ob* 
wohl auch fte bie fonfKtutioneUe tOlonarchie, für bie fte eintraten, 
„auf ber breiteflen bemofratifchen ©runblage" haben wollten. Die* 
felben ©rfcheinungen wie in bem neuen 53erein«getriebe jeigten ftch 
in ber treffe, al« ihr nach ber langen £eit ber Jenfutbefchrdnfungen 
plöglicp eine unbegrenjte Freiheit eröffnet würbe. Rluf bie rabifalflen 
SBldtter hörte bie breite SDlaffe am wiUigflen, auf bie ungemeffenen 
politifchen unb fojialen ^ufunftöforberungen wie auf bie höbnifche, 
aufretjenbe Uritif be« SBeflebenben unb jwar wieberum befonberö ber 
militdrifcpen Di«jiplin. 


3. 

Solche oft rein oerleumberifchen Angriffe mußten ganj natürlich 
einen lebhaften Knaben, ber mit Stolj in feinem ©ater ba« SÄufler* 
bilb eine« gewiffenbaften unb humanen Dfftjier« fah, heftig empören. 


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eitcmfjaui unb €*bult in Dretbm. 


13 


SW auffülliger 06er noch in ben ^Briefen beß Sierjehnjübrigen ift bie 
überlegene Jpaltung, in ber er wiebetbolt bie politifchen Überfchwenglich* 
feiten beß Sftabifalißmuß ironifcp abweif. 8Bie er bie Sreigntffe in ben 
erffen ÜRonaten feit bem üttürj 1848 in f ch aufgenommen/ wiffen wir 
nicht. SÄandjeß ungewöhnliche ©chaufpiel bot fich ihm bar. Einige ber 
merFwürbigfen, bie feierliche Sereibigung ber Gruppen auf bie Ser« 
foffung am 22. «Ofirj unter begeiferter Steilnohme ber 58e»6lFerung, 
bann am 10. 2fuli bie fefliche Einholung beß über Dreßben unb {eipjig 
nach granffurt gehenben JReichßoerweferß hat auch ber Sater in feinen 
Erinnerungen gefchilbert Da ber aber erf Snbe Auguf 1848 
Dreßben auf lüngere £eit »erlief, fo beginnt auch bie fortlaufenbe 
briefliche Außfprache beß ©ohneß erf im jDFtobet 1848. Überrafchenb 
jeigt fie, »om jweiten SBriefe an, einen lebhaften Anteil am politt* 
fchen {eben beß {anbeß. 2Belche Anregungen hWju er etwa bem 
Sater »erbanFen Fonnte, lüft f <h nicht feff eilen; eß if »ielmehr auf« 
füllig, baf biefer in feinen Antworten auf bie politifhen Urteile beß 
Knaben gar nicht eingeht, felbf beffen SBeFenntniß ju einem theore« 
tifchen StepubliFanißmuß ohne ÄrttiF lüft 1 . Deutlich bagegen if an 
bem jugenblichen ^)olitiFer ber Einfuf ber ©cpule ju erFennen. Jjier 
hatte fch ber Sierjehnjüfjrige nicht nur bie bamalß überhaupt noch 
in ber {uft liegenbe Meinung gebilbet, mit ber ja auch 23ißmarcF 
1832 fein ^Berliner ©pmnafum »erlief, baf bie StepubtiF bie »er« 
nünftigfe ©taatßform fei; »or allem )ur Teilnahme an ber Dageß« 
politiF würbe er »on feinen {ehrern »crfchiebentlicb angeregt. 

Daß alte ©prnnaf um jum heiligen Äreu}, in baß ber Änabe nach 
Sefuch einet ?)ri»atfchule alß noch wich* jwülfjühtiger Untertertianer 
eintrat, litt bamalß jwar in feinem üuferen ^ufanbe wie in feiner 
Smoaltung an empf nblichen SÄüngeln, unter feinen {ehrern aber gab 
tf boch einige, bie einem ©cpüler »on fo leicht erregbarer {embegtetbe 
einen nachhaltigen Einbrucf machen muften. ©leich ben Jjomeruntet* 
rieht in bet Untertertia nahm er begeifert auf unb fchrieb bem, ber 
ihn gegeben, nach faf jwanjig Sohren noch, baf ihm „jene ©chul* 
fhmben in bem alten äafen an ber üreujFirche unoergeflieh geblieben" 
feien, baf er, burch fein fortfehreitenbeß ©eljürleiben in jungen Sahren 
fhon farF behinbert, niemalß auß ber lebenbigen Sftebe eineß {ehrerß 

1 hiernach ift bie bat ©egenttil anbeutenbe (Schiemann ©. 28) ober gerabeju aut: 
fpmhenbe Angabe (S. 2. Schurig, Die SnttmcHung ber politifc^en ttnfchauungen 
h- #• foreitfepfei. ® reiben 1909. ©. 11) ju forrigieren. 


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14 


€(tcnt$aui unb ®<pul« in Drribm. 


fot>ie( gelernt höbe tote in jenem «Sommer. Der flafftfehe Philologe 
Jjermann ber \)kt fo banfbar gerühmt wirb, ijl fpäter 

noch ein wirFfamer UnioerfitätOlehrer geworben, in J^et'belbcrg afe 
College neben feinem et’nfHgen Schüler; ju jener £eit in Drüben, 
im Anfang .feiner breifjiger 3ahre, war er aber zugleich unter ben 
Lehrern ber 2lnflalt ber, welcher fleh am wenigflen auf ben Unter* 
rieht in ber Schule befchtänFte. Glicht nur hotte er feit 1845 eine 
überaus rührige Agitation für Sleform beO ©pmnaftalunterrichtO 
begonnen, auch in öffentlichen literarifchen 33orträgen, in Seteinen, 
befonberO in bem 1844 begrünbeten, von ihm emftg gefötberten DreO* 
bener (turnoerein, bann alö Stabtoerorbneter unb 1849 noch in» 2anb* 
tag betätigte er fich jumal mit feiner glänjenben Siebegabe. 3n ber 
Schule allgemein bewunbert, war biefe „ungeheuere SBerebfamfeit" 
oon ©egnetn gefürchtet wegen ihrer fortreifenben Kraft, wie fpäter 
bie feineO bamaligen SchülerO. 2110 in ber 9>rima ber Kreujfdjule 
Siebeübungen eingeführt würben, hotte fte junächfl Ä6cf>tr> ju leiten, 
unb ein anonymer Kollege fchrieb fein praFtifcheO h< e » 

fei bie 2lu0bilbung jum politifchen Slebner. Sreboch bie Übungen, an 
benen XreitfchFe alO Primaner teilnahm, fanben nicht mehr unter 
Köchlp flatt; er war im Dezember 1848 jum SKitglieb einer Kom* 
miffion für bie 2lu0arbeitung eineO neuen ScpulgefefcentwutfO für baO 
Königreich Sachfen ernannt unb baber beurlaubt worben. 

2(10 Stubent hotte auch Köchlp einmal in einer ber (ateinifchen 
Deputationen, bie ©ottfrieb Hermann mit einem Scbülerfreife ju 
halten pflegte, bie Slepublif alO bie wünfcpenOwertefle StaatOform ernft* 
lieh gegen ben SBiberfpruch beO oerehrten SehretO oerteibigt 1 . Später, 
obwohl er bem 1841 nach DreOben übergefiebelten 2ltnolb Sluge näher 
trat, hielt fich fein ibealer StabifaliOmuO in 2Bort unb Schrift junächfl 
in oemünftigen SchranFen. 216er baO Saht 1848 mit feiner tollen 
grucht bann in bem aufgewühlten 2anbe, bem DreObener SDlaiaufflanb, 
würbe auch ihm jum SerhängntO. Offenbar überrafchte ber wüjle Slaufch 
ihn ahnungOloO. Obwohl felbjl ju ben Segtünbern beO DreObener 
SaterlanbOoereinO gehörig* unb anfangO fogar im 2lu0fchufi fifcenb, he* 
hauptete er junächfl juoerfichtlich, bafj beffen Seflrebungen oon ernjl* 
liehen republifanifchen ©eluflen frei feien, unb fo glaubte er auch 
feine Sturner jut politifchen Sefonnenheit erjogen ju hoben. 2lber 


* S. ©6<M, Jpmnann Jpfibetbfrg 1904. ©. 17. * ©cpurtg, 6. 7. 


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eitmiljaui unb Schüfe in DreSben. 


15 


wübrenb @uffa» greptag in feinen „Erinnerungen* fich rühmen fonnte, 
baf oon ben 500 SRitgliebern beb von ihm 1848 gegrünbeten Dreb* 
bener #anbwerfer»ereinb nur fünf am Sluffianb fich beteiligten, 
«raren bie Turner gerabe bie eifrigffen, tapferffen Ädmpfer, bie bib 
)u(e|t auf ben Parrifaben aubhielten. Aöchlt) gehörte gu bem am 
3. 2Rai gebitbeten jWbtifchen ©icherheitboubfchuf}, unb alb am 4. Plai, 
nach ber glucht beb Äönigb, eine promforifcfje Regierung eingefefjt 
würbe, »erfünbete er »om Slltan beb SRathaufeb bie Flamen ber fDJits 
glieber: Sobt, Jjeubner unb beb «ruft rabifalen Sfchirner. öhne fief> 
an bem Parrifabenfampfe beteiligt gu hoben, entfloh tr nach lieber« 
werfung beb Sluffianbb unb gelangte glücklich inb Publanb. Pian 
begreift, baf er fpüter nie oon biefen Sagen fprach; er mochte nicht 
ohne Efraucn baran gurucfbenfen, welche ©efellen ihm einmal fein 
Stabifalibmub gegeben hotte. SDlit ber fpüteren politifchen Haltung 
feineb bebeutenbfien ©chülerb, ber »iergehnjührig neben ihm fchon fo 
befonnen erfcheint, fonnte er fich longe 3eit nicht befreunben; jener 
Itonfebbrief, ber 1865 aub greiburg bie ©enbung ber „#iftorifchen 
unb politifchen Sluffdfce" begleitete, blieb ohne Antwort. fonben 

fte fich boch wieber, unb alb Sreitfdjfe 1874 #eibelberg »erlief, feierte 
ihn beim Pbfchiebbfommerb auch Äöchlpt „alle ©chüler möchten fo 
über ihre ?ehrer hinaubwachfen*. 

trat unter ben £efjrern ber Äreugfchule politifch am auf« 
fiöigffen h<tm>t, unberührt »on ber Politif blieb bamalb aber auch 
»on ben übrigen feiner, unb bie meifien fprachen fich, wie ^einricfb 
©riefe an ben Pater geigen, je nach ihw* ©tellung offen »or ben 
Schülern aub. konnte *boch ein pdbagoge wie Ecffiein in jenen aufs 
geregten Sagen ben ©unfeh öufjern, bei feinen Primanern eine £ei? 
tungbfhinbe einguführen, „um fte gu belehren unb fte auf ben richtigen 
Stanbpunft gu flellen*. Der Äöchh) freunbfchaftlich nahe ffehenbe 
@efcbi<htblehrer Dr. Jjelbig war Pubfchufmitglieb, bann ©chriftführer 
beb Drebbener ©eutfehen Pereinb, unb ber Enbe Stooember 1848 neu 
gewühlte Sieftor Älee, mit bem Sreitfchfe banfbar auch fpüter in 
bauernbem Petfehr unb Priefwechfel blieb — „unfer unoergeflicher 
SReftor ülee* fchreibt er noch 1883* — hotte in Üeipgig gu ben @rün* 
bem beb ©eutfehen Pereinb gehört unb 1848 mit SDlorig Jjaupt unb 


1 fiinige SBtmerfungtn ftbtt unfer Spmnafialwefen. X)eutf<be .StAmpft. 91eue 
?olge. 6. 246. 


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16 


€(t<mftau6 unb ®<hutc in Drrtbm. 


21. ©öfchen ba« 93erein«organ, bie „Deutfchen ©lütter", herau«gegeben. 
©ein Schüler beurteilt ihn ganj richtig, wenn er ihn auch al« ©(bub 
reformer bem Zentrum juweift. 2luch bie bei ber Übernahme be« 
SReftorat« gehaltene SRebe, bie ber um feiner früh treitfchfifchen Prägung 
willen bemerfen«werte Änabenbrief vom 18. Sanuar 1849 nach ihrem 
3nh<rft wiebergibt / geigt ja Älee ben gorberungen ber bamaligen 
teuerer entgegenfommenb; er ftellte (ich auch fonfl freunblich unb 
teilnehmenb $u Äöchlp. Sbenfo bewahrte er nach ben SWaitagen feine 
gefunbe SDlüßigung, lief ft<h nicht burch bie Sünfche jweier älterer, 
angefehener Sehrer ju fcharfen Maßregeln gegen einige in ben 2lufs 
ftanb hineingeratene Äreujfchüler befttmmen. SDlit nüchterner ^Billigung 
berichtet Heinrich feinem ®ater hiervon, unb fo ifl überhaupt fein 
Bericht über ben Dre«bener 2lufjlanb von einer über fein 2llter hinauf* 
weifenben SReife unb ^uverläffigfeit. Daß er, mitten au« ber 2luf* 
regung beö 2lugenblicf« herau« fchreibenb, hier unb ba ein falfehe« 
©erficht wiebergibt, ift ja felbfberftänblich. ©o fchäfct er auch bie 
SDerlufie ber fämpfenben Gruppen fehr begreiflich ju hoch; al« bie 
geringe £ahl ber auf ihrer ©eite wirtlich ©efallenen unb 93ermunbeten 
befannt gemacht würbe, wollte man lange ^eit im 33olfe nicht baran 
glauben. 

9loch eigentümlicher aber al« bie (ebenbigen ©chilberungen heimats 
lieber ^uftänbe bejeichnet ben jugenblichen ^olitifer bie ihn erfüllenbe 
ernfte Teilnahme an ber ®erfaffung«arbeit be« beutfehen Parlament«. 
„Da« Hinb ift be« Sanne« 93ater", biefe« 2Bort be« englifchen Dichter« 
ift feiten fo erfennbar Sirflichfett gewefen wie im 2eben Heinrich 
von Dreitfchfe«. ®« ifl j[a auch im 2lu«brutf — an bem fo jugenbs 
liehen mit faft fomifcher Sirfung — fchon ganj in ber 2lrt be« 
Sanne«, wenn ber Änabe ben 93ericf>t von perfönlicher Snttäufchung 
unb Sißgefchief ba« ihn getroffen mit ben Sorten verläßt: „91 och 
trüber fieht e« im Staate au«." @o früh fchon beutet fich bei ihm 
einer ber großen ^üge feine« ©haraftet« an, ber fpäter, unvergeßlich 
für feine greunbe, in münblicher unb fchriftlicher Unterhaltung oft fo 
überrafchenb hervortrat: bie Äraft, auch fchwerffe« ihn unb feine 
SMchffen treffenbe« Ungemach über ben Sorgen be« öffentlichen 2eben« 
vergeffen ju fönnen. 2luch fein eingeborener Stberwille gegen 23pjan* 
tini«mu« unb gegen bie „hößfcfie Sptfjologie", wie er gern ju fagen 
pflegte, tritt fchon in ben $nabenbriefen fehr braftifch hervor, wenn 
er — in biefem galle mit unberechtigtem Mißtrauen — ftch gegen 


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Cftcmftou* unb ©<bul« in ©rrttKn. 


17 


bit „wahrhaft flinlenben Sobhubeleten" roenbet, mit bene« fdc^ftfc^e 
Stättcr bte Haltung ben ^rinjen Albert bei ber Srflürmung bet 
Duppeler Jjüben am 13. Sttprit 1849 burch füchftftbe unb baprifche 
Äeühntruppen rühmten. Der roichtigfte aber unter fotd^en auf ben 
tylam unb feine Arbeit auffallenb »orauSbeutenben ^ügen jeigt ftch 
an bem Knaben, wenn er non ber feflen Hoffnung auf „unfren f)tx r* 
lieben SSaterlanben SDtacht unb Freiheit" erfüllt erfcheint unb ihn bie 
Ablehnung ber Stblichfeit ben SReicbnoberbauptn bei ber erflen 2efung 
ber fReichnoerfaffung in granffurt „tief gefrinft" bat. Den Sinbrucf 
ber entföeibenben £age in granffurt unb Berlin/ ber 2Babl griebricb 
AJilhelmS IV. jum beutfchen Äaifer am 28. SJiirj unb feiner Abs 
lehnung biefer Ätone am 3. April, ftnben wir in bem 35 riefe »om 
14. April nur beShalb nicht, »eil in jener >J«t bie Sinfegnung (ge* 
rabe am 3. April) ^»einrichn ©ebanfen nor allem befch^ftigte. ©tarf 
aber iufjert fich roieber fein Unmille, wie auch ber fächfifche Äonig 
bie fo mübfam juflanbe gefommene 9teich6»erfaffung burchaun nicht 
anerfennen will, eine 2RifjbilUgung, bie allerbtngn weit unb breit im 
fanbe bin heran $u ben Greifen ber Äonferoatioen fich aunfprach. 
Uber bie SSeroeggrunbe ber SRabifalen, bie lirmenb unb aufbefcenb mit 
einfümmten, im SBiberfpruch mit ihrer Haltung noch fürs juoor, nur 
um bie Sage ber ^Regierung möglich^ ju oerfchlimment, tdufcht er 
fich nicht im minbeften; übet biefe, wie er 1862 in ben 9>reuf}ifch«n 
Sabtbüchern fchrieb, „unfaubere Erhebung ber particularifhfchen Demo« 
frotte unter bem 35anner ber SReichnoerfaffung". ©ehr bejeichnenb in 
feinem ©inne fpticht er bann noch, am 4. Sunt, über bie Unionn* 
oerfaffung fich aun. 

Diefen Aufregungen ben SReoolutionnjabren folgten für ben ©chüler 
noch jroei 3ahre eifrigffer Sernarbeit. ©ein beutfch*nationalen ©efübl 
wuchs unb mürbe ihm immer flarer bemüht mit machfenber Kenntnis 
ber beutfchen ©efchichte, gefürbert burch Sebrer rote Sfuliun Älee unb 
befonbern ben Jjriflorifer Jpelbig. 58or biefem 1)ieU er aln Primaner 
einmal einen ißortrag über bie ^)oliti! ^reufjenn unb £>f!erreichn am 
Slungang ben achtjebnten Sahrhunbertn, für ^reufjen aln ben gübrer 
ju Deutfchlanbn Einheit eintretenb. ©eine SRebe, fchon bamaln bie 
ihm eigentümliche ißerbinbung von Äraft ben ©efühln mit ©icherheit 
ben Urteiln jeigenb, fanb ben lebhaften S3eifatl ber SRitfchüler, unb 
bet Sehrer fprach ftch mit anerfennenben SBorten barüber aun. 3a, 
roahrfcheinlich mar auch ber bamalige fächftfche Äultunminifler oon 

i. 2 


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18 


Sltmi^oul unb Sdjulf in Drfifcfn. 


93euft jugegen unb ifl biefe SRebe biefelbe, bie ihm noch beinahe oierjig 
3ahten unoergeffen geblieben war 1 . 

5DJtt bem ehtenoollflen ^fugniö entließ bie Areujfchule ihren Primus 
omnium Heinrich von 5Ereitfchfe am 26. SDlirj 1851; nur um feiner 
)U großen Sugenb willen war er nach f<ßon im Oftober 1860 be* 
enbetem ©chulfurfuö unfreiwillig noch (in h^lbeö 3aht in ber Slnflalt 
jurucfgehalten worben. Sluch bie ©chuler ber unteren Älaffen fannten 
alle biefen Primaner, fahen mit ®ewunberung ju ihm hinauf, gilt 
batf ©tubium ber @efchicbt(/ boö er in 23onn beginnen wollte/ er* 
flirten ben ®echjeh n )ih(ig(n feine Sehrer nunmehr inprimis maturum. 


1 w 9lu$ brei 93tertf{jöJ)rt)imbfrten" 1, 153. 


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Öeneruf v>© n 2reif|c0f« 




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1] Sn fern ffiat«. 


Dredben beti 8. September 1844. 

©eliebter 93ater! 

Du fannfi nicht glauben/ mit welker greube mir bem Stage ent» 
gcgenfehen, an bem mir Dich, unfern allgeliebten #aud»ater mieber* 
(eben merben. — 

Da ich glaube/ ba§ ei Dir nicht unangenehm fein mirb/ menn 
ich Dir erzählen roetbe, mie ei und mityrcnb Deiner Slbmefenbeit ge» 
gangen ift, fo merbe ich ed folgenbermafjen thun. Den 1. biefed 
SWonatd ging ich/ einer am Stage Deiner SKbreife 1 ju und gefommenen 
(Jtnlabung jur geige, jum ©ogetfchiefjen bei J&ineld, mobei ich ben 
SReichdapfcl unb eine gebet abfchofj, fttr bie ich eine SSrieftafche unb 
einen Sleiftift befam. Seiten Süittmoch ging unfre Schule auf bad 
8rtiHerie»ÜÄanöt>er, unb ben Donnerdtag mar ber ©eburtdtag bed 
J5>err Dr. Äaben, mo ei mir fehr gut gefiel/ unb mo mir fehr gut 
bcmirthet mürben/ in bad Steüurium gingen unb ich erft um 10 Uhr 
Slbenbd nach J&aud {am. Uebrigend ging ed und gut, audgenommen 
ber ÜRutter, bie bfterd 3°bn» unb Äopffchmerjen batte, melche (entere 
(ich heute erneuert haben. 2eb mohl! geliebter ©ater, 
ich bleibe 

Dein Dich liebenber Sohn 

Heinrich. 


8] 9Ui bat SBater« 

Dredben ben 23. Septbr. 1844. 
Du fannft nicht glauben, lieber ©ater, mit melier Stählung ich 
Deinen, mir fo tbcuren ©rief* gelefen habe, benn ald ich ihn ber 

1 J}®* ©rigabes&antonniening in brr S^fmni|er ©eg«tb uon Gnbe Sugufi bm 
Gepttmbtt $tnbtm&. 9 JJu $eutri$* ©eburtfttag, aut €ber*borf. Der 93atrr pxtxft 
M Sonnet „fromme* unoerbotbene* ©emät$* unb „bte veilen ©oben", fftr bie er 

2* 


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I 


20 3*Buar 1846* 

«Kutter unb beit ©efcbmißern »orte«, erßicften Xbränen meine Stimme, 
unb mit melier Störung ich ©ott bcmBte für bie großen SBobl* 
traten, bie er mir in bem legten Sabre fünfte. 3«! ich f>abe ben 
ernßen ©otfog gefaßt, in biefem neuen Sabre fo ju leben, baß ©ott, 
meine vieltem unb alle guten SKenfcben eine gteube baran b«ben 
follen. — 

2lber icb muß Dir bo<b auch erjäblen, tote mir meinen ©eburW* 
tag gefeiert hoben, grub afe icb aufgeßanben mar unb gebetet batte, 
arbeitete icb, worauf icb &um grübßücf ging, mo mich eine große 
93dbe ermartete. Kacbmittagö gingen mir $u ©utfcbmibW, mo mir 
ber SHlfreb, ohne ti ju mißen, ein ©eburtötagögefcbenf, in Ääfern 
beßebenb, machte. Uebrigenä befam icb om 13. non Kanine 1 Äoge* 
bue« SReife unb non ber ©roßtante* einen ©elbbeutel mit 10 ngr, 
unb icb betrachte auch bie Solbaten ber franjüßfcben JRepubltf unb 
be$ Äaiferreicbö, bie ich geßern »om #erm 2Rajor ». Slltrocf befam, 
atö ©eburtötagögefcbenf. Sage eö ihm nur mieber, baß ße mir eine 
ungemeine greube oerurfacbt bitten unb baß ich mich bafür »ielmate 
bebanfen ließe. Die SRutter bot folcbed unb Jtopfmeb gehabt, 
baß ße ba« SJett bot hüten müßen. — 

2eb mobil lieber 93ater ich bleibe 

Dein treuer Sohn. 


3] Än ben Söater. 

SDleinem lieben Söater 


am 2. Sanuar 1845. 

9Rit Danf für ©otted Jjjtulb, bie nie »erßegte, 

SJegrüße ich ben bcut’gw greubentag; 

2Rit Danf für Deine Sieb’ unb Ireue, Sßater, 

Seb’ ich bem bingefchwunbnen Sabre nach. — 

Du marß e£, ber in meinem SBufen nährte 

@ott |u banfen habe. 93ot 10 3ab»n am biefelbe $tit fri et, bet iBater, ebenfaM 
von J^aufe entfernt in berfelben ©egenb gewefen, om 15. ®ept. 9la<bmittag< auf 
einem Äonjert in bem naben Siebtem albe; „eine feltfame «bnung unb ©ebnfutbt 
na<b Jpaufe, na<b Deiner OTutter überfiel mi<b ba, unb gebe! wenige itage barauf 
etbielt i<b bie 9la<bri<bt, bafi mit am 15. September Stbenb« 7 Ubr ein Gbboiein, 
ein Stammhalter geboten worben". 1 (Srneßine von Oppen, Jtufine von $rau von 
Dteitftbfe, eine ben Dreitf<bfef<ben Äinbem febt vertraute ©etwanbte. * Qaecilie 
von Oppen, geb. von SBiebermann. 


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3onnar 1846. 


21 


Sen ©lauben; baf? begeiftert jefjt mein Jjerj 
©lit ©ehnfueht, mit ©emunberung ftch menbet 
■Ju ©ott bem ©ater, bafj ein tiefer @<hmerj 
«Kid) über jeben meiner geiler fafjet — 

Sen heil’gen Srieb hafl Su in mir gefü’t. 

Unb menn ich ging nicht auf bem regten ©fabe, 

Su marfl ei, ber mit ernflem, mtlben 2Bort 
©lieh mahnte unb ben 2Beg mir freunblich jetgte 
3u banbeln für mein ©lücf fo hier, mic bort. 

Unb menn mich nieberbrucft beö £etbeng ©<h*vere, 

Sa* ©ott mir auferlegt — mein ?eib vertrau’ ich £i*> 
Su fchauft mich innig an; ein trüber ©chatten 
Surchjucfet Sein ©eficht; ba$ gnüget mir: 

€8 trügt fich leichter meine fchmere ©ürbe, 

SfBenn ich e8 meifj: «Kein ©ater (eibet mit. 

Uub menn bie unheilvolle ©lacht be$ Zweifel* 

©ich meinem ©eifle nah’t mit (eifern Xritt, 

Unb fefjellog unb rafflod bie ©ebanfen 
©Heb treiben hier unb borthin — nur bei Sir, 

©ei Sir ftnb’ ich bie (Ruhe unb ich f<hütte 
©lein Jjerj, ba$ ruhelofe, au8 vor Sir: 

Su meift mich gläubig hin jum em’gen ©ater; 

3<h folge Sir; bie (Ruhe (ehrt jurücf 
3n meine ©eele: Seinem milben Stoffe 
Sanf’ ich b«n ©eelenfrieben unb mein ©lücf. 

Äurj, rnagft Su ernft mich mahnen, mich belehren, 

©lieh triften — ftett — mag brauebt’8 ber SBorte noch — 
Sin ©ater bift Su mir — o! mag umfafjt nicht 
Sief eine fchöne 2Bort: ein ©ater bift Su mir. 

D! ©leibe ftetd mir, ber Su mir gemefen, 

Ser treue ©ater, auch in biefem Saht’, 

Unb, ma6 ich banferfüdt für Sich empftnbe, 

£egt Sir fein 2Bort unb feine £hat je bar! 

8Bie lange noch, fo treibt ber ©chieffalgmecbfel 
©lieh aug bem väterlichen J£>aug hinmeg: 

S8 öffnet fich oor meinem trunfnen Sluge 
Ser greube heitrer, locfungercicber 2Beg; 

Unb felbft mufj ich für mich bann immer haften. 


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22 


3uU 1846. 


©elbfl fcftftc^n in bem ©türm unb ©rang ber 2Belt! 

Dort) bann auch foff ©ein tbeureg 23ilb müh (eiten — 

©ag fod eg fein, mag mich jurucfebdlt, 

9Benn ber Werfubrung trügerifc^e 9le|e 
Wlicb ju umgarnen unb ju fefjeln brob’n. 

©o ift fein ©cbicffalgfhnrm, fein ©pütterlacben 
3m ©tanbe meine Sieb* ©ir ju entreißen, 

Unb mag bag ©cbidfal Aber müh verenge — 

SDlein fc^bnftcr Warne fei ©ein ©obn ju Reifen! 

Heinrich. 


4] &n ben &atfr* 

Äüfen, am 11. 3ulp 1846. 

Sieber Später! 

Gg ift fytutt ber erfte Stag, an bem mir bie liebe fWutter erlaubt 
bat, ein balbeg ©tunbeben lang ju febreiben *. Watürlicb benu$e ic$ 
biefe ©elegenbeit, ©ir, liebfier Water, etmag non unferm 2eben ju er* 
jäblen. Unfer J^aug liegt an ber alten @bauffle auf bem fogenannten 
Wiflaöberge, unter ben Anlagen unb fiöft mit bem ©arten an bie 
neue Gbauffte. 3bw gegenüber liegt bag ehemalige #aug beg Snts 
betfetg ber ^ieftgen ©atjguelle, Wameng ^roelaef. ©ie ©egenb um 
Ä6fen ifl munberfcb&n, befonberg giebt eg viele fünfte, von mo aug 
man febüne Slugficbten b°t, boeb mirb fte bureb bie fran{furter Sifen* 
babn entflellt, melcbe b»« in einer ©trede von einer b®l&«n ©tunbe 
viermal über bie ©aale geb’t; unb eg mürbe mir ganj gut hier ge« 
fallen, menn i<b mich nicht fo unbefcbreiblicb nach Such unb nach 
ber ©cbule febnte. 2lucb finb in biefer ©egenb jmei alte {Raubritter« 
bürgen, bie iRubelgburg unb ©aaleef, beren SBeftger bie von ber 
naumburger SReffe jurücRebrenben $aufleute bei ber fogenannten 
3R6rbergrube geplünbert unb get&bet haben foUen. Wor einigen Stagen 
befuebten mir biefe Würgen unb fanben in bem einen Stburme ©aaled’g 
viele ©affen unb ©erdthfehaften jener {Ritter. — Ung geh’t eg, ©ott 
fei ©an!, gut unb mir burebmanbern fleifjig bie ©egenb; boch hotte 

> Jprinricb war jui 2inberung ftintr €<bwrrb&rigfctt na<b ÄAfrn greift motbrn 
in SBeglritung eon SJ&tuttn unb ©(btotfter 3oftpb*. Srfolg war f<bß«fli<b „fftr 
ihn im@anjm rin gfaftiger", obwohl « in Jtbfra noch an cintr ®ugment)Onbung 
erfrantt war. 


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Stpttmbtr 1846. 


23 


[ ich geftem (in wenig bie Diarrte unb Sofephe, bie in bem ganjen 
i Dorfe „Jfrepp ^iegenbocf" genannt wirb, (eibet noch baran. 3cf> habe 

i fchon 6 (Biber genommen unb ber gute Jjnr. (Diebicinalrath ©tapff, 

ber un« geftern, obgleich jiemlich unwohl, befuchte, war fehr jufrieben 
mit bem £ufianbe meine* (Huge*. ©rufe unb füfe Sohanna’n unb 
SRatner’n taufenbmal oon mir unb Jjepp, welche heult ber ©roftante 
1 fchreibt, unb erfreue mich boch, o! bitte, bitte, recht balb mit einigen 
feilen. Danfe Sohanna’n in meinem (Warnen für ihren freunblichen 
) (Brief, unb fage ihr, baf ihr fo balb al* möglich barauf antworten wirb 

Dein bantbarer ©ohn 

1 Heinrich. 


6] 9a btt» (Batet. 

Dreöben, am 15. ©eptbr. 1846. 

Sieber 93ater! 

(Bon Dant erfüllt für bat wahrhaft erhebenbe ©ebicht, ba* Du 
mir gefchriebenjögre ich nicht länger, Dir auf felbige* ju ant« 
Worten. — J&eute borgen alö ich aufgeftanben war, banfte ich ©ott 
für feine unenbliche ©üte unb (treue, bie er mir auch in bem oer* 
gangenen Sabre erwiefen hat, recht inbrünflig, bat ihn bann, bie 
Prüfung, bie er mir auferlegt hat, oon mir ju nehmen; wenn bief 
aber fein heiliger (BHlle nicht wäre, fie mich boch wenigsten* mit 
©ebulb unb Ergebung tragen $u (affen. (Huch bat ich ih n , Such/ 
liebe keltern, mir noch recht lange ju erhalten, unb Such, meinen 
£ehrem nnb bem #errn SWebicinalrath feinen reichten ©egen ju 
fchenfen für ba* oiele ©ute, batf Shr ntir, fo lange ich benfen tann, 
. erwiefen habt. 91(6 ich au* ber ©chule tarn, würbe mir befcheert. 
Sch erhielt ben 'pafforo 1 , ben ich/ wie Du weift, fehr nötig brauche, 
eine afferliebfte ©chreibmappe, einen buchen unb ©elb oon ber SRutter, 
ein (Jlieri|buch unb einen grofen $feffertuchen oon ben ©chweflern 
unb eine (Brieftafche oon ber (Jlanine. 91(6 ich wir eben biefe ©es 
fefente noch anfah, tarn Stainer herein, nur an einer Jjanb oon 
Shriffel geführt, angethan mit einem neuen grün unb weifen 9(ffen« 
jöcfchen unb mit einer neuen Sahrmarfthtrommel, auf bie er au* 
£ei6e*friften lo*fchlug; babei fcfrie er immer: „$apa, sjJapapapa, 
t g m» 12. ©rburtetag. * Da« J^anbrotottbucb btt gritchtfcbtn Spracht. 


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24 


Dftob« 1847. 


fßtammamamam, S)a u, #au, JJtama!" SBir hielten un$ ben SBaucb 
»or gacben über ben ((einen Tambour (Beit 1 , ber un$ überhaupt viel 
greube macht. Er (ißt ftcb nic^t mehr an beiben #inben führen 
unb liuft faß Aber bie $a(be «Stube ganj allein, and) but er ein 
viertel Uneben befommen. 3114 ich Dein mir unbefcbretblicb tbeureä 
©ebiebt lat, warb icb fafl biö ju Slbrinen gerührt. 3<b banfe Dir 
bietbureb, fo gut ich e$ »ermag, für bie große @üte unb £reue, bie 
Du mir auch in bem »ergangenen Sabre berotefen büß, unb bitte 
Di d), fie mir auch fernerbin ju erbalten; auch oerfpreebe icb 
Deine Ermahnungen ju befolgen unb immer oon ganjem #erjen 
barauf bebaut ju fein, Dir unb ber (ieben (Kutter greube ju machen, 
(ffiobl finb mir, @ott fei Danf, 2l(le, außer baß bie Butter oft 
{Reißen b«t* £iglicb ermarte ich einen (Brief oon bem J^errn (Kebis 
cinalratb, bem ich fürjlicb gefebrieben habe. (Roch febreibe ich Dir, 
baß e$ mir, mie immer, in ber «Schule febr mob( gefüllt unb baß 
ich ganj entjücft oon ben J&erm Doctoren ffl<$li> unb Sillig bin. 
(Riebt mabr, lieber (Batet, Du übernaebteß niebßen «Sonntag in „(Reu» 
oßra*? 1 Die (Kutter mill et mir noch gar nicht recht glauben. 3114 
ich eben {Rainer fragte: # ©oll ich ben *J)apa oon Dir grüßen, ante 
mortete er ganj laut: „#ab Jjab!" Unb fo grüße ich Dich benn, 
mie er befohlen, oon ihm unb oerbleibe 

Dein banfbarer Sohn 

Heinrich. 


6] 9tn ben Vßattr. 

(Unbatiert. 3(u6 Dreöben, Slnfang Dftober 1847.) 

Sieber Sßater! 

Äaum fannß Du glauben, mit meiner (Begierbe ich mich binfeße 
um mich ein menig fcbriftlicb mit Dir ju unterhalten, ba iah e$ 
münblicb nicht fann ... Die (Kutter mürbe Dir felbft gefebrieben buben, 
bitte fte nicht mir biefe greube (aßen moUen. {Rainer iß, obgleich 
er nicht oft in’4 greie (ommt, febr munter, lernt tiglicb mehr SBürter 
fpreeben unb (ißt Dich um recht oiel (Bonbon’S bitten. (Bor dlllem, 

i 3nfpie(ung auf bat feinet JJeit beliebte ©ebi$t *®et Heine Tambour" non 
SB« ©erwarb« 9 Huf bem 9Ranfoetmatf$ au* ber SBUbbtuffet in bie qttrnaer 
©egenb« 


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Oftober 1848. 


25 


lieber Sater, fd^reibe und boeb, ob Su brüte ober morgen in bie 
©tabt fommfi unb ob ich Sieb ben grettog ober ©onnabenb in *J>ill* 
ni| treffen fann 1 . Senn fo gar gern mßebte ich Sief) einmal feben. 
SBann mirb benn ber jtßnig enblicb auf ben SBetnberg jieben? 1 

?e$ten greitag befam ich meine ßenfuren, bie ich bem Sriefe bei: 
lege mit ber Sitte fie mir fobalb ald möglich unterfebrieben jurfiefju* 
geben; benn mir follen fie mieberoorjeigen. Sie 2, melcbe idf> im 
Setragen erbalten habe/ »erurfaebt mir atlerbingd großen Slerger, benn 
fie bat mir bie ganje Senfur »erborben. Socb fagte Jjr. Dr. Selbig 
am greitag nach ber ©tunbe freunblicb ju mir: „Qi tft Sllled »er* 
geffen. deiner meiner ^>erm Kollegen bat ed erfahren. 3tb hofft, 
td mirb ni(bt mieber »orfommen —9lm ©onnabenb mar Srandloea* 
tion, ber jufolge icb it&t in Unterfecunba fiße. 3cb freue mich febr 
auf ben SBieberanfang ber ©tunben, ba nun #r. Dr. ©illig, ben icb 
feßr liebe, mein ßlaffenlebrer ift. Segen meiner Serfeßung b«be icb 
mir viel Sieber anfebaffen miffen; bie {Rechnung bariber lege icb/ 
nie bie {Kutter befohlen/ auch bei. Jjr. Dr. ^öcb(t) bat gebeiratbet 
unb ift febon feit 14 Sagen bei bem großen *f>b‘lologen»eteine in 
©otba... 

ffiie febr mir und auf Seine SRätffebr freuen/ mie oft mir an 
Sieb benfen/ lieber Sater, brauche ich Sir mobl nicht erff $u febreiben 
3n ber Hoffnung recht halb Sfntmort ju erhalten/ bleibe ich 

Sein treuer ©obn 

Heinrich. 


7] Sin ben Sater. 

Sredben, am 4. £)?t. 1848. 

Sieber S5ater! 

Äaum haben mir beute früh Seinen Srief gelefen ... beeile ich mich 
Sir ju antworten/ um fo mehr/ ba ich Sir nur ©uted mitjutbeilen 
habe. 3Bir beftnben und fimmtltch gang mobl; ich bin nach Ober* 
fecunba gerüeft unb bort fogleicb Snfpector (menn auch leßter) ge* 
morben. SBÜbrenb 3ofepbmd ©tunben geftern mieber begonnen haben, 
habe ich jtfct gerien unb »erbringe biefelben febr gut; am ©onntag 

1 mr OTojor »on freitföfe ben Oftober f)inbur<$ al$ bienfltuenbe? Sfögetobjutönt, 

* Sen 3Ba<$n>i$er. Seutfc^e ©eftyiffcte 4, 146. 


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26 


Oftobet 1848. 


fuhr ich mit bem ©aumeifler auf ben rnetfen #trfch auf’8 SRofIfeff, 
nochbem mir $Eag8 juvor bei ber ©roftante ber 2Beinlefe beigemohnt 
Ratten; geflem fab ich im 5£h«ater (im) SBilhelm Zeit, mo ti mir 
auOgejetchnet gefiel, unb ber einen tiefen Sinbrucf auf mich machte. 
Sen Seil gab 2Binger fe$r gut, ebenfo mie grt. Söerg bie ÜIrmgart 
unb bie Heine Üuanter ben ffialtber £etl, melcbe fämmtlich beraub 
gerufen mürben. Sen SMchtbal gab ein ©afi, Srneft au6 2Bien, 
ber mie üuanter al£ Stubenj unb Sbuarb Sevrient a(6 Mttingboufen, 
vielen SSeifall erhielt. 9lm ffienigften von ben Jj)auptpetfonen ^at 
mir ber ©tauffacher, ben, menn ich nicht irre, Sittmarfcb febr flau 
gab, gefallen, borgen befucbe ich ba$ biftorifche SDtufeum, übet» 
morgen bie ©^pOabbrücfe ber otym’fcben SRarmore unb ben ©onnabenb 
baO SKntifenfabinett. SMchften ©onntag mtrbe ich bei einem großen 
33ogelfcbiefjen ju ©eorg SBurmb’O ©eburtttage verbringen. 3ft baO 
nicht hettlich unb in greuben gelebt?! ... 

©o febr mir auch munfchten, baß Su fo halb alO möglich mieber 
jurudffdmeft, fo hot unä hoch bie Stadjricht, baß 3h* mobl ben ganjen 
SBinter im Kantonnement bleiben mürbet, nicht überrafcht, ba mir 
eö von Anfang an nicht anbero ermartet hotten. Star noch bie grage 
an Sich: 2Bann merben benn mobl bie ßeflerreicher bei Hltenburg 
eintreffen? 1 Unb bie 23itte mir }u fagen, mer, menn fte eingetroffen 
finb, ihr Kommanbant, unb mer ber Kommanbant beö ganjen Korpö 
fein mirb. Saufenb ©rufe unb Äüffe an Sich, ben ©chaab 1 bie 
S>ferbe unb ber SBunfch, Such fobalb a(0 m&glich mteberjufehen von 

Seinem treuen ©ohne 

J^einrich. 


8] 9n ben ©ater. 

Srtfben, am 18. £>ft. 1848. 

Steher ©ater! 

Jjeute früh hot bie SRutter Seinen lieben SJrief erholten, ber unä, 
©ott fei San!, fSmmtlich ganj mobl gefunben hot; aber mie viel 
glücfltcbet mürben mir fein, mdrefl Su nur enblich mieber bei untf; 
baö mirb aber leiber mobl fo halb nicht gefchehen! Stainer hot jroar 

1 ®inb nie eingetroffen. 3» biefen Sagen begann ber SBiener Dftebrraufflanb. 
* X)ti ©ater* SBurföen. 


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ßftobft 1848. 


27 


grofe gortfchritte im «Singen, Declamiren unb logifchen Srjdblen 
gemalt, ifl aber fo beifpiellod furchtfam, baf er fchreit, wenn man 
bie #önbe »or bad @efi<bt bült. Sa, ich fürchte faft, er wirb fi<b 
vor Deinem SBacfenbartc furchten. Sr jieb’t mit mir febr oft auf 
bie „SJerrabe" unb fragt mich fletd, wenn er mich abloffc „3d wad 
oorfall’n?" 2Benn er ctwad von und haben will, muf er und alle« 
mal oorfingen: „ßomm’ hoch Scbebne! $ehrfcht be nich be SBolfa« 
bebne!" unb babei jappelt er mit $önben unb giifen. — auf ben 
Strafen wirb man an allen Scfen von Solporteurd wahrhaft ange« 
fallen, #ier fchreit ber eine Sunge: „2Bien hat gefügt! Bautet 2Babr* 
beit! JJier haben Se’d ganj hibfch!", bort ber anbre: „S ganjer 
IRepublifaner für 6 $f.!* Übrigend fod ber herrliche SBolfdbeg Kiefer 
Jpermann Binbemann (ben Slbet hat er abgelegt), ber mit anbern 
Demoraten, wie ®l6be, #crj, SRunbe unb 3L, bie Dredbner Leitung 
(follte heifen: allgemeine B&gengeitung) heraudgiebt, wegen ber Bügen 
in ®e)ug auf Such unb bie aitenb. Gruppen belangt worben fein. 
Senn ed nur wahr ift! Smpört hat mich eine neulich im republ. 
Sereine 1 oom „®ürger" fttünjel gethane aeuferung, bie Solbaten 
machten halb jum ®cwuftfein ihrer Freiheit fommen, „wie ihnen 
ja ber befannte artillcriff ju SBien (berjenige, welcher ben unglücf« 
liehen Batour erhenft hat) ein fo rühm« unb nachahmungd* 
würbiged ®eifpiel gegeben." Jßieraud fann man fehen, wad für einen 
Zkmton’fchen Sürroridmud wir t>on biefen fRenfcben ju erwarten 
haben. — Sie aubitorien unfred jtaffend werben grün angefhichen, um 
bad SSlenben bed weifen Äalfd ju oermeiben. — auch ein ^eitfortfehritt! 
Sn Dberfccunba gefüllt cd mir auch Übt gut, hoch folchc «Stunben, 
wie bie bei Dr. «Sillig werbe ich wähl nie wieber haben. Unfer neuer 
Stoffen lebrer, Dr. ®6ttcber, macht fo oft ald möglich audfülle gegen 
bie Demokraten. — Sch fchliefe mit bem innigffen äBunfche, baf 
Sott Dich und noch recht lange erhalten unb Dich recht balb wieber 
jurueffehren (affen möge, unb bleibe 

Dein treuer Sohn 

Heinrich. 

9t. S. Der republ. SBerein 1 hat ferner eine SDtif trauend«abrefe an 
9Rin. Dberlünber gefchieft, in welcher, aufer oielen anbern fünften, 
befonberd ber @runb heroorgehoben worben, „ed flehe bem ehemaligen 
1 Sancnit i(t wohl b*e £dqpublifanif(b« SBattrfanMwrrin. ©gl. Smlfitung ©. 12. 


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28 


Oftob« 1848. 


(Hbgeorbneten ©berlänber, bet übet bie feipjiger SlugufleretgnifFe fo 
fernige Sffiorte gefprocben, fehlest an, neben einem non SButtlar im 
aRinifletio ju fi§en 


9] Än bm ©ater. 

Dretben, am 22. Oft. 1848. 

Sieber Sinter! 

8llt i<b am ©onnabenb SDtittagt aut bet ©cbule tarn/ glaubte 
icb bie SKutter burcb bie Stocbricbt von Surem wabrfcbeinticben 9lb* 
marfcbe nach SReiningen, bie icb oon #r. o. äBurmb erfabten batte, 
ju überragen, fanb fie aber baoon burcb Deinen lieben SBrief fcbon 
unterrichtet. Die Dretbner Rettung batte ben Storfad, bie Slrretirung 
bet betrunfnen @cbü|en u.f.w. betreffend wie geto&bnlicb burcb »«r* 
bdcbtigenbe fügen oerftedt, inbem fie j. 99. fagte, ber General hätte 
ben Släbeltfübrer jener feute auf bat ©cblofj gelocft unb bort feimt 
lieb arretiren (affen; ferner: oon ber älaoaderie wären viele ©olbote». 
aut Unjufriebenbeit auf ben Slpped nicht erfebienen u.f.w. — Unt 
geb’t et ganj wobl; boeb wirb befonbert Stainer burcb bat fort« 
wäbrenb febr fcblecbte SBetter oom ©pajierengeben abgebalten. 3<b 
habe bie etflen 3 Dage biefer 9Bocbe Serien, ba wäbrenb biefer ßeit 
bie Staffen bet Äaftent angefiricben, bie Defen teparirt unb noch oiele 
anbte Sßeränberungen oorgenommen werben follen. St febreitet 9ldet 
immer mehr oorj benn bie ©tabtoerorbneten haben befebloffen, einen 
Durnlebrer unb einen ©inglebrer an ber Äreujfcbule anjufteden. 
Serner foll, glaube icb, bie Stectorwobnung ju einem Dutnfaale, einer 
neuen Stoffe, für Quinta, einem Äonferenjfaale unb einer 9(u(a für 
bie febrer umgewanbelt werben. Sine Deputation bet ©tabtratbt 
befab fürjlicb ade fRäumlicbfetten bet äiafknt. Dante Dberefe 1 er* 
jäblte mir, ber ©cbwiegerfobn ber Dante S. SBeinlig 8 , ber befannte 
9>rof. Dr. Mt( aut Seipjtg, habe Hoffnung, Stector ju werben. 
Äurj, et febeint alt ob bie Äreujfcbule ficb recht beben wode. Dat 

1 Der bamalige £rieg*mmifter fyattt 1846 ba* Äommanbo ber Seipjiger ©arnifon 
gehabt 8 Schweflet be* ätater*. 3 n jweiter €f)e mit bem Jtrei*biteftor 9Rerba<h 
in ®re*ben verheiratet. 8 €tni(ie, eine anbere Schweflet, verheiratet mit bem 
1842 al* Kantor ber Seipjiger ^h^maSfirche geft. £heobor SBeinlig, Später be* um 
ba* (Äd)ftfd)e ©ewerbewefen überau* verbienten 5Ubert SBeinlig, ber 1849 im 
ffiinifterium #elb ba* 3 nnwe leitete. 


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Dhebet 1848. 


29 


feilte mich recht freuen; benn ich habe ihr viel ju verbanfen. Plante 
2$crefe läßt Dich vielmal* grüßen unb hat ftdj neulich von mir eine 
ganje Stunbe lang über Dich erjählen (affen. — Stainer benft auch 
noch fleißig an Dieb, unb man fann ihn faff erjürnen, wenn man 
fagt: „SRein ißater". Da f(breit er gleich: „3lber mein tyapa au!" 
Äurj, Du fieh’ff, er fühlt fiä} eben fo glücflich, Dich feinen ©ater 
nennen )u fbnnen, al* 

Dein treuer Sohn 

Heinrich. 

10] ®n b« SSatrr. 

Dre*ben, am 27. Oft. 1848. 

Sieber ©ater! 

Soeben vom gifchhaufe juruefgefehrt, benuße tch bie wenigen 
SRinuten, bie mir noch übrig heben bi* jum Schluffe ber Stabtpoff, 
um Dir }u fch reiben. Daß ich brüte/ grettagö, auf bem gifchhaufe 
gemefen, barf Dich nicht munbem; benn unfre gerien flnb auf bie 
ganje ©oche verlängert morben, ba bie ©änbe ber Slubitorien nicht 

fchned genug eintroefnen-Der hirftge öaterlanb*verein h«t 

in einem ^lacate Sitte, bie e* vermochten, aufgeforbert, nach ©ien 
ju jiehen (je§t, ba ade Zugänge ©ien* von ÜRilitär befegt ftnb) 
unb bie Uebrigen bringenb gebeten, Beiträge für bie ©iener ju geben. 
Die Deutfchc Leitung fchrteb neulich, ber ©enerat J^olfccnborjf 1 hätte 
bie Solbaten furchtbar mitgenommen, fo baß ade Jpofpitdler von 
burch ben fehreefdeh ferneren Dienff erfranften Solbaten vod mären. 
Dr. Steubert hat ja fürjlich einen fo merthvoden Sfaffaß über bie 
ärztlichen £uf!änbe im fächfifchen J^eere in bie Deutfche Äriegerjeitung 
fefen (offen. Sitte meine ©efchmiffer (offen Dich vielmal* grüßen; 
Stainer hat mir übrigen* noch aufgetragen. Dir ju fagen, er fpiele 
alltäglich mit feinem SBruber, ber fehr hoch in feiner ©unff ffeht, 
„SBerrabe". — Chtblich bitte ich ®tch noch, wir ju fagen, mer bie 
Hannoveraner 9teich*truppen fommanbirt. Du meißt, mie fehr fleh 
für folche Dinge intereffirt 

Dein treuer Sohn 

Heinrich. 

1 0enera(major v. Hv Äontmanbierenber bet f&<hftf<bm 0Cei(b4trupptnronring<nrt 
in airmtmrg unb S^Aringen, unter bem lrcitf<btc< iöater ba* (Regiment 'prinj 
8lbert führte. 


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30 


Df (ober 1848. — Woranbet 1848. 


11] Sin bra SBöter. 

Dreien, am 31. jDft. 1848. 

Sieber 95ater! 

.Raum ^aben mir achttägige gerien gehabt, fo ftürt ein neuer 
geiertag ben ©ang unfrer ©tunben, unb ich benuge biefen freien 
Xag um Sir ju febretben. Unfer ÜBohlbeftnben ifl, @ott fei Sanf, 
immer noch baflfelbe; nur batte bie SÄutter gefletn unb vorgeflem 
heftige ^abnfebmerjen. SRainer ifl immer noch bet Alte, unb ich noch 
febr oft fein batb gejmungner, batb freiwilliger £>fftjier, (Signalifl, 
Aufführenbet unb ©emeinet in einer ^Jerfon, menn er $arabe fpielt. 
St ifl je§t ju meiner großen greube orbentlid? verliebt in mich, meit 
ich mich mäbrenb meiner Serien viel mit ihm abgegeben höbe. — Am 
vergangenen ©onnabenb mar ich im Antifenlabinet, mo jn>ei ©tonjen, 
gaoloon unb ber Staub ber ^rofetpina, unb eine ©tatue, bie Agrtp* 
pina, meine tieffte ©erounbetung, bie 3 SDtumien unb bie ägpptifcben 

©ütter aber mein grbfjte« Sfntereffrt erregt hoben-£>bgleic$ 

bureb Suren SWatfcb nach äöeflen Sure Stücffebr roabrfcbeinlicb vet* 
jbgert morben ifl, fieb’t boeb einer balbigen ^ururffunft feine« ©ater* 
barrenb unb boffmh entgegen 

Sein treuer ©ogn 

J^eintieb. 

g>. ©. Sie SKutter bot ju SRicbaeti« ba« Abonnement auf bie 
Journale unterlaßen unb, ba icb fte bat mieber ju abonniren, bot 
fte mi(b on Sieb vermiefen. £> bitte, guter ©ater, erlaube boeb, baß 
roenigflen« ju ©eujabr mieber abonnirt mirb. 

12] An brn ©attr. 

Sterben, am 12. Stovbr. 1848. 

Sieber 95ater! 

Sa icb ®it ba« legte ©tal unmöglich febreiben fonnte unb boeb 
Sir fo gern gefebrieben hätte, fo fuebe icb ba« ©erfäumte brüte natbju* 
holen; benn morgen früh fcb>irft bie ©lütter ihren ©rief fort, naeb* 
bem un« beute ber Seinige fo unermartet unb freubig überrafebt bat. 
Sie Siölofierung Seiner Solonne merbe ich mir abfebreiben, um fie 
morgen meinem gteunbe Sallroig, ber ficb ungemein bafür intet* 
effirt, mitjutbeilen. — ffiit beflnben un«, ©ott fei Sani, fämmtlicb 
ganj mobl, auch bie ^abnfebmerjen ber Butter hoben ficb mieber 


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9Jo»«nbtr 1848. 


31 . 


gegeben. Stainer »ft fid^ in feiner Eebhaftigfeit unb in bet Siebe gegen 
„feinen großen Sruber* treu geblieben. 3a in biefer bochfl fchtneichel« 
haften Vorliebe für mich geb’t er fo weit/ baf er 3ohamta unb 
3ofephe gar nicht ald feine Schweftem anerfennt. St freut fi<b 
ungemein über ben Schnee, ber jegt y 4 Slle hoch bei und liegt. — 
ffiad Weihnachten anlangt, fo wünfche ich ntir Secferd Weltgefchichte 
unb eine Wefte, welched legtere ©efchenf ich -foft eben fo notfjig 
brauche, ald Du einen' neuen Unifomtdrocf. Die SDtutter meint jwar, 
ich brauchte einen neuen 9tocf nötiger, ald ben Secfer, ber allerbingd 
6 rl foftet; ich für meinen Xheil aber glaube mit meinem Schulrocfe 
noch ben Winter über audtommen $u fonnen, ba ich auf ber Strafe 
jegt hoch ben Sumud anjiehen mufj. — Sluch ift mir an bem Sc« 
ft(e jened herrlichen Werfd fehr viel gelegen. — 3egt aber bitte ich 
Dich um Deine oüterliche Sntfcgeibung in einer fehr wichtigen Singe« 
legenbeit. Da nümlich über Sure StücRehr unb über ben 9>log, ben 
Du bann befleiben wirft, noch gar Stidjtd entfchieben ift, fo ift bie 
Jlutter ungewif, ob fie mich nüchfted Dftern confirmiren laffen foll, 
thcild wegen Deiner Slbwefenheit, welche Dich, lehrt 3hr nicht fchon 
Anfang gebruard nüchften 3ahred jurittf, oerhinbem würbe mich beim 
Dr. Äüuffer 1 einjuführen, theild auch um, wenn wir nüchfted Dftern 
nach Seipjig jieh<n follten 2 , biefe heil* Jbanblung nicht fo in aller 
file ood)iehen ju (affen. 3<h nteined Dheild wünfche, offen geftanben, 
fehr nüchfted Dftem confirmirt ju werben, um bie Sorbereitungd« 
fhmben beim Dr. Äüuffer ju genießen unb um nicht fchon 15 1 /* 3. 
alt, wenn ich f<b°n in ^rima füfje, confirmirt )u werben . . . Sluf 
feie legte Spnobe hotten wir eine Deputation oon 4 Primanern ge« 
föicft um bie Slbfcgaffung eined neu eingeführten fogenannten Straf« 
fachd ju erlangen, wad aber nicht gelang. Sei ber Debatte hierüber 
im Sebterconcilio (bet Sonrector, DD. Sott eher unb Sillig gegen bie 
mbicalen DD. Äbchlp unb Saiger) hot auf bie Sleufterung bed Sott« 
mtord, ed gübe ja in manchen Staaten Sonbuitenliften 3 , ber 9te* 
pub Ufanet D. Saiger erwiebert: „Wenn bie gürften folche Stichtd« 
w tbig fei t e n begehen, fo wollen wir ihnen nicht nachahmen.* 

Dein treuer Sohn 

$einrich. 

1 befprrbiger. * Sinleitung ©. 11. > 3» ®a<bfcn felbce mann jte erft 

■Kr bem SWdrjmintjlrrium am 8.3uli abgefchofft worben. 


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32 


November 1848. 


13] Un ben SBattr. 

©reöben, am 17. jOct. 1 1848. 

Sieber Sßater! 

Jpeute früh ijl ©ein ©rief bi« angefommen, ben teb jeboeb, weit 
ihn bie Butter ju SBurmbt gefebieft bat, noch nicht habe lefen tbnnen. 
<ix fyit alle ©liebet bet gamilie ganj wobt gefunben unb, ©ott fei 
Banf, unber&brt »on ben Nlafem, bie $ier febr bbtartig ftnb ... ©ic 
Nachricht »on ©lum’t 5£obe bat biet bie grüßte Sntrüfiung [erregt], 
unb bie 2. Hammer fotoofjl, alt bet ©aterlanbt* unb bet beutfeb« 
©erein bat biefet Snttufhing bureb <Protefle unb Slntrüge 2uft ge* 
maebt. Slucb i<b ftnbe jtoat Slumt £ob gerecht, bin abet ebenfalls 
febt entruflet batüber, baß ffiinbifcbgrüg bie SRecbte einet beutfeben 
©olftoertretert fo gat nicht geachtet bot. ©ie ©emoctaten unb 
©eutfcb*Äotbolifen erbeben fegt ©lum in ben Jpimmel, unb febt 
lächerlich war et, alt neulich ein ©eutfcb*Hatbolif im 9lnjeiger fagte, 
„©lum, einer bet wütbigfien Nachfolger (Sbtifli, fei/ gleichwie 
Sbtiflut, alt ein £>pfet bet SEprannei gefallen/ ©4 »erfleht ftch von 
felbfl/ baß an allen Seien bei unt ©lum’ö ©ilbniß, feine ©iograpb«, 
bie ©efchteibung feinet legten ©tunben u. f. ». »erlauft werben*. — 
heute war feierlicher Sanbtagtabfcbieb, unb biefen Slbenb wirb 
SEjfcbitnetn in ©äugen ein gacleljug, bem »emünftigen Slbgeotbneten 
aut ©äugen aber eine Hagenmuftf gebracht werben, ©eflem war 
haupt»erfammlung bet ©aterlanbt»ereint in bet Neitbabn bet „Nitter* 
alabemie". ©aß bie ©emofraten ihre ©etfammlung fo unmittelbar 
unter ben ©egenfpigen bet abligen Sabetten unb unter ben ©ajonetten 
bet Ntarregimentt gehalten haben/ wunbert mich/ rührt aber bähet/ 
baß fit mit bem NKlitär febtedlieb liebäugeln unb j. ©. ©olbaten 
ohne Sintritttlarten in ihre ©igungen laffen. — Nochmalt bitte ich 
©ich um bie fchnetljle Sntfcbeibung über meine Sonßrmation unb 
wieberbole meinen innigen SBunfcb ndchflet ©fletn conßrmirt ju 
werben. — Bie SDlutter trügt mir auf ©ir ju fchreiben, ©eefert SBelt* 
gefchiebte lofte 0 ©batet. ©ei einem fo hoben greife bin ich alter* 
bingt genitbigt meinen SBunfcb mit ©cbmerjen jutüefjujteb’n unb 
2Wet Suter Elterlichen ©üte anbeimjuflellen. — ©ie Hreujfcbule wirb 
jegt im ©retbner Journal unb im Slnjeiger febr heftig angegriffen, 

1 ©frfchricben flatt Noobr. Sm 17. No», wutbe 1848 brr fdepf. Janbtag »rrafe 
fepiebet. s Sine ^orjeßanfabrif in 'ptaut, fo erfupr btt Sßater im naben Ums 
flabt, oetfauft« bamalt jn .punberftaufenben Keine ©ftften »on ©(um. 


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9towmbn 1848. 


33 


(cf. wegen ber fcbltcgten £ofatitdten. Der neue Stector fommt 
magrfcbeinlitb erfl ju Cflem ... Stainer ifl immer nocg gleich fröhlich/ 
bat wieg foeben wieber gelicbfofl unb baut fug eben einen Dampfs 
wagen. Dag ©eitere wirb er Dir felbfl febreiben. jtomme ba(b 
jurutf ju 

Deinem treuen Sogne 


9t. 6- 


$einricg. 


14] ln fern Sätet. 

Dregben, am 23. Stovbr. 1848. 

Sieber Skater! 

Der SBrief von Dir, weicher beute früh anfam unb ung von Dir, 
8ott fei Danf, nur gute 9ta<bricbten brachte, rätg ber ©utter mich 
nicgjleg Dftem confirmieren ju (affen. Daufenb Danf bin ich Dir 
für biefe »dterücbe Kntfcgeibung febuibig, unb bie ©utter wirb wagt* 
fibeinlicb auch niebtg Krheblicgeg bagegen einjuwenben buben. Kg ifl 
ja jegt aller Slnfcgein vorbanben, ba| Du bei meiner Konfirmation 
mit jugegen fein wirf}, unb febon fange ich an mich mit Stainer ber 
Hoffnung ginjugeben, bafj wir Dich ju ©eignaegten in unfrer ©itte 
feben unb umarmen werben. £>! wenn boch biefe fifje Hoffnung 
in Srfuüung ginge! Kg tebren ja febon 2 SSataillone unb 7» Batterie 
wieber nach ©aegfen jurücf; bag beutet boeb uuf Kuer baibigeg Stach* 
fommen bin. Stainer bat eg fug ganj fefl in ben Äopf gefegt, bafj 
£u ju ©eignaegten jur&cffommen werbefl. ©an fann ihn bureb 
bie Drohung „Da fommt Dein 9>apa ju Deinem ©eibnachten nicht 
wieber !" fogieicb jur Stube bringen. Kt ifl übrtgeng ganj munter 
unb, @ott fei Danf, big jegt von ben ©afem verfegont geblieben. 
@ott möge ign nur auch ferner fo wogt erhalten! ©it meinem ©es 
böte geb’t eg jegt, vielleicht wegen beg fturmifegen ©etterg, nicht be* 
fonbetg. — Segten «Sonntag hielten bie biefigen politifegen Vereine 
(ohne Sfugnagmc) b. Dobtenfeier Stöbert SMumg unb butten baju 
»«Ce beutfeggefinnten ©inner" eingelaben. Der 3ug beflanb aug ben 
®ereinen mit ihren gagnen, vielen ©itgliebern ber Kommunalgarbe, 
unb ber greicorpg, einem £rauermuftfcorpg, Drauerfdngem, Trauer* 
unb gagnenmarfcgdllcn. Der pug bewegte fteg von bem ©etvanb* 
gaufe naeg ber grauenfirege unb war 1 Stunbe lang. 9tur ein 
fünftel beg 3ugeg, welcher mehrere Xaufenb ©enfegen umfafjte, fonnte 


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34 


Wooembet 1848. 


in bie bo<$ fo große gtauenftrcbe gelangen; unb bann war bie Ätrc^e 
geffopft 900. — 9(uf breierlet SBabltit bin td) je§t fcbrecflicb ge« 
fpannt, 1) auf bie ^rdfibentennwbl in granfreicb, 2) auf bie fdcb* 
fifc^en ftmbtaggwablcn, unb &6. auf bie 6 SreObner Seputirten, 
3) auf,bie SRectorwabl ber [Äreujfcbule. 2BaO bie franj6fif($e greift« 
bentenwafyl betrifft, fo glaube unb wönfcbe ich, baß Saoaignac go* 
nritylt toirb. gtir ben fdcbf. ganbtag werben, furchte ich, bie Sfater« 
tanbOoereine, wie nach granEfurt, wieber ihre Sanbibaten burcbfegen, 
befonberO weil Slum* 2ob i^nen febr oiel 2lnb<mg erworben ^at. 
lieber bie 9tectorwa$l aber (ann \<t> gar 9ti$tt propbejeien; \<t> weiß 
nur fooiel, baß fie ndcf>|fen Sonna&ettb Statt fxnbet. — SBa^rbaft 
erbittert auf SBtnbtfcbgrilß fyat mich SReffenfiauferO Srftbießuttg; benn 
baß biefer fWann für eine gute Sache getömpft bat ober bo<b wenig« 
flenO gefampft ju haben glaubt, fieb’t man auO feinem fcbönen, gott* 
ergebnen lobe *. — SBinbifcbgrdg wirb in einer neuen ®rofcbure 
„ber 5£illp beO 19. 3abrb." genannt. — lieber bie ^Berliner SBtrren* 
befommt [man] nach Sägern’*, SBaffermann’g unb SRteffer’6 Sieben* 
bo<b gattj anbre 2lnjtcbten. — Xaufenb (Srüße oon ben Schwerem 
unb Stainer’n. 

Sein treuer Sohn 

Heinrich. 

1 IHeffenbaufer, alt Seutnant aut brr &gerrei<btf<ben 9tm« autgefcbieben, war 
wAgrenb bet ffitmtr Cttoberaufganbet 1848 jum Äommanbanten ber National: 
garbe ernannt worben. Sange fjeit ung&ngig beurteilt, weil er befonbert gatf mit 
betoifcben ipbrafen f&mpfte unb auch n>ci( «ben fonfervatioen jpigorifern, tyro* 
feffoten unb @ebeimr&ten bie IReoolution&re nie tapfer genug finb“ (Jriebjung), 
wirb er fegt woblmoflenber angefeben unb jumal b<n»rgeboben, wie er au<b beroifcb 
ju gerben wufite. (ßriebjung, Oegerreicb von 1848 bi* 1860. 1,90f. u. Somma* 
ruga in ber 90g. $. Biogr. 21,491g.) * infolge ber Verlegung ber preufiifcben 

Wationaloerfammlung aut Berlin, wo bie ßreUieit ihrer Beratungen eotn ^Jibei 
bebrobt würbe, na<b Branbenburg. * Baffermann, aut ßranffurt oom Weicht» 
minigerium na<b Berlin gefcbidt, batte t>ier, na<b feinem Bericht im (Parlament 
(18. Wo».), eine erfcbredenbe Bevtlferung erbiidt, Begatten, «bie i<b nicpt befcbreiben 
wifl*. ©eitbem beiden fo(<be unbef<breibli<ben ^olitifer befanntlicb «Baffermannfche 
©egalten". — Wieget (ju ifjm »gl. Drutfcbe Berichte 5,632) batte am 20. Wo», 
im Parlament u. a. gefagt: «i<b babe ... bie Überzeugung gefcb&pft, bag ber 3»* 
ganb in Berlin nicht fo bleiben burfte, wie er feit einiger $eit gewefen ig, wenn 
nicht bie ßreibeit 2)eutfcb(anbt auf eine gBeife begedt werben foOte, bie igr ®uf. 
blöf)«t auf lange $eit »erbinbert bitte; <<b habe bie Überzeugung gewonnen, bag 
bie preugifcbe Berfammlung nicht in ber SBeife bem fcbimpflicben Unfuge, ber 
gegen einen 2eil ihrer Wlitglieber gerichtet würbe, entgegengetreten ig, wie »on igr 
erwartet werben burfte." 


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Wosttnba 1848. 


35 


16] Sn bra ©fltft. 


Sreßben, am 28. SRoobr. 1848. 


Steuer 35a ter! 

-(Jbett höre i<b »on SRofolie Merbacb/ baf} oon affen be» 

10 Sanbibaten für baß SRectorat bloß 3 beruclficbtigt werben foffen, 
nämlich bet bekannte Dr. Älee auß Jeipjig, Dr. ßöcblp unb ber 
$rof. Srabmer auß Reifen \ ber nur alß grofjer 9>bi(o(og belannt ifl. 
Sie SRectorwabl ifl von vergangnem Sonnabenb biß auf morgen »er* 
feboben worben/ unb ber neue SRector foff ju SBeihnacbten fein Amt 
antreten. 3<b meine« Xbeilß wunf^te, baf} Sr. Älee IRector würbe/ 
benn er oertritt in affen Stüclen baß Zentrum; wenn Dr. Äöcbtp 
baß SRectorat betäme, fo würben bie alten Sprachen womöglich ganj 
abgefchafft, unb jener Dr. Srahmer würbe unß in bie ^opfjeit jurfief* 
fuhren. Am Siebten wäre mir eß/ Dr. Siffig würbe Sonrector; 
bann lönnte ich boeb wabrfcbeinlicb ihn noch einmal (in Unter« 
prima) jun» Stoffenlebter haben unb wieber feinen .herrlichen Unter« 
riebt geniefsen. — 23ei meinem jewigen Slaffenlebrer Dr. »ötteber 
gefüllt eß mir jwar auch recht gut; befonberß (efe ich 3Eenophonß 
Memorabilien bei ihm fehr gerne; hoch erwähnt er beim 2efen ber 
Stofftier fehr fetten etwa« auf ©eographie, Oefcbicbte ober Alter« 
tbümer SBejugticbeß/ läfjt unß ferner fafl nie unfern Scharffinn im 
Sntwideln fchwerer ßonflructionen unb philofopbifcber Söge üben/ 
fonbern befebäftigt unß fafl nur mit Ableitungen unb claffifchen 
SRebenßarten. Auch macht er unß fafl nie auf bie Schönheiten ber 
Slafftler aufmerffam. Seflo herrlicher in affen biefen SBejieb ungen 
finb Dr. ©iffig’ß Stunben (Aergit unb Antiquitäten). Auch Dr. Äöcbtp 
entjücft mich burch feine ^oltif/ wobei ich feine ungeheure SBerebtfam* 
feit gar nicht genug bewunbern fann. — Stainer liebt „feinen Stüber" 
immer noch ungeheuer; halb foff fl Su mehr über ihn büren oon 

Seinem Sohne 

Heinrich. 


* €tanrmt «ff jTitbrid; Jtrann, b« »«bitnte 6a<far>Jhetau<0<btr. Urteil Aber 
tl)n, na<p J^brrofagm nmärlid), iff viel tu fbarf, aueb ba< Ab« öleferm* 

b<ffrrfrongm nicht tutrefftnb. 

8* 


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36 


Dfjttnbft 1848. 


16] Vn ben ©fltrr. 

©remben, am 2.©ecbr. 48. 

Sieber 95oter! 

©ie {ReFtortvabl iß von ©tatten gegangen unb, wie ©u aum ber 
Seipj. 3tg. wafjrfcheinlicb fchon mißen wirft, jur greube aller ©cbüler 
unb ber ©ante ©$erefe unb Emilie auf ben gJrof. Dr. Ätee gefallen, 
©ie 8ebrer freuen ßcb feboch gar nicht barübet, benn bie rabicalen 
batten ben Dr. äbchlp, bie eonfervativen ben Dr. ©bttcber ßcb jum 
{ReFtor gemünßbt. — ©ie Sanbtagmwabten werben wabtfcbeinlicb bolb 
)u fünften ber ©aterlanbm* bolb ju fünften ber beutfcben Sereine 
auöfatten. JJier in ©remben wirb wabrfcb«inlicb ber beutßbe ®erein 
ben Eommifßonm*iR. ©pigner unb ben {RebaFteur ber ©orfjeitung, 
SBaltber, bem bie ©orfbewogner, welche fämmtlicb faß ju feinem 
©ejirFe geboren, febr günßig ftnb, ber ©aterlanbmverein aber ben 
Oberleutnant {Rüder burcbfegen; benn biefen bot ber SJaterlanbrn* 
verein pfiffig genug für Reußabt vorgefcglogen, wo bie ©olbaten ben 
Slumfcblog geben. SEBie bie 8Bablen in ben übrigen 3 ©ejirFen aum* 
fallen werben, fann man nicht vorauf feben. 9ßenn nur ber beutfche 
herein fiegt, wam aber wobl fchwerlicb in aßen 3 SBejirfen gefcheben 
wirb! Obgleich ich/ wie ©u hierauf fiebß, em ganj mit bem beutfcben 
Vereine holte/ fcbreiben mir meine ©cbweßern republifanifche Sin* 
ßdften }u. Johanna münfcbt aber nicht/ wie fie fcbreibt, bie alte ^eit 
wieber jurücf, fonbern fie münfd)t „bie {Ruffen* unb bie Knuten"* 
#errfcboft, wie ße mir geßern allen Ernße* geßanben bot. 2Ba* fie 
fc^reibt, ich hätte gefagt: bie Könige wären Unßnn, glaube nur nicht! 
3ch höbe vielmehr gefagt: „©ie {RepubliF iß unbebingt bie ßbbnße 
©taatmform, benn man Fann ftch nichts ©ebenere* unb Erbobenerem 
alm bam freie {Rom unb fein freiem Soll benFen. ©enn eigentlich iß 
em Unßnn, baß Äbnige ßnb, b. t). baß gurßen, bie oft faß nur bam 
©erbienß b»ber ©eburt hoben, berrfchen. ©a aber bie SRepubliF fegt 
in ©eutfcblanb unmöglich/ unb ihre Einführung nur mit bem ©turje 
ber Orbnung unb ©efeglicbfeit verbunben fein Fann, fo märe mir 
9licbtm fchrecflicber alm fegt bie, ©ott fei ©anF, unmögliche Ein* 
fübrung einer beutfcben {RepubliF." ©u ftebß olfo, wie Johanna 
meine Steuerungen aum bem £ufammenbange gerißen bot. — {Rainer 
iß immer noch fo (ußig, unb ich immer noch „fein guter ©ruber". 
... 3cb höbe ihm auf ein 26fchblatt in meiner {Rappe ben {Reich** 
verwefer, Eavaignac unb bie bebeutenbßen gürßen Europa’m — 


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&t|ratbtr 1848. 


37 


fpwhmb dhnltch natürlich — gemalt unb ihm (Jinigc* von ihnen 
erjdhlt. ©ie gefallen ihm fo gut, bafj er Sille*, n>a* ich ihm non 
ihnen erjdhlt höbe, fchon auöwenbig weif} unb mich be* Xag* 3—4 mal 
bittet: „©u mir 'mal (Saoaignac, unfern guten 3teich*oerwefer unb 
unfern guten Ä&nig feife!" ©e$halb w&nfcht er fich auch ju Weih* 
nachten, „folche rothe JjJ>ofen wie ber 9teich*wefer, ber äaifer o. 
Oefferreich unb Saoaignae hoben." 9to<h ©« fehnt er fich fehr unb 
to&nfcht ©eine SRücttehr 'ju Weihnachten, ©urch bie Srfiillung biefe* 
(extern Wunfche* fönnte 9ltemanb glucflicher werben a(* 

©ein treuer ©ohn 

Heinrich. 


17] Vn btn ffiater. 

©re*ben, am 15. ©eehr. 1848. 

SWett» lieber Sßater! 

Wit bem tiefflen ©chmerje, mit wahrer Jerfnirfchung hohe ich ben 
©rief getefen, ber mir ein neue* grofje* Reichen ©einer odterlichen 
Siebe unb frmgmuth ifl 1 . Jjjabe ich burch mein ©enehmen gegen 
meine liehe Butter, burch mein immerwdhrenbe* ^urficffallen in bie 
alten gehler folche @&te oerbient? ©tatt mir bie ffrengflen ©orwfirfe 
ju machen, wie ich unbanfbarer ©ohn e* eigentlich oerbient hohe, 
crmahnfl ©u mich lieber in ©einer einbringlichen Weife mich i« 
beffem, mich, her ich f° oft biefe ©eine odterlichen Warnungen über: 

1 Im 9. Dej. tyittt ber löater au* Irnßabt feßr uonourftoott unb htrjfich zugleich 
an getrieben infolge mütterlicher ®efch»erbe über helfen „ungezogenen 

Ion", übermäßige« Arbeiten unb Mangel an Sorge für feine Sefunbbeit. Äeine* 
ber anbem 0efch»ißer, „felbß ber Keine unoerßänbige fRainet" nicht, gäbe ber 
Hutter Inlaß ju .Klagern „©iß Du benn no<b ber Heinrich/ helfen »eiche« Gte 
müth früher ben ffeinßen nichO>erfch»eigen, ber nicht einfchlafen tonnte, ohne 
bem ©ater gefügt ju haben, »a* ihn brücfte?* Unb ber ©rief fchließt: „Ober 
»äre e* n&tf)ig, baß ber bi*her immer (iebenbe unb järtliche ©ater $um jürnrnben 
»tobe, baß er bei feiner fehnticb gemünfchten fRücffehr in ben Kret* ber Seinen 
*®n bem älteßen Sohne allein {ich abwenbe unb fage: ©eiche, Du haß meinen 
Hillen nicht gethan unb haß mich tief gefränft! O, ba fei Sott vor! Du mirß 
»einen, bitterlich »einen, »enn Du hieb liefeß; aber »ie oft haß 2>u ba« fchon 
ftethan unb »ie »enig iß bie (Heue oon Wachbauer gemefen. Darum »eine; aber 
Mfete Dich, unb Du »irß meine Vergebung haben, Du »irß bie alte Siebe »ieber; 
finben, »enn ju Such jurücffehrt 

Dein 

heute trauernber ©ater. 


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38 


tJejrtnber 1848. 


hürt h«be! £>! mir graut ti nur baran ju benfen, baß folch’ ein 
gütiger ©ater ju einem jümenben werbe unb mich bei feiner SRücftehr 
»on fi(ß weife! C! wie befchümt (lebe ich »or mir felbfl ba, weil mir 
ade biefe gebier fchon fo oft unb fo einbringlicb oerwiefen worben 
dnb, weil i<b meinem ©ater unb meiner ©lütter folgen Kummer 
gemacht h<*be! Sa fegt füble icb et recht innig, waö eö beißt folcbe 
Keltern ju frünfen! 2Bte befcbümt flebe icb ferner »or meinen ©es 
fcbwiftern, bie ohne KuOnabme ber ©lütter nur greube gemacht höben, 
unb befonberö vor bem Keinen SHainer, bem ich, grabe weit er mich 
fo fcbr liebt, ein recht gute» Seifpiet geben fotlte! Sa! ich höbe ge* 
weint, bitterlich geweint, alo ich deinen ©rief laO; aber fei oerfichert, 
eO waren feine teeren jtbrdnen! Sch höbe ben feften Sntfchluß gefaßt 
mich ju beffern, ehe eO ju fpüt wirb, unb ©ott um feinen ©eiflanb 
angefleb’t! Diefer JDein ©rief, ich will ihn, wenn ich ftrauchle, 
lefen unb er foff mich dürfen auf bem rechten üBege, wie jene« ©es 
bicht, baO Du mir )u meinem ©eburtotage vor 2 Sabren auO planten; 
dein fchicfted. 

Dein reuiger ©obn 

Heinrich. 


18] Kr ben SB ater. 

DreOben, am 22. Decbr. 1848. 

Sieber ©ater! 

Sben «erließ unO ©loriß ©iebermann, ber unO, ©ott fei Danf, 
bie beden ©achrichten »on Dir brachte unb, fo ©ott will, in 14 Sagen 
hoffentlich ebenfo gute an Dich über unO bringen wirb. Sr war über 
bie fcbauberbaft fehlest abgelaufnen SBahlen 1 ganj entrüdet, ebenfo 
wie ich« macht wahrhaftig bem übrigens fo gebilbeten füchddhen 

Banbootfe feine Shre wenn et Beuten ohne ©erbiend unb Erfahrung, 
bie ihnen bat golbne Zeitalter normalen unb bie unßnnigden ©er« 
fprechungen machen, mehr glaubt, alo ©lünnern »on ©erbiend/ bie 
ihnen nur ba» ©ernünftige unb Kuhführbare »erfprechen, weil de d<h 
fchümen ihnen Bügen »orjumaepen. Srd heute fagte ein ©auer an 
einem ©ilberlaben, wo i2Binbifehgrü|’8 unb ©. ©tum’tf ©ilbniffe 
hingen, naeßbem er auf Srderen gefchimpft, ©lum fei ein ^eiliger. 

1 3» erften nach bnn neuen SBahfgefeb gtnjdfjltrn, bem »ielberufenen „Um 
»erftanbfcBanbtage*. 


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£)fjtmb«r 1848. 


39 


Dr. Jpelbig, ber felbß Au*febußmitglieb be* beutfcßen 93erein* ijf, 
fpraeb in ber lebten @efcbicbt*ftunbe o ortreff lieb über bie £anbtag*« 
(noblen unb fagte u. A., er habe bei biefer ©elegenbeit re<bt beutlicb 
gefeben, baß baö ©olf noch günjlicb unreif fei. — Der neue SRector, 
ber am 8. ober 16. 3anuar ontreten wirb, foll oon ben Primanern, 
ben ©eeunbonern unb einer Au*wabl oon Jlertianern mit einem %adeU 
juge oon 127 Radeln begrubt werben; unb biefe Angelegenheit iß 
burch eine (Sommiffton oon 6 Primanern, bie feßon bie (Srlaubniß 
ber 9>olijei erbalten bot, unb bureb 2 ©olf*oerfamm(ungen oon ^rüna 
unb ©ecunba georbnet worben. — 3<b b°be mich baju auch unter« 
f<brieben, unb boffe auf (Sure gütige (Srlaubniß. Al* &leibung*ßüef 
fölägt bie fKutter baju deinen grünen 9tocf oor, welcher boeb febon 
febr abgetragen, aber ju biefem £wecfe noch ganj tauglich iß. 3cb 
bitte Dieb alfo bringenb mir ju erlauben ihn anjujieben. — 2Ba* 
enblicb un* felbß anlangt, fo bat und ©ott, wie biöber, gefunb er« 
halten. Stainer iß immer noch ber Alte unb betommt ju SBeibnacbten 
ein wahre* beutßbe* SReicb*bwr, Gruppen aller garben unb ©rbßen, 
auch einen $etm, eine Srbfenfanone ic. Unfer 9Beibnacbten wirb 
jtoar lange nicht fo oergnügt fein, at* früher bei Deiner Anwefenbeit, 
boeb müffen wir un* trbßen . . . SH&cbte ©ott Dieb ba* ndcbße 
ffieibnaebten toenigßen* im Greife ber’Deinen feiern laffen. Dieß iß 
ber aufriebtigße SBunfcb 

Deine* treuen ©ohne* 

Heinrich. 


18 ) fta ben ©ater. 

DreOben, am 27. Decbr. 1848. 
üOlein lieber 5ßater! 

-2Bie febr wir überrafebt, erfreut unb gerührt'waren bureb 

ben Anblief be* SBeßen aller 50dter 1 unb bureb fein ßb&ne* ©ebiebt, 
fann ich Dir gar nicht befebreiben. Die greube war um fo grüßer, 
ba wir Dieb «m b*ß* Abenb fo fcbmerjlicb oermißt batten. ©Jährlich, 
oft genug famen un* an jenem Abenb, tro| ber großen greube, bie 
un* Deine unb ber guten SRutter Siebe bereitet batte, bie XbrAnen in 
bie Augen, boeb mußten mir e* oor Oppen* j u oerb etgen fueben. jD, 
wie inbrünßig habe ich an jenem Abenb )u ©ott gebetet, baß er un* 
1 3«n Silbe, all äBftfjnadn&ßefdjtnf für bie Atutttr. 


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40 


2)«jrmbrt 1848. 


hoch rcd^t batb mit Dir »«einen möge. Doch auch »oll Danfe« gegen 
©ott mar mein #erj, bafj er un« au« (einem flimmern ©rimbe 
ba« 2Beihnacht«fefl ohne ben SBater hot feiern taffen. — Sehr er* 
greifenb fprach Dr. ÄAuffer „über bie traurigen unb freubigen 2Beih 5 
nackten unb bie ©efühle bei Ehriflen babei" am 2. 2Beihnacht«feiers 
tage, fo baff er faft burcb ba« Schlucken ber grauen unterbrochen 
marb. — Dr. äüuffer ffrengt fiep jegt febr an (er prebigte j. 83. am 
2Beihnacht«abenbtage unb am 2. geiert.), meit ber Dberhofprebiger 
febr (ran( ifl unb, mie man mit ©runb fürchtet, mahrfcheintich flerben 
mirb. Dann mAren mir mieber um einen ebten unb berühmten SRann* 
Armer, unb bie Trauer hiw über feinen 5Eob mürbe febr grofj fein. — 
9tochma(8, lieber 83ater, taufenb Danf für Dein 33ilb, (benn e« ifl 
hoch ein tpeure« gamilieneigenthum). @8 folt mich fl«t« an ba« 
erinnern, ma« ich folcpen Stettern fchutbig bin. 

Dein treuer Sohn 

Heinrich. 


20] 31n ben ©ater. 

Dre«ben, am 31. Decbr. 1848. 

Sieber ©ater! 

«Schon mieber flehe ich «nt «Schluffe eine« 3ahre«, unbjmar am 
Schluffe be« grüßten unb merfmürbigflen meine« {eben«. Die ge« 
mattigen Stürme, bie ganje Staaten au« ihren gugen gehoben, ganje 
5B6l(er unglüdlicb gemacht hoben, fie haben auch * n unfern füllen 
unb bi«her fo glütilichen gamitienfrei« fl&renb eingemirft: fie hoben 
ben tßater, unfern theuren, (ieben 33ater au« unferer {Dritte geriffen 
unb hotten ihn fchon lange, ach fo gar lange, »on un« entfernt. — 
3ch fetbjl bin §mar in ben 2Biffenfchaften — ba« (ann ich wir jus 
geflehen — fortgefcptitten; in fittticher #inficht aber höbe ich burch* 
au« (eine gortfcpritte gemacht unb meinen {(eitern oft Kummer be* 
reitet. — Unb ein bebeutenber ©runb baoon ifl eben bie {tbmefenpeit 
meine« 33ater«. Da« fehe ich (lor unb offen; benn Du mürbefl mich 
burch Deine Ermahnungen, ja burch Deine SBticfe fchon »on manchem 
Unrechte, ba« ich in bem lebten Halbjahre gethan, abgehalten hoben. — 
Der @eburt«tag meine« theuren 33ater« naht heran. E« ifl ber erfle, 
ben mir ©hne’ben ®ater, b. f). fafl gar nicht, feiern müffen. 2Bie 
< von «Hmmon. ©gl. IVutfdjf ©tfdjicfttf 2, 243. 3, 399. 


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3<uiuar 1849. 


41 


oft wir ©einer an biefem Zage gebenfen werben, brauche ich ©ir 
wohl nicf)t }u oerßchern. Unfre ©ebanfen werben bei ©ir fein, mbgen 
wir auch noch f° lange oon ©ir entfernt bleiben muffen. — Snnig 
flehe ich }u ©ott, baß er ©ich unO noch recht lange glücflich unb 
rüßig erhalten unb unO in bem neuen Sabre mehr mit ©ir oereint 
(eben (affen möge, al« in bem oerfloffenen. 9lber auch ©anf, brünßigen 
©anf bringe ich @®tt, baß er unO ©ich &i# je^t fo gefunb unb rußig 
erhalten unb un* bie Hoffnung auf ein balbige* 2Bieberfehen gegeben 
hat. — £>! ©ir auch, bem lieben Nater, ben innigßen ©anf für bie 
österliche Siebe, für bie unjShligen 9Bohlthaten, bie ©u mir feit meiner 
©eburt fo reichlich erwiefen haß! SNit aßen Prüften wiß ich fuchen 
mich banfbar ju erweifen meinem grbßtcn SBohlthAter burch ein gute* 
ßttliche* betragen unb burch baö Streben einß ein ber Ntenßhbeit 
nüglicher braoer Ntann ju werben. 

©ein banfbarer, treuer Sohn 

Heinrich. 


31] tln ben 33atfr. 

©reOben, am 13. San. 1849. 

Sieber Sßater! 

9lm fDiittwoch Slbenb tarnen bie Butter unb Sohanna an 1 unb 
brachten mir nicht blöd bie aßerfreubigßen Nachrichten über ©ich unb 
Schaab, fonbera auch «in wunberhübfdje* unb für mich, bei bem bie 
Zaßhemneßer meiß feh* halb {erbrechen, wegen feiner ©auerhaftigfeit 
fehr brauchbare* ©efcpenf, wofür ich ©* r meinen herjlichßen ©anf 
fage, ebenfo wie für bie mir gefehlten 2Bappen. 2Bie fehr, ja, wie 
fo gar fehr ich gewünfeht hStte meinen SBater felbß ju fehen, brauche 
ich ©ir roohl nicht ju oerßehem; boch e* war nicht ju Snbem, unb 
ich mußte mich barein ßhiefen. — SBShrenb ber Slbwefenheit ber 
Ntutter haben wir ganj glücflich, boch fehr einfam, gelebt . . . 
©ie sprdparationößunben beim Dr. $e(big ßngen am SNontag an 
unb gefaßen mir ungemein. Nur muß er hie unb ba, ber Schüler 
au* Quarta unb bem ^rogpmnaßum halber, fehr (eichte fragen thun 
unb auf ganj befannte ©inge eingeben. Sth bin ber einjige Ober* 
fecunbaner, ber ße befucht ... Stainer fagte neulich }u mir: „Niß 

1 imfoffe^renb von einem breitägtgen ®efu<$ bei bem 3$ater in ttftenburg. 


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4t 


3onuor 1849. 


wahr, weil be SDlama fort ifl, ba bijl Du berweile mein $apa, wie 
ber anbre große ^Papa mit bem großen Vart hier unb ^icr?" (babei 
jeigte er auf Vacfem unb ©cbnurrbart. —) ... Der Oberft ©üßmilcb 
fagte neulich in einer Siebe an bie fegt jur Sleferoe fommenben ©oU 
baten jum großen Srgü$en be« jub&renben ^ublifumö: „Sla, 3b* 
Seute! 3<b bin immer mit Such jufrieben gewefen; ba« freut micb! 
Vergeßt nur nicht, baß 3bt immer noch ©olbaten feib! 9Iber bie 
Vereine/ bie bringen Chief) nur Unftnn in’« ©ebirn. ®alb werben auch 
bie ©cbuljungen Vereine batten, ©eb’t in feine Vereine! $ort auf 
meine ©orte! 3<b fann Such boeb nid^t an ben Slocffcboßeln feft* 
batten f>p. pp.* Den ftdrfften Sontrafl bierju bilben bie qJrüfibenten* 
wabten ber neuen Kammern, ^rüfibent ber 1. Kammer ifl 3ofepb, 
ber 2. $. ©ebaffratb, Viceprüf. ber 2. Ijfcbirner ‘. — £roß biefer 
trüben 3lu«f»cbten bleibe icb immer noch 

Dein treuer ©obn 

J?emri<b. 


38] Vn btn 93attr. 

Drrtben, am 18. 3«n. 49. 

Sieber 93ater! 

Die ©onne firabtt, ber ©ebnee ifi oerfebrounben, ba« Sie ber glüffe 
geborften, unb Sille« freut ft<b ber beitem grubling«luft. Slber eine 
febünere greube bewegt mein #erj; benn i(b b«be feit beufe einen 
febrer befommen, ber un« gewiß jur ©iffenfebaft unb jur Üugenb 
leiten unb unfre ©cbule beben wirb. — Jjeute früh nümlicb warb 
ber Slector Älee in unfre ©cbule eingefübrt. Slacb einer furjen Siebe 
be« ©uperintenbenten trat ber Siettor auf/ wanbte flcb juerft an ben 
Sonrector unb banfte ibm für feine Siebe/ bie er ibm febon, al« er 
(b. Slector) auf ber Äreujfcbule ©cbüler gewefen, bewiefen habe, (ba* 
mal« war ndmlid) Dr. Älee be« Sonrector« ©cbüler) unb für bie 
»treue, mit ber er einige 3«* ba« Slectorat für ibn verwaltet habe. 
9la<b einigen freunblicben ©orten an bie Sebrer — er wolle nur ein 
primus inter pares fein — fpracb er von ficb, er habe ba«.©cbulamt 
ftet« mit greuben oerwaltet unb baffe, bie Sebrer würben ibn, fotlte 

1 WO« btti von btt du§tr(ltn ?inftn. ©dpaffratl) n>at jtbo<b in btt $u>tittn Jtammtr 
mit iBittpt&fibtnt ntbtn Ijfdwntr, (J)r4fibtnt war Jptnffl^ittau- 


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3anuat 1849. 


43 


er einmal feine ©flicht nicht ganj erfüllen, ohne alle SRücfficbt baran 
mahnen. Snblicb richtete er feine Siebe an unö, inbem er fagte, ba$ 
©ymnaftum fei eine ©ilbungäftötte für ben ©eifl unb für ben Sba* 
rafter. 3n erßerer Jjinjtcbt müßten jwar bie claffifcben ©praßen 
immer noch im Sorbergrunbe bleiben, bamit wir ben ©eiß bei älter» 
tbutnO fennen lernten; boeb forbre bie'neue £eit immer gebieterißber, 
baß au<b bie praftißben 2Biffenf<baften gleichberechtigt würben. Die 
Jpauptfacb« fei jeboeb bie beutfebe ©prache, beren Uebung unb äuö» 
bilbung wir triebt al$ eine SBiffenfe^oft, fonbern al$ eine hrßifl* 
©flieht unb ein unfehlbare* Stecht brt beutfeben 53olf6 betrachten 
fällten! 8Bir müßten Sille*, wa* wir wüßten, ftar unb geläufig in 
ber SWutterfprache au*jubrücfen »erßehen. — Sine Sbaralterbilbung*« 
ßätte enbtieb fei ba* ©pmnajtum, ba ei un* ju wahren, freien, recht* 
lieben SRännem bilben fotle. Da forbere er benn juerß bie ßrengße 
ßabrbeiwliebe; benn nicht* empüre ibn mehr al* ?ügen; unb ohne 
©abrbeit fünne ßtiemanb frei fein. Dann warnte er un* »or bem 
Uebermute ber ©tärferen gegen bie Schwächeren. Snblicb müffe 
grbmmigfeit bie ©runblage unfre* ganzen Sharafter* fein, unb befon* 
ber* in ber gteube müßten wir un* an ben ©eher alle* (Buten erinnern. 
Schließlich forbre er pünftlicben ©eborfam, nicht bamit er fagen 
Wnne: SWir folgen fie auf’* ffiort, fonbern bamit wir einß auch be* 
fehlen lernen linnten unb einen tüchtigen Sbarafter betömen. Sine 
folebe Siebe mußte un* natürlich Sille mit ben beßen ©orfägen unb 
mit Siebe gegen unfern ebten Sebrer erfüllen. SBiber meinen SBilleti 
bat biefe Sache ben ganjen ©rief weggenommen; boch halb mehr, 
beßer ©ater, oon Deinem 

Heinrich. 


28] Kn bnt Säest. 

Dre*ben, am 27. 3an. 49. 

Steher 93ater! 

Blicht mit greube, fonbern mit bem ©efüble getäufchter Jjoffnung 
fehretbe ich brüte; benn al* ich Deine Smennung jum ©rigabier 
ber (eichten Snfanterie la* 1 , glaubte ich beßimmt Dich in wenigen 
lagen entlieh wieberjufehen — ja, ich Kef fogar am äbenbe be* 
Donner*tag* einer Drofchfe, welche auf ber #ofpitalßraße fuhr, nach, 

1 Der Satte erhielt ge in Vltenburg am 22.;3anuar. 


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44 


3anuar 1849. 


in ber Hoffnung Dich barin ju fehen. 'Bit unangenehm würbe ich 
atfo überraffht, ald Dein ®rief und fagte, Du würbe# cntweber gar 
nicht ober bo<h er# in einiger £eit j U und fommen. — 2(ber auch 
aud ber ©chule mu# ich £>** etwad Unerfreuliched melben: ber neue 
SRector hot bie ©pifcblattern befommen, unb ich werbe feinen Unters 
rieht (von bem ich er# 1 ©tunbe — ^oetif — genoffen höbe) nun 
wieber auf einige Bocpen entbehren müffen. — 2l(led jammert laut, 
bafj wir wieber in bad ©epreefendregiment bed Sonreftord verfallen. — 
9loch trüber aber fleht ed im ©taate aud. Die Biniffer hohen 
geffern ben Kammern erfldrt, fle würben oom Jiünige ihre ßntlaffung 
forbern, unb h«ute wieberholt, ihr Sntfcplufj #ehe, trofcbem ba§ ber 
jlünig ihre Sntlaffung nicht angenommen, unabdnberlicp feft. Die 
Binifferliffe, bie je$t cour#rt, lautet: gangenn OPrdfibent unb Sultud), 
Sarlowip (Suffij, vielleicht auch ^rdjibent), Beinlig (Snnered), Sieg* 
mann (Ärieg) 6hwn#ein ober vielleicht ^)lani§ — ber früher in ber 
1. Kammer war — (ginanjen). Sin rabicaled Binifferium, hot ber 
Ä6nig erfldrt, werbe er nie annehmen. Sd follte mir leib thun, wenn 
ber SRegierungdrat Beinlig, ber #ch bid je$t einer grofjen ^opulari* 
tdt — befonberd unter ben Shemnifcer Arbeitern unb in Dredben, 
wo er |um ©efcpwornen gewühlt worben i# — erfreut, burch ben 
Sintritt in biefed Binifferium, bcrfelbcn ganj vertuffig gehen follte. 
Die SRabicalen aber #nb fröhlich unb triudtpbiren unb benfen gar 
nicht an 'eine mögliche 3lufl6fung bed ?anbtaged unb ein ffreng* 
confervatived ober gar ein reactiondred Biniffcrium. gür heute Slbenb 
bei bem großen ^apfenffreiche, ber wegen bed ©eburtdfaged ber Ädnigin 
geblafen wirb, fürchtet man Unruhen; unb ffhon geffern foUen bie 
£ommuna(*@arben#offen am fRatphoufe verboppelt worben fein. Die 
greeppeit unfrer rabicalen Deputirten überffeigt alle ^Begriffe. ©o 
hat neulich her ©chullehrer Beper gefagt: „Bie wdre ed benn, wenn 
man, gleich ber beutfepen Äaiferwürbe, meinen (?ef>rer*) ©tanb erb* 
(ich machen wollte. 2lm 2Ulerwenigffen aber barf man ben Äonig 
v. ^reufjen jum beutfehen Äoifer wdhlen, einen Bann, ber ffch oll* 
tüglich in SJurgunber unb Spampagner betrinft!" 1 Bie gefüllt Dir 
bie# ©tücfcpen? 

Dein treuer J^etnrich. 


1 £eutf<$e 6, 199 f. 


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3anuat 1849. 


45 


84] 1k bn> ©ater. 


Dre«ben, am 31. 3an. 1849. 


Sieber $8ater! 

Snblich ifl bie fchon öfter« aufgegebene Hoffnung auf ein balbige« 
ffiteberfeben wieber lebenbig in mir erwacht, ba Du un« ben Sonn* 
tag Aber 8 Xage ju begrüßen hofffl. 2Benn biefe Hoffnung un« nur 
nicht auch bießmal noch tdufcht! Neben biefer freubigen 9tu«ft<bt giebt 
e« auch außer ber gamilie fafl nur gute Nachrichten. Da« Ntinifle* 
rium bleibt, unb e« regnet bereit« »on ©ertrauenöabreffen an ba«* 
felbe. Unfer beutfcher ©erein, ber je§t einen neuen ©orflanb, ben 
tyrof. ©agner »om CEabettenhaufe, befommen hot (mein Seßrer, ber 
Dr. Jjelbig, ifl Schriftführer geworben), jet'gt ftch h«thei feßr thdtig. 
Äber fchon prangt neben feinem grünen ^(acate ein feuerrote« be« 
®aterlanb«t>emn«, welcher (jegt unter ber ßbmannfchaft be« ultra* 
rabiealen Dr. Ntincfwiß) bem Ntiniflerium feine ©ertrauenöabreffen 
fchicfen, ftch °her auch nicht ben Slnfchein geben will, a(« wolle er 
ba«fe(be flurjen. Daher fcßimpft er in feinem ©lacate auf bie Un* 
entfchiebnen unb Neactiondre, welche bie äammermajorität »er* 
Idumben. (Sr fcßldgt hierbei aber fo beutlich auf ben Strauch, baß 
3eber feine wahre 2lbficht burchfcßouen muß. — $eute befucßte un« 
©uflao -Oppen 1 mit feinem Sohne. 3ch fonnte mich aber, weil ich 
gleich darauf franjbftfche Stunbe hatte, nur Furje ^eit mit meinem 
gutmuthigen, gefprdcßigen, brolligen unb gefcheibten ©etter unterhalten. 
Dnfel @ufla» brachte bie, hoffentlich falfche, Nachricht mit, bie ganje 
fdchßfche Ärmee werbe binnen Äurjem nach Schle«wig rucfen. 3luf 
folche ©erüchte gebe ich aber gar nicht« mehr, ba fafl täglich «in neue« 
ouftaucht. — Ntan fpricht hi«« »iel oon einer febr ernflen Note, 
welche bie fichftfche Negierung au« granffurt erhalten haben foll, 
weil fte an bie ©ermehrung be« #eere« auf 36000 Nt. gar nicht 
bente. — Daß ba« erbliche jlaifertbum in granffurt bi« je§t rer* 
werfen worben, hat mich tief geFtdnft. Schon ba« ©eneßtnen ber 
fremben ©efanbten babei jeigt, wie nur burch bie Annahme oon 
©agcm« unb Dahlmann« Anträge Deutfchlanb flarf unb einig wer* 
ben fann. 3<h hoffe aber, baß bei ber 2ten ?efung ber Antrag hoch 
noch angenommen werben wirb, wenn man nicht gerabeju Nicht« 
befcßließen will. Denn fein anbrer Antrag hat nur bie geringfle 
1 ©rtter ber Wutcer. 


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46 


gibraar 1849. 


Vu*fi$t auf Sinnahme. ©lein Snthuflatfmu* för ©agern, bet f$o* 
von jeher fehr groß war, {leigt von Stag ju Stage; unb ich bin feft 
äberjeugt, baß ©agern ben ©runb ju unfrei ^crrlie^cn ©aterlanbrt 
©lacht unb greiheit (egt. 

Sein treuer €>o$n 

Heinrich. 


85] Vn ben Skttr. 

Sttöben, am 6. ßebr. 49. 

Sieber Sßater! 

-3n unfewn Kammern geßaltet fi<h bocf) 3t(teö beffer, ale man 

bachte. Sae rechte Zentrum, bie $>artbei ber gemäßigten ©aterlanbtt* 
»ereine (Dr. Jjetj, Dberleutnant ©lullet etc.) wirb wahrfcheinlich 
minifteriell werben, weßholb bae ©limßerium »retteic^t boch noch eine 
©lajorität — wenn auch eine geringe — befommen F&nnte. — Jjafl 
Su etwa bae wigigc ©ebicht „2Bae bleibt une noch?* neulich in ber 
Setpgiger Rettung gelefen? (So nicht, fo will ich bae nächßc ©lal 
ein 9>aar ©erfe baraue fchreiben. 3älel hot aue Seipjig einen graef 
gefchicft erhalten, „bamit er beim Sanbtagefchluffe nicht im blauen 
{Rode ju erfcheinen brauche" *. (Bei ber ?anbtagßer6ffnung iß ee mit 
ber Stilette nicht fehr fheng genommen worben. Se ftnb nicht nur 
mehwre Seputirte, wie Säfel, in Sft&cfen, fonbern auch ein bäuerlicher 
Slbgeorbneter in langen ©auerßiefeln erfchienen. — Sich, bitte, guter 
©ater, fomm’ boch fo halb ale m&glich ju une. ©iemanb wunfeht 
bieß fehnlicher ale 

Sein treuer ©ohn 

Heinrich. 


26] Sin bm ©ater. 

Sreeben, am 9. gebt. 1849. 

Steher föater! 

©eßern hotte ich bi« trße ©räparationäßunbe bei JJ>rn. Dr. äläuff er; 
ße hot mir, obgleich bie eigentliche ©tunbe jiemlich furj war, fehr 

1 Der blatte 9locf M ttbgeorbneten 3^ bei ber feierlichen £anbtag6erbffnung 
unb ber ttuftfpruch be* ttbgeorbneten Jlefl: „Die Qrftnbe ber {Regierung fenne ich 
nickte aber ich fie tni§bißigen M waren ju>ei lang berufene Seifhsngen be* Uns 
oerfianbftlanbtagft. Die jweite lebt noch a(6 geflftgelte* 2Bort, unb 3äfelS blauen 
9locf feiert „ba$ roifcige ©ebicht" in ber fceipjiger 3*itung vom 1. Sehr, alt eine 
jebenfaH* bleibenbe grofie Erinnerung au$ biefer {Reoolutionftjeit. ©ein Xrdger 
gehbrte mit Braolb {Rüge ju ben Ejrtremfien be* geipjiger ätaterlanbtoerein*. 


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tWdrj 1849. 


47 


gefallen. 3cb mufte mich allerbing«, trofcbem ba§ ich |neben bet» 
Dr jtiuffer faf}, febr anftrengen ihn |u verfielen, ^offe jebocb, baff 
biefj fich beffem wirb, wenn ich mich an feinen Vortrag gewinnt 
haben werbe ... 3cb höbe übrigen« ganj gut beftanben unb bin 
auch febr oft gefragt worben; unb ich wünfcbe nur, bafj e« fo 
fort gehen m6ge. — Der Stertor ift faft wieberbergeftellt, ift fcbon 
auögegangen unb wirb ndcbften Sföontag wabrfcbeintich wieber ©tunbe 
halten. — Die Drrtbner Leitung erjdblte neulich „jum JBeweife, wie 
ft<h ber SKbel hochmütig abfonbere" golgenbe«: „33or jturjem gab 
b. Dberft »on ©üpbarbt auf bem Ädnigftein fdmmtlichen JDfflgieren 
ber ©amifon ein Diner, wovon jeboch ein bort ftebenber Leutnant, 
ber noch »°r Äurjem Unterofftjier war, au«gefcbloffen würbe. Darum 
fort mit bem $acf! tf @« ho* P<h nun ergeben, bafj 1.) ber Dberft 
©üpbarbt nur einige Dffijiere ju ftch gebeten hot, unb bafj 2.) oben: 
genannter Leutnant bamal« beurlaubt gewefen ift . . . 2Bie febr e« 
mir auch leib tbut, bafj Du morgen nicht ju un« fommcn wirft, fo 
glaube ich &och, bafj Dich in fpdteften« 14 Zagen wieberfeben wirb 

Dein treuer ©obn 

Heinrich. 


27] Sin btn 93atfr. 

Drrtben, am 4. SDidrj 49. 

Steher 95ater! 

SBie grofj meine Sßerwunberung, mein ©chrecf unb meine ©e* 
trübnifj waren, al« mir »ergangenen Dienetag SJtorgen« bie SJtutter 
Deine pl&gliche Slbreife mittbeilte 1 ; wie febr ich bebauerte von Dir 
nicht 3tbfchieb genommen ju hoben; in welcher 2lngft enblich wir an 
biefem Zage fchwebten, bi« wir 2lbenb« eine berubigenbe Nachricht 
erhielten — ba« brauche ich Dir wohl nicht erft ju befchreiben — 
unfre Siebe ju Dir wirb e« Dir beutlich machen! 3a, überhaupt in 
ber ©tabt erregte jene voreilige Nachricht grofje ©eforgnifj. 3n ber 
©chule wollte man wiffen, bie Zruppen feien au« $(tenburg »er: 
trieben; unb bort bie Stepublif proclamirt worben. — Stainer wollte 
Anfang« gar nicht glauben, bafj Du abgereift feift, unb auch i<b bitte 

t Der 93ate? war am 21. gebruor nach DreSben gefotnmen, mit achttägigem Urlaub. 
3n ber WaQt jum 27. rnujjte er plhblich nach bem »ieber unruhig geworbenen 
ttltcnburg jnrücffehten. 


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48 


2R4rj 1849. 


es fo gern nicht geglaubt. <tc trägt jefct furze #aare unb hübet fty 
barauf nicht wenig ein. ,$eute bot er ben Jperm v. DemSfp burcb 
feine ©ebauptung ein fchwarz*rotb*golbeneS ^erj ju hoben febr be* 
leibigt. — Unfre Stunben beim Dr. Ääuffer werben immer intet« 
effanter unb erbebenber; IcgteSmal fprach er fo laut, bafj icb fajl jebeS 
9Bort feiner Diebe verflanben bobe. @ott gebe es nur amb ferner fo!... 
Die Kammern treiben ibr Unwefen von lag }u Üag frecher; ihr 
DReiflerwerf ifl bie Slbfchaffung ber ?eipj. 3 f *tung „weit baburcb bie 
9>rivat*3eitungen beeinträchtigt werben, unb ber Staat fein Jpanbwerf 
treiben barf" K (@S ifl nur Schabe, bafj er baS ganze gorft* unb 
©ergwefen unb jabttofe gabrifen inne bot). 

Dein treuer Sohn 

Heinrich. 


28] 9(ti ben 93otrr. 

DreSben, am 12. DJlärj 49. 

Sieber SJater! 

SBäbrenb Dlainer mit einer von mir funflvoll reparirten glinte 
fchiefenb in ber Stube beeumtäuft unb mich immerwäbrenb flärt, 
vertangenb, ich fo(Te ihm bie glinte (aben — wäbrenb er bann wieber 
ben geberbut auffefct unb als DlegimentScommanbant btafenb unb 
commanbirenb bin unb her marfchirt, fchreibe ich ®i<V wegen ber be« 
fchränften $tit, (ba bie Schulzeit berannab’t), nur wenige ©orte. 
Daß Dlainer gefunb ifl, hoff Du fchon aus feinen oben betriebenen 
getbjugen abnebmen Fonnen. Sluch wir Sintern beftnben unS fämmt« 
(ich wobt. Sofepbe war geflern auf einem ^Unterhalte bei Äon« 
neriffenS, wo fle ungeheures gurore gemacht bot. 3<b höbe je$t eine 
DRenge Sramen*3lrbeiten )u fertigen, ta in 14 Xagen Gramen unb 
©erfegung ifl. Der Dlector bat mir wieber eine ausgezeichnete ^oetif* 
©tunbe gegeben, unb noch beute früh werbe ich eine zweite bei ihm 
haben. — 3fl <S benn wirflich beflimmt, bafj bie Slrmee vom 3onuar 
1860 an SBaffenrocfe befommt? Unteroffiziere wenigflenS mit ©eiten« 
gewebten nach preufjifcber Strt höbe ich neulich 'gefeben. Schon er* 
zählt man boshaft genug, bafj man ber Slrmee (um nicht gleiche 

1 Die Jetziger Leitung war Sigentum btt (Regierung, frönet o erfaßtet, feie 1831 
auf ©taaetfoftm verwaltet. 


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SMtj 1849. 


49 


Uniformen mit Preußen ju haben) hellblaue ©offenricfe mit pftrftc^* 
blütbemfarbigen %uff<bld[gen] geben »UI. — Soch fcbon mahnt bie 
Ubr ju fchließen 

Seinen treuen Sohn 

Jpeinricb. 


29] Vn bm Satrr. 

Sre«ben, 21. SRdrj 1849. 

Sieber 93ater! 

Schon 2 Bataillone Seine« früheren Stegimente« finb hier einge* 
rüdt, hoch Su bifl »eber tytx, noch in Seipjig. 3<h meine« Sbeil« 
batte befümmt geglaubt Su »ürbeft ndcbften« nach £eipjig fornmen. 
Sa« 1. £inien*9tegiment macht Sir übrigen« oiei @bre; ade 2Belt 

finbet, baß e« »iel beffer ejerjiert, al« ba« {Regiment ÜRajc- 

Sie büftgt tecbnifcbe Bilbungöanfialt bat einen unerfegticben Berluff 
burcb ben Sob be« Sirector Seebecf erlitten/ eine« SRanne«/ ber, erft 
42 2tabrc alt/ nach auögejeicbneter älmtefübrung oor einigen Sagen 
an ben Blattern geworben ijt'. — Sie Kammern treiben e« nach »ie 
vor/ unb bie Semofraten beflogen jicb/ baß bie Regierung bie „ge* 
ftnnung«tüchtigen" Gruppen au« bem Xanbe gefchicft, bie „reactio* 
ndren" aber babebatten habe. — 2Bir haben nur noch «inw Sag lang 
Stunbe, ba am Sonnentage SJloturitdtßprüfung unb am Sonnabenb 
Senfurfpnobe ifi. Sann ifl bie Schule gefchloffen. — 

Sein treuer Sohn 

Heinrich. 


30] Sn ben 93ater. 

Sre«ben, am 28. SDlj. 49. 

Sieber 95ater! 

9Ioch bift Su faum einige Sage »on un« entfernt/ unb Jicb febne 
mich nach ®ir mehr al« je, ich »eiß gar nicht/ »arum Su mir gerabe 
bießtnal überall feblft*. — 2tuch {Rainer benft »iel an Sich unb giebt 
oft parallelen jraifchen Seinem unb £i«fo»’« Barte/ bie natürlich 

1 ©oljn b<« bef annteten Zbotna« ©«betf, ber befonberg au<b in beffen Stubien 

jur fiaxbtntffyre n>iffenf<baft(i<b beriet. 3 21m 23. noch Dretben jucödgeftljtt, 
mnfte Oberft von £rettfd)fe f$on am 24. tvieber aufbre$en, um ^Jperjog €rnft 
«on Soburg nach Schleimig ju begleiten. Der Sbföieb, fagt er in feinen Sr 
innerongen, mar „bet fchrcerfte, ben «h noch gehabt batte, viele f<hmetjli<be JlirAnen 
llolfen aucp von meiner Seite". 

> 4 


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60 


ttpril 184». 


für Dicg fegr fcgmeicgelgaft au*faden. Stit Stüge nur gäbe icg micg 
eben von ibnt befreit, ba icg burcgauö mit ibm fpielen fodte, wobei 
e* nicgt ohne einige Dgränen non feiner Seite abging. — ©eftem 
toar unfer Kramen, wobei icg oft gefragt warb unb auch einmal an 
ba* Überfegen tarn. 2Ba« meine Senfuren anlangt, fo gäbe icg 
lauter 1, nur in ber Slatgematif bie 2. 3rn ben SReligionOfhtnben wirb 
nur vorgetragen, wefgatb wir fämmtücg ogne Unterfcgieb bie 2 be* 
fommcn. — gerner la* bet 9teetor vor, ber Dr. 236ttcger gäbe nocg 
befonber* bemerft, i(g folle meine Jganbfcgrift beffern 1 . — Sr gat 
mir nämlicg, mir ganj allein, in ber Kadigrapgie eine Kenfur, bie 5, 
gegeben, wa* aderbing* nicgt a(* Senfur betracgtet wirb, weil e* 
ftatt einer Söemerfung bient. — 3cg gäbe micg aber bo(g baruber ges 
ärgert, unb aucg Du wirft micg wogt befgalb f(gelten; icg fann Dir 
aber oerficgern, baf icg mir im vergangenen Jpalbjagre viel Stöge in 
meiner Jganbfcgrift gegeben gäbe, unb baf ficg ein nicgt unbebeuten* 
ber gortfcgritt jeigt, wenn man meine Söäcger von vergangenem 
Sommer mit benen von legtem SBinter vergleicgt. 9tun gat ader* 
bing* Dr. Stöttcger meine #anb frftger nicgt gefannt unb fiegt fegt 
fcglecgt, we*galb er in ber Scgrift fegr ftreng ift. 3cg wid aber 
meine Scgrift gar nicgt loben, fonbem bto* fagen, baf ficg barin 
angeftrengt gat 

Dein treuer Sogn 

Jfcinricg. 


31] Kn brn ©ater. 

DreOben, 14. Slpril 1840. 

5i«g«r Skater! 

. . . Sie fegr icg an jenen 2 geiligen Dagen * an Dicg gebacgt 
gäbe, fann icg Dir gar nicgt fagen. Smmer brängte ficg Dein 
tgeure* SBitb mir wieber auf unb tief fftglte icg e*, baf micg Dein 
Segen $um Altäre geleite, wenn aucg, leiber! nicgt Du felbfl. öon 
ber 8tebe be* Jgrn. Dr. grancfe bei ber Konfirmation gäbe icg leibet 
fein Sffiort verftanben, weit er geifer war unb fegr (eife fpracg. Stieg 
fegnete er ein mit bem Sprucge: „Dein Sebetang gäbe @ott vor 
Slugen" pp. Diefen Sprucg gatte mir bie SWutter in bie „Srbauung** 

r 9ta<b b<r Jganbf<grift V« ©ritfe j« urttUm, ein mogCbfrrcgtigttt SBunfc*. 
9 Sinfegnung am 3. mb «ft« Äommunion, mit btt DRutttt unb Stgroeftn 3aganna, 
am 4. tyriC. 


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Spril 1849. 


51 


ßunben t>. Scbmalf}"/ ein herrliche« Such/ ba« fie mir gefcbenft 
bat, b*reingefcb«eben. Die Söeicbtrebe be« S) r. ^aftor D6b*w r / Dag« 
barauf in ber Safriftei gehalten, mar febr f<b&n; ich habe baoon auch 
faß SUeö »erflanben. Steine Senfur für bie spräparationöfhmben 
beim Jjrn. Dr. Äiuffer bete icb mir brüte noch. — ©eflern betamen 
mir bie Stunbenpläne. — 3 u ®er muß icb ®*r noch bemerfen, baß 
bie ganje Schule eine umfaffenbe Ummanbtung erfahren bat. ®i« 
Schule bat j«ßt flatt 10 Staffen 9, unb jmar fotgenbermaaßen: Da 
ganj Oberprima nach Xeipjig abgegangen ifl, ifl ba« frühere Unter« 
prima $rima gemorben unb au« £>ber«@ecunba 9tiemanb, atfo auch 
ich nicht/ gerücft. Der Stector birtt un« beßbatb eine Droflrebe, er 
fagte, mir bitten nur ben 9lacbteit noch ein Jjalbjabr (ang Secun« 
baner ju btißrn. SWtcbaeli über ein 3«b* tarnen mir bocb nach 
?eipjig, unb bann fei ba« jeßige Dberfecunba ungefähr ebenba«fe(be 
al« ba« frühere Unterprima. 2Btr tefen nämlich ben S )oraj unb 
tioiu« im Latein/ im ©riecbifcbrn ben Jjetobot unb bie 3tiaö, im 
granjoßfcbrn ben 3(1 Duma« . . . 2Bir haben übrigen« flet« mit 
$rima combinirt, nie mit Unterfecunba. Sin 93ortbei( ifl babei, 
baß mir ben beifpietto« tangmeitigen Sonrector ‘Bagner, ber bie -Seit 
mit Bortfränteret binbringt 1 unb je§t unfer Slaffenlebrer gemorben/ 
btoß ein $a(bjabr tang genießen. — Du fieb’fl atfo, lieber öater, 
baß icb frine Urfacbe höbe mir über biefe ®eränberung ein graue« 
Jpaot macbfen |u taffen. Dieß mürbe »on einem lächerlichen Sgoi«« 
mu« jeugen. Ba« bie Stunben anbetangt: 4 St. SWatbematif, 2 St. 
9>bpftf, 3 St. Deutfeh/ mobei freie SBorträge. — Der Sieg bei Scfem« 
förbe bat mein beutfehe« unb mein Sobne««Jj>erj hüb« fc^tagen (affen. 

Dein treuer Sohn 

Heinrich. 


38] «n ben SOatfr. 

Dte«ben, am 20. Sprit 49. 

Sieber 93ater! 

Vergangnen Dien«tag haben unfre Stunben begonnen/ unb/ ob« 
gleich *”tfer Staffentebrer eigentlich bei aller ©eit unb auch bei mir 
im Stufe eine« tangmeitigen Sebrer« fleb’t, febeinen bocb f*‘ nt ©tunben 

18»L DeutfQt SUmpft. folge. 6. 234. Cr war ttrigtn« rin »«bient« 

Sirgtlpbüologe. 

4* 


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52 


ttptil 1849. 


beffer werben ju wollen, al* wir gebaut. ©ehr n&glich, intereffant 
unb anregenb ftnb bie ©tunben, in benen freie ©orträge gehalten 
werben, worauf opponirt wirb; ferner ber ^omer beim Dr. ©itlig, 
bie £itteraturgefcpi(bte beim JRector, bie ©bpf»P — Purj, icb hoff« auf 
ein nufclicbe« unb intereffantefi Halbjahr. — Der Nector erPunbigte 
ficb, at9 ich mir ben ©tunbenplan bei ibnt holte, febr angelegentlich 
nach Dir unb läfjt fiep Dir »ielmatt empfehlen, Er bot in furjer 
Jeit unglaublich oiel nuglii^e Neuerungen eingeffibrt, unb immer 
mehr feben wir unfere Hoffnung an ibm einen ausgezeichneten Nector 
gewonnen }u hoben beftätigt. — Die Kammern treiben e$ nach wie 
»or. Die einzelnen SWitglieber machen fiep oft felbft lächerlich, wie 
j. SB. ber äbgeorbnete Sahn, ber fiep neulich febr heftig für bie 91b« 
fchaffung ber ©rügelftrafe in ber gamilie oerwenbete. ©ie rufen 
auch foft täglich burch unbebachtfame Sleufjerungen unb grobe Skr« 
ftbfje gegen bie Wahrheit Entgegnungen unb Serwaprungen in ben 
öffentlichen ©lättem beroor 1 . — @ro§e greube bot hier bie Nachricht 
oon ber Erftörmung ber Duppler ©chanjen erregt, befonberS wegen ber 
Teilnahme ber ©achfen baran ... SBerben benn nicht enblich einige 
entfeheibenbe ©cpläge gefcheben, bamit Du halb jurficffebrefl $u 

Deinem treuen ©ohne 

Heinrich. 


38] gn btn SBattr. ' 

DreSben, am 26. Slpril 49. 

Sieber 93ater! 

Da wir geftern Slbenb Deinen lieben ©rief empfangen hoben, 
fepreibe ich b««*t früh, weil wir unfre ©riefe allemal fogleich nach 
ber SlnPunft bei Deinigen abfcpicPen. Die ©chulb an bem Ausbleiben 
ber ©riefe Pann alfo nur an ber erbärmlichen Jtburn’fchen ©oft, 
einem Ueberbleibfel aus bem Niittelalter, baS hoch recht balb abge* 
fepafft werben follte, liegen. 3e unpunPtlicper aber auch Deine ©riefe 
bei uns anfommen, befto freubiger werben fte begrubt. 2Bie bie 
Leitungen geben fte »on J&anb ju Jjanb: ©enerat ©uttlar, Oberft 
2Burmb, «Najor $ennig, Nlajor ©imon, Dr. Demiani holen biefelben 

1 Sinn von bitftn, von OTitalitbtm brt Otutfcbrn ©mint in Xtipjig [g)on im 
3«nuar 1849 an btn ©tinifltr von btt <Pforbttn gtricbttt („3(1 auch btt fouvttint 
Unvtrfianb ffor btn gugtnbtic! jut Jj>mf<haft grfangt .. .*), vtrbanft btr bomaligt 
Janbtog frintn bifiotifebtn ©tinamtn. 


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ttpnl 1849. 


63 


regelmäßig ob« lefen fle gar bei und. — Die Erßfirmung »on 
Duppeln unb b« Sieg bei Ecfcrnförbe ßnb hier ßhon in ©ilbem ju 
feben unb m«ben mit prunfenben Stehen gefeiert. 5lbet au<b wahr* 
baft ßinfenbe Sobbubeleten auf ben ^)r. Sllbert, „ben jugenblichen 
Jjelben oon Dfippeln", b« bocb/ al« Slbjutant, gar nicht gefocbten 
bat, foroobt in ©erfen al« in ©rofa, befommt man b»ter ju feben, 
unb man fann e« ben Demokraten nicht oerbenfen, wenn fte fcblecbte 
ffiiße baröb« machen 1 . — (Sin ©erficht hier in b« Stabt fagt, bie 
Ungarn feien in 9Bien; baß bie tapfern ungarifchen ©enerate, ©em, 
DembinOfi unb ©örgep, bie abgelebten oeßerreichißhen getbmarfcballs 
{eutnanto, bie auch eine g«ingere Zruppenmenge hoben, au« Ungarn 
berauOgeworfen hoben, iß gar nicht unmöglich . . . D« deine 
9>aul SBeintig iß biefri Dß«n Dberquartaner auf b« Äreujßhule 
geworben. Ueb«baupt hoben ber 9lame beö SteetorO unb bie neuen 
Einrichtungen bewirft, baß biefeO Dßern einige unb 40 Schüler auf« 
genommen würben. — Sch hohe ju meiner greube »om Jjrn. 
Dr. tfäuffer bie Eenfut febr gut erhalten*. 211« er mich ermahnte 
ein guter Ehriß ju werben, «innerte [«] noch befonber« an meinen 
„braoen ©ater unb meine gute ©lütter" 

Deinen treuen Sohn 

Heinrich. 


34] Kn ben ©ater. 

DreOben, am 29. 2lpril 49. 

Sieber SÖater! 

Eine ©achricht, bie Dich gewiß erfreuen wirb, ifl bie, baß unfre 
Kammern wabrfcheinlich übermorgen, ober wenigßen« noch in biefer 
ffloche, aufgetoß w«ben*. 2luch hierin bonbeit Sachfen, leibet!, nicht 
felbßßfinbig; eO ahmt nur ben 3 Staaten Preußen, ©ai«n unb Jjan« 
nooer nach, bi«/ wie wir geßern bcßimmt erfuhren, ihre Kammern 
auch aufgelöß hoben 4 . Sn ben brei lefctern Staaten iß bie Äamm«« 
auflöfung aber ein traurig« Ereigniß; ße beweiß nur, baß bie 
bortigen gfirßen, gegenüber ihren patriotifchen Stdnben, bie beutfche 

1 Stach ©tolrfe in feiner ,@efchichtt bei .Rriegri gegen D&nemarf 1848—1849*, 
6. 282 hat bet Haltung bti (prinjen Sllbcrt am 14. Slpril 1849 cot Dtypei 
r4f>mmb gebacht 3 T)ai bei Schiemann ©. 18 mitgrteifte £eugni< ifl »on 
heftig am Schlup feinet ©orbeteitunglfhinben, nicht »on ä&uffet aulgefteQt 
> Sie mürben ©tontag, ben SO. Äpril aufgrftft. 4 ^)rru§fn unb Hannover nur. 


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54 


Wai 1849. 


Verfaffung bur<bau6 nicht anerfennen rooden. Saö fdcbfifcbe SRinü 
flerium »erhält ftd^ in ber beutfcben grage fcbwanfenb, fo bo§ felbfl 
bie ©emdfjigten barüber erbittert finb. Sine Verweigerung ber 2ln* 
nabme ber beutfcben Verfaffung wdre fieser »iel ehren» oder; fleinlicb 
aber, erbdrmlicb iff <4/ baf ©aebfen wartet unb wartet, bi6 bie Snt* 
febeibung fommt um bann ba$ ©egel nach bem 2Binbe ju bdngcn 
unb bembtbig ficb an bie fiegenbe ^artbei anjufcbliefjen. Sie Ur= 
fache ber beuorflebenben Kammerauflbfung iff ein SKifjtrauenöootum, 
welche* grabeju erfldrt: Saö Vünifferium befifct ba* Vertrauen ber 
Kammer burebau* nicht! 1 Vei ber Veratbung baruber finb bie VJiniffer 
mit ©ebimpf Worten, wie: ©eburfe, #ocb»errdtber ie., beehrt worben. — 
Allgemein glaubt man hier, baff Preußen bem ©eneral $Prittwig 
geheime 3nffruftionen gegeben höbe 2 ; e* curfirt hier auch ba* alberne 
©er&cbt, e* feien beffbutb Vüjibedigfeiten entffanben jwifeben ben 
©eneralen ^rittwig unb Jpeing; in bem barauf ffattgefunbenen Suede 
fei $ein§ erfeboffen worben. — ©o febr mich ber 9tubm ber beutfeben 
©affen entjücft, fo febnt ficb bo<b ungemein nach einem ebrenooden 
grieben unb ber 9l&cf!ebr be* gedebten Vater* 

Sein treuer ©obn 

Heinrich. 


86] Sin b«n S8at«. 

Sre*ben, am 4. 3Jfai 49. 

Steher föater! 

Ser König but bie fReicb*»erfaffung nicht anerfannt, ficb felbff 
babureb einen tbblicben ©tofj unb ben JRabicalen einen Slnlafj gegeben 
über Verratb ju febreien unb bie aufgelbffen Kammern in ben Jpimmel 
ju erbeben. Vei ber Sluflbfung ber 1. Kammer bureb ben JReg.=3latb 
lobt war ich felbff jugegen; (autlofe ©tide betrete babei! #dtte 
ber Kbnig erff bie SReicb*»erfaffung anerfannt unb bann bie Kammern 
aufgeldff, weil fie feine ©teuem bewidigt, fo würben bie Kammern 
ber adgemeinen Verachtung preiflgegeben worben fein unb bie ge* 
mdfjigte ^artbei einen gldnjenben ©ieg erfochten buben! Sie ©iniffet 
Jjelb, Sbrenflein unb ©einlig buben ihre Sntlaffung. — ©chon 

* $»« wirtlich« Urfacb« war bet ©«ftblufj brt $inanjau*fcbuff«< txr «gm Kamm«, 
b« Wtgitrung bi« »«langt« proeiforifebf $ort«f)«bung b« ©t«u«m 6b« b«n 80. Steril 
binaul nicht m«hr ju b«wiaig«n. 3 ©g(. <pigo«. «. ^olit. Sfaffty« 4,470. 


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SRai 1849. 


55 


eorgeftern waren grofe Sürgerwebroerfammlungen, worin eine älbreffe 
«n ben Ä&nig mit ber Sitte um fcbleunigfte Slnerfennung ber Steigs 
oerfaffung befcbloffen warb. @<bon StagO vorder ^otte ber Sater* 
tanbtoerein eine Demonfiration oeranfialtet, worin er bie Sefölitffe 
ber aufgelbflen Kammern fimmtlicb anerfannte. Die Sinfe ber aufge* 
lÄften Kammern ^atte natürlich auch nit^t verfemt burcb ^lafate bie 
©emutber ju erbifeen. 8116 nun geftetn frib fowobl bie Deputation 
ber SBürgerwe&r al6 bie be6 beutfcben SereinO abgewiefen worben war, 
fammelte fi<b eine grofe 3Renge 5Bolf6 um bao ©<blof}. 9la<bmittag6 
beging ber jtommanbant ber S&rgertoebr, Kaufmann ?en(t)j, ben 9Rifj* 
griff bie Sfirgertoebr burcb ©eneralmarfcb oerfammeln ju (affen, um 
ibr bie Antwort be6 Ä&nigö oorjulefen. ^ierburcp warb bie ©tobt 
in Vngff oerfe$t, unb bie SRenge glaubte, an anberen Srten fei ber 
Sufftanb fcbon auOgebroc^en. Der jtonig wottte auf ben ä&nigfiein 
fiteben; aber bie SRcnge fpannte bie $ferbe oom SBagen unb baute 
eine Sarrifabe vor ba6 @<b(of}tbor‘. (Run warb bad (Regiment Sllbert 
beröbergefcbitft. Sarrifaben in 9Renge — geffem 8lbenb unb biefe 
9fa<bt binbureb Sartdtfcbens unb äleingewebrfaloen. Sine ÜRenge Soll, 
bo<b au<b Sinige oom SRilitair, finb gefallen. 8lu6 (Rabeberg unb 
IRarienberg finb «truppen hierher glommen. Der Äonig will bur<b* 
auO ni<bt naebgeben; felbfl einer Deputation oon Sörgerwebt^öffijieren 
bat er e6 abgefcblagen. #eute fr&b um 4 Ubr ifi er auf ben £(nig« 
Rein gehoben. 

(Der ©<blu§ fehlt.) 


36] Vn btn SBotn. 

DreOben, am 6. 3Rai* 49. 

Sieber föater! 

66 tft jefct bad erffe SRal in meinem geben, ba§ i<b einen Ärieg, 
nein, wa6 noch fcblimmer ifi, einen Sbrgerfrieg, mit allen feinen 
golgen oor 8lugen b®be* ©eftem, ju ber -Seit, wo wir fonfl bie 
Rirtpe ju befugen pflegten, loberten oerjebrenbe glommen empor au6 
bem alten Dpembaufe, bad oon bem Solfe mit specbWnjen ange* 
l&nbet worben. 66 war ein f(bäuerlicher unb bo<b fcbbner Slnbluf 
bo« glübenbe geuer hinter ben grauen ©ew&lben be6 ©tbloffed unb 
ber fatboL £ir<be bervorbrecben unb im Kampfe mit bem bitten 

1 U»b<grÄnb<trt Qaify. * Unrichtig botiftt; ift am 7. gefgmtbm. 


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56 


'Wat 1849. 


Dampfe jum JJtimmel auf fchlagen ju feljenDurch biefen ©ranb 
ifl ein 3$et( vom Dtaturalienfabinet abgebrannt. Jjeute, wo ich 
eigentlich (Vormittag 9 Uhr) in ber ©<hule fein follte, fchreibe ich 
Dir; bie Dlnbern horchen auf baO ©efchüf}* unb Äleingeroehrfeuer, baO 
oon früh 4 1 /» U. an gebauert bat unb, nach einiger Unterbrechung, 
foeben wieber heftig beginnt. ©on ber beutfeben ©erfaffung ifl bei 
bem Kampfe gar nicht mehr bie Diebe: Diiemanb fann beten unge* 
füumte älnerfennung mehr wunfehen alO ich; aber wenn DRenfchen 
wie Xjfchtrner unb J^eubner biefelbe jum ©orwanbe für [ihre re« 
publifanifchen ©elüfte unb für ihre felbflfüchtigen ^toeefe gebrauchen, 
fo weif ich, maO man oon bem jlampfe ju halten hat. Daö ifl 
aber ficher: mit 3ubel wirb ber jtonig auf (einen Sali empfangen 
werben; unb verloren hat er burch biefe greigntffe fehr in ben Slugen 
aller ©ernünftigen. Denn erfennt er bie b. ©erfaffung nicht an, fo 
bricht bat geuer beO Slufflanbeö über furj ober lang mit verboppelter 
J^eftigfeit wieber ( 06 : nimmt er bie ©erf.an, bann (ann man mit 
Siecht fragen: DBoju baö viele ©lutvergiefen? — Unter ber pro* 
viforifchen Siegierung ber 3 gonfuln Jtjfchirner, J^eubner, £obt 
fleht alO 9Rilitür*£>ber*Äommanbant ber 2luffldnbifcben ber Dberfl* 
leutnant J£ein(t)}e, ber früher in griechtfehen Dienflen geflanben hat, 
bann, a(0 DlitterguWbeftfer in ber ©egenb von ©orna, in bie 1. üammer 
gewühlt würbe. 5Ran muf geliehen, ber macht feinem $lmte alle 
Uhre; benn alle Zugänge jum 5lltmarfte fmb, biO auf bie (leinflen 
Diebengüfchen, verbarrifabirt. #at baO DRilitür am Slbenbe bie 
©arrifaben bemolirt, fo flehen am nüchflen DRorgen wieber neue ba. 
Dennoch .fleht bie «Sache beO SRilitürö, baö vom SRin. Diabenhorfl 
nach einer ausgezeichneten DiSpoption geleitet wirb, gut; benn baö 
£eughau8, baS neulich von Qommunalgarbe unb abtrünnigen Solbaten 
• gemeinfchaftlich befe§t worben, ifl, ba biefe Solbaten ju ihren gähnen 
juruefgefehrt ftnb, wieber in ben #ünben beS DRilitärS; auch ber Dieu* 
marft, bie SlugufluOflrafe unb — foviel ich weif — bie ©chlofgaffe 
ftnb in feiner ©ewalt; ferner hat eS bie grofe ©arrifabe am Hotel 
de Saxe erflürmt, wobei biefe* Jpotel unb Stabt Dtom fafl bemolirt 
worben ftnb. Sehnlich ifl ri bem von Xurnern befegten Sturme am 
gingange ber £>flra*2llfee ergangen, ber von ©omben ganj jerf(hoffen 
ifl. Die ©roftante bebaure ich fehe* f>e wohnt ja bicht baneben. — 

1 »ofjntfn bamaW in DrrtbrmWruftabf, n>abrf<h«inli<b auf bem Unterm 

Areu)n>eg. 


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Wai 1849. 


57 


ttußer bem halb verbrannten ©aturalienFabinet haben wir noch bie 
©efchübigung ber ©ilbergalerie ju bebauern V au* welcher ba* ©lilitir 
tmmerwdbrenbjgefeuert hat. — Der (General #omi(iu* ifl von grei* 
berger ©ergleuten au* einem ©611er mit einem vierecFigen SifenflüeFe 
fo gefährlich verwunbet worben, baß er jebenfall* fterben wirb. Der 
Dberft griberici ifl nur burch ein SBunber bem Sobe entronnen; benn 
eine ©Fenge Sumer, welche trefflich fließen, haben, wie mein gteunb 
Jjepne von <5inem berfelben gehört hat, fchlagfertig bageflanben, um 
ihn, fobalb er um eine Scfe fehen würbe, ju erließen. — 2ln ber 
äreujfchule ftnb 2 große ©arriFaben; Alumnen unb ber $au*mann, 
bie ber ©ector, wegen be* spobel*, nicht hat abhalten Fbnnen, haben 
bort au* ben ©änfen ber ©chule biefelben gebaut, unter Leitung 
unfre* 1. ©lathematicu* Dr. ©al|er l . — Sch will Dir nur geliehen, 
lieber ©ater: ich mürbe beftimmt nach älltflabt gegangen fein um mir 
bie ©arriFaben ic. anjufehen; ich hatte aber ber ©lütter mein 2Bort 
gegeben, unb bieß hielt feiler al* alle ©anben 

Deinen treuen ©ohn 

Heinrich- 

©. @. Dberflltnt. Jj>ein(t)je i(l gefallen, Sjfchirner hat umfonfl 
oerfucht )U fliehen. 3 um 2ten ©lale hat Stabenhorfl foeben bie 
€apitulation*vorfchlige jurücfgemiefen. 


37] Sn ben ffiater. 

Dteöben, am 9. ©lai 49. 
früh V*9 Uhr. 

Sieber ©ater! 

Dieß ifl fchon ber britte ©rief, ben ich ®i* wührenb ber Unruhen 
fchreibe; er Fommt aber vielleicht wegen ber guten (Gelegenheit — burch 
ben (General #ol$enbor(f —, noch eher at* bie beibm erflen an. ®efchü|* 
unb äleingewehrfeuer bonnert heftig, hinter ber Fathol: Kirche fleigt 
Stauch auf; benn ba* (Schloß ober ba* ©rinjenpalai* brennt. Die 
ganje ©acht hinburch hat ba* Hotel de Pologne(?) ob. bie ©tabt 
(Gotha — Für} ein Sheil ber ©chloßgaffe in hellen flammen ge« 
ßanben. (Geflern hat ba* ©lilitär jwar Feine großen gortfch ritte 

■XtamaM ,no<b in brat b' ut '9 tn l 3ot)nnntum. 2 9la«h Schiemann 0. 869t. 
99icbeegab< (ine« fallen ©erächrt. ®a§ Ballert Haltung w&hm<b bet Suf: 
ftanbe* »enigftent nicht foctrft gemefen ifl, leigt Brief 89. 


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«Kai 1849. 


58 

gemocht; e* beftnbet ßch aber bennoch in günßiger Sage; benn bie große 
Seilet’ßhe Sptegelfabrif an ber Poß iß geßern nach unglaublich 
mbrberifcbem Kampfe in ber Solbaten Jjdnbe gefallen. . . . Stobt iß 
entflohen/ Stjßhirner an ber gtucht von feinen eignen ©enoffen »er* 
hinbert worben; #ein(t)je nicht gefallen/ wie ich Dir fc^rteb, fon* 
bem beßimmt gefangen; bem Stumerhauptmann Dr. 9Runbe ßnb 
beibe Seine jerfchoffen. ©efangne werben immerwährenb eingebracht; 
ba in ber Strafanßatt, wo 60—60 (Befangne liegen/ fein Plaß mehr 
ißz fo werben bie feit oorgeßern (Befangenen auf ba* SRathhau* 8« 1 
bracht. 3unge 9Renßhen in meinem älter ßnb in 9Renge barunter; 
gerabe biefe fcflagen ßch am Seßen, unb einige Slumer haben ß<h/ 
um ber ©efangenßhaft ju entgehen/ vom Soben eine* $aufe* herab? 
geßurjt. ©eßern hatte ba* Piilitir einen Serluß von 74 Stobten unb 
SBerwunbeten, worunter 2 pteuß. ßfßjiere; heute muß ber SBerluß 
fchon 80 überßeigen 1 . — Die Struppen ßhlagen ßch au*gejeichnet, 
befonber* bie «Schüßen/ welche/ wie ein Arbeiter fagte/ „wie bie Steufel 
fließen*; ba* 9RiIitir wirb übrigen* furchtbar angeßrengt; fo fprach 
ich geßern mit einem preuß. gufelier, ber 13 Stunben lang um 
unterbrochen im geuer geßanben hatte. 

9lud> in Seipjig finb Unruhen/ aber fehr unbebeutenbe/ au*ge? 
brochen. Der Sftath hatte nämlich ba* treffliche 3lu*funft*mittel ex* 
griffen „ßch bei bem (Sonflicte jwifchen Ärone unb Soll unter ben 
unmittelbaren Schuß ber (Sentralgemalt ju ßeUen". So wußte alfo 
bie (Sommunalgarbe, al* Unruhen entßanben/ baß ße e* mit 9tepubli* 
fanern $u thun hatte/ fchoß tapfer ju, unb e* iß jeßt in Seipjig, 
nachbem von ^ier au* 2 @omp. Schüßen bort eingerüeft ßnb/ bie 
Stühe wieberhergeßellt. Jjier aber raß ber wüthenbße Äampf fchon 
6 Stage lang/ unb unter 2 Stagen fann er nicht enben. — 3luch h>ier 
in unfrer einfamen SBorßabt ßehen überall Patrouillen/ bie in ber 
9la<ht auf 3eben, ber auf ihren Stuf nicht ßeht, feuern. — Die ®er* 
pßegung ber 6—8000 9)1. Struppen, welche jeßt hier ßehen, iß ben 
9Rilitär=Sehörben unmöglich geworben. Deßhalb hat ba* ©ouverne* 
ment befohlen, 3eber folle nach Prüften warme unb falte Speifen 
bem 9Rilitär fehiefen. Da bie 9lamen aller ©eher genau aufgejeichnet 
würben, hatten bie Saumfeligen ju gewärtigen, baß b. SRilitär ohne 

1!$n 2Birfli<btot war brr ffirrluft in bem fftnft&gigan Aampft: bri btn ©a<bftn 
8 ßfftjirrr unb 90 «Wann tot, 8 Üfftjirrr unb 66 IDlann »mounbrt; bri bm ^rnigm 
8 Dfftjirtt unb 6 TOann tot, 34 oenvunbrt. 


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OT«i 1849. 


59 


Umftdnbe Speifen bei ihnen requirire. — 3n ältflabt ift bab Un* 
glücF vieler gamilien grdnjenlob; bet Kaufmann ?enj $. 99. hat mit 
SKuhe baß Seben gerettet; fein ganjeb Quartier ift bemolirt, feine 
ÜBaaren ju ben 99arriPaben verwenbet, für)/ ber fonft fo wohlhabenbe 
Stann ift an ben 99ette(ftab gebracht 1 . — 2Bir haben bo<h in biefem 
unb legtem 3«h*e viele StrafenPdmpfe erlebt; aber fo lange hat fich 
eine Stabt, »aub ber bab SRüitdr nicht vertrieben worben/ noch nicht 
gehalten, gaft noch fchlimmer aber wirb ber £uftanb nach bet 99e* 
fiegung ber Stabt fein; benn, nimmt ber Künig bie ©erfaffung auch 
bann nicht an/ fo wirb eine unheilvolle ©dbrung hier betrieben, unb 
wohl Finnen fich bann bie SBiener Sreigniffe, Srfchiefung v. ©ffijieren 
unb Schwachen, hier wieberholen. 

Dein treuer Sohn 

Heinrich. 


S8J V* ben S3at<r. 

9. SDtai, früh 10. Uhr. 

griebe! griebe! grühlich weh’t bie weife gähne von bem Äreuj; 
thurme httab! ©ach 6 Xagen fürchterlichen Kampfeb enblich griebe! 
©ott wollte bab unglücPliche Drebben nicht gan) untergehen (affen! 
$dtte fich t’ie ©tobt bib heute um 2 Uhr noch nicht ergeben, fo wäre fie 
in ©runb unb 99oben gefchoffen worben. 9(ber theuer, theuer ift biefer 
griebe, ber vielleicht auch noch flrofeb Unheil bringen fann, erlauft. 
Der Kampf an biefem borgen war beifpieUob mürbertfeh unb hat 
faft ebenfoviel Xobte geFoftet, alb bie vergangenen 5 Zage jufammen. 
©efonberb bie ^reufen haben fchrecftich gelitten; fie haben gepuffert, 
bie Kdmpfe in ©erlin, benen bab hier ftehenbe {Regiment auch 
gewohnt hat, feien ein Kinberfpiel gegen bie Drebbner Kdmpfe. 3ebeb 
$aub ift mit Sturm genommen worben. Xjfchinter foU auf ber 
99au$ner Strafe gefangen worben fein, alb er fich verfleibet hat aub 
ber Stabt (fehlen wollen 1 . — Die erfle ©efahr ift nun, ©ott fei 
DanP, vorüber, ©lüge aber ber griebe auch ©egen bringen! £> baf 
nur nicht je$t eine ©dhrung im Sanbe entftehr, faft noch furchtbarer 
alb ber Kampf felbft! 9l(leb bief Pann ber K&nig burch bie Annahme 

i ffla$e btt fcufflänbifdxn, weil 2tnj gm 3. ba$ äommatibo ber mit ü>nen 
fgotpot^ifteraibm fRationalgarbe niebergtlegt fcatte. 2 gntfam Didme&r in bie 
64)u>ei|. 


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60 


TOoi 1849. 


bet (Berfaffung ablenfen. £>! m6ge ©ott i|>n erleuchten, baß er txreS 
©oßl Sacßfen«, ba« ©oßl Deutfcßlanb« bebenfe! Da« ift bet innigfte 
©unfeß Deine« 

treuen Soßn« 


Heinrich. 


39] Sn ben SBfltfr. 

Dreöben, am 27. ©ai 49. 

Sieber Später! 

©ie febr mir bureß Deine beiben (e§ten (Briefe freubig überrafeßt 
mürben, Fann ich Dir gar nicht fagen. Die lange Trennung von 
Dir butte un« Faum baran benFen (affen, baß mir fange mit Dir 
jufammen fein mürben. — ©eit entfernt folcß’ ein ©lücF auch nur 
ju hoffen, mar ich f<hon froh, baß mir 3fu«ficßt butten menigflen« 
einige Hage mit Dir jufammen ju fein. Unb fieb’, ba merben auf 
Einmal unfre Füßnften ©ünf<ße übertroffen! £>! mie innig bube ich 
©ott für biefe ©oßltbat gebanft! ©ie felig bin ich, enblicß ben 
(Batet mieber längere £eit ju feben, naeßbem feine (ttbmefenßeit febon 
faff ein 3aßr gebauert! Du befommft mob( feinen (Nachfolger in 
Deiner Stelle al« (Btigabier ber l. Infanterie ? 3cß glaube biefe Stelle 
mirb aufgehoben, unb jebem Sinien*3nfanteries9tegimente ein'leicßte« 
(Bataillon beigegeben merben. ©b ich mobl recht bube? — ©a« unfre 
biefigen (Berßältniffe anfangt, fo ift bie (Borunterfucßung febon be» 
enbigt; in ben näcbften Hagen merben bie eigentlichen ©erhöre be= 
ginnen. Stnbemann unb ©ittig (Seßterer ift ©itrebacteur ber Dre«bner 
^eitg. 1 ), ©unbe, Äbcblp, 9lbv. ©runer (2anbtag«abg.) unb eine 
©enge Sitteraten, Scbriftfefcer, Slbvofaten unb SBürgerfcßulensSebrer 
merben flecfbriefli<b verfolgt. Die Signalement« ju ben Stecfbriefen 
ftnb erbärmlich, fo baß nach einem folgen Signalement Fein 6in* 
jiger gefangen merben Fann. (Bon ätbcßlp’n beißt e«: St, ift mittler 
©eftalt, but febmarje #aare (gar nicht mahr), braunen (Bart (ebenfall« 
nicht mahr), gebogne 9lafe, trägt eine (Brille unb fprießt ftarf unb 
geläufig. Hilter: 35. 3* Da« müßte mirflicß ein Haufenbfünftler 
fein, ber ätbcßlp’n hieran mieber erfennen mollte. ©an fprießt 
übrigen« bavon, mit Hlbficßt ß«be man bie Signalement« fo feßletßt 

i ©ie hatte fi<b am 4. (Rai bur<b ben Su«fptu<h bemwfletan: „Snblith vetlApt 
man ben abgef<bma<ften ©oben be* @efe«e6, bie ©tßeu »oe Sntafhing bri spricat; 
Eigentum«, unb eefennt ben revolutionären all ben einzigen gffcfclic$fn an." 


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SNoi 1849. 


61 


»erfaßt, bamit man burcg bic ©efangennagme ber #iupter ntc^t Uns 
annegmlicgfeiten gäbe. — ©eneral Scgulj 1 ifl jegt jur Siöpofttion 
gesellt unb wirb wagrfcgeinlicg entlaffen werben. Er gatte nimltcg 
ber Vefagung be8 £euggaufe0 (eine Vefegle jufommen (affen unb bas 
bureg ben £ob be* gtnt. $rtg gerbetgefügrt, ber/ bureg bie fegreefs 
litgßen ©erücgte (ba* SWilitär fei ubergegangen k.) gcingfügt, unb 
ogne ade Slaegriegten unb VergaltungObefegle, ficg erfcgoffen gat, 
trogbem baß er Weber ba$ Äommanbo nocg bie ©erantwortlicgfeit 
über fieg gatte. — Ser Slector gat eine Sammlung für bie unglücf* 
liegen SreObner veranfialtet unb gat 20 r( von ben Scgülern jus 
fammengebracgt. — Unfer Eiaffenlegrer, ber Eonrector, gielt in ber 
etfien Stunbe nacg ben Unrugen eine (Rebe an un$, ba* Süngltngös 
alter fei eine £eit ber Vorbereitung auf ba$ geben/ boeg niegt eine 
£eit jum felbftönbigen Jjanbeln unb Eingreifen in bie großen politis 
fegen ©irren, Siefe Siebe fam fo fegr auO bem Jjerjen, baß ber 
gute alte ü)fann ju weinen anßng. Unfer ©atgematicut benimmt 
flieg/ alä fei gar nicgto vorgefallen; er wirb wogl aucg niegt einges 
jogen werben unb in feiner Stelle bleiben. ÜBenn er abgegen müßte/ 
follte ei mir fegr leib tgun; benn feine Stunben (bef. bie Vggfit unb 
Ulgebra) jtnb fegr gut 1 . — 

Ein Äreujfeguler (Unterfecunbaner) ift im Kampfe gefallen; viele 
entflogen (Einer fogar in üRdbegenfleibern); jegt ftnb aber Sille wieber 
juruefgefegrt. Ein Spüler unferer Eiaffe/ ber bie provif. Sieg, bio 
nacg greiberg begleitet gatte/ wirb von 2 gegrern (bem Eonrector unb 
bem Dr. Sillig) günjlicg ignorirt, waO entweber eine Sefcgwerbe be$ 
Stgülert beim Slector ober ben Abgang betreiben jur golge gaben 
wirb. — 

£>! mocgte boeg Sein Verfprecgen balb in Erfüllung gegen unb 
Su balb jurütftegren ju 


Seinem treuen Sogne 

#etnricg. 


1 ©enrralmajor «. €djutj, ©ouoemeur bet Stabt, bet am 4. mit ben ftufftönbiftgen 
rint bebenflirge Äcnuenticn gefrgioffen gatte; am 6. roat ba< Jtommanbo Aber bie 
trappen einem anbem ©eneral gegeben worben. 3 utn tobe beb 2eutnant< Ärig 
»gt. OTontW, Ser fDtaiauffianb in Sretben. @. 111. 180 f. 2 23gl. Seutftge 
Mmpfe. Wetie goige. ©. 258. SBalfcer, jur geit aM ba< geftgrieben wnrbe (1883) 
gtofeffor in @iefjm, gat erfreut feinem frAgeren ©tgölrr in einem notg vorganbenen 
Äriefe gebanft. 


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62 


3«ni 1849. 


40] Vn bot SBattr. 

DreOben, am 3. 1 3un. 49. 

Sieber SSater! 

S« i|l heute ber (egte Sag meiner (pßngftferien, währenb beren 
(in ben (egten Sagen roenigften«) eine unerträgliche #ige (im Söaffer 
Waren 18°.) gerrfegte. Sie hat mich «her hoch nicht abgehalten 
fleißig RuPflüge )u machen. — So ficher wir auf Deine halbige 
Rücffegr gehofft hotten — jegt fegwinbet biefe Hoffnung mehr unb 
mehr, ba boch aller 2Bahrfchetnlichfeit vor ber Sinnahme griberieia’O 
unb einer anbem erlittnen (Schlappe Dänemarf fleh nicht )um ^rieben 
bequemen wirb. — Steßern erfchien bie oetropirte beutfehe Sßerfaffung. 
©ehe ©ott, bafj ft« halb von allen beutfehen Regierungen angenommen 
werbe! Denn, wenn ei auch «och fehr zweifelhaft iß, oh ba« gürßen= 
collegium mit einem fo fehr eingefchränften Reich«»orßanbe Deutfch* 
lanb J^eit bringen wirb, fo iß boch jegt Jur SBieberherßellung ber 
Drbnung unb jur SBermeibung einer gänzlichen Spaltung Deutfch« 
lanbO ihre Annahme burebau« nothwenbig. Unfre Regierung begleitete 
ben 2Jerfaffung«entwurf mit einer Rnfpraebe, bie einen fehr guten, 
berubigenben Sinbrucf macht. — Die SBieberherßellung ber befähigten 
©ebäube unfrer Stabt fchreitet rafch vorwärts. Die hilfabebürftigen 
DreObner werben fehr reichlich »erforgt. Der ^ieftge JjtlfOoerein hot 
fchon über 12000 rl eingenommen- 

Dein treuer Sohn 

Jheinrieh« 


41] %n ben Söatct. 

DreOben, am 12. 3uni 1849. 

Sieber Später! 

3egt iß ei wieber fehr lebenbig in Dteöben. Säglich fommen 
neue Solbaten an. ^ofner Xanbwehr, ©arbelanbwehr in ÜSenge; 
überall begegnet man ben citrongelben Dragonern biefer Seutc. Ruch 
Sachfen finb in großer Rnjahl ba, außer bem Regiment SKbert Sol« 
baten ber 2. Rhtgeilung von ber 2. 3nft.«SBrigabe. Die $arabe ber 
Sachfen iß täglich ein volle« (Bataillon ßarf, trogbem baß bie Sachfen 

1 25« Sntwutf in Uniontonfaffung wurbt im Dtrfbnnr 3oumal am 3. 3 nB * 
»ttÄffrotliq»; alfo ift b« SBrief nicht mit bem Original vom 3., fonbtrn vom 4. 
ju batimn. (©djurig ©. 31, 91.2.) 


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Dftob« 1860. #8 

nur bic Sleuffäbter SJkc^n, ba* «ieugbou*, &°* @<hf°§ unb einige 
Schläge befe§en. — Mehrere Verhaftungen finb roieber vorgenommen 
worben . . . Unfer Sfteetot hat auf ben Antrag be* Sonrector* unb 
be* Jjr. Dr. Vüttcber „bie bei bem Vartifabenfampfe beteiligten 
Schüler }u relegieren" eine abfchtägige Antwort gegeben, weil man eine 
Ühat, bie boeh bei ben Schülern nur au* Unbefonnenheit hervors 
gegangen fei, unmöglich fo hört beffrafen fünne, um fo mehr, ba 
felbff ba* Oericht bie Sföinberbetheiligten fogteich freigebe unb nur bie 
Anführer jur Stechenffhaft jiebe. — E* iff viel 2Babre* in biefer 
Äntroort; boeh würbe bie Schule bureh bie Entfernung ber Varrifabens 
fämpfer feinen großen Verluff erleiben. — 

Stainer iff immer noeh ber 211 te; er glaubt fletf unb feff, Du 
tverbeff an feinem Seburt*tage wäbrenb ber Veffheerung anfommcn 
unb un* ben erbeuteten «Säbel be* bänißhen 3Rarine*Dfpjier* mits 
bringen. 2Benn nur ber erffe Xheil feiner Hoffnung in Erfüllung 
ginge! Den Vtarinefäbel wollte ich bann gern entbehren 1 . — 3ch 
ffße jeßt in Deiner früheren Stube. Seffern hot ber Umjug ffatts 
gefunben, unb Sliemanb hot babei einen fch&neren Xauffh gemacht, 
a(* ich, währenb 3vfepbe mit ber inberung fehr unjufrieben iff. — 
Doch ffhon hot e* 6*/ 4 U. gefchlogen, unb ich muß fchließen. Äebre 
halb jurücf 

ju Deinem treuen Sohne 

Heinrich. 


42] Vn bm ®atrr. 

Sliemegf*, 1. JDctbr. 1850. 

Sieber föater! 

2tm Sonnabenb 2(benb hier angefommen, würbe ich auf* $reunb* 
lichffe vom Dnfel*, von ber Xante unb ben Äinbern empfangen unb 
beffnbe mich hier fehr wohl. 3t benufce bie viele freie >kit ju eins 
famen 2lu*flügen in bie Segenb, bie wahrhaftig gar nicht fo längs 
weilig iff, al* ich mir gebaut, benn SRoorffrecfen wechfetn mit fronen 
UBiefen unb ÜBälbem ab, unb nur nach einer Stiftung ju ffnb ents 
fe|lich übe Sanbflächen, auf benen nur verfrüppelte liefern gebeiben. 

-Da* Seben hier iff fehr einfach, ober ich werbe von 2ltlen 

außerorbentlich liebevoll behonbelt. £>ft, fehr oft höbe ich on Euch 

1 Cr ift au6 Xmtfrhfrt %>$(<>§ «balttn. 9 gwei 9Wrilen »tfHidj von Irtunu 
6rir*«u * ffriebrub von Dpprn, ®rabfi brr ÜRutter. 


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64 


OfrcbfT 1660. 


auf meinen Spajiergängen gebaut, benn itf> habe hier bie bege ®e* 
legenbeit meinem Jjange ju einfamen Spajiergängen nachjugeben unb 
mich mit meinen ©ebanfen ju befcbäftigen. — Xaufenb ©rüge vom 
ßnfel unb von mir an Sitte, befonbert an bie gute Butter, bie von 
ber Xante febr ftbmerjlicb vermiet »atb. — Sebe nochmals wohl, 
mein lieber, guter SSater; wie febr freut geh ®<<h om Sonntag 
Slbenb wieberjufeben 

©ein treuer Sohn 

Heinrich. 


43] ftn Stiebtj^ t>on Oppen« 

©reöben, 31. ßctbr. 1860. 

Sieber Onfel! 

©u wirg genrifj »erwunbert fein, bag ich ©ir fo fpät erg fcbreibe, 
unb, um offen ju fein, mug ich ©ir gegeben, bag idf» äßenig ju meiner 
<5ntf(bulbigung anfübren fann. ©er #auptgrunb ig, bag ich in ben 
(egten SBocben viel Arbeiten unb viel (Jinlabungen batte, fo bag mir 
wirtlich wenig 3eit jum Schreiben übrig blieb. — ©a mir aber ber 
heutige geiertag SDiuge jum Schreiben ‘giebt, fo nimm vor Sittern 
meinen h<tj(ichffen ©anf für bie freunbliche Slufnabme, bie ich bei 
©ir unb ber lieben Xante gefunben unb an [bie ich immer mit grogter 
greube jurüc(ben(e. — ÜBaO meine SHücPretfe anlangt, fo fuhr ich biö 
in ein ©orf hinter SSiemegf ganj allein im ^ogwagen; bort aber 
gieg eine alte grau — wabrfcheinlich bie Schwägerin betf bortigen 
SchulmeiflerO — ein, ber ich fo grogeö 3 utr ® uen einflfigte, bag fie 
ihre 7jährige, febr wohlbeleibte Xochter halb auf meinen, halb auf 
ihren Schoog pflanjte unb mich mit ber grügten greunblichfeit fragte: 
„©ieäUetne incommobirt 3b” en boch nicht'?", worauf ich mit beroifcher 
Selbgoerläugnung getö antwortete, bag ich äugerjf bequem ftge. Site 
aber ein ©entfb’arm ben Vollwagen anbielt unb Schwierigteiten machte, 
weil meine Nachbarin (einen ^oftfchein hotte, gng ge an gaatörecbts 
liehe SJorlefungen über bie Schäblidjfeit ber ©enbbarmerie ju holten 
unb ihre (Behauptungen mit einer folgen gluth von graubafens 
Alatfchereien ju belegen, bag mir ganj angg unb bange würbe. — 
Unb mein Ungern mugte eö fügen, bag biefe (iebenbwürbige grau 
auch ouf bem ©ampfwagen bio Sßittenberg meine 9lachbarin war. 
Sn SBittenberg begab ich mich fogleich in bie golbne SBeintraube, 


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Df tob ft 1860. 


65 


»o mir ein fe$r £immer angemiefen warb. 3<b fab mir 

alle SKerfwurbtgfeiten brr ©tabt an, »erfdumte auch nicht für bie 
SRutter ein ©t&cfchen 2utber*£ifcb unb einen Slbbrucf von Sutberb 
$etf<boft mitjunebmen. Söefonberb gefiel mir bie Sinfacbbrit ber 3n* 
fcbriften auf ben ©rdbem jber ©cblofjfircbe, bie ganj ju ber @t6§e 

ber SDidnner, bie fte »erberrlicben, pafjt-3n Seipjig fob »<b 

mir bab Xreiben auf ber itöefe an unb fuhr bann mit bem ftöittagbs 

juge nach Srebben, wo üb Sitte ganj wobl wieberfanb-9lo<b* 

malb, lieber jDnfef, meinen ^erjlidbftcn Sanf für Seine @ute . . . 
®ru£e bie Xante unb Seine Äinber berjlicb von unb Sitten unb be= 
fucbe unb bocb biefen ffiinter wieber. Su würbefi baburcb febr er« 
freuen 

Seinen treuen Neffen 

Heinrich »on Xreitfchte. 


L 


5 


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(Erffe ©tufcienjett in S5onn. 


/Äferabe einen Sföonat, nacpbem bie DreObener Äreujfcpule Ireitfcpfe 
entlaffen patte, empfing ipn, am 26. Slpril 1851, bie Univerfitbt 
Sonn. ©eine Seprer pier, foff ade in bet ©efcpicpte beutfcper 2Biffen« 
fc^aft unb Literatur namhaft unb peute nocp fottfebenb, fcpilbert er 
felber in feinen Sriefen. Die ftbrffte 2Birfung, menfcpUcp nocp tiefer 
greifenb ale miffenfcpaftlicp, unb lebenslang fo bauernb, fam ipm von 
Dahlmann. Den gelehrten gorfcper mochte er hier unb ba fcpon 
fritifcp betrachten; aber bie in ber moralifcp«wiffenfcpaftlicpen ©efamt« 
perfbnlicpfeit beS SDianneS fiep barftellenbe Sehre — wie Xreitfcpfe 1864 
fcprieb, „wae baS fcpwete 2Bort bebeute: bie SBiffenfepaft abeft ben 
Cparafter" — bie pat von Dahlmann feiner mittiger jugleicp unb 
mutiger empfangen als biefer waprfcpeinlicp jungfte feiner bamattgen 
J&brer. 

Unter ben greunben, bie Streitfepfe jundepft in Sonn fleh neu ge« 
wann ober boch erfl burch nahen täglichen Umgang für immer feft 
an ftch fn&pfte, treten vor atten jwei pervot: Sttfreb von ©utfepmib 
unb ttßtthelm tttoff. Den erflen, brei 3apre dlter als er, fannte 
Slreitfepfe von feiner Äinbpeit an, benn ihre gamilien verfehrten freunb« 
fchaftfich mit einanber. 9fucp ©utfepmib befuepte bie Jireujfcpule unb 
begann pier fepon ben ©runb ju feiner unabldffig fiep auSbreitenben unb 
forfepenben ppiiologifcp«piftorifepen ©eleprfamfeit ju fegen; wie ber 
bamale von ipm ebenfo wie von Dreitfepfe PefonberS geliebte Ä6cplt> 
einmal gedußert pat, war er alb Tertianer bereite „bie Sanbplage ber 
großen DreSbener Sibliotpef* unb halb ber ©epreefen jebeS in feinen 
dtenntniffen niept ganj fieperen SeprerS. Dreitfcpfe ließ fiep als ^)ri= 
maner wiffenfcpaftlicp von ipm beraten, erpielt burep ipn von SXommfen 
eine gewänfepte 2luSfunft Aber baS hefte $anbbucp ber rbmifepen 
SRecptSgefcpicpte unb Ratfcpldge ffir feinen bevorflepenben Univerfitdts* 


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Srft» Stubitnjfit in SBonn. 


67 


befucg. 211« beibe gleichseitig nach SBonn gingen unb auch gemein: 
fcgaftlich eine SfBognung bejogen, batte ©utfcgmib fcgon fecg« Semefter 
in Seipjig kubiert. 3n 93onn waren bie miffenfcgaftlich für ign be* 
beutenbßen Segrer SRitfcgl unb Soffen unb baju noch Dahlmann, ben 
er ebenfo gocg ßellte wie Zreitfcgfe; „Jperobot unb bie ©efcgichte 
Dänemarf« machen ibn unterblieb", bat er einmal von Dahlmann 
geurteilt 1 . Da« wiffenfcbaftiicbe Streben unb ä&nnen Zreitfcgfe« 
gewann früh feine Sichtung; er faffe alle« tiefer auf, fchreibt er ihm 
fchon 1854, unb balb barauf hofft er von ber „au«gebreiteten Äenntni« 
mittelalterlicher ©efcgicgte" be« längeren greunbe« in einer eigenen 
wiffenfchaftlichen Arbeit gefürbert )u werben. 

Such ber weitere SBrtefwechfcl — leiber in bem von Xreitfc^fe 
gerrügrenben Anteil recht unvollfttnbig erhalten — bezeugt wie emß* 
lieh unb wahrhaft biefe ©erbinbung bauerte. Unb boch waren bie 
beiben Sacgfen in ihren geifügen Anlagen, wie äußerlich in Srfcgei* 
nung unb ©egaben auffallenb verfchieben. ©utfegmib würbe auf 
feinem weiten gorfegungögebiet ein ©teißer ber Äriti?. Slber wäbtenb 
bem ftebjebnjAbrigen Zreitfcgfe fchon ba« „ewige ©orbereiten manchmal 
recht unerträglich" werben will, fam ©utfegmib Aber bem raßlofen 
©fer, fein SBiffen ju mehren unb feinen gelehrten Scgarfßnn ju 
jeigen, lebenölang nicht ju grüßeren aufbauenben Arbeiten. Unb 
ebenfo hentmte feine unbebingte Scgäßung (ogifcher Äonfequenj ba« 
politifcge Urteil in ihm; Zreitfegfe faßte auch biet tiefer auf. Sange 
3eit ßimmte ©utfegmib mit bem greunbe überein, wirfte fogar von 
Äiel, wo er 1863 ©rofeßor würbe, in ben beiben näcgßen fahren 
erfennbar auf beffen ©ublijißif ein. Slber feit 1876 trennte beibe erff 
Zreitfegfe« Stellung jur orientalifchen grage, bann feine ^ufKmmung 
ju ©i«maref« SBenbung in ber inneren ©olitif. Doch bie alte gteunb* 
fchaft hielt ßanb. Zreitfegfe bemühte fich nach Dropfen« lobe 1884 
für eine Berufung ©utfegmib« nach ©erlin, unb biefer empfing mit 
greube unb faß uncingefcgränfter £ußimmung jeben ber erßen brei 
©änbe ber Deutfchen ©efebiegte, bie er erlebte. ©och bie legte .Karte 
vor feinem Zobe im ©?ai 1887 fagt bem Sugenbfreunbe ^hetjlichen 
Danf" für bie £ufenbung be« biogtaphif<hen Sluffageö über SRajt 
Duncfer, in bem „Sllfreb v. ©utfegtnib, ber gefürchtete Äritifer," al« 
befonber« gewichtiger @etvähr«mann auftritt. — 

1 6. gnut) Wähl: V. v. @utf<bmib, ÄUin« Segrifttn b, €>. IX ff. unb »gl. 
golitif 1, 207 f. 

b* 


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68 


€rftf Stubitnjnr in Sonn. 


Siel enger noch unb wdrmer war 3^re»tfc^fed greunbfcbaft mit 
9Bi(be(m 9loff, ber al« ©tubent ber (Rechte im britten ©etnefler Herbfl 
1861 mit feinem Sruber Stubolf nach Sonn (am. Hier traten beibe 
fogleicb in bie granfonia ein. 9tach ÜBeibnachten würbe auch £reitf<$te 
(Dlitglieb biefer Surfcbenfcbaft, unb im felben ©etnefler ^6rte er £a&U 
mann« ^olitif jufammen mit 91 off. £reitfcbfeß Sriefe faff ganj 
allein liegen al« ftc^erffe ^eugniffe biefer jweiten £eben«freunbfcbaft 
oor; oon 9loff finb nur brei au« ber erften 3 e ‘* unoollffdnbig ers 
galten. Jjingebenbe Sewunberung ber griffigen Segabung unb be« 
„granitenen äßillen«" be« faff jwei Sabre jüngeren greunbe« fpricbt 
au« ihnen; „bemalte mich lieb, wie ich Dich", fo fließt ber erfle au« 
bcm Desember 1852. 9(1« Streitfcfcfe ft<^> 1867 mit ber ©cbweffer 
oon 9loff« erfler, früh geworbener grau oermdblte, war ba« greunbs 
fcbafttbanb fcbon Idngfl feff gefnüpft. Sine irenife^e 9tatur, ging 
ÜBityelm 9loff hoch oon früh an füll be^arrlicf> oorgeflecften fielen nach; 
nicht« Unbdnbige«, X)dmonift^e« fc^eint ihn je innerlich gehemmt $u 
haben. 9(1« er — ©o$n eine« ©pmnafialprofeffor« in Sruchfat, ber 
1848 al« JDireftor be« Spjeum« nach greiburg fam — 1901 au« bem 
9(mt be« (eitenben babifchen SDJinifler« fdjieb, nac^bem er lange Sabre 
jumal für bie bücbflen wiffenfcbaftlicben 9lnfialten be« Sanbe« uner« 
müblicb gewirft batte, ba folgte ibm überreiche 9lnerfennung au« allen 
Greifen ber Heimat in bie furje faum mehr al« anberthalbjdbrige 
?eben«frift, bie ihm noch blieb. Sn einer ©tellung, bie notwenbig 
fo oiele Hoffnungen unbefriebigt (affen muß, fcheint er fich feinen 
perfünlichen geinb gefchaffcn $u hoben. — 

2reitfcbfe« erffer Slufentbalt in Sonn, beffen innere unb dußere 
Srlebniffe feine Sriefe fo lebenbig fchilbem, enbete am 10.9(uguf! 1852. 


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44] Sn tat ©ater. 

Sonn, 30/4 51, ©benb$. 

ÜWein lieber Qtater! 

3fch habe mich fo fehr auf ben erften ©rief an Dich gefreut, bafj 
ich mir @ewalt anthun mujjte um Dir nicht fchon am ©tontage 
einen ©rief gu fthicfen, au* bem Du boch nicht mehr erfeben hitteft, 
ale bafj ich wohlbehalten hier angenommen bin. J)eute aber tonn ich 
mich bo<h nicht langer begdhnten unb habe auch fchon mehr gu fchreiben. 
@o nehmt benn vor ©lern meine heften @rfifje, alle 3hr Sieben gu 
Jjaufe, unb befonbert Du, mein lieber ©ater, unb bie gute ©tutter 
meinen Dant für bie ©t&h«/ bie 3h« Such noch julegt wegen meiner 
Steife gegeben hobt; ich wrbiene ba* nicht. — 

Doch 2fhr werbet fragen, wie e* mir ergangen ift. — ©dhrenb 
brt erften £age* holte ich bi* nach ©tagbeburg gräfliche* ©etter (ba* 
macht freilich bort {einen Unterfchieb im Stnblicte ber (Skgenb) unb 
wombglich noch fchkchtere Steifegefellfthaft; benn ich war ber eingige 
‘Sachenbe im gangen Soup* unb (onnte mich nur hi« unb ba mit 
ein Paar parifer Proletariern frangbftfch unterhalten, wenn fte ft<h 
bewogen fanben einmal nicht gu fthlafen ober ftch nicht burchguprfigeln; 
benn biefj waren ihre Jg>auptbefchäftigungen. ©on ©tagbeburg au* 
fuhr ich »Mt einem g&ttinger ©tubenten, einem febr guten ©efell: 
fchafter; ba* ©etter befferte ftch auch; furg, bie ga^rt nach Hannover 
war fehr angenehm; bat ©achtquartier bafelbft au*gegeichnet gut unb 
fehr billig. 5£ag* barauf fuhren wir fr&h & Uh« beim fünften ©etter 
nach ©eftphafen, unb gwar bilbete unfer Soupl eine fonbcrbare ®ruppe; 
bie 3nfaffen beftanben au* befagten 2 grangofen, bie aber h«ute eine 
wirtlich fabelhafte ©irtuofität im ©chnarchen entwicfelten, au* einem 
franghfifchen Sion, ber un*, feine Sigarre rauchenb, mit ftiller ©er: 
«(htung ftrafte; einem Stuften, ber un* mit ben rufftfthen Stfenbafms 
projetten unterhielt; einem im fünften .©ächfifth rebenben SUtem 


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70 


ttprit 1861. 


burger; einem Hamburger ?abenfchmengel; enblich au« «nein ©chle«* 
mig*#oldeiner, Warnen« Ärufe, einem tretet angenehmen Wlenfchen, 
bet ebenfad« h»e* j n jg onn fhibtrt, unb mit bem ich atfo f<h»n auf 
bem Dampfmagen WeFanntfchaft machte. Die herrliche @egenb, Wurfe* 
bürg, bie $orta Sedphalica/ SKinben, unb al« fich ba« ?anb admdlig 
mieber verdachte/ ber eigentümliche SfjataFter biefe« SBiefenlanbeö/ 
bie grofen fchünen ©ehüfte, bie Reefen, bie Saubholjmdlber unb auf 
ben $auptffationen ber ^utnpemicFel mit bem medphälifchen ©chinFen/ 
unb bie unau«ftehüchcn Jagereien ber >}odbeamten (mir (amen ja 
burch 4 beutfehe ©rofjmdchte/ bie jebe einem anberen >tod»«*&onbe 
angehhrten) — 2Hleö ba« gab ber Steife 2lbmechftung unb Steij; aber 
ber Jpimmel marb immer finftrer; in Äüln jogen mir bei Stegenmetter 
ein; ber alte Water Sihein mar fchmufciggelb von bem langen Stegen/ 
unb al« mir Slbenb« y 2 7 U. in Wonn anFamen/ hotten mir nur menig 
von ber ©egenb gefehen. Stm Wahnhofe mürben bie guchfe von einem 
©entleman in «JeugfHefeln, feinem Wurnu«/ Watermürbem pp. pp. 
empfangen/ ber dt erbot un« ein Quartier ju jeigen unb jugtefch 
— benfe Dir unfer Srdaunen — fich at« unferen SBichfter prdfentirte. 
Sr brachte mich auch glucFlich hierher jurn Sonbitor ÜBelter, Wrüber* 
gaffe 1037/ mo ich »*n erden ©tocF ein aderliebde« Quartier unb fehr 
andünbige unb biendfertige 2Birth«leute höbe. (Der ^)rei« id freilich 
ö r( per Wlonat.) Die Sinrichtung unb befonber« bie £uvorFommen* 
heit ber Seute, bie 8lde ein fehr fchone« Deutfeh reben unb nebenbei 
furchtbar bigott finb — benn (ein Wtenfch mirb hier bemuthiget unb 
mehr gegrüßt, al« ein Sefuit in (ohlfchworjer Xracht; ber hot ja Sacht 
Aber ba« ©eelenheil — lüft Wicht« $u münfehen übrig. Die ©tabt 
id fehr nett unb bedeht gang au« neuen Käufern; bie Univerdtüt id 
ba« frühere Furfürdliche ©chlofj unb prachtvoll/ mirflkh fürfHich ein* 
gerichtet. Die Umgebungen berfelben d«b reijenb, gro§e alte Äadonien* 
adeen unb herrliche Siefen/ gerabe mie bie Willniger Saide. — Da« 
Setter mar aber am Sontage, gedern früh unb heute fo grifjUch/ 
bafj ich wenig ober Wicht« von ber Umgegenb fehen Fonnte. 8lm 
SontagsWachmittage mar enblich einmal ein heller Slugenblicf; ich 
benufcte ihn foglnch um ben #ofgarten ju befuchen; unb benFt Such 
meine greube, al« ich *ni<h bort auf bie brühlfche Xerraffe in Dre«ben 
verfemt glaubte; mie fehr hohe ich nicht ba an Such gebacht; gerabe 
unter mir ber Sihein; jenfeitö eine Wordobt von Wonn; linF« in 
meiter Seme Seinberge/ mie in Dre«ben bie 86f>nifcer Wge; recht« 


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aptii i85i. 


71 


ober ba* ©iebengebirge in feiner ganjen Fracht unb ©roße; Dramen« 
fei*, Rolanb*ed, ©obeöberg mit ihren alter*grauen Stürmen, SBJein« 
berge wie mit Schnee bebecft non ben blühenben ©äumen, unb un* 
|dh(ige anbere ©erge in großartigen, abenteuerlichen ©eflalten winften 
herüber unb fcßienen lächelnb auf ihre luftigen $&hen einjulaben; 
unb al* bann ein ©ewitter vor bie ©onne trat, ba fchienen fte 
brohenb näher ju treten, n>ie toarncnbe fftahner. — Äurj, c* mar 
ein Rnblid, wie ich noch deinen (weiten in meinem Sehen gehabt; ich 
(onnte mich nicht lo*reißen, bi* ber ffrhmenbe Stegen mich nach J)aufe 
trieb. 3a, unb )u Jj>aufe? — Da führe ich jeßt noch ein recht 
einfamc* Sehen. Die Sollegien gehen erft ben SRontag an; nur 
©&c(ing lief! fchon morgen, unb beßhalb ifl ei fehr gut, baß ich nicht 
fpäter gefommen bin; ba* ÜBetter ift auch f<^>lcc^t, unb beßhalb bin 
ich nieift ju Jpaufe unb arbeite ober ich 0«h« in bie ©tabt wegen ber 
3mmatrifu(ation pp. Diefe iß nun heute glüdlicß beenbigt . . . 
De* Rector* SRagniftcenj, wie e* hier heißt, Dr. Slrgelanber, *)>rof. 
ber Slftronomie, ein fchlichter unb bieberer fOtann, ju bem ich im erften 
Slugcnblide fchon ba* grbßte Zutrauen faßte, vereibigte un*; unb ich 
erhielt nun meinen ©tubienplan, bie ©efege unb bie fchriftliche ©es 
Reinigung, baß ber vir nobilissimus S). ©. t>. D. a(* stud. historiae 
et cameralium immatriculirt worben ... fßteine Sollegien hat mir 
heute ber ^rof. ©iding georbnet: ich h^re: Snßitutionen bei ©bding 

6 ®t; Slltbeutfch unb beutfehe SOtpthologie bei ©imrod, jufammen 

7 ©t; granjoftfehe Revolution, hißorifche Uebungen unb (?) ©efchichte 
be* 15. 3ahrh* bei Soebett, juf. 7 ©t; ©efchichte ber griechifchen 
©taat*verfaffungen bei ©ernap* 3 ©t; enbtich bei Dahlmann ein« 
ftünbig ffanbinavifche ©efchichte, eigentlich ein unbebeutenbe* Solleg, 
aber boch wichtig, weil ich burch Dahlmann* Darßellung fieser einen 
©egriff von hißorifchet SRethobif befommen werbe, ber tebenbiger fein 
muß, a(* ein burch bloße* ©üchertefen empfangener; bieß finb mhchent* 
(ich 24, alfo täglich 4 ©tunben; auch bieß fanb ©6ding noch jus 
viel; rieth mir bie ©efch. be* 15. 3ahth* auch wegjulaffen (wie 
ich SRehrereö, wa* ich erß hören wollte, auf feinen Rath geßrtchen 
habe); barüber will ich aber noch mit Soebett felbft fprechen; ich 
werbe fehr (Siel ju thun haben; über r&mifche* Recht lefe ich fchon 
ju JJ>aufe in SJding* unb Raiter* 1 Schriften; e* jieht mich fehr 

1 BBaltn* „916mif<ht'(Rf<bt6aff<bt<btt* mar tt Wen, Vit SWommfm 1861 fc$on Vtm 
Primaner brr Ami)f<bu(r burch @utf<bmib tmpftbltn litf. 


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72 


TOai 1861. 


an; tarn wenigflent im Anfänge giebt et »iet ©toff junt 9lacbbenfen; 
unb ich will nur hoffen, baf (6 fpäter nicht jur blofen ©ebächtnifs 
belabung bwobfinft; (6 nimmt »iet £eit weg unb nutest manche 
9tüb<> aber ich glaube unb hoffe, 99ütfing bat SRecbt, wenn er mit 
folcher 99egeiflerung baoon fpriebt. 99. ift ein febr liebentwürbiger 
SDlann, auferorbentlicb jutrauenerweefenb; noch ein fDtann in ben 
beften Sohren; er fpracb mit ber grftften greunblicbfeit über meinen 
©tubienplan, ohne baf ich ib« barum gebeten; ber Smpfeblungtbrief 
vom SRector festen boeb gute Dinge ju fagen; benn 99. erfunbigte ficb 
auf bat Xbeilnebmenbfie nach meinem Seiben; wobei er freilich nicht 
ahnen mochte / wie febr folget SDHtleib fchmerjt; er bot mich einge* 
loben, fo oft, alt ich wolle, ihn 9(benbt )u befueben, wo er oft 9>ro« 
fefforen unb ©tubenten um ftch febe. 3<b will w&nfchen, baf ber 
Smpfang bei ben übrigen ^rofefforen ein gleicher fei. borgen gebt 
et bei 99. an; ich 0<b« mit frohem fOhitbe an bat 2Derf, oerbeble mir 
aber nicht, baf mein ©tubium ungeheuer fchwer iff unb bie gr&ften 
Slnfrengungen forbert. — SBat bie ginanjen betrifft, fo benfe ich 
mit jährlich 300 rl autjufommen, wenn ich nur für bat erfte ®e* 
mefler ffatt 150: 165 ob. 170 rl erhalte, ein Uebetfchuf, ber fich aut 
ben 3mmatriculationt*, Sinricbtungts unb SReifefoflen erflärt. Quar* 
tier, Sollegien, 99&cher, jUeinigfeiten ftnb tbeuer; wat aber ju bet 
Sebent $rofa gebürt ifl fabelhaft billig ... Doch ich höbe Dich fchon 
)u lange ermübet; bat nächfle 2Ral hoffe i<b Dir ÜRebr oon ben 
Sollegien unb neuen 99efanntfcbaften fehreiben ju f&nnen. Xaufenb, 
taufenb SJrüfe an alle bie Sieben, an bie ich täglich, ) a ffünblich, benfe. 

Schreibt boeb recht, recht balb einmal an 

Suren Heinrich. 

3cb war Slnfangt viel trauriger; aber feit ich geftern in @obet= 
berg unb am SRheine war, bin ich wieber ganj glüeflieb ... 


46] Bn ben ©ater. 

99onn, 17/5 51. 

SDtein lieber 33ater! 

@eftern hoben enblich olle meine Sollegien begonnen, unb ich fann 
Dir alfo beute einen recht oodfttnbigen 99rief febreiben, ber, @ott fei 
Dant! febr froh lauten wirb, benn mir gefällt et unbefchreiblich hier. 


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Wat 1861. 


73 


unb bab freie Stuben ten leben fibertrifft gerabe hier, wo ich fo treffliebe 
©rofefforen hüten fann, ber wtffenfchaftliche Sinn alfo auch baburch 
immer rege geholten wirb, unb wo bie herrliche ©atur (Sinen wie mit 
einem Strome von greube unb @lücf uberfchuttet, alle meine (Srs 
Wartungen. Dennoch ifl (um mich gleich ju Anfänge einer bittren 
©flicht }U entlebigen) biefeb Stficf nicht ohne einen febr bitteren ©ei* 
gefchmacf; benn mein alteb Seiben brucft mich gerabe je§t wieber febr; 
eb gebt im Slllgcmcinen fcblecbt mit meinem @ehüre, unb überbief 
ftnb mir bie Organe unb bie ©ortragbweifen ber ©rofefforen noch fo 
fremb, baf eb wohl noch geraume ^eit bauern wirb, bib ich eb ju 
einem »ollflinbigen ©erflinbniffe Silier bringen werbe; ja ich jweifle 
fetbft baran, baf eb je fo weit fommen wirb; — auch in anberen 
©erhiltniffen, befonberb bei @efpr&chen mit Stubenten, macht mir 
bief oft gtofe Unannehmlichteiten; unb wenn ich/ befonberb in ben 
erflen ©Jochen, manchmal wdbrenb eine« ganjen (Sollegb fein etnjigeb 
SBort oerffanben hotte, machte mich bie# oft gang trofllob; ich oer* 
flehe mich ftlbff gar nicht mehr; ich ?ann nicht begreifen, baf ich int 
SUlgemeinen fo froh unb heiter unb oft wieber fo grenjenlob unglucf* 
(ich mich fühlen fann; aber ich will mich nicht werfen (affen, greis 
(ich oerurfacht mir mein Seiben oiet ©lühe, benn nur in ben wenigffen 
Kollegien fann ich baran benten nachjufchreib«, benn felbft wenn ich 
ben Docenten gut »erflehe, muf ich boch fletb bie #anb am £>b*e 
haben. Dab ©athholen wirb mir aber freilich leicht gemacht; benn 
©utfehmib bürt fafl alle (Sollegien, bie ich hüte, auch; ich brauche 
alfo nur in beffra Stube ju gehen um mir feine Jpefte abjufchreiben. 
3ch fehe jeboch ein, baf bie# nicht fo fortgeben fann; nun hatten mir 
bie ©roff. Sücfing unb ©ertfeb bringenb gerathra einen biefigen be» 
rühmten Slrjt, Dr. SBolff, ju fragen; ich d> n d alfo geflern ju ihm, 
befonberb um 'mich bei ihm wegen ber dtehorinflrumente, ber fog. 
abrahamö in Stachen, ju ertunbigen. (Sr aber fchien mich für gan§ 
taub ju halten, lief mich gar nicht aubreben, woher bao Seiben firne, 
fah in einer finflren Stube einen Slugenbltcf lang in jebeb £>hr, 
frug mich/ wie alt ich fei/ unb brüllte mir bann }u, ich falle mir 
»on einem SBunbarjte eine (Sinfprifung geben (affen/ um bie ©ebür* 
ginge ju reinigen, unb bann wicbertommen. — ycp muf geflehen, 
baf mir biefe ganje ©ebanblungbweife burchaub fein Zutrauen ein* 
flüfte; bann weif ich ) a auch nicht/ welchen ÜBunbarjt ich gebrauchen, 
unb womit biefer bie (Sinfprifung vornehmen foll — furj, ich halte 


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74 


(Woi 1861. 


e* für ba* (Befle, ben Dr. 2Bolff ad acta ju (egen; ic^> müftc ja 
ri*firen, bafj mir ein ungrf0idter <Sh«rurg bie wenige no0 oorhanbene 
©«hbrfraft ganj verniete. ©i0 aber bitte i0 r<0t 'bringenb, mein 
lieber (Battr, einmal ben Dr. Kmmon ober fonfl einen tüchtigen Krjt 
in ©reiben über biefe Kbraham portc-voix ju fragen, Keine fübrtne 
£>hrmuf0eln, bie, in ba* JD^r geflecft, felbfl ben taubften 3Rcnf0en 
fafl »olle ©ehürfraft geben follen, wie ber Srfinber Kbraham in 
SörtiffeC »erfi0ert ... 30 will ben SDiuth ni0t finfen (affen, unb 
©ott wirb f0on weiter helfen. — 

©iefe* faure Äapitel wäre benn glüd(i0 überflanbcn, unb i0 fann 
nun von froheren ©ingen fpre0en. £uo6rberf} meinen h«tjü0ft<n 
©an! für ©einen (ieben (Brief, ben i0 noch 2 Sage »or ber Äifte 
erhielt, ©ann meine heften 2Bünf0e jum nÄ0ften greitag, ben i0 
(eiber ni0t mit €u0 feiern fann ‘; no0 ganj genau erinnre i0 mi0 
baran, wie mein Keiner Stainer legte* 3ahr an biefem Sage feine 
6fonomif0en Talente entwidelte, inbem er bie Sorte für überflüffig 
hielt. 30 werbe biefen Sag beim ^rofeffor Berthe* jubringen, ber 
jeben §reitag um 9 Uhr eine SRenge ©tubenten bei f?0 fleht, gär 
ben (Brief an Berthe* bin i0 bem #auptmann Sf0irf0fp fegr banf» 
bar; benn $. ift perfon(i0 ein fehr liebenöwurbiger (Wann, unb bie 
©efe((f0aften bei ihm geben mir ©elegenheit, (Be!anntf0aften §u 
ma0en. Ueberhaupt war ber Empfang bei allen ^rofefforen, felbft 
ba, wo i0 ni0t empfohlen war, au*gejei0net freunb(i0. ©en größten 
Einbrud von ihnen ma0te ©ahlmann mit feinem ernften, fafl f0roffen 
ffiefen auf mi0. Er hat viele bittre Erfahrungen gema0t; baher bie 
©ufterfeit feine* ÜBefen*; aber no0 hat ber (Wann von 65 3agren 
fein graue* #aar; Knfang* war er fehr ftill unb barf0; a(* er aber 
ben (Brief vom Stertor Älee gelefen, fpra0 er mit ganj eigenem (Sefen 
ju mir, e* flehe »iel 3tühmli0e* für mi0 barin*; i0 folle fo fort» 

1 $o<hjtitStag brr Aftern. 2 mar mit Z)ahlmann mdfjrmb beffen Aufenthalt 
in Seipjig, im hinter 1837/38 in perf6n(i<he ©ejiehung gefommen unb ^atte 
frinei Sohne* Hermann, ber bort bis 1839 bie itlpomaSföule befugte, freunb(i<b 
fbrbemb angenommen. ©p&ter beforgte er bie Aorreftur ber „€nglif<hen (Revolution*. 
(Springer, Dahlmann 2, 45.146.) Au<h 3* ®«ntm fc^d^te Jttee bur<h baS 
2ob, baS ihn im SDormort |um MSrterbud) „ben aflerfleifcigflen unb einfi<htigfien* 
Mitarbeiter nannte, mar er, mie Sutfömib im Mai 1854 an |£reitf$fe ftyeibt, 
bamafS in £reSben ,ber S6me beS itageS' gemorben*. — Übrigens mar Älee 
ein angeheirateter fetter £reitf<hfeS; feine erfle, all biefer ihn fennen (ernte f<hon 
verdorbene {Jrau mar bie Ältefle $o<hter ber fcante €mi(it SBeinlig gemefen (og(. 
6. 28 Anm. 3). 


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Wai 1851. 


75 


fahren um meinem Baterlanbe gu nügen pp. unb alß er mir bann bie 
Wanb gab unb mich mit einem burchbringenben Bltde anfab, warb mir 
gang eigen gu SRutfje; eß mar ein Slugenblid, mo idf» beutlicb mir be* 
mußt warb, wie Diel icf> gu tbun habe, unb ben feften Sntfcbluf fafjte 
gu (eiften maß icb triften fann. Unb nun oollenbß Dablmannß Bebanb* 
lung bet ©efehiebte: biefe Klarheit unb Hraft ber ©pracbe; biefer 
göngliche Mangel an leeren Bbtafcn unb prunfenben Webewenbungen; 
dar unb febmudloß fließt feine Webe, nur b<< unb ba unterbrochen 
bureb ein geiftreicbeß ffiort, über beffen inbaltßreicbe Hürge man 
fhinbenlang naebbenfen fann. — Daß oollfldnbige ©egentbeil oon 
Dahlmann ift ber alte SHrnbt, ein gemittblicbet, gefcbroö§iger 2l(ter, bie 
{ebbaftigfeit unb Weiterleit felbfl. 2(lß icb bei »’bm eintrat, fafte er 
mich fogleicb bei ber Wanb, f^üttelte mich, frug gar nicht erft nach 
bem Warnen, fonbem begann fogleicb mit fabelhafter SRebefertigleit 
über Staufenberlei gu fpreeben; boeb febimmert auß feinem gangen 
Sefen ein fo bieberer, geraber ©inn, eine fo tiefe $römmigfeit bin« 
bureb, baff man auf baß fffiobltbuenbfie baoon berührt mirb. ©eine 
(Sollegien befuge ich, nicht um etmaß gu lernen, benn er bringt nur 
centies lecta, fonbem um mich an biefer jugenblicben Wüfligfeit gu 
erfreuen; er lieft wöchentlich 2 ©tunben öffentlich über europiifebe 
SolFerfunbe unter ungeheuerem £ubrange. Da meine liebe fWutter, 
wie ich eß mir ooraußgebaebt, baß ©ebenfbueb nicht mitgefebidt batte, 
gab ich bem alten Slmbt ein SKbumblatt unb roerbe nücbftenß mieber 
bingeben um eß abgubolen. (Baß bie übrigen 93efte(lungen]ber (Warna 
anlangt, fo habe ich oon (Wufcbeln trog mancher Bemühungen biß 
je$t noch nicht bie ©pur gefeben ... Den ^appruß bat StCtfreb bem 
^rofeffor ©eiffartb nicht abtoden lönnen; eß wiebft aber Achter igpps 
tifeber im botanifeben ©arten in ieipgig; münfebt bie SWutter alfo 
welchen gu haben, fo ift eß wohl baß Bcfte, wenn fte an grau oon 
ÜRangolbt in Seipgig fchreibt ober wartet, biß ich bahin fomme. 3(n 
Bemühungen fDtufcbeln gu finben werbe ich nicht fehlen (affen; 
ich habe ja auf ben ©pagiergüngen ©elegenbeit genug; unb biefe 
werben fleißig angeftedt; benn eß ift mir unbegreiflich, toie Siner hier 
in ber ©tabt Ineipen ober Harte fpielen fann, wibwnb baß berrlicbfte 
Setter in biefe noch fchönere ©egenb einlabet, kleine £eit ift gwifeben 
Arbeiten unb ©pagierengehen getbeilt; gu arbeiten habe ich afferbingß 
febr oiel, aber eß oergebt fein £ag, mo ich nicht wenigftenß eine 
©tunbe fpagieren ginge; bie beiben Wachmittage in ber (Boche, wo icb 


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76 


9Rai 1861. 


galt) frei oon Sodegien bin (an ben übrigen höbe ich i* 1/ nur ein: 
mal 2 ©tunben, aber leiber ademal oon 4—5 ob. 5—6 Upr), werben 
regelmäßig ju großen ©pagiergängen benugt: DracpenfelP, 9totanbPec(, 
Blonncnmörth, £reu)berg, ^Petertberg unb wie bie Orte ade h«ßen — 
idf» mochte wißen, wem bort bap Jper) nicpt weit würbe non froher, 
(üpner ?uß am {eben unb von ©epnfucpt pinauP )u eilen in bic 
weite 2Belt. Jjier pabe idf» recht einfeben lernen/ roap ber fentimentale 
äRährcpenfram, ben fegt eine SOfenge oon SBücpem prebigen, für um 
natürlicher Unfinn iß. Unfere SRutter Blatur iß wahrhaftig. oiel )u 
fchün unb groß unb bot nicht nütbig erß mit SDlährcpengeßalten auP: 
gepu§t )u werben um jeben reinen ©inn )u ent)ücfen. — .Rur), mein 
lieber 93ater, eP iß herrlich hi»/ unb ich ?onn Dir nicht genug banfen, 
baß Du mich hierhin haß sehen laßen/ wo Ropf unb @emütp fo 
»iel Nahrung ßnben. — 2BaP bie @tubent[en]fchaft betrißt/ fo iß im 
Allgemeinen unter berfelben (ein guter ©inn, benn eö mangelt aller 
©emeinßnn. — Die ©tubenten fpalten ßch in eine SRenge »on ®er* 
binbungen unb Sliquen, unb wer irgenb 93e(anntfduften ju machen 
wünfcht, muß ßch wenigßenP )u einer 93erbinbung hollen, wenn er 
nicht gerabe eintreten will. DaP Duell iß fehr an ber ÜagePorbnung; 
man rechnet auf ben Xag 3—4 (alfo faß fo oiel alP in Jpepbelberg; 
in ?eip)ig rechnet man auf je 3 Dage 1 Duell). Sb giebt hier 7 Rorpp, 
b. h- atißofratifche iöerbinbungen, oon benen aber bie eine montäglich 
immer lieberlicher iß, alp bie anbre; 1 {anbPmannfcpaft, bie baP 
Duell gan) oerwirft; 3 gemäßigte 93urfcpenfcpaften, bie ßch nicht mit 
3>o(iti! einlaßen; enblich 1 rabieale SBurfcpenfcpaft. Unter ben 3Rar(o* 
mannen, einer gemäßigten SBurfcpenfcbaft, ßnb oiele fehr tüchtige 
?eute, ). 99. ein J£>err oon {angenn auP Blaßau; wenn ich mich )u 
einer fßerbinbung holte, wirb eP wohl bicfe fein; boch will ich bamit 
oorßchtig fein; benn iß ber ©chritt einmal getpan, fo iß eP fcp wer 
ihn )urücf)unehmen. 2Benn eP möglich iß, trete ich ßtper in (eine 
93erbinbung ein, weil man baburcp boch on Freiheit oerliert. — 
Jaufenb ©ruße an ade jwei* unb oierfüßigen Jamilienglieber oon 


$ © ... 


Deinem treuen ©ohne 

Heinrich. 


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Wai 1861. 


77 


44, Vn 3u(iu< Älff. 

93onn, 25/5 51. 

@<c$rttr Jgxrr Dtectcr! 

©ie bobrn mir bi« Srlaubnifj gegeben Sbnrn von mir Stacbricbt 
ju geben. 3cb hob« wohl nidj>t n&tbig Sarnen ju fagen, wie gern ich 
bavon ©ebraueb mache; icf) tbue bief um fo lieber, al« ic^> 3b*ien, 
@ott fei Dant, nur Erfreuliche« ju melben bube. Sföein ©tubium ifi 
fo febän unb jiebt mich fo an, bafj ich trog ber grofjen Slnffrengungen, 
bie ich machen muf, nicht ju erfcblaffen fürchte; eö wirb mir leichter 
unb anjiehenber gemacht burch bie trefflichen Docenten, bie ich büre. 
®or Sillen machte Dahlmann mit feinem büffren, faff fchroffen SBJefen 
unb bem geiffvollen, lebhaften SSortrage grofjen Einbrucf auf mich; 
ich büre leiber nur einmal wöchentlich bei ihm ffanbinavifebe ©efebiebte, 
fann aber barau« unenbltch 93iel lernen; biefe Äürje unb Klarheit ber 
Darffellung, biefe SReifferfcbaft im ©ruppiren, bie vollffänbige 93e: 
berrfchung be« ©toff«, bie anfprucb«lofe Erjäblung, bei ber boch jebrt 
ÜBort burcbbacht unb an feinem spiage iff, unb oor 21 Ilern ein unbe* 
fchreiblichet Etwa« in feiner ganjen 2lrt unb ffietfe mufj 3eben bin» 
reifen: man fiebt, ber ganje SRenfcb fpriebt; wa« fein 93erffanb ge: 
orbnet unb gefiebtet, wirb burch ben Slbel eine« trefflichen (Sbarafterö 
geläutert unb gehoben ... ©anj ba« ©egenteil von Dahlmann iff 
ber Später Slrnbt; obwohl er in feiner Startefung nur centies lecta 
bringt, fo befuche ich f»e boch; benn e« iff eine wahre greube, biefe 
griffige griffe, biefe« geuer, biefe lieben«würbige ©efebwafsigteit ju 
[eben unb burch jebe« 2Bort feine väterliche ©efinnung binburcbju: 
hären. — Die ®orträge be« ^)rof. 936rfing finb geiftreich, boch manch* 
mal etwa« fchwerfällig in ber gorm; unb wenn auch ber ©toff oft 
febr langweilig unb ermübenb iff, fo fann ich boch w ba« allgemeine 
jammern über ba« rümifche Stecht nicht einffimmen: e« giebt manchen 
©toff jum 9tachbenfen, unb e« iff nicht fchwer, eine leitenbe 3bee 
barin ju finben. — 25on meinen übrigen ^Profefforen finb bie DDr. 
Slbel unb SBernap« jwei febr tüchtige junge SRänner; *Prof. ©imroef« 
Sorlefungen finb vortrefflich; er b<*t aber leiber einen abfcheulichen 
Sortrag, unb e« foffet mir grofje SRübe ihn nur in etwa« )u ver« 
ffeben. ^>rof. Soebell enbUcf» iff )war auch rin tüchtiger SRann, boch 
finb feine IBorträge ohne Drbnung unb £ufammenbang; auch wirft 
er oft mit leeren S&bwfen um fich; enblich fchrint er mir oft bei 93e* 
gtünbung b‘fforifcher Erlernungen fich <*n Siebenfachen ju holten 


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78 


3uni 1861. 


unb ben eigentlichen Äern ju oergeffen. — 2Ba* meine Kommilitonen 
anlangt,, fo habe ich 2 junge Philologen fennen gelernt, bie mir fehr 
gefallen. Unter benen, bie mein ©tubium betreiben, höbe ich bi* je$t 
deinen näher tennen gelernt ... ©ooiel ich bi* jeßt oon ihnen ge* 
fehen, ftnb fte alle fehr fleißig, finb aber nicht recht frifch unb be= 
treiben bie ©efchichte nur wie eine SRaritätenfrämerei; unb gerobe jefct 
tfl e* nothig, baß fie fcharf unb fühn mit ber ©egenwart in 3te 
jiehung gefegt werbe. 2Bie fehr aber bie allgemeine Erfchlaffung unfere* 
öffentlichen {eben* anfiecft, höbe ich feiber an Planchen meiner §reunbe 
erfahren, bie fchon je§t am ©aterlanbe oerjweifeln unb gegen feine 
©efchicfe thei(nam*(o* werben. Sö ifl mein tägliche* ©ebet, baß ich 
vor folcher feigen ©djwäche bewahrt bleiben möge. 2Benn ich ein 
arger Egoifl wäre, fo witrbe ich mich freuen, wenn un* bie Leitungen 
wieber oon einer neuen ©chmach unfere* Saterlanbe* melben; ber 
Efel, bie Entröfhmg barüber ftchert minbeffen* oor Erfchtaffung... 
©chüeßlich bie Bitte, ben #h> D. Polder unb ^etbig bie beflen ©rüße 
ju fagen oon 

Shtem bantbaren ©ch&ter 

Heinrich oon Xreitfchfe. 


47J 8n ben fßattr. 

Bonn, 3/6 51 ©benb*. 

SDleiti lieber. 33ater! 

Enblich, enblich heute fr&h tarn Dein fehnlichft erwarteter ©rief ... 
ich weiß nicht, wie ich banfen foll, mein lieber ©ater, für bie 
SKuhe, bie Du Dir wieber meinetwegen gegeben hoff. Dir banfen 
foll für bie ©Sorte ber Ermunterung, bie Du mir gefagt, unb bie 
um fo tiefer auf mich wirten mußten, weit fie eben oon Dir tarnen, 
©ewiß, wa* ich tann werbe ich tbun, ich mill nicht erfchloffen unb 
mit ©otte* #ätfe werbe ich e* auch nicht. Äomrnt e* mir hoch oft 
oor, a(* fei auch biefe* Eeiben nur ein ©täef für mich gewefen; wie 
bie ©4»eUe ben ©elaoen, mahnt e* immer an eine höhere Ptaeht, 
unb wenn ich mich frage, ob bie ©tunben, bie ich *m Ekbete um 
Erlöfung oon meinem ?eiben ober im Kampfe mit ©chwäche unb 
SWutblofigfeit beßholb jubrachte, ungleiche gewefen, fo tann ich fi<he* 
nicht mit „3a" antworten. E* ifi eigen, wie in Slugenblicfen ruhiger 
Betrachtung fleh manch weife* 2Bort, Aber ba* wir un* al* über eine 


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3uni 1861. 


79 


abgebrofchene ©ache (ängfl hinweggefeßt, ficft wie ein alter (ie&er 33e= 
fannter wieder rnelbet; fo (mbe ich erfl mit ber %t\t recht erfannt, 
wa« ba« heißt, baß benen, bie an ©ott glauben/ SHlle« jum ©eflen 
bient 1 ; fo fyabt ich mich oft gewunbert, wie bie fpißfinbigflen y>f>i(os 
fophifcßen Probleme fleh oft auf ein alte« ©pruchwort jurucffuhren 
(affen/ fa wie felbft ba« Hegelfcpe *(Ba« ifl ifl »ernunftig; wa« oer» 
n&nftig ifl/ ifl", ba« eine Hauptrolle in unferen philofophifchett Sol« 
(egien fpielt, eigentlich einen gan) einfachen, längflfcpon au«gefprochenen 
©inn hat. 3ch bin noch ) u jung um ba« ju beurtheilen; mir fommt 
efl aber vor, al« hätten oiele folcher philofophifcher ©äße ihren ©runb 
in einer (leinlichen üBortfrämerei ober (unb jwar häufiger) in einem 
unbewußten jDppofition«geifle, ber e« oerfchmäßt <Stwa«, wa« im 
Chriflenthume ober fonflwo oft gefagt worben, anjunehmen. — 2lber 
ich fomrne weit ab oon bem, wa« ich f«gen wollte: ich wollte Dir 
besprechen nicht ju erfchlaffen. Dieß ifl fchnell gefagt; aber wenn 
ich feße, wie (Biele meiner greunbe, weil fte baran bezweifeln ie ju 
einer Gonfolibation ihrer (Begriffe )u fommen, jebe« Denten über bie 
höchflen Dinge aufgeben, ober, an ihrem (Baterlanbe oerjweifelnb, fleh 
oon aller Zeitnahme an Deutfchlanb« ©efchiden abfchließen; befonber« 
aber, wenn ich feße, wie gerabe bie, welche mein ©tubium nun fchon 
ein (Paar Sabre betreiben, burch bie oielen Hanblangerarbeiten, ba« 
©uepen in alten oergitbten (Büchern, bahin gebracht worben finb, ba« 
■Jiel ihre« ©tubium« eben nur bar in )u fehen — bann möchte ich 
allerbing« nicht mehr juoerflchtlich reben. ülber ich will ba« lieber 
nicht bebenten; bi« jeßt fann ich ja in bem inneren ©treben unb 
(Ringen nur ben einzigen Grfaß bafür fuchen, baß e« un« oerfagt ifl 
ben Zhatenburfl, ber jebem angeboren ifl, )u befriebigen. (Barum 
foßte ich ouch je anber« benlen? €« lacht mir ja SHlle« entgegen, 
unb auch mein heutige« ©efpräcß mit bem Dr. (Büßer 1 war gan) 
geeignet mir ÜRutß ein)uflößen; er iß ein fehr lieber üRann; ich bitte 


1 ®e friß ftßon bat ireitftbfe unnnQfütlitb ba« befannte 2Dort bet OUmerbrieft 
(8, 28) feinem eignen ntetapbofifötn ©ebürfnii angepafjt; ogl. noch an Ototf 
unten 162. Äutß für feinen „ÜRilton* (in ben ^teufiiftben 3aßtbb. 1860 unb noch 
in ben oieTelften Vutgaben bet „.ßiftor. unb Pelit. Kuff&ße*) ifl bat „freubigfte aller 
©ibelworte* fo eer&nbert; etft feit bet fünften (1886, ©b. 1,©.82) beifit et, oieU 
leitßt oon ftembet .ßanb fottigiett, „benen, bie ®ott lieben*, ©eine Kuffaffung 
bet $egetf<hen ©aßet erläutert Ireitfdfife in „3 f h n 3 fl b rt beutfthet ÄAmpfe*, 2. V. 
6.612 f. ©gl. au<b Deutftße Seftpicßte, 8, 720 f. 1 Profeffor bet Chirurgie an 
bet UnioerfitAt. 


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80 


3uni 1861. 


Dich bem #tn von Slmmon gelegentlich meinen innigßen Danf für 
feine Empfehlung an SB. ju fagen. Er rieth mir vorbethanb Hart*« 
habet Btühlbrunnen in ber fitcfigcn SDtineralwafferanßalt ju trinfen 
unb wollte mir in etwa 14 Zagen ein gontanefl auf ben Stacfcn 
(egen. 3n meinem ©tubium wirb mich bie Eur nicht hinbem, ba 
ich ui* wr 8 Uhr Eollegien höbe, unb mir ber Sltjt ba* Arbeiten 
vbßig erlaubt hot, wenn ich uur täglich einen angemeffenen ©pajier« 
gang mache. SB. verfprach (ich viel von biefer Eur, benn ein gonta« 
neß in ber Stühe be* £>hre* fei ganj geeignet bie bbfen ©äfte von 
biefem abjulenfen; er meinte nämlich, baf ich ß&r vollblütig fei... 
Die Eur werbe ich fogleich nach ben S>ßngßfetien beginnen; benn biefe 
werben ju einer herrlichen ©prigfahrt an bie Slhr unb ©ieg benugt. 
£)! SBie ich mich barauf freue! — ÜJteiner lieben Btutter (affe ich fugen, 

bafj ich mir alle SJtühe wegen ber ©ehneefen geben werbe- 

©Uten Btorgen am 4. früh. 3<h eil« meinen (Brief ju beenbigen, 
bevor ich in’* Eolleg gehe. 3hr wollt wiffen, wohin ich nieine Slu*« 
flüge gemacht hübe? Sich, ich weif} wirtlich nicht, wo ich Anfängen 
foll; fo viel fchöne fünfte giebt e* hier» ®o* Eigentümlicher iß, 
baß bie (Bonner Ekgenb alle mbglicgen £anbfchaft*charattere in (ich 
vereinigt, ba fte auf ber ©tenjßheibe jwifegen (Berg« unb Zteflanb 
liegt. SBir hoben in bem ©iebengebirge voßßänbige* (Berglanb; auf 
ben fegonßen *Punft be*fe(ben, ben Dlberg, werbe ich iu ben nächßen 
Zagen pilgern. Der Drachenfel* gewährt eine gcrrlite (ÄuVßcht; mir 
iß aber bie von 9to(anb*ecf au*, obwohl fte beßhräntter iß, wegen 
ihrer unenblichen Sieblichteit lieber; ich war nahe baran bie Urfuline« 
rinnen auf ber bufchreichen Stonneninfel um ihr £oo* ju beneiben. 
Sluf bem 9th«ine von Stonnenw&rth nach bem Drachenfelfen hinab« 
jufabren', wenn ber SBinb geht unb bie grüne (Belle in ben Hahn 
fchlügt, hüben unb brüben (Rolanbßecf unb Drachenfel*, au* weiter 
gerne ba* neuerßanbene Stheinecf winft — ba* iß eine greube, ein 
Entwürfen, wie ich e* noch nie empfunben; e* iß Einem a(* foßte 
ber @eiß feine JJ>ülle fprengen. gährt man vom Drachenfelfen weiter 
ßromab, fo ßeht man auf bem (inten Ufer juerß ©obeßberg, ba*, 
fo herrlich e* iß, gegen ba* gegen überliegenbe ©iebengeb. fretlich ganj 
verfchwinbet. Bon ba au* jteht ßch ein niebrige* (Bergjoch, von bem 
herrlichßen ?aub« befonber* Eichenholje bewachfen unb mit reijen« 
ben Bißen gefchmücft, ber fogenannte (Bonner 3ura, ber mit bem 
Hreujberge abfcgließt, von wo au* eine Slßee von $ei(igenbi(bern nach 


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3»ni 1861. 


81 


$oppel*borf unb von ba eine ^ertlit^e Saißebabn nach SBonn fu^rt. 
3enfeit* be* Ureujberg* verflacht fic^> ba* ?anb immer mehr, bi* 
hinter Cnbenicb bie $ügel ganj fcbmtnben, unb man in ein frucht« 
bare*, reiche* glachlanb tommt. Der Äreujberg giebt mir 2(nlaß ju 
einer fogenannten „tatfdcblicb« ©erichtigung", reelle icb mit bitterem 
©chmerje, weil icf> baburcb ber ©toßtante eine'füße 3ßufion jerffüre, 
nieberfchreibe. Unter ber Äircfte (fonfHgem Ätofier) bafetbft ftnb nämlich 
bie Seiten ber früheren SQtönt^e im fünften ^uffanbe aufgefleßt; ich 
batte mir graufe 9lachtgebanfen über biefen SHnblicf gemacht, mar aber 
nabe baran in ber ©ruft über biefe SReibe von jabnlofen Äüpfen, über 
beten ju Seber gemorbene Jjaut unfer gübrer in fomifche* €ntjücfen 
gerietb/ ju lachen, befonber* ba ein bü*mtfliger ©tubio neben mir 
jtanb unb mir erjäblte, baß ber Später unfere* gübrer*, ein Sann 
von 60 3abren / ber früher bie gremben bi« b«umgefübrt, $ur St* 
bübung be* £rinfgelbe* unb nebenbei auch ber Slnbacht, fich für 
110 3«b« oit au*gegeben, ein 2llter, ba* ber 9lanine fo imponirt 
batte. Sir maren eben im begriffe biefem Sbten eine Dbrdne ber 
Sebmutb ju meiben unb feinem ©ohne eine Dinctur ju empfehlen, 
mittelff meiner er auch fein #aar balbmüglichfi meiß machen f&nne, 
al* un* ein neue* Sunber gezeigt marb, nämlich eine febr fchäne 
breite Dreppe von buntem Sarmor mit $Porjeßangetänber, mo auf 
jeber ©tufe ein rotber Xropfen, welcher b>« ben Warnen ©lut au* 
bcn heiligen fünf Sunben führt, liegt unb mit einem golbnen Äreuje 
übcrbecft iff. Sir dieser burften bie SCreppe natürlich gar nicht be* 
treten. Besten ©onntag aber ging eine große ©roceffion borthin, 
unb bie ©läubigen rutfchten auf ben Änieen bie ©tufen 'hinauf. — 
Stuf bem rechten Wbemufer ffließt fich an bie ©iebenberge ein reijen* 
ber Jp6b«njug mit ©afaltbrüchen, bie (Saffeler „£epe"; meiter nach bem 
?anbe ju verflacht fich auch ba ba* £anb ju bem hügelreichen ©auer* 
lanbe. Wörtlich von ber ©ieg aber iff voßflänbige* Soor* unbSiefen* 
lanb, unb e* fehlen nur bie Xrecffcbuiten um Sinen^glauben 'ju 
machen, man fei in #oflanb. 3n ben Dörfern faßen mir befonber* 
bie frönen Kirchen auf, bie meifi in reinem bpjantinifchen ©tile 
gebaut finb unb natürlich aße ein befonbre* Sirafel enthalten. — 

€nblicb bie ginanjen. — Da muß ich oor 2lßem bemerfen, baß mir 
aße Seit gerathen b<tt, in ben großen gerien nach #aufe ju geben ... 
abgefeben bavon, baß e* bißiger fein mürbe, menn ich ln ben gerien 
nach Dre*ben fäme, mürbe ich gor nicht miffen, ma* ich hier anfangen 

T. 6 


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I 


82 3uni 1861. 

foffte; benn bie Gibtiothef wirb in bcn Serien gefchloffen, unb bte 
meinen G lieber gu meinen Arbeiten entnehme ich aus ihr. 3n Dtesben 
tann ich aber bie t&nigliche Gibtiothef benufcen. Die anbren Gachfen, 
bie hier finb / ^oblanbt, Gutfchmib, Setter, machen auch «ft eine 
Heine Steife unb gehn bann nach $aufe. 6$ wirb atfo [wobt bas 
Gefle fein, wenn ich SRitte Stuguft mit Gatmuth, #epne, Gutfchmib 
unb anberen ätameraben eine Heine Stbeinreife antrete unb mich um 
gefähr gu meinem Geburtstage wieber bei Such einftette. — Go fehr 
ich wünfche, Such in ben Serien wiebergufeben, fo würbe mich biefj 
hoch nicht ju biefem Gorfchlage befftmmen fönnen, wenn ich nicht 
einfdhe, baf£eS auch in jeber anberen Gegiebung am Gorteübafteften 

wäre 1 -Du ftebft/ mein lieber Gater, baf ich ©it ganj 

offen meine Gebürfniffe bargelegt, felbft auf bie Gefahr bin, bafj fte 
Dir übertrieben oorfommen fottten. Gottteft Du aber gewillt fein 
mir bie angegebenen Gummen ju gewähren fo fei auch oerfichert, ba§ 
ich baoon anftänbig leben unb feine Gchutben machen werbe. — Doch 
ich ntuf fchtiefen, mein lieber Gater, werbe ben übrigen Eieben ju 
$aufe wombglich nächfteS 9Rat fchreiben (befonbers grofe Euft hätte 
ich nn Stainern einen Grief in Eapibarfcbtift beijulegen, boch bie geit 
brängt) unb bleibe 

Dein treuer Gohn 

Heinrich 

G. G. . . . Gchreibt mir boch über bie Gtobiliftrung bet fächf. 
Srmee 1 . Ss'gehn hin fehr gehäffige Gerüchte über bie fächf. Stegierung. 


48] Kn brn fßata. 

Gönn, 21/6 51. 

-ein Hbgeorbneter beS „DombauoereinS" fam unb bat mich 

burch einen halbjährt. Geitrag oon 8Vi Ggr. mir baS Diplom als 
orbentlichcS Gtitglieb beS GereinS gu erfaufen. Sch that eS natürlich 
unb erhielt ein Diplom, helfen wirHich gefchmacfootte fDialereien oiel 
mehr werth waren, als ber Geitrag. Die Düffetborfer ätünftter unter: 
giehen fi<h nämlich biefer SRaterei umfonfl. Senn ber Geitrag auch noch 
fo hoch wäre, ich würbe gern beitreten; benn oon allen Srgeugniffen 

1 folg* genauere SBere$nung eine* vorftu6ft$tli$ in biefem erften Semeftar fftr 
{eben, Stubium, Serienreifen ft$ ergebenben Vufmanbel oon 180 Malern* * Sin, 
na<b bei ftater* Antwort oom 7.3uni, ebenfalls nur au! &66uulligfeit aulgefprengte! 
©erft<f)t. 


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3uni 1861. 


83 


tnenfhltcher Äunfl, btt ich je gefehen, hat Äeine* einen Sinbrutf auf 
mich gemacht, ber nur entfernt mit ben Gefühlen verglichen »erben 
tonnte, bie ber Snb(ic( biefe* 2Ber(* in mir erregte. Schon wenn 
man von Deug au* ba* alte $6(n mit feinen 15 £h&rmen fieht, ragt 
ber Dom hoch Aber ade hinau*, macht aber einen mehmAthigen Sin« 
brud, weit gerabe vom rechten Ufer au* bie EAcle im Saue am 
Suffädigflen vortritt; man benft, wenn man bie gewaltigen 2B6U 
bungen unvodenbet unb auf bcm Dhurme ben alten Ärahn noch er* 
hoben fi^ht/ &of ba* Serf ju fchbn ift, al* baf ber 9leib ber Gdtter 
feine Sodenbung geflatten tonnte; unb ba* Schenhenborf'fche hoff 2 
nungOfrohe Sieb an ben Dom 1 war mir gar nicht au* ber Seele 
gefprochen. 311* ich ober vor bem Serie felbfl flanb unb bie (Ahnen 
Spigbogen, bie Sracht ber Geftmfe in ber Blähe fab, bemerfte ich 
(aum, baf ba* Serf unvodenbet fei; vod frohen Staunen* trat ich ein 
unb fonnte mich (aum wieber lo*reifen. Schon jweimal bin ich ein 
9aar Stunben lang bort gewefen unb höbe bei Seitem noch nicht 
Xdc* gefehen. 3ch weif (aum, ob ich ben vodenbeten Dhed be* Saue*, 
ber mit einer Stacht ohne (Bleichen gejiert ift, bie Säulen mit ihren 
golbnen Änäufen, bie golbnen äanbelaber, ben prächtigen neuen Sitar, 
ober ob ich ben älteren, aber unvodenbeten Xheit vorjiehen fod, wo 
bie Sdulen noch ohne Schmucf finb, wo man aber eine weite $ade 
Aberblicft, bie von bem Eichte, ba* gebämpft burch bie bunten Scheiben 
einbringt, wie mit einem magifchen Schimmer Abergoffen ift Sine 
Öhrenbeichte in einem Seitenfchiffe biefer #ade hot f Ar ben Sefchauer 
einen gan) eignen SReij. 811* ich jum erflen fDtale ben Dom befuchte, 
prebigte ein Sefuit fehr gut unb fehr populär, wie benn Aberhaupt 
bie Sefuiten anerianntermaafen hier bie beflen äanjelrebner finb. 
Unbefchreibtich aber war ber Sinbrudf, al* plöglich bie Crgel t&nte 
unb bie ffReffe begann; ein Debeum in biefer Kirche rnuf 3eben hin« 
reifen; e* ifl boch (ein Sahn, baf dufere, finndche Sinwirfungen 
wenn auch feiten tiefe, nachhaltige Jrämmigfeit, fo boch oft Segei* 
fterung unb Snbacht erregen. 3e mehr mich ober bie Suftf ergriff, 
befo wiberwdrtiger war mir ba* Gebähten ber Sfoffen; ich bin (ein 
jlelot, aber e* emphrte mich, wie fchmdhlich bie üfteffe geplärrt warb, 
wie bie Stieflet bie heilige ^anblung nur al* eine Gelegenheit be« 
nugten jum Sohle ihrer Gemeinbe ungejählte Secher Sein* ju trin(en! 


1 SgL Dcuiföe @<f<b«bt* 6, 173. 


8 * 


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84 


3uni 1831. 


©orgeffern, am grobnleicbnamSfefle, bem einzigen fatbolifchcn geiet* 
tage, ben mir feiern (eS werben auf ber Univerfitüt vernünftig genug 
nur bie beiben (Sonfeffionen gemeinfcbaftlieben unb bie beiben für bie 
Sonfeffionen c^araFteriftifc^en gefte, baS SReformationS* unb grobn* 
leicbnamSfeft, gefeiert) — alfo, am Donnerstage fuhr ich jum 2ten 
5Rale nacf) Ä6ln um bie grofje 'Proeeffton ju feben. 3cb muf gegeben, 
baf mir biefe eben fo wenig gefiel/ als bie vorbergebenbe ©ieffe unter 
freiem Fimmel; eS war allerbingS eine Fracht ohne ©leiden/' biefe 
©tolen, biefe Äircbenfabnen/ Äerjen, ÜBeibraVcbfüffer, biefe ©ifcbofs* 
mügen unb ©eapuliere — aber nur febr wenig Sföufif unb no<b 
weniger üfnbacbt; bie ©efebiebte fam mir vor wie eine ©tasterabe; 
auch war bie ^erfönlicbfeit ©r. Sminenj, bie ficb 5mal anberS an)og, 
bis fit enblicb im ÄarbinalSpurput prangte/ nicht febr ebrwürbig; er 
fab gerabe aus wie ber ©taatSbümorrboibariuS in ben fliegenben ©lüttem. 
3m Dome war feine geier; aber Jjunberte lagen füll auf ben Änieen 
unb beteten; baS war fepiner als bie ganje ^roteffion. — 2Bir waren 
eine SRenge ©tubenten ba; wir befaben bie ©tabt . . . unb fuhren 
enblicb mit bem ©aeptboote unter ©ingen unb Rubeln nach ©onn 
jurücf. 3«b ging einmal auf baS ©erbeef btrauS; eS war ein eigner 
Vnblict; eine flare ©temennaebt; baS ©(piff ganj füll; nur auS bem 
Staucb)immer flang baS ©ingen ber ©tubenten; baS ©erbeef war 
ganj ftnffer; nur vom ©teuer aus warf bie 2ateme beS Steuermanns 
ein trübes Siebt unb befebien bie weife ©ebaumfurebe, bie baS ©oot 
im Scheine febnitt; bie Ufer lagen bunfel/ bie Siebter waren verlbfcbt: 
nur bit unb ba fonberten ficb bie febarfen Konturen einer ©tübte 
ober einer äirebe vom ©acptbimmel ab. Snblicb um ©tittemaebt 
tarnen wir nach $aufe. — 

Doch icb b*be noch von ganj anbren Dingen ju febreiben, bie 
Dieb wobl mehr intereffiren werben/ nümlicb von meiner ©fingflreife. 
Die gerien waren nur für) )ugemeffen: am Donnerstage nach ben 
Feiertagen begannen bie Kollegien wieber. bCBir (nümlich ©utfebmib, 
icb unb noch 2 anbre ©tubenten/ )u benen ficb auf ber Steife noch 
2 ©tubenten gefeilten/ welche früher fehles wigsbolftein’f<b* Offiziere 
gewefen waren unb uns mancherlei Abenteuer aus ihren Kriegen er« 
)üblten) — alfo, wir fuhren am ©onnabenb früh bei bem fünften 
©etter auf bem Dampfboote am Dracpenfelfen unb ©onnenwbrtb 
vorbei nach Stemagen, einem ©tübtepen unweit ber Styrmünbung. 
©on ba gingen wir $uerft auf ben SlpoUinariSberg/ eine JJbbe am 


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3uni 1861. 


85 


Steint, wo 6er gft. o. gftrflenberg ju Sb«n 6er ©ebetne beß heil* 
dpodinariß, 6ie 6ort aufbewahrt werben, von 6en bebeutenbften 
ÄönfHern eine Äirche im reinflen gothtfchen ©tile auf führen unb auß* 
f<h*nuc(en Mfjt. @6 ift auch in 6er Slbat ein prdchtigeß ©ebdube, 
obwohl eß mir etwa« ju ((ein vorfommt; bie SRalereien ftnb von 6er 
Duffelborfer Schule, boch noch nicht ganj vodenbet; man hat Sldeß 
Aufgeboten um burcb Farbenpracht unb reiche ©ruppirung ju impo* 
niren; einjelne ber greßfen (amen mir aber vor wie fchöne Äöpfe, 
ohne Sehen unb (Begehung neben einanber gejledt. — (Born Slpodi* 
nartßberge jogen wir nach ber SanbOfrone; ber 2Beg ging immer burch 
©uchenwdlber auf $6hen hin; nur an einjelnen ©teden öffnete fi<h 
ein ©lief in baß SRheinthal. Defto gröfjer war unfer Srftaunen, alß 
wir von ber Sanbßfrone auß baß Slhrthal weithin biß nach Slhrweiler 
unb SBalporjöeitn erblichen; auß ber gerne grufjte bie OlbrCufer Surg 
unb ferner noch verfch wammen im SRebel bie Jjohe Sicht unb bie öben 
Sifelhöhen. (Rachbem wir in dBabenheim, baß */e ©tunbe von ber 
Sanbßfrone entfernt ift, ein t&chtigeß gruhflud verjehrt unb bem 
Sfyrbleichart ade Sh« erwiefen (für bie Smpfehlung biefcß ebten 
SRebenfafteß bin ich bem ©ujtav Oppen fehr banfbar) frugen wir nach 
bem 2öege nach (Reuenahr; benn auf unferer Äarte (afen wir „(Ruine 
Neuenahr"; man geigte unß einen #oh(weg; alß wir aber eine halbe 
©tunbe lang geflettert waren, verlor fleh ber 2Beg im (Richtß; @ut* 
fchmib, ber faulfte gufjgdnger, ben bie ©onne je bedienen, ber Aber« 
haupt bie Steife nur mitmachte um nicht außgelacht ju werben, wollte 
umfehren; wir Slnbem beftanben barauf vorwdrtß ju bringen; unb 
fo ging eß benn eine halbe ©tunbe lang burch Dicf unb Dünn vor* 
wdrtß; enblich waren wir auf bem ©ipfel, ©ohlanbt mit jerrifjenem 
(Rode, wir ade mit blutigen #dnben; benn bie Dornen hotten unß 
gewaltig mitgenommen; aber fiehe ba — von einer (Ruine (eine ©pur — 
bie Sfußftcht nicht bebeutenb, benn ber ©ipfel war gang bewachfen; 
nur bie gegen&bertiegenbe Sanbßfrone fah von bi«* wunberfchön auß; 
wir glaubten ben 2Beg nach (Reuenahr verfehlt ju hoben; ich «ntfchlof 
mich, mich für bie Slnberen ju opfern unb in baß ndchfle Dorf ju 
gehen um einen g&h«r ju holen. 3ch ging in bie Pfarrei unb 
warb von bem später fehr freundlich aufgenommen, ber mir mit 
gliidfeligem ©chmunjeln fchönen weifen dBein, „felbflgejogne (Blume*, 
wie er fagte, vorfefcte. Snblich war ein guhrer gefunben; ber 9Rann 
belehrte unß, baf ber ©erg aderbingß (Reuenahr h«‘§«/ bie (Ruine aber 


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Juni 1861. 


jur Srhbhung ber älnbacht von bem Kartenzeichner erfunben worben, 
©utfchmib fluchte unb fchwor ben ©eriblifaj ju erbosen; Krufe unb 
ich wodten uni halb tobt lochen über ©utfchmibi ©uth. Nun ging 
ei nach Summier; ich tonnte mich nicht fatt fehen an ben fc^roffen 
Seifen/ bie, von ber ©träfe gefeben, bicht über bem ©täbtchen ju 
bangen fcheinen. Sn ber ©tabt afen wir $u Mittag unb gingen 
bann über ben Kalvarienberg/ ein jefct in eine ©äbchenfchule, ober 
vietmebr eine Srjiebungi« unb SJilbungianftalt für Züchter ber b&beren 
©tänbe (ich fcbreibe fo ehrfurchtivod, bamit ftch meine Keine ©chwefler 
ni(bt beleibigt fühlt) verwanbeltei Klofler nach ©alporjbeint; ei war 
ein b^rrlidber Nachmittag; bie SRofen blühten, bie Sigel fangen; bi* 
in ben ©arten ber Kneipe ragten bie bunffen Seifen; unb Voder Subei 
fegten wir uni bie Krone bei Slbrtveini, ben ©atporjheimer, ju 
trinfen. Sin 9>aar ©tubenten fchloffen ftch h»<t an uni an; unb fo jogen 
wir benn burch bai Zhal nach tot ©affenburg; immer näher traten 
bie Seifen an bie ©träfe, immer hiher, buntler, phantaftifcher erhoben 
fie fich, hoch bei ader ©rife nirgenbi büfter, benn überad wechfelte 
mit bem bunflen ©efteine bai hede ©rün ber Neben. Son ber ©affen« 
bürg aui fiebt man ben bei Zhali, wo ei ftch faft ju einer 
©chlucht verengt unb bie gocgmüble (ein altbefanntcr Klang aui ber 
Jfcimath) liegt, ©pät SHbenbi tarnen wir enblich burch ben ff £)urch« 
beuch*, bie ©tede, wo ber ©eg burch ben Seifen geht, jum alten 
Saipari nach Sdtenahr, ber uni nur mit Srjeugniffen bei Mhrthali, 
Krebfen, gifc^cn, ©einen, bewirthete. 2lm anbren ©orgen ging ei 
juerft auf bie Nuine SUtenahr; ha! biefe tühnen ©inbungen bei Sacgei, 
biefe ftoljen gelfen, biefe Xieblichfeit unb biefe ©räfe — nun, ©u 
fennft ihn ja fctbft, biefen herrlichen <Punft, mein lieber Sater, hnft 
ihn felbft gefehen, ati ©u nicht viel älter warft, ali ich; wie flern 
mächte ich ihn ber ©uttet unb ben ©cpweftern fcpilbem; ich tann ei 
nicht, mir fcheint ei, ali tonnte bai, wai wahrhaft f<h&n unb gättlich 
unb barum vielfeitig ift, ftch mit ©orten nur burch ©iberfprücge 
wiebergeben laffen, weil bie ©efühle, bie ei erweett, auch nur ©iber* 
fprücpe finb. — Stuf bem ©ege an ber 2lb* hinauf trafen wir eine 
©enge Kirchgänger, bie 3llten in ©reimaftern, bie ©äbegen in blauen 
Kleibern mit hoegrothen ober fchwefelgclben ©odfchürjen, bie $aare 
furj verfchnitten, von einer filbemen ©pange feftgehalten, bie heute, 
ali am 1. geiertage, mit einer hübfehen gJerlenflicferei gejiert warb — 
übrigeni ein fräftiger ©enfchenfcplag, auferorbentlich ehrlich (fie 


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3uni 1861. 


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mottten fofl nie ein Zrinfgelb annehmen), Sitte blonb mit blauen 
Slugen. — 2Bir gingen am ©Stoffe Äreujberg vorbei/ bogen bei 
Sri cf in bat Zhal bet $ureinbacht ein — fchon ^6rte ber 2Bein 
allgemach auf unb bat ?anb warb fahler — SBotfen jogen fic^ jus 
fammen/ enblich regnete et furchtbar unb mir mufjten in äeffeling 
J&alt machen, ©utfchmib fluchte mieber über bie verfluchte Steife unb 
fchmor, um unt von unferem spiane abjubringen, er merbe nicht nach 
ber $ohen Sicht gehen. SBir liefen unt nicht irre machen; er beftanb 
auf feinem Sorfage unb ging enblich mirflich allein bireft an ben 
Saacher ©ee. 2Bir anbren 6 machten unt/ alt ber Stegen nachgelaffen/ 
auf ben 2Beg nach ber Jjohen Sicht. Jjie unb ba von fleinen ©uffen 
heimgefucht unb gejmungen in fetten pp. unterjutreten, (amen mir 
enblich tobtmibc um 3 Uhr an ben §u£ ber Jjohen Sieht. SB&htenb 
mir bort rafteten, flirte ftch ber Fimmel auf/ untr alt mir ben ©ipfel 
befliegen/ mblbte ftch bat reinffc Slau über unt. Sfber mat fir ein 
Slnblicf! ©er SBinterberg, bie Saflei unb mat ich von meiten $ern« 
flehten je gefehen, finb Slichtt bagegen, ©erabe vor unt bie Sifel 
mit ihren rithliehm fraterf&rmig gebilbeten Jjbhen, mehr in ber Seme 
einzelne Surgen, von Äaifer Stimrob gebaut/ mic bie Säuern fagten. 
®eiter juruef eine ununterbrochene Äette von ^ohenjugen: bie SRofel* 
berge/ ber Zaunut, ber SBeftermalb, enblich flar unb fcharf bie t>h«>»* 
tafKfchen €ontouren bet ©iebengebirget — in fernher Seme ein bunfler 
gtonft, ber Äblner ©om. ©utfehmib hatte/ menn auch nicht ben 
fchbnflm/ fo hoch fteher ben grofjartigflen g)unft ber Steife verfiumt. 
9tun jogen mir in bie eigentliche Sifel ein; trog ihrer ©ebe jogmich 
bk ©egenb fegr an/ biefe SRannigfaltigfeit von JJibbenbilbungen, halb 
mit fettem Saubhvlje, balb nur mit Jjeibefraut bemachfen. Ueberhaupt 
gefüllt mir eine völlige 6be ©egenb ftett; fte fpricht hoch jum @e* 
m&the. ©ie ©tellm ber Gifel aber/ biC/ mit ©etreibe bemachfen/ ihre 
SBilbgeit verloren haben/ finb ermubenb unb langmeilig; mir haben 
aber nur am nüchflen Zage folchc ©teUcn y>affirt. Snblich fpüt 
Slbmbt famen mir in einem elcnben Slefte, Äempenich, an. 8Bir 
mufften alle 5 auf einem ©trohlager übernachten; auf bem St liefen 
liegen fonnten mir nicht/ baju mar fein g)lag; menn mir eine ©eile 
lang burch ben Sfthem unferct linfm Slachbart gebraten morben maren/ 
brehten mir unt auf Äommanbo bet Sl&gelmannt hmim, um unt 
von unferem rechten Stachbar benfelben Siebetbienft ermeifm ju laffm — 
gerabe mie et ©eume’n auf bem Zrantporte nach Slmerifa ging. Slm 


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3uli 1861. 


anberen borgen regnete eO furchtbar; wir gingen, alt eö etwaö beffer 
geworben, bie 4 ©tunben biö )um ?aa<f>er ©ee; eO war ein ftürmifcber 
«tag, bet 9Binb pfiff Aber bie Jjeibe; faum aber traten wir in ben 
Eicbenwalb, ber ben ©ee umfcblieft, fo empfing unO unheimlich tiefe 
Stube, ©o au<b ber ©ee felbfl; feine 2BelIe rührte ftcb auf ber weiten 
fcbwarjen gliche, bie ungemeffene liefen birgt. Ernft unb büfler 
ffebt am Ufer bie alte SÄbtei Saaeb; eö war ein~unbeimlicbeO Stlb, aber 
fcb&n unb ergreifenb. Sticht lange fonnten wir ben älnblicf genießen, 
wieber begann eö ju giefen; wir mußten Slnbernach aufgeben, unb 
febrten bur<b baOjchüne Srobler Stb<*l an ben Stbein jurücf, auf bem 
unO unter Stegengüffen ein Dampfer nach Sonn braute, ©o war 
hoch nur ein Dag unferer Steife oerborben. — DaO war ein langer 
Srief, ju lang eigentlich für Deine @ebulb, unb viel $u lang für 
meine nichtänufcigen ©cbweflern; bie eine bat gar nicht, bie anbre 
4 feilen gcfcbrieben. Schließlich meinen Danf für bie gütige Glewibrung 
meiner Sitten. Sich werbe Deinem SBilten gewiffenbaft nacbfommen. 

Dein treuer ©obn 

Heinrich. 


49) Sin b<n SBattr. 

Sonn, 9/7 51. SlbenbO. 

SDtein lieber 93ater! 

3cb weif nicht, wao Du ju meinem heutigen Sriefe fagen wirft, 
benn ich fann mir felbft 4 über bie ©timmung nicht Stechenfcbaft geben, 
in ber ich ihn fc^tetbe; ich fühle nur eine furchtbare Aufregung, eine 
fieberifche ©pannung in mir. Dr. ffiufcer bot vor einiger £eit meine 
Dbren mit bem Dbrfpiegel unterfucht unb fagte, eö würbe ftcb boffents 
lieb ein paffenbeO Snffrument ßnben, baO ich ohne @efabr für bie 
Sternen tragen unb fo eine bebeutenbe Erleichterung erlangen fünnte. 
Stein erfleO @efüb(, alo ich &a$ gebart, war natürlich bie reinfte 
greube, ber innigfte Danf gegen ©ott, baf wenigflenO eine neue Jpoff* 
nung gegeben war. Stun finb fchon mehrere Stage »ergangen, baO 
Sfnftrument ifl noch nicht ba; unb fo fleigert fich meine Erwartung 
auf’O Jjüchfie; ich b<*b« meine ganje Hoffnung fo an biefen Serfuch 
feflgeflammert, baf ich <4 gar nicht ju benfen wage, baf auch &»ef 
feblfchlagen fünnte. SBenn ich ctuch bief mal getiufcht würbe — nun, 
ich höbe ben feften SBiUen eö ruhig ju tragen, hoffentlich werbe ich 


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3uli 1861. 


89 


e8 auch (innen/ aber eb rodre boch gar ju traurig. Sch thue Slßeb, 
roab ich (ann, für mein ©ehör. 2lußer ber ÄarlbbabsÄur brauche ich 
jefct auch ©dber mit Äreuinacher <3oole. Sch will fi<b«r (eine &oßen 
ftreuen, unb fottte icb felbß baruber meine Steife einf$rdn(en ober 
gar aufgeben muffen. Doch wdhrenb ich fo fcf> reibe, bin icb ruhiger 
geworben; mir iff eb, alb fdhe ich Deinen lieben ernßen Slic(. 3<h 
miß nicht weiter hiervon fprechen. Stur bab bewerte ich noch, btt ß 
ich natürlich/ fobalb ich »on bem Erfolge beb Serfuchb weiß, Dir 
augenblicdich bavon Stachricht geben werbe, unb ©ott gebe! günßige. — 
Sch erwähnte oben ber Sofien ber &ux; biefe ftnb nicht unbebem 
tenb; ich &en(e jwar aßerbingb bie ganje ©enbung ju verbrauchen, 
bie Du mir fo fehr freigebig gefehlt haß, wofür ich ®ir nochmalb 
meinen Dan( fage, aber boch auch bie Steife recht gut machen ju 
(ünnen ... Sch würbe eb mir nicht verjeil)en (6nnen, woßte ich 
für eine Steife, bie boch immerhin nur ein Vergnügen iß, nur einen 
©rofehen in Slnfpruch nehmen; überbieß wirb eb ßcher nicht nüthig 
fein. gür (ünftig (ann ich i«boch nach ber Erfahrung eineb neuen 
SRonatb nur wieberholen, baß ich hirr im ©emeßer 165 rl, ober, ba 
Deine ©emertung über bie Äleibung fich vüßig beßdtigt hat, 170 rl 
gebrauchen werbe ... 2Bab fonßige ©cfanntßhaften betrißt, fo habe 
ich einen Jpolßeiner *** (ennen gelernt, ber Philologie ßubirt unb 
legteb Sahr fchon 2 fföonate in Äiel ßubirt hatte, alb er aubgehoben 
warb, unb ber nun fegt, wie ber grüßte 5£hcil ber Äieler ©tubenten, 
hierher gegangen iß. Sch gewinne ihn wirtlich mit jebem Stage lieber, 
unb ich glaube, er'mich auch. & bat viel geßigfeß unb Sntfchiebens 
heit in feinem SBefen, iß bei bebeutenben Äenntniffen außerorbentlich 
befcheiben unb bie Dßenheit unb ©erabheit felbß. ©efonberb gefdßt 
mir fein ©enehmen, wenn bie Stebe von feiner ^eimath iß; er wirft 
bann nie mit leeren Pbrafen um fich, fonbem fchweigt, aber man 
ficht eb ihm an feinem ganzen ffiefen an, wab er ben(t unb fühlt. 

Sch haßt/ baß wir mit ber Jett recht innige greunbe werben- 1 

10. Suli. ©Uten ©Jorgen, lieber ©ater! — Sch fahre weiter 
fort..Da ich einmal von ©utfcfjmib gefprochen, fo muß ich ®ir 

1 Diefer Jreunb unb beutlicber noch ein anberer, fpdter auftretenber Scblctoig; 
£olf*einer $aben bur$ ifcr »eitere* 2eben nicht £reitfcbfe* guoerfiebt beß&tigt, 
fonbem «ielmebr bie 1865 einmal «on ©utfebmib brieflich aulgefprocbene iZBa^r: 
beit, ba$ bie @efc^ic^tr ber lebten 17 3<*b rf bemeife, n>ie ber Summier oom polb 
tilgen Si&rtyrer oft nur bur$ eine fc^mac^e 2inie getrennt »irb. Sgl. ba|u 
„Der 9Ba$n be* Äranfen* in ben „Saterl&nbifcben ©ebiebten*. 


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3uli 1861. 


noch meinen Dan( bafür fagen, mein liebet ©ater, baß Du fo viel 
Zutrauen )u mit gehabt hafl/ um bic unfinnigen ?ugen, bie &. von 
mir nach #aufe gefchrieben f>at, gar nicht )u ermähnen, Sie finb 
aber mirflich lächerlich genug. SBurbe ich Such wohl von meinen 
Spa)iergängen fchreiben (innen/ menn ich bm ganjen Dag Aber 
arbeitete? Sr mußte mir auch/ al* »<h ihn offen frag/ ob ba*, ma* 
er nach Jjaufe gefchrieben, mahr fei/ )ugebcn/ baß e* erlogen fei. 2Rir 
(ommt bic ganje Sache aber um fo lächerlicher vor, ba Sille*/ ma* 
er von mir gefchrieben/ fleh buchßäblich auf ihn anmenben läßt. Sr 
geht nie einen Schritt au* bem Jjaufe/ a(* auf bie ttnioerfität. Da* 
(innte mir eigentlich fchr gleichgültig fein; barüber aber ärgere ich 
mich/ baß er mir fiel* ©ormürfe über falfche Sentimentalität unb 
(ränftiche SRomanttf macht/ mcit ich an ber 9latur unb $o(fie ®e ; 
fallen finbe; überhaupt fiellt fleh täglich mehr ein @egenfa§ jmifchen 
ihm unb mir herau*; ba* ma* mir heilig unb groß erfcheint, verlacht 
er; unb fclbfl in ber SBiffenfchaft iff ihm ba*/ ma* mir nur Mittel 
fcheint/ 3mec(; in ber ^)oliti( enblich fhreiten mir un* oft fehr; er 
verachtet mich a(* einen fanatifchen SHeactionär, meil ich ©lanteuffel, 
©ruft pp. nicht für beflogene ©erräther halte; in ber Religion fleht 
e* ähnlich; er verachtet bie ^httofophie unb ifl boch nicht ba*/ ma* 
fie fegt „gläubig* nennen; beßhalb iff e* ihm gan) unerträglich/ baf 
ich für beibe*/ für ^hilofophie unb Steligiori/ Sfntereffe habe. Droh 
allebem vertrage ich mich aber beffer mit ihm/ al* Du nach bem @e« 
fagten vermuthen mirfl; ba (ommt mir benn befonber* feine große 
©utmüthigfeit fehr )u Statten/ bie einen 93ruch }mifchen un* nach 
einem Streite allemal verhinbert/ ber bei meiner #eftig(eit, bie ich 
immer noch nicht gan) bedungen habe/ fonff leicht möglich märe. — 
(Jrft gan) (ür)lich habe ich einen gemißen Seffcfen hier (ennen gelernt/ 
ber ba*felbe Stubium treibt/ mie ich/ nnb ben mir Berthe* al* einen 
au*ge)eichnet tüchtigen ©fenfdjen empfohlen hatte. Sein ©ater mar 
von Seiten Hamburg* auf bie Dre*bncr äonferen)en gefchicft; ich 
verfpreche mir fehr viel von biefer neuen ©efanntfepaft 1 ... 

2Ba* bie ^rofefforen betrifft/ fo flnb fie 31He, felbfi bie/ an metche 
ich nicht empfohlen bin/ fehr )uvor(ommenb gegen mich unb erleichtern 
mir ba* ©erflänbniß ihrer ©orträge auf jebe Slrt. ©on Dahlmann 
unb Slrnbt habe ich ®if mohl fchon gefchrieben. — Soeben ifl bie 


c Jhtmtich nax auch aWurt SRitgliri bn granfonia 1860 btt 60/61. 


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3uli 1861. 


91 


Sreunbticbfeit unb Jpbfltcbfeit felbß; ich tann aber nicht begreifen/ wie 
er )u feinem Stufe gelangt iß; feine Kollegien wenigßenP ßnb faß 
nur ein Aggregat leerer patbetifcber spiwafen. $ieß iß ober bie einzige 
Sorlefung, über bie ich flogen f&nnte. 93on ben übrigen iß näcbß 
ber DablmannP, bie aber mit jebem SRale meißerbafter wirb, bie über 
Snßitutionen non 836<fing bie beße; er bot mit baP r. Strebt, »or 
beffen Zrocfenbeit ieb mi<b febr gefürebtet, febr lieb gemalt. Sin 
biefiger ©tubent bat bie ffloPbeit gehabt, in ben bießmaligen £üßel* 
borfer SRonatPbeften SJcfing alp einen SJonner ^rofeßor unter ben 
ßÄobrtn fprecpenb ähnlich abjubilben. — Slbgefeben baoon habe ieb 
mieb über baP @ebi<bt „3Bann wirb Deutfcplanb einig fein? 1 , in 
welchem jene« 83ilb »ortam, febr geärgert. 3Rir fommt eP bobenloP 
gemein vor, wenn man ßcb mit berjlofem ©potte über baP Unglüef 
unfereP ©aterlanbP, baß cP immer jerrißen bleiben wirb, lußig macht. 
SBie Siner, unb mag er noch fo bittre Srfahrungcn gemacht haben, 
)u foleb’ einer falten ©fepßP fommen fann, iß mir unbegreiflich. 
Sntweber ein Sreigniß freut ober cP febmerjt mich; aber mit 8Biß 
unb ©pott mich barüber binwegjufefcen iß mir unmüglicp. — £a ich 
einmal bei ber ^olitif bin, fo will ich nur bemerfen, baß £u wegen 
ber politifeben Umtriebe im Kölner Greife, von benen im DrePbner 
3oumale fo viel gefproeben wirb, obUig ohne ©orgen fein fannß. 
Unter unP ©tubenten wenigßenP iß von StabifaliPmuP SticptP ju 
ßnben; cP giebt nicht eine einjige rabtfale ©erbinbung; Kinfel jäblt 
wohl noch einige Anhänger; biefe müßen ßcb aber febr »erborgen 
halten. £ie Stegicrung iß mit ber Haltung ber bießgen ©tubenten 
fo jufrieben, baß wir baP Kuratorium, baP im 3. 1848 glüeflieb ab« 
gefepafft worben, nun aber auf aßen preuß. Unioerßtäten wieber 

1 Da* unter bitfa Sluffgjrift all »Unfcpulbige* Zbema ©atiationtn *on 9.99." 
in ben Dftffeiberfet OTonatCbtften rv 6.60—68, 66—68 wifffntlicbt« fatirifcfif 
Pebüpt, 13 ©tropfjtn mit ebenfo«it( Jpoljfibnitten, fagt in ba »erfepten ©tropft: 
Imn man bei btn Jpottentottm 
Uniofrfitdtfn fcpuf 
Unb bir Donna 'broftffortn 
Dorthin folgen einem SHuf; 

SBtnn bann $ettentott unb 9lega 
Streiten g<b «a|n»igung<»oO: 

Cb ati 8<btbu(b Kant, ob jpegtl 
©Ion btn 93otjng geben fod — 

Dann wirb Deutfgjlanb einig fein! 

(Dtacp einet frennbKipen ^Mitteilung oon Jhertn Prof. J^einricp Ätaega.) 


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92 


auftuft 1851. 


eingeführt wirb, nicht wieber erhalten. — Ueberhaupt muffen bie 
Äommuniften/ wenn e« wirFlich fo arg ift, nur im ©eheimcn agi« 
tiren. Denn e« giebt im ganzen SRhcintanbe Fein einjige« rabiFale« 
Statt. Die franjftftföen Spmpathieen/ non benen bie Äreujjeitung 
immer fpricht, ftnb reine Srbichtung. Die Regierung jdbtt freilich 
nicht viel Stnhdnger; bie Äölnifclje Rettung iff ba« Statt/ ba« man 
in jeber DorffchenFe ftnbet; unb bie SoFalblitter befolgen gan) bie 
Denbenj biefrt Statte«. So finb auch bie Reiften unb Seffen unferer 
9>rofefforen gefinnt/ ermähnen aber nie etwa« von $o(itif in ben 
Gottegien; nur ber alte 9trnbt Fann e« nicht taffen; er fagte neulich: 
„Die Jßabtburger motten ihren fchmufcigen flawifchen Srei in unfer 
reine« beutfehe« ©affet mifchen; ba« ifl aber blof Gfigennuf; fte 
Fümmern fich ben Deibel um Deutfchlanb." — Doch ich wuf fehtiefen 
um noch *in *Paar 3*iktt on bie 9Jlutter unb bie Schwerem beiju* 
legen 1 . Sch wieberhote nochmal«/ baf ich Dir, fobatb ich von bem 
Erfolge be« Serfuche« mit bem Snftrumente weif / Nachricht geben 
»erbe. (Sott gebt/ baf e« gut ablduft! 

Dein treuer Sohn 

Heinrich. 

Die beflen ©rufe an ©roftanten«, SWerbach« unb meinen lieben 
Süector, bem ich ndchflen« fchreiben werbe. (3<h höbe freilich noch 
4 unbeantwortete Sriefe in ber Dafche). ©a« ich on ihm verloren/ 
lerne ich immer mehr einfehen. 


60] 9(n ben ©ater. 

Sonn r 5/8 61. 

ütteitt lieber SSater! 

9lun ©ott fei DanF! $eute enbtich iff ba« fehntich erwartete 3m 
fhrument angeFommen. Sch werbe freilich noch 14 Dage warten 
muffen/ bi« ich wich fo baran gewöhnt hübe um eine ©irFung ju 
verfpüren. 2dnger Fann ich ober mit bem Sriefe nicht jögern; unb 
bief ifl hoch fchon ein Schritt jur ©enefung, unb ©ott gebe! ein 
wirFfamer. — Dein lieber Srief traf mich/ at« ich faeben von einer 
jweitdgigen Gjrcurfion in ba« Siebengebirge unb bie Sifet jurücFFehrte. 
©enn ber blaue jpimmel lacht unb bie Dampfboote auf bem grünen 
1 ermatten. 


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ttusufi 1861. 


93 


Strome ben fiotjen Bergen )u braufen, rnug man wirflich eine fWrfere 
Batur beftgen a(« ich/ um ber ffianberlufl wiberftehn ju f&nnen. 3ch 
bobe aber biegma( mirfitch feine £eit um bie fch&ne ©ptige ju be« 
fcgreiben; biefer Brief wirb ba« votlfWnbige ©egentheil ber (egten 
©enbung; ich fann (eiber nur für) Beine fragen beantworten/ benn 
ich gäbe gcrabe fegt oie( )u tgun unb bin froh ben heutigen Sfbenb 
)u einer gan)en (Menge Briefen/ bie nicht auf ftch warten (affen/ be* 
nagen )u f&nnen; benn bieg ifl etwa ber &te ober 6te SBbenb feit 
9>ftngften, wo wir allein )u JJtaufe waren; gew6hn(i<h ftnb wir mit 
einigen §reunbcn entweber bei un« ober bei ihnen }ufammen ober wir 
ftnb auf ber Äneipe )um Ülbenbeffen. — 3hr wolltet wiffen, ob ich 
mit ©utfchmib )ufammen wohne. SÄllerbing«; boch fchlafen wir nur 
in einer ©tube r wihrenb wir nicht in bemfe(ben ^immet arbeiten. 
3h* habt mich übrigen« migverflanben, wenn 3hr glaubt/ ich vertrage 
mich nicht mit ihm. 3m @egenth«ile: obwohl ©tubenburfcheneintracht 
eigentlich verrufen ifl wie bie punica fides, fommen wir au«ge|eichnet 
gut )ufommen au«: wir hoben un« in biefem gan$en ©emefler nicht 
ein einige« (Mal über h&u«(iche Angelegenheiten pp. gekritten (wa« 
ftch gewiffe junge Barnen auf bem nieberen Äreujwege )u ©emüthe 
liegen f&nnen!); nur wenn wir auf ernflere Binge }u fprechen fommen/ 
waren wir oft verriebener (Meinung, ohne bag bieg jeboch unfer 
Einvernehmen ft&rte. ©. ifl wirflich ber gutherjigfle (Menfch von ber 
SBelt; ber arme 3unge ifl jegt fehr angegriffen unb unwohl, wahr« 
fcgeinlich vom vielen Arbeiten. — (Mein lieber ©a(muth war vor 
einigen »lagen bei mir; fein ndchfler Brief wirb beftimmen, wann ich 
von hiet fortgehe; ich »erbe ndmltch mit ihm ba« Mecfar« unb (Murg* 
thal bereifen/ hierauf nach $tanffurt gehen/ wo ich wahrfcheinlich mit 
©utfcgmib ein $aar Bage bleiben werbe. Bon ba gehe ich über (Main) 
nach Bingen/ fehe mir bie Bähe bi« nach Äreu|nach, hitrauf ben 
(Rhein )tvifchen Bingen unb äoblen) an (ben Bheil be« (Rhein« )w. 
Bonn unb Äoblenj fenne ich fcfton), gehe bann bie (Mofel herauf bi« 
nach Briet; von ba gehe ich entweber burch bie Eifel nach Anbernach 
unb von ba auf bem (Rheine bi« Ehrenbreitflein ober ich fahre bie 
(Mofel herab bi« borthin/ reife an ber ?ahn hinauf bi« nach ©icgen 
unb fahre von ba mit ber Eifenbahn über (Marburg unb Gaffel nach 
$au« ... E« thut mir wahrhaft (cib/ bag bieg fch&ne Halbjahr fchon 
vorüber iff; e« war wie ein bunter/ fch&ner Bräunt. Ben Anfang 
be« SBinterfemefler« nennen bie unflerbtichen ©itter ben 15. -Octbr; 


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94 


ttuauft 1861. 


bie commilitones ornatissimi rieten e* ober burcfr fpdte SfnBunft fo 
ein, baß bie Soßegien nicfrt vor bem 25. bi* 30. Dctbr beginnen. 
3<fr »erbe a(fo ooße l‘/j 2Ronat bei Such fein unb freue miefr, fo 
fcfrbn e* auch frier iß, ungefreuer barauf... ©utfcfrmib »irb nacfr 
©anten reifen, um bie bort’gen (Dtufecn ju befucfren, unb bann nacfr 
granBfurt unb Äaffel gefren, ba ifrn fcfrbne 2anbfcfraften gar nicfrt, 
»ofr( aber intereffante ©tdbte anjiefren ... 2Rit taufenb Dan! für 
aß’ bie unoerbiente ®ute, bie Du mir in Deinem (egten (Briefe »ieber 
gegeigt, unb ben beßen ©rußen an (Bße bin icfr 

Dein treuer ©ofrn 

JJeinriefr 


61] 8n btn 35#t<t. 

Jfreibetberg, 15/8 51. 

(Mittag*. 

SWeitt lieber 93ater! 

-Dag* juoor 1 fratte Jjeinricfr gJotenj bei un* ftbernacfrtet, 

ber mir $»ar oon Suefr, Sott fei Dan! nur gute, beßo trübere 9taefr« 
riefrten aber au* Seipjig braefrte. Sin ©cfrulfreunb oon mir, ben i(fr 
ebenfo fefrr (iebte al* acfrtete, ein nocfr fefrr junger, fittlicfrer unb be= 
gabter (Kenfcfr, fei feit ßßern in 2eip$ig in fcfrlecfrte ©efeßfcfraft ge« 
ratfren unb nun an einer fcfrauberfraften Äran (freit auf eine grdßlicfre 
SEBeife $u ©runbe gegangen; ein Anbeter fei in (Melanefrolie oerfaßen 
unb frabe beßfrafb ba* ©tubiurn aufgegeben; mefrrere 2lnbere enbtiefr 
feien au* (ebenbigen, rußigen ÜRenfcfren gan$ fefrlaff unb matt ge« 
worben. Diefe Wacfrricfrten atterirten miefr fo, baß icfr fie mir gar 
nicfrt au* bem Sinne bringen Bonnte unb e* mir unmigticfr war 
meine ©ebanBen ju fammetn. ©töcBKcfrerweife frabe icfr geßem er« 
fafrrcn, baß bie erße Macfrricfrt auf Uebcrtreibung berufrt; bie übrigen 
finb (eiber nur )u wafrr. Ueberfraupt Blingt 2lße*, wa* icfr oon Seipjig 
frbre, traurig: e* gefaßt ben Leuten aßen nicfrt bort, unb icfr Bann 
miefr nicfrt genug oerwunbern, wa* für ein blaßrter Don in ben 
(Briefen meiner ?eipjiger (BeBannten frerrfefrt. Dann fufrle icfr erß 
reefrt, wie glücBUcfr icfr bin, unb weiß gar nicfrt, wie icfr Dir bafur 
banBen foß, baß Du mir ©elegenfreit gegeben ein Seben ju fufrren, 
wo bie 2eben*luß, bie Siebe $ur 2Bißenfcfraft unb $u Mßem, wa* groß 

1 93or Xrtitf<bM übmfe oon ©onn. 


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Stugufl 1861. 


95 


unb fthün, wie von felbft genährt wirb. 3(h ffge jegt hi« in Jjetbels 
berg unb wiegte vor greube weinen über mein @(ücF. — Doch jegt 
bemerFe kg erft, baf ich Dir über bat Sie, wann/ wo? noch gar 
Feine SlutFunft gegeben. 3cg will et fc^Ieuntg nacghvlen. 9(m 12. 
ju Niittemacht oerlief icb Sonn; bei ber Slbfahrt war ber gerrlichfte 
SNonbfchein; bo<h alt wir in ber ©ottetgülfe (ber ©tromfehnelle 
jroifchen Nonnenwörtg unb ©rafenroirtg) waren/ fenFte fich ein Nebel, 
ber ft* fo fcgnell verbietet«, baf bat 93oot jwifcgen Nnbernacg unb 
Noblen) anFern mufte. ©o blieben wir 4 ©tunben lang liegen unb 
fuhren SNorgent 7y 2 wieber ab; et war bat fünfte SBetter unb icb 
Fonnte bie tyxxüty ©egenb mit SNufe betrachten/ traf natürlich auch 
©tubenten auf bem 99oote, unb fo war bie gaget bie angenegmfte 
von ber 2Belt. Slber bei SBorrnt jerbraeg Stwat an ber Ntafcgine, 
unb fo Farn et, baf wir erft um 9 ftatt um 4 Uhr nach Mannheim 
Famen. 3<g bin'alfo erft geftem Mittag bei meinem lieben ©atmutb 
angelangt unb gäbe mit ihm am Nachmittage bat ©chlof burcf) 5 
wanbert; Slbenbt trafen wir hocgft unerwartet 2 berliner ©tubenten/ 
alte 93eFannte von @utfchmib/ bie unt vor 8 lagen in 23onn befucht 
unb feitbem ben Ngein befehen hotten, #eute früh waren wir auf bem 
Aaiferftugle, biefen Nachmittag geht et auf ben SBolftbrunnen u. f. f. 
Du wirft wohl Feine 99efcgreibung von mir verlangen/ mein lieber 
®ater. Der EinbrucF ift ju grof um fo fchnell bewältigt ju werben. 
St ift nur ein 3ube( in mir; ich Fann nicht befchreiben/ wie f<h6n 
et ift/ mit einem SNenfcgen, bem man von ganjem #erjen jugetgan 
iftz jufammen fich ber ©ottetwelt ju freuen. Sich @ott, unb morgen 
ift et fcgon vorüber! — Die Neife in ben ©cgwarjwalb würbe mich 
ju lange aufhatten; ich 8<h« atfo morgen an ben Ntain unb nach 
granFfurt unb mache von ba bie Dour, bie ich im (egten Briefe ans 
gegeben. Einen guten Xheil ber Neife mache ich in ©efellfcgaft ber 
beiben'Serliner ©tubenten, bie ich hi« getroffen, unb bie mir recht 

gut gefallen-Die Sotlegia für näcgftet ©emefter ftnb autge* 

jeicgnet; Dahlmann j. 99. lieft ^olitiF, nebft ©efegicgte ber spolitiF, 
unb beutfche ©efch. feit Äarl V, — 2Bat bie ©ehorinftrumente an* 
langt, fo Fann ich Dir, ©ott fei DanF, fchon jegt nur ©utet bavon 
melben; befonbert ift mir ihre 2Bir?fam!eit aufgefallen, wenn ich mit 
ferfonen fprecge, beren Drgan mir fremb ift. ©egt bief fo fort, fo 
werben fte mein Seiben bebeutenb erleichtern, nnb wie unfcgägbar ift 
fcgon eine Erleichterung!- 


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96 


Suguft 1861. 


©un leb« wohl, mein lieber ©ater, nimm meine beflen ©rufe an 
ade Sieben, befonberh an bie Sutter, unb (wenn Du ibn feben fotftefl) 
an ben ©ector ülee, bem icb wegen hangele an 3«'t nic^t wieber 
habe febreiben fünnen. Sie immer 

Dein treuer ©ofm 

Heinrich 


52} Bn ben Später. 

gtanffurt a/SK. 19/6 1 51. 

SWein lieber Söater! 

©chon wieber ein ©rief, wenn auch nur für}, ©eftem SIbenb 
hier angetommen fige icb i*n #otel Drejel unb weif natürlich feine 
belfere 3lrt, mir eine regnerifebe Sorgenfhmbe }u oertreiben, al6 in* 
bem icb nticb m <t Dir unterhalte. 3n einer ©tunbe etwa, wenn ei 
in ber ©tabt lebhafter geworben ifl, werbe ich auhgeben um mir bie 
©autefirebe, bie Sorfe fammt Jj>rn. o. ©otbfchilb, ben ^trfebgraben 
unb bie Sfchenbeimer ©affe an 3 ufebcn. Srlaubt ei bah Setter, fo 
oertaffe ich granffurt fegon brate ©littag, wo nicht (wah icb fafl 
fürchte), erfl morgen früh, fahre mit ber ©ifenbabn nach ©ieberich 
unb burchwanbere bah ©beinufer }wifchen bem 3obannihberge, wo ber 
©intritt, trog ber 3lnwefenbeit beh gürflen 1 , geflattet ijl, biö Äoblen) 
in 2 bie 2*/j Sagen, fo baf ich am greitag früh bie SRofelfabrt be* 
ginnen fann, oon ber ich am ©iontag Slbenb wieber nach Noblen) 
}uräcffebren werbe. Den Dienetag werbe ich wabrfcheinlich über ©me 
nach Simburg geben, Sage barauf oon Simburg bie ©iefen in ber 
©off, oon ba bie Dreebcn mit ber Sifenbaljn fahren, fo baf ich 
fpiteffenh am Donneretag über 8 Sage Slbenbe 9 Uhr bei ©uch 
eintreffe, wobei ich bie grofe greube haben werbe, Dich noch ftcher 
in Dreeben }u ftnben, mein lieber ©ater; ’benn oor bem 1. ©eptbr. 
gebfl Du boch nicht nach Sut}en? — Doch nun }um ©eriebte meiner 
©rtebniffe feit bem 15. SKittage, wo ich Dir }ulegt gefchrieben. ©och 
an bemfelben ©acbmittage gingen wir an ben Solfhbrunnen, bae 
fcgwar|e ©ewdffer in ber grünen Salbfcblucbt, wo einfl bie bribnifche 
Zauberin 3etta oon Sblfen )erriffen warb. Dief wäre ein ©lag für 
meine liebe SKutter gewefen. [©eiche Siefen, bah fchwar}e fülle 

1 3ft richtig vom 19. Vuguft ju batictm. 3 9W(»frnic&. 


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guguft 1861. 


97 


@cw<Sffer unb bog unabfehbare @rün bet alten Bäume — jStteg fo 
fcpaurig unb einfam unb boch fo frieblich unb traulich. Sann fuhren 
wir auf bem 9tecfar jurücf, währenb bie rotben Sanbfteinwänbe beg 
JtaiferftublO unb bie geborftenen SIRauern beg SchloffeO im Slbenb» 
fcpeine im ticfflcn Purpur glühten; befliegen bann bcn ber Stabt 
gegenuberliegenben Jpetltgenberg, um noch einmal bag Bilb ber fchünen 
Sanbf<haft unO etnjuprägen; wir fahen bag Schloff noch im testen 
Schimmer beg Slbenbrothg, big (eichte 9lebel aug bem (Jlecfar auf» 
fliegen unb bie fchweigenbe Stabt verhüllten. — Slber in 9 Zagen 
bin ich fo wicber bei Such; ba fann ich Such fo Sllleg oiel beffer er» 
jühion; betreiben läfjt eg fich boch nicht/ unb nur wenn man mit 
einem ffRcnfchen perfbnlich jufammen ifl, fann man recht beurtheilen/ 
wie fehr Stwag ihn ergriffen hot. 2Benn ich fo »on etwag Schönem 
mächtig ergriffen warb/ fonnte ich mir nie nachher SRechenfchaft geben 
über bag, wag ich babei gebacht/ unb boch fühlt« ich, bafj ich mir fo» 
eben über etwag ©rofjeg Har geworben war; eg fam mir vor/ alg 
gäbe e8 für ung 9licht8 Unerflärlicheg mehr auf ber 3Belt, unb boch 
waren mir nur bunfle Smpfinbungen burch ben Äopf gegangen. 
3Bcnn man an folch einen Stoff gerätb, liegt boch bie mpfltfcbe ©e» 
bcimntfjfränterei fehr nahe. SRich berührte eg fehr unangenehm/ a(g 
auf bem <$ci(igenbergc ein Stubent/ ber mit oben war/ philofophiftb« 
Betrachtungen anffellte über bie fSitfungen beg Schbnen auf ben 
SDtenfchen; ich fonnte mir gar nicht benfen/ bafj er bag auch fühlte/ 
wag er fagte; unb boch fmbe ich bafj er einen oiel auggebilbe» 
teren, felbflänbigeren @eifl hotte/ alg ich; <r »ufjte ben Sinbrucf 
fepon ju bcherrfchen; unb in folgen Singen bin ich leiber noch fehr 
weit jurücf; ich loffe mich f«hr vom Sinbrucfe bcherrfchen/ unb hohe 
mich on fcharfeO, confeguenteg Senfen noch nicht gewähnt; bag höbe 
ich oft bemerft/ wenn ich in Bonn mit alten bemooflen Häuptern 
fprach unb fab, wie lange unb confeguent fie einen ©egenflanb fefl» 
hielten; bie gähigfeit, über atterhanb Singe flüchtige ©ebanfen ju 
faffen, ifl 9laturan(age; bie, einen ©ebanfen in feinen Sonfeguenjen 
burchjubenfen, bag SRefultat ber Bilbung; nun, ich hoffe ju Sott, 
bafj ich biefe mit ber >)<it noch erlangen werbe, wenn auch big jefct 
wenig Bugftcht baju ifl. — 

Soch «g ifl 3«it aufjubrechen. — Sch fchreibe alfo nur für), 
welchen SBeg ich oon ^cibclberg hierher genommen. 9fm Sonnabenb 
ging eg im 9lccfartha(e hinauf an unjähligen (Ruinen vorbei nach 

»• 7 


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98 


Dftofer 1861. 


Sberbach; bort oerliefen mit ba« £hal unb gingen im Dbenmalbe 
hin, bi« mir in einem htff*f<h tn Sorfe Nachtlager fanben unb neben« 
bei ba« ßbenrodlbeTSBauetkben ein menig fennen (ernten. (Borgeflern 
jogen mir burch fyefftföeti, babifche« unb bairifche« ©ebiet nach ÜRilten« 
berg am 2Jfaine, mo mir übernachteten unb geftem früh bie bafelbfl 
liegenbe SRuine befliegen. Oeflern (Bittag trennte ich ntich kiber von 
meinen 2 Neifegefdhrten, bie nach SBürjburg gingen, unb fuhr mit 
bem Sampfboote in @efe((fchaft mehrerer ÜBurjburget ©tubenten hier« 
her, mo ich um 8 Uhr anfam unb bie 3«tt bamit jubtachte in einer 
(Biertneipe ba« mirflich fehr ergofjliche granffurter 93olf«kben anju« 
fehen. 3n bem Jjotel hi«t h°be ich einige (Bonner ©tubenten ge« 
troffen, mit benen ich ntich jeboch nicht meiter einlaffen merbe, ba fie 
)u einer fehr gemeinen Nerbinbung gehören . . . Sehe moh(, lieber 
©ater, gtüf e (Butter (für bie ich in Miltenberg ©ehneefen gefunben), 
©chmeflem unb (Bruber von 


Seinem treuen ©ohne 

Heinrich. 


68] Vn btn {Batet. 

(Bonn, 27/10 51. 

2Retn lieber 93ater! 

2Benn ich vielleicht burch 93erj6gerung meiner erflen £ufthrift 
meiner guten (Bama 2lnlaf ju, ©ottlob! unnötiger, (Kngfl gegeben 
habe, fo liegt bie ©chulb baran kbiglich am Mangel an ©toff jum 
(Brieffchreiben. Senn fchon bin ich eine volle (Boche von Such ent« 
fernt, unb noch bat feine« meiner Solkgia begonnen, unb noch ‘ft 
©utfehmib nicht angefommen. Soch ich will Such nicht (dnger 
märten (affen, unb 3i müft Such fchon mit burftigen Nachrichten 
begnügen. 3n Seipjig habe ich ntich 1‘/j (tag lang aufgehalten, meil 
mich bie Seute bort nicht fortliefen. Nebenbei hatte ich ©ekgenheit 
(ba ich ben einen Zog bei meinem greunbe SRotter, ben anbren bei 
jroei NerbinbungOflubenten jubrachte), ba« hdu«(iche Sehen eine« tuch« 
tigen flrebfamen jungen (Banne« mit bem 2er fanatifcher Sorpö« 
burfchen ju Dergleichen unb bie hochmütige ©elbfhdufchung ju be* 
munbern, mit melcher Se|terc auf alle anberen ©tubenten herabblicfen, 
mdhrenb hoch (hunbert gegen ein« ju metten) gerabe fie, einmal ben 


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Dftobtr 1861. 


99 


©tubentenjabren entwarfen, je&ctt unabhängigen ©inn vertieren unb 
am ©cbncßften Wlifier werben. — ©on Xeipjig nach Hannover fubt 
ich nur mit ^^ittflern, jo fogar mit bem ©cbrecflicbflen ber ©cbrecfen, 
mit Damm in ber 3«n Piaffe. Do 4) einen ©Fleier Aber biefe 
SReifegefeflfcbaft! Sn Hannover erfuhr ich, baf} ber $ug nach Ä6(n 
erft um einige ©tunben fy>dter at« fonfl abgebe. Scb triftete mich 
aber halb barüber, weit ich in 2 ©onner ©tubenten, einem SBeftpbalen 
unb einem ©cbte«wigcr, welcher £e$tere 3 Sabre lang gegen Dine« 
marf gefönten unb je$t ftcb b«r Einberufung jur bdnifcben 2trmee mt« 

jogen hotte, febf angmebme ©efeßfcbaft fanb-@o fi|e ich benn 

hier unb borre auf ben Anfang ber ©ortefungen, ber auf übermorgen 
fiat. Srtacbbem ich bi« je§t einige Heinere Arbeiten ooßenbet, werbe 
icb je$t ©taccbiaoeßi’« Surften unb gtiebric^ö beO @rofen Stntimac* 
chiaoeß lefen. Offen geftanben fürchte icb mich etwa« oor ber ©o* 
titif; icb benfe: icb &»n i« jung baju; benn, wenn icb oucb ba« Einjelne 
ooßfommen oerftcbe, fo fann icb *« immer noch nicht einfeben, wie 
man fo 2tfle« unb Sebe« im .©taate boarfcbarf oerctaufutirm unb 
jebrt £eben, jebe freie ©ewegung nach tobten {Regeln (eiten wiß, at« 
ob ba« ?eben nicht taufenbmat mannicbfattiger wire, at« atte Regeln 
menfcbticber Klugheit. Sn folgen Stugenbticfen fcbeint mir bie liebend' 
würbige ©b*ofe ©runo ©auer’O 1 oon ber mtneroenbm @taat«wei«beit 
©fonteOguieu« bocb nicht ganj grunbtoö ju fein. Doch jur rechten 
Xufttirung über fotcbe Probleme fommt man erft burcb fange Er« 
fabrung, burcb bo« ©tanne«a(ter. 2tber noch ein anberer @runb ift 
rt, warum ich vor bem ftaaWwiffenfcbaftticben ©tubium etwa« ©fngft 
habe. Denn in einer fo bewegten £eit, unb bei einer fffiiffcnfcbaft, 
in ber, wie in ber ©olitif, nur wenig ©rincipien aßgemein anerfannt 
ftnb, bei ber atfo bie perfönticbe 3lnfcbauung«weife beö £eb*enben ent« 
fcpieben in ben ©orbergrunb tritt, ift e«, benf’ ich/ febt fcbwer, ftcb 
nicht auf einen einfeitigen ©arteiftanbpunft ju fteßen ober anbrerfeit« 
in bem ©treben, bie rechte ©litte ju gewinnen, feig unb cbarafterto« 
)u werbm, rt aßen Parteien recht machen ju woßen unb babei nicht« 
Xüchtige« unb ©etbftdnbige« ju leiften. Sch hofft feboch, baf ich 
oor beiben gehlem burcb Dahlmann« Ebarafter, ber a(« SDJotto feine« 
ftaat«wiffenfcbaft(ichen 2Berf« ben SBunfcb, e« rnüge aßen potitifcben 
©ecten miffaßen, aufgefteßt bnt, unb burcb reblicben 2Bißen (unb 


i gtacp fmilbotff («gl. auch ©ai«, politif ©. 142) Dtto ». Htantniffett. 

7* 


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100 


©owmfcr 1861. 


bad tft ja bad ©efte, »ad man bieten fann) bewahrt werben werbe. — 
Doch ich mufj fchliefjen, mein lieber ©ater. ©och einen fronen @ruf 
vom alten 9t^eine r noch einen @ru§ von ben wattigen ©ergen, bie 
jefft in röthlich jauberifcher gatbe prangen, ald wollten fie fich über 
bad 9la$en bed ÜBinterd tdufchen, noch einen @rufj voll ^erjlicben 
Danfed für ade Sure Siebe unb @Ate von 

Deinem treuen ©ohn 

Heinrich 


64] 8n tcn Statcr. 

©onn, 22/11 51. 

ÜJtein lieber 93ater! 

©oeben |K»tte ich biefe brei ©orte getrieben, um Dieb ju bitten, 
vom Dr. Slrinfd bad SRecept bolen ju (affen, um welched ich ibn 
in einem birect an ibn abgefenbeten ©riefe gebeten batte — ald gerate 
ber ©rieftrdger bie gewAnfchte Antwort bed Sirjted brachte. Sr macht 
mir bie befien Hoffnungen; unb in ber 3$at gebt ed auch unverhdltnifj* 
mdfjig beffer, ald im vergangenen ©ommer; i<b vergehe bie ©ortrdge 
ber Docenten beffer ald fonft, wenn au<b noch gdde vorfommen, wo icb 
wibrenb einer ganzen ©orlefung nicht eine ©ilbe hAre, unb obgleich 
mich jebed Äofleg febr angreift. — 2Rir macht biefer Uebclftanb freilich 
viel ©rbeit, benn wenn ich auch ©ichtd auf bad unftnnige H<ftnach* 
febreiben gebe, bin ich boeb oft gen&thigt mir ein frembed H«ft ju 
(eiben um wenigfhnd ben Inhalt einer ©orlefung ju erfahren unb 
Sinjelned baraud aufjufchretben. — Doch ed mufj ja geben; unb bie 
grojje Skfddigfcit ber ©tubenten (unter benen ich wieber ein paar febr 
angenehme ©efanntfehaften gemacht habe unb von ein ©aar unan* 
genehmen auf gute SKrt (odgetommen bin) erleichtert mir bie ©acht 
febr. — Dahlmannd ©olitif jiebt mich immer mehr an; befonberd 
gefddt mir baran, bafj er fich oon unfruchtbaren ©peculationen ganj 
fern b^lt unb auf rein gerichtlichem, realem ©oben bleibt, inbem 
er erff bie politifchen unb focialen ©erbiltniffe emed Sanbed hiflorifch 
entwccfelt unb bann nach bem ©iaafje ber gegebenen ^ufWnbe feine 
2b«orie aufffedt. — 5Benn man biefe ©ebanblungdweife mit anbren 
©ücbem Aber benfelben ©egenflanb vergleicht, bie mit grofiem Scharf« 
ftnne unb gldnjenbcr ©elebrfamteit aud einem ©eraunftprincipe 
5£b«orien bebuciren, nach welchen nun fchlechterbingd ade ©erbdltniffe 


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9tatcmb« 1861. 


101 


umgebilbet werben foHten, fo glaubt man faum, eine unb biefelbe 
äBiffenfcpaft vor fiep )» hoben. 3cp tonn bann in ber Spat nicht 
begreifen/ wie man barübet Hagen fann, baß fotcpe £peorieen ^ber 
SBirflicpfeit nicht auOjuführen feien: ich für meinen Xpetl fühle mich 
viel mehr )u ber SRannicpfaltigfeit unb bem lebenbigen SfBecpfel wirf« 
liehet £ufttnbe pingejogen, alo ju einem tobten principe/ ba* boch/ 
weil e* immer nur au* bem Äopfe eine* Einjelnen entfprungenjfl; 
immer einfeitig fein muß. 2Ba* für eine eble, reine Segeißerung 
aber felbff au* einer folcpen Skmunfttpeorie entfpringen fann/ habe 
ich recht beutlich au* einem 3ugenbauffa|e SBilpelnt’* v. ^umbolbt 
»über bie ©rünjen ber 2Birffamfeit be* Staate*" 1 gefehen, in bem er 
ben Staat nur al* notpwenbige* Uebel betrachtet/ bem nur in 93ejug 
auf bie Sicherheit ber Bürger Gewalt eingcrüumt wirb; bagegen wirb 
in allen anbren iBerpültniffen eine fo vollfommcne Freiheit, unb mit 
fo glünjenben garben, geprebigt, baß ich a>ie geblenbet war von ben 
glünjenben Grünben unb lange ^eit brauchte/ bi* e* mir einfiel/ baß 
ber Staat eine Einrichtung ift, bie v&ltig in ber 9tatur jebe* SRenfcpen 
wurzelt/ unb baß wir nicht einmal glücflicher fein würben/ wenn wir 
folche Engel wüten/ baß wir einen fo freien £uflanb ertragen f&nnten; 
benn wie würbe e* wohl fo vollfommenen SBefen auf biefer Seinen 
Erbe gefallen? — 

3<b muß gegen Dich noch einen SBunfcp üußern, ber mich fehe 
lebhaft befchüftigt/ nümlicp ben/ in ben fRaturwiffenfcpaften mich 
mehr )u bilben! 3cp habe von biefer 2Biffenfcpaft, bie fo reißenbe 
gortfepritte macht/ außer einem/ leibet nur halb votlenbeten/ pppfi* 
falifcpen Äutfu*, nur bie notpwenbigflen E(cmentar«Aenntniffe auf 
ber Schule gelernt; ich fühle baö SBebürfniß nach grißerer fonntniß 
um fo beutlicher/ ba ich nicht fo blinb bin/ um nicht einjufepen/ 
welche Einfeitigfeit ei wüte, ft cp mit ben Scpicffalen ber SRenfcppeit 
ju befepüftigen, opne bie Söerpültniffe ju fennen, von benen jene fo 
wefentlicp bebingt werben. Ein greunb, ber hier fRaturwiffenfcpaften 
fhtbirte, unb ben ich beßhalb befrug, rietp mir/ mir fflumteifler’* 
berühmte »Gefcpicpte ber ScpJpfung" anjufepaffen, um barauö eine 
encpclopübifche Äenntniß ju erlangen/ bie icp in Beipjig mich mit 
einjelnen Zpeilen ber SRaturwiffenfcpaften/ wie mit ber matpematifepen 
@eograppie pp. fpecieller befepüftigen fbnnte. Da* 93ucp ifl mit guten 


i gang getauft ©rtilau 1861. ®gl. Jpiftoi. u. Poltf. ftufftye 3,4. 


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102 


XVjfmbn 1861. 


30uftrationen oerfeben unb behanbelt ben Skgenftanb auf populdre 
unb bo<h wiffenfchaftliche 8Beife. 9lun mbcbte ich aber nicht gern 
einen SRifgriff begeben/ unb bube habet/ wenn au<b »ergeblidf», gefugt 
bat ©uch b««r aut einer ©ibtiothef )u erbalten. Da nun Schneiber 
nach ©bttingen gegangen ift/ fo muf i<b mi<b an einen anbren Sach* 
oerfidnbigen wen ben; unb wer wäre mir ba ndbet, alt meine liebe 
3Rama? 3«h frage fl« alfo, ob fte bat fragliche ©uch fennt unb/ wo 
nicht/ ob fte et nicht oon Richter einmal )ur Knftcht erhalten fbnne. 
ginbet fte et für meinen «Jwecf paffenb, fo bitte ich f«/ e * mir mit? 
thetlen )u laffen, bamit ich «t mir anfchaffen (ann. — 

@utf<hmtb ift nun feit 14 «tagen h«f unb hat noch immer alle 
Jhdnbe »oll )u thun um bat nachjureiten/ wat er oerfdumt hat; benn 
er fährt bie J£>efte mit einer fo dngfHichen ©enauigfeit, baf ich baoor 
nur bewunbemb nieberfinfen ober baräber lachen fann; benn wo)u 
n&|t et/ felbft (Sachen nachjufchreiben/ bie man Idngff weif ober bie 
ancrfannt falfch ftnb/ ba man noch baju bie nachgefchriebenen J^efte 
fehr feiten wieber anfieht/ wenn fte febr ooluminbt ftnb? Sr ifl ber 
Ulte geblieben/ unb wir oertragen unt fehr gut; er idft Such um 
Serjeihung bitten/ baf er Such nicht oor ber Kbreife noch einmal 
befucht hat; er habe aber att)uoiel ju thun gehabt 3n ben SBeihnachtt? 
ferien fommt er nach Dretben unb wirb befhalb oorher nicht an 
feine Seute fchreiben ... 

3Rit ber Hoffnung/ baf Kfle, bie ich in Dretben lieb habe (alfo 
Keltern/ ©efchwifler unb ber Schwarjfchimmef) wohl ftnb/ unb mit 
ben haslichflen ©rufen an Ktle bleibe ich 

Dein treuer Sohn 

... Heinrich. 


66] Sn 3u!iu< Äl«. 

©onn, 15/12 51. 

©eehrter Jgierr Dteetor! 

... auch meine Sntfchulbigung fommt fehr fpdt; freilich ftnb bie 
oiebn Arbeiten, bie ich m ber lebten $tit oorhatte/ meine Sntlafhmgt* 
jeugen. 3n biefem Semeffer hbre ich ndmlich meine erfen fkatt? 
wiffenfchaftlichen Sollegiö/ ©olitif unb ©cfchichte ber ©olitif/ beibc 
bei Dahlmann/ jwei gdcher, bie mir oiel ju thun geben. Kber je 


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£fKmbCT 1861 . 


108 


mehr ich anbere Stocher über biefen Stoff lefe, befto mehr fe^e 
ben SBertb von Dahlmann* 3tuffaffung*roeife ein ... Sr hält fic^ 
ganj fern von nu|tofen Speculationen Aber ben Urfprung ber 
Staaten pp., aber inbem er bie Sache auf rein realen Staben ftellt. 
Siebt er boch SBinfe genug für bat 9ta$ben!en Aber fene Probleme. 
Ueberbaupt wirb e* mir immer flarer, wie fchwer, ja, wie unmäglich 
et ift, in ber Sinleitung )u einer SBiffenfchaft ben Stagriff betfeiben 
ober ihre* ©egenftanb* abffract ju befiniren, ba biefe Stfenntnif bocb 
erft eine golge ber Srfenntnif ber einjelnen XbeUe ber Doctrin fein 
foflte; unb bennocb muf bie Srtlärung bet allgemeinen Stagriff* 
vorbergeben, bamit man wenigften* weif, wovon bie Siebe ift. 
3<b fomme b»« auf einen $unft, über ben ich no<b febr unflar 
mit mir felbft bin, unb ber mir mit bem unerflärltchen Stanbe, ba* 
jwif<ben ©runb unb $wed befiehl, jufammenjubängen fcbeint. Sir 
tommt e* oft vor, a(* tonnten wir (eine Srfcbeinung in ihrer Zo* 
talitdt begreifen, wenn au<b alle nur in ihrer «totalitär auf un* 
wirten, unb a(* müften alle Starfutbe, eine Srfcbeinung in ihrer 
©anjbeit aufjufaffen unfuber bleiben, wenn wir auch bur<b unfre 
9latur )U folcb’ einer Sluffaffung gebrängt werben. — Da* befle 
Solleg, ba* Dahlmann je$t lieft, fcbeint mir feine ©efchicbte ber 
Stalitit )u fein, in welcher er bie verwicteltflen ftaat*pbitofopbifebro 
Sbfteme mit mcifterbafter Klarheit barftellt; nur Sine* fällt mir babei 
auf, baf er nur bie einjelnen Sbfteme analhfirt unb nur febr wenig 
auf ihr ©emeinfcbaftlicbe* aufmerffam macht, wie j. 83. auf bie Stuf* 
faffung bc* Staate*, woburcb ftch bie Sitten von ben Sobemen unter» 
fcbeiben. — Senn ich vorhin von nuflofen Zbeorien fprach, fo baff* 
ich, Sie werben mich nicht )u benen gälten, bie immer unb ewig 
von ben „unpraftifchen Staofefforen* pp. fprecpen. — 3m ©egentbeile; 
ich fann nicht begreifen, wie Seute, bie ihr Sehen bei $ofe ober im 
©ericbt*faale jugebracht haben unb bat Statt oft weber tennen, noch 
tennen wollen, (wie wohl bie Seiften unferer Diplomaten), bie Sta* 
bfirfniffe bet Stolle* mehr verfteben follen, a(* Sänner, bie bie ®orjeit 
unb bie Sntwictlung be* Statte* beobachtet haben. Sine Schule für 
Staat*männer giebt e* ja hoch nicht; et gebärt eben ber innere Staruf 
baju, bief Slmt au*)ufäQcn. — Die neueften 9lacbri<bten au* Stari* 1 
bilben b<** natürlich äa* Xage*gefpräcb; ich fmbe *# gräflich, baf e* 

\ - - --— — " 

t über 2oui$ fflapoteoni €>taot$fhei<$ am 2. Dsiembn. 


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104 


Dfjtmbtt 1861. 


babin gelommen iff, bafj, wer e* mit ffran(reich unb befonber* mit 
Deutfchlanb wohl meint, fich über ben ©ieg eine* unbebeutenben 
SWenfcben, wenn nicht gar eine« geroiffenlofen Sgoiffen freuen mufi. — 
®Mt ber ©itte, bie beflen Grüfje an Hm. Dr. J^elbig unb Dr. ©altyet 
von mir ju beffeßen, fcbßefje ich unb bleibe 

3bt banfbarer ©cbüler 

Heinrich von Xreitfc^fc. 


66] #n ben SBater. 

Sonn, 19/12 51. 

ÜHein lieber 95ater! 

3n wenig ©tunben reiß Gutfcbmtb ab, unb ich (ann bie Gelegenheit 
nicht Vorbeigehen (aßen ohne eine Antwort auf Deinen lieben ©rief... 
ÜReinem (leinen ©ruber antworte ich ba* nicbffe SRal; feinen ©rief 
habe ich ohne ben Schluffei entjiffern (innen; meine Setannten jeboch, 
^ benen ich ba6 ©ctenffücf jeigte, lafen ihn ungefähr ebenfo richtig, wie 
ber berühmte 2eo in Haße, ber neulich ein altbeutfche* ©prachben(mal 
für (eltifch hielt unb bie barin vor(ommenben ©orte: „ein )weijAbriger 
Dchfe" mit: „Da* Himmelreich iff unfer"! überfefcte. — ©Wie leib e6 
mir thut, )u ©Weihnachten nicht bei Such fein ju (innen, brauche ich 
Dir wohl nicht ju fagen, mein lieber ©ater! €6 wirb mir recht eigen 
ju 9Ruthe fein, wenn ich ben heiligen tlbenb ganj ffiß feiere unb 
Such nur im Skiffe bie beffen ©Wünfche für ein recht frohe* geff 
fehlen (ann. ©tiß werbe ich ben Dag wohl begehen, etwa mit 
einem ober jwei greunben • & e nn auf bie Kneipe mag ich an biefern 
©benb nicht gern gehen, obwohl ich in biefern ©Winter eine ©erbinbung 
(ennen gelernt höbe/ bie mir aufjerorbentlich gefüßt. Uebrigen* iff 
Gutfchmib fchlechterbing* ber^Sinjige meiner ©e(annten unb greunbe, 
ber ©onn verl&fjt: felbff bie ©b<inlünber unb ©Jeftybalen bleiben ba. — 
©Wo* ich für 3ohanna unb Sofepb« beffimmt, habt 3b* hoffentlich 
erhalten; nur für Stainer habe ich bi** ©icht* finben (onnen; 3hr 
feib alfo wohl fo gut, ihm Stwa* in meinem ©amen )u fchen(en. — 
©Wenn 3b* mich fragt/ wie e* mit bem Srfolge meiner Sur ffeht, 
fo bin ich in jiemlicber ©erlegenbeit über bie ©ntwort; im Soßeg 
büre ich in einjelnen Süßen überrafchenb gut; auch im Ganzen muff 
ich iufrieben fein; nur über bie ©erfuche mit ber Uhr unb Ähnlichen 
Dingen bin ich undar mit mir felbff: ich glaube ffe wohl manchmal 


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Dtjrmtxt 1861. 


105 


ju gfcren, gäbe aber immer ben ©erbacgt, e« fei nur ein Summen 
im Dgre. Da« ©etter mar fortbauernb fcgbn; in bet legten ©ocge 
gatten mir eine ©Arme, mie bei Sucg faum im 3lpri(; jegt gaben 
mir fegon 1 bi« 3° jfölte, fo bafj bie spgtlifler über ben ftrengen 
©inter {lagen. — Dbgleicg e« gier (eine großen ©eignacgt«au«fle((un: 
gen giebt, fo ifl e« bocg fegr (ebgaft auf ben Strafen; bie evftc #ilfte 
be« gejietf ifl Jebocg fegon vorbei/ ndmlieg bie ©efcgeerung am 9lico* 
lauOtage (6. Decbr), bie gier gan) allgemein ifl. — 

©einen beflen Danl Dir unb ber guten ©utter für Sure SSe« 
mugungen megen be« naturmiffenfegaftliegen ©ucge«. 3cg glaube 
niegt/ mein lieber ©ater, bafj ba« ©tubiurn ber ©aturmiffenfegaften 
mieg jerflreuen mürbe: immer ba«felbe treiben (Ünnte ieg ja bocg niegt 
ogne einfettig )u merben; unb ein fo nüglicge« unb jugleicg fo viel 
Srgolung bietenbe« ©tubiurn (ann ieg fa bocg (aum finben. — 3n 
biefem ©cmefler lefe ieg aucg oiel SMltbeutfegeO, unb gier mirb e« mir 
recgt dar/ mie viel boeg ba« ©erflünbnifj ber ©pracge ju bem ©er= 
ftegen be« ©in ne«, ber Denf* unb 3(nfcgauung«meife eine« ©ol(e« 
beitrügt; ieg gäbe bocg ba« ©ibelungenlieb unb dnbereV fruger fegon 
in Ueberfegungen gelefen, unb fegt (ommt ei mir fo gan) anber«, fo 
viel fegbner vor. 3m Snglifcgen übe ieg mieg meiflen« burcg Leitung« 
lefen; boeg merbe ieg fegt an ©gafefpeare’« 2ufifptele gegen. — ©ir 
mirb oft gan) traurig )u ©utge, menn ieg benfe, ma« ieg 3111rt noeg 
)u lernen gäbe/ unb mie ieg, trog 3((lebem/ bocg immer einfeitig ge: 
bilbet bleiben mufj. — 

Die ©orte über nuglofe Dgeorieen in ©ejug auf ©erfaffung pp. 
in Deinem (egten ©riefe/ für bie ieg Dir ger)(icg banfe, geben mir 
)ugleicg ©eranlaffung )u einer grage, um beren ©eantmortung ieg 
Dicg bitte/ mein lieber ©ater, ©oger (ommt ei mogl/ bafj bie ejrtrem 
reaetionüre ©artei bem ©tanbe ber g)rofefforen unb ©cgriftfleder jebe« 
gefunbe Urtgeil über g>o(iti( gan) abfpriegt? 3cg meifj recgt mogl/ bafj 
gerabe von ©itgliebern biefe* ©tanbe« bie meiflen banalen ^grafen, 
mie von urfprünglicger ©leicggeit aller ©enfcgen, mie, bafj bie ©onarcgie 
nur ein notgmenbige« Uebel fei u. f. f., auOgegangen ftnb; ieg roetfj 
aucg/ bafj gerabe ?eute biefe« ©tanbe« am ©enigflen )u Diplomaten 
paffen mürben/ mo)u bocg vor 2Ulent ©emanbtgeit in Qefcgüften unb 
in ber ©efellfcgaft gegürt. — Unbegreiflich aber ifl mir, mie ©inner, 
bie fieg mit ber ©ergangengeit, bem Sgarafter, ben ©itteln pp. eine« 
©olfe« befegiftigt gaben/ meniger geeignet fein follen, über bie ©ebürf* 


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106 


Dfjfmbn 1861. 


niffe beS RolFeS ju urteilen, ben @ang eines ju befolgen ben SpfiemS 
im SHllgemeinen $u beurtheilen, als Sännet, bie ihr {eben am J)ofe 
jugebracht ober in Reamtencollegien. (Denn bieS finb bocb bie beiben 
Sarrttren, welche fall alle unfete Diplomaten gemacht haben). Sine 
eigentliche Schule für Staatsmänner giebt eS boch nicht: ein wahrer 
Staatsmann ift wohl eben fo feiten, als ein wahrer Dichter. 2BaS 
man alfo jenem Stanbe als folgern nachfagen Fann, befchränft fich 
boch n>ob( barauf, bafj baS {eben in ber Siffenfchaft einen Sann 
von engem ^tetjen unb unFlarem älopfe leicht ju leeren Zbeorieen 
verführt, ebenfo wie baS {eben in einem ziemlich ftreng abgefchloffenen 
Stanbe (wie ber J£>of ober ber Reamtenflanb) leicht )um einfeitigen 
geflhalten an StanbeSvorurtheilen. Die Schulb folcher Rerirrungen 
fällt alfo boch nicht auf ben Stanb, fonbem auf bie ^erfon. — 
So unpraftifch unb verbrecherifch zugleich hat freier bie fogenannte 
^rofefforenpartei nie gchanbclt, als j. R. je$t bie preufjifche Äreujt 
jeitungspartei, bie 9ltlcS aufbietet, unfere Regierungen gegen granfs 
reich unb biefeS gegen uns aufjubefcen unb fo muthwiUig einen unnügen 
Ärieg ju entjünben. — Riegen ber neueflen Sreigniffe in granFreich 
habe ich mit Rieten, bie fehr entrüffet barüber waren, Streit gehabt. 
3<h benfe aber: 3<h bin junächff ein Deutfcher; unb bafj bie Jlata* 
ffrophe für Deutfchlanbs Ruhe ein glücflicheS Steignif iff, liegt boch 
wohl auf ber Jjanb, man mag von bem ^räfibenten benten, wie man 
wolle, hoffentlich wirb biefeS Sreignif ber gemäßigt confervativen 
unb ber gemäßigt liberalen Partei lehren, wie Riel fte von ben beiben 
eptremen Parteien ju fürchten haben, unb wie viel mehr, als eS fcheint, 
flc mit einanber übereinfHmmen. 3n einer Rejiehung fcheint mir 
ber Rorgang jeboch ein trauriger; er beweiff nämlich, glaube ich/ *»ie 
ganj verwirrt unb verfehtt granFreichS Rerhältniffe finb, bafj ein fo 
offenbarer Rechtsbruch von ben Reffen beS £anbeS gutgeheifjen wirb unb 
werben muff', unb bafj man einen Sann mit 3ubet begrüfjt, beffen 
reine übftchten boch mehr als jweifelhaft finb. — 3ch habe Dir biefj 
fo offen gefchrieben, einesteils, bamit Du über meine Rnfichten nicht 
in Zweifel feieff, anbrerfeitS, weil ich »»n Deiner Erfahrung über 
biejenigen bavon, bie Du nicht billigff, mein lieber Rater, Retehrung 
hoffe. — Roch einmal, taufenb hrrjtiche @rüfje an Vite. Sie immer 

Dein treuer Sohn 

Heinrich* 


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3«nu«t 1862. 


107 


20/12 61. 

... ©utfchmib wirb Sud} natürlich in Sre6ben befugten; ba bitte ich 
Sich benn, lieber ©ater, ibm ben ©anb Seiner Ueberfegung be* ®bafe* 
fpeare, welcher ff SBa* 3h* wollt" enthält, mitjugeben; bieß ©tuef will 
ich je$t (efen; aber mein nur auf bie Sonoerfation6fpr«<he berechnete* 
Iaf<benw6rterbu<b reicht für bie alten gormen nicht au*... Nochmal* 
bie beßen ©rißt an Sille 

von Seinem treuen ©ohne 

Heinrich* 


67] Bn b«t» JBatn. 

Sonn/ 11/1 52. 

üttein lieber 95ater! 

3cb faß gerabe am ©ploeßerabenbe über einem ©riefe an Sich/ 
ben Su an Seinem ©eburtttage erhalten foßteß, unb ber Sir {eigen 
foßte, wie gern ich müh ber ©ebeutung biefe* Sage* erinnere. Sa 
(am ganj unerwartet Sein lieber ©rief, taufenbmal wißfommen wegen 
ber frohen Nachrichten oon Such Slßen unb befonber* weil ich barauO 
fah/ wie fchbn e* iß, wenn e* noch ©lenfchen giebt, benen man lieb 
iß. Saufenb Sanf baför mein lieber Sätet/ unb Such Sillen bie 3h* 
Such fo freunblich meiner erinnertet. — 81(6 ich ben ©rief gelefen/ 
war e* ohnehin ju fpät, noch an bemfelben Slbenbe eine Antwort ju 
fchreiben, bie am 2 3anuar bei Such angefommen wäre. 3ch beßhloß 
alfo bie verheißenen ©riefe ber ©chweßern abjuwarten. Slber fchon 
am 7. 3an. begannen meine Soßegia fämmtlich, bie ©utfchmib* faß 
aße; unb ba ©. bi* b«ute noch nicht angefommen/ fo muß ich/ bei 
feiner fonßigen peinlichen ©ewiffenhaftigfeit in ©egug auf bie ©or* 
(efungen/ glauben/ baß er wieber burch einen £ufaß länger aufgehalten 
worben iß. Ueberbieß iß Sein lieber ©rief fchon 14 Sage alt; ich 
(ann alfo unmöglich länger j&gem. @o bringe ich $it benn oor Slßem 
nachträglich meine beßen SBünfche jurn 2 3an. ©on ganger Seele 
bitte ich @*tt/ Sich un* noch lange $u erhalten unb mir ©elegenheit 
ju geben Sir Sb« ju machen. — 

gür ben 2Beihnacht*abenb erhielt ich non einer ©erbinbung/ bie 
ich »n biefem ©Jinter fennen gelernt unb bie mir febr gefäflt 1 , eine Sin* 

1 T)it ©mf<h<nfihaft fnmfonia. 


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106 


3amtaT 1862. 


labung auf ihre Kneipe, bie ich nicht auPßhlagen fonnte. Sin mistiger 
Xannenbaum prangte/ Heine ©efcftenfe würben »erlooß, außerbem batte 
Sieber benjenigen, bie ihm bie giebßen non ben Leuten waren/ ein be* 
fonbereP ©eßhenf „bebicirt"/ wie ber SluPbrucf iß; unb fo erhielt auch 
ich mehrere fchäne ©efchenfe, felbß auP Jjeibelberg tarn mir SineP ju. 
@o »erging benn ber Slbenb fehr Reiter; bennoch würbe eP mir einige 
SJiale recht traurig ju 2Kutbe unb jum erßen SRale feit bem legten 
$rüh(inge hotte ich .fcrimweh; ich hätte SllleP barum gegeben/ wenn 
ich bap geß mit Such hätte feiern f&nnen. SP iß )war etwa» J5>errs 
licheP um bie ©tubentenfreiheit unb um baP ®efühl faß feßelloP auf 
ber weiten 2Belt bajußehn, aber in folgen Slugenblicfen fühlt man 
hoch tief/ in waP für heiligen ©onben Sinem bap j?erj noch befangen 
iß. — Die übrigen Sage ber Serien »ergingen rofeh unb froh; auch jegt 
iß baP {eben hier fchün wie immer/ ep iß ein froher SBechfet »on Arbeit 
unb Vergnügen; befonberP macht eP mich glücflich mehrere greunbe 
gefunben ju haben/ bie mir »on ganjem $erjen lieb ßnb. Der Arbeiten 
habe ich fehr »tele; befonberP geben mir DahlmannP Sollegia fehr ©tel 
ju thun. Seiber raubt mir auch bap abfcheuliche 9lachreiten ber J^cftc 
viel -Seit; benn fo weit/ baß ich in ben Kollegien nachßhreiben !6nnte, 
iß eP noch bei SSeitem nicht/ ich fürchte auch/ eP wirb nie bahin fommen. 
SP geht jegt ganj gut mit meinem ©ehbr, ich glaube fogar viel beßer 
alP jur £eit meinep legten HufenthaltP bei Such. Hber bie Serfucße/ 
ben äMang einer Uhr u. bgl ju vernehmen/ verwirren mich nur; ich 
glaube/ ja ich weiß fogar oft/ baß ich rP gch&rt hobe, bann aber muß 
ich wieber benfen, ep fei Xäußhung gewefen, benn gerabe jegt fühle 
ich nicht feiten ein ©raufen ober einen ©chmerj im £>bre. 91 un, @ott 
weiß wie eP werben wirb/ aber baP ruhige Srtragen wirb mir oft fehr 
fegwer; ich wunbere mich nur/ baß mich bie ©ewohnheit nicht enb* 
(ich bagegen abgeßumpft hot. — 

Sich fomme nun ju einem fehr wichtigen fünfte/ um beffen Sr= 
wägung ich ®ich bitte/ mein lieber ©ater. 9lach reiflicher Ueberlegung 
bin ich enblich ju ber (Überzeugung gekommen/ baß mir faum etwap 
HnbereP übrig bleibt/ a(P noch ein ©emeßer in ©onn ju ßubiren. 
Sich höbe mich über alle fBerhältniße genau erfunbigt unb (Mehrere um 
Stath gefragt/ unb Stile waren bafür; enblich hot ein Skfpräch mit 
©rofeffor Soebell/ ben ich beßholb befrag/ ben SuPfchlag gegeben; er 
wunberte fleh f<h°0/ baß ich beßhalb nur fragen (6nnte. Dahlmann ließ 
nämlich alljährlich einen ßaatPwißenßhaftlichen SurfuP, im (Sinter 


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Sanum 1862. 


109 


tat erften Xfcit, ^olitif unb ©cftit*« ber $oßttf, im ©ommer 
ben 2 cm, ginanjwiffenftoft. Stun muf e* natürlich mein grifjter 
ffiunft fein biefen Äurfu* gang ju bäwn, noch baju bei einem 
fotzen Docenten. Sn £eipjig wirb aber bie $inan)wiffcnftoft 
im (Sinter gelefen; wenn it a(fo etwa nat Se«t>}ig ginge, fo 
würbe ein ganjc* ©emefler jwiften biefe beiben Xh«»l« fallen. ferner 
muf ich europiifche* 936l(erre<ht büren; bafür giebt e* aber in 
(eipjig gar (einen Sehrfhihl/ ^ter ift ba* $at burch $2tf<$ner febr 
gut bcfc|t; britten* atblit beutfche Staat** unb Stechtögeftichte, 
wofür wir bi« ben berühmten (ffialter hoben; in £eif>gig wirb e* 
im ©ommer gewöhnlich nicht gelefen; auch würbe ich/ wenn ich b»«r 
bleiben faßte, noch ©elegenbeit hoben bei Kaufmann eine* Snchclo« 
f>dbie ber jtamcralwiffenftoftcn )u büren. St (onn bief fo be* 
ftiimnt wiffen, weif in ben ©taattwiffenftoften ein befHmmter, 
jdhrlich wiebcrfebrenbeT/ Äurfu* ift. ©o gut e* mir h*« flefäflt, fo 
würbe mich bie Stücffitt barauf nicht bewegen (innen biefe Bitte 
an Dit ju fteCen. Doch weif ich in ber Xhot nicht/ wie et wohf 
anber* gehen foffte- 

gür bie Beantwortung meiner $rage ban(e ich &ir aufrichtig/ mein 
lieber Bater. Sch hotte fte getan, befonber*, bamit Du nicht in 
Zweifel über meine ©ebanfen in biefer JJ>infitt fein folltcft. Sch 
war r glaube ich/ um fo mehr ba}u verpflittet, weif/ meiner 2J?ei* 
nung nach/ bie fogatannten politiften Sfnfichten für Seben/ ber 
fein Baterlanb liebt/ mehr fein foffen al* blofe 3fnfl<h ten / weil 
fte einen Xheil feinet innerfien SBefenö, feine* tiefften Denfen* 
bilben foffen. — gür biefmaf höbe ich «in« eigentümliche ?rage 
an Dich/ bie Dir vielleicht fonberbar vortommen wirb unb bie mir 
hier Stiemanb beantworten (ann. Sfl e* Dir nämlich vielleicht noch 
erinnerlich/ ob ber Äönig SHnton, al* er ben jefcigen Äönig jum 
Btitregenten ernannte/ (ich ba* Stecht vorbehielt/ fobalb er wolle/ bie 
Stegierung wieber allein ju führen? Sine Veuferung Dahlmann* 
führt mich barauf. — 

Die £ä(te be* £itnmer* unb bie Düficr(cit ber fttntpe erinnern mich 
baran/ bafj ich ft«m viel ju lange fchreibe. Sch werbe ben Brief noch offen 
laffen, weil er vor morgen übenb nicht fortfommt unb ©utftmib 
mbglicherweife noch (intreffen (önnte mit ben Briefen ber ©chweffern 
unb bem erfehnten tytcfete... Sin Stainer (ege ich «ne Spiflel bei/ 
bcren ©chreibweife mir wehmütige Srittnerungen an bie ftüncn Xage 


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110 


febtuat 1862. 


erregt/ wo ich, nach Dr. ©ergmann« 31u«bru<fe, wegen meiner „Ritdfe 
böfe* 1 in ber Schule bleiben mußte. — Doch nun gute ©acht für 
beute, 3b* Sieben Sille. — 


12.3an. 

Snblich brüte ©littag lommt ©utßhmib an ... ©ehr beunruhigt 
bat mi<b feine .Äußerung, baß ibr wegen be« S(u«b(eiben« meinet) 
©riefe« in großer Slngß feieb. Qi iß mir unbegreißicb, baß ©eorg 
SBurmb, meiner bringenben SBitte gemäß, (Such nicht fcbon ©litte 
le|ter SBoche über bie ©tünbe beOfelben unterrichtet bat» SBäbrenb 
all ber 11 Stage feit Smpfang Deine« ©riefe« war mir ©utßhmib« 
S(u«bteiben febr peinlich; ich fürchtete fcbon, Du mbchteß benfen, ich fei 
fo rücfßcbttlo« gewefen, ben 2. 3anuar ganj ju oergeffen. 3e$t habe 
ich bie ©riefe ber ©chweßem gelefen unb barau« erfeben, baß bieß 
in ber Übat ber $all iß. (@ie fcbreiben e« jwar nicht gerabeju, aber 
ich fann ei fcbon jwifcben ben feiten lefen). ©chon ber ©ebanfe, baß 

Du fo etwa« oon mir benfen t&nneß, iß mir unerträglich-Unb 

je$t ßebe ich vor Eueren fch&nen ©efchenfen, fomrne mir fo unbanfbar 
oor unb fann mir bocb feine ©orwürfe machen. 3<h wiU nun eilig 
fließen, bamit ich nicht im Slerger über ba« unfelige ©ttßoerßänbniß 
Unßnn fchreibe. Qi iß )u peinlich, wenn man einem ©efräntten 
fo gar 91icht« al« Sntfcbulbigungen bieten fann. ©on ben ©efchenfen 
)u fprechcn fehlt mir alle ©timmung; für heute nur noch b«n heßen 
Dant unb nochmal« bie ©itte um ©erjeihung. 

Dein treuer ©ohn 

Heinrich 


68] Vit ben Sätet. 

©onn, 6/2 52. 

ÜReitt lieber föater! 

... 3n ©ejug auf ba«, wa« Du mir wegen meine« ©riefe« an 
bie ©lütter* fchreibß, muß ich entgegnen, baß ich mich entweber 
falfch au«gebrücft, ober bie gute ©lütter mich mißoerßanben bat, 
wenn ße glaubt, ich fühlt mich gebemütbigt, wenn ich f*b</ baß 
Slnbere mehr wüßten, al« ich. Diefer ©erbacht iß wirflich unbe* 

1 €o pflegte biefet ie^tet bat ©«binf^reibe^eft be< Jtnaben wegen bet vielen 
Xabelbeaie ju nennen. * TO<$t erhalten. 


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$«bruar 1868. 


111 


grünbet; ich bin nie von jenem ©efüble entfernter gewefen, al« ge« 
rabe fegt; benn fe mehr ich ©elegenbeit habe ben ©ebanfen eine« fo 
bebeutenben Spanne«, wie Dahlmann/ ju folgen/ beflo mehr fühle 
üb/ wie (Jtiemanb felbfl etwa« Süchtige« leiflen fann, ber ni<bt mit 
votier ©ewunberung an einem anbem Stenfchen bangen fann. Da« 
aber muff üb allerbing« jugefleben/ baff bie unb ba Rugenbtüfe fommen, 
wo e« müh traurig fümmt/ baff bic Stenfcben im Rßgemeinen fo (Senig 
von bem erteilen, wa« fit erfhreben. Slbet ba« ftnb ebenjtur Rügen« 
blicfe; fe Älter i<b werbe/ beflo feltener ftnb fie; fonfl batte ich biefc 
©ebanfen viel bftet. Daff icb fie aber nicht ganj unb gar verloren 
habe/ iß wobl begreiflich; benn fi<b an SRefignation gew&bnen tff nicht 
leicht/ wenn man auch bie beffere Sinficht bat. — 

Die Srlaubnift/ bie Du mir giebfi/ noch ein ©emefler in (Bonn 
ju bleiben/ macht mich 9 «») glücflich/ um fo mehr/ ba bie ^rofefforen, 
bei benen ich im ©ommer ju büren benfe, fehr (aut fprecben, fo baff 
ich mi* hoffentlich felbfl JJefte werbe halten fünnen, wa« leiber biefen 
hinter nicht ber $all ifl. Sch banfe Dir aufrichtig für Deine ©ute, 
mein lieber (Bater... Steine Wohnung werbe ich nicht behalten. Denn, 
obgleich <<h mit ©utfchmib mich ganj gut vertrage/ habe ich boch ein« 
gefeben/ baff e« in jeber (Bejtebung beffer iff, allein )u wohnen; beim 
^ufammenwohnen iff man in febem Rugenbtüfe genirt unb hat eigent« 
(ich feinen ruhigen Moment. Ueberbieff fann ich mich gar nicht an 
ba« (Söhnen in einer ©affe gewöhnen; e« ifl fchauerlich/ wenn ba« 
©egenübet febe (Bewegung mit anfeben fann unb nur ein breiectigc« 
©tücf $immel jwifeben jroei $üufergiebeln bernieberlüchelt. Sch f<h«e 
mich fehv nach einer (Bohnung im freien mit einem ©liefe auf bie 
©ieben (Berge... 

Die ©inlabung von Suliu« Äünnerif} hat mich ebenfo fehr überrafcht/ 
al« erfreut; wenn 3b* ihn febt/ fo gebt ihm meine banfenbe £ufage. 
Sch werbe bei ihm wahtfcheinlich eine ganj neue Erfahrung machen/ 
nürnlüh ein ©arpnleben en gros tennen lernen unb nebenbei ©e« 
ltgenheit haben/ mich überjeugen, wie unentbehrlich jurn ©lüefe 
ba« fchüne ©efchlecht ifl; unb biefe Sehre ifl für mich burchau« nicht 
unn&tbig. Denn bie ©erfuebung cpnifcb ju werben unb allen üflbe* 
tifchen ©inn ju verlieren ifl bic? in ©onn, wo man nie ein hübfehe« 
(Rübchen fleht/ fehr gtoff. — 

Rn Sohanna meinen brüberlichen ©egen für ihr ©lücf auf ben 
Rüden! Da« gute Stübchen wirb mir wohl meine Ru«fülle gegen 


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112 


fcbntat 1862. 


ißren Sieblingdbichter 1 etwa* übel genommen haben. — 3<h fann ihr 
aber nicht Reifen; e# empirt mich innig, }u feben, baß folche leiste 
jarte Siebten bie gebanfcnfcbwerc hoffte unfern Dicbterbtrofti, baß 
falcße eigentlich für Sticht# begeiferte Dichter unfere alten ftreibeit#« 
finget, unfere Slmbt, ©tuller, Ublanb(t), beim ©ublifum faß verbringt 
haben. 3ch fann mir gar nicht benfen, baß ein ©tann ohne eine be« 
ßimmt au#gefprochene, mit Siebe feßgcßaltene ©ebanfenricbtung ein 
großer Dichter fein fann. ©on ben Dichtem unferer neueßen Schulen 
halte ich ©ußfow für ben grißten, ich bemunbere ihn jwar, aber ich 
fann ihn nicht lieben. — Dem lieben J£>epp (affe ich fagen, ße falle im 
©ewußtfein höherer ©eßimmung ihrer Schweßer Triumphe mit ©(eich» 
muth anfahen; fie hat biefen ©intet Emßerc# vor; wenn fte einmal 
©elegenheit hat/ meinen lieben Schrer Kiußer ju fprechen/ fad fte ihn 
herjlich von mir grüßen. — ©on ben Scbweßem unb bem fleinen 
©rivatgelchrten, balbigen Djonbianer*, erwarte ich baO nicßße ©tal 
©riefe... 

Dahlmann# Kolleg wirb mit jebem ©tale beffer; e# iß unglaub« 
lieh/ wie er, trog feiner Stube unb fcheinbaren Kilte, hinreißt — 3<b 
habe jeßt bie erflen allgemeinen ©egriffe von ber ÜBirthfchafttlehre er« 
halten, unb bin erßaunt über bie ©efeße, ich mbchte fagen, über bte 
au*glei<henbe Stacht, bie in fo mannigfaltigen, vielfeitigen Dingen, 
wie Kapital, Arbeit pp. herrfcht; wenn man fo etwa# fiebt, erbilt man 
eine Ahnung von ber Efißenj einer au#g(eichenben ©lacht über alle 
menfehlichm Dinge. — 

Die ©orginge in granfreich erregen b«t/ fa San) in ber Stihe, 
ungeheure Senfation. Stich für meinen Slbeil empört an Soui# 
9tapoleon# J^anblung#weife befonber# bie großartige Süge, bie ftch burch 
alle feine ©taaßregeln jieht. Sollte man nicht nach ber unßnnigen 
Einrichtung ber ©o(f#fouverinitit, be# allgemeinen Wahlrecht# benfen, 
man beßnbe ftch fa einer Stepublif auf bteiteßer bemofratifcher ©runb« 
läge? Unb ßatt beffen iß bie ganje ffleprifentation eine leere Spie« 
lerei, bie ganje ©ewalt liegt bei bem ©rißbenten. E# ßnb alfa beibe 
Extreme in biefer ©erfaffung vorhanben; barau# fann fchwerlich etwa# 
©ute# entßeßen. 3dE> ßnbe, S. 9t. banbeit eben fo unflug, al# unrecht; 
er fann ftch nicht einmal befchweren, wenn er verjagt wirb; er hat 
ja ba# ©oft burch feinen appel ü la nation, ber in ber ©erfaffung 


i 0tiM. 3 ®. b- ®<b<Mer bn Vnftaft fcrt Diteftot« X>}onbt. 


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gfbnior 1862. 


113 


als b&cbfa 3nftanj garantirt wirb, felbff baju autorifirt. Sa8 Sunber 
alfo, wenn baS ®ott, wenn 2. 91. ba$ äppeltiren ganj untertaffen 
fodte, fein Stecht einmal auf eigne gauft auSäbte? 1 Sin 2. 9tapoleon6 
Klugheit fange ich nacbgerabe an darf ju jweifetn; wenigflen6 jeigt 
bie iBerfaffung 9ticgtS bauen. Sa« er £(uge* getgan, wie bie Sieber« 
einf&brung ber Stbter, fjat er eben feinem Onfel nacbgemacgt; unb wer 
einem unenbticg fingen Spanne nacgabmt, mu§ fcgon felbff manch <$ 
$(uge brroorbringen. Strog attebem aber — von ber ^Beraubung ber 
©rteanS nicht ju reben — freue ich mich immer noch über 9tapoteonS 
Sieg; traurig bteibt eS, baff ein fotcger Sann immer noch ber 93efie 
oon ben 3 Parteien iff. 3cg batte 9tapo(eon’S JjanbtungS weife, wenn 
au<b nicht ganj, bocg faft eben fo fcbtimm erwartet. Sa6 aber nun 
werben wirb, tann wobt fein Senfcg fagen — 9ticbt6 aber iff wahrer 
als ©upinS Sort: malheureux pays de France! — © och ich habe 
f<bon oiet )u lange gefchrieben. — ©iefj iff wobt ber ooroorlegte SBrief, 
ben ich Such in biefem Semefter fegteibe. hoffentlich in 6 Soeben 
auf frogeS Sieberfegen! Die beffen ®r&fe an bie gute Sutter unb 
bie ©efcgwtfter oon 


©einem treuen Sohne 

heinrieg 


69] 8n txn SBatrr. 

SBonn, 28/2 52. 

. . . Stuf jeben gaß aber, lieber IBater, barffl ©u mir beS langen 
£6gernS wegen nicht jömen; benn bie Scgutb iff biefjmat nicht auf 
meiner Seite, ©as SifioerfMnbniS iff mir aber um fo unangenehmer, 
weit ich feit meinem legten Schreiben einen Sntfcgtuf gefafjt höbe, 
oon bem ich ®i<b nicht in Unfenntnifj taffen witt. 3cg bin nAm(icg 
in bie fBerbinbung granconia getreten! — ©u wirf! ©ich baräber 
wunbern, weit ich boch ein Semeffer lang außerhalb einer ©erbinbung 
gelebt bnbe. 3m (egten Sommer aber ging ich nur mit Solchen um, 
bie in feiner ©erbinbung waren, ©iefe finb aber jegt entweber fort* 
gegangen ober in bie granconia getreten, fo baff gerabeju alle meine 
greunbe, Outfcgmib ausgenommen, bei biefer ©erbinbung finb. 9tun 
höbe ich f>< biefen Sinter genau fennen gelernt, aber auch eingefegen, 
welche fegiefe Stellung man einnimmt, wenn man mit einer ©er* 

• ®9L .giftet. n. gfolit. 3, 298 g. 

1 8 


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114 


gfbruar 1862. 


binbung umgebt, von ber man nicht (affen will, ohne bod) (Sitglieb 
ju fein. @o bin ich benn eingetreten unb bereue rt nicht. Denn 
baß e« tüchtige/ brave Seute ftnb, tvirft Du wohl am (Beflen barau« 
feben, baß a(« wir neulich bei Rrof. Rertbe« auf bie ^iefigen 33er« 
binbungen ju fprecben (amen/ er mir gerabeju rietb/ üb mochte bocb 
in bie Sranconia treten/ ba« würbe mir in jeher Sejiebung febr vor« 
tbeilbaft fein. 3n meinem «Stubium blnbert mich bie neue Stedung 
burebau« nicht; benn ber Umgang iff ganj unbcfchrünft/ unb nur 
zweimal wöchentlich'ifl offteieder Äneipabenb. — Sur meine Gkfunb« 
beit braucht 3b» auch (Riebt« ju fürchten; benn e« wirb Sier ge« 
fneipt, unb 3eber (ann trinfen fo 33ie( er wid. Überhaupt bleibe ich 
fonft gan$ in bemfelben (Berböltniffe wie biefen (Sinter über/ wo ich 
mit ben Leuten umging/ ohne @i| unb Stimme unter ihnen ju haben. 
Sodte bie gute (Sama (von ber ich («ber wobt nun auch (einen (Brief 
erhalten werbe) Seforgniffe fo (ann ich i« »bwt (Beruhigung 

fagen, baff unfere Sranconia burebau« (eine politifebe Üenbenj ver« 
folgt/ obgleich begreiflicher (Seife bie (Seiften ©leichgeftnnte finb; auch 
von etwaigen Raufereien braucht fie Sicht« ju befürchten; benn wir 
treten ben Saufereien ber <Sorp« principiell gegenüber unb fuchen ba« 
Duell baburch wieber ju Sb'«* ju bringen/ baß wir (eine J^dnbel 
fuchen unb nur in ernften Süden/ nach bem Sluöfprucbe eine« Sbren« 
gericht«/ bann aber orbentlich/ (o«geben; ba« wiffen bie <5orp« unb 
binben beßbalb nicht fo leicht mit un« an. — 

Sun werbet 3br auch wiffen woden, wie e« mit meiner £ur gebt; 
ba« (e|te (Sal (onnte ich Sicht« barüber fchreiben, weil fleh Sicht« 
verinbert batte; bießmal aber freue ich wich Dir fchreiben ju (innen/ 
lieber (Bater, baß ftch mein ®ebir wieber etwa« gebeffert bat/ fo baß 
ich mit bem rechten Db« immer/ mit bem linfen oft ben Schlag 
einer €plinberubr hüten (ann; bieß wunbert mich um fo mehr/ weil 
bie (Sitterung nicht« weniger a(« günffig war; benn wir haben ab« 
wechfetnb Stübling«wetter mit 10—15° (Sürme/ ober Sdffe unb 
Äülte/ feit (Sitte Sovember aber (einen «Schnee gehabt; übrigen« aber 
grünt unb fproßt fchon äde«, unb wenn bie Äanten unfrer «Sieben 
Serge ftch van bem flaren warmen Fimmel abjeichnen/ trüumen wir 
fchon von (Sai unb Seübling«(uf}. — Anfang biefer (Soche habe 
ich auch wieber einen (Begriff vom «Sommerleben am Sbein befommen; 
ba« alte $i(n batte fein langweilige« (Sintergeftcht abgelegt unb 
feierte feinen Saf<h*ng. D mein lieber 33ater! (Sie 'fchon iff boch 


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Jtbruar 1862. 


115 


biefe« Seben, biefe biefj 3auch)e(i unb 3ubeln, biefe reine unges 
jwungene $rb$(i<bfeit / ber ftcb 3eber ^tngiebt unb bie auf einige Zage 
alle Unterstehe be« ©tanbe« unb Range«, be« Altert unb be« @e* 
fcblecht« vergeffen lifjt. ©ie herrlich unb brav geigt ftcb ba ba« 9ßolP, 
wenn ei ftcb eben al« ©olf {eigen barf, bie 9>olijet ibr Sluge jus 
brücft unb für wenig ©tunben 9leib unb ©orgen vergeffen ruben. 
©er ba nicht einftebt, tva« ein brave« ©olf letflen fann, ber lernt 
ei nie. — Slber fo febr mich ba« f<b6ne ®olf«fefl erfreute, fo ifl mir 
bocb babei ein Zweifel aufgeffiegen gegen ben alten @ag, bafj ftcb in 
bem Xaumel ber bhcbflen Suff ober im tiefften ©cbnterj ber ©enftb 
in feiner wahren ©eflalt jeige; gewiß, bei einem froben ©olf«fefle 
ober im emffen ©erjweiflungöfampfe geigt ftcb ba« ©olf von feiner 
fcbünflen ©eite, ob aber auch von feiner wahren ©eite, machte ich 
nicht ohne ©eitere« behaupten; wahr fcbeint mir nur ba« ju fein, 
baß ein von Ratur tüchtiger ©enfcb ftch im eraltirtcn £uflanbe am 
SiebenPwürbigffen geigt; ifl aber ber momentane Sfuffchwung vorbei, 
fo treten auch bie ©chattenfeiten feine« ©efen« beutlich hervor. — 
8ber wa« langweile ich ®i<h mit meinen unreifen ©ebanfen, lieber 
©ater? Da« ifl auch noch eine unangenehme ©ewobnbeit von mir, 
baß ich 2löe« binftb*eibe, wa« mir gerabe einfüllt, ohne flare« 9tach s 
benfen. — Sine Srjiblung ber &ameval«feier in Rütn fpare ich «uf 
meinen ©rief an Softphe auf, ben ich hoffentlich halb werbe abfenben 
fünnen, unb ber gewappnet unb gerüffet ben ©alicen meiner wür* 
bigen ©chweftem gegenübertreten fotl. $ür heute aber muß ich jum 
©chluffe eilen, weil 3hf ftch« mein Schreiben halb erwartet, unb 
weil ich jiemlich befebrinft in meiner ^eit bin. 3<h arbeite mir ndnu 
lieh eine ©efebiebte ber englifchen ©erfaffung au«, eine Arbeit, bie 
un« Dahlmann al« für bie jtenntniß be« ©taat« wie ber ©efebiebte 
gleich vortheilhaft empfahl, ©ie gewährt mir große« ©ergnügen, 
weil e« ein ©toff ifl, ber nothwenbig ©ewunberung unb ©egeiflerung 
erweeft. Nebenbei bietet fte ben ©ortheil, bafj ich englifche ©ücher 
baju lefen muß, wie ben Ruffel, ©lacfflone pp. unb ich hübe e« boch 
bahtn gebracht, bafj ich wiffenfchaftliche ©ücher ohne alle ©eihülfe 
be« ©ürterbuch« lefen (ann. Unangenehm aber ifl e«, baß ich jum 
Sprechen be« Sngtifcben unb granjbftfchen feine Gelegenheit hübe; 
ba« Sinjtge, wa« ich im ?ranj6ftfeben thun fann, ifl, hie unb ba 
einen Roman nebenher ju lefen. ©enn ich hoffentlich morgen über 
3 ©ochen bei Such wieber eintreffe, werbe ich i a wieber Gelegenheit 

8 * 


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116 


SpHI 1862. 


|um Sprechen haben. — Slber Rapier unb 3«* bringen jum Schluß, 
©ocb bie begliche ©itte, lieber ©ater, mir recht ba(b ju antworten; 
benn bie >kit unfetei Entfemtfeini ift nur noch (utj, unb offen ge* 
ftanben, bin icb nicht ganj ohne ©eforgniß Euretwegen. 2Bie immer 

©ein treuer ©obn 

Heinrich 

©ie beften @rüße an Sille, bie icb niicb fo febr wieberjufeben 
freue; auch an mein tabroß, bai in 3 ©ocben wieber bai @lucf 
haben wirb, feinen greunb ju tragen. — 


00] Vn bm Catft. 

©onn, 8/4 52. 

Enblicb, mein lieber ©ater, fomrne icb baju, ©ir bie erften ©aeb* 
richten von meiner glüdHicben Slnfunft in ©onn ju geben, ©lancber* 
lei bat mich bti jeßt baran gebinbert. ©a ich gerabe beim ©eginne 
meiner EoQegia hier eintraf, fo habe ich von Anfang herein genug 
)u tbun gehabt, unb baß ei mir an Slrbeit in biefem Sommer über* 
baupt nicht fehlen wirb, wirft ©u ©ir wobt benfen (innen, ©u 
weißt ja, baß mir bie wirtbfcbaftlicbe ©eite ber ©etraebtung bei 
©taatei, ebenfo wie bai Sifferrecbt noch oidig neue Selber finb. 
3Benn ich Sülferrecbt treibe, bin ich oft egoiftifcb genug, mich bar* 
über ju freuen, baß in biefer ©iffenfebaft erft fo wenig getban wor* 
ben; man bat boeb Sluificbt auf eigne ©eifteitbAtigfeit, unb (ann 
hoffen, einmal felbft etwai ©euei ju finben unb nicht immer von 

frember Slrbeit jebren ju muffen, ©enn, fo febr ich auch einfebe, 

wie notbwenbig ei ift, wirb mir bai ewige ©orbereiten manchmal 
recht unertrAglicb, unb ich febne mich banacb, einmal felbft bai, wai 
wir je|t lernen, jufammenfaffen unb probuctren ju (innen. ©un 
hoffentlich geben mir baju bie biftorifeben Uebungen, von benen ei 
freilich noch nicht gewiß ift, ob fte ju ©tanbe fommen, ©elegenbeit; 
einfettig bleibt ei boeb, wenn man ficb beim tarnen fo ganj paffiv 
verhalten muß. ©och genug bavon. — ©iept nur wiffenfcbaftlicbe 
Arbeiten breiten mich bavon ab. Euch Sieben )u $aufe bii je|t ©ach* 

riebt }u geben, ©aß mich meine ftreunbe {„ p en evftctt Zagen in 

alten meinen freien ©tunben orbentlicb in ©efcblag nahmen, (annft 
©u ©ir wohl benten; unb überbieß grünt unb blüht bür Sill ei, bie 
©Aume finb weiß, bie ©Agel fingen, bie ©erge haben ihr btdgrünet 


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ttpril 1862. 


117 


jtleib angegogen, unb Ulle« jauchget in 8tuhling«(ufl, unb ich freue 
mich mi^ unb ein gange« Sföeet »on Hoffnung unb £eben«luft gießt 
mir in’« Jßetg. Uuch fonft ge^t e« mir feßr gut; meine $reunbe finb 
Ulle noch, wie fte waren/ unb ^aben mich lieb bemalten, wie ich e« 
tßue. 9Rit meinem @eh&re bin ich recht gufrieben; uberbieß fpricht 
$4(fchner, bei bem ich $86l(emcht $öre, fo beutlüh, baß ich ißn gang 
»erflehe, jturg, ich fö&le mich h»*r gang gliitflich unb benfe Euer 
täglich. — Stuf meiner Steife blieb ich, wie ich Euch fagte, bie erfte 
Statut in Scipgig; bi« 9Rittema<$t war ich auf ber SBeftyhalensjtneipe, 
wo e« mir aber fe$r mißfiel, benn bie Seute unterhielten (ich erft mit 
Jotenreißen unb nachher netften fie (ich mit ein ^>aar häßlichen 
JJatfenmäbchen. Den übrigen &h«it ber 9ta<ht brachte ich mit JJeine 
unb jDtto theil« in Uuerbach« Äeßer, theil« auf ihrer Stube gu; benn 
weil ber £ug nach Sranffurt fchon um 4 Uhr abgehen fotlte, hatten 
wir hefchloffen, nicht gu fchlafen ... So fuhr ich benn bei aU’ 
ben lieben Sabeerinnerungen, vom Schirnhuget an (ber bicht über 
ber Eifenbaßn liegt) bi« gu bem mohnfuchenergeugenben Äöfen, unb 
weiter burch ba« freunbliche Thüringen, bi« bie SBartburg ben 
bunflen Xh&ringerwatb abfchloß, unb bei Serfhmgen bie rothen 
J5>&h<n be« fflefergebirg« mit ben ftolgen SBerra* unb gulbaoiabucten 
unb ben ungähtforen Tunneln un« aufnahmen. 2Bä(>renb in Xfyii* 
ringen bei jebem (leinen Stefte über eine halbe Stunbe gewartet wor* 
ben war, würben nun SKenfchen unb Gftp&d wie ^flaßerfleine »er* 
laben; fo fchneU ging c«; um 9 Uhr (am ich nach Eaffel; bie Stacht 
burch fuhren Wir bi« ^aberborn, gum gr&ßten Xheile in ber ^oft; 
von ba am alten Soeft ooritber nach «Vamm unb jtbln, fo baß ich 
am $reitag um 3 Uhr nach &f<h mit bem Dampfboote h»«r anlangte. 
SU« Euriofum theile ich Dir noch mit, baß meinem jtoffer, ber in 
Dre«ben unb Seipgig 60 «7 gewogen hotte, in Eaffel wahrfcheintich 
au« Xrauer über Eßurheffen« traurige« Scßic(fal ein Stein auf’« Jßerg 
gefallen war, fo baß er pfößtich 52 ti wog; uberbieß forberten mir 
bie Seute noch einmal fo viel $rachtgelb ab, al« auf bem Jrachtgettel 
vergeichnet ftanb. 3n hemm war meine« jtoffer« JJerg erleichtert 
worben, unb er wog wieber feine fr&heren 60 it. ,3Bie ber J^eer, fo 
ber Diener" ift hoch (eine« bet fchlechteflen beutfchen Sprichmbrter. — 
Uber ich miU nicht mit biefer fchmußigften unferer £eitfragen meinen 
©rief fchließen. — 3m Segentheil mit einer lieben Erinnerung, mit 
taufenb, taufenb Verglichen Srfißen an alle Sieben gu JJaufe, von 


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118 


«Woi 1862 


benot mir biefjmal ber Rbfchieb fernerer geworben, aU ich erwartet, 
unb an bie ich täglich fo gern benfe, von bem Reinen Dgonbianer 
unb meinem febbnen ?eibroffe bio hinauf ju meiner lieben SRutter. — 
9tun noch einmal, fchreibt mir recht halb (3b* »igt nicht, wie febr 
icb mich auf ben erflen ©rief vom $aufc freue) unb — baO Sefle, 
wa6 ich Euch rounfehen fann — feib fo froh unb glücflicb, wie 

Dein treuer ©obn 

Heinrich 


61] Vn 3uliu< JU**. 

Söonn, 23/6 62. 

©eebrter $<rr SKeetor! 

Ruch in biefem ©emefler benuge ich freubig bie gütige Erlaubnifj, 
bie ©ie mir gegeben, Sbnen bie unb ba von meinem {eben unb Xreiben 
«Nachrichten mitgutheilen; unb, ©ott fei Dant, finb biefe auch bieg* 
mal gang erfreulicher Rrt . . . DabtmannO 4)auptcodeg in biefem 
©emefler, bie «RationafcjDeconomie unb ginanjwiffenfchaft, ifl freilich 
nicht fo bebeutenb, al6 feine fonfHgcn. Denn er b<d ft<b nicht allju* 
viel mit bem ©egenflanbe befchäftigt, unb bann ifl e6 auch unoer* 
meiblicb, manchmal etwa* nichttfagenb gu werben, wenn man einen 
©toff, ber auf ben meiffen Unioerfttiten auf 3 ©emefler oertbeilt ifl, 
in einem turgen ©ommer »ortragen fod. Dann, glaube ich, febnbet 
ibm feine fchbne Rrt unb SBeife, immer auf bie ©egenwart unb baö 
jefct Erreichbare Stöcfficht gu nehmen, in biefer Dißciplin ebenfo febr, 
al6 fie feine ©orträge Aber ^olitif fruchtbringenb macht. Denn in 
ber $olitif fann von 3ebem »orauOgefegt werben, bag er wenigflenö 
einen allgemeinen Segriff »on ber ffiiffenfchaft mitbringt, unb bei 
biefem »orauägufegenben ©erfWnbniffe ber ©runbfd$e fann eine rein 
biflorifche unb praftifche ©ebanblung nur nüfcen, wo man aber, wie 
in ber 9lationalbfonomie, in ein obdig frembeO gelb fommt, ifl e6 
hauptsächlich um bie adgemeinen ©runbf&ge gu tbun, unb wenn in 
einer furjen Ueberficht biefe ©A$e burch »iele „Rber" unb SRobififas 
tionen befchränft werben, fo lägt ba6, wie bie adgemeine Älage über 
bieg Dablmannfche Eodeg lautet, bie ©ä$e felbfl nur gu leicht »er; 
geffen. Rber einen unenblichen ©toff gum «Rachbenten finbe ich ibers 
baupt in bem gangen ©egenflanb, ber Einem bie focialen gragen in 
ihrer gangen furchtbaren ©ebeutung »or bie Rügen rfieft — 


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Wai 1862. 


119 


Sin anberei Sotleg, bai icg güre, ifl bai europäiftge bbtlerrecgt 
bei JJdtft^ner, bai mir fiegr biet ju tgun giebt, wett mtcg befonberi 
bie giflorifcge Sntwttflung beffelben intereffirt, wägrenb H* ficg be* 
fottberi bei bem bogmatifcgen Steile aufgält. Unb biefer belegt, 
felbfl trog bei ungeheuren StbflanbS, ber jwifegen einem Wartend 1 
unb einem $effter liegt, botg auch noch jum guten £gette 
aui fubjectioen SCnfie^ten unb allgemeinen ^grafen; benn ehe nicht 
bie fftenfeggeit ben ©ipfet ihrer Sntwicftung erreicht, wirb, benfe ich, 
wohl von {einem wirflichm pofttioen böllerrecgte gefproegen werben 
fbnnen. galten ©ie mich niegt für einen geinb ber ^gilofopgie, iw 
jegt nachgerabe mit ber Lomantif jum 8lflerweltSfünb[en]botfe ge« 
worben ifl, aber baß fo ein $aar allgemeine Lebensarten oon bem 
gemäßigten SDüttelwege unb oom ©eifle bei grieben6 pp. mich nicht 
beliebigen {innen, ifl wogt fegr begreiflich- Uebergaupt glaube icg, 
finb wir fegt, befonberi feit ben Snttäufcgungen ber legten Sfagre, 
barüber ginaui, baß wir uni oon allgemeinen Lebensarten etectrifiren 
taffen. $ai würbe, benle icg, ein gortfegritt fein, wenn ei niegt in 
bai anbre Sjttrem umgefcglagen wäre(n), in bie materielle ©efmnung, 
bie an Licgti glaubt, für Licgti ft cg intereffirt, ali wai man mit 
$änben greifen {ann. begreiflich ifl biefer Lücffcglag nur ju fegr; 
benn wenn alle unfere großen Hoffnungen unb Entwürfe im ©runbe 
niegt oie( megr geroorgebraegt gaben, ali bie S&fung bei unl&Sbaren 
Lätgfeli, wie in einem conffitutionellen ©taate eine confütutionelle 
Partei überhaupt nur ejrtfüren ober gar oerfolgt werben linne* — 
wie fotlte bann niegt ber Sine ob[er] Slnbre auf ben ©tauben lommen, 
baß bie 3been, wetege jene Bewegungen geroorriefen, ein Licgti feien. 
Ltüge micg~@ott oor biefem ©tauben bewahren! — 

3fcg fcgließe mit ber bitte, Hm Dr. J^elbtg unb H ra balger 
befteni oon mir $u grüßen ... unb bleibe 

3gr banlbarer ©cgüler 

Heinrich oon Streitfcgle. 


1 €korg ßrirbrieg oon 3R. (1766—1821), btr JBtrfaffcr M Prfcis du droit des 
gens moderne de l’Enrope. 3 @fg« (in* igm namgaftrßen 9Hitgti(b(r, brat 
Iwitfcgfrbalb in anfriegtig« bmgnmg nAgtr trat, mar bamaß mtgtn btt SBroftgftrt 
„®i*r Stonatc anlmdrtigrr ^)oluif* (in ©trafotrfagrm ringrltittt. bgi. .giflor. u. 
$oCifc Vnffftgc 4,408 f.; ju forrtgirrm na<g JgflJjm, ba* Stben ©lar bnndtri 189 ff. 


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120 


3uni 1858. 


68] Vn b«t Sttn. 

©onn, 3uni 5, 52. 

SBtein Heber SSater! 

©erabe »ierjehn ütage finb e6 heute, bafj ich Deinen Heben ©rief 
erhielt; boeh nicht ohne ©runb höbe ich fo lange mit ber Slntmort 
gejbgert; ich wollte nämlich erfl baß bunte «treiben unfereb ©ommer* 
fommerfeb, ben mir im Saufe ber »ergangenen geiertage gefeiert 
haben/ »oruberlaffen. Sllte granconen, au6 alten Xheilen Deutfeh« 
lanbb, hatten fleh ju bem fchbnen gefte eingefunben, junge ©eamte 
unb Doctoren foroohl al6 ©tubenten; ein 'Paar befreunbete ©erbin« 
bungen hotten ihre ©bgeorbneten gefchieft — unb fo fuhren mir benn 
am ©onnabenb vor Pfingflen mit ©luftf unb ©(Herfrachen rheinauf 
nach Dbermefel. Da tbnten bie Sieber/ unb bie gruhlingbfonne freute 
(ich mit unb unb lachte im fünften ©lanje nieber. Den ätteflen 
©ttnnem auf bem ©oote mochte mohl eine Erinnerung ihrer fchönen 
Sugenb auffteigen; fle mürben jung unb .fröhlich unb fongen unb 
jubelten mit unb; bie Damen auf bem ©oote — unb eb maren einige 
fehr fchbne barunter — tränten mit aub unferen Zrinthbrnem; in 
ben ©täbten, mo mir betannt finb, mürben mir mit ©bllerfchäffen 
empfangen — unb baju ber alte ©ater Sfthrin mit feinen floljen 
$bben, feinen läufigen 3nfeln unb alterthumlichen ©tibtehen — 
unb bie lieben/ gleiehgeflimmten greunbe, ber bunte SBechfel von froher 
unb emfter SRebe — ber jubelnbe ©efang — o eb mar eine jugenb« 
liehe Sufi, eb maren ©tunben »oll froher, unfchulbiger greube, an bie 
ich benten merbe, fo lang mir ber ©inn bleibt für bie fchönc, frohe 
3ugenb)cit! — Du mirft feine meitere ©efchreibung »erlangen; fo 
etrnab läfit fleh hoch nur mit fühlen, menn man felbfl bie ©lenfchen, 
unter benen ich meile, fennt unb liebt unb gleich ihnen benft unb 
fühlt. Die l‘/i Jage, bie mir in jDbermefel blieben, brachten mir 
bamit ju, bafj mir in Heineren ©ruppen ©prigen unternahmen nach 
ber Sorelep, ber Pfalj, bem ©chbnberg, bem ©utenfelb pp., bib unb 
Stbenbb Sitte bie buftenbe ©iaibomlc mieber vereinte. Denft Euch eine 
J^anboott junger ©lenfchen, bie fleh lieben unb aufjer burch ©leichbeit 
ber ©ebanten unb ©efuhle noch burch ein fchoneb Erinnerungbfeff 
»erbunben unb ju froher Sufi geflimmt finb, auf bem ©achen fiber 
bie ©iffe am gufje ber Sorelep rubern, mährenb Jheine’b fchmermhthige 
2Beife: „3ch meifj nicht, mab foll eb bebeuten" fleh im jehnfachen 
Echo an ben grauen gelbmänben bricht unb »on fernher bie alte Pfalj 


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3uni 18Ö2. 


121 


mit ihren büffcrcn Wurmen au« be« SRbeine« SJlitte berüberroinft — 
benft Euch ba« unb noch taufenbmal mehr ©cbine«, unb 3b* werbet 
begreifen, wie frob unb glücflicb wir am SRontag SÄbenb surücf« 
lehrten. — ©ern würbe i<b no<b mehr ersten, aber ich würbe bie 
febünen Erinnerungen boeb nur entfetten, unb baju finb fte mir ju 
lieb. Damit 3b» übrigen« einen (Begriff befommt non bem Xone, 
ber auf bem Eommerfe berrfcbte, fcbiefe ich Eueb unfere Sieber, fdmmt- 
lieb SBerfe einziger ober jegiger granconen, oon benen 3b* freilieb 
Einige, bie fogenannten (Bummellieber, ber Slnfpielungen wegen niebt 
oetfeben werbet. Die Flamen barunter finb metf Äneipnamen; oft 
rübren 3 oerfebiebene mit 3 verriebenen Flamen oon Einem unb bem» 
felben b w * Such ieb bin mebrfaeb betbeiligt, wie ieb überhaupt in 
biefer JJtinfiebt oft berbalten muff. @o führe ieb, ein würbiger ©obn 
be« einzigen SRebacteur’ö vom flauen’feben greimütbigen \ bie SRe* 
baction be< „Dnfelfaflen«", beö Äneipjoumal«, barin atterbanb 
@<bwd<ben pp. einzelner granconen perfifflirt werben. SBibet 'mein 
Erwarten befriebigen meine Seifhingen febr unb werben, wenn am 
Enbe be« ©emtfer« bie einseinen SBocbensfRummem oetfeigert wer« 
ben, bie Setbinbungdcaffe siemlieb bereichern, ba natürlich 3ebem baran 
gelegen fein muff, bie 9tummer, bie ihn arg mitgenommen bat, au« 
ber 9Belt ju febaffen. — £>bglei<b ieb «ii<b Anfang« oft mit bem 
©ebanfen plagte, man fei in folcb’ einem Slmte niebt« weiter, a(« ein 
angtfettter ^offenreifjer, fo febreibe ich boeb fegt febr gern an bem 
Statte, feit i<b roeifj, bafj febon Mancher babureb oon fleinen ©cbwdcben 
ficb bat heilen (affen, unb feit bie Sei trüge Snberer mich felbff ebenfo 
gut ben Stoffen be« Spotte« blofjgtfcttt haben, al« bie Slnbeten. — 
Uebrigen« bitte ieb Euch, mir bie Eommer«(ieber ia forgfdltig aufsu« 
beben*. — 

Doch genug baoon. 3eb habe noch über atterbanb ernffere Dinge 
SU febreiben. 9Rit meinen Eottegien gebt e« gut, wie früher. Dahl« 


* Ätt äretifontingent&Sbjutant einer nur auf bem Rapier flef>enbcn ttrmeefteferve 
fpt te Xmtföfr* Sparer gute get t, in flauen vom ^>erbft 1819 ein f>albe8 3a$r 
lang eine getriebene Rettung #Der ©oigtldnber greimfttige* ju rebigieren, bie 
Gonnabenbl in jmei Exemplaren „auf ben befreunbeten fHitterfiben* ber 9la<$bar= 
f<baft umlief. 2 £)a6 mir biefem ©riefe ftberfanbte 2ieber$eft ,9tyeingrufi ber 
Bonner granfonia. Den 29ren URai 1862.* ift in £reitttc* 9ia$laf* no<b vors 
baitben. ©on i$m felber entfalt H ein in ber ©erbinbung au$ fpäter no<b gern ge: 
fnngenet Sieb: „Die galjne n>ef)t im iBuibe, mir fahren auf bem tö&ein — 
Unb lagern unb am g&föen unb trinfen alten ©ein. 1 ' 


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122 


3 uni 1862. 


mann* Witional&tonomic giebt mir reifen Stoff jum Wtchbmfen, 
unb wenn auch JJilfcbner’* P&fterrecbt ficb, wie eö bei einer bognuu 
tifcben »ebanblung biefe* Stoffe* faum anber* fein fann, manchmal 
etwa* in allgemeinen grafen bewegt, fo freut e* mich bo<$ unge* 
mein, baf ich ihn fo gut oerfleben fann; unb gerabe feine »ebanbs 
(ung*weife giebt mir Pnlaf, mich mehr um ben biftoriföen S^eil 
biefer 3Biffenf<$aft burcb Selbftfhibium ju befümmem. Die $iftorif$en 
Uebungen fommen noch $u Stanbe, wenn auch, wie ficb oon ber 
gaulbeit unferer Prioatboeenten ni<bt anber* erwarten lüft, erft nach 
Pfingften; beffo mehr werben ber anbere 5tb<*tnebmer unb i<b (beim 
wir finb nur 2) jejjt baran genommen werben. — Uebrigen* febe ich 
immer mehr ein, baf i<b für bie Staat*wiffenfcbaft nicbften SfBinter 
hier Webt* mehr $u finben höbe, naebbem icb Dahlmann* Surfu* 
gebürt hoben werbe; um fo lei<bteren JJerjen* werbe ich bann oon 
93onn fortgeben; benn ba* Sfntereffe ber fSiffenfcbaft muf natürlich 
febe* gragen nach bem fepünen ?eben hier überwiegen. — 9lebenber 
lefe icb i<$t bie »iograpbie Stein’* oon Perf 1 , unb icb fann Dir 
nicht fagen, wie mich bie ^Betrachtung biefe* gewaltigen Pfenfcben 
erfreut unb erbebt. Sine* befonber* höbe ich barau* gelernt, baf e* 
ein 3rrtbum ift, wenn wir jungen Leuten glauben, baf fotebe grofe 
febüpferifebe ©elfter auch auf Webt* au*gegangen feien, al* auf ihre 
febüpferifeben Pläne. Webt eine Spur baoon ift in Stein’* »riefen 
ju finben: wenn er feine Pline entwiefelt, pidne, bie Preufen in 
oielen ^Beziehungen mit 3fnftitutionen befebenften, bie ba* übrige 
Deutfcblanb erft ein halbe* 3abrbunbert fpdter erhielt, fo fpriebt er 
nur oon feiner blofen gewiffenbaften Pflichterfüllung; nur feine 
Pflicht bot er im Puge, wie ber untergeorbnetfte SBeamte; e* macht 
einen unenblich tiefen Sinbrucf, wenn er felbft feine grofartigften ©es 
banfen nur wie gewübnlicb« Ptinifterialbericbte betrachtet Unb wenn 
ich e* recht bebenfe, fo ftnbe ich bei allen praftifcb tbütigen grofen 
ÜRdnnem (bei Dichtem muf e* nothwenbig anber* fein) immer bie« 
felbe eble SBefcbeibenbeit, baßfelbe Streben nach ber Pflicht allein, 
ohne ba* geringfte Slnfpielen barauf, baf fie Puferorbentlicbe* tbun — 
unb wa* ift im ©runbe bie grüfte Dbot be* SRenfcben mehr, al* bie 
Erfüllung feiner Pflicht? Da* mag auf ben Pugenblicf bemütbigen; 
ich höbe aber balb gefunben, baf eben biefe* froh«/ befebeibene #in* 

1 Stic 1849 trföfinfnb; «gl. auch .papin, 9lu4 uwtnm ®. 216. j£witf<bfc 
bat jutrft 1867 6b« ©trin g«f<britbtn. Jpiftot. u. ^olit. Suff4*< 4,168 ff. 


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3uli 1862. 


123 


geben an bie Pflicht ben wahren (fficrth brt Plenfchen auOmacgt. 3ch 
freue mich wirfltch, baß mir bao Such eine fo fc^&ne/ fruchtbringenbe 
9Bahr$eit recht dar gemalt hot. — 

(Run noch eine Sitte um Seinen (Rath in Sejug auf bie gort* 
fegung meiner Äur. SaO achtmonatliche erfolglofe gaffen hotte mein 
Vertrauen fchon etwa* erfch&ttert, ba machte ich * m Saufe biefe* 
SRonat* eine Paufe, unb alle (Belt fanb, baß e* jufegenb* heffer 
gehe. (Rechne ich nun baju bie geringe »ftwetficht, bie Dr. (trinf* 
bei meinem (egten Aufenthalte in Srebben jeigte, al* er fah/ baß bie 
lange Äur erft fo wenig angefcglogen, fo ha(te ich <* foft für baO 
Sefle, bie Äur aufjugcben. Sefprich Sich boch, bitte, mit ber guten 
(Kutter baröbet unb fchreibe mir Seine Sfnftcht ... An Surem 
$eirath*tage höbe ich lebhaft an Such Sieben alle gebacht, boch hinberte 
mich ber (Regen, ihn burch (inen AuOflug in* ©iebengebirge ju feiern. 
Saß mein prächtiger deiner $epp in Sofchwig ift, weif ich ou* 
Qutfcgmib* ®riefe, ber — benft Such ben eingeffeiferen Philologen — 
„in (Berjweiflung ifl", nicht mit meinem „holbfeligen ©cgwefterlein* 
jufammen in Sofcgwig fein )u (innen. ©ruße ba* gute Jtinb beften* 
von mir, ebenfo wie bie anbren Skfcgwißer unb bie liebe (Kutter. 
Obgleich ich heute — 6. 3uni — nur noch an (Rainer fchreiben (ann, 
erwarte ich boch ftorf (Briefe von meiner guten fleißigen älteßen 
©cgweßer, ber ich }u ben englifchen Slaußrumpfromanen ba* beße 
©ergnugen wänfege unb oon 3ofcpge. (Sie immer 

Sein treuer ©ogn 

Heinrich. 


63] fta brn SSattr. 

Sonn, 14/7 52 

SBtein Heber ©ater! 

Seinen lieben Srief höbe ich }war (aum acht (tage erß in JJänben, 
ich Sann jeboch mit ber Antwort barauf nicht länger anßegcn (benn 
er iß ja fchon l 1 /» (Bocgen alt), unb fo fchreibe ich Dir benn heute, 
offen geflanben, in ebenfo rofenrother Saune, wie bie ßarbe meineO 
Papier*. 3<h höbe nämlich geßem einen wahren @lucf*tag gehabt, 
unb wenn man fich beb Abenb* recht froh unb gl&cdicg niebergelegt 
hat, fo (acht Sinen am anbren (Kotgen bie (Seit auch noch einmal 
fo freunblich an, al* fonff. (Sie Su Sich wohl erinnern wirß, war 


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124 


3uti 1862. 


9>rof. Gimrocf, bei bem ich int lebten Gommer einmal hörte, immer/ 
obgleich ich nicht an ihn empfohlen mar, außerorbentlich juoorfommenb 
gegen mich; ba* gab mir ben SDtutb, geflern ibm einmal einige meiner 
Gebiete ju {eigen unb ibn um fein Urtheil barüber {u bitten. Einige 
meiner greunbe, benen ich fie gejeigt, hotten ftch {war febr aner* 
tennenb bar&ber au*gefprochen; aber ich fühlte recht wohl, wie wenig 
man ficb auf ein Urtbeit von Leuten von gleicher 2lnfchauung*weife 
itber Dinge au* unferer eignen Gemüthöwelt »erlaffen fann. Eben 
weil ich nicht/ bloß um ä tout prix ein 9>aar Steinte hmjufchreiben, 
gefchrieben hotte/ fonbern nur, wenn mir ba* JJerj »oll war unb ich 
mich nicht mehr holten tonnte, wollte ich M* Gewißheit hoben, baff 
ich mich nicht an Dinge gewagt, gu benen ich teinen inneren ©eruf 
bitte; benn^ba* wärt mir wie eine Entweihung »orgetommen. — 3u 
meiner großen greube fagte mir nun Gimrocf, ich möchte e* ja nicht 
liegen (affen; et fei {war noch viel „©ollblut" barin, aber »iel Talent; 
einige geigte er mir, an benen er gar (Rieht* au*{ufe$en fänbe. (Run 
rietb er mir, befonber* formftrenge Dichter {u lefen unb burch lieber* 
fegungen mich in brr gorm {u üben; enblich bat er mich, eine alte 
beutfehe Gage, bie er mir geigte, pottifch )U behanbeln unb ihm bie 
Arbeit ju {eigen. — Du fannft benten, wie fehr mich btefe 8lner* 
tennung »on einem fo bebeutenben (Wanne freute. — 3b* werbet 
hoffentlich meine pottifchen Seiftungen nicht nach ben Eotnmer*liebem 
beurtheilen, bie ich nur nach Außerdem (Biberftreben in ber größten 
©ebrängniß gefchrieben höbe. — Geflern (Rachmittag hotte ich noch 
eine Eritif ju beftehen, nämlich bie einer Arbeit für bie biftorifchen 
Hebungen; auch biefe lief fehr glucflicb ab. — Du fannft taum glauben, 
lieber ©ater, wie froh mich biefe Erfolge gemacht hoben; ich gehe nun 
mit boppelter.Suft an bie Arbeit; benn fo fchön auch bi* unabhängige 
©orbercitung auf fommenbe feiten ift, fo läuft man boch Gefahr, 
moralifch babei einjufchlafen unb an feiner eignen Äraft {u jweifeln, 
wenn man nie Gelegenheit hot, fie {u bethätigen; befto froher ift 
man, wenn , man einmal in biefen §ad getommen unb nicht mit 
Gchanben beftanben hot. — Diefe hiftorifchen Uebungen finb übrigen* 
ein au*gejei<hnete* Eolleg. Geftem warb e* jwar erft $um {weiten 
©täte gehalten (ba* ift charafteriftifch für bie hiefigen ©rioatboeenten), 
aber ich höbe in biefen 2 Gtunben mehr gelernt, a(* fonft in 20 Eolle* 
gien, man betommt baburch erft einen (Begriff »om QueKenftubium. 
Der Dr. Slbel, ber e* lieft, wirb nächfte* Gemefier ähnlich* Hebungen 


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3ult 1852. 


125 


galten unb jroar fogltuh oom Anfänge brä Semefferä an unb reget 
mäffig; jammerfcfyatx, baff ich baran nicht thetlnehmen fann; eine fo 
fch&ne Gelegenheit ffnbe ich nirgenbä wieber 1 . — Sä ifl tnbeff boch 
fo gut tote entfliehen, lieber ©ater, baff ich ndchflen Semeffer 
nach ?ripjig geh«. Sä fchnfirt mir jwar baä J 5 >eri jufammen, wenn 
ich an kn 3lbf<hieb oon »onn benfe, aber ich n>ill ben ©luth nicht 
finden taffen. 2 Baä Du mir in Deinem legten Briefe baräber fchriebff, 
toar mir wie auä ber Seele gebrochen. 9limm meinen aufrichtigen 
Dan! bafur*. Der Ion ber leipziger Stubentenwelt ift jwar h»<* 
mit Siecht oerrufen, unb meine Schulfreunbe hoben fi<h bort burchauä 
nicht ju ihrem ©ortheile oerdnbert, aber einige GleichgefHmmte werbe 
ich *>och f*ch tr bort ftnben, auch mehr oom gefellfchaftlichen £eben 
fennen lernen — furj, mit einiger ÜBitlenäfraft hofft ich «ä boch bahin 
ju bringen, baff mich baä Heimweh nach bem fcb&nen ©onna, nach 
ber granfonia unb bem Xieberflang am 9th*inc nicht ungludlich 
macht. — Doch ich n>itl mir baä JJerj nicht fchtoer machen unb fo 

fchnetl alä möglich bar&ber hinweg gehen-* 

Dem Seinen SRainer taffe ich fogcn, baff ich 0 or nicht „ju furcht* 
bar bhfe* auf ihn bin; befto mehr freue ich tnich auf feinen ndchffen 
©rief. Johanna wirb mich *®ohl baä ndchffe ©lat wieber mit einem 
©riefe erfreuen, 3 ofeph<h*n «>agc ich nicht barum ju bitten; baä liebe 
Ainb wirb fehr bbä auf mich f«n unb nicht gerabe in ber Stimmung, 
feurige fohlen auf meinem $auptc ju fammeln. ©leinen Schwerem 
jur ©achricht, baff ich neulich fyitt, alä granfone, ju bem Sch&gen« 

1 Der }u früh gejtorbene Otto Slbel (1824—64) fattc fi<h 1861 in ©onn habilitiert. 
Dahlmann fdg&^tc unb liebt« ihn fo, bafj etit>n ju feinem ©acbfolgcr fich wünfehte. 
©on Xreitfchfe witb „ber oieloerheijienbe fcbwAbtfch« JJnfiorifer* iffentlid) juerft in 
b«m fftr bi« ©artenlaube getriebenen DahlmanmSfaifel «Twdbnt (1861 9lo. 12), 
«in« Anfettung, bi« u>«f«ntli(b gleichlautenb bann in bi« aulführiichere biographiftb« 
DarfteDung b«t J^ifter. u. ty)o(it. Sfuffüb* übernommen ift. Dal ©efl« übet Otto 
#b«t b Q t fein JnnWmann SB. Sang in „©on unb aul Schwaben* 6. -£>eft ge: 
f<bri«b«n. 3 Det ©ater fprid)t (©rief oom 4.3uli) fein« Senugtuung aul, baf 
«r bem Sofn« ben Aufenthalt in ©onn habe ermlglichen Finnen. „Sammle ein*, 
ruft er ifm noch i u / «wie ein« ©iene unb nimm an Erinnerungen mit fooiel Du 
oermagft; H witb Dich in fünftigen feiten, wo manch« Sebenlforge auch auf Deine 
Schultern ftch legen witb, all ein laliltnan begleiten, unb Du wirft auch ' n trüben 
lagen fagen (Innen: ich h«&« gelebt unb bin glüdlich gewefen.* I Irritfchfe fucht 
feinen Vufwanb oon 180 Jalem für bal lebte Sommerfemrfier ju rechtfertigen 
unb &ufrrt bal ©erlangen, mit bei ©aterl SBiOrn ben Olüchoeg nach Drrtbtn 
über greiburg ju nehmen, wal freilich noch rine Slulgabe oon 40 rl hiniufügen 
werbe. Der ©ater antwortet abtrhnenb. 


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126 


3u(i 1852. 


balle bet Sonnet Sürgerfdjaft eingctaben warb; alle Serbinbungen 
bie in Sichtung fiepen, waren eingelaben. Stan unterfcpeibet 3 Sitten 
oon Sällen, fotc^e, wo man in $anbfcpuben unb grad erfcpeint unb 
ben Siebenbwürbigen fpielt, 2.) folcpe, wo man ohne $anbf<buh fommt, 
aber )um grhften Xbrile nicht raucht unb bie Stü$e auf behält, 
3.) folcpe, wo o&ttige Saucp« unb Stüpenfreipeit fytttfty. 3ener ge* 
hbrte ju ber 2ten $lrt; &ab finb bie langweiligflen. 3<p ding halb 
fort mit traurigen Setrachtungen über bie tiefen Shmben, welche bab 
Sonnet fch&ne ©efcplecpt meinem äfthetifcpen (Befühle beigebracht 
hatte. — Siebmütterchen thut mir fehr leib/ bafj fie oon ber Jpipe fo 
Siet aubjuflepen hot. Sie folt fiep ober mit unb tr&flen; wir hoben 
um Stittemacpt täglich 21° unb Stittagb 28° ... Sei Sag iff feit 
mehreren ffiocpen Sllleb in Sonnennebet gehüllt; Slbenbb aber glühen 
bie Sieben Serge, wie wenn ihre RBätber fcpon beb .jjerbfleb Scpmud 
trügen, unb bie SBogen beb alten Stromeb raufeben unb fingen bab 
Sieb: „Stn ben Spein, an ben {Rhein*, bab (ich in Sonn, ach, on fo 
oielen jungen JJerjen alljährlich wieber bewährt. — 

Sun höbe ich noch eine grage an Sich, mein lieber Sater, bie mit 
bem Scpidfale eine* meiner greunbe in Sejtepung fleht. St ift ein 
Scplebwiger 3urift, hat bie 3 gelbjüge mitgemacht, fleh bob Sptenjeicpen 
errungen pp. 1 . Sach $aufe (ann er nicht gehen, weil er bort einen 
Sib fchwbren mufj, ber ein wiffentlicher Steineib wäre unb fi<h über« 
haupt bort nur burch eine Äette oon Heuchelei unb Süge ein Slmt 
oerfchaffen fhnnte. 3n Sreufjen ifl fcpon ben fcplebwigfcpen »Cpeo* 
logen, alb SupfeSeutfcpen, ber Zutritt $um tarnen abgefepnitten 
worben, für bie anbren gacultäten erwartet man näcpflenb ©leicpeb. — 
Stein greunb fiept fiep alfo nach anbren beutfepen Staaten um; alb 
3urifl finbet man alb Stublänber am Scpwerflen Untertommen. Sr 
würbe baper gern bem gorflfacpe fiep wibmen, für bab er fepon einige 
praftifepe Äenntniffe befipt. Sr pat bie Siittel mehrere 3apre ju 
fhtbiren unb nbtpigenfallb burep Slnfauf eineb Keinen ©utb fiep ju 
naturalifiren. 3cp bitte Step alfo mir ju fagen: ©taubfl Su wopl, 
lieber Sater, bafj er unter biefen Umflänben in Sacpfen im gorfl* 
wefen Stnfletlung finben tbnne? Schreibe mir ja bab näcpfte Stal 
barüber. — Sb ifl wahrhaftig wibrig ju fepen, wie ber gtofje Scpanb« 
flecf auf unferer neueflen ©efepiepte bib in bie tleinffen Serpältniffe 


1 ftenbtorff. $8gf. ben fotgenben ©rief. 


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Vugufl 1852. 


127 


fein ©ift verbreitet. Der neueffe Zreubrucß bet Dünen 1 foKte wahr* 
ßaftig Preußen, bloß um bie Sßre beb gürjlenroorW ju wahren, jum 
Sinfcßreiten bewegen — D pfui! — 

Ü0?it taufenb ©rußen an Sitte bleibe ich wie immer 

Dein treuer Soßn 

Jßeinricß. 


64] Vn b«n $8at«r. 

©onn, 3/8. 52. 

SBtetn Heber SBater! 

Dbgleicß ich Deinen ©rief erft btei Sage in Jßünben ^abe^. fo eile 
i<ß boch mit ber Antwort, unb jwar, offen geftanben, au6 jiemlich 
egoifHfcßen ©rünben. 3<ß möchte nümlicß gar ju gern noch vor 
meiner ©breife einen ©rief von Such hoben; von Dir natürlich nicht, 
mein lieber ©ater, benn ich weif, baß Du ju viel ©efcßüfte hott — 
aber wohl von ben Schmettern; benn unfere Sorrefponbenj ift in 
biefem Semeflet ziemlich fpürlicß gewefen, unb boch freut mich 9l»<ßtb 
mehr, alb ein ©rief von Such. Der Zag meiner Stbreife ifl DienVtag 
b. 10. bfb. SK. 3ch werbe bann mit mehreren Slnberen von ©etbin* 
bungbwegen nach ©öttingen auf ben j)annoveranercommerb gehen; 
bort fommen wir am 11. an unb bleiben minbeftenb 4 Zage; ich 
benfe bann noch bab ©elb ju hoben, um 2 Zage in bem ßBefertßale, 
burch welchem mich mein Sffieg boch führt, ju bleiben (^prmont ju 
fehen unb bab Stammfehloß beb Scßauenburger Jfrlbengefchlecbtö 1 
ju befleigen) unb bann über ©üefeburg unb Hannover jurüefjureifen. 
Der Zag meiner SRücffeßr wirb alfo etwa ber 19 ober 20 Stuguft 
fein; jebenfattb feßreibe ich noch einige fetten von ©öttingen aub. 
So werbe icß benn in biefen Serien wieber wenigffrnb einige neue 
Zßeile meincb feßönen ©aterlanbeb fennen lernen, wenn mir aueß bie 
Keife in ben Sübweffen verfaßt ifl; bab tßut mir freilich wahrhaft 
leib, befonberb, ba icß nicht weiß, ob icß je baßin fommen werbe; 
aber icß feße ein, baß eb nicht anberb geßt, unb banfe Dir ßerjlicß, 
baß Du mir meineb Slnftnnenb wegen nießt jümfl, mein lieber 
©ater. — 3n grabe aeßt Zagen trügt unb ber Dampfer bem SRßeins 
gaue ju, in wenig SKonben vertaufeße icß bie SDlufenftobt ber Sieben 

i ©gl. ©rjbri, Di« SJegtiwbung b«i bratfeßen (Rtkßt 3, 87 ff. 3 ©gl. D«utf<b< 
fMcßicßt« 3, 686. 


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128 


Bugufr 1862. 


Serge mit ber onberett ©iebenhugelflabt, bet ©tabt be* ©chnecfens 
borg*, Slumenberg*, £h<mberg* pp. — ich mujj wohl fdjerjen, um 
nicht ju weinen; aber idfy werbe e* tragen unb auch bort gl&cflich 
fein; benn immer flarer wirb e* mir, bafj ber (Dlenfch au* fc£letzter* 
btngö jeber ?eben*lage neue Äraft faugt, feinen*@eijl )u fldrfen unb 
}u bilben. 3d) fyabt mich fc$on au* Seip)ig über bie Kollegien, bie 
greife ber (Sohnungen pp. auffldren (affen; auch werbe ich eine Sucher? 
ßifle fchon fegt an einen meiner borttgen Sefannten fchicfen. — 
Unb nun, mein lieber, lieber Sätet, noch ein ^aar (Sorte über 
ba*, wa* ©u mir wegen meine* Sefuch* bei ©imrod fchreibfl. S* 
bat mir feiten 3emanb fo gan} au* bem Jj?er}en gefprocben, wie e* 
©eine lieben (Sorte finb 1 . ©u h«fl g<m} (Recht: e* wdre mir wir 
eine Entweihung vorgefommen von bem $ei(igflen unb (Reinflen ba* 
mir im Jjerjen brannte (unb fo lange ein SOEenfcb (Wenfch ift, lebt 
ibm fo(<b’ ein geuer im J^erjen), wenn i<b «* hdtte aufbecfen wollen; 
nun ifl e* gefcbebm, unb fegt treibt e* mich, e* }u {eigen Sillen, bie 
icb liebe, unb mit benen i<b gleich fühle- — 

©och meine 3eit ifl heute fehr für}; ich fuge nur noch einige 
(Sorte be* ©anf* in meinem unb in SRenbtorjf’ß Flamen hiuju für 
bie viele SKiihe, bie ©u ©ir feinetwegen gegeben. Er muff natürlich 
noch mit feinen (Berwanbten (Rücffprache nehmen, bevor er weitere 
©chritte thut — (Bon ©utfchmib erhielt ich neulich einen (Brief; ber 
meinen ©efichrtfrei* wirf lieh erweiterte; er hat bie Meinung in mir 
}ur Ueberjeugung gemacht, baff e* fein bifftgere* Ubier giebt, a(* einen 
eingefleifchten ©eiehrten; biefe „Seefier", „bummen unb albernen 
Äerle" pp., mit benen er feine anber* benfenben ©tubiengenoffen re* 
galirt, finb wirf (ich huurfMubenb; eigen ifl e* boch, wie man bei 
folgen greunblichfeiten nicht auf ben ©ebanfen fommt: „(Sie foll 
ich tann erfl bie SRenfchen betiteln, bie mir gan} }uwiber finb, wenn 

1 Der (Batet ((Brief vorn 28.(Juli) begreift be* jungen Sichtete heimlichfeit feit ft 
ihm gegenüber, „n>c()l »iffenb, bafi bie dRufe juerft feht verfefrämt ift unb bah 
bet Sichtet anfänglich gtabe mit ben Btbeiten am meifien }ur6c8>Alt, bie am 
tiefften au* bet ©tele fommen unb in benen et ftch felbfi am offenften wiebet: 
giebt*. Et billigt, ba§ Steitfchfe ©imrod* Urteil eingeholt hat, nicht unbebaut unb 
»otjeitig mit feinen ©ebiefrten in bie Öffentlichkeit treten mode. „Sie* ©chweigen 
«ot bet (Hielt mag Sich abet nicht von bet Btbeit felbft abhalten, ©inge, mein lieber 
Heinrich! wenn Sich bet ©eifr baju treibt, nenn Su nicht anbet* tannfr, al* bichten; 
meine befren ©egen*wftnfch* »erben Sich auch babei begleiten unb mit ©tolj unb 
©enugthuung »erbe ich ©einen (Kamen tefen, fobalb Su Sit felbft fagft: je*t ift 
e* Seit bereorjurmen.'' 


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6«ptrmbrr 1862. 


129 


ich fcgon Me Uebrigen folcger Egren rourbige?" — 3llfo in 14 Klagen 
etwa auf (ffiieberfeg’n; eine wahre ?reube »ff ed, bafj icglSicg noch 
fo lange fegen fann, mein lieber Sater, unb nicht, wie ich fürchtete, 
faß bie ganzen Serien ohne Sich jubringe. — 

Ndcgflen Sonnerdtag Slbenb benft an mich; bann flehe ich oben 
auf bem SRolanbdbogen unb fehe $um (egten (Wale ben Kölner Som 
unb bie (Bonner (Rgenana im Slbenbrotge flimmern, göre jurn (egten 
(Kaie bed (Rgeined (Beden an ber bufcgigen Kloflerinfel anfcglagen, 
rodgrenb fern bie Königin ber Eifel, bie ßlbrucfer (Burg, im nichtigen 
Nebelblau verfintet — jum legten SRale werbe ich <0 fegen, unb jebe 
froge ©tunbe, bie ich hier burchfcgrodrmt, jebed wacfere (Bort, bad 
mir gier U oud eined greunbed SDlunbe getönt, jeber ©ebanfe an mein 
grofjed (Baterlanb, ben mir je ber beutfcge ©trom erwecft, wirb vor 
mich treten, wenn ich gärigen 9fuged bad geliebte Sanbfcgaftdbitb ein* 
fauge — unb noch in fernen Sagten foll mich von böfen unb trüben 
©ebanten bie Erinnerung retten an ben 9tgein — 3a, ber 9tgein, 
ber (Rhein, bad fei ber ©cgluf} bed legten (Briefed, ben ich ®ucg von 
(Bonn aud fenbe. 

Sein treuer ©ogn 

Heinrich 

Sie ©age, bie mir ©imrocf jum (Bearbeiten gab, hot auch viel 
<$lücf gehabt; morgen bringe ich *bm bie Xöfung einer 2ten Aufgabe. 


66] Vn brn SBatrr. 

Srcdben, 22/9 52. 

JJ>eute, mein lieber (Bater, ergdltfl Su bad (Bulletin über ben £u* 
ftanb unferer guten Butter von mir; unb, ©ott ?ob, ich fann Sir 
recht gute Nachrichten geben *. Ser Slrjt ifl recht jufrieben mit ihrem 
(Befinben; ©cgmetjen hot fle faff gar nicht mehr, hoch ifl fie noch 
fcgr empfinbltch gegen jebed ©erdufcg unb fcgldft fafl ben ganzen 
(tag; am ©onntag etwa wirb fie hoffentlich wiebcr aufflehen fönnen. 
Slde Uebrigen finb in beflem SEBoglfein: Soganna entfaltet igre wirtg* 
fcgaftlichen (talente in ber fcgönflen (Seife burcg eine vortreffliche 
Küche. Sofepge ifl, wie immer, munter unb frifch, befonberd feit fie 
fich geflern burcg ben (Kudtaufcg geiftteitger mebifanter (Bemerfungen 
mit ihrer (Bufenfreunbin in gofcgwig erquicft hat; (Rainer ifl ber alte 

i Srau «. Zrtitfchfe war an Slaftnref« rtfranft 

i. 9 


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130 


Dftobet 1862. 


gute Sfunge geblieben; befonber* entwicfelt er je§t einen erfreulichen 
Sifet, fein befiehl mit ©thmufcflreifen in ben fchönften SRegenbogem 
färben )u fchmütfen, unb ich bebaute oft, bafj ftch feine tütowirte 
Snbianerin hi« befinbet, bie in ihm fofort einen oerwanbten @eifl 
entbeefen würbe. — 2Baö mich betrifft, fo erhielt ich neulich einen 
fulminanten ©rief oon 3uliu* Äonnerif}, in bem er „üufierft mif* 
füllig bemerfte", baf ich mein ©erfprechen, ihn ju befuchen, ganj 
oergeffen hütte. Die gute ©tama will mich butchau* fchon je$t fort 
haben, um mir, wie fte fagt, bie unertrüglichffe Sangeweile )u oer* 
treiben. Obgleich ich ihr aber fegt nicht* nügen fann, fo werbe ich 
hoch, fchon Johanna’* wegen, nicht eher abreifen, al* bi* fie ba* ©ett 
oerlaffen hot, alfo um bie ©litte nüchfter 2Boche. — ®or meiner 3lb* 
reife nach ?«hjig höbe ich jebenfall« bie greube, Dich noch mehrere 
Zage lang ju fehen, mein lieber ©ater. Denn ba bie (Soltegia nominell 
ben 18. Dctober beginnen, brauche ich nicht eher, a(* frfth^ften* am 
20. ober 21. abjureifen, wie mir alle hirfiß« Seipjiger ©tubenten 
fagten. ©ietleicht höbe ich bann bie greube, Dich um Dein Urtheil 
Aber mehrere ©ebichte fragen ju t&nnen. Ueberbief höbe ich i*$t einen 
herrlichen ©tojf ju einer grbfjeren pobtifchen Slrbeit gefunben, bie mir 
grofe greube machen wirb. — Doch, ftehe ba, ber ©toff ift erfchbpft, 
ber bei unferen täglichen ^Rapporten unb unferem einfachen Sehen 
auch nicht grofj fein tonnte. ©lit ben freunblichften @r&fen bleibe 
ich ®ie immer in Siebe 

Dein treuer ©ohn 

Heinrich 

©leinen innigflen Danf für Deine freunbliche Xheilnahme an 
meinem @eburt*tage; wie Du wohl fchon oon Johanna weift, hoben 
wir ihn feht froh oerlebt unb Deiner oft gebacht. — 


66] Kn bie ©tauet. 

©lulba, 5/10 52. 

Süngfl fchon, liebe ©lütter, hüttefl Du ben besprochenen ©rief 
oon mir erhalten, wenn nicht erft morgen eine ©otengelegenheit nach 
gteiberg ginge. — ©iel ©eue* wirft Du oon h*« nicht erwarten, 
benn ber einzige gehütete ©lenfeh, ben ich oufjer 3uliu* 1 hier gefehen, 

1 von JtinneH*, beffen Cinlabung auf fein bei ©tatba gelegene* @ut £reitf<hte 
gefolgt war. 


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ßftobtr 1862. 


131 


ifl ber, »on 3utiu« boeb»«rebtte, mir aber unauOfiebticbe Saflor oon 
&orfcbemnig, an bcm mich 9ticbtt intereffirt, al« feine rübrenbe 93or« 
liebe für bie SRutbaifcben SEBeinflafcben, benen er in ebrifHicbet Sr: 
gebung in fein ©cbieffat bie #ilfe bricht — Uebrigen« tyfot ich ^ter 
Unterhaltung »offauf: 3uliu« ifl ber juootfommenbe 2Birtb wie immer 
unb jegt febt befebiftigt. Sr b<*t mir einen 9>rocefj ju fuhren ge« 
geben, ber beim ©prucbcollegium ju Seipjig gingt; freue Sich/ gute 
SRama, baß ftcb Sein Slettefler fo früh fegon jum 2lboocaten ent« 
wicfelt bat. — Sen größten £b<ii ber 3«it bringen wir mit ber 3agb, 
bem Sobnfhicb unb befonbert mit 91u«f(ügen in bie Umgegenb ju. 
31m Sonnentag ritt ich nach ®roßbartmann«borf, am Freitag nach 
ber Jjj>eimatb unfere« treuen ©cgaab, nach ©aipba, »orgeftern nach 
Staußnig, geflern nach Siebtenberg, ©inb biefe ©prägen auch etwa« 
monoton, fo intereffirt eß mich boeb, ben Sgarafter ber ©egenb fennen 
ju lernen: wenn ber raube 8Binb (benn ber Ofen wirb hier fegon 
unentbehrlich) über bie fahlen JJröbtn fctauft unb ben Slefrer, ber bur<h 
bie fteinigen ©cboHen feine gureben jiegt, fafi umjuwerfen brobt, 
unb am 9Batbe«faume bie J£>erbjteßfeuer auflobern, unb im tiefen 
Z1)aU bie netten SBauernbiufet Sinem ihre blanfgewafcbenen ©efiegter 
au« ben ©ebäfcgen entgegenflecfen, unb man bann im Sorfe bie 
rafftnirtefien ©enuffe be« neunzehnten Sagrgunbertß, al« ba ftnb: eine 
^ugwaartn«, eine ©alanteriewaarenganblung, ja felbft ein ©eibel 
baprifeg Siet »orfinbet mitten unter biefen rauben, fahlen #6gen, 
geben Sinem jwar nicht gerabe bie Stugen über »or Sewunberung, 
man freut ficb aber boeb über ben waeferen, fleißigen Solfßftamm... 
hiermit wäre ich benn mit meinen fRacgriebten ju Snbe, beffe 2Rama, 
unb habe nur noch ginjujufügen, baß ich übermorgen nach Xeplig 
geben, einen Sag bort bleiben unb am ©onnabenb Slbenb bei Such 
eintreffen werbe, bie ich hoffentlich, unb befonbert Sich, meine arme 
SRutter, ebenfo gefunb unb munter antreffen werbe, al« rt ifl 

Sein treuer ©obn 

Heinrich 


9 * 


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132 


Cftobrr 1862 . 


67 ] «n SBitytlnt 91eff. «Wulbfl, 5/10 52. 



©o fege id) mich alfo boeb bin, um juerfi an meinen alten Serelt 
)U febreiben, benn meine ®orau«fe$ung, ba§ fein »erfproebener „erffer 
Srief" auibteiben mürbe, fcfjeint fief) ju betätigen. ©enn Du müfjtefl, 
mein alter Sunge, mie raub b>« bie ©inbe btulen, bie ben Sanbmann 
umjuflürjen broben, ber bie horten Schollen feiner naeften Serge 
furcht, menn Du müfjteft, mie ficb ber ©enfd) b»w im Kampfe gegen 
eine unmirtblicbe Statur nur retten !ann bureb bie monotone Sange« 
meile eine« negerbaften gleifje« über ber Srbe ober bureb ba« Sin« 
bringen in bie febaurigen ©ebeimniffe ber Untermelt — Du roürbefl 
furchten, bafj au« biefem ©riefe ein eifiger Jpaucb au« bem ein« 
tbnigen Snbuffrieleben meiner Jjeimatb Dir entgegenmebe in Suer 
grüne«, jungfräuliche« @ebirg«tbal. 3lber, ©ott Sob, fo meit ift e« 
mit mir noch nicht. S<f) habe mich unglücklich, trofilo« gefühlt, aber 
ich benfe mich b»nburcb}uarbeiten ohne febroaeb ober falt ju merben. 
Unb meifjt Du, mobureb ich mich mieber aufgerüttelt höbe? — Sache 
nur in ©otte« Flamen — Durch bie 3Iu«ficbt auf eine grünere 
poEtifcbe Arbeit, ©ott meifj, mie mir neulich ber ©ebanfe fam, au« 
ber ©efehiebte ber rbeinifchen Jjanfa einige Steile poEtifcb ju be« 
arbeiten. Du meifjt, mie e« mir fiet« in allen Slbern gejueft bot, 
einen ©ecfruf erfchollen )u laffen in biefe« ÜJteer von Schlaffheit 
unb Scbmäcbe, ba« un« umgiebt; gegen bie meiffen ber patriotifeben 
©ebichte, bie Du »on mir tennfl, habe ich j«f?t Scrupel: bie ^oEfie 
fennt nur Siebe ober JJ>afj, mufj Sine« liebenb erfaffen unb ba« Slnbre 
von fi<b ffofjen; in einer ^eit politifeber ©irren liegt aber bie ©abr« 
beit feiten ganj bei einer Sattei; mer ficb nun mit feinem Siebe in 
ber feiten Streit ftürjt, verlegt entmeber bie ©abrbeit, ober feine 
Segeifterung ift nicht ganj rein unb ungetbeilt. (Sage, hob ich nicht 
Stecht? Schreib mir Deine SDieinung). Deflo mehr freue ich nticb, 
einen Stoff gefunben ju hoben, bei bem ich ntit ungetbeilter §reube 
über einer großen Vergangen beit bie Schmach unferer ^eit »ergeffen 
fann. Unb bafj ber beutfehe ©eifl nie fchüner unb fioljer fleh gezeigt, 
al« in bem Stibte« unb Sauemmefen, ba, mo e« frei mar, biefj 
ifb oon jeher meine Slnficbt gemefen. fpurrab! Da« foU prächtig 
merben: ficb «b<*« f<b°n oor mir, mie bie ©affen be« alten Jföln ficb 


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£>ft»b«r 1862 . 


133 


beleben, wie bet Sufrugr fcgroißt unb firnißt, wie bet Saterlanbö» 
Verräter Jpanno fluchtet burcg bie jjintertgure be* Dome*; wie bie 
©efanbten bet ©täbte beim Äaifer erffeinen, t'bm igre Jpulfe bieten, 
ba* morfcge 9teicg ju einen! — fOtir feglt nur noch eine alte Sgronif, 
au* bet ich einige Data entnehmen muff; bann gebe üg an bie Sr» 
beit, bie Dir voßenbet jugefc^tcft werben foll. — 3lu<g einige Heinere 
©aegen gäbe i<b voßenbet, nur graut mir bavor, fie abjufcgteiben. 
©eojrt habe icg auch etwa«, aber trog aßebem war e* enblo* 6be unb 
leer in mir. Sn ber 9tacgt meiner Sbreife von Sonn war i(b aufjer 
mir, wie nie; bie fieberige Aufregung, bie icb ben £ag über befämpft 
batte, bracb au* unb icb tonnte fein 3tuge jutgun, immer unb immer 
hörte icb noch Sure legten $bfcgieb*rufe, fab bie legten ©egatten 
Surer verfcbwinbenben ©eftalten. 9lm anbren Xage fucgten wir und 
gegenfeitig aufjugeitern, wa* un* auch gelang, befonber* burcb ben 
von ©pinoja* ponirten ©egarlacgberger unb burcb ©pinoja’* Spgos 
ri*men (er wunberte ftdp j. S., bafj ber Äaifer Slaubiu* ba* Mgem* 
weinlieb gebicgtet gäbe!!) Sn granffurt waren wir bei feiner recht 
gubfcgen ©cbwefter unb feinem febr burftigen 3llten. Sn ©öttingen 
war ber Smpfang febr freunblicb — aber biefer ©uff!! unb biefe 
Sauton! 9Ran trinft nur ©anje unb auf je 2 ©anje minbefien* 
eine Saufe, unb alle au*wenbt'g gelernt unb aße fo (ebernü 3Bir 
bagegen haben un*, ohne Snmaafung, famoö burcbgepauft, weil wir 
frei fpracben. Uebrigen* finb bie ©r&nen 3 , mit Su*nagme ihrer 
norbbeutfcgen $6rmlicgtoit, bie e* einen ganjen Äneipabenb lang auf 
einem ©tuble au*gält unb ein Steegen be* silentium wie ein Staje* 
fidt* verbrechen anfiegt, fegr tuegtige ?eute; e* feglt ignen aber ber 
froge Sugenbmutg, bie frifege Sebenbigtoit, bie nur in ©ubbeutfeg* 
lanb* Sergen )u gebeigen fegeint. Stwa* aber fonnen wir von ignen 
lernen, nämlicg etwa* megr £>rbnung auf ber Kneipe unb ein energi« 
fege* Auftreten in Sejug auf bie @ati*faction, bie fie freilieg falfcg 
auffaffen, wa* aber immer noeg beffer ifl, a(* wenn man fie ganj 
ignorirt. — Son ©. au* maegten wir eine gerrtiege ©präge in ba* 
Sierratgal, auf ben $anfiein, naeg Siigengaufen unb üJtunben unb 
in ba* SBefertgal — lauter tiefe grüne, feltenbefucgte £gdler, bie ju ben 


1 Jtneipnamen eine* $ranfonen ©inaffa, stud. jur. au6 Jronffurt o. 9Jt. 3 jßanno* 
oeraner, eine ®6ttinger ©erbinbung; og(. ®. 127. <$rüne biegen fie §um Unter: 
föieb von bem bur<b bie 9Kirg(tebf<$aft ©itaumf* geworbenen Jtorp* ber 

roten Jßannoneranfr# ($ren*borff.) 


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134 


Dftobrt 1862 . 


fcgroffen gelfen in bie tybfye blicfen, fo feufcg, fo rugig, wie ein 
ÜRibcgenauge. 3J?it Sefftng 1 reifte icg bann nacg Gaffel, blieb in 
Gifenacg unb in ber Umgegenb einige ^eit, wo mir jum (egten SDtole 
nocg SfBejibeutfcglanb« #6gen winften, bi« un« bie spappefe^appel* 
Sllleeen Seipjig« aufnagmen. (Beim Slnblicfe von bem 9lefle warb mir» 
gan) falt um’« J^erj. ©laubff ©u, baß ein ©eiff gefunb bleiben fann 
in biefem Ggao« von Sangeweile unb ©emeingeit? 3n ©re«ben würbe 
icg mich wob( befunben gaben/ wenn nicgt nacg 14 Zagen mein ©ater 
abmarfcgirt wir« 1 unb mit igm 2 Seutnant«, ber einzige nigere 
Umgang meinet 2llter«! Sonfi war Sille« auögeffogen. ©aju nocg 
bie Äranfgeit meiner ÜJJutter — ©u fannff ©ir meinen -Juffanb 
benten; ein ©aarffRal war icg in ©efellfcgaft, aber icg entfegte müg 
Aber biefe fabe äraft? unb Saftfofigfeit; fein cmfto 2Bort unb 
biefe sprAberie! 9lur eine ©ame intereffirte rntcg ... nimlicg @ut* 
fcgmib« ©ottin; aucg biefer franfgafte ÜWenfcg gat (icg fegr »ortgeil* 
gaft »erinbert, feit igm ein gunfen in fein J^erj gefallen. 3cg aber 
»erjweifle beim Stnblicf btefe« (ebemen fcgbnen ©efcglecgt« baran mir 
in Seipjig bie 3«* f® ju »ertreiben, wie ieg e« ©ir einft fagte. — 
9tun fo fcgreibe ©u mir etwa«/ au« Gurem frogen Seben jur 3eit 
ber großen Ginquartierung; felbft bie tteinften ©etail« »on unferen 
©onner greunben macgen mir greube. — 

3n ©reiben gatte ieg bie große greube ©eaf unb 3ungfrau* ju 
fegen; wir waren fegr glueflieg unb fegiefen mit 1000 ©rußen Gueg 
biefe ©ierlifie, an ber ficg aueg ©utfegmib mit 2 falben betgeiligt 
gat. (obstupui steteruntque comaeü) SprAgen gäbe ieg nacg ber 
burcg Zguringen nocg einige gemacgt: in bie fäegftfcge Scgweij, in 
ba« Grjgebirge pp. Uebermorgen (feige ieg au« bem fäegfifcgen 
Sibirien gerab in ©bßmen« warme Gbenen. — ÜReine ©reibner 
Slbreffe: Slntonffabt, lieberer Äreujweg 9lr. 3. 3eg nenne bloß biefe, 
bamit ©u nocg oor bem 20. ©et. fcgreibff, wo icg ©reiben »erlaffe. 
G« ift wirflieg nbtgig; icg bebarf einmal einer tAcgtigen geiftigen Sin« 
regung, ber Untergattung mit einem greunbe, bie mir in Seipgig fegr 
fegten wirb; benn »om einmaligen Slnfegen biefer knoten, ber Seip* 
jiger Stubenten, gäbe icg genug. — Scgreibe halb, halb! 

2Bie immer in Siebe ©ein Zreitfcgfe 

1 8effet, stad. jar. aui Stettin, Jwmfcne. 3 Jur JprrbftfantonifTung einet von 
ignt befegligten 3»fanteriebi»i{ion. 8 3 »ei anbere mit igren Äntipnamen be» 

)ei(gnete Jranfonen; «gl. 6.144. 


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3»ei ©emeffcr in £eipjig 


Unvergeßlich fcb&n mar bie am Sft^cm verlebte ^eit für Xreitfc^Ce 
gemefen. Unb biß in$ Alter blieb ibm ba$ ®lucf biefer Sage auch 
unvergeffen; al< er 1890 auf einer gerienfabrt mit feinen Sintern 
ben SRbein unb SBonn roieber befugte, alle bie alten Erinnerungen 
lebenbig von neuem aufrief/ noch ba fonnte ber SBunfcb in ibm auf; 
{feigen, b»«* einff feinen fefieir ÜBobnfif} ju nehmen unb fein £eben 
)u befcbliefjen. 

Oiefer 3«t gelebter ^Poefie folgte vom Oftober 1852 an in Üeipjig 
ein 3<»br ber Üebenöprofa. 

Oie ©tabt unb ihre Umgebung, bie Univerfität, bie bfo mieber* 
gefunbenen ©cbulfameraben — nicht« lief ficb mit bem vergleichen, 
wert SBonn geboten batte. Sreitfcbfe fuebte (ich in regem SBriefverfebr 
mit feinen geliebten granfonen ju troffen, vor allem tvieber mit 
SSilbelm 9loff, bei bem befonber« ber junge Siebter eifrigen unb hoff« 
nungövodflen Anteil fanb. Oenn ein jmeiter „mabrer Srojl" in ber 
$eipjiger 93erlaffenbeit mürben bie poetifeben 23effrebungen unb 93erfucbe, 
bie ihn jefct neben ber unabläffig gefpannten miffenfcbaftlicben Arbeit 
emfllicb ju befebüftigen anfingen. Unb noch 3abre binbureb fühlte 
er ficb immer mieber fo ffarf ju ihnen bingejogen, bafj er in einen 
inneren £roiefpa(t geriet über SEBefen unb £iet feiner Begabung. 

©cblieflicb begann ihm, ber bie Äraft, ficb m ©egebene« ju 
febiefen, früh autfbilben mußte, auch ba« Eeipjiger £eben erträg« 
lieb }u merben. Er batte mit ber £eit in freunbfcbaftlicbem unb 
gefeltigem 93erfehr 23effereö gefunben al« er anfangs ermartet; unb 
immer — fo fagt er gern, für ihn burebau« bejeiebnenb — „finb e« bie 
SRenfcben mehr al« ber Ort felbff, bie Einem einen Aufenthalt lieb 


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136 


3«xi ©imtflft in 2«ip|ig. 


machen", ©onn blieb bodf> unoerglei<blic(K „wenn \<fy nur baran benfe, 
no<$ einmal unter wei&rotgolbnen ©rubem am SRbein ju fein, laufen 
mir affe ©ebanfen fort/ 

' @o föreibt er im 3uli 1853 an 9loff; im folgenben öftober 
fonnte er wirflicb no$ einmal na<$ ©onn juricffebren. 


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Grrau S)on 



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68 j ün bfit Söater, 

?eipjig, 29/10 52. 

91m 2iebflen mochte ich noch einige Dage mit meinem erflen 
'Schreiben warten, mein lieber ®ater, boeb icf> furchte, 9Rama babureb in 
unnötige 9(ngft ju oerfegen ... #eute alfo fann i<b Dir nur Einige« 
über meine ©tubien unb mein fonjligeP £eben ^ier mittbeilen; unb 
leib tbut eP mir, bafj icb Sir über erftere wenig ErfreulicbeP fügen 
fann. Denn benfe nur: weber Stofeber, noch Wibrecht, noch SBiebermann, 
noch SBülau fann ich oerfteben; fie fpreeben für mich 2f(le fo unoer« 
flänblicb, ba§ ich gar nicht hoffen fann überhaupt nur ihre Stimme 
}u oemebmen. Da bleibt mir benn freilich 9lichrt 9lnbereP übrig alP 
mich mit guten heften ju oerfehen, unb baP ifl mir jum X^eit auch 
i fchon gelungen; aupgejeiebnet ift baP #eft oon Sttbrecht, eP ifl eine 
wahre greube barin )u arbeiten; um fo mehr febmerjt eP mich, bafj 
ich ihn nicht oerflehen fann; benn bie eigentliche Anregung jum freu« 
bigen ©tubium giebt boeb erfl ein geifbolter SBortrag eineP bebeutenben 
SDtannep. Diefe 9lotbwenbigfett, ju bem eintönigen 9tacbreiten oon 
heften oerbammt ju fein, bot mich febr traurig gemacht, um fo mehr, 
ba ich baburch immer unb immer mieber an mein 2eiben erinnert 
werbe. DarauP folgt aber noch nicht/ bafj ficb mein Gehör oerfchlechtert 
habe; im Gegenteil, eP gebt recht gut, unb bie Schulb baran, bafj 
ich oon ben Kollegien 9hchtP höbe, liegt allein an bem (eifen Vorträge 
ber Docenten, oon benen ich unglücflicherweife gerabe biejenigen ju 
hören bnbe, bie ben unoerflünblichflen Vortrag hoben. 3ch will Dich 
unb mich nicht mit-Grünben jur Stefignation ermüben, mein lieber 
Sater, aber ich hoffe, bafj ich/ wenn mir bap Jjerj auch oft recht 
fchwer babei wirb, hoch ben SDtutb nicht oerlieren unb nach befien 
prüften arbeiten werbe, wenn mir auch bie 91 eije beP ©tubiumP fafl 
oerfagt finb; bie Gewohnheit bot fchon fo oiel getbon, bafj ich mir 
oft ©tumpffinn oorwerfe, wenn ich mich fo leicht über mancbeP 


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138 


Oftobft 1862 . 


Irübe binwegfegen fann. SJieine einjige Hoffnung ifi noch ba« bifio: 
rifcbe ^rivatifftmum von SButtfe, wegen beffen beute eine SBefprecbung 
jfattfinbet. Sie jfaaWwiffenfcbaftlicben Uebungen von 23iebermann, 
auf bie ich mich fo freute, fommen leiber nicht $u ©tanbe. 2luf ber 
UniverfitäWbibliotbef fjobe icf» bereite Ju tritt; ber Söibliotbefar fagte 
mir aber, bafj in ber ©taat«wiffenfcbaft neuerbtng« gar Siebte an* 
gefebafft worben fei; ba« iff freilich fcblintm, benn gerabe in bie 
legten 30 3«bre fallen bie grbfjten gortfcbritte biefer SBiffenfcbaft; i<b 
werbe e* alfo noch auf ber ©tabtbibliotbef verfucben. — ^ur}, Du 
ftebff, lieber 93ater, bafj idf» mit meinen Hoffnungen noch ganj auf 
bie Jufunft angewiefen bin. 2(ber biefe H°fF nun 0 unb frobe Juver: 
ficht ifl grabe fegt febr (ebenbig in mir. Senn jwifcben ben Anfang 
biefe« SBriefe« unb bem, wa« icb jegt (©onnabenb früh) fcbreibe, füllt 
ber gefhige Slbenb, an bem icb ein herrliche« Eoncert ^6rte; unb al« 
ba biefe« SDJeer von 3ubelt6nen einer Seetbovenfcben ©pmpbonie ficb 
über mich wie ein gewaltige« ©turjbab ergofj, ba febümte icb »nitb 
meiner ©orgen, unb ein einziger ©ebanfe warb in mir wacb, ber, 
meine ganje Kraft aufjuraffen, um ba« febwere Soo«, ba« mir ber 
©ebbpfer auferlegt, männlich ju ertragen. Unb fo foll e« auch fein: 
meine ©ebulb if} e« nicht, lieber Stoter, wenn ich Dir beute nicht 
viel Erfreuliche« febreiben fann, aber Su follft mir auch nicht vorwerfen 
fbnnen, ba§ ich mich babureb beugen laffe. — 

91un noch einige ÜBorte über ba« fonffige Seben b«r; wie gefagt, 
bin icb bi«ber febr viel }U Hau« gewefen, aber von jegt an werbe ich 
hoffentlich Slbenb« oft au«geben . . . 2lucb in SBejug auf meinen 
Umgang mit ©tubenten werbe ich Dir erfl fpäter febreiben; auch hierin 
bin ich faß au«fchlie|licb auf neue SBefanntfcbaften angewiefen. Denn 
meine ©cbulbefannten hoben ficb nieifi fo geänbert, bafj icb @ott 

banfe, wenn ich .Keinen von ihnen )u feben befomme-Deflo 

mehr greube flnbe ich jegt in ber Unterhaltung mit meinen lieben 
granconen unb vor 9l(lem mit Euch, 3b? Sieben ju Hau«. 3<b glaube 
wahrhaftig, a(« alter SBurfcb im 4ten ©emeffer befomme i<b noch 
Heimweh, ba« ich felbfl in meinem erffen nicht gehabt. SBenigfien« 
freue ich mich finbifch auf bie 2ßeibnacbt«ferien, unb träume fort: 
wäbrenb von ben fcb&nen Hügeln be« Elbtbal« unb Dre«ben« Sbürmen 
unb SBrucfen; unb wenn ich hier fpajierengebe in biefen Ebnen, bie 
©ott nur befjbalb fo ohne allen Inhalt für ba« 9luge gefchaffen ju 
hoben febeint, bamit ba« geiftige Sluge ficb befio mehr ©chbne« hinein: 


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Cftotet 1862 . 


139 


jaubem (änne, fo blide ich oft ganj «ermuntert untrer unb fpähe 
nach bem floljen gelfenthore )u tem rfjeinifchen 9>arabiefe, nach meinen 
lieben Sieten Sergen, bie gerate je$t unter bem ^)infel be« #erbfte« 
mie in emiger Slbenbrüthe prangen. Soch ba« ift ju fch&n gemefen; 
roohl mir, bafj mich bie Erinnerung baran roenigflen« mie ein golbner 
Zraum umfehmebt- 

Sa« ift mohl ba« erfle 9Ral, mein lieber, lieber Nater, bafj ich Sir 
einen Srief febreite, ber »on lauter unangenehmen ober menigflen« 
»on Singen honbelt, bie mir fo feheinen. 2Benigften« etroaö Singe« 
nehme« !ann icf> no<b «on mir hinjufügen, nämlich bafj ich «in mirflich 
reijenbe« Quartier höbe,, ba« ich mit ©totj felbfl neben Eurem Salon 
fehen laffen fann. — Nun, auf recht balbige frohe Nachrichten »on 
Euch unb einen frbhlichrren näehflen Srief 

»on Seinem treuen Sohne 

Heinrich 

Natürlich taufenb Elrüfje, befonber« an ben (leinen Schlingel, «on 
bem ich nicht einmal höbe Slbfchieb nehmen f&nnen ... Non EoKegien 
habe ich natürlich nur bie belegt, bie ich im Eollegienbuche hoben 
mufj; benn ba ich Nicht« »erflehen (ann, mufj ich natürlich beflo 
mehr SBücber haben, unb fo märe ba« Selegen eine Nerfchmenbung. Sch 
büre: Nationa(6(onomie, Solijei, Staaterecht, btfehe Staat«gefchichte, 
hiflorifche« ^>rafti(um; ferner Sanjfhinbe — giebt mit ber Smmatri« 
culation jufammen 14 rt. 


i 69] Sin H&ilbdm Noff. 


Seipjig, 29/10 52. 



J?)eute enblich, mein guter Nereli, höbe ich bie trofllofe Stimmung, 
in ber ich mich nun über 8 Soge lang hitr befanb, fo meit übermun« 
ben, bafj ich baran benfen (ann, mit einem vernünftigen Nlenfcben 
}u reten, ohne mich gänjlüh ju blamiren. E« ifl aber, meifj @ott, 
ju fcheuflich in biefem gottverfluchteren aller elenben Nefler. JJ>ore 
meinen täglichen ?eben«lauf unb Su mirfl e« einfehn. grüh natürlich 
ein ununterbrochene« £>ren bi« Ntittag; ba« ftnb mir bie liebften 
Stunten, obgleich auch fi« »W ?äftige«; hoben benn flelle Sir »or. 


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140 


Dftob« 1862. 


von aßen ben 4 Docenten, bie ich hier alienfalt« hören fonnte, habe 
ich (einen einjigen verflanben, fie Ritten eben fo gut malaüfch reben 
(innen. ©un, »a« folche« ©atpreiten (gewiffermafen bet wiffen: 
fchaftliche fHtte ©uff) für eine greube iff, weift Du; unb ich habe 
noch baju bie Schwäche, baf icb mich baburch allemal an mein {eiben 
gemahnt fühle unb ganj verfimpelt werbe. — ©tittag« ju Xtfcb in 
ein Jjotel wo (ein einjtget ©tubent ift; benn biefe .Kerle futtern 
für 3 äiber in Kneipen/ gegen bie ©tabämchen mit ihren Äellerwüt: 
mem noch golben ift. ©achber ein Sang entweber in ein (Safe um 
Leitungen ju lefen ober ein ©pajiergang auf bie romantifchffen fünfte, 
al« ba finb: ba« Stofen thal, ein ©ucpenwälbchen noch halb in ber 
©tabt, an bem ber Äaffe in ben beiben bortigen jtneipen entfcpieben 
ba« ©effe iff, ferner ber Xbonberg mit ber geofogifcpen ©igcntbünu 
lichteit, bafj man bergab babin gebt,enbticb Sohli« mit feiner berühmten 
Sofe — einem £euge, ba« ungefähr fo fchmedt, wie bie SJtiffe, bie 
wir ben ©chatwächtern vorfeften ... Da« ijl, auf ccrevis 21 He«, 

fehlechtbin Sitte« Srntereffante in ber nächften Umgebung- 

gragjl Du nach meinem Umgänge, fo (ann ich eigentlich gar 
nicht« antworten; benn SRenfchen, bie oon ©icht« reben, al« von 
9>uff«, ©igarren, Domino, 9la<hreiten unb Aromen (ann ich ®ir boch 
nicht nennen. ©ur in einer ©ejiehung ift ber Umgang mit ben 
hieftgen ©tubio« fehr belehrenb, b. h* in ©ejug auf bie $fpcbo(ogie; 
man bürt nämlich täglich bie fcharfftnnigften pfpchologifchen Unter: 
fuchungen, al« j. SB. ob Schüchternheit ober ©elbftvertrauen beffer 
fei pp. — Sille« nur um bie fchwd<h(i<he gurcpt vor bem ©tarnen ju 
bemänteln, gaff ebenfo unau«ftehtich finb mir bie hier, wegen be« 
grofen ÜKuftfetfer«, ebenfalls fehr jahlreich vertretenen roeltfchmerjlichen 
verfannten ©eelen mit ber aufgefchloffenen höheren Semüth«welt. Da 
fprechen biefe SDtenfthen fortwährenb von „Du bift wie eine ©lume* 
ober „£> Silie, weife Silie" pp. unb ich gelte bereit« für ein ftumpf* 
finnige« ©twa« auf 2 ©einen, ba« nur burch eine unbegreifliche ©er« 
wechfelung ber ©egriffe ju bem ©amen „üftenfch" ge(ommen ift; meine 
Dnfettaftennatur machte ftch nämlich fo fehr geltenb, baf ich mit 
einigen flechten SBigen in ben jarten Duft biefer höheren Semütb«* 
weit hineinfuhr. Diefe weichliche Dänbelei ift aber bei folgen ©tenfcpen 
gerabeju wibrig, bie nur bamit (ofettiren, beten wahre Seban(en je* 
boch ftch immer um ba« ©ramen unb ähnliche hanbgreifliche Segen: 
ftänbe brehen. — 


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er«*« 1862 . 


141 


Donnerwetter! (Run ig eS herunter vom Kerzen! £06 nennt ich 
mal feine (Satte geb&rig auSfprigcn! (Run bog DuS einmal gehört, 
mein lieber,, lieber ®ereli, wie eS Deinem armen Knollen b*ee gebt; 
fei alfo vergebert, Dag Du nie wieber etwa* bavon crfdbrg» Sin* 
mal muffte icb Dir boeb bieg ©auleben febilbern; nun ig eS gef (beben, 
unb nun foll Mn folcber SRigton wieber meine liebgen ©tunben, bie 
Unterhaltung mit meinen fernen greunben goren! 3(b habe wahrlich 
fchon ein 9>aar SRale mein Sonterfep im Spiegel betrachtet, um mich 
ju überzeugen, bag i(b noch ich wäre (A=A, fagt Dar) — aber ich 
febe fchon: es gebt, eS mug geben; über baS (Reiffe von biefer Sämmer« 
lichfeit bitr (unb ich habe mabrlicb nicht übertrieben) fann ich noch 
lachen, ober ei fommt mir }u gering vor, als bag ich mich barüber 
ärgern fbnnte; unb ben einzigen nachhaltigen ©cbmerz, ber jegt mein 
S}eri zrrreigt, baS ©efübl gänzlicher (Berlaffenbeit, ben (Range! jebeS 
SRenfcben hier, mit bem ich fr «in #erz unb eine ©celc fein fbnnte, 
ben vergeffe ich jo eben, wenn ich ntit meinen lieben granconen rebe — 
ja vielleicht fchmeichelt ihn mir gar ein neefenber Draum hinweg: 
benn morgen werbe ich in 10—12 Rufern hier vorgegellt, allen benen, 
bie hier irgenb etwas gelten (bie äaufmannSarigofratie ausgenommen, 
von ber ich mich felbgrebenb fembalte), unb wer weig, ob geh ba 
nicht ein bübfcbeS (Räbchen pp. — 

(Run genug, beger (Bereti, Du ftebfr, ich &in wieber ber (Mite, unb 
aus bem ärgerlichen Done heraus, in bem mein ©ebreiben begann. 
©0 lag uns benn noch einige (Borte über beffere Dinge reben. f ... 
Du fragff vielleicht, wie eS mit ber rbeinifchen Jjanfa gebt; ba höbe 
ich bis jegt noch nicht baran benfen finnen; ich n>ar fo vergimmt, 
bag ich 0 <nug mit mir felbg zu tbun hotte unb nicht aus mir felbg 
berauSgeben fonnte; unb überbieg, wenn man ben ganzen Dag über 
geort ober ©efrhäftsgänge gemacht, bot man auch einmal gehörig baS 
©ebürfnig recht herzlich bumrn zu fein unb geh zu pgegen. ©0 ig 
bis jegt noch Ri<btS geworben, ich höbe aber bie bege Jjoffnung. Da? 
gegen höbe ich einige anbere Sachen fertig, bie Deines UrtbeilS harren 
unb vielleicht von meinem nächgen ©riefe Dir gebracht werben. — 
(Reine fongigen ©efchäftigungen gnb: praftifche (Rationalbfonomie, für 
bie ich freilich bis jegt noch ein viel zu unpraftifcheS Snbivibuum bin, 
benn noch beute ig eS mir febr bip, ob bei ber £oppc(wirtbfchoft ober 
bei ber gruchtfolge 400 rl (Reinertrag berauSfommen; bann ein vor? 
treffliches Jjeft von RlbrechtS beutfeher RecbtSgefchichte, baS mir eint 


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142 


9fovtmbtr 1862. 


wahre greube ift, ferner spolijei, ©tatiftif, ©taatörecht pp. {Bon 
unferen Socenten wirft Su Dir einen {Begriff machen, wenn ich Sir 
fage, baff ber Sine meiner P. P. O. JRebacteur ber ?eipjiger Leitung *, 
ber Slnbre ber Shrenmann ift, ber bie {Regierung um Srlaubnifj frug, 
ob er 1 rl für bie Steter ^rofefforen geben burfe. SMlfo auch in biefer 
Jjinftcht |ifl wenig Slnregenbe* ju ftnben, bb(^ften6 negativ. Sluch 
hierin muff ich ganj auf funftige SBefanntfchaften bauen, auf bie 
3ufunft. Unb bieff Vertrauen auf ein jutunftige* {Befferwerben ift 
gerabe in biefem Slugenblt'cfe feftr tebenbig in mir. Su mufft näms 
lieh wiffen, baff ich an ber ©teile, wo Su ein fchbne* f im {Briefe 
finbeft, eine Seethovenfche ©pmphonie fybrte. ©ieb, mein 3unge, e* 
war mir, al* (innte ich ihn honbgreiflich faffen, al* ftdnbe er vor 
mir, ber ©t'eg einer neuen ferneren SBeltorbnung, al* biefe* SReer 
von Subeit&nen fi<h wie ein gewaltige* ©turjbab über mich ergoff. 
Unb vor biefer groffen, betrügen Hoffnung, vor biefer fiegenben 
verficht fehwanben meine eignen ©orgen, fo baff ich mich ihrer 
fchdmte ... unb ich fühl« mich jegt fo frei, fo erhaben Aber bem 
©cfrniug biefe* 9iefte*, baff ich, wenn auch Sein treue* blaue* 2luge 
eine franfe ©orge fegt umnebeln [follte,] 1 Sir mit bem fefteften Ster« 
trauen }urufen (ann: 23leibe ber alte grohmuth, e* wirb noch 2Ule* 
gut, mein Stereli. 



Swig 


Sein 

Heinrich Zt. 


Saff Su au* feber ^et(e biefe* {Brief* herau*lefen mufft, baff ich tinen 
{Brief von Sir nicht btoff wfinfehe, fonbern bebarf, ba* erwarte ich »on 
Sir. 2llfo halb!... Slbreffe: Querftraffe 22. Schreibe mir bie Seine. 

{Beiläufig: man ftaunte mich hier wie ein SBunber an, al* ein 
SRitglieb ber „anerfannt nobelften IBerbinbung Seutfchlanb** (wärt» 
lieh!) — #urrah! 


70] ttn ben 93atrr. 

Seipjig, 16/11 62. 

... ich hotte gewunfeht, Such im heutigen {Briefe von recht vielen 
{Befuchen fchreiben ju fbnnen; bi* fegt finb aber fortwdhrenb Jjtnber* 
niffe bajwifchengefommen, befonber* weil iRicharb ginbemann, ber 

1 ©Wau. 2 gjjit bm ©itgri aulgtnffcn. 


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9)o»embet 1862. 


143 


mich oorßeßen woßte, immer Abhaltungen hotte; unb fo bin ich tonn 
bi« je$t nur bei 93roijem« unb ben Demiani’« gewefen. ÜBenn aber 
mein Empfang uberaß fo außerorbentlich juoorfommenb unb freunb* 
tich iß/ wie bei ihnen/ fo fann ich feh* jufrieben fein; baß ich btefe 
greunblichfeit Btiemanbem al« Dir ju oerbanfen höbe, mein Heber 
Sater, oerßeht fidf) von felbß, unb ich fonn Dir nicht genug bafür 
banten. 93ei Demiani’« war ich neulich ju 3Rittag; Aße« mar fo 
angenehm unb juoorfommenb eingerichtet unb hoch fühlte man fi<h gar 
nicht genirt, weit man fah, baß feine Umßönto gemacht würben ... 
2Ba« meine ©tubien betrifft, fo geht Aße« ben atten @ang; nur mit 
ber praftifchcn iRationalöfonomie iß ohne ba« Anhören eine« guten 
IBortrag« faum burchjufommen; fetbß ba« beße Jjeft (unb ich hohe 
noch boju nach vieler 2Rühe nur ein fehr fchlechte« erhalten fönnen) 
fann Sinern j. 99. bie lanbwirthfchoftlichen unb bie 93anfoerhdltniffe 
nicht anfchaulich barßeßen; folche Dinge ftnb eigentlich nur im ptaf* 
tifchcn Eeben fennen ju lernen; fchon ber Sortrag giebt nur einen 
einfeitigen 95egriff, ein Jjeft faß gar 9Hcht«. 3nbeß: e« muß ja 
gehen; wenigßen« höbe ich «u« ©efprdchen gefehen, baß ich mich in 
biefer #inß<ht mit benen, bie bie Sorlefung felbß hüten, recht gut 
meßen fann. — Da« 9>tioatiffi«num bei Sßuttfe iß ju ©tanbe ge* 
fommen; bie erße ©tunbe war freilich fehr eigen: iS. fprach über 
Dahlmann, über bie Alpen, über (Shompoßion, über bie Aßgemeine 
Leitung — furj de omni re scibili et quibusdam aliis — immer 
geißreich unb unterhaltenb, aber erß, al« ba« <§oßeg au« war, bdmmerte 
ihm eine unflare 3bee auf, baß er eigentlich ein h*ßorifch«8 ©emtnar 
, hotte holten woßen; hoffentlich wirb ihm bieß ba« ndchße 2Ral jum 
flaren 93etoußtfein gefommen fein. — Sehr lieb iß e« mir, baß bie 
©tabtbibliothef fehr gut fein foß; fobalb al« möglich werbe ich mir 
ein Saoet baju oerfchaffen, um in ihr ba« ju finben, wa« mir bie 
Unioerßtdttbibliothef bi« jefct nicht hot bieten fönnen. — ÜReine Stanj* 
ßunben werben noch biefe SBoche beginnen; 8 Damen unb 8 ©tubenten 
nehmen baran Xheil ... SReine Älage über SRangel an angenehmem 
Umgang unter ben ©tubenten hot ftch jum Xheil erlebigt, feit ich 
einen Jpannoneraner au« ©öttingen hi« wiebergefunben, einen S)<m * 
burger 9lamen« 99aetcfe, ber toirfltch ein fo lieben«würbiger SRenfch 
iß, baß er mir anberen Umgang jum Zfytil erfegt 1 . Am ©onnabenb 

1 3uliu* Startete, ein Jhcunburgn, faft 6 3»b rt öfter att Xreitfcfcte, b<t ihn, (inen Jreunb 
f ubn>. SfegibU, oft „grOnen hamunxranet* («gl, ®. 133) 1862 in ©Jttingen fennen 


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144 


'Jicoroibrr 1852. 


uberrofchte mich ptüflich 85««f 1 , ber «iner Jjochjeit wegen nach Süthen 
gereift war unb ei nicht hatte über« Jjerj bringen tonnen, 8 SWetlen 
von feinem Anoden entfernt ju fein, ohne ihn )u befugen ... ©eßern 
9tachmittag war ich mit ibm in Jjaße um einen alten grantonen ju 
befugen. I)ie ©prüge war mir fefjr gefunb (e« iß bie erfte in biefem 
©emeßer; aber feh« bringenb iß eine jweite nach ©rimma), ba fie 
mi(b mit bem Seipjiger {eben fehr au«f6bnte; bann wahrhaftig, foltf> 
ein elenbe«, fchmugige«, ftinfenbe«, langweilige« 9teß wie Jjaße giebt 
e« nicht wieber; eine ©trafenpolijei ift bort, baf man meinen foßte, 
fie habe von aßen (ebenben SBefen nur bie Snten unb Schwein« in 
ihr Jjerj gefchtoßen; ganje SDiorüße in ben Jjauptßrafen, bie freilich 
nicht breiter finb al« bie ©chußergaff« in £rc«ben — unb ba« in 
einer ©tabt von 45000 Ginw., bie mit in bie erfte Jammer wühlt! 
Unb baju noch biefer ©iebichenßein, biefe« £»rach«nfel«chen en minia¬ 
ture oon 60 guf #üh« — hier in £eip$ig fann man boch wenigßen« 
mit gutem ©ewiffen fagen, baf wir oon fRaturßhünheiten gar Ölicht« 
haben; bort aber muß man e« noch mit anhüren, wie jefüblooße 85er* 
Hner Seißer über bie fch&ne Sejenb phantaßren, ba, wo feber Unpar* 
teiifche (unb ba« war ich wirtlich, benn ich hatte mich ungemein auf 
ben ©iebichenßein gefreut) nur einen fleinen rothen gel«blocf ß«ht, 
ben eine unbegreifliche Gaprice ber fßatur mitten in eine tahle gliche 
hereingeßhleubert hat. — ID ©ott! 2Bie freue ich mich auf bie fchbnen 
£re«bner ^(hen! — 2Baö meine fonftigen Vergnügungen betrißt, fo 
habe ich einmal bie fßtarra al« ßlachtwanblerin gefehen, boch °hn< 
gerabe in Gjrtafe ju gerathen; ich .oerßehe überhaupt noch viel ju 
2Benig oon ber SWufif, al« baf ich mich J* 95* in folch einer italienißhen 
Cper burch bie fcfünen Slinge ohne SBeitere« über bie unßäthigc ©e* 
meinheit bei ©tücfe« fclbß hinwegfefen liefe; ich lache bann entweber 
ober ärgere mich. — ©eh« gefaßen hat e« mir bagegen neulich in ber 
©cfißerfcier, ju ber mir tyrof. 3Buttfe eine Sarte ßhentte. ©<hon 
bie fchwarjrothgolbne Sahne, bie unter anberen über ©chißer« 85üße 
hing, freute mich; }<var hätte man bißig fragen tünnen: „SBoju bei 
einer fo rein nationalen geier noch anbere garben, al« bie beutfcf>en?" — 
aber feft, wo man nur ju oft tleintich genug iß, politißh« 8(nti* 

grfant halt*. €r bli«b frii 2<ipjig mit Zreitfcbft in enger frcunbf<baft(i<her ©et» 
binbung. ©p4t« war er «14 Ärjt in ^ambutg, jahrelang au<$ in Sonbon, f<bli(§* 
!i<b »on 1874 bi< ju feinem Zobe 1878 in (Rom tätig. Seiber finb »on ZreitfcbM 
©tiefrn an ihn nur jmei erhalten. 1 Dttat Cfb«. ©gl. ©. 161 Wnm. 


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X>f}«tnbtt 1862. 


145 


patpieen ouep auf ba« Selb ber Äunß unb SBiffenfc^oft ju übertragen, 

mußte man ßeß fcpon barüber freuen-Sieß wüte benn fo 

jiemtiep HUti, wa« td> Sir mitjutpeilen pabe, mein guter ®ater. Su 
ßepß, iep lebe jiemlicp füll unb cinfürmig; unb feplt mir auep gar 
Siele«, wa« miep in Sonn fo gtüefliep machte, fo ßepe iep boep noep 
in lebhafter Serbinbung mit meinen bortigen gteunben (iep pabe bie 
ÄleinigFeit non 5 unbeantworteten Sriefen oor mir liegen), unb, oor 
9Hlem, iep fepe ein, baß iep pier fein muß, wenn iep auep niept Siel 
ftnbe, unb laffe beßpalb ben SRutp niept ßnFen; ed iß ja boep (ein 
£eicpen non ppilißröftm ßptimiömu«, wenn man in jeber Sage au«* 
juparten verfugt — Sun noep eine febr wichtige grage, lieber Sater: 
wie gebt e« meiner guten, armen SKarna? #offentliep iß boep jeßt 

Sitte« enbliep oorbei?-noepmal« lebt wopl, taufenb ©rüße, 

unb in 5 SBoepen auf 2Bieberfepn! 

2Bie immer 

Sein treuer @opn 

Jpeinriep 


71] Vn btn ®atfr. 

Seipjig, 3/12. 52. 

ÜRein lieber Qtater! 

Sie frop maept e« mich, baß iep Sir beute reept gute Saepricpten 
geben unb Sir fagen fann: iep fange an mi<b in bem geipjiger geben 
naep unb naep peimifep ju fühlen. Ser Slbßanb von bem geben in 
Sonn iß jwar immer noep groß genug, aber ba iep miep hier in ganj 
anberen Greifen bewege, muß iep auep anbere Slnfprücpe maepen. ©o 
fommt e« benn, baß miep ba« gefettfcpaftliepe geben pier naep unb 
naep fepr anfpriept. Slm Seßcn gefüllt e« mir unßreitig im Semiani’* 
fepen Jj)aufe, wopin iep w((pentli<p minbeßen« einmal cingetaben werbe. 
@ie ßnb niept gerabc ba«, wa« man geißreiep nennt, aber e« perrfept 
ein fo angenepmer traulieper Xon im Jjaufe, e« pat fup Sitte« fo lieb 
unb iß fo glüefliep jufammen, baß man ipnen nüper treten unb ßep 
peimifep füplen muß. — ©epr angenepm ßnb auep bie Slbenbe bei 
SReißcnßein«; auep pier ein ungezwungener, freunblitper Zon unb oft 
fepr intereßante ©efprücpe. grau von Steißenßein iß eine fepr lieben«« 
würbige SBirtpin, ße entwiefelte neuliep golbene ©runbfüße, inbem ße 
fagte, eine Sifite in einem $aufe, wo man genauer begannt fei, fei 
i 10 


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146 


Dtjttnbec 1852. 


eher eine Verlegung be« Slnftanb«; ba« war mir eine wahre .£>erj= 
ftdrlung, benn eö ifl Sinem, al« ob man ficf> fein $erjblut abjapfte, 
wenn man eine oon ben SWorgenftunben, über bie man allein fieser 
bi«poniten (ann, ju folch einer langweiligen Stifttenfcbneiberei weg* 
werfen muß . . . Slucb einen ®aß höbe ich fcf>on mitgemacht, bei 
Dufour« nämlich; #etr Dufout iff ein febr gebilbeter, intereffanter 

3Rann-gaffe ich übrigen« bie Sftefultate meiner wenigen 

gefeßfcbaftlitben Stfabrungen jufammen, fo fage üb mir, bafj rt mir 
recht gefunb iff, einmal mich in anberen Greifen ju bewegen, afe bi«* 
her, unb ba§ ba« gefeßfcbaftlicbe Sehen bei Weitem anjiebenber ifl, 
al« ich erwartet. @o iange man ein dexter weinebrlicber SBurfeb »fl, 
macht man ftch ganj grauftge Storfleßungen baoon; benn e« giebt im 
(Srunbe (einen erclujtoeren ©tanb, al« ben fünften von allen, ben 
ber Stubenten; ba« ift aber auch febr natürlich, benn wen in feinem 
ganzen »treiben (eine ©ebranfe binbet, wer nur mit benen jufammen* 
lebt, an bie ihn ein gleiche« Streben Bettet, ber fiebt natürlich Ulie, 
bie fotche« @lüc( nicht hoben, ziemlich b«o&toffenb an. — 2Ba« fich 
mir in ©efeßfebaften leiber nur aßjuoft mit banbgreiflieber ©ewifbeit 
aufbrängt, ifl ba« ©ewufjtfein meine« Seiben«; eö ifl mir unerträglich 
ju feben, wie grernbe ftch meinetwegen geniren. Ueberbaupt fühle ich 
oft in Momenten, wo man gewiffermaafjen geifKg auörubt unb feine 
eignen ©ebanten betaufcht, baff ein folche« bauernbe« Ertragen mehr 
straft erforbert, al« ich mir oft einbitbete; e« oergiftet mir, wenn 
auch nicht gerabe mein SBenebmen gegen Sintere, fo hoch oft genug 
meine gebeimflen ©ebanten burch einen ftarren Sgoi«mu« unb einen 
(ranfhaften Sbrgeij, ber nur beffbalb Stwa« teilten wiU, um Slnberen 
nicht jur Saft ju faßen. £>u wirft, hoffe ich/ mein lieber SJater, in 
biefem ©eftänbnifj (ein Reichen oon Äteinmutb feben; aber e« ift mir 
©ebürfnifj, mich meinem Skter gegenüber offen au«jufprecpen, bei 
bem ich f<bon fo oft £eoft gefunben; unb ich fühlt/ baf ich mich 
boeb noch (räftig burthfcblogen werbe mit ©elbftoertrauen unb einer 
munteren Slnfcpauung be« Sehen«/ ba« ja, fooiel ich &i* iefct baoon 
gefeben, bei SBeitem nicht fo traurig ift, wie Stiele meiner SBetannten, 
bie bie Sangeweile bi«tr fo früh bot altem taffen, behaupten. — SRit 
bem Slrbeiten gebt e« gut oorwärt«; ich höbe febr oiel ju tbun unb 
werbe befbolb wobt erft einige »tage nach Steenbigung ber Soßegia 
bei Such eintreffen, fOtittwoch ben 22.1)ecbt. ober »lag« barauf. Un* 
enblich leib tbut e« mir, bafj bie Unioerfität (ber ©runb meine« 


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Drjtmto 1852. 


147 


bieftgen Aufenthalt*) für mich fo gut wie nicht oorhanben ifl. Set« 
flehen farm ich mit bem befielt ©illen Stiemanb, unb ba* btflorifche 
3>rioat(fftmum/ wovon ich Stwa* erwartet, fchläft ganj ein. ©ar ju 
gern möchte ich Brecht hören; eö muß ein außerorbentlich tüchtiger 
©ann fein; ich höbe jeßt ein , noch baju febr bürftige*, J^eft oon 
feinem ©echfelrecht, unb obgleich ba* beinah ber fcpwerfle Xheü oom 
ganjen 2ru* ifl, wovon ade ©eit flagt, man oerflehe eö nicht/ wirb 
mir bie Sache babutch ganj beutHch. 3mmer mehr fühle ich übrigen*/ 
wie einfeitig ein bloß tßeotetifche* Stubium ber Stationalöfonomie 
unb ^>olijei bleibt/ unb wie felbfl Sahlmann* SSorlefungen, wo fte 
auf rein praftifche ©egtnftänbe tarnen, nur fehr bürftig waren, ©a* 
hilft e* mir j. 93. eine Xbeotie über ©ütertheilung aufjuflellen, wenn 
ich bie wirtlichen Serbältniffe ber Sanbwirthfchaft nicht fenne, ober 
über 93ranntweinfleuer nachjubenfen, wenn ich nicht weif?, wa* ein 
#elm ober eine 93lafe ifl? Sine Steife nach beflanbenem Sramen ober 
etwa ein halbjährige* $ofpitiren an einer (anbwirthfchaftlichen ober 

technifchen Anflalt wirb wohl unerläßlich f«n-©einen 

©eibnacßtöjettel (ege ich bei; befonbere 9(ufmerffamfeit/ bitte ich 
©utterchen, auf bie Sotlettengegenflänbe ju wenben; ich bemerfe fchon 
jeßt mit Schreiten, wa* folcpe Singe/ bie bi*her in meinem SSubget 
gar feine Stolle fpielten, für Auögaben machen. — 

hiermit hätte ich benn in biefem enblofen Schreiben wohl Sille* 
gefagt/ wa* ju fagen war. 3ch lebe hier ganj glücflich/ benn ich habe 
nie SBicI oom hitf*8 en Seben erwartet. Stur manchmal wirb mir bie 
Sehnfucht nach meinem frönen (Bonn fafl unwiberflehlich/ befonber* 
neulich/ al* ich «ne bringenbe Sinlabung jum Stiftung*commer* am 
11. Secbt befam/ ber ich Wber unmöglich entfprechen tann. ©eine 
greube ftnb nur bie guten Stachrichten oon ben alten Leuten: au* 
93erltn erfahre ich/ baß 2 oon ihnen jeßt ein fehr gute* Srarnen be« 
flanben; auch au* ©öttingen, Jpeibelberg, greiburg laufen freunbliche 
93riefe ein. 3e länger ich h»« bin/ beflo mehr fühle ich/ wie fehr ich 
an meiner granconia hänge/ beflo mehr fehe ich ««/ wie viel ich ihr 
ju oerbanfen habe. — £* ifl nur gut/ baß ich hier wenigflen* Sinen 
habe/ mit bem ich ganj harmonire, jenen 93aetcfe/ oon bem ich Sir 
fchon fchrieb. Sonfl tümmere ich mich um bie ^tefigen Stubcnten 
wenig; erfl jwcimal war ich auf einer Stubentenfneipe/ hoch mit wenig 
Srbauung. So wirb benn wohl auch bie 93iertifle oon beiläufig 22 
(fage jwei unb jwanjig) falben, bie mir neulich oon Jjeibelberg au* 

10 * 


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148 


$c|<tnb<r 1852. 


jugefchirft warb, oorberbanb nicht nachgetrunfen werben; ein 9ta<$« 
trinfen in ©ofe wenigftenO wäre wahre Entweihung. — 

®on ^Jolitif (wbe ich natürlich 9licht$ ju fchreiben; eö ifl ^ier fo 
ftitt wie überall; bie goye in granfreich fiebt man mit bemfetben 
gleichgültigen Wcheln an/ wie überall. — 9iur SineO $at mir je§t 
in ben Leitungen/ bie nur t>on SJebrurfungen bei ben Stahlen au$ 
$reufen ober von neuen SBücherorboten au« ßeftreich melben, wahr« 
hafte $reube gemalt/ nämlich ber Erlaf brt SuItuOminifteriumO 
wegen ber ©ufiaoabolpboereine. ©a6 jjerabjiehen ber {Religion in 
ben £eitung£ftreit bat wahrhaftig eben fo febr biefe SRüge oerbient/ 
wie bie ©ewiffcnlofigfeit, jeft, wo in ©eutfchlanb mehr aK ju oie( 
gebabert unb gekritten wirb/ auch noch ben confeffionelten £wiefpalt 
mutwillig ju werfen, noch baju in ©achfen, wo von ben lUtramon* 

tanen fo wenig ju fürchten ift wie »on be< Jjimmelö Einflurj- 

Sor SBeibnachten wirft ©u noch einen SBrief von mir erhalten, mein 
guter Rtater, unb auf erbem foll ficb noch eine fäuberliche ©ratulationOs 
epiflel auf JpeppchenO ©eburtttagOtifeh einfinben. — 

Sun, auf einen recht fröhlichen heiligen Äbenb beute über 3 Stochen! 
Die gute Stoma ift bann hoffentlich ganj gefunb ... unb wir Sille 
werben febr glürflich fein. 

Zaufenb ©rufe von unb an. Smmer in Siebe 

©ein treuer ©obn 

Heinrich 


72] Vn SffiilfKlm 9t eff. 

Seipgtg, 13/12 52 

©lein lieber bereit! 

9Bie ich mein unverantwortliche* Starten entfchulbigcn foll, weif 
ich eigentlich felbfi nicht. Steine $eit war aber fo befchränft, baf e* 
wirklich an bie Unmbglichfeit gränjte, Dir eher ju antworten, ©af 
ich £i<b ober nicht oergeffen, fiebft ©u wohl au* ber Urfache, bie 
mich bewegt, jeft noch V»1 Nh* Sacht* an ©ich J u fchwiben: Sch 
bin augenblirflich in einer Aufregung wie feit Sofrcn nicht, ©u weift, 
ich hofft in biefem SSierteljabre ein ©ebicht ju ©tanbe ju bringen. 



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X)«|anbn 1862. 


149 


befferi ^>Jan mein« fünften Sräurnc belebt batte, über b»et> wo icb 
oottauf mit mir feibfl ju fämpfen habe, baf icb nicht feibfl in biefen 
3>fupt oon biafirter Srägpeit oerjtnfe, ber meine ^tefigen äameraben 
cparaFteriftrt, fyiet ifl rt mir nur mägiicp gewefen, pie unb ba einmat 
burcb ein $aar fräftige auf« Rapier gefcpieuberte ffiorte meinem Un* 
mutb Suft ju machen. Stber jum frohen ©Raffen einer nicht blof 
im Slugenblicfe entftanbenen Sicptung gehört ein gewiffer ©rab von 
9luhe unb oor Sittern ein frohe« ober wenigflen« unbeengte« {eben/ 
wo man nicht täglich ba« Sltteretenbefle oor Slugen hat. — ©o hatte 
ich benn gehofft, meinem ^(ane bie näcpfien SBeipnacpttferien, wo 
ich gewif in Sre«ben fchr gtucftich fein werbe, wibmen ju fbnnen. — 
Sa fättt mir eben oorhin ba« SSerjeicpnif ber neuen afabemifehen 
$rei«aufgaben in bie #än[be,] barunter ba« Xperna: „über ben Unter« 
fchieb ber nationaibfonomifcpen ©^fteme oon Jjume unb ©mith.* — 
9tun benfe Sir bief Sitemma — ff« banbeit fiep für mich einfach 
barum, ob ich nuep au«feplieflicp ber wiffenfchaftlichen Saufbahn hin« 
geben fott unb bie ^>o€ftc ganj bei ©eite taffen — ober umgefeprt. 
Senn bie# 3apr in Seipjig muf für mich entfepeibenb werben. SBage 
ich wich an bie tyrei«aufgabe, fo bleibt mir, weil ich auch noch ätnbere« 
baju ojren mifte, nicht eine ©ecunbe ^eit für etwa« nicht SBiffen« 
fchaftliche« — mein £ie( ifl bann, aufet ber möglichen flingenben 
©etopnung, eine au« biefer peroorgepenbe batbige Skrforgung im 
ftatiftifepen SBureau ober im SRinifterium be« Stu«wärtigen — unb 
ber $rei«: rin ganje« 3ape bei Sampenbunfl unb SJucpetn, fern oon 
Sittern, wa« ba« Jjerj erfreut, fern oon bem, ba« attein mich glieflicp 
machen fann, oon meinem Siebe!! —Su ftagfi, mein SJereli: „SBarum 
läft Su bie 9)rei«aufgabe nicht ganj au« bem ©piete unb treibfl e« 
fort, wie bi«her?* — 3a, mein 3unge, ba« fehe ich fiaret ein 
a(« je: ich ntuf entfeheiben, muf wählen: fein SDtenfcp finnte 2 Stuf« 
gaben auf einmal iäfen, fo lange er für beibe fiep erfl hüben muf. 
Unb bann, wa« ba« fcpbne heitre Sehen am Stpein immer unterbrich 
patte, ba« briept jeft mit unwiberflehlicper ©ewalt peroor, ber SBunfcp, 
enbiiep einmal etwa« ju tpun, ju ieiflen, mit biefem ewigen „SSor* 
bereiten* aufjup&ren. — 3Ba« icp jept fepreibe mag fepr unflar fein, 
aber Su wirft mir boep SRecpt geben unb einfepen, baf icp enbiiep 
einmat mich entfeheiben muf. 9hcn, antworte, mein Sereti! ffinen 
Statp wunfepe icp natürlich niept, benn icp würbe ipn boep niept be« 
folgen — in folcpen Singen fann man nur für fiep feibfl einflepen — 


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150 


Dejember 1862. 


aber fcbreiben follfi Du mir, mein Sereli, waö Du an meiner ©teile 
tbun wurbeft. 8Ba$ mir ba$ £iebfte wdre, »ergebt ficb von felbft, 
ifl aber ganj gleichgültig. €$ fommt nur barauf an (baS fühle ich 
fcibfl jegt, fo aufgeregt i<b auch bin), wie ich nfi^lte^er unb meinen 
Prüften entfprecbenber wirten werbe. — Da« weift Du, baf ich nie 
mit meinen ©ebicbten renommirt fabe; bcr gröfte Xb*rt fclbft meiner 
genaueren greunbe fennt fie ja nicht einmal — aber auch ba* weift 
Du: bie ©acge ijt mir fo Zeitig, baf i<b eö mir nie würbe »ergeben 
tonnen, wenn i<b unwürbig wäre mich baran $u wagen unb bitte 
e* boeb getban. Unb boeb fü^tlc i<b, baf im ©cfreibtifcb ibr ganzer 
3Bertb »erfegwinbet, baf fie b<tau6 in« greie muffen. — 

SDlein lieber Sßereli! Sinen gröferen Sewei» meiner greunbfegaft 
tonnte i<b Dir wobt nicht geben, al$ bureb biefen verworrenen ©rief. 
Du wirft ba$ füllen unb mir wo möglich fogleicb antworten. S8i< 
jum 21 ob 22 Decbr bin ich noch b'«* Ucber anbre Dinge »erlange 
beute 9licbW ... 

Sn Siebe 

Dein 

Jjeinricb X 


73] «n SBUbdm Hoff. 

Dreöben, 30/12 52. 



©lücf ju jum neuen Sabr, mein SSereli! Jjaft Du noch nie 
Slugenblicfe gehabt, mein lieber SSereti, wo Du (Sötte» ginger ficht« 
barlicb ju faffen geglaubt fwft? ©olcg ein ©ebanfe überfcblicb mich, 
als ich Deinen legten ©rief 1 burcbla»: ich erhielt ihn in bem fKugen« 
bliefe, wo ich eben meine Sube »erlief um auf ben Sagnbof ju geben, 
fanb alfo erft auf ber gagrt Jeit, mich an ihm ju erfreuen. Sch fo§ 
in einem Coup6 jufammengepreft mit 9 Seipjiger ©tubenten, bie 
ju je 3 ©tat fpielten, für mich alfo nur infofem ejrifHrten, al» fie 
mir ein traurig ©egenflücf abgaben ju bem Silbe, ba» mir Dein 

1 £>et einige »odftdnbig erhaltene SBrief Olcffi an £reitf<bfe (»om 19.12.62) mit 
einer begeiferten €><bilberung bei Stiftmtgifefci ber $ranfonen (11. ®ej.), ju bem 
9loff »en Jpeibeiberg na<$ ©onn gefahren »ar. Zreitfcgte batte nur einen poetiftgen 
gefigrufi fegitfen (innen, ber bei bem Jfommeri in fRoIanbied att erftei 2ieb ge» 
fungen würbe. 


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Dejttnb« 1862. 


151 


SBrief entrollte. 3<ß ^atte in jener ©tunbe nur ba* eine ©efüßl be* 
freien Aufatßmen*, baß icß ben ©taub be* traurigen dtefle* mir von 
ben Füßen fcßütteln tonnte — bat mar mein einziger ©ebanfe, wie 
wenn man au* einem trüben Xraum erwacht unb nun feine anbere 
Smpftnbung fyat al* bie: „9lun muß fieß Alle*, Ade* wenben!" 
Ade* Anbere war mir gan) biy> — worauf ich mein Diäten unb 
brachten lenten fodte, war mir gan) unflar — ba tarn Dein 93rief 
wie ein leucßtenber dBegweifer mit feinem frohen Sugenbmutß unb 
feiner ungetrübten Sufi am {eben — ba* machte mich fo glucf» 
(ich/ benn wie icß Suer ©lücf gepreßten Jperjen* nacßfühlte, ba fab 
icß, baß mir ber ©inn für bie reine greube noch ebenfo frifcb im 
Stufen wobnt wie fonfl unb nur au* fOtangel an Nahrung in ben 
#intergrunb getreten war. ©ieb/ unb baß mir ba ber fefte SBitle 
erwaeßte/ lebenbiger benn je, nicht in mir adein, nein, auch in 
Anberen nach meinen Prüften ben ©inn für ba* ©roße unb ©eßbne 
ju erhalten unb }u beleben — ba* batte ich &»r )u banfen, mein 
SBeteli. Saufenb taufenb Dant bafür. <5* war fo lieb unb brao von 
Dir, baß Du fogleicß gefühlt ßafl, wie gtücttieß mich nueß nur ein 
SBrofamen von Surer überfreubigen, überglüctlicßen Safelrunbe maeßen 
würbe. 3cß benfe aber, baß ba* ©eftänbniß, wie Dein SBrief mir bas 
mal* ben frohen fftutß neu belebte. Dir ber befle Dant, ber liebfte 
Sohn für Deine greunbfcßaft fein wirb. Du wirft vielleicht meinen 
Dant abtebnen wollen unb fagen, e* fei ja bloß eine Äleinigfeit — 
ja woßt, wie ber »tropfen, ber ein gefüllte* ©efdß jum Ueberlaufen 
bringt eine Äleinigfeit ift. 3n folcßen Dingen ßünge icß noeß am 
Aberglauben unb halte e* nießt für einen £ufad, baß Dein ©cßreiben 
gerabe in ber ©tunbe tarn wo icß et am 9i(tßigften brauchte; e* giebt 
eine ÜWacßt, bie jteß freut, wenn jwei junge Jjerjen fttß in offener 
Freunbfcßaft entgegenfeßlagen. — @o bin icß benn in ben legten Sagen 
feßr glüefließ, aber aueß feßr faul gewefen — £<rftreuungen aller Art 
feffelten mieß, unb ein glüetlicße* Familienleben ßat aueß feine Sfteije. 
®on bem projettirten ©ebießte werbe icß ßier woßl nur ben erften 
©efang vodenben, icß habe aber bie moratifeße Ueberjeugung, baß icß 
aueß naeß ber SRüetteßr naeß Seipjig noch frifeßen SDlutß genug haben 
werbe, bie ganje ©aeße ju Snbe ju bringen. Daju aber unb jur 
ftrengen Durcßficßt unb Abfcßrift meiner anbren ©ebießte braueße icß 
£eit, unb icß befreunbe mieß feßon mit bem ©ebanfen, ob e* nießt 
bei meinen 18 3aßren ganj unfcßdblicß wäre, bie AJiffenfcßaft einmal 


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152 


Dqrmbtr 1862. 


für ein ©ierteljabr an ben ©agel ju bdngen unb mich allein auf ta* 
)u werfen/ wab ich nicht laffen fann; ju ßffcrn wdte eb bann für 
bie Treibarbeit immer noch 3«* 8«nug. — 2Bab meinfl Du baju? — 

Sigen ifl eb übrigenb, in wab für gang neue 3beenFreife man bei 
fo verdnbertem Seben gerdth, unter ©erbdltniffen, von benen Du armer 
jlleinfldbter Dir SJlichtb trdumen Idft. 3(h erbalte tdglich neue 21ns 
fchauungen, wenn bab fo fortgebt/ fchreibe ich einmal in 8 ober 
10 3a$ren einen CnFetFaflen en grob/ einen fatprifcfcfocialen Vornan 
in 12 ©dnben grof quarto. 2luch Drebben lerne ich erfl jefct ndber 
Fennen, b. b- feine ©cbattenfeiten, benn feit i<b auf ber Univerfttdt 
bin, bin i(b nur im Sommer hier gewefen, alfo ju ben ©tunben, wo 
©emeinbeit aller Slrt ju wirFen beginnt, ni(bt in ber ©tobt ober ju 
Jjaub (in ber ©orfiabt) im ©arten. 3cb lerne ba allerbanb babei unb 
febe immer mehr ein, wie wahr bab 2Bort ifi, baf benen, bie an ©ott 
glauben, alle Dinge )um SefFen bienen. 2Benn icb, alb dcbter ©obn 
beb 19. Sabrbunbertb, unter ben „an ©ott ©laubenben* bie ©fenfchen 
verflebe, bie an ihren b»b<n ©eruf eineb ewigen ©trebenb unb ©ich* 
bilbenb glauben, fo ifF bab gewif ein wabteb 8Bort: 3<b bin nicht 
glücFlich gewefen in £eipgig, habe aber bab Seben von einer anberen 
©eite gefeben unb beflo mehr empfunben, wie fcf)6n unb gut unfer 
{eben in ©onn war. — Do<b .ich fürchte, mein ©eteli, Du wirf! in 
fotchen SReflejrionen mich ebenfo wenig wiebererFennen, wie in einem 
jungen ©tarnt im Jjut, mit ©atermbrbem, (acFirten ©tiefein unb feiner 
fcpwarjer SafbmirFleibung, mit (bib auf ein befcheibeneb ©chnurrbdrtcben) 
glattrajtrtem (!!) ©eficht Deinen alten änoden mit ©ierjipfel unb 
SerevibFappe. @ar fo fchlimm ift eb inbefj mit ber Umwanblung nicht; 
benn midionenmat mehr, alb bab, wob ich hier „lernen* Fann, feffelt 
mich ber ©KcF auf bie herrlichen ©erge, ben ©trom mit feinen hoch 2 
gewblbten ©rüden unb bie wogenbe ©tabt mit ihren Toldfhn unb 
Kirchen. — Sinen ©ruf von ihnen in Suer immergrüneb herrliche« 
©chwarjwalbthal, einen ©ruf an Such 2lde, 3br Sieben, von 

Deinem 

Heinrich X 

©or DfFem erhdltfl Du ficher noch ©ebichte von mir, Du wirf 
hoffentlich meine gortfchritte anerfennen. 


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3<utuar 1853. 


153 


74] 9fa ben Stotcr* 

feipjig, 21/1 53. 

SWefn Heber SÖater! 

-Daß ich oon hier auch fonfl Slicbt* ber Siebe werthe* 

fchreiben fann ifl wohl Har — nur Eine* etwa/ baß mir für über« 
morgen ein ©ewanbhauöbad broht/ wo benn für ein ^aar ©chube noch 
Sdatb werben muß — ich febe fchon, wie meinem ©tiefelfuch* babei 
ba* ganje ©eficht bubt/ benn ba icb fte fonfl nicht gebrauchen fann 
werben fte ihm früher ober fpdtet hoch noch in bie raubgierigen $änbe 
faden. — Huf ber Unioerfttdt hier ifl neulich eine SJerorbnung er* 
fchienen, bie eine fhengere Eontrode beö Eodegienbefuch* anorbnet; 
fte bleibt aber eine reine Xächetlichfeit/ fo lange man ficb oon bem 
$>rofef?or nicht felbß teßiren/ fonbern bieß burch ben gamuluö beforgen 
(ißt; ba* ifl auch noch f» ’n< alte Einrichtung au* bem 14. Sabr» 
hunbert/ bie auf aden anbren beutfchen Unioerfitäten fchon Idngfl ab« 
gefchafft iß. — 

93on bem 3Racau(at> benfe ich £>e mit bem ndchßen SBriefe ben 
erßen SBanb jufchicfen ju f&nnen. E* ifl ein herrliche* ®uch — eine 
großartige Huffaffung ber ©eßhichte — eine frdftige freie ©eftnnung 
unb ein wunberbater ©ebanfenreichthum. 5Ran fhnnte flunbenlang 
Aber ein hingeworf'ne* 2Bort’ SDtacaulap* nachbenfen. — 

Hu* #eibelberg habe ich einen fehr freunblichen SBrief mit einer 
bringenben Einlabung/ SBereli ju ößern ju gteibutg im SBrei*gau ju 
befuchen, erhalten (ba* ifl ja leiber! wohl fo gut wie unmhglich)/ ju« 
gleich aber mit ber Slachricht, baß mein greunb IBumteißer nun wirf« 
(ich au* ©chle*wig au*gewiefen worben; bie SBehürben ßnb ganj 
erßaunt gewefen über bie grechheit/ al* er ßch ihnen al* ßhle*wig« 
holffeinfcher ^Premierleutnant oorgeßedt hat. — ©o geht eS benen, bie 
mit ben beutfchen 5Bunbe*truppen jufammen für eine ©ache ge« 
fochten! — E* iß ju fchrecflich! — 

Doch genug für heute — ba* Schreiben wid mir heute gar nicht 
oon ber J^anb ... 

Daufenb/ taufenb ©rüße an Hde oon 

Deinem treuen ©ohn 

Heinrich 


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154 


$ebruar 1853, 


76] Kn ben fttater« 

Seipjig, 7/2 53. 

SWetn lieber Später! 

Den bttjl«bß en ©<mf f“ r ©einen freunblicben ®rief — er bringt 
mir ja bie frobeßen 9ladf>ric^ten. Sluch baß Du mein opus 1 nicht 
gebraucht baß, mar mir febr ermünßht ... Die ^erfonen fenne icb 
nicht/ unb SBegeißerung für ben abßraften ©ebanfen einer filbernen 
Jjochjeit roirb mobl 9liemanb non einem ©tubenten »erlangen: — 
mir menigßenS iß ber ©ebanfe an gamilienglücf »orberbanb noch 
unjertrennlich oon ber ©orßeßung fchmußiger ßachsbaartger ?>eppo’S, 
oon SBinbeln unb maS mit alt ber Jjerrlichfeit jufammenbängk — 
Um aber meinen ©chmeßem fogtetdf) jebe ßttlich« ßntrüßung über bie 
brutale Denfungöart ihres 93ruberS abjufchneiben, beeile ich mich, 
binjujufügen, baß ich mich troßbem auf ben bießgen Ställen (©eroanb; 

bauS«, ^JrofefforenbdUe u. anbre) febr mobl befunben-9loch 

trauriger freilich iß rt, baf ich/ Jur ©teuer ber Wahrheit/ ben 9tubm 
ber ©ch&nbeit ber geiziger Damen entfehieben/ aber ganj entfliehen, 
£ügen ßrafen muß. Dieß binbert freilich nicht, baß ich geßem Stbenbs 
bie ©efanntfehaft eine« reijenben unb febr liebenSmurbigen «DläbchenS 
machte — ihren Flamen ftberloffe ich natürlich ber «rßnbungS reichen 
SReugierbe meiner ©chmeßem. — Um alfo bie ©umme brt ©anjen 
ju jieben, gefüllt eS mir auf ben Ställen hier recht gut, »orauSgefeßt, 
baß ich tan je; baS ^außren in ©efeUfchaft ber buftenben Sabens 
fchmengel unb ber fnotigen ©tubio’ö unb unter ben infpicirenben Stugen 
brt alten Jrege 2 , &«t mit großer ©emiffenbaftigfeit nachßebt, ob man 
auch Schube nach ber neueßen 9)lobe ber jmanjiger Sabre anbat — 
iß freilich unerträglich. — ©o hätte ich benn bem SBunßh« meiner 
©chmeßem burch ein grünblicheS SReferot über bie bießgen Ställe beßenS 
entfprochen unb fann nun über anbere Dinge reben. Das fonßige 
{eben hier iß langmeilig unb einförmig mie immer: einen ber foge; 
nannten SBolfSmaSfenbäUe hob ich mitgemacht unb, inbem ich ihn mit 
bem rheinischen Karneval verglich/ recht beutlich ben Unterfchieb jmifchen 
orbinärer SRobbeit unb einem mabren VolfSfeße eingefeben. — ©roße 

1 €in vom Söater bei ihm für eine ftlbeme $och|eit beßeOtel ®ebuht, „einige 
Säuberungen * la Kmaranth* unb „3Bal fi<b ber 9Ba(b erj&blt* enthaltenb „jm 
frbeirerung unb ^Belehrung etwaiger amvefenber föhnen Seelen*, wie ber junge 
$)föter ffö felber fririfierenb fagt. 2 Sh*f eine! groben SBanfbaufel, itammmöt, 
verheiratet mit ber S<b»*fte ber 3Kutter Jpanl von 83üfon>l, ber all Seipjiger Stubent 
anberthalb Jahre im gregeföen £aufe lebte« S3gL feine ©riefe ©b«l, S. 91 f« 103 ff« 


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ffebruar 1863. 


155 


freute mosten mir bie Vefuche j weier alter Verbinbung«brüber, bic 
nach glücflicb beftanbnem Sjramen je$t nach bem ©üben geb’n. — 
Sin magrer Xroft ifl mir eine gt&fjere poJtifche Arbeit, bie ich (wie 
rt fcheint, ganj gegen Deine Vermutbung) je|t vornehme — mit bem 
$(ane bin ich lange umgegangen/ aber erfl in ben ffieibnachtöferien 
habe ich mich bafür entfebieben; je$t fi| ich ffeifjig baran unb benfe 
bi« ju JDflern mit bem Sonjepte fertig ju fein; über ben ©egenflanb 
berfelben erlaube mir aber, mi<b oorberbanb noch in unburchbringliche« 
©chweigen ju büßten; icb benfe, wer 93iel im Vorau« von einem 
$(ane fpricht, bringt nicht« Siechte« ju ©tanbe. Unter meinen anberen 
©ebichten nehme icb je$* mal grünblicbe ©iebtung, mit Slbfchrift «er« 
bunben, oor, unb »erbe fie Dir natürlich ju ©flern »orlegen. — 

SHm 8. früh-9lun noch Sin«. 2Benn 3b* einmal einen un* 

befejjten 3lbenb habt, fo leff boeb jo bie fürjlicb erfcbienen[en] „Denrient* 
9lo»ellen* »on Heinrich ©mibt* — ba« 95ucb ifl gut getrieben unb 
befonber« bureb bie fyrtlity ©eftalt be« Jjelben aufjerorbentlicb an« 
jiebenb. — Die 93efcbreibung, »ie ba« ©enie gubwig Denrient« jum 
erflen SRale jum Durchbruche fommt, muß in jebem jungen SDtenfcben 
ein ganje« SJteer froher ©ebanfen aufweefen. — 

Sin anbere«, freilich m ganj anberer 9lrt intereffante«, unb »iel 
bebeutenbere« 33ucb habe ich jefct gelefen, bie „Sinleitung" 5 non ©er« 
oinu«. 3cb flimme jwar burebou« nicht mit 2l(lem, »a« er fagt 
überein; anregenb unb geiffreicb ifl bie ©ebrift aber im bocbflen ©rabe. 
®ie man in biefer troefen wiffenfcbaftlicben Darfletlung etwa« ©e« 
fdbrlicbe« feben fann, ifl mir unbegreiflich. — golgericbtig müfjte 
man bann fämmtlicbe 2Berfe non Sichte unb Jpegel confi«eiren. — 
Der afabemifche ©enat b«t ber ©tubentenfebaft ju oerfleben ge* 
geben, bem neuen Äultuöminifler 5 eine ©lücfwunfcbabreffe ju fehiefen. 
^öffentlich aber wirb biefer unbegreifliche Vorfcblag an bem gefunben 
©inne ber ©tubentenfehaft fcheitern; jeber Vernünftige müßte biefj 
für ein vorlaute« unb unbefebeibene« Sinbringen in Verbültniffe, bie 
un« junge geute gar nicht« angeben, anfeben. ©olfte wirtlich jnr 

i ©gl. ffontane, ©on gtoanjig bis Dreifig. 6. Ä. ©. 264ff. 2 in bie @e* 
febiebte be* neunjebnten 3abrbunbertt, 1863. ©ie würbe »on bet babifeben ©taati; 
anmaltfcbaft mit ©efcblag belegt, unb @. vom Jpofgericbt in ©tannbeim „ber ®r= 
fibrbung ber Iffentlicbcn 0?uf)t unb Crbnung bureb bie treffe* fcbulbig befunben 
(24. ffebr.). ®a* Oberbofgericbt hob biefet Crtcnntni* auf; man unterlief eine 
»eitere gerichtliche Verfolgung, boeb mürbe ber ©erfaffer au* ber gifte ber Reibet 
berger tyofeffoten gegrüben. * von ffalfrnffein. 


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156 


W&rj 1863. 


©eratbung barüber eine ©tubentenoerfammlung berufen »erben, fo 
würbe itb entfliehen bagegen fpretben ... 

Das wäre 8llleS, was itb für fymtt ju ftbreiben weif. 3Äit ben 
berjlitbflen ©rufen unb bem beften DanF für ©rief unb ©enbung 

Dein treuer ©obn 

Jpeinrüb 


76] Vn btn S8«t«. 

2eij)jig, 3/3 53. 

9Wein lieber QSater! 

... Du wirf! Dieb fielet wunbern, baf i<b fo früh ftbon ft^reibe; 
unb, offen geftanben, es bot au<b einen befonberen ©runb. Du weift 
boeb, baf icb ftbon t>erftbiebene ©nlabungen natb ©erlin erbalten, aber 
immer wollte itb mit Dir barüber notb feine SRütffpratbe nehmen, 
weif itb ni<bt wufte, ob itb J« 5er Sjtcurfton hoben würbe. 3eft 
aber iff wieber eine bringenbe Sinlabung eingetaufen, unb ich febe, 
baf 2llleS febr gut geben würbe. Denn unfere ßollegia werben 
nitbffen Donnerstag gefc^toffen, meine greunbe bleiben aber notb bis 
jum 15. SKj in ©erlin, itb fünnte alfo »obl 5—6 läge mit ihnen 
jufammen fein, ©ebenfff Du nun, baf itb bort nitbt nur 12 alte 
granronen finbe, fonbem autb unfere Sommern pp. auf ber SHütfreife 
aus ©onn bort burtbfommen »erben, fo wirf Du meinen 2Bunftb 
je§t binjugeben febr begreiflitb finben. 3luf eine angenehmere unb 
billigere SfBeife würbe itb fpüter »obl foum ©elegenbeit finben bie 
©tabt ju feben, in ber itb fo ©iel lernen fann unb bie itb botb eins 
mal feben muf. 3<b höbe notb nie eine wirflitb grofe ©tabt ges 
feben, unb eS füllte mir febr leib tbun, wenn itb biefe erwünftbte 
©elegenbeit oorbeigebn taffen müfte. — Die ©atbe, auf bie meine 
ganje 9uSeinanberfe$ung im ©runbe abjielt, ift aber natürütb ber 
©elbpunft. ©ieb, guter ©ater, itb höbe bief ©emeffer nie um $u* 
ftbuf gebeten unb bin orbentlitb auSgefommen, obgleitb baS nitbt fo 
leitbt mar, als itb geglaubt hotte, ©ollte es ba fo unbeftbeiben fein, 
wenn i<b Ditb jeft um einen £uftbuf bitte? Do itb &ei ©eaf wohnen 
würbe, fo würbe eS mi<b fitber nitbt über 15 r! foffen, unb wenn 
Du mir ber ©itberbeit bolber 20 ftbitftcf, fo würbeff Du mitb glütf* 
litb matben, unb itb würbe ^öffentlich notb genug baoon jurütfbrtngen 
um bie gerien über in DreSben leben ju Finnen. — Voilk tout — 


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mn 1863 . 


157 


@0 wäre benn bad große 2Bort vom Jjerjen herunter — unb icfj (amt 
nur auf Seine gütige ßntfcheibung warten/ bitte Sich aber/ ße wo« 
m&glich nic^t langer ald acht Stage heraudjufchieben. — 

. ©onß ^abe ich für heute 9tich« mitjutheilen; bie ^c»t meiner 
ttbwefenheit iß ja erß fo (urj, unb überbieß finb mir jegt bie Sföuße* 
fhtnben fegr (nopp )ugemeffen, benn oor Gnbe bed ©tmeßerd müffen 
alte projectirten Arbeiten abgetßan fein. — Natürlich bie beßen ©rüße, 
befanberd oon jDbßltnt SReigenßein, ben ich neulich einmal gan) allein 
Slbenbd traf; er war außerorbentlich freunbtich/ unb wir fpracßen 
mehrere ©tunben lang über emße Singe/ befanberd ?)oliti(, unb 
auch barin oertrugen wir und recht gut; et war für mich ein fehr 
intereffanter 21benb, an bem ich f*b r w«l 9teued lernte. — äufgefallen 
iß mir übrigend: bie SBerfühnlichfeit fcßeint jegt in ber ?uft )u liegen; 
bie neueßen Slagedereigniffe, bie ^oßeinigung, bie SDtailänber unb 
SBiener Sorfäfle 1 , ber ©eroinudßhe 9>roceß pp. müßen bei aßen Leuten, 
bie nicht gerabc)U ganatifer ßnb, gleiche ©efügle heroowtfen. — 3ch 
habe ben £eitungd(ampf noch nie ßarmlofer gefehn ald jegt . . . 
hoffentlich feib 3h» 2ßle fo wohl wie ich. — 

SDtit herjlichen ©rußen unb in banger Erwartung ber Singe/ bie 
ba (ommen faßen, bleibe ich »te immer 

Sein treuer ©oßn 

Heinrich 


77] «n SBithflm %>ff. 


(eipjig, 8/3 53. 



3cß ßebe ganj befchämt oor Sir, mein lieber guter SBereli. Sben 
habe ich Seinen prächtigen nun fchon ooße 2 Monate alten 93rief 
wiebergetefen unb frage mich, wan nur auf folche frifche, hrrjliche 
SBorte fo lange mit ber Antwort jögern (ann? — Ser ©runb iß 
einfach mein alter gehler, baß ich falbß meinen beßen greunben gegen* 


i Km 19. % tbr. mar brr $anbtttoertrag brt goDorrrint mit Öfirrrticb gefcbloffrn, 
unb in gan) naher gemiffrr 9fu6ft<bt flanb bir €rnturrung brt gcDorrrin* mit 
Jpin}utTirt jgannovrrt unb Oibrnburgl. 3“ Wailanb mar am 6. gebt, rin von 
SWajjini angejKftetrr 3iuff)anbC»rrfu<h, in üBim am 18. von rintm ungarifegen 
GchnribrrgrfrOrn rin Kttmtat auf bm Jtaifrr gemacht motbrn. 


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158 


mxi 1853. 


übet »on ben Singen/ bie mit baß #erz am Üiefffen bewegen/ erfl 
bann reben fann, wenn ich ffe roirflich außgefübrt höbe; eß iff baß 
ein franfbofter (Ehrgeiz, ber bie Sefcbämung fürchtet/ bie unfehlbar 
erfolgen mügte, wenn ber fo viel befprocbene Sion nun enblicb bocb 
nicht )ur Slußfübrung fommen fonnte. So gebt eß mir auch bieg* 
mal. Du fpricbff in Seinem Schreiben fo Siel »on meinen poütifcben 
SJefchiftigungen, baff ich notbwenbig in ber Antwort mich beß Srei* 
teren über meine Släne hätte außlaffen muffen; aber baju tonnte ich 
mich nicht überwinben. ffiäbwnbbem habe ich ln bem »ersoffenen 
Sierteljabre Siel getban um ihrer älußfübrung ndber ju tommen. 
3ch habe erflenß meine ©ebichte einer genauen Sichtung unterworfen 
unb gefammelt; in ber Anlage fchicte ich ft* Sir unb bitte Sich mir 

ernfl unb ftreng Seine Meinung barüber ju fagen-3cb b«tte 

bißber in aller Unfchulb meine ©ebanten bingefchrieben unb geglaubt/ 
bie gorm finbe fich »on felbfl. — Saß iff allerbingß waß bie ©abl 
beß Setßmaageß betrifft gewiff richtig; benn bie# iff mir wenigflenß 
ffetß mit bem ©egenffanbe beß ©ebichtß zugleich getommen, iff mir 
ba»on unzertrennlich gewefen unb muffte alfo für bie 2(rt, wie ich 
ben ©egenffanb beß ©ebichtß auffagte, auch baß allein richtige fein, 
©aß aber ben Steint/ bie @troph«njabl pp. betrifft/ fo hotte ich baß 
biß babin alß reine Sleugerlicbfeit meiner Seachtung ganj unwertb 
gehalten. Unb erfl burcb jenen Sonner Srief 1 warb ich bewogen, 
mir bie Sache )u #erjen ju nehmen. 3ch nahm baß Stanufcript 
noch einmal »or unb höbe gerabeju lachen müffen über bie Satoitit, 
mit ber ich oft wie mit 3fbficht einen fchlechten Steim gewühlt hotte, 
wäbrenb ein guter »iel nüber gelegen hätte. Sa höbe ich benn eine 
fürchterliche CEorrectur eintreten laffen, 4 ©ochen lang mit grofjer 
Smpgfeit gefeilt unb fcanbirt unb eß enblicb babin gebracht. Sag Su 
jegt in bem ganzen Stanufcripte böchffenß 20 unreine Steime (unb 
auch biefe nicht »on arger SUrt) unb nur ein einzigeß Stal eine bolbe 
Strophe finben wirft. — 5ß iff baß nicht gerabe eine angenehme 
Arbeit, aber alß ich ff« beenbet, fühlte ich, baff mir nun bie ganze 
Sache »iel flarer geworben, baff ich baß, waß ich gefcbrieben, jegt »iel 
reiner fühle alß »orber; ich f«b« «in, baff bie Seherrfchung ber gorm 
mit bem Serffänbnig beß ©egenffanbß #anb in $anb geht — ©o 
Su übrigenß einen groben gormfehter finben follteff, mache unnacb* 

1 in btm jnxi ©tiibienfttunb«, n»(<b« ®«bi<bte von ihm bur<$gtf«i>Mt, ihn gnvarnt 
hotten, „et follt bo<b fänftig auf bi« Jorm aufmerffnmer fein". 


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SRÄrj 1863. 


159 


ßchtlich ein gragejeichen an ben 9tanb. 3m Uebtigen bitte ich nur 
um Dein aßgemeine# Urtheil; Deine# befonbern Seifaß# werben ßch 
hoffentlich erfreuen: im 1. S<h: „Unfer £roß", im 2.: Der Schacht/ 
2Beibe#größe, „Serjihrt*/ im 3««: (Solch ein £ob!, SBahrer ©taube, 
Die Schöpfung — bie Du aße noch nicht fennß. lieber einige h«he 
ich Stoße Sebenten, bie ich *uf bem beifolgen ben Zettel bemerft 
höbe. — 3nt Allgemeinen fühle ich iwar wohl/ wie ffienig oon bem, 
wa# ich f«8 en woßte, gefagt worben iß, ich Kn aber hoch leiblich ju* 
frieben, wenigßen# mit bem 2c«« Suche, in bem Du befonber# an 
ben ©itano# erfennen wirft, baß ich ntich feiner mit befonberer Siebe 
angenommen. — Sun hohe ich «her noch ein große# Sebenten, unb 
fo feßwer e# mir wirb, wiß ich e# hoch meinem Sereli nicht »orent* 
halten. — 2Benn ba# SWanufcript je in Druct erfcheinen foß, fo muß 
e# halb gefchehen, benn ber ganje ffierth be# 1. Such# (ber Sater* 
lanb#(ieber) liegt barin, baß fie halb wirten foßen, halb bie X^tiU 
nähme be# ^ublifum# auf unfere traurigen beutfehen £ußünbe, auf 
unfere Schwache nach Außen ju richten — ein ^)unft, ber fo ziemlich 
au# bem ©cbächtnißc unfre# Solle# oerfchwunben ju fein fcheint; 
benn über unferer SRübenjucferfabrifation unb anberen geißethebenben 
Sefchüftigungen unb über unferer h«tmlofen greube, baß ber „(Sraoaß* 
ju Snbe iß . . . hohen wir fo jiemlich »ergeffen, baß ber beutfehe 
Same aßüberaß jum Spott geworben unb baß bie Schte#wig*JJ>ol* 
ßeinfepe ©efchichte nicht um ein Jfraar beffer iß, al# weilanb bie 3n* 
Corporation Straßburg#, alfo Deutßhlanb# fchmachooßße £eit. — 
ffioßte ich fchon jeßt mit meinen ©ebichten h«oortreten, fo wire ich 
(unb wüte bie Aufnahme im ^ublifum noch fo günßig) augenbtictlich 
au# aßen Scrwanbtfchaft#banben h««u#geßoßen; faß aße meine 
gamitienoerhdltnißc wüten geßört, Siemanb rn&chte ßch mehr mit 
bem ,3BühIct* abgeben. Du wirß jwar fragen, wie ba# möglich fei, 
ba boch meine ©ebichte.- nicht# weniger al# politifch ßnb? Sun, wie 
weit hie* ju Sanbe ber ganati#mu# geht, wie giftig man Aße# an* 
feinbet, wa# nicht mit ber fubmißeßen Sopalitdt burch Dicf unb Dünn 
geht, wirß Du au# folgenbem ©efchichtchen fehen: Du weißt, baß 
unfer alter Surr 1 jefjt ein Untertommen fucht. Siner meiner Dnfel 

1 3Babrf<h«n(i<b (Jtnfi ©unnriftrt (»gl. 6.163), stad, theol. au* 2 Banb* 6 «t, 0 * 6 . 
1827. Sbrcnmitglitb b« Jranfonia, 2B. ©. 1861/62 ib* ©p**<b«• $#* fei*»« 
©urf< 6 «nf<baft fpdttt )«itn>*i(ig faft »trf< 6 oö*n, jtatb «t al* pa« 6 im*r fajto* emerit. 
1906 in M6«t. 


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160 


9R&rj 1863. 


nun fuctyt je|t einen #au»lehrer; ich empfahl ihm Surr auf» SBirmfle, 
unb wir würben honbeteeinig. Da erwähnte ich enblich, baf S. t>oU 
ffeinifc^er öffijier gewefen, unb au coup erflirte man, man wolle 
mit folgen Sühlern nicht« ju t$un hoben. — 9Ber nun (Einen, ber 
für Jpolflein al» JJwlfleiner gefönten, nicht einmal jum .$au»lehrer 
haben will, wirb ber wohl einen Senfehen al» feinen Steffen aner* 
fennen, ber unberufen für Jßolflein fc^reibt? — Stach folgen Sor« 
gingen fleht ba» gaetum wohl fefl, baf ich bu«h #erau«gabe meiner 
©ebiefte mit meiner ganjen Serwanbtfchaft brechen müfte. — 8lber 
auch bief (unb e» ifl fcfjwerer, al» e» fc^eint) würbe ich gern er« 
tragen, wenn ich »üfte, baf meine ©ebiehte eö werth wiren. ©inb 
fie e» nicht, fo erfcheint ba» gonje Unternehmen ate unbefcheibene» 
Vorbringen einte unberufenen jungen Senfehen. — Um fo bringen« 
ber alfo bitte ich Sich, fo flreng ate möglich ju urteilen. greilieh 
fehlen leiber bem erfien Suche noch feine beflen -Jiteben, «in ^aar 
©efinge au» ber £eit ber alten beutfefen ©tibtemacht, nach $lrt ber 
Ditmarfchen. — S» finb bief Sroefen, bie nebenbei »on ber „rhei« 
nifchen #anfa* abgefallen. Ueber biefen fehr oerinberten, aber ju */, 
fchon auögeführten ^)lan im ndchflen Sriefe. — ©o, lieber Sereli, 
hatte ich benn mein poltifche» ©ewiffen reblich erleichtert. Sie Du 
fiehf, reihen ftch an biefen ©egenflanb für mich j«ft fehr emfle ®e« 
banten, bie eigentlich «inem 18.jihrigen ©tubenten ganj fern flehen 
follten. Um fo bringenber bebarf ich baher ben Seiflanb »on Leuten, 
bie mich li«b hoben, unb um fo mehr bitte ich Sich, Sich ber »ieU 
leicht höchfl lifligen Sühe bte Durchlefen» ju unterjiehen unb mir 
ohne ftüctyalt Deine Meinung ju fagen . . . 

©chon hi<tou6 wirfl Du fehen, baf ich Seiner freunbtichen Sin« 
labung leiber nicht entfprechen fann. Seine ginanjen finb hier nichte 
weniger ate blühenb; weift Du wohl, wa» te h«i§«n will, alter 
3unge: »on 180 rl ©emeflerwechfel 80 r( nach Sonn fehlen unb 
boch ein unoerfchimte» Selb für weife JJanbfehuh, ©lanjfüefeln pp. 
wegwerfen müffen! Unb in jefiger 3ahre»jeit meinen Sitten um Ju« 
fchuf ju einer Steife in ben ©chwarjwalb bitten — unerhört! 3ch 
erfülle bafür mein fchon (ingfl gegebene» Serfprechen unb gehe über« 

morgen auf 6 Dage nach Serlin-Stun b«*}li<hff«n ©ruf, 

lieber Sereli, Dein lieber Srief wdre wohl eine beffere Antwort werth — 
aber £«it unb ©timmung unfere Dprannen! ... au» Serlin höbe ich 
Sriefe »on Krempel unb Seaf; ich »erftebere Dir: ber Sunb blieb mir 


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«pril 1863. 


161 


offen fhgtn; foltg’ eine Äeilem: Die jfetle fegten Jjimmet unb Jj&lle 
in Bewegung um micg noeg »etlin ju bringen/ unb »eaf fcgnitt auf/ 
baf icg nocg geute nitgt begreifen fann, wo ber gute »engel bie Uns 
oerfcgdmtgeit ju fotcgen £ügen gergenommen gat 1 : 2Ccg! 8B»e i(g mieg 
auf bie prdegtigen £eute freue! — 2lu$ »onn famen neulieg 5 »riefe 
unb 7^£itgogr. auf einmal ... Den ndegften »rief naeg DreOben! — 

Smmer Dein 

Jgeinricg Z 


78] ttn WUbehn ©off. 

©reiben, 9/4 53. 



©af mir lange $tit nie t)t eine fo grofe greube, jugleicb aber eine 
folc^e ©efc^dmung geworben ifl, wie bie, all icb ©einen lieben ©rief, 
bie ©eloftnung meinet monatelangen Schweigen*, erhielt — ba* oer« 
ftebt ficb wobl fo von felbft, mein lieber ©ereli, baf e* unnfifc wire 
ein ffiort bar&ber ju oerlieren. @1 giebt ja fein ermutbigenbere* Se» 
muftfein, all bie Ueberjeugung, baf unfere ©ebanfen in einem anberen 
J&crjen Sffiiberball finben unb oerftonben werben. 3cb war erflaunt 
baruber, wie ©u mir in bem Urtbeil über ©njelbeiten ba* 2Bort au* 
bem Wunbe genommen, wie ©u immer ba Äenberungen verlangt, 

i Unter ben freunbelbriefen aut Jenen Jahren, bie 5©rettfdbfe fi<b aufbewabrt b<n, 
ftnb au<b biefe beiben im ©a<b(af; ju finben. ©er erfte, von „Arempet 4 ' (J^erm. 
fffirebe, fpAter JHeebttanwalt in 6<blame, €bwtmitg(ieb ber Jranfonia) ,brm beut: 
fefcen Wanne Anoden 4 ' gefenbet, jd^lt verloctenb ©etlint ®<bbnbciten auf, fo 
„Jjjennigt Wintergarten, wo mir uni aut f(afftf<*er Wuftf eine muftfa(if<be ©es 
geißerung unb frifebe ©eiffctregfamfeit für 2 Vs @gr. b*>(en*. Übrigen! vertraut 
ber ©<breiber, baf fein »berjßeber Anoden 4 ' bur<b ben jweiten ©rief fi<b vodenb! 
»erbe Oberreben (affen, ©effen Kbfenber *©eaf* iß Olcar €lbe, fpäter öüttergutts 
beft$er auf €ami* bei Stynar in Jpintetpommem, ber £reitf<bfe von Jßerjen j» 
getan war, ibm au<b gern mit ©arfeben aut ber eigenen, leister fi<b wiebet füdens 
ben ©brfe autbalf. 2B&b rfn & Arempel in feinem ©rief von biefem gemeinfamen 
grennbe behauptet, baf „wenn er bie Wobt }mif$en porter unb ©raunbier fyat, 
er na<$ alter ©ewobnbeit €b am P a 8 n *f toäblt*, verfitbert ©eaf von fi<b/ tr (ebe je*t 
*wte ein^ Airebenmaul nur um für bie 3eiten, wo ber Anoden ber tyreufenWeßbeni 
begTficfen fodte, unermefßcbe 6<bA*e aufjufpei<bem, um bemfelben bie unjdbligen 
©e$en*wftrbigfetten biefer $erle oder Aftniglfi&bte auf bal Wftrbigße vorju: 
führen** 

i- 11 


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162 


«pri! 1863. 


wo ich fettft ihre flothwenbigteit gefüllt pp. 3n Seinem Urthetl 
über ba« Sanje aber bift Su in Seinem freunblichen ©fer ju wett 
gegangen: gcrabe jegt, wo ich bie Sachen mehrere iSocpen nicht ge* 
fehen, fügte ich beutlich, wie viel noch fehlt» befonbet« ba« erfte Such 1 
muf oon Srunb au« geinbert werben, benn grabe in biefem Suche 
muf ba« epifche Element an bie ©teile bet SReflejrton treten. Sin 
Vierteljahr muf atfo minbejien« noch oergehen bi« ich hen entfcheibem 
ben Schritt wagen fann; auch fcgwanfe ich noch, °h e« nicht beffer 
wäre, einige Sachen etwa im'fcutfchen SRufeum ober fo wo ju 
pubticiren . . . Sewunbert hot mich/ haf Su mir €otta jum Ver* 
leger empfcehlji: — wie, benffl Su wohl, foßten ftch meine birbetfigen 
Vrobutte in Solbfchnitt auOnehmen neben aß biefen „Sugenbbtütgen", 
„fKlgerfihrtchen betf Sachen«*, „tätet ich ben Vöglein abgelaufcht* pp.? 
Sab ich gefcprieben, fcplügt ja ben neueren (Sotta’fcpen Vertag« werten 
gerabeju in« Seficpt... Stber ftoth macht gemein, unb Votg ifl ja 
hoch ber £uftanb jebe« jungen Schriftfteßer« oor bet 1. ^ubtifation. 
Stlfo werbe ich tnich wohl mit fchwerem bergen an Sotta’« betannte 
Siberalitdt wenben muffen; benn bie meiflen beutfcgen Vuchh&tbter 
hatten e« ja jegt unter ihrer SBürbe, ein SrftlingOmerf im poCtifcgen 
Sache auch nur butchgulefen; giebt e« jegt ja fetbfl pottifcge Scpneibers 
gefeiten. — Soch (af un« baoon fcpweigen; biefe ©efchicpten wiß 
ich oßein abmachen; Stnbere langweilen ftch bahei boch noch mehr a(« 
ich; unb wie man ben $egafu« fWegett unb wäfcgt, ba« barf ftiemanb 
fehen, ber ba« raufchenbe gtügelrof bewunbem foß. SRur fo Viel, 
baf ber Srucf binnen einem Vierteljahre beginnt, im gaße ich ha« 
ineommenfurable Schwein hoben foßte gleich bei bem erften Such* 
hdnbler angenommen ju werben. — 

Su fragft, warum ich ha« leichte frohe Sieb gar nicht fultioirt? — 
Sty, mein guter Vereti, ba« ift eine traurige ©efchichte. Vor meiner 
Unioerjitdttjeit hohe ich von folcget lauter greube wenig genoffen; 
ba« ®efüf>t meine« Seiben« hotte mich bamal« neben bem in folcpem 
Sitter gewöhnlichen 2Beltfchmerj fehr niebergebrücft; unb al« ich hann 
in Sonn be« Sehen« tacpenbe Seite foh, ftanb mir fein SReij fo 
blenbenb oor 2tugen, baf ich nicht jur Äuge ber pottifcgen Verarbeit 
tung tommen tonnte — wenn ba« Sieb unb bie @tdfer wechfelnb 
tlangen, tonnte ich on flicht« al« an bie fcgöne Segenwart ober 


1 Di« 1866 gtfonbctt b*tau6grgtb«n«n ©Wichte*. 


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«ptU 1863. 


163 


hbchften« baran benfen, tote halb fie fcgwinben würbe. — Unb bann? 
9tun, baf an ber Steife ein frohe« Web gefcgrieben werben fort, wirf! 
Du felbft für unbenfbar galten. — %<&), mein 3unge, wenn Du 
wüftefi, wie gränjenlo« leer unb niebttfagenb ti fegt in meinem 
jjerjen au«fieht, wie verächtlich ich mir felbft vortomme: ich fann 
wahrhaftig faum noch ein hcrjliche« SBort frechen; fold) ein Semefler 
ber tiefften gJtofa entnerot furchtbar; «tage vergehen/ ohne baf mein 
©efübl ein SBort fpricht; feiten nur thut eö ber Äopf, fonft immer 
nur ber SRunb: wa« fod man auch auf ©utfehmib« baftrifege Äbnig«* 
regiftcr unb bie gabaifen einiger geutnantt erwibem? — Da« iff b><* 
mein einjiger Umgang. — Ärempelfuch« fommt nicht unb ba ich 
meine ©ebanten ade fo ganj auf feine Slnfunft gerichtet hotte, fo 
fühle ich mich fegt fo entfeglich leer, baf ich mich nur burch bie geifb 
(ofeften Arbeiten (Statiflif ber £ehntab(6fungen pp.) aufrecht erhalten 
fann. Vielleicht ifl ba« auch «in SRücffcplag gegen meine in btäte* 
tifeper ^»inftcht aUerbing« unverantwortliche teben«weife .im (egten 
Quartal: bei 9tacgt wachen, bei Dag fchlafen, ewige Aufregung burch 
poftifege Arbeiten unb bann a(« Erholung ftatifüfcge unb ähnliche 
arbeiten, baju noch ewiger Berger wegen ^enur — ich »Mt wirtlich 
geifüg wie jerfchlagen am Enbe be« Semefler«; unb bie Steife nach 
SBerlin hat mit jwar einige überglücfliche Dage bereitet, (äfft mich aber 
fegt ben SDtangel von greunben, benen gegenüber ich fagen fann, wie 
e« mir um« JJ>erj ift, nur noch fchmerjlicher fühlen. — 9tun, ich b°ff< 
aber, meine fegige SRiffh'tnmung wirb vergehen, bie Erinnerung an 
Söerlin fod mir aber noch lange bleiben. E« war aber wirtlich ju 
herrlich bort ... 3cg wohnte bei Stempel, ben ich ba erft, wie fegon 
vorher annägemb au« Sriefen, in feiner ganzen Sieben«würbigfeit 
fennen (ernte, grüh jogen wir in bie SRufeen unb Sammlungen, 
9tachmittag« bewunberten wir ba« Dreiben unb SBogen auf ben 
Strafen, unb abenb« vereinigte un« nach bem Dgeater ber eble Vier« 
ftoff in berjäneipe ber Spreefrantonen. Da habe ich benn in 8 Dagen 
mehr gebacht unb gelebt, a(« im ganjen Semefter vorher. 3cg hatte 
ade« wo« mein #erj begehrte. Daf ich Dir von ber £erfiürung 
Serufalem« unb ben anbren ätaulbacgfcgen gre«ten fegreiben fod (nach 
meiner anficht ber Driumpg be« ©ebanten«, aber nicht ber ätunfi) 
ober von bem betenben Süngling im antifenfabinet, biefem SBerte, 
ba« mir juerft flar gemacht, wie bie gorm fo herrlich fein fann, bafj 
man fie gang vergift unb nur ben ©eift fleht — ober von bem (Romeo 

ll* 


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164 


gpril 1863. 


ber Sohonna SBagner ober ber Gräfin 2erjfp ber €relinger, ober von 
bem ©pmphonieconcert — bo6 wirft Su nicht verlangen/ folgen 
Singen gegenüber fühlt man fidj> mit feinem Gänfefiele fo recht in 
eine« 9lich« burchbohrenbem Gefühle. Sticht einmal (Sorreggio’O So 
tann ich Sir fchilbem, obgleich ich «ne volle ©tunbe bavor geflanben, 
biö eO mir ganj »irr im $opf warb unb ich nur noch ben einen 
Gehanten hotte: 

„$u ewig iff bie Swigfeit für meine fchwach« Shantafie — 

Sin einer warmen SBogebruft ein ÜBonneffünbchen iff genug." — 

Stur 6in0 tann ich ®i« fagen: ©obalb Su fannft fahre nach SerKn, 
befuche Seinen ^eter, lafj Sich blenben von biefem (Sentralpunfte beö 
beutfehen GeiftrilebenO (nämlich SerHn, nicht ^eter), bummle unter 
ben Sinben, futt’re bei b’^eureujr, beftaune baö Sranbenburger 5thor, 
beflatfche bie SBagner... fneipe auf ber SBilhelntOffrafje, tneipe Statur 
am €anale granbe ober auf bem Äreujberg — unb vor Slßem, fei 
fo gtücflich bort wie ich bei ben prächtigen Sungen ... ich höbe bort 
jum erflen Sföal feit Sängern wieber gemütblich gefneipt unb mich 
meinet Sebenö im fünften ©inne beO ÜBortO gefreut. — Soch fieh, 
ba bin ich über ©erlin wieber gan) warm geworben unb höbe ganj 
vergeffen Sir mitjutheilen, bafj bie rhein. $anfa nicht/ wie Su benfft, 
epifch behanbelt wirb. Saju eignet (ich «rftenO ber ©toff nicht/ benn 
bie großen 2hotfachen liegen ju weit auteinanber; ei würben alfo 
nur mehrere unjufammenbängenbe Silber; unb ferner tann ich mit 
in Seipjig bie ju einem Spoß gehörige Sugenblichteit nicht aufjroingen; 
fo höbe ich benn «inen gewaltigen ©toff auO ber rhein. Gefehlte 
bramatifch bearbeitet; ich muff aber jefct barüber fchweigen, benn ich 
habe ba$ Goncept vorberhanb ganj ad acta gelegt/ um ei in einem 
V* Sohr bei ruhigem Stute bureffjufeben; ber ©toff iff fo erbrücfenb 
groffartig, baf eö reineo ©chwein wäre/ wenn mir bie ©ache gelungen 
wäre. Slufferbem gehe ich noch mit hunbert anbren fdjänen Plänen 
um; nur vorberhanb bin ich obgefpannt. — Staufenb Sant an Sich... 

Sein 

Heinrich 2. 


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Wai 1863. 


165 


79] Sn 6m SBattr. 

Seipjig, 7/6 63. 

üRcfo lieber 93ater! 

-2BaS meine €oßegien anlangt, fo ftnb meine Hoffnungen 

auf baS £uftanbefommen ber fameratifttfeben ©efeßfehaft wieber ge: 
fcheitert; fo etwas ftheint in ?eipjig eine Unmbglicbfeit ju fein. Der 
Mangel an wiffenfebafttühem Sinne ift hier aßerbingS groß; er jeigt 
f'icf) aber nicht barin/ baß manche fehlest gelefene JwangScoßegien wenig 
befudjt werben (benn baSfelbe ift auf aßen anbren Unwerfitäten ber 
gaß), fonbem barin, baß außer biefen ^wangScoßegien fein einziges 
anbereS, unb fei eS noch fo näßlich, ju Stanbe fommt. — 3ch ß&re: 
beutftheS StaatSrecbt bei 2ßbrecf>t, tbeoretifebe ©ationalhfonomie unb 
Statiftif bei Lofcber, u. EanbwirtbfcbaftSlebre bei Saeobi. DaS ©erg: 
unb H&tfcnwcfen ß« jfernbt werbe ich wobt aufgeben muffen, ba er 
unoerftänbticb teife fprießt unb ©iemanb ficb bei ißm ein Jfreft fy&U, 
baS teb benußen fhnnte. Die Snepclopibie ber StaatSwiffenfcb. bei 
©ulau, bie icb Sbren halber anneßmen woßte, obgleich fte nur ein 
Aggregat von aßgemeinen Lebensarten ift, fommt nicht ju Stanbe. 
Die €oßegiengetber betragen 9 rt 22 ngr. — Obgleich bie fameraßft. 
©efeflfeh* nicht ju Stanbe fommt, ift es mir hoch febr tieb, baß. ich 
meinen ©orfaß, bie ^reiSaufgabe ju machen, aufgegeben habe; benn 
außer ben DiSciptinen, bie ich muß ich auch noch Strafrecht 

treiben; ich habe atfo ooßauf ju tbun. Ueberbaupt fommt mir auf 
meine alten Dage jiemlich viel Arbeit jufammen, weit ich in meinen 
2 erften Semeftem faft nur biftstifebe ©tubien getrieben ... 3th 
fchtieße mit ben btrjlicbften ©rußen als 

Dein treuer Soßn 

Heinrich 


80] Sn SBilhcbn ©oft. 

DreSben, 20/6 63. 



Du wirft benfen, mein alter ©ereli, ich ft* dar nicht nach Seipjig 
gefommen, weil auch biefeS Schreiben in DreSben oom Stapel läuft. 
Dem ift }war (eiber nicht fo — über 3 ©lochen habe ich mich & ott 


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166 


3Xoi 186S. 


berumgetrieben — ntcbWbePoweniger bin ich, obgleich etwa« jet* 
fcblagen »on einem mebrft&nbigen fegarfen SRitte in bet gtityenbften 
4>ige, in bet ropgPen Saune; mein Äopf ift »oll feiner Erinnerungen 
an eine frobe PfngPfprige in bie Saupger Serge, bie mir noch ganj 
unbekannt waren. Da« Setter war bi« PpngPen fo Patt, baf ich 
mich wiberwittig cntfcglof, bie Ferien in Seipjig {ujubringen. Stber 
fcgon am Sonntag »or ben Feiertagen fab i<b ein, baf leb <i«er foleben 
Sucht »on Sangeweite nicht gewaegfen fei unb wottte atfe einige «tage 
)u Jpaufe bei meinen Stettem bleiben. Jpier warb aber ba« Setter 
fo berrtieb, baf icb ein rubige« Siegenbleiben nicht verantworten tonnte. 
Qi ging atfo fort — unb mein Begleiter war — ©utfegmib. SBe* 
wunbere bie Ueberrebung«gabe meiner ScgmePem unb bie bobentofe 
Unliebenöwurbigfett eine« Philologen, ber ihm febon mehrere Soeben 
ungebeten auf ber SBube liegt unb ba« Seben jur Jj?6tle macht — bief 
attein bat ba« Sun ber möglich gemacht, ©utfegmib ju einer Sprige 
ju bewegen. — Du fannft Dir feinen Segriff machen »on bem eigen* 
tb&mtich büfteren Egarafter ber Subeten unb ihrer Fortfegungen. 
Dunfelgrun in ©rau — Sannen unb gierten unb graue SanbPein* 
fetfen — unb bar&ber ein matter Jjimmet, ein fatbe« Sicht, a(« ob 
ba« Sanb nach ber «Sonne beglüefterer ©egenben trauerte. 3n ber 
fäegf. Scgweij unb im Erjgebitge giebt bief bem ©anjen, trog ber 
herrlichen Felflbtlbungen eine ert&benbe Monotonie. Die Sauftg aber 
beftebt nur au« cinjetnen bichtbewatbeten bunteten Äuppen, umgeben 
»on ben (aegenbpen reichten Fetbem mit herrlichen fauber gebauten 
D&rfem unb Stäbten; biefer Eontraft läft ba« Monotone ganj »er* 
fchwinben unb ergibt bie Frrube an ben feginen Felfen. 

@o haben wir benn erft »on ^ittau au« ben Etybin befliegen — ba 
pnbet man, eine ©eltenbeit in unferem gefchicht«armen Sanbe — bie 
{Ruine eine« Schlöffe« ber DognaifcbenJBurggtafen unb eine« ^lofter« 
im reinfen gotbifchen Stile, #oeh oben auf bem ©ipfel an einet 
Stelle, bie ber Slig faft alljährlich brimfucht, iP ber jtireggof. 
Seltfam: ber Sauf ber ^eit bat »on hier ben Xempel be« fegwargen 
©otteö ber Sorben unb ba« fatbolifche Ätofer »erfchwinben taffen, 
aber ber ©taube an bie jpeiligfeit be« Drte« iP in bem fegt Poet« 
protePantifcgen Sanbe noch fo tebenbig, baf man gern bie Sobten 
2 Stunben weit belauf ju ber geweiften Stätte fuhrt. 3n ber 9täge 
fefweift ber ©lief über bie fegroffen Seifen be« ^ocfwalbe« unb buntle 
»on Suchen buregraufebte ©runbe, nur an einer Stelle iffnen pch bie 


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Wat 1863. 


167 


Stege, ba {taten im freunbltc|en £|ale bie Käufer ber fc|ned er» 
blühten Stegflabt i|re frifcf» gewannen ©eftc|tet jufammen, ba|inter 
fte|n im Siebet bie Äuppen brt Sltefengebirge«. Siel weiter ijl ber 
SBlicf »om ©jemebog bei Säulen, wo je|t neben bem Seifenaltar 
brt Senbengotte«, ber wo|l ein eigne« @eftc|t ju biefem ^pgmden» 
gefc|tee|te machen mag, ein £|urm fle|t erbaut vom Sbetber Sartgraf« 
fdaft 1 mit allem £ube|lr von Sappen unb totalen 3nfc|riften. Sa 
fielt man benn »om bb|mifc|en Serraffen taube unb ©rjgcbirge bi« ju 
ben burgartigen breiten Regeln ber fdc|fifcben ©c|weij, auf ber anbren 
©eite über ba« £aufi|er ©ebirge bi« jur @c|neefoppe, nur norbwArt« 
verflachen fic| bie le|ten 9lu«lAufer ber f&bbeutfden jperrticbfeit )u 
ber enbtofen ^hrofa ber Starten. — ©ine 9tac|t blieben wir in ^erm» 
|ut, unb waren wie »on einer fdweren faft befreit, al« rotVbie fromme 
©tobt wieber »erlaffen tonnten. — Seif ©ott wie e« juge|t: man 
fällt, wie fromme brave Seute ba ftnb, o|ne alle Heuchelei — fle 
finb fo über adern Seitlichen er|aben, baf fte bie Siegeln unfre« pr&ben 
Stnflanb« ganj auf er 8tc|t taffen: man geigte un« mit ber griften 
StaivitAt bie ©dlaf* unb So|n)immer in bem ©c|wefiern|au« — 
alle Seit be|anbelt ©inen freunbtic| unb juvorfommenb — unb bo<| 
|at man ba« brucfenbfte ©efä|l »on ber Seit: fein lauteb'Sort, leine 
leb|afte ©eberbe — 2lde«, 3lde« nac| Siegel — $lde ftnb einanber 
gleich, aber nicht al« Senfc|cn, fonbern al« Änec|te ©|rifti — ba« 
Snbivibuum »erfc|winbet gAnjlicb, febe« ©efic|t |at ben gleichen 9lu«* 
brucf — e« ift eine entfe|lic|e £eere bort. San lernt bort rec|t ein* 
fe|en, baf ba« ©|riflent|um adein wo|t gute, aber ntc|t grof e Senfc|en 
bilbcn fann. Sie ©egriffe »on ©|re unb ©elbffacbtung ftnb i|m 
fremb; unb boc| barf ein Sann, ber mAcbtig wirten wid, nic|t im 
9(dgemeinen »erfc|winben; er muf feine SnbivibualitAQo fc|roff in 
bie Seit bereinr&cfen, baf ftd ba« ©emeine unb SldtAglicbe bie ©tim 
baran einrenne. Unb boc| ift biefe ©ntfagung be« eignen 3d ber 
©ipfet ber ©elbfbe|errfc|ung; e« ge|6rt eine tinblide 3lein|eit baju, 
bie wir Sille, ic| glaube felbff Su, mein Sereli, nic|t me|r befi|en. 
Sarum ergriffen mich bort bie wiberfprec|enbftat @efu|le: ic| fa| ba 
eine (title ©rbfe, ju ber ic| nic|t |inaufmc|e, nic|t linaufjubentat 
wage, unb bie ic| boc| al« einen äberwunbnen ©tanbpunft betrachten 
tann. Sa« ift ba« ewig'neue Sieb »om ©lauben, ©uc|en unb 


S8gL 2>anf<b* @«f<b><bt< 3, 600 . 


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168 


TOat 1863. 


9licßtftnben. — 3«benfa(li ftnb mir Sure fatßol. ÄlJfler oiel lieber, 
fie haben viel weniger Sittließfeit, aber viel mehr hoffte, ali unfre 
proteftantifcßen Rlnacßoreten. — 

Sie Sprige hat mich recht orbentlich aufgerüttelt, wai febr notß* 
wenbig war, unb mir fabelhafte ?ujl gu neuem $robuciten gemacht, 
unb fcßon morgen werbe ich mit SBeroolljlänbigung bei 1. SBucßi 
beginnen. 3n 4 Soeben benfe ich bie fchon fegt weit oorgefchrittne 
Umarbeitung unb SReinfcßtift aller 3 SSücßer ooUenbet gu haben, unb 
bann werbe ich ben großen Schritt wagen. Schreibe mir aber erfl, 
warum Du mir gerabe Sotta fo bringenb entpfießlfl. — 3fl bai ab* 
gemacht, fo werbe ich wieber an meinen Rlnno gehen. Sie rheinifche 
Jpanfa ift nämlich aufgeflogen. Schon gu Seihnachten fah ich ein, 
baß eine folche gewiffemtaffen gereimte Sefcßießte ber rhein. jjanfa 
fein Sangei werben würbe unb nur bitfeß Iptifcße grifeße ber einjelnen 
Stüde einen feßwaeßen Stfag für bie feßlenbe Sinßeit geben fünnte. — 
Sebenfalli iff ei aber oerfehlt, eine Sichtung gu unternehmen, bie ali 
Sangei wirfen folt unb boeß fein Sangei fein fann. 3cß habe alfo 
einen Stoff baraui auigeßoben, ben äampf Stgbifcßof Rlnno’i o jtüln 
einer ber ebelflen unb großartigen Seßutfengeflalten, oon benen icß 
je geßütt mit ben ^Bürgern feiner Stabt; im Jßintergrunbe fleßen bie 
großen IBetwieflungen bei SReießi unter Heinrich IV. Rlnno egt 
Rinfungi, naeßbem bie Stabt fteß gegen feine Übergriffe erhoben, über* 
hebt fieß bann felbjl gegen ben Äaifet, ben er gu retten oerfeßmäßt/ 
weil ihm nießt genug ^ugeffänbniffe gemaeßt werben; boeß enblicß 
egt bie ee Sürgetfraft, er füßtt, baß et oßne fein Stotf DRicßti 
ifl pp. — Socß icß fann Sir bai nießt fo furg auieinanbetfegen. 
Ser Stoff ifl feßün, aber icß füßle, wie gewagt bai Unternehmen ifl, 
wie feßwer befonberi bie 3«icßnung ber Sßaraftere, für bie icß gwar grabe 
befonbere Steigung habe. 4 Riete habe icß o.Sitte Sanuar bii Sitte 
Sirg gefeßrieben 1 ; nun laß icß’i abftcßtließ liegen um ei in einigen 
Socßen wie ein frembei Sert anfeßen unb oollenben gu t&nnen. — 
Sai Su mir ba über Tübingen fcßreibfl, ßat mieß feßt naeßbenf* 
ließ gemaeßt Seinen heften Sant bafür. Seine Ringriffe auf bie 
Staatiwiffenfcßaft fann icß aber nießt anneßmen. Sit bemfelben 
SRecßte, alter 3unge, tünnte icß Sein jus täcßerlicß finben, weil barin 
o. bet servitus actus* geßanbelt wirb. Sine Siffenfcßaft fann über* 


1 6mb nt4t erhalten. 2 Ulpian in Dig. 8, 3, 1. 


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Wat 1863. 


169 


baupt tut fteinlich ober trocfen fein; fte fann nur burch geifllofe 
SBehanblung in biefen Serboc^t Commen. Die SBiffenfchaft felbft, bie 
£rforfchung''be6 ffiahren, ift immer groß. 9lm SWerwenigften fotttefl 
Du aber bie ffiiffenfchaft ber Sangeweile befchulbigen, bie ben tief: 
ftnnigften ©ebanfen behanbelt, ben bie 2Renfc$$eit je gebaut unb an 
bem fte noch heute unter ben mannigfachen Sei ben weiter benft unb 
bilbet, ben ©taat. Unb fottte bei biefer SBiffenfcbaft e# nicht möglich 
fein/ lehrenb fegenoreid) ju wirten. 3ft eö nicht baO großartigfle ©es 
webe/ in bem ber SJiilchconfum unb all bie fleinlicfce üJlifere beö tdg= 
licken SebenO ihre SBethe betommt, weil auch baö jtleinfh von bem 
großen leitenben ©ebanfen ber ©taattregierung abbängt unb bebingt 
wirb. $anb(anger muß et in .jeber 2Biffenfcf>aft geben/ wohl unö, 
wenn wir ed babin bringen unt ju wahren SBaumeifiern aufjufchwingen 
unb unfren ©cfmlern ju jeigen, baß baö ber rechte ©taat ift/ in bem 
man fi<f> nicht beugt/ wo bie ©ewalt fich regt/ aber auch nicht glaubt/ 
baß ©efefc unb Steckte eine ewig ft<b forterbenbe Äranfbeit ftnb. 3ft 
benn nicht fchon ber bloße ©ebante erbebenb, einem Älüber, einem 
Dahlmann nur nacheifern ju tonnen ? Diefe ganje Debatte wirb 
aber überflüfftg burch bie SJerficberung, baß ich mich burch bie ©taart* 
wiffenfehaft »ottfommen geiftig befriebigt fühle unb nur einen trüben 
©ebanfen babei habe, ben Zweifel nämlich, ob ich Äraft genug haben 
werbe, ben gewaltigen ©toff ju bewältigen. — Deine ßppofition bas 
gegen fcheint mir auO ber ®erwech$lung »on ©taatOwiffenfchaft (waö 
man bei Such, glaub’ ich, regiminale nennt) unb Gameratw. heroots 
gegangen ju fein. — tttom oorwiegenb hiftorifchen ©tubium habe ich 
mich fchon in meinem 2t«n ©emefter, wo ich bie erften ftaatOw. 
ßottegien hätte, unb ganj entfehieben in meinem 3. ©emefter jurüefs 
gejogen; benn ich fühlte, baß et bei teinern ©tubium leichter ift, al$ 
heim hiftorifchen, entweber ein bloßer $anb(anger ob. ein ^btafens 
macher §u werben, unb vor Sittern, bei feinem leichter feine Kräfte $u 
jerfplittem, weil nirgenbo baO hiftor. ©tubium methobifch gelehrt 
wirb; unb biefe te$te ©efahr war für mich um fo großer, ba ich nie 
ein (Sotteg habe hören tännen unb flett auf SBücher unb #efte be* 
fchrünft gewefen bin, mit benen man betanntlich fehr fchnett fertig 
wirb, bie aber auch feiten in Sleifch unb ©lut übergehen. — 

Defto mehr bante ich £it für bie SBemerfung,. et fei Xhorhcit, 
noch länger einfam leben ju wollen. 3<h habe baö fchon (ängft ges 
bacht, unb ba ber Dr. camer. gar nicht mein Jjauptjwecf ift (benn 


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170 


3n» 1868. 


ich (ann auf einen Dr. phiL auch gaat«wiff. ©ortefungen (alten)/ f» 
ig rt möglich/ bag ich nach (Böttingen gebe, wo ich greunbe gnbe, 
unb bei 2Baig, $lb61, fangen, ^ac^artd wogt noch mehr für meine 
3Biffenfcbaft, al« in Tübingen. 9ld(ete8 im niebgen ©riefe. — Die 
Jjjtauptfacbe bleibt immer/ bag ich von Seipjig fortfomme/ wob immer 
noch nicht« weniger al« gewig ig. — 

Da« wäre benn eine tintige (Jpiftel. Jur ©elobnung bitte ich 
aber um recht balbige Antwort. Du erfreug mich baburch fabelhaft... 
Zaufcnb ©rüge unb ©lücfoünfcbe jum Sjramen an SRubolf. — 
3n alter Siebe 


20 3Rai 


81] Sfa bat föattr. 

... Schon bicrau« ge(g Du, bag mir nicht« Ungtücfticbe« paffirt 
ift: man arbeitet/ gebt (ie unb ba einmal um bie ^romenaben, bei 
feglicben (Betegenbeiten fogar in ben (leinen Äucbengarten — (urj man 
lebt ganj na(( bem alten ©urfebentiebe: „Da« Dcbfen ift fein JJkiupt* 
genug; nur wenn er geh erboten mug, trinft er auch manchmal ©ier.* — 
9hm/ wenn b‘« neben bem ©erganbe auch ba« Jperj etwa« Währung 
fAnbt/ würbe icb aderbing« oiel gtücflicher fein; jegt bringe i<b aber 
meine Jeit boeb immer nügticb )u; wie e« aber im nöchften Semeger 
werben foll/ wo ade meine ^rofefforen ihren einjährigen Curfu« wiebet 
t>on Bleuem beginnen unb icb <*lf» entweber gar 9ticbt« ober €odegia/ 
bie i<b febon einmal gehört/ wieber (bten mügte — ba« wiffen bie 
©ötter; jebenfad« ift e« je|t noch ju früh um )u beurteilen/ ob ich 
bann noch werbe (irr bleiben (innen; ber Se(tion«(atalog für ndcbge« 
Semeger mug ba« entfebeiben. — 

tll« icb b*<v wieber anfant/ war icb g<*n$ erftaunt/ bie Stabt/ bie 
icb f° (ubl »erlaffen / wie bureb einen Jauherfcblag »od febneeweiger 
©tütben ju flnben; aber fo febned ge gefommen, ig bie JJerrlicbfcit 
wieber »erfebwunben/ fegt bliefen nur noch #odunber* 3a«min* unb 
Aaganienblütben bureb ba« herrliche faftige (Brün ... neulich (üben 


Dein 

Heinrich Z 



Seipjig, 2/6 53. 


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3uni 1868. 


171 


fie 2 oon ben 3 hier beßeßenben Sorp« in flagranti bei einer großen 
Rauferei abgefaßt ... ®« iß ihnen übrigen« ganj gefunb; ba« Rauf* 
unwefen iß mir immer oerhaßt gewefen; baß bie Raufereien rnög* 
licherweife unglütflich abtaufen tönnen (noch furjltch würben wieber 
3 baburch h«*heigef&brte Xobrtfdße gemelbet), iß aßerbing« ein trif* 
tiger ©runb bagegen; aber wer tann wohl oon jungen Leuten fo oiel 
berechnend SSefonnenßeit oerlangen, baß ße bei Gebern wa« ße thun 
bie folgen bebenfent — ba« Schlimmße iß, baß bieß confequente 
Schlagen jeben Sinn für höhere Sntereffen abßumpft; unb bann iß 
bie Sh*< boch etwa« oiel ju Jjeilige«, um ße jeben ßtugenblicf auf« 
Spiel )u feßen. — 

(Sin alter 93erbinbung«6ruber oon mir iß jeßt hin angefommen, 
ber Dr. JDoerbecf* n dm lieh, einer ber Stifter unfrer granfonta, ber 
at« Rrofeffor ber Rheologie hierher berufen worben iß. <S« iß ein 
außerorbentlich tüchtiger Rtann; ich freue mich barauf, feine Refannt« 
fchaft ju erneuern ... Die Steife be« König« oon Rreußen iß boch 
ein ßöchß erfreuliche« ffreigniß 1 ; jDeßreicß hat offenbar eingefehen, baß 
e« Rreußen« ebenfo fehr bebarf, al« biefe« feiner unb baß Rreußen« 
Demütßigung nicht ba« richtige ^iet ber ößerreichifchen Rolitif fein 
fann; ben föbbeutfeßen SBldttem, bie mit ihren giftigen Ru«fAllen 
auf Rreußen fo unermublicß waren, iß nun hoffentlich auch öer oor* 
laute Rtunb geßopft. — gabelßaft freut e« mich, baß nun enbtich 
alle SBelt einßeht, wie freunblich e« Stußlanb mit ber Xürfei gemeint 
hat, einßeht, baß Deßreicß« Sntereffen im jDrient ben rufßfchen feßnurs 
ßraef« entgegen laufen; wer weiß, ob nicht noch eine Einigung Deßreich« 
ju Stanbe tommt mit feinem alten SBunbeOgenoffen, mit Snglanb, 
oon bem e« eigentümliche politifcßc RerhAltniffe fo fehr entfernt 
hatten. — ©egen ßnglanb iß e« nie glticflich gewefen, mit Snglanb 
hat e« bie größten (Sporen feiner ©efchichte burcßgefAmpft. — 9tber 
ich fehe fchon, wie bie Schweßem wieber über bie „ewige Rolitif" 


l 3oßanne* Dvethecf, 1863 al< außerorb. Rrofeffor btt Vrcß&otogie unb J)Ireftor 
be* arcß&ologifcßen Rtufeum* nach äftpjig berufen, batte fteß 1860 in (Bonn ßabu 
litiert. €r mar Sprecher ber ffranfonia, al* ißn Karl Schur) (aftive* (Witglieb 
1847—47/48) fennen lernte; «gl. beffen Seben*erinnetungen 1, 93ff. 3m alten 
JUOct bei Schur), bem SBater, batten ju Zreitfcßfe* geit bie ßrantonen noch ißten 
gemeinfamen 3Rittag*tifcß. (%rclh ben von Jherm 'ßrofeffor Oticßarb SBbnfcß freunbs 
ließ mitgeteilten Zagebucßaufjeicßnungen feine* mit Zreitfcßfe jugleicß in bie ßrantonia 
ringetretenen (Batet*.) 9 tim 18. tRai n>ar ßriebrieß SBilßelm IV. nach SBien 
gereift unb am 24. Aber ®te*ben, mit furjem Zufenßtalt auch hier, iur&ctgefeßrr. 


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172 


3uni 1863. — 3u(i 1863. 


fchimpfen »erben. Da bleibt mir wohl nicht* ünbre* übrig, al* mit 
ben begen ©rügen unb ber Sitte um batbige Antwort (wetcb herrliche 
ffienbung au* ülberti* Gomplünentirbucb) gu fehliegen. 

Dein treuer ©obn 

Heinrich 


82] 9ln bat fOater, 

Xeipgig, 15/6 53. 

-üm legten ©onnabenb unb Sonntag gab e* wieber 

eine übwech*lung. 3eh batte non ben 2Begphalen eine Sinlabung 
erholten gu ihrem ©tiftungßcommcrö auf bem Sollntberg bei ©fcga#. 
Da i(b nur »enig mit ihnen umgehe, fo war bieg eine §reunbli<h« 
feit, bie ich nicht gurücf weifen tonnte. S< hat mir auch gang gut ba 
gefallen, aber freilich ein rechter ©tubentencommer* war e* nicht — 
gar fein Schwung, gar fein geben, feine übetfprubelnbe Suff; ich be* 

fam wiebet einmal tüchtigen Heimweh nach Sonn- 

üuger biefer Unterbrechung ig eö mit bem Arbeiten ruhig fort: 
gegangen, wenn mir auch, )< tiefer ich in baß Stubium hineinfomme, 
bie Unmüglichfeit bie Sollegien gu hören immer unerträglicher wirb. — 
Seichtfinniger SBeife werbe ich ®ir übrigen* gewig nicht Sorfcpläge 
jum Serlaffen fceipgig* machen, lieber Sater. über eben beghalb tann 
ich oorberhanb noch gar 9lieht* barüber fchreiben. 3ch werbe übrigen*, 
um gang gehet gu gehen unb Deine @üte nicht gu migbrauchen, SRofehet 
um 3lath fragen ... 

Dein treuer ©obn 

Heinrich 


83] ln JRoff. 

geipgig, 7/7 53. 



üBieber einmal, mein lieber Serli, tomme ich mit ber Sitte am 
gegogen, bag Du mein lange* Schweigen nicht oergelten mögeg; auger 
meiner gewöhnlichen hlachläfggfeit ig biegmal ber Sßunfch baran 
©chulb. Dir etwa* über ba* ©cgicffal meiner ©ebiepte mittheilen gu 
fönnen. Da* hat geh aber wieber in* SBeite gegogen; mein gweite* 


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3«H 1863. 


173 


Such 1 h®t fich feitbem ©u «8 gefehn, beinah um rin ©rittet »ermehrt 
unb icf) fühle, baf ich gortfchritte mache; baher mbchte ich auch bie 
©aipen, mit benert \<t) je|t noch fchwanger gehe, gern ^injufigen. 
ÜJtein ^auptbebenfen bleibt aber ba« erffe Such: ich habe lang barüber 
nachgebacpt unb bin enblich )u bem SRefultate gelangt, baf jum ©ic^ten 
»on Saterlanb«liebern ein gewaltiger ®eifl gebürt, ber ba« Sehen fennt 
fcharf unb eigentümlich auffaft unb burch ®riff unb #erj in jeber 
Schiebung befähigt ift, tat ©enfen eine« ganjen Sott« ju «prüfen* 
tiren. St wäre Slborbrit, wollte ich fo etwa« von mir auch nur ju 
benfen wagen, ©a« alte 2Bort: „Sin politifch Sieb, ein garfüg Sieb" 
ifl afletbingö Unfinn, benn wenn man bem ©ichter ertaubt, von 
Siebten« (altem Jjerjen ju fingen, wie eiet erhabner if% eö, ben 
©tmerj eine« grofen Sott« ju befingen! 2lber eben bie Srhaben» 
heit be« ©egenftanb« läßt bie SReiflen, bie fich an ihn wagen, at« 
■iwerge erfcheinen. 3Bie nicht«fagenb fomtnen un« boch felbfl riete 
»on ben brrrlicben Strnbtfchen Saterlanb«liebern bei fcharfer Setrach* 
tung t>or — unb Slmbt war ein SBierjtger, war ein SRann, at« er 
fic fchricb, unb welch einSRann! ffienn ich bie ®efchichte ber testen 
3ahre [ehe, wenn ich benfe, wie »teilet d)t ba« ganje werbenbe ®efchtecht 
mit feinem Stute nicht im Stanbe fein wirb bie ©chmach biefer Xage 
ju remichten, wenn ich nur benfe, welcher Sngrimm, welche ©cham 
mir altein fchon ba« Jperj füllt über fotche feiten — bann fchäme 
ich ntich be« fchwachen, ach fo unenblich fchwachen Qluflbrucf«, ben 
ich ihnen gegeben. Sollten fie jünben, fo müfte bie -}rit baju ge* 
ftaffen fein, unb ba« tff fie nicht, ba« weift ©u fo gut al« ich 1 . — 
So bnb ich «lieh benn entfchloffen, »on bem erflen Suche nur bie 
Sieber beijubehalten, bie nicht fowofjl burch mich, al« burch ihren Stoff 
wirfen (ich weine bie b»fü>rifcben, ben ©itmarfchen gefeiten fich noch 
einige »on gleicher 2lrt, aber, glaub ich/ heffer, bei) unb noch rin paar 
ber beffen rein (prifchen — unb bann werbe ich &t< ganje Sache noch 
»or Snbe nächffer Stoche ju ^)ru| nach «§>ofife* fehiefen unb ihn offen 
fragen, ob er mir räth, fchon je$t bamit ber»orjutreten. Antworten 
wirb er mir, [benn ich fomrne nicht ju ihm al« „»erfannte« ®enie" 
ober bergt, fonbem ich trage ihm bie Sache ganj einfach »or. Si« 
ju Snbe be« Semeffer« wirb er hoffentlich etwa« »on fich hbren'laffen, 

1 ©t* 1867 aföitntntn „Stubim". 3 ffigl. ©cutfcb« @ff<bi<bt« 6 , 878. 8 

wat »on 1849 bU 1869 an btt ttnrotrfit&t aufctoib. $prof«jfot fftr btntföt ütfrawn 
8 «M>i<b»*. 1860 »mb« $apm fein Wach folg«. 


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174 


3uli 1863. 


unb bi* bo$tn werbe ich nach beften Hrdften bie «Sammlung noch 
veroottffdnbigen. — Sieb wdre mir* freilich, wenn er mir gut #etaud* 
gäbe rictbe, ich höbe mich lange fcbon bem ©cbanfen befreunbct unb 
m6<bte bie (Entfcheibung über biefe emfh grage nicht gu lang «er» 
gbgert wiffen. — 9Rein Schicffal befümmen (affe ich mir übrigen* 
nicht burch 9>ru| ober fonft Sfemanb; ba* wdre feig unb fchwach; an 
meinen (Beruf gum Sichten glaube ich fch*/ unb wenn ich rrnft unb 
fefl fhrebe (in*befonbere in ben Serien ben^Slnno ootlenbe), fo fott 
mich Siemanb baran irre machen. — 

Sie (Rachrichten au* (Bonn hoben mich »** greube ganj finbifch 
gemacht; ich höbe e* felbft bahin gebracht — ihnen ein (Eommer*(ieb 
gu fchicfen. Unb benfe Sir ben Seich tfinn, ich 8<h< vielleicht im (Sinter 
wieber hin; nach Slllern, maß ich gehört, frbwonft bie Sache nur noch 
jwifchen (Bonn ( t Poppel*borf) unb Tübingen. (Sohin mich mein 
jieht/ fannft Su Sir benfen; ber (Berflanb iff aber fehr bagegen, 
benn ich würbe, einmal bort, nicht mehr ben ©lauben hoben, baf e* 
immer fo fchün bleiben Sinne unb ben greuben be* Seben* ficher nur 
alljufehr obliegen. ^>rof. Btofcher hier foll über bie Sache entfeheiben, ich 
fann e* nicht: wenn ich nur baran benfe, noch einmal unter roeifroth* 
golbnen (Brübem am Schein gu fein, laufen mir alle ©ebanfen fort... 

Saf e* Sir in greiburg fo wohl wirb, macht mich f«hr glücflich. 
(Sie Su mit ben Teutonen (ä propos, finb bie Seute wohl werth, 
mit ber granconia in ein dhnliche* Serhdltnif gu treten, wie bie 
©runen ? 1 — Su fehft, mein Hopf ifl »öd weifrothgolbner ^Mdne), 
fo fomme ich h>« mit ben (Sefphalen »iel gufammen. Sie heiftn 
gwar SanWmannfchaft, ba e* aber hier feine (Burfchenfchaft geben 
barf, fo nehmen fi« principieU eine Stellung ein, gegen bie ich nicht 
fehr Siel einwenben fann. Sie hoben einige nette Seute, fonft gehe 
ich ober nur hin um bie Sangeweile lo*guwerben unb bie* ^bilißtr* 
leben unter ber girma „Stubent* gu bewunbem — benn fo eine 
Simpelei!! — Sift traurig! ... 

©rüfe SRubolpb unb fchreibe halb 


Seinem 

Heinrich Z 


1 9toff, b«r noch vom grtibnrgtt Seinem her mit ilttrrn 9RitgItcbm> bi«f«r burfchen: 
f<hafUich<n SBrrbinbung im $Berf«hr geblieben nar, fpricht fi<h in feiner Vnttoott 
vom 88. Oft. au<ffthrli<h unb fehr fobenb ftber bi« Zcntonia au*. Cr .hat ihr 


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3uli 1853. 


176 


84] Sn b<n 8 om. 

SeiPitg, 16/7 53. 

... Deinem ffiunfcbe jufoige wodte ich Dir nicht eher fcbreiben, 
att btt ich Dir befHmmtt ©orfcblüg« für ndcbflrt ©emefiet machen 
tonnte. 9tun bin icb üftert bei ©ofcber gewefen, habe ibn aber mit 
merfwürbiger Sonfequenj nicht ju JJaufe getroffen, ©efiern enbticb 
fanb ich ibn; er war febt juoorfommenb; icb bin aber nach feinem 
9tatbe )iemlicb eben fo flug att oorber. (Sr fagte ndmticb, wa4 i<b 
mir f<bon felbft gebaut, bafj in £eipjig ndcbfien hinter ©ich« für 
mich ju finben fei/ weil er unb feine (Sodegen ihren alten €urfu* 
mieber lefen würben; oon anberen Unioerfttdttn rietbe er mir Tübingen 
ober ©onn. ©ach bem, wert er weiter angab/ unb bem wao i<h oon 
J&and SRangolbt in dßeimar 1 erfuhr/ ben ich fcbtiftlicb barüber bes 
fragt/ ifi bie (Sntfcbeibung jwifchen biefen betten Orten in ber Xbat 
febr febwer: ©onn bat ben ©orjug febr guter juriftifeber (Sodegia, 
bie in Tübingen febr fehlest fein foden/ unb febr guter technisch 2 
üfonomifeber ©orlefungen an ber ©oppettborfer ftnflalt; in Tübingen 
bagegen finb befonbert bie eigentlichen ©taartwiffenfebaften febr gut 
befegt/ bie icb freilich beinah ade febon gebürt habe; baju tommt noch/ 
bafj bort eine befonbere fteartwiffenfcbaftlicbe ?afultdt ij},'icb atfo 
jebenfado eine SWenge ©tubiengenoffen finben werbe, ftnbrerfeitt bin 
ich in ©onn ficber, wieber mit ©imrotf, Dahlmann/ ^PertbeO u. S. 
jufammen jufommen, wdbrenb ei in Tübingen noch fraglich ifi/ ob 
ich bie bortigen ^rofefforen fennen lernen werbe. Du ftebfi, lieber 
©ater, ti fpricht fo viel für ©eibrt, baf ich mir wirtlich febwer )u 
ratben weif; in einer fo wichtigen ©acbe wid ich mich nicht bureb 
eine blofe ©orliebe für ben SRbtin ju einer ooreiligen Grntfcbettung 
oerleiten laffen. ©ur <£nrt glaube ich mit ©echt behaupten ju tünnen: 
wenn ich auch in Tübingen manche neue ©erbültniffe fennen lernen 
würbe, fo ifi ba* adju häufige SBecbfctn mit ben Uniocrfttdten hoch 


auch ein iieb gebietet, „welche* jefct noch a(6 tyx ©unbetlieb bei fefilichen tfnldffcn 
gefangen wirb*, (J. o. SBeech, Staattminifler Dr. 2B. 9loff. J^eibelberg 1904. 

8.) * Der 9}ationalbfonom Jßan* von 9Rangolbt, in Tübingen ®<b<tfer 

JaflatU unb (Robert Woblt, tyttt 1848 bi* 1860 ba* amtliche Qretbner Journal 
geleitet, nach bem 3» Juni 1860 aber (ogl. Jßiftot. unb^olit. ftuff&fee 4,101) feine 
f&cbfif<he Heimat oerlaffen unb bann für einige Jahre in iXBeimar bie Leitung ber 
amtlichen Leitung übernommen» Zreitfchte, ber 1883 in ffreiburg fein äottege 
mürbe, |at oon bem fchon 1868 mit 44 Jahren gefforbenen in SBeecht „©abifchen 
©iographfen" % 87 f» eine (iebeooOe €h«rafteri(Hf gegeben* 


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176 


3uli 1863. 


moht nid^t rdthlich/ beffer ifl e« fieser, eine gute Unioerfitdt recht 
grünblich fennen $u Jemen. — Doch um ju einem ©bluffe ju 
fommen, fo mürbe ich Dir »orfchlagen, mir märten mit ber (Jnt* 
(Reibung noch bi« jum Srfcheinen ber ?eftion«fataloge »on Sonn unb 
Tübingen; e« eilt ja nicht, menn ich nur )u Anfang Dftober ©emif* 
beit b«be; in Dretiben fann ich bann auch noch @eb.3latb ffieinlig um 
SRath fragen. — 9tun lieber Sätet/ ba ich fytt einmal von meiner 
£ufunft fpreche, thue icf» mohl am Seffen, auch meine Au«fichten auf 
ba« Doftorejramen mit barjulegen. 9Ran fagt mir jmar, ich fei noch 
ju jung, ber Doftor merbe gemühnlich erff im 8ten ©emefter ge* 
macht pp. — ich hoffe aber hoch/ menn ich fteifHg bin/ ba« Sjramen 
grabe in 1 Sabre/ alfo im 7. ©emefter ju machen; benn mer meifj, 
ob man nicht fpiter bie Jeit ber Habilitation »on ber be« Doftor* 
eramenö abhängig macht; unb je früher ich «uf eignen güfjen flehen 
fann/ beflo lieber ifl mir’«. — 

©o oie( »on ber Jufunft; gegenmürtig geht e« mir recht gut/ nur 
habe ich abfcheulich »iel ju thun, fo baf ich faum meif}, mie ich in 
biefem ©emefler noch fertig merben folT. SKit Seipgig fange ich 
übrigen« nachgerabe an mich au«jufohnen; bafj e« mir Anfang« fo 
fehr mißfiel. Jag mobl befonber« baran, baf ich/ aufjer einigen Schul* 
befanntfehaften »on nicht fehr einJabenber Art, menig Sefannte hotte; 
mit ber ^eit hohe ich nun viele recht (ieben«mürbige unb tüchtige 
Stenfthen fennen gelernt; unb immer finb e« bie Stenfthen mehr ol« 
ber £>rt felbfl, bie Sinem einen Aufenthalt lieb machen- 

An Sohanna fann ich unmiglich fchreiben, fo gern ich« tfäte 
unb fo fehr mich ih* SBrtcf gefreut hot; ich hobt fchJechterbing« fjine 
•Jeit baju. — ©ehr banfbar aber mürbe ich »hf ober H<PP<h<n fein 
(ber Heine ©chlingel fünnte mir mohJ auch einmal fchreiben/ -Wt »ft 
fa im Ueberfluf ba)/ menn fie mich miffen liefen/ ob ©utfthmib 
noch lebt (menn er e« ju thun fleh bemogen fünbe, fo lebt er boch 
jebenfall« fehr fchmeigfam) unb ob ich n>oht bie greube hoben mürbe/ 
mit ihm gufammen ben Doftor ju machen, ©ein Heft höbe ich »°r* 
geflem »on Dberftt. 3lei|enftein mieber erhalten. — 

Doch e« ruft bie Pflicht/ ober vielmehr ba« 4te Sapitel „über bie 
€onfumtion be« Sott«einfommen«" pag. 419. — Darum fthliefje ich 
mie immer al« 

Dein treuer ©ohn 

Heinrich 


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fcuQuft 1858« 


177 


85] %n fern ätater. 


Seipjig 4/8 63. 


SBein lieber SOater! 

. . . ©af ©u fo gütig auf meine ©orfchlüge eingehfl/ bafür 
baute ich ©ir von JJerjen. ©eine Slnfte^t, bie gntfcheibung noch 
)u otrfchieben, tfi auch fielet bie einzig richtige; »orberhanb habe 
ich mich bamit begnügt Staffelten }U treffen/ baf ich noch in biefetn 
2Sonat bie Settionbfataloge erbalte. Sab bab gramen anlangt/ 
fo tann icb jwar natürlich ©ichtb ooraubbeflimmen/ i<b hoffe aber 
boch/ eb überb 3ahr begehen ju tünnen; ich n>eif recht wohl, baf 
ich bann noch ©lancheb, »ab nicht gerabe jum gramen felhfl gebürt/ 
»erbe ju lernen haben — fo geht eb aber: fleht man unmittel« 
bar oor ber Prüfung, fo fehlt felhfl bem £uoerftchtlichflen bie Stube/ 
um mit ©lufe anbere Siffenfchaften ju treiben; habe ich bie Sache 
einmal hinter mir, fo tann ich um fo forglofer unb freier bab, »ab 
mir noch fehlt/ lernen. Stach muff ich überb 3abr ohnehin meiner 
Stellung jum ©lilitdr wegen wieber hierher jurüeftehren. ©aran, 
baf ich nie an ber Seipjjger Unioerfitit würbe wirten tünnen/ habe 
ich nie gebacht 1 ; nur glaube ich/ fo viel ich eb fegt beurteilen tann/ 
baf ich meine afabemifche garriüre fchwcrlich hier merbe beginnen 
tünnen/ weil 9>rivatbocenten hier fehr wenig Stabftchten haben. — 
©och bab liegt ja noch in weiter §eme. — ©a ich einmal oom 
gramen fpreche muf ich ©ir boch mittheilen/ baf #.£... neulich 
bab/ atlerbingb fehr leichte/ juriflifche ©accalaureub«gramen glünjenb 
beflanben hat. SDtuhmen unb ©afen werben allerbingb bie ©erbienfte 
biefeb Sünglingb comme il faut, ber nie einen bummen Streich ge« 
macht aber aut nie einen ©ebanfen gehabt hat, ju preifen wiffen; 
ich meinebtheilb geflehe, baf ich lieber burchfalten müchte/ alb ein 
folcheb Sehen hinter mir haben: in 3 fahren nie etwab Slnbereb ge« 
bacht haben/ alb bie ©rotwiffenfehaft/ unb auch von biefer nur bab 
SJtechanifche, nicht ben ©eifl ju fennen, in ben 3 fchünflcn fahren 
nichtb von ber Seit gefehen, nicht einen greunb ftch erworben haben — 
bab ift wirtlich traurig. Solch ein ©lütf etneb notorifchen ©umm« 
topfb tann recht fch&blich »irfen — man foltte benfen, begabtere 

1 Da ffiatet hatte ben 9Bunf<h autgefprochcn, Jpeinrich mich 1 * S*W0 nicht »er. 
laffen mit bem ©otfafc, nie im fpdteren 2eben bauernb bortbin jurffefjufebren. 
i. 12 


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178 


«uguft 1863. 


Seute würben ficb nun um fo mehr anfhengen hinter ihm nicht 
jurütfjubleiben — rt gefegtebt aber gerabe ba« ©egentbeil: Wie* 
manb bat Sufi mit fotzen Seuten in eine l&ttegorie geworfen ju 
werben. — 

2Ba« mich betrifft fo gebt Sitte« rubig feinen ©ang; je Ungar i<b 
ba bin, beflo beffer fühle itb mitb; ich weif, baß e« mir auch hier 
geglüeft ifl Sancbe )u ftnben, bie mitb wirflitb lieb hoben. Da« ifl 
ein große« ©lücf, ba« mitb über Siele« triften fann, auth barüber, 
baß itb im gefettftbaftlitben Seben wobt notb lange eine traurige Solle 
fielen w»rbe. Da« würbe mir erft lebten Sonntag wieber dar, ate 
mitb Jpepne ju feinem Sater natb Sif}ni§ gebeten batte. Sir waren 
bann Sacbmittag« beim SRittergut«beft(}er Schabe in 3effewiß; ba 
war eine deine ©efettftbaft, man war febr friblitb — an mir ging 
aber Sitte« vorbei, at« wir’ e« nitbt vorbanben, itb verflanb leine 
Silbe, fonnte fein Sott mitteben — furj, befanb mitb retbt troff* 
lo«, obgleich itb natbgerabe baran gewibnt fein fottte. — Sun, ben 
momentanen Sterger fann itb mir freilitb nitbt erfparen — wenn 
itb natbber baran rubig jurütfbenfe, fo glaube itb boeb: e« ifl fo 
am Seflen. Denn ba« einzige praftifebe Sefultat, wa« itb barau« 
Sieben fann, ifl allemal: Serbe ein retbt tüchtiger Senftb unb 
etfe|e burtb Deinen Sertb, wa« Dir bie Satur oerfagt! — Unb 
bieß ifl eine von ben Scbren, bie fttb nur im Stbrnerje lernen 
laffen. — Sonfl gebt, wie gefagt Sitte« gut, itb habe febr Siel }u 
tbun, eigentlich ju Siet, benn ich nt bebte gar )u gern einen febenen 
poftifeben Stoff bearbeiten, ber mitb jefjt beftpiftigt (e« ifl ba« 
jene« wunberbare ppantafliftbe SAngerfünigtbum, ba« äinigtbum 
ber Spietteute unb fabrenben Singer, bem bie ©rafen oon Sappolt* 
fiein im Stfafj im Sittelalter oorflanben). 3cb habe mir aber heilig 
oorgenommen, bi« ju Snbe be« Semeffer« ade wiffenftbaftlitben 
Strbeiten bi« )u einem gewiffen fünfte fertig )u bringen; benn fönfl 
würbe itb ntitb, n>ie fonfl ftbon oft, burtb bie Raffte ganj baoon 
abbringen taffen- 

Schließlich, lieber Sater, noch eine Sitte, bie mir recht ftbwer 
füllt; ich habe mir jwat Siebt« vorjuwerfen, aber e« fünnte botb 
fein, baß Dir bie Sache nicht recht wäre. 3tb brauche nimlicb um 
au«)ufommen notb 26 rL Srdirt ifl e« leicht ... 3n meinen erflen 
Semeflem, al« ich noch nicht mit ©etb untjugepen wußte, habe itb 
vielleicht etwa« mehr verbraucht, at« nütbig war — ba« habe ich aber 


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ttuguft 1863. 


179 


jc§t geleimt — furj, ich (ann Dir verficgem, baß »cg mich ringe* 
fcgrdnft, fo gut e« ging, unb Dich wirflicg nur um ba« bitte, wa« 
ahfolut notbroenbtg ifh — 

9tun mit taufenb ©rüßen an Sitte bleibe icg 

Dein treuer @ogn 


Jpeinricg 

o o o 


86] Sn ben ©ater, 

Seipjig, Slug. 17. 1863. 

ÜRein lieber Später! 

£undcgft ben herjlicgften Danf für Dein legte« ©cgreiben, ba« 
mir wie jebe* anbre von Deiner £anb, wieber einen neuen ©ewei« 
Deiner ©üte gab 1 . . . 

Sitte« SBeitere vrrfpare icg auf perfünlicge ©efptrcgung, ba icg mit 
^acfen, Slrbeiten unb ©ifttenmacgen vollauf )u tgun gäbe.©orber* 
ganb nur fo viel, baß icg nacg Sinficgt be* SSonner £eftion«!atatog« 
ftnbe, baß bort 9)icgt« ju golen ift. ©o »erbe tcg bemt wogt nach 
Tübingen gehn, ein Drt, ber wogl aucg bem ©elbbeutel vorteilhafter 
fein wirb, al« ba« treuere JRheinlanb. Unerwarteter unb glücflicher 
SBeife habe ich übrigen« Sluöjicgt auf €mpfehlung«briefe bahin he* 
fommen ... 

3n Hoffnung auf ein frohe« SBiberfehen 

Dein treuer ©ogn 

Heinrich 


1 Du Statt, )»<t? burcg bit Seibforbetung ftbttrafcgt — tt ahnte ja nicht, bag 
Jgeinricg Sonnet Scgulbtn abjutragtn haut - bewilligt ge bo<b ohne Ünjtanb 
(»ich weif, bag anbete junge State »eit mcht oettun unb nicht« babei lernen 4 ') 
nnb fchteibt übet bt« Sohne« neue traurige Erfahrung in ^effewig, bag btt Sericgt 
bauen „an* Hat niegt ognt SBegmutg, Deine gute SWutttr niegt ogne Zgr&nen 
gefoffen gat 3<h feibg bitte Sott niegt megt, wie icg e« fong oft fo innig getgan, 
um Deine SBiebergergeüung, baut (eibet! mugte icg bie Jgoffnnng batauf aufgeben, 
um fo anbdegtiget abet in jebem Sebcte um «traft für Dieg, ba« Dit aufgelegte 
Übel |u tragen unb Dicg bennoeg )u cintm tftegtigen, bet SRenfcggeit nftgiiegen 
SRanne ja maegtn. Unb et wirb e< tgun!* 

12 * 


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180 


®«ptnnb« 1863. 


87] Xn SBifyrtm ttoff. 

Drrtben 6/9 53. 



€ben, mein lieber ®ereli, habe ich ein längere« ©ebicht ooßenbet 
unb, wie ieh hoße jur £ufriebenheit; unb ich benfe biefen Zag nie^t 
beffer beließen ju (innen ata fcurd) einen S3rief an Dich. freilich 
barfß Du für beute .(eine großen Xnfprüche machen: folch eine Slrbett 
bringt immer eine augenblicftiehe <fbbe in ben @eban(en unb Sin» 
fchauungen beroor. — Der ©runfr meine« langen £ügern«, ba« wirtlich 
unverantwortlich iß, liegt wieber in ber gänjliehen Ungewißheit übe 
bie 3u(unft; ich frage mich immer noch/ wie ein inbifjtber SBramine, 
ob ich ata SRinb ober ata ^ferb meine Seelenwanberung antreten 
werbe. Sllfo junächß über ba« Schreiben an 9>ru$. Sntrüße Dich 
nicht/ wenn Du hieß/ baß baOfelbe bi« bato noch nicht abgegangen; 
ber @runb iß ein febr guter: ich habe einen herrlichen Stoß gefunben, 
ba« wunberbar phantaßifche Künigthum ber Singer unb fahrenben 
Seute im ßlfaß, ba« unter ben Orafen von fltappoltßein im 3RitteU 
alter mit SReich«tagen, Singerfimpfen unb anbrem wunberlicpen $us 
behüt blühte 1 . 9Wh«re« ßnbe ich nicht überliefert — e« bleibt alfo 
Sille« ber tytyantaße überlaßen — Jjj>anblung iß bei biefem Stoße (aum 
ben(bar — fo mache ich benn ein (urje« ©ebicht in etwa 4 ©efängen 
barau«, ba« einerfeit« eine Schilberung be« frohen Slhein* unb 3Bein» 
leben« in jenen glücdichen ©auen, anbererfeit« bie @eban(en enthält, 
bie ich ntir barüber gebilbet habe, wa« Dichtung unb Dichter fein 
foßen. — 3n unferem Sllter feßelt un« jebet Stoß um fo mehr, wenn 
er eine gewißermaßen oppoßtionelle ßärbung hot; fo freut mich auch 
biefer Stoß befonber«/ weil ich barin ju jeigen [hoße]/ welche ?uß 
in bcm Dichten nur um be« Dichten« wißen liegt/ währenb ber grüßte 
Zheil unferer mobemen Dichter ßch ju beweifen abmüht/ bie Dichter» 
gäbe fei ein gluch be« J^immel«, herabgefchleubert auf feine oerhaßteßen 
Sühne. — Du ßehß/ au« bem Stoße läßt ßch mit einiger SRühe 
etwa« machen — (eiber iß nur gar (ein fa(tifcher Slnhalt gegeben — 
ba« iß fehr fehlimm, benn wenn ein hißorifcher Stoß ganj unhißorifch 

t SB«* tt in Ott biflotifötn SBirfliipfttt war, hat €mft ©am (Sanbgrrichttyc&ftbfnt 
in Sititftlb, auch att Dichtet unb 9}o«c0ift aufgrtrttm) gejagt in tintnt ©ertrag: 
Über bit ©rubrrfchaft btr Xftifer im €ifaf. Colmar 1873. 


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Dftobtt 1853. 


181 


bebanbelt wirb, wirb er Unfinn. Da* Sieb fommt al* vierte* Such 
in bie Sammlung — bann noch einige «Jufüße; unb beftimmt ®nbe 
biefe* Stonat* wanbert bie Sache nach JJalte- 

3e&t habe ich mich wieber aufgericbtet unb jwar an ber Hoffnung, 
baß ber Xübinger Katalog wabrfchetnticb auch nicht Siel .bieten wirb. 
Dann gebe i<b entfliehen na<b Sonn, benn ich fann eS bann au* 
wiffenfchaftlichen Srünben meinem Sater gegenüber motiviren: in 
S finbe i<b jebenfalt* gute juriftifcbe Sachen (in 5tüb. febr fcblecbt), 
in benen J^efte viel nitbiger finb al* in ben StaatSwiff, bie fi<b viel 
leichter privatim ocbfen taffen. Sun, Sott gebe ba* Sefle ... Such 
Krempel fcpicfte ein Schreiben, ba* mich wirtlich biß ju £b*ünen ge« 
rührt bat; er fchreibt barin au* feine* Siebten* #aufe von ihr, unb ich 
fühle fo recht: fo unb nicht anber* muß ein ebler Stenfcb lieben. <5* 
bat etwa« wunberbar GrgreifenbeS, wenn Einern jum erflen Stale ein 
Sreunb von einer emften nachhaltigen Siebe fpricht — befonber* für 
mich, ber ich eine buntle 2lbnung höbe, baß mir biefe Sachen wohl 
ewig eine terra incognita bleiben werben. Der @ruß, ben er mir 
von ihr febiefte, wirb wohl fo jiemlich ber einzige fein, ben mir fe ein 
Stübchen fehiefen wirb. Doch woju ba*? 3<h glaube e* ift mein 
Schictfal, bamit punctum. — 9lu« Sonn bie berrlichften Sachrichten 
— o wer bort würe! — Seilduftg, fo gealtert bin ich nicht, wie ich 
auf bem Üneipbilbe, nach bem Daguerreotpp auofeben werbe. 

Jherjtichen Srubergruß von Deinem 

Heinrich X 

f 

Sun noch eine wirtlich ppramibalunoerfchümteSitte: Donnerstag ben 
15. Septbr ift mein SeburtStag; befomme ich ba wohl einen Srief ??? — 

88] Sn SBiUpfm Soff. 

DreSben, 15/10 63. 



-Stetjer fprach auch ju meinem grüßten Srftaunen von 

Deinem Stane Sßilolog ju werben. 3<h weiß jwar nicht, ob ba* 
bloß ein vorübefgebenber Sebanfe war. Slber Deine ^ufunft liegt 

/ 


/ 


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182 


Oftober 1863. 


mir )u fegr am .^ergen, alt bafj i<f> mir nicht einige Sorte barAber 
erlauben follte, auf bie ©efagr bin/ bafj bat ©ange AberflAffig »Are. 
3<b wollte Dieb bitten/ bie ©a<ge fo ernfl alt möglich gu nehmen, 
©rabe jegt gehört febr viel innerer Straf gum pgitotog. ©tubium, 
benn bie jammervolle ©lafir[t]geit unferer 3eit, bie man fo gern praf* 
tifchen ©inn nennt/ bot batfelbe febr in SRifjcrebit gebracht — frage 
Dieb, ob Du SRutg genug gafl, bem ©orartgeile )u trogen, frage 
Dieb ferner/ ob Du bie Stube beftgeft, bie/ wenn Du ben pAbagogifcgen 
•Jweig ber g)gil. »Ablfl, fo unumgAnglicb nötgig ift. 3<b glaube/ ben 
SRutb bnff Du, unb bie Stube wirft Du noch finben — aber bie 
J^auptfacge ift boeb, wat Du Dir felbft gutrauefl. 3<b benfe, bie 
3bee baju ift Dir gefommen bureb ben ©tauben: Sogu bie 3urifterei, 
wenn ringtum allet Steegt mit 3Afjen getreten wirb? — ein ©taube, 
ber für einen Deutfcben bet 19. 3abrbunbertt unb befonbert für einen 
©abenfer 1 , febr begreiflich ift, ben ich Dir aber um ©ottetwillen aut« 
reben möchte — benn et giebt für unfere 3eit nichts ©efAbrlicberet 
alt ben ^effimitmut — ein pefftmiftifeger liberaler ift nicht um ein 
Jgaar beffer alt bie wogllöblicgcn ©erfaffer bet neuen ©unbetprefi« 
gefegentwurft, ber wirtlich an ^erftbie unb Stiebertracgt Rillet Aber« 
bietet . . . 

9tun gu mir, wenn Du’t erlaubft, mit ber ©aegriegt, bafj ich 
Abermorgen frAb abreife, einen Dag in feipjig bleibe unb — Dieb 
bitte Deinen nAcbften ©rief nach ©onn, ©ternftrafje bei Äfm. Staefj 
gu abrefftren. — (©eaft ©ube.) Querab! Sat werben bat fAr Dage 
unb wie halb fege ich bann auch meinen ©erli wieber! — 2afj mich 
von ben ©rAnben febweigen — freue Dieb barAber, wie Du bit jegt 
mir immer fo beliebe Dgeilnagme gegeigt gaft. — 9Rein Äönigtgum 
von Stappoltftein ift fertig, ich bin, fo ©iet ich bit jegt urtgeilen 
tann, im (Eingelnen gang gut gefahren, aber bat ©ange ift eine un« 
paffenbe SRifcgung von giftorifegen unb pgantaftifegen (Elementen 1 . 
Sfueg im Uebrigen ift SRancget »erbeffert ober neu entftanben — aber 
4 ober 6 Soeben rnufj et ficger noeg bauern bit gur Slbfenbung ... 
©nt freut mich ungemein babei: ich Mt jegt meinem ©ater, bem 


1 Xreitfcgfe benft girr wogt |un&cgft an bat nxX @en>inui in ©oben wiberfugr 
(»gl. ®. 166 V. 8), anbrerfeitt abet aueg an ben gartn&cfigen Aampf bet Stjbifcgofi 
von greibnrg gegen bie SHegtmmg, bet gleich naeg bem Xobe bet Qroggeijegt 
teopolb (9pril 1868) unter feinem ©acgfolger griebrieg begonnen gatte. 3 ©gl. 
©cgiemann, @. 68. 


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Ctote 1868. 


183 


ich bither nur feie, um fo )u fagen, friedlichen und ^armtofm «Sachen 
unter meinen Gedichten gegeben/ auch «n&re gegeigt, die Du meifl 
noch nicht fennft, und die nicht* weniger alt fromm und mit fleh 
felbft im klaren find. Sr fagte mir allerdingt/ er »ermiffe dat »er* 
f&hnende Slement darin (und da hot er ftcher {Recht/ denn dat »er* 
miffe ich felbft), oder im Uedrigen war er ganj jufrieden. Daf ein 
fo ruhiger {Rann oon feften Grunbfdgen die regellofen Xr&ume einet 
jungen {Renfchen nicht nur entfchuldigt/ fondem fogar »erfleht/ dat 
ift mehr alt ich hoffen tonnte. St berechtigt mich ju der frohen 
Sutficht, baf ich dei einer Serbffcntlichung »on Seiten meinet SBatert 
wenigem 2Biberft>ru<he begegnen wurde, 2Bie glficflich mich dot macht/ 
wirfl Du begreifen; Du weift/ baf ich/ je älter ich werde/ meinen 
Roter immer mehr lieben und »erehren lerne; Du weift/ wie föhn 
et ift/ ein guter Sohn )u fein, und wie herrlich dat Seben wäre, 
wenn man in Squg auf folche Sande der Ratur und det Jperjent 
immer ein Äinb bleiben fbnnte — Dein 


Heinrich Z 



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3töf$(ufs feer afa&emifc&en S3itt>ung 

S3onn. Sübingen. Jgieibelbetg. 


Die erffen ©riefe an SBilhetm 91 off au» bem wieber erlangten 
SBotm leigen Dreitfchfe »off fibermötigffen grobfmn». Subelnb taucht 
er auf» neue in ba» golbene Surfchenleben feiner granfonia unb 
nimmt gugleich unb ebenfo eifrig teil an ben emften Söefhrebungen 
bet fiberaff $o<$ angefefienen Sßerbinbung. SRit ihrem bamaligen 
(Sprecher, bem Suriffen Heinrich Sachmann au» ^aberbom, fchlofj er 
rafeb eine langjährige greunbfchaft unb noch feffer, ber}ti<ber bilbete 
ft<b jefct eine anbere au»/ mit bem Hamburger Slipbon» Oppenheim, 
bie, fcbon 1852 begonnen, ungeminbert bi» in bie afferlefjten {eben»: 
tage biefe» greunbe» beffanb. Sfffe', bie Xreitfcbfe in jenen Sabren 
nabe traten, bewunberten in ibm bie unoenoufHtcbe, ju auögelaffener 
fhibentifcber ?uff wie }u ernftefter wiffenfebaftlicber Arbeit ffet» gleich 
bereite Äraft, „ber täglich einige Quartanten al» Opfer fielen*, @o 
fcbreibt ihm Oppenheim fpäter einmal, unb auch bet nach aufjen 
fprbbere, felbffbewufjtere Fachmann gibt halb bem »ier Sabre S&ngeren 
offen ben Vorrang an SBillenVfraft unb *Slaffijität be» ©eiffe»*. 
Sin philofophifcb grfibelnber, ffeptifcber unb hoch nach feflen formen 
fucbenber itopf, ifi biefer SBeftfale ein rechte» SBeifpiel, wie leicht 
bamat» Xreitfchfe» frohmfitige», offene» SBefen #erj unb @eiff SRit* 
fftebenber ebenfaff» aufjufchliefjen unb fich }u gewinnen vermochte. 
SBachmann hotte fein 9techt»fhibium nicht au» Neigung ergriffen, unb 
fo brachte e» ihm }unä<hft auch feine innere SBefriebigung. Sn griffiger 
Sereinfamung jahrelang in bem fleinen #erforb ft|enb, empfanb er 
bantbar, baff ihn Xreitfchfe in au»ffihrtichen Berichten an feiner wiffen« 
fchaftlichen unb literarifchen Xätigfeit teilnehmen ließ unb ihm feine 
Arbeiten fanbte. „Du glaubff taum, wie wohltuenb Deine greunbfchaft 


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Vbf$[u§ btt ofabtmifdjfn Gilbung. 


185 


für mich iß" fchreibt er DFtob. 1857 in einem befonber! beglichen Süriefe, 
unb ba! Saht juoot, wie Xveitfc^fe ihm fein Sülb gefchicft, hot er ihm 
»eine unenbliche greube" gemocht. »3# werbe e* in @o(b einrahmen 
(affen unb über meinem Schreibpult aufhängen, um 2)i$ immerfort 
oor Äugen ju hoben ... rt ift mir je|t, feitbem ich Dein Portrait 
befifce, al! ob ich Dieb mehr al! früher befäße." 

Hreitfchfe fühlte ßch in (Bonn offenbar junächß von bem um 
tiefere «u!bilbung ernßüch bemühten geißigen Streben SJaehmann! 
ongejogen unb oerbanft ihm/ ber in Hübingen von SJifcher! Verträgen 
einen ßarten fiinbruef empfangen, wahrfcheinüeh auch bie erfte Än» 
regung ju bem eigenen grünblichen Stubium beO teben!lang oon ihm 
hochgehaltenen ijlßhetifer!. 9leben 9loff! Briefen waren ihm 3ah*e hin« 
burch SBaehmannO bie liebßen. Schließlich entfernten ßch bie gteunbe 
bennoch oon einanber, jutnetß wohl über »ber (eibigen unb boch fo an« 
jiehenben ^olitif", wie Fachmann im 2Jidrj 1862 fchreibt. fit war, 
wie er felber offen au!fpraeh, ein @efühl!po(iti!er oon 3ugenb auf, 
unb anfang! fKmmte er in wefentlichen Heilen feine! bemofratifehen 
@tauben!befenntntße! mit Hreitfehfe jufammen. fir erfldrt ftch 1864 
burebau! einoerßanben mit beffen «nßebt, »baß ohne nationale Srunb« 
läge eine ßaatlicbe fintwicflung nicht benfbar iß, unb ich bin ou! 
biefem Srunbe ein ebenfo rabiealer Unitarier wie Du". Unb für 
Hreifchfe wieberum war, wie für Stahmann, bamal! noch &ie parla« 
mentarifche 8tegierung!form bie einzige wirtlich fenßitutioneüe. «ber 
wie er biefe «nßebt halb grünblich teoibierte unb abtat, fo f«h er fchon 
1861 in bem preußifchen SDiilitär ganj unb gar nicht »ben freffenben 
Schaben unfere! Staate!" unb bebauerte nur »bie unglücfliche gorm", 
in ber bie Regierung beffen Sferßärtung burehfegen wollte. 

Hteitßbfe! lebtet erhaltener 95rief biefer diorrefponbenj iß au! bem 
SRooember 1864. Slot furjem oerheiratet, hotte ihn Fachmann mit 
feiner grau in greiburg aufgefucht, unb Hreitfehfe, bem biefe! Sieber« 
fehen »eine feht große greube" war, hotte ben greunb im ©lüef ber 
jungen fihe gonj heit« »unb jugenblicher al! felbß in SBonn" gefunben. 
«ber, fo hotte biefer nach feiner «rt fchon wührenb ber Verlobung 
ba! firgebni! ber neuen glücftichen SebenOwenbung fritifch analpßert: 
»bie Siebe iß egoißißher al! bie greunbfepaft"; ße minberte noch ba! 
Sebürfrti! brieflicher «u!fprache, ba! wahrfcheinüeh mit ber nach bem 
3apre 1866 ßch ßeigemben ®erf«hiebenheit ber poütifchen «nßcpten 
ohnehin immer fehwdeher würbe. 


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186 


Hbfölufj btt atabnnif^xn ©ilbung. 


•Heinrich (Bacbmann war jundehfl jahrelang £rei«richter in einer 
((einen ©tabt feiner Heimat. 25a ihm jeboch feine £ugcbbrigfeit jur 
gortfehrittopartei für weitere« AufrAcfen im SRichterflanbe hinberlich 
festen, trat er 1877 in (Bietefelb jur Anwattfchaft über unb gelangte 
bann auch in bem neuen (Beruf unb baneben in fldbtifchen Sbren* 
Ämtern ju bem ibm gebAbrenben Anfeben unb Sinfluf}. 9(4 ©ebeimer 
3ufüjrat ifl er 1909 in ^o^ern Alter geworben. — 

Alpbon« Oppenheim gehörte ju ben greunben, beren Neigung auch 
bie ftärfften politifchen 3Reinung«»erfebiebenbetten ju Aberwinben t>er* 
mag. Sr war ein viel lebhafterer ©emAttpolitiler noch ate 85a<h= 
mann unb fo in feinem 3beali«mu« anfang« unb lange 3abre bin* 
burch au<b noch viel rabifaler al« biefer; auch er fAblte ftch jundebft 
nach 1866 ganj unb gar nicht einverflanben mit Xreitfch(e« unbe* 
bingtem Sintreten für Preußen« SRacbterweiterung in Deutfcblanb. 
Aber, fo fagt Xreitfc^fe felber von ibm, „e« war ein liebenVwArbiger 
SRabica(i«muö, ber au« bem $erjen (am, ein ehrlicher ©taube an bie 
©Ate unb 9ilbung«fdbigfeit ber ORenfcbbeit*. Diefe (Sorte ftnb ber 
(urj nach Oppenheim« (tobe verfaßten „Srinnerung" entnommen, bie 
im vierten (Banbe ber „#iflorifcben unb politifchen Auffdfje" ju tefen 
fleht Ohe bol fcreitfcbfe wdrmer von einem ORenfchen gefchrieben 
a(« von biefem greunbe jAbtfcher $ertunft hiev unb in bem Zroflbrief 
an ben Aberlebenben (Bruber. Diefer Sbara(terifh(, bie liebevoll hoch 
auch bie ©cbwdcben be« $ingegangenen anbeutet, ifl gar nicht« (Scfents 
liehe« binjujufAgen. Olicht« a(« ba« Sine, baff Xreitfchfe, at« er jwei 
3abre fpdter fein „(Sort Aber unfer 3ubentum* nieberfchrieb, lebhaft 
an biefen „alten ^»erjenöfreunb" bachte unb fefl vertraute, ber wArbe 
feine SRotive ihm nachgefAhlt unb gebilligt hoben. Durch nicht« 
(onnte er in feinem ©inne Oppenheim b^btr flehen a(« burch biefe 
Auffaffung. (Sie von bem eigenen ©ater, fo verlangte er gerabe von 
ben ihm am ndcbflen flehen ben, (tiebflen greunben bie Anerfennung 
be« magis amica veritas unb fo auch hn ©erftdnbni« für bie rein 
pathotifebe unb tief humane ©efinnung, bie fein ganje« 6ffentliehe« 
Auftreten befümmte. 

„Sr gewann halb unfer Ader Jj^erjen*, fagt Xreitfchfe von bem 
gran(onen Oppenheim („Putt")/ mit bem er bei feinem zweimaligen 
Aufenthalt in (Bonn je ein ©emefler jufammen war. Auch ba« ifl bie 
fchlichte (Sahrheit. (Bachmann, 1865 von ahen ehemaligen gran(onen 
nur noch *»it Xreitfcble in ©erbinbung, Idfjt burch biefen, ber im 


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Bbf<g(ufj b« afab<mif(b<n ©Übung. 


187 


Segriff »ft, nacg Gättingen ju gegen, bit bort anwefenben grüßen, 
„vor allem aber meinen lieben ^utt". Unb 3uliu# von grartgiu# 
fegreibt nach Öppengeim# Stöbe von bem gemeinfamen $reunbe an 
Streitfcgle: *3(1? verliere noch mehr an ibm, al# Du. Wiegt# al# ob 
icg glaubte, ibn mehr al« Du geliebt )u haben, aber ich habe nicht 
fo viel wie Du, um eine folche ?liefe au#jufü(len. Sr war in ber 
Stgot ba# freunbficgfte, (iebevodfte, treuftc Jgerj, ba# je gefchlagen 
hot." ©orte, bie im «Schluß von Streitfcgfe# Wacgruf beutlich wiber« 
dingen *. 

Die Sreunbfcgaft'jwifcgen $rangiu# unb Xreitfc^fe begann im 
Sinterfemefter 1854/56 in $eibelberg. Stuf ben )weiten furjen Slufent* 
halt in Sonn ließ Streitfegte im Sommer 1864 ein Semefter in 
Stübingen folgen unb vom September ab jroei Monate in Syburg. 
Die Tübinger Jeit, für ihn in ebenfo unerfreulichem Äontraft )u 
Sonn wie früher bie jwei Seipjiger Semefter, war boch fo arbeite 
reich, würbe fo wohl genügt, baß ber eben erft gwanjigjägtige fchon 
promovieren fonnte. dueg nach JJetbelberg noch führte ihn bann ba# 
Scbürfni# weiterer grünblichcr 9(u#bi(bung, für bie fleh bort unerwartet 
eine ihm befonber# günftige Gelegenheit ju bieten fchien. Sbenfo fab 
er nachher mit großer Sefriebigung auf fein nähere# gefedige# geben 
in biefern Sinter jurücf, unb fo überhaupt auf bie# legte Semefter, 
ba# borg ben fegon promovierten Stubiofu# noch in ärgerliche Surfegen* 
hänbel geraten ließ, ihn auf acht Sage in# Äarjet brachte. „Sa# 
mir immer ber ^auptmaßftab für ein glüediege# geben war," fo 
fegreibt er wieber in feinem fegten J^eibelbetget Srief an ben Sater, 
»ber Umgang mit braven unb befähigten Senfegen, ba# ift mir in 
biefern Sinter im reichen Saaße $u Stgeil geworben. Senn icg bie 
3agt meiner Sefannten im Gangen überblicfe unb ßnbe, baß Geifie#* 
fägigfeiten jiemlicg fparfam verteilt ftnb, fo fann icg niegt banfbar 
genug fein für biefe Gunft be# Scgicffat#, ba# mieg fegon oft unb 
unerwartet mit Senfehen gufammenführte, beren Grift unb Shorafter 
icg goegfegägen mußte." 

Die geiftige Segabung ber ftreunbe, bie Xreitfcgfe in Jgeibelberg 
traf ober von neuem antraf: $rangiu#, Scgel#fe, Sattin beurteilte 
er richtig; bie Si(len#traft, gegebene ginlagen inneren unb äußeren 

* $8on Dyptngdmi Stiftung« alt Sgtmiftt unb ancg von b«n SWtnfcgtn gat 
V. SS. Jgofmann gtganbtlt: »gut Srinntrung an voiangtgangtnc Jwnnbt* 
1, 307—861. Jgitt ift XttitfcgfeS Waegraf tingtfögt. 


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188 


8bf<b(ujt btt afabcmiföm ©ilbung. 


SiberfWnben jum 5trof ganj ’ju entwicfetn, fefte er, noch ju be* 
fcheiben unb unerfahren, bei anbem fo tote in ftch feiger ootaud. JJiefe 
Äraft aber zeigte weiterhin non ben breien nur ber jungfie, ber mit 
ihm faft genau gleichaltrige 3urift Sftubolf SRartin („SRarquid") aud 
Hamburg, ben Üreitfchfe fchon im Sinter juoor in ber granfonia 
Jennen gelernt hatte* SRartin, beffen erfter Vorfahr in Deutfchlanb 
1600 aud granfreüh eingewanbert war, ging faft non Anfang an fo 
ftetig wie Silhelm Woff ben eingefchlagenen ©erufdweg, (Heg auf ihm 
ju hoher richterlicher Stellung in feiner ©aterftobt auf unb fanb baneben 
noch 3*it unb Ära ft, mannigfach praftifch unb mit fleißiger geber um 
bie Sntwicflung feiner SRechtdwiffenfchaft (ich bauerob oerbient ju 
machen. (Srfl in biefem 3ahre, 1912, ift er, einer ber fpärlichen noch 
(ebenben greunbe Xreitfchfed, ald Senatdpräfibent bed Oberlanbed* 
gerichtd aud bem hamburgifchen 3ufü)bien{l gefchieben. 

Slnberd Scheldfe unb granfctud. Diefe greunbe wie auch Sach* 
mann unb Oppenheim befannten (ich mehr ober weniger )u einem 
theoretifchen SRaterialidmud, liefen bie SRenfchen oon ben £uftdnben 
unb (Sretgniffen beffimmt werben, unb ihre gebendftimmung führte 
fle barutn leicht zur Satire ober boch nur )ur SReftgnation. SBar fchon 
biefe ©emütdoerfaffung Xreitfchfe frühzeitig oerhaft, fo fanb ootlenbd 
bie {eugnung ber freien fittlichen Sillendfraft, bie Scheldfe oertrat 
unb )u ber auch Oppenheim neigte, in ihm einen entfehiebenen ©egner. 
SRubotf Scheldfe, ein Sefipreuf e, 1830 geboren, 1864 nur ein Sommer* 
fernerer lang aftioer granfone, habilitierte (ich 1860 ald Ophthatmo« 
löge in Jjeibelberg unb würbe 1865 in ©erlin ©rdfed erfer Bffiflent, 
fo baf granfiud ihm fafl fchon „eine gldnjenbe Jufunft" prophezeien 
wollte. 3wei 3ahre barauf ging er nach Hamburg in eine (eitenbe 
Stellung, 1876 aber wieber jurfief nach SJrrlin, wo er noch breifig 
Sahre in ungebunbener Xdtigfeit lebte; er hatte ftch 1867 mit einer 
Wichte getijr SRenbeldfohnd oerheiratet. Xreitfchfe hat ihn ald Rügen, 
fcharfftchtigen Äopf fortbauernb gefehlt, ift in ©erlin wieber in ge« 
fettigen ©erfehr mit ihm getreten unb hat neben Jjelmhol§ auch von 
ihm in naturwiffenfchaftlichen gragen ftch gern beraten taffen. 

9tm ndchflen aud bem greunbedfreife in #eibetberg trat )u Xrettfdhfe 
fpdter 3utiud oon granfiud. (Sr war SRebijiner wie Scheldfe unb 
«benfalld aud Seftpreufen gebürtig. Wächtern auch <* > n verfeme* 
benen Stdbten unb ald Schiffdarzt eine Jeitlang umgetrieben war, tief 
-er ftch anfangd ber fech)iger 3ahre jundchff in ÜRünfter am Stein, 


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9bf$Iufj brr afabtmifchat 43itbung. 


189 


fpdtet in Äreujnach al« Hurorjt nieber. Sr felbet fchteibt ftch, in 
einem 93rief au« bem Sabre 1861, „eine franfbafte SRafWoftgfeit* 
)U, „ewige Unjufrieben^eit mit mir felbfl unb mit meiner Xdtig* 
feit, }U ber ich feinen 93etuf höbe". ©otcbe ©timmung«duferungen 
brauet man hier unb fpdter — benn hduftg feeren fie wiebet — 
nicht immer wirtlich ju »erfteben; oor bem halb bestich bewun« 
berten greunbe, ber mehr al« brei Sabre jünger, mit freubigem ju* 
le§t mit beroifdfem Arbeitömut nieberwarf, wa« ftch ihm auf bem 
2Bege ju feinen -Bielen entgegenfteHte, würbe ber ®egenfa$ be« eigenen 
©efcbicf« fchdrfer empftnblich. 93effeben bleibt immerbin, baf ber 
)eitleben« tieferer geifüger Anregungen bebürftige SRann, ber, wie 
feine Briefe an Xreitfchfe beutlitb jeigen, auch mit gutem litera« 
rifeben Urteil begabt war, in bem S3abetreiben feiner Umgebung ebne 
bie „beitenbe dtraft, welche freubige Arbeit bot"/ nie innerlich beintifcb 
würbe. 

9lur ber erfte SBrief, von ben mehr al« acbt|ig noch »orb«nbenen, 
»errdt in feiner Äritif ber „©tubien" bie überlegene Haltung, bie 
Xreitfchfe in J^eibelberg an @chel«fe unb granfiu« auffiel. 93alb 
nachher »erfchwinbet fie gdnslich/ ohne baf ber greunb barum mit 
abweichenben Urteilen irgenb jurucfbielte. Auch in ber $o(itif nicht, 
wo er Xreitfchfe hoch wefentlich ndber flanb al« Fachmann unb 
Dppenbeitn. Daf Xreitfchfe auch nach 1878 mit 93t«marcf weiter 
ging unb von ben liberalen (ich trennte, billigte gtanfjiu« ebenfowenig 
wie ©utfebmib. Aber gerabe in folchen feiten ernftlicher Meinung«« 
»erfchiebenbeit bricht bann wieber feine begeiferte Jufimmung s« ber 
Politiken ©efamtperfonlicbfeit be« bewunberten greunbe« befonber« 
berslich b«mor. „Die Seftüre Deiner gefammelten Auffdfce," fchreibt 
et gehr. 1880 über bie sweite Auflage ber Deutfcben Ädrnpfe, „beten 
manche, wie $. 93. ben herrlichen über ben ©ojiali«mu« ich feiner »Jeit, 
ba er gerabe im ©ornmer erfchien, nur flüchtig gelefen hotte, bot mir 
wieber fo recht lebboft »or bie ©eele geführt, wa« wir boch an Dir 
haben, unb wie Reinlich unb unoerfdnbig e« ift, an Dir herum« 
Sumdfeln, weit Du bie unb ba Sinem ober bem Anbern etwa« con« 
feroatioer aufsutreten fcheinf al« e« ihm in feinen Anfichtenfram paft. 
8Ba« liegt benn überhaupt an einer fleinen ©chattierung ber Partei* 
Peilung, wo ber reinfe, glübenbfe ^)atriotiömu«, fletfigfte« unb tieffe« 
Einbringen in bie Dinge, »erbunben mit einer folchen flacht ber 
SRebe boch genügenbe ©ewdbr leifen, baf au« fotcher Xbdtigfeit boch 


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190 


Vbf$(ug b« afabfmifcb« ©ilbung. 


nur ©ute« für ba« Söaterlanb refultiren fann." Sit fixerem Urteil 
gatte er Anfang 1870 in bet 9teuen golge ber „JpifJorifc^xn unb ^>olü 
tifcgen Sluffäge" »or adern bie Slbganbtung über „ba« confhtutionedc 
Königtum in Deutfcglanb" beifddig aufgenommen/ „etwa« Steinigen« 
be« unb Älätenbe«" in igr gefunben, „etwa« wa« burcgau« gefagt 
werben mußte". Sr felber fcgreibt füg 1864 nur „politifcgen Snflinft" 
ju, „adetbing« einen febr entfcgiebenen"; biefer Snfünft machte ihn an 
»treitfcgfe« Seite jum rücfftcgttlofen Unitarier. Die Einheit ijl ihm 
„bie beutfchej Äatbinalfrage", bie „einjig wahre ©ottgeit" im Stempel 
ber beutfchen ^olitif. So begrüßt er 1866 begeifert „ba« 3ahr 1 
ber beutfchen Herrlichkeit" unb bebauert Oppenheim« abweichenbe 
Haltung. 1871 wirft er eifrig unb unermüblicg für Streitfcgfeö 
9teicg«tag«fanbibatur unb Sagl in Äreu jnacg«Simmern, unb noch 
1881, obwohl er politifch nicht mehr mit ihm jufammengegen tann 
unb auch «an Streitfcgfee Stngang im Saglfrei« wenig erbaut ift, berät 
er ihn boch freunbfchaftlieh unb will mit ihm nach Simmern fahren. 
„Denn ba« »erfleht (ich ja wohl »on felbfl, baß ich SDein treuer unb 
Dir herjticg ergebener greunb bi« ju meinem legten Utemjug bleiben 
werbe." Streitfcgfe fehiefte regelmdßig bem greunbe ade« wa« er »er« 
6{fentlüfte unb hat feinen banfbareren Sefer gehabt; grangiu« aber, 
überjeugt, baß „ohne viele unb gute Stränfe" in Deutfcglanb nicht« 
©roße« gebeiht, wie nicht nur 99i«marcf« SJeifpiel jeige, begann 
gegen Snbe ber fiebriger Sagte 74« 9lorheimer unb weiter bann »on 
bem Seffen wa« ihm auf feinem Seingut an ber SJlage juwueg« 
nach ®erlin au«$ufügren. Sin „SReifefäßcgen", ba« fleh »wegen feine« 
frdftigen Söaue«" ju folcher Siffion befonber« gut eignete unb auch 
anbere würbige fehlen feuchtete, lief hin unb her, noch im 33?drj 
1896 fünbigt fein ©efiger einen neuen Sabetrunf an. grangiu«’ 
legtet Sörief iff brei Soeben »or Streitfcgfe« »tobe gefchrieben; er felbfl 
überlebte ben greunb nur vier Sagte. Sa« ihm genommen war, 
tbnnen bie Sorte legren, bie er igm nach Sntpfang be« britten SJanbe« 
ber Deutfcgen ©efegiegte fegrieb: „in meiner Sereinfamung unb bei 
meiner Slrmut an fafl allen Dingen, bie ba« {eben lebenöwert machen, 
ifl mir mein dtergältni« ju Dir unb bie Siebe unb greunblicgfeit, bie 
Du mir bi«ger immer bewahrt gaff, ein Heiligtum unb ein unoer« 
äußerlicher Scgag, unb fein SBerlufl würbe ba« Serlüfcgen eine« ber 
wenigen Sterne bebeuten, bie an meinem bunfetn Seben«gimmel 
leucgten". 


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96f$hi$ btt afabtmif$tn ©Übung. 


191 


8lber auch £rettf<bfe, bet f«b fcbon bamale unter pattem ©ef<birf 
jujetten fafi erbrucft füllte, muß biefe reine Jreunbfcbaft eine« guten 
unb eblen 3Renf<ben jum Xrofie gewefen fein. 

©eine eigenen Briefe an gran$iu« unb Oppenheim ftnb beute 
verloren; jene erft neucrbing« burtb einen SBranb jerfiirt, bie anbern 
von Oppenheim felber vor feinem Üobe mit ber ganzen von ihm 
empfangenen äorrefponben) vernietet. 9tur noch au« bem Spiegel 
ihrer Briefe an Xrettfdhfe fann man ihr Serbältni« ju ihm beurteilen/ 
unb man erhält bavon, hefonber« au« ben von $ran$iu« getriebenen 
einen fehr anjiehenben, bleibcnben Cfinbrutf. — 

j£reitf<hfe verließ JJeibelberg Anfang SRärj 1855; auf ben Xag 
20V, 3«ht «lt lehrte er ju ben Seinen nach ©re«ben jurucf. 


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89] Vh tat 


Sonn, 30/10 53. 


Sfftetn lieber 93a ter! 

JJ>eut« ift ber Sog, on bem icb »erfprocben batte/ bie crfle 9tocb- 
riebt »on mir )u geben. <JP mdre mir alletbing» lieber/ wenn icb 
bomit noch einige Sage märten tonnte um etmap aupfübrltcber febreiben 
ju fbnnen; aber SDiama mirb mobl f<bon jegt anfangen ficb um ihren 
Älteren jungen ju dngftigen — fo ift eP benn mobl beffer, i<b febreibe 
beute, menn auch nur menig. — 3<b glaube, ber Stlbfcbieb »on 6u<b 
tft mir, felbft alp icb Jtierfl ba» väterliche .fjauP »erließ, nie fo $u 
#erjen gegangen alp biePmal; ber Vufentbalt in Seipjig, ber mich fo 
oft )u Such führte, batte mich ja faft mieber jum gamtliengliebe ge; 
macht, unb ein lang entbehrte» ©lucf mirft ja nur um fo tiefer... 
3lm greitag früh reifte icb ab; beim berrlicbflen SBetter, baP biP beute 
fortbauert, burebfubren mir Sbüringen — ?anb unb Fimmel maren 
lacbenb unb beiter — im Goupd faß ein Summier, ber auf einer 
JJarmonifa fpielte — jubelnb fang bie ganje 9teifegefe(lfcbaft, Säuern 
unb ©olbaten, ©tubenten unb ÜÄäbcben, mit — eP mar ein luftige» 
Silb, mobei Sinem ba» J^erj aufging: eine folcbe barmlofe Sufi an 
hoffte unb ©efang ftnbet man boeb nur bei unferem Solle. 3n grants 
furt blieb icb nach 16 jtünbiger gabrt jur Sacht Snberen Sag» ftanb 
icb früh auf, meil mir gefagt morben, baß icb nur mit bem £ug um 
6 Uhr noch nach Sonn tommen t&nne; cP ging aber noch ein jmeiter 
um 8 Uhr, fo benufcte ich benn bie £eit ju bem feltenen Vergnügen, 
mir ba» ermacbenbe {eben ber ©tabt unb ben Sonnenaufgang »on 
ber ÜRainbrucfe au» anjufebn. Stuf bem Dampfboote traf icb einige 
Sonnet ©tubenten — al» mir un» bem engeren 9tb<intbale näherten, 
hob ficb ber Sebel, unb all bie alten Setannten, Surg auf Surg, 
gelP auf gelP grüßten im freunblicbften ©onnenfebein. Der Empfang 


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Ofteber 1868. 


193 


f>ter am äbenb mar ungemein froh unb herjlieh. Sine SBoche ift wie 
im Singe oorübergegangen mit ©efuchen, Sottegienannehmen u.f.m.... 
Treiben »erbe ich beutfcheö ^rioattecht (mit bem $anbel& unb SBechfel* 
recht), ätirchenrecht, Sinanjwiffenfchaft unb 2anbwirtbfchaftölehte, unb 
aufer biefen 4 Sägern bie ftehenben Begleiter währenb be« ganzen 
eameraliftifchen ©tubium«: bie politifcfie ©efchichte unb ©tatiflif. 
SSemt ich gefunb bleibe unb meine £eit ju benugen weifj, werbe i(b 
ftcher aUen ©runb haben mit meiner ffiahl jufrieben unb Sir für 
bie Srlaubnifi baju bantbar ju fein. $rof. ©imrocf hübe ich noch 
nicht gefehn, bei ^rof. Berthe# bin ich über wieber freunbtich aufge* 
nommen. — Unter ben ©tubenten ftnbe ich noch manchen tieben greunb 
mieber ... unb auch »on ben anbren Sföttgliebem ber ©etbinbung, 
bie ich noch nicht fenne, bin ich auf* Jperjlichfle aufgenommen toorben 
— ba« ©ewufjtfein, fchon früher, ungefannt von einanber, benfeiben 
©rincipien nachgefhrebt ju hüben bringt fo Weht näher — unb fo 
oiel ich fcfc* urtheilen. fann ifl ber ©inn für ^offie unb ffiiffenfchaft 
in ber ©erbinbung noch eben fo lebenbig, wie bie 2ufl an einem frohen 
unb freien 2eben. ©efonber* lieb ift mir, baf ich manche ältere Seute 
ftnbe, mit benen ich auch• in wiffenfchaftlicher J^inftcht mich weiter 
bilben fann; unter biefen 2e|teren gefallen mir befonber* ein Sohlen jer 
von ber @ol$‘ unb ein Sffieftphol« Fachmann, SBeibrt 3urifien, bie 
fchon anbete Unwerfttäten befugt, unb benen ich noch näher ju treten 
hoffe. — Siefj ftnb ftcher 2tu*fichten unb ©erbältniffe, oollauf genug 
um mich glüeftich ju machen. Unb follte mir je ber @eijt fchlajf 
werben, fo hübe ich i a noch bie Srinnerung an baö niete Sble unb 
©chbne bei Such ju #aufe, bie mich oft ju recht bemüthigenben S3e* 
trachtungen anregt, fo befonber* wenn i«h in Seinen ©ebichten lefe* 
unb ba bei aller 2Bärme einen fittlichen Srnfl unb ein SDJaafihatten 
finbe, von bem ich noch unenbtich fern bin. — ©eib mir 211le herzlich 
gegrüft unb lafjt, bitte, recht halb StwaS oon Such oerlauten. 

3n treuer 2iebe 

Heinrich 


i Stleranber $thr. »on ber ®oI$, geworben in ©trafiburg 9to». 1912 att üßirfl. 
@«h* 9Uc, ©orftanb ber @rf&ngnU»eru>a(nmg in SlfafcSorfjringen unb Prdfibent 
b<* Äaiferlidjeu (Rate a. D. J in meuteren £eften f>anbf<briftfi<h erhalten. 
l 18 


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194 


Ofoventbn 1868. 


90] «n 3Wt. 

Sonn, 13/11 53. 



3cb banfe bem Fimmel, mein lieber Sßereli, bafj ich jegt nicht in 
gteiburg bin — folcb ein ©chweinebunb, toie ber, ben ich »on Dir 
geniefen würbe wegen frevelbuften Ungeborfam* gegen Deine täte» 
gorifchen Sefeble — e* wüte grauflg! Sfber benfe nur, foweit treibt 
Anoden feine greebbri*/ er fühlt nicht ben geringen SRoralifcben wegen 
feiner ©aumfeligfeit, ift im ©egentbeile bü<bli<bfl befriebigt von feiner 
Hanblung*roeife. Hätt’ icb Dir Deinem Sefeble gemäfj oor 8 «tagen 

febreiben wollen, fo wären gewaltige Dinge nicht gefebebn-Du 

ftimmft mir ft eher bei, wenn ich eine Hauptaufgabe ber blutigen 
Surfcbenfcbaft barin ftnbe, ben ©tubenten afe folgen ju achten unb 
bie Äluft, welche ber <Sorp*comment jwifeben ben bunten 3Ru$en unb 
ben äameelen fünftticb geriffen, auöjufülten. 3cb wühlte alfo, lebhaft 
unterffügt »on ®ol$, ber in ©dangen Rlebnliche* wie ich in {eipjig 
gefebn, für einen Scrfucb, bie gefammte ©tubentenfepaft ju einigen 

— wir wollten baju bie 1. (Gelegenheit benugen, ben gacfeljug, ber 
bem neuen SRector (@ed) gebracht gu werben pflegt — 9Run, ber 
Serfucb felbjt ifl feblgefcbtagen ... anbererfeit* tfl bamit bie gr. jum 
1. SRale au* ihrer unmotioirt jurüefgejognen Stellung berauOgetreten, 
bureb bie von un* berufne atlg. ©tubentenoerfammlung buben wir 
bie jtameele für un* gewonnen, bie eigentlichen SRcpräfentanten ber 
äffentl Meinung auf jeber Unioerfttät — unb bab gange odium be* 
gefcheiterten Serfuch* fällt auf ben S. C. unb bie 2 übrigen Ser* 
binbungen jurücf. Der gactetgug fanb alfo jlatt: über 100 gaefetn, 
wovon c. 40—50 Äameele — aderbing* Wenig, aber boeb mehr al* 
ber SC mit feiner ganjen fheitbaren SKannfchaft jemat* aufgetrieben 
bat. Dem ^uge folgte eine adg. Kneiperei, bie gur £ufriebenbeit ablief: 

— an wirtliche ©emütbdcbteit ift in folcben gäden ohnehin nicht 
gu benfen — man freut ft<b fchon, wenn nicht* Unangenehme* vor« 
fädt. SRebrere Äameele pautten (jiemlicb ungewafchen) ferner ein 
Zeutone, unb für un* mufte ich wich 9Rärtprertbume untergiebn; 
bie Seute waren gtüctlicherweife febr gufrieben mit meiner Seifhmg, 
nur fürchten Einige, meine dBorte fünnten un* al* ©onbergelüfte au*« 
gelegt werben — ein äamcel butte nämlich über ben polit Seruf ber 


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9ta>emtar 1863. 


195 


93urf<benf<b. gefprochen, i 6) fprach über btn flubentifcben unb fügte 
offen/ bet bireft polit. 93eruf bet 93. fabe ficb überlebt, fte habe 
nur ben inbireften, burcg Siuterung unb Sergeiftfgung beö afab. 
geben $ unb bur<h 93ilbung tüchtiger (Sbarafter auch unfere polit. 3u* 
funft fieser ju jlellen ,.. 

@enug ba»on — fprechen wir liebet »on un«, »on bet granfonia 
bie bie wunberbare 3Bo<bt eine« eblen ^rincipö no<b gonj in ihrer alten 
griffe unb Äraft erbalten fat — mit 15 in« ©emefter getreten haben 
mir im Saufe biefer Socbe 8 gücbfe rectpirt, 2 bi« 3 fiebn noch in 
Su«ficbt . . . ba« Siertelbunbert wirb wohl ju ©tanbe fommen — 
burrab! — Unb ma« für Seute — e« ijl fein Sinjtger barunter, ber 
nicht, bei allem 93in s , für Smfte« unb Jähere« ©inn bitte; 93acb* 
mann vor Slllem, allerbing« febr profaifcb unb falt, aber ein febarfer 
unb frifeber @eifl> bur<b unb bureb triftig unb energifcb — ». b. @otg, 
milber unb beliebter, offner Äopf unb Äneipgenie zugleich, von freien 
Slnficbten trog ber craffefien proteflantifcben ßrtboborie — Äameralifi 
au« Steigung — bieß finb mobl bie 2 SBebeutenbften mit $utt, ber 
immer noch ber alte tüchtige Sfunge, aber »iel berjlichrr unb gemütb* 
»ottet al« fonfl ift. Du weißt, ein gemiffer Mangel an 9>ietit, an 
©tauben (nicht in Jj?infi<bt ber Religion, fonbern be« ©emütb«) hing 
ihm früher an, fegt ift ba« gan) anber« geworben ... SBa« bi« fegt 
unferen gücbfen (worunter einige wirft tüchtige Seute, j. 93. mein 
Seibfucb« Sellmann au« Stettin) noch fehlt, ift ber 93in; wir alten 
Seute finb baber genbtbigt gewefen, um einigermaßen Sehen in bie 
äneipabenbe ju bringen, un« oft ju befneipen. — 

Doch genug — ich bitte noch Siel »tfn mir felbft ju fepreiben, 
in«befonbere »on einem febr ermutbigenben 93efucbe bei ©imroef — 
aber ich »erfpare ba« auf ein anbre« SDtal — ber 93rief muß nun 
enblicb fort — unb ich höbe heute wirtlich nicht 1 SKinute mehr -3eit; 
ba« £><bfen »erlangt fein SRecbt auf furchtbare Seife. 

Sfmmer ber Deine unb bießmal glücfliche urbin»o(le felige 

Heinrich % 



» 3 « btt Jponbfcfcrift ßegt nie «Hieb hier unb nwimbra gatt btt 9tamw< bat 
$Babinbnng<}«i<bat. 3 Sin bn bamaligtn SBonna granfonmfptacbt angtbirigrf 
Sßort (auch ©iw 0 *f<bwbw), jur ©tjticbnung »on grifty« unb Sulbauer ba 

13* 


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196 


9lo«emb<t 1853. 


91] 8n brn ®atft. 


99onn, 27/11. 53. 


-Slufier meinem Unwoblfein fann ich euch biefmal nur 

©tödliche« rnelben. 93ei ©imrod bin ich gewefen unb auferorbents 
lieb freunblicb aufgenommen worben; er war mit meinen gortfdritten 
febr jufrieben, wie er fagte, unb ermutigte mich fortjufabren; boeb 
warnte er mich wie ©u, lieber ®ater, vor ber 8Babl oon ©toffen bie 
einen fOtangel an oerföbnenbem Element in ficb tragen. Seiber ifl 
ti mir jeQt rein unmöglich mich mit tyoffie ju befeböftigen; icb mufj 
fßiel arbeiten; befonbert nimmt mir bie @ef(hübte ber $olitif unb 
9tationa(öfonomie febr oie( Jeit weg/ ba fie au« einer 9Kenge oon 
99ücbem berau«gelefen werben muff. Um fo anjiebenber ifl rt bann 
aber, in bem leben«oollen wecbfelreicben ©ang ber ©efebichte bie aQ« 
gemeinen ©efe(;e bestätigt ju finben, bie wir tbeoretifcb in ber fffiiffen« 
febaft gelernt, ffiie oiel fefföner muf e« fein, in bem Seben, auf 
ba« man b<*nbelnb feCbft einwirft, bie 99effötigung be« 2Biffen«, ba« 
man in ftcb trögt ju finben. — fRecbt intereffant ift mir ba« lanb* 
wirtbfcbaftlicbe Eolleg, ba« icb > n *Poppet«borf böre, befonber« weil 
e« ba« einjige ifl, wo icb ben ^rofeffor fafl ganj «erflehe. ©erfelbe 
war auferorbentlicb juoorfommenb gegen mich (e« ifl ein Dr. ^>art» 
fhin, ein febr tüchtiger junger 2Rann), benn e« ifl eine grofje ©eiten« 
beit, baf ein ©tubent, ber nicht Sanbwirtb ober — auf flubentifcb — 
nicht SRiflfinf ifl, nach 9>oppel«borf fommt. — äürjticb b<*be ich 
©eroinu«’ berühmte Einleitung in bie ©efebichte be« 19 3abrb. ge« 
tefen, eine« ber geiftreicbflen SBücber, ba« ich fenne. ©ie 3lrt wie er 
bie ©efebichte pbilofopbifcb bebanbelt, fdjjeint mir allerbtng« nicht 
richtig: er fleht ftcb nicht ben Sauf ber ©inge an unb bitbet fleh bnnn 
au« bem ©egebenen ©efefce, fonbern er fommt mit einem fchon fertigen 
©pfleme an bie ©efebichte unb fegt fleh bte Zbatfacben fo lange ju« 
recht, bi« fie in fein ©pflem paffen, ©o oergleicht er j. 99. bie 
grieebifebt fcpranni« mit bem mobemen Äönigtbume at« Uebergang«* 
fhtfen oon ber Slriflocratie jur ©emofratie. ©a« will mir aber fchon 
befbalb nicht einleuchten, weil bie grieebifebe Üpranniö nur eine furje 
^eriobe ber ©ewalt ohne innere 99ebeutung war 1 , ©a« heutige Äonig« 
tbum ifl $war auch gewaltfam entflanben, aber mit ihm tritt eine 


fonbert btirn „Üblich« Sun* brt Ergo bibunas. €< «tßammt in bitfet Junfticn, 
tofafawtfbotifch mit «ft fhibmtifcb« VblfinmgtaHOf&r, bn Siebrorabung „btt 
®im muf*. 1 Sögt, politif 3, HL 2, 198 f. 


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9lowmb« 1863. 


197 


ganj neue 3bee auf. Sie 3bee be$ ©taatt, bte im Hlterthume mit 
Steligion unb ©efettfchaft jufammenßet unb im Mittelalter vor lauter 
Srivatrechten unb ß)rivatfehben ganj verfchwanb, tritt in ber mobemen 
Staatsgewalt unabhängig von JUrcbe unb ©tänben Har hervor, unb 
fd)on beihalb iß, glaube ich, unfer heutiger beutfcper ©taat ein ganj 
eigentümlicher. — Stro§ Slttebem ift bat Such voll von geißreichen ©e* 
banfen, wie j. 9}. bas ßhbne Mort, baf ein löol! nie auf 2 gelbem 
feiner Shätigfeit (j. 99. auf politifchem unb retigibfem ©ebtete) JU* 
gleich fortfehreite. Hm Meißen jiebt mich über an bem Suche an 
ber glühenbe ©taube an ein allgemeines gortfehreiten ber Menfchheit, 
ein ©taube, ber, fo nbthig unb natürlich er iß, jeßt leiber ben Meißen 
fehlt, weil ße über einjelnen HuSwücbfen unferer Kultur ihre J^err* 
lieh feit im ©anjen nicht fehen »ollen 1 . — 

Soch ich vergeffe, bai Jjeppchen feßon längß über bie „ewige 
SMitif* gejanft hoben »irb unb will, um ße ju unterhalten, nur 
gleich erjählen, baß bie granconia ßdj neulich »ieber einmal in ihrem 
oollen ©lanje jeigte, inbem ße an ber ©piße ber ©tubentenfeßaft bem 
neum SReftor einen gacfeljug brachte — ferner baß ich von ber 33er* 
binbung jum Shrenrichter unb von bem afabemißhen Sefcverein jum 
SorßanbSmitglieb erwählt worben bin. £eßtere Sßre rebucirt ßch auf 
baS langweilige Vergnügen, aller 14 £age einer Sebatte über £ampen* 
licht, Hnfcßaffung neuer Leitungen unb ähnliche erheitembe unb hes 
(ehrenbe ©egenßänbe beijuwohnen; meine £eibenSgenoßen ßnb 5 S&ro* 
fefforen unb (außer mir) 2 ©tubenten. Xroßbem freue ich mit 
barüber, ba ich überbieß für meine HmtSmühe gelehrte ^eitfehriften 
gratis ins JjpauS geßhtcft erhalte, was 3ofephe an ©utfeßmib erjählen 
mag, bamit er mich beneibe ... 

Meine Moßnung iß attertiebß, auf ber belebteßen ©traße ber 
©tabt; über mir wohnen 4 von unferen £euten, nämlich außer Oppen* 
heim aus Hamburg, ber fchon früher hier war, v. b. ©olß ein Schein* 
(änber, v. SRinow ein Märfer unb Moß ein ©tettiner — alfo faß alle 
Sheile SeutfchlanbS vertreten unb jwar burch ihre beßen ©ohne. — 
Sie Serbinbung iß ungeheuer auf bem Samm unb hot an bem 
jeßigen SReftor (©eil) einen befonberen ßJroteftor. — Mas fonß etwa 
noch iu erjählen wäre, verfpare ich ouf ein anbereS Mal, benn meine 
•Seit iß gemeßen. J&erjliche ©rüße an Sitte. Mo nicht eher, fchreib 
ich bo<h ßeper wieber ju Jj>eppch«nS ©eburtStag, ben baS SRßeinlanb 
i ®9t. felitU 1, 9ff. 


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198 


9}o»«tbtt 1863. 


al« Sarientag feftlich mitbegebt. 3m ndchften Briefe feib 3hr mobl fo 
gut mit ju fagen, ob ©utfchmib« Doctor nun enblich abfoloirt ifl 1 ... 
3ft «0 benn n>abr, bafj ber 9>remietminiflet abgebt? 

Sie immer mit aufrichtiger Siebe an bie Jjeimath 

Dein treuer @obn 

Jjeinrich 


92] 9n Otubolf anb Sffitlhelm 9loff. 

»onn 30/11 53. 

Knollen feinen Sdbffen 

burfchenfchaftlichen ©ruf juoor! 

$brt ma^ alte 3ungen«, wenn ihr mir biefmal nicht bie g reute 
macht $u fomtnen, fo foll hoch* — Nun, eO ij! nicht fo fcblimm 
gemeint/ ich bin eben im 3uge unterfchiebliche offtcielle Sinlabungen 
ju unferem Sommerfe abjufchicfen unb höbe fchon alte höflichen unb 
groben Formeln erfchdpft, fo mufj ich biefj mal wohl mit einem Donnen 
»netter anfangen. — Nun ja, im Smfl, ba Nubolf« hoffentlich glücf* 
lieh noruber (meinen ©lücfmunfch), SJereti« Sartertage noch 1Sdbrchen 
entfernt finb/ an Silberbarren unb 93in hoffentlich (ein Sangel herrfcht, 
fo laben mir Such hiermit herjlich ein jum Sommer« in Sin) am 
10. Decbr. Slbfabrt bahin 2 Uhr Nachmittag« in 4s unb 6sfpdnnigen 
Sagen. — granconia im @(an)e — Sille« noll 83in, Sufi unb 
Siebe überall/ ber Schein fo fchon mie je, bie guchfe fchon gan) eins 
gembhnt unb Jjjerjen bie Such (ennen unb lieben ober not SJegierbe 
brennen e« )u tbun — genug. Sa« mollt 3br mehr? S« mirb 
herrlich, Sille« ifl ein 3ubel, heut Slbenb guch«ritt, roobei Dir 2 ©anje 
freunblichfl )ugebacht feien. — 

Sein Nereli, menn Du mich lieb h<*fl, fo (omm. 


Heinrich Zt. 



Ndchften @am«tag thut un« ben fpecieden ©efatlen eine cotoffale 
Söierlifle nach SJerltn )u fchicfen, mie mir auch thun merben. Sir 
mollcn bie ©pteefranconia mal erfdufen. 

* @utf$mib promooitrte, nicht langt »ot Sttitfchft, im folgenben Sommer. 



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Sqtmbtt 1868. 


199 


93] Sn SBttgdtn Boff. 

(Bonn, 18/12 53. 



£u fpdt otelleicgt für Dein ungebutbige« granfonengerj, mein lieber 
Beteli, aber ftcger notg «iel ju frug für meine befegrdnfte >Wt fege 
ieg mieg geute gin §u bem gewunfegten Beriete Aber unfren Sommert. 
Die @dfte, ber Kater, bie Slbfpannung, bie Botgwenbigfeit bati jDjren 
niegt adjulang liegen ju (offen unb taufenb anbre golgcn ber toilben 
flubentifegen (Bauerngoegjeit gaben mir bi« jegt fetbff ben ©ebanfen 
baran, micg mit Dir )u untergalten abgefegnitten. ©o nimm benn 
juobrberft unfer 2111er get)liegen Danf für bie warme Siebe jur 23er« 
binbung, bie un« Dein ©cgreiben wieber in fo fcg&nem Siegte jeigte. — 
Seiber ifi Jeber (Brief jwifegen jwei greunben Biegt« a(« eine (Beileibe 
bejeugung, baf fie fieg niegt 2(ug’ in 2(uge fegen — unb fo will ieg 
Dieg aueg biefmal niegt mit (Befegreibung brt traurigen ©egweigen« 
plagen, ba« auf ba« Beriefen Deinrt (Brief« folgte. Sinen Slnberen 
würbe ieg ju frdnfen glauben, aber Dieg freut rt gewif, wenn ieg 
Dir fage, baf Du alletbing« Biel, fegr viel ©cgdnrt ocrfdumt gaff. 
Sine fo fegbne SKifegung oon Srnfl unb toller Suffigfeit ifl mir fafl 

nie oorgefommcn-Bon ber Soblenjer ©träfe an flogen 

wir im Sarriere unter ^urrag unb 3ubel bagin bie gagne flatterte 
im frifegen (Binbe, bie (Berge gatten igr laegenbfte« ©efiegt aufgeflecft, 
ber JRgein war flar unb gell unb freute fieg feiner treuen jungen; 
»öde JJbrner würben gefegwungen — in 9tolanb«eef bem ©rotjen’fegen 
(Beine bie geb&grenbc Sgre erwiefen — fo ging rt weitet am fegdnen 
(Kgeinufer 2lngeft egt« ber alten ©tdbte, bie gerübergrüften, na<g 9le* 
mögen in bie reftaurirte «ftoffmannfege Kneipe. (Der (Birtg ju 
Sin) gatte abgefeglagen, weil igm auf bem (egten (Boruffencommert 
Sitte« jerftglagen worben.) Der Sommert felbfl war gerrltcg: mit 
unferen fteigefprocgenen Raufen (Baegfrig, (Putt, Seffer, ieg) biffen 
wir un« bebeutenb gerau# oor bem ©rfinen, ber eine cinfhibirte 
Xirabe oom „@ldfer wirbeln (offen" (oOlief. S« war fo ernfl unb boeg 
fo frog bi« )u bem granconenliebe oon ©teilberg, bafj ieg mieg nur 
wenig fegdneret ©tunben im weifrotggolbenen Kteife entfinnen fann. 


l Sin €>«g<fo&nn<t, fitben (BitrfpAtmtt, vitx fftcgfc ju 


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200 


Dejember 1858. 


Die bann auöbrechmbe blöbftnnige Sufligfeit tarn gerabe rechtzeitig, 
um )U jeigtn, bafj bei allem ibealen «Streben bcr alte Bin noch nicht 
geworben. Du vermifjeft vielleicht baö Sieb „ÜÄancher fehlt ach * n 
bem lieben äreiö" 1 — aber mir glaubten ben Stiftungdcommerd burtf 
einen energifchen ^rincipritt eröffnen ju muffen, wie baö burch «teil 
Sieb 9lr. 1. auch gefchehm ift 1 . Da§ man (Jurer nicht vergeben, »er 
fleht ftch von felbft 3ch brachte ein J^och auö auf unfere Slltvor: 
beren in ber Berbinbung, bie unö ben guten Stuf unb bie feficr 
Brincipien gefchaffen unb unö nur bie leichte Blühe gelaffen baö 
fcfiöne SBerf in ihrem Sinne fortzuführen. Jjdttefl Du ben 3ubel, 
ber barauf folgte, mit angefehn, ben zweimaligen £ufch unb bat 
bonnernbe Jjoch gehört, Du roürbefi unb froh nachfagen, ba§ fid 
bie junge §tanconia bantbar ihrer Sllten erinnert. 2lm anbren Blorgei 
Äaterfprifjen nach allen Dimenfionen; ich mit noch Einigen führte 
meinen Äater (ber natürlich nicht vorhanben mar) nach &er (Jrpeler 
Sei?, bie mir — ermtfj barauö bie 3ntenf»töt unferer @efühle — vom 
Scheine auö an ber beinah [entrechten Jgtohc h<tauf erfletterten. Du 
weißt, eö ifl bie fogenannte nieberrheinifch« Sorelet) mit ber ^errlieh s 
flen SRunbfchau: gegenüber bie fchon fchneebebecfte ßifel mit bem 
£>lbrücfer Xhurme, tief unten bie alten Stibte biö jum Stheinecter 
Reifen unb enblich linfö bie gemaltige Pforte jum rheinifchen ^arabieö, 
Drachenfeld unb SRolanböecf... Diendtagö grühflucf auf ber Burg, 
bann @e(eitöfprüge nach SRolanböecf für bie @üfle, bie von ba nach 
bem.Süben jogen — bie Ärone beb ganzen gefleö, eine nur 2flüm 
bige Kneiperei, aber fo voll Siebe unb Seligfeit, bafj eö mir noch 
jefct ganz marm mirb, menn ich bran benfe; bie Siebenberge in ber 
herrlichflen Beleuchtung jeigten ben fcheibenben grantenbuben noch 
einmal ihre volle Schönheit, ihre |>^antafKfdhen ßontouren traten mie 
mit Blei gezeichnet fdftarf unb fefl auö bem lichten SKbenbhimmel 
hervor. — Uf — nun lafj mich verfchnaufen, befter 3unge — baö 
mar boch Bin unb Seben, mie man ftchö nicht mehr münfchen fann! 
lieberhau^t ftnb mir rieftg auf bem Damm; ich * ann »®hl faß««/ 
baö geifüge Sntereffe unter ben Seuten hot gegen früher jugenommen, 
baö mürben unfere Debatten ). B. über bie Bibliothef genugfam 

1 Bert atrt einem von Zreitfcbfr 1862 gebeteten „$efignifj in OioIanbJett": ®iebet 
in ben weiten ffeftrtballrn — Sifcen mit im trauten greunbrtbunb. 2 
1868 eerfafte „©unbrtfieb*, bat ßreibeitiiiebe, ^reunbrttreue unb „Wut im rechten 
Streiten* gelobt. 


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jDqrmbtr 1863. 


201 


>1 


! 

< 


beweifen. ©o regt noch je$t bie 3bee eine« allg. ©hrengericht« für bie 
ganje ©tubentenfchaft 2Ule« auf — bocb bavon fpdter, wenn fich biefer 
fchöne aber embrponifche ©ebanfe eine« hefigen jtameel« ftarer ent» 
wicfelt bot; ba« 3ntereffe baran fpricht gewif für ba« ernfte ©treten 
unferer Seute. — pu unferen 23 erwarten wir ju 91eujahr bejlimmt 
notb einen febr tüchtigen Such«/ ber in ben gerien ©rofmütterchen« 
©rtaubni« einboten will. — ©piter wahrfcheintich noch 1 ober 2 abtige 
Jjerrn, bie ©olfc un« juführt. greilich hoben manche Seute etwa« 
furcht vor bcm ©inbringen fotcher ©temente, unb ich tonn/ grabe 
weil ich fclbfl mit ber $Partifel geboren bin/ bem nicht ganj wibet» 
fprechen. ©ine gewifie »efchrinftheit hoftet jebem ©ohne unfere« 
unglücklichen ^witterabet« an; er wirb fchon at« Äinb gewöhnt al« 
Sftafflab an feinen Umgang nicht ba« ©riterium „gut ober böfe" 
fonbem ba« „anftönbig ober nicht" anjulegen; unb bief vergiftet 
jebe nicht ganj gefunbe Statur von ©runb au«/ währenb e« faum 
©inem unter J^unberten gelingt/ fich ganj von biefer eingeimpften 
9fnf<hauung«weife frei ju machen. 3ch fage ba« offen, weit ich/ ob» 
gleich bei meinen ©erroonbten at« Demotrat verrufen/ oft genug noch 
heimliche Stegungen in mir fühle/ bie mit biefem ©ebantengange ju» 
fammenhöngen. — Stun wir werben ja fehen, wie bie 2 fraglichen 
3ungen fich machen. — 

3ch fchreibe fo 53ie( von ber granconia, weit ich mich fo fehr 
gtücttich in ihr fühle unb boch weif, baf ei fo fehr batb bamit ju 
©nbe geht. 3ch muf nöchfte« ©emeffer fort, um Stube ju erhalten 
um enbtich mich fommetn ju tönnen für ben grofen herrlichen 
ÜBerfeltag be« Sehen«, um ber 9>o«fie, bie mir verhüllt im Sehen ent» 
.gegentritt/ rein im ©elfte nachjugehn. Davon in ben gerien, fobatb 
Du mir burch einen au«führlichen unb — (ich bitte Dich hr*jK<h 
barum, mein SJereli, bent an ba« fBiete wa« Dir an Deinem eignen 
Jjerjen unb Deinen greiburger greunben bleibt!) nicht fo traurigen 
unb auch 3(nbre traurig machenben ©rief ein fchöne« Sßeihnacht«» 
gefchent gemacht hoff. — 


Dein 


Heinrich Z 


$ 


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202 


£e}ember 1863. 


di] Vn ben SBater. 

Sonn, 22/12. 53. 

-^undchfl möchte ich Dich bitten/ von bem Seifotgen* 

ben dtönig 9fanö’ß »lobtet 1 an Sohanna unb bie Soreter» 1 an Sofeph« 
alß SBeibnachtßgefcfjenf ju geben/ wührenb Sften Stibbleton* noch eine 
©eburtßtagßfchutb für Jjeppchen vorfletlt. gür Stama bitte ich f° 
gern unfer Äneipbtlb mitgefchicft, aber eß wirb (eiber vor Seufahr 
nicht fertig. Sei Stainer mufft Shr wobt wieber fo gut fein/ für 
mich einjutreten, benn icb Sann b*er wirtlich nichtß Semünftigeß für 
ihn auftreiben. — SBie gern möchte ich eß felbfl bringen/ benn wie 
ber «Sonntag Sebem unvetfldnblich bteibt, bem eß an fircglichem Sinne 
mangelt/ fo vertiert 8Beihnachten ohne ben gamilienfreiß feine fchöm 
ften greuben. Darum werben mir bie Zage aber hoch nicht trübe 
vergehn; bie 16 von und/ bie nicht nach J?auß reifen/ birigiren eine 
gemeinfame Sefdfterung, ich bin mit in ber €ommiffton, unb baß 
britte Stört/ waß man. hört, ifl jegt „2Beibna<htßgefch«nl". . . Such 
baß Sanb hat/ maß h«t f«h* fetten/ ein 9Beihnachtßfleib angejogen: eß ifl 
bitterfalt, ber Sthein treibt hi«f nur noch wenig £iß, benn im Seelen 
von St. ©oar ifl er fchon jugefroren ... bie ßobtenjer ^>ofl führt fegt 
oft mit beitüufig 24 Sei wagen; noch fchtimmer ifl eß für ben Starte 
verlebt; bie Sanbteute vom rechten Ufer fönnen an nebtigen Zagen 
gar nicht, an betten nur ftbr tangfam ju unß herüber — furj, für 
bie Herren „Giviß" ober „Sin Unparteiifcher" ober „ein Kölner 
Sürger" ifl fegt bie paffenbfle ©etegenheit in taufenb gewannen 
unb ungewafchenen „Singefanbtß" bie beiben Sebenßfragen für bie 
SUheinprovinj/ bie jlehenbe Srüde unb bie (infßrheinifche Sifenbahn 
ju verhanbetn. Srflere wirb nun boch wahrfcheintich im nüchflen 
Sabre in Sngriff genommen werben; über bie tegtere möchte ich <*&er 
gern nach att ber Staffe von Rapier, bie barüber verfchrieben worben 
unb nach ber SÄufjerung beß Kriegßminiflerß, fte fei auß flrategifehen 
©rünben untbunticb, ein Urtheit von Dir hören, lieber Sater. Sollte 
man wirtlich bie bringenben Sebürfniffe einer ganjen ^rovinj fo 
lange unbefriebigt taffen bürfen nur auß gurcht vor einer möglichen 


1 3«er 3«t ungemein beliebte« romantifche« Drama brt b&nifcbrn Dichtet« Jgenrit 
•preß, ba« auch Sutiau Scßmibt in brr 1. Su«gabe ftinrr brutfchrn Sitetatue 
Btfchichtt (1863) Sb. 2 @. 228 besticht ((Retiam« U^B. 190). 9 SBobt ba« 

juerft 1861 unter biefrm (Romen (Soreiei) rrfchimmr »Qißeinifche Sagenbuch" von 
SBoIfgang 3R&Qer von JUmg<»inter. 8 (Roman von @. guOetton. 


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Sqcmfcr 1863. 


203 


feinblichen Sfnvafioo? um fo mehr, ba fchon eine (Kenge anbter 
Sahnen auf bem (inten (Rheinufer befielen? Sodte wirtlich bie Sahn 
in geinbe*hanb fo gefährlich fein, fo lange bie beiben feflen Snbpunfte 
Äöln unb Äoblenj noch von ^teufen gehalten werben? — 

Sn meinen Stlebniffen ifl wenig 9(bwech*lung gewefen, ich bin 
fo glücfltch al* ich e* nur wünfchen tann unb nur Sin* fehlt mir: 
bie £eit, benn je weiter ich in meinem Sache vorfchreite, beflo unab« 
fehbarer fcheint mir ba* gelb. (Siber mein eigne* Srwarten verliere 
ich nicht bie Sufi an meiner (Siffenfchaft, je mehr {ich ba* Material 
häuft; freilich ifl e* mir allemal eine wahre Srholung, ein Such S“ 
lefen, ba* teine neuen Data, aber neue Slnfchauungen bringt, wie 
neulich ein (Serf von Änie* 1 , ba* ben Sag beweifen fod: e* giebt 
im ftaatlichen {eben feine (Einrichtung, bie fchlechthin für ade 
Staaten unb feiten verwerflich wäre; eine wiffenfchaftliche Srflä* 
rung ju ©oethe’* grofem (Sorte „(öerounft wirb Unfinn, iSohltbat 
^lage". — Die einzige Unterbrechung unfere* ruhigen {eben* war 
ein furjer aber fehr fchäner unb vom herrlichften (Setter begunfrigter 
Sommerö'in (Remagen am 10. Decbr. wovon ich wohl ba* nächfle 
(Kal (Nähere* fchreibe. — (Run, ©ott §um ©ruf, mag Such ber heilige 
Slbenb ein fo froher fein, al* meine Srinnerung an Such eine h«*}* 
liehe ifl. — (Sie immer 

Dein treuer Sohn 

Heinrich 


96] Än bn» (öatrt. 

Sonn, 31/12 53. 

3eh tann ba* alte 3ahr nicht votbeilaffen, ohne Dir, mein lieber 
Sater, bie herjlichflen ©lücfwünfche jum ubermorgigen (tage unb 
Such Slden, 3hr Sieben, meinen Dant für bie freunbliche (Seihnacht*« 
befcheerung ju bringen, ©an} befonber* erfreute mich ber Srief von 
(Kama, ber fo gan} unerwartet tarn; wenn nicht übermorgen Dein 
Shrentag wäre, würbe ich f<h°n heute an bie gute (Kutter fchreiben; 
jebenfad* gefchieh* e* ba* nächfle (Kal. So fchwer e* mir würbe, 
habe ich boch wit Sr&ffnung ber Senbung, bie fchon am 23. früh 
antam, bi* }um heiligen Slbenb gewartet. Schon Vj 7 Uhr mufte 

> Die polit. JÖfouemie vom ©tanbpunftr brr gef^ic^tli^rn 5Rrtf)obr, 99raunf<bn>rtg 
1863. 


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204 


X>t)ttnber 1868. 


ich auf unfere Aneipe gehn um alO ffieibnachtOcommiffir befcheeren ju 
Reifen. Sin großer £icbterbaum mar in brr fchbn gefchmürften Äneipe 
angejünbet; burcf) ©eitrige waren ®efcf>enfe angefchafft worben, bie 
bann oerloofl würben, außerbem lagen für Sieben @efcf>enfe oon feinen 
fpeciellen gteunben auf 2 langen £ifchen. ©ach 8 würben bie artigen 
Ainbet ^ereingerufen; ba erhielt juerft Sieber ein fogenannteO ©ummefc 
gefchenf, b. h* irgenb eine Aleinigfeit oon paffenben ©erfen begleitet, 
worin irgenb eine ©chwüche oon ibm mitgenommen war. ©ür batten 
bie fcbtecbten ©lenfchen alö eifrigem ©taatowiffenfchaftter einen § auo 
©fejferhüben machen lafTen; um bie fchünbliche ©oobeit biefeO @e* 
fcbenf« ju ermeffen, muß ich Such fagen, baß biefer ©erfaffungO* 
paragrapb ber § 11 war, ber im alten Sienenfer Sommentbuch alfo 
lautet: „So wirb weiter gefneipt." — 3110 Sieber in biefer SEBetfe fein 
oerbienteO 5lbeil erhalten, begann bie eigentliche ©efcheerung. Sich 
war in ber 5£hat ganj befcfjämt, benn oon allen 3(nwefenben waren 
mir ©efchenfe gemacht worben, ich war wohl oon 31 (len ber am 
©eichlichffen ©ebachte. ©o glücklich mich ber ©ebanfe macht, in fo 
furjer 3eit ben Leuten lieb geworben ju fein, fo unbehaglich iff mir 
boch baO ©efübl, baf ich wich unmöglich gegen 9fde gebübrenb res 
oangiren tonnte; jum ©türf benfen bie guten Siungen nicht baran. — 
Der Slbenb war wirtlich prächtig, man fab fo recht, wie oon Jperjen 
bie £eute einanber lieb hoben. Seiber fehlte baO unentbehrliche 2Beih* 
nachtOgebüd, ber ©tollen, ben man b'<* gar nicht ober oielmehr nur 
in einer minjigen SluOartung fennt, bie ben ehrwürbigen ©amen gar 
nicht oerbient. — ©ach ber ©efcheerung fchlich i<h wich auf ein ©tünb* 
chen nach JpauO. @0 war eine fytttt fülle ©chneenacht, ganj ju 
fütler ©üderinnerung aufforbernb; in ben entlaubten ©tlleecn beO Jpofs 
gartenO hrrrfchte fefüicheO Schweigen, aber nur in wenig reichen 
jjtaufem ber ©tabt brannten ©kibnachtobüume; ber arme ©ürger, ber 
fich nur oon feinen Sinmietbem nührt, hat ba$u SBochentagO nicht £eit, 
er thut eO am Slbenb beO erften geiertago; grabe biefer ©lange! beO 
frohen gamilienlebenO werft bie ©ehnfucht nach ben glücklichen SBeih® 
nachtOabenben ber #eimath um fo lebenbiger. ©o hob ich benn in 
meiner füllen ©tubc mich lange mit Such unterhalten unb Such 
meine innigflen gefchwiflerlichen unb tinblichen ©rüße gefenbet, wußte 
ich boch, baß hunbert ©leiten entfernt eble Jjerjen fich meiner froh «* 
innerten. — Dann ging ich mieber h»nauO ju meinen gteunben unb 
rieb bort, mit meiner gamitie (b. h* mit meinem ?eibfuchO unb 


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3«nuat 1864. 


205 


meinen #au«fnochen 1 im Jjotel Naefj) einen triftigen Salamanber 

auf ba« 3Bohl von unfern Sieben in ber gerne- 

Da ich einmal von Kunfl rebe, fo mochte ich 3ohanna, bie mich 
fo lange um ein Such über neuefte beutfche Sitteratur gefragt hot/ 
aufmcrffam machen auf bie eben erfchienene ©efchichte ber btfchen 
Sitteratur feit Schillert Stob von Sultan Schmibt, bem bebeutenbflen 
fegt lebenben beutfchen Kritifer. ÜBenn bie gute Schwefkr ... ba« 
Such etwa« langfam lefen unb fleh über manche Jjirte unb allju* 
grofe Nüchternheit be« Urtheil« htMu«fe$en will, fo toirb fie fleh 
gewif freuen über bie Klarheit ber Darftetlung unb ben ernjten fitt* 
liehen unb fheng protejlantifchen Seift, ber ba« ganje Such burch« 
weht* SDa« Such ifl eine fühne Slhat, bie fchorf au«gefprochne £>p* 
pofition eine« triftigen Seifte« gegen bie vetfehwommene äBeichlich* 
(eit unferer Ntobelitteratur, alfo eigentlich «ine Settüre für Ntinner; 
aber ich benfe, Johanna fann fchon ein emftrt Such vertragen .., 
Noch einmal, lieber Sater, nimm )u übermorgen meinen innigen 
Slüctwunfch, ber atterbing« jum guten Stheile mir felbft gilt, benn 
rt fott mir biefer Stag immer ein Duell fein ernfier unb männlicher 
Cntfchlüffe. 

3n treuer Siebe 

Heinrich 


96] Vn ®i(fw(m Noff. 

Sonn, 17/1 64 



-3ch hol* )<$t ba« 1. Such, bie ®aterlanb«lieber, voll* 

enbet, wenig aber, fo hoffe ich, gut — ba« 2. unb 3. Such gefichtet 
unb vervollfMnbigt; fo bleibt alfo Nicht« mehr übrig al« eine Stb« 
fchrift burch Schreiberthanb, bie hoffentlich in 14 Stagen fertig fein 
wirb, fo baf bann ber Srief an $ru$ abgehen tann. Der grofte 
Surf ift alfo gethan. — Da« Königreich oon Nappoltflein höbe ich 
bei Seite gelegt unb bente e« im Sommer wieber anjufehn; ber 
hinter raubt bie Stimmung für fo leichte frohe SBaare; möglich 
auch, bafj ich rt ganj wegwerfe, benn einerfeit« ifl e« gar ju floff* 
lo« unb anbererfeit« verleitet bie Serherrlichung be« Sefang« im 
l b. h* b«n mit ihm in btmftibcn $anft mohnenben ftnnfonro. 


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206 


.3<mumt 1864. 


©efang affjukicht gu unmAnnlichet Seühheit. — Unb hier, mein »ereli, 
ifl ein ^>unft, wo ich — ba ich fo glücflich bin et §u bürfen — 
Sir einen fmmbfchaftlichen ©chweinehunb nutzen muf über eine 
»erirrung bet ©efcpmacft, bie id} an Sir bemerft gu haben glaube. 
3«h meine Seine Vorliebe für bie fog. jugendlichen Siebtet/ bie 
fltoguette, bie SRobenbetg ic., bie gwar recht nett unb anmutbig 
fingen aber im ©runbe herglich wenig ©ehalt haben 1 . 3<b nenne 
bat eine »erirrung bet ©efebmaeft unb nicht ber ©efintumg oon 
Seiner ©eite; benn ich weif: Su (egft mehr in ihre Sorte hinein/ 
alt fie felbfl. 3ung unb frifch wie Su bifl/ im »ewuftfein einer 
gefunben unb wohl angewanbten 3ugenb, fiehfl Su in biefem ®e* 
griffe ber 3ugenb ben 3nbegriff aller eblen frAftigen unb oaterlAnbi* 
fchen gntfcplüffe, wAhrenb bie 3ugenb boch nur ber ©piegel ifl, in 
bem Sir fene eblen ©eifletrichtungen fo angichenb erfcheinen. Sef* 
halb eleftrifirt Sich 3eber, ber bie 3ugenb oerherrlicht/ benn Su legft 
bann bem Sichter Seine eigne Sitaft unb Feinheit unter/ bie er meift 
gar nicht befigt; fieh Sir einmal oorurtheiltfrei jene ©ebichte an: — 
wo ift bie frAftig»fittliche? wo ifl bie »aterlAnbifche ©efinnung? wo 
bat ©efühl, ahne bat fich ein ebler Senfch nicht benfen lAft, ber 
©taube: ber Senfch unb fein reichbewegtet/ fein irrenbet aber ben* 
noch gbtttichet Jj>erg ifl ber belebenbe S}aud> ber Seit/ alfo auch ber 
9>otfie? — »rieht ja einmal eine Ahnung einer ernfleren Seit bei 
biefen (eichten ©Angern her»or, fo fpricht fie ftch fo matt aut, baf 
man fagen muf: 3hr feib nicht berufen an bem grofen SJleubau ber 
£ufunft mit gu arbeiten. Sir ifl bie 3ugenb ibentifch mit adern 
©rofen unb ©ch&nen; fie haben wohl erfannt, baf bat ©rofe unb 
©chbne €igenthum bet Senfehen überhaupt ifl — benn wer fich bat 
©ef&hl baffir nicht alt Sann bewahrt/ hat fich nicht gefunb ent* 
wicfelt; fie fühlen/ baf bie Sigenthümlichteit ber 3ugcnb in ber 
Seichtigteit unb Freiheit befteht/ mit ber fie fich um jene grofen 
©egenflAnbe bet menfehlichen ©trebent bewegt; befhalb fleUen fie 
auch nur biefe Aufere ©eite bar. Siefer golbenen herrlichen Stufen* 
feite ber 3ugenb will ich ntich »an gangem Jperjen freuen; aber ich 
»erlange »on bem Sichter mehr alt eine blofe Sarflettung beffen, 
wat ich tAglich in ber Sirflichteit »or mir habe ober in frohen 
©tunben mir ertrAume. Siefe Salbmeifleriaben fleh« mir gang in 

* fflobenberg on6ffentli<bte 1863 eine 9)a$a$mung oon „SBalbmeifUrl ftatutfa^rt": 
*S)er ÜIRajeftöten $eCfenbiet unb Di^einn>ein luftige Äriegtyiftorie*. 


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3anuar 1864. 


207 


einer ginie mit bet Weichtieren giebe«* unb SDtäbrchenpogfte, nur mit 
bem Unterfchiebe, baß fte noch nicht fo abgebraucht unb nicht für 
weibliche, fonbern für männliche Gacfftfche, b. h* ?ü<hfe, beftimmt 
finb. — 8Ba« in meinen Slugen ber hoffte erft SBert giebt, ift ba« 
lebenbige Gefühl jene« großen Zauberworte« Pflicht, bie lebenbige 
gfynung be« großen thatenreichen SBerfeltagö be« geben«. 

Du wirft mich nicht einen troefnen SWoratiften fchelten; Du weißt 
ja, wie ich >nit »oder Seele an meiner Sugenb hänge: aber all ber 
roftge Sugenbglang, all bie jauberifche ftraumnacht muß fchwinben 
vor bem ernften falten grühroth«ftrahl ber Pflicht. @« gebärt Äarnpf 
baju, um gu biefer Sinftcht gu fommen, aber fte ift bie rechte, fte 
ftählt ben SOtann unb giebt auch bem Dichter Gelegenheit, tiefer unb 
emfter in« SRenfchenherg gu flauen, al« beim ©ein* unb giebe«« 
träum 1 . — 9lun, mein alter SSereli, laß mich Dir eine Nachricht 
mittheilen, bie hoffentlich Dein Jperj etwa« warm macht: ich gehe 
nämlich gu Dftem auf ÜBunfch meine« 93ater« nach Veibelberg, auf 
c. 14 Stage um mich von Sbetiu« behanbeln gu (affen. Sollte ich 
©ich bann nicht feben? — 5Bon ba weiter nach Tübingen, wie e« 
fchon jiemlich fejtfteht; benn baß ich hier nicht bleiben (ann ift mir 
nur atlju flar; wenn ich, wie befonber« am 8Beihnach Waben b, febe, 
baß mich bie £eute fo lieb haben, wenn ich ferner immer fo großen 
Dürft unb gew&hntich eine mächtige Abneigung gegen meine 95ube 
habe — ba fann ich mich atlenfall« jum Dchfen gwingen, aber ba« 
nothwenbige Sfntereffe bafur fehlt. — Dann würbe ich in Z bi« etwa 
Gnbe Oftober bleiben, alfo ft eher noch Gelegenheit haben Dich gu fehen, 
nächften Sffiinter in Söerltn ober Dre«ben neue Sprachen, Äunft unb $hilo* 
fophie treiben unb »ielleicht ben Sommer barauf eine Steife machen. 
Dieß oorberhanb mein 9>tan, ber ftch aber fehr nach bem Scfjicffal 

meiner poftifchen Arbeiten mobißeiren bürfte. — Unb ber Deine?- 

Schreib halb Deinem 

Heinrich Z 

Suren Salamanber hat ba« gange noble Votel mit Familie nach« 
gerieben. — Verglichen Danf. — 

3ch muß Dir noch einige Zeilen herfegen, bie ich neulich in Gegug 
auf ba« obige „9>fticht*Xhema fchrieb: 

i 5Wf mtgtgnet auf bitf* Vuef&hnmgrn in frintr noch (rhalttnen Vnnoott oont 
29. 3anuar. 



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208 


3«nuar 1864. 


Seibe ber Straft. 

Du barffl nicht Hagen/ wenn ein $o$er 9>lan/ 

Den fübn Dein ©eift in floljem Staufs erfonnen/ 
Sie ©tütbenb&fte vor bet Jperbfleb 9tabn 
3n 9ticbtb/ in wefenlofeb 9Kcbtb jerronnen. 

2aß ibn jerrinnen wie ben ©tätbenbuft: 

5Ri<bt bitter foffft Du ju bet Xäufc^ung [eben/ 
Denn jung unb tnarfig wirb aub feiner ©ruft 
Sin neue« Sptet ©ebanfen Dir erflehen. — 

9ti<bt Hagen barffl Du/ wenn ber bitt’re #obn 
Der Seit ficb hart an Deine ©dritte fettet: 

Ser freubig folgt bem Äriegöbrommetenton, 

Der foll nicht fragen ob er fanft gebettet. — 

9li<bt Hagen barffl Du/ wenn beb ^reunbeb ©tief 
Dir halb beb #affeb bitt’re ©trabten fenbet: 

9li<bt einj’len Senken weib’fl Du Dein ©efdjicf/ 
Der Sabrbeit ifl Dein ©innen jugewenbet. 

©o arm ifl Meinet/ baß ni<bt eine ©rufl 
3n treuer 2ieb’ ibm b«ß entgegenfcblnge. — 

Unb wdr’ eb felbfl, wir auch ber greunbfcboft £ufl 
Dir eine frembe mibrcbenbofte ©age: 

Stiebt ber ©efi$ ifl ja ber greunbfcbaft SRubm, 

Der ©laube ifl eb nimmer aubjuftngen: 

2fuf flreb’ i<b ju ber Sabrbeit Heiligtum, 

Den ©eflen barf i<b mir jum greunb erringen. — 

Stiebt Hagen barffl Du. — Sag bie beit’re Sufi 
Sit bolbem ©lief füb Deinem ^)fab oerbinben. 
Sag fie Dieb flieb’n — o batte rein bie ©ruft/ 
Der ©ottbeit Sfbbitb in Dir felbfl ju ftnben! 1 



1 ®0t. „©tubien" ©. 171 f. 


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3anuar 1864. 


209 


97] 9n b»n BttR. 

Bonn, 18/1 54. 

-©rin Borfchlag, bi« €hetiug 1 ju befragen/ ifl mir 

wiebet rin neue* Reichen ©einer ©fite, ffir bag i<b ©ir nicht genug 
banfen fann. 3<$ habe bereit« baruber nach 4?eibetberg gefch rieben 
unb werbe ©ir im näcbften Briefe Antwort fagen. Buch in Bejug 
auf bie Bläne ffir bag nächfle ©emefler fann ich Jrift noch gar 9licht8 
fagen. — ©em Sieftor JWee bin ich ffi* bie Beratung be« Beißer 1 
fehr banfbar; ich fann bag Buch grabe fe$t fehr gut brauchen; wenn 
ich nur werbe betommen t&nncn. Seiber wirb nämlich in biefem 
unb nächflen ©emefler bie hirfig« Bibliotfief reoibirt unb fatalogifirt; 
«6 ifl baher Bttrt fo in Unorbnung, baß man nur feiten rin Buch 
erhält; ich ntuß mir oft Bficher oon Brofefforen (©ahtmann unb 
Socbdl) leihen/ bie barin ungemein gefällig finb. Buch ju Berthe« 
bin ich lieber gefommen; neulich traf ich ihn allein ju Jjaug, unb 
fo habt ich tin fehr intereffanteg ©efpräch mit ihm gehabt fiber eine 
Btcnge emfler ©inge, befonbert bie preußifche ©runbfleu erfrage*, 
©iefe inneren beutfchen Bngelegenheiten intereffiren mich faßt taufenb* 
mal mehr alg bie große europäifch« Stage, ©iefer bafhoerwcfle 
tfirfifch« Staat/ ben man nur beßhalb wieberbeleben möchte, weil 
deiner bem Bnbren bie Beute gönnt; biefe feige hinterlifKge Balitif 
Snglanb« unb Sranfreichö; biefer Bifolau«, bem man, obgleich er wie 
ich glaube im fchtrienbflen Unrecht ifl, eine gewiffe Bewunberung 
felbfl wiber SBiUen nicht oerfagen fann, betin er ifl in all biefem 
©ewebc oon Halbheit unb Schwäch« bie einjig« fräftige unb ihre« 
•tfeleg bewußte Srfchrinung — bag ifl hoch wirflich rin ©cmifch oon 
Ohnmacht unb roher ©ewalt, wie man eg nicht wiberwärtiger haben 
fann. — ©a war eg mir benn rin wahrer Zrofl, alg ich neulich bie 
Bachricht lag oon ber Erwerbung beg preußifcßcn Äriegghafeng in 
ber Borbfec 4 . ßnblich einmal rin fräftigcr entfchiebener Schritt 

i €ß banbett fl<b nur um ben Batet, ben berftbmten St>’ n,r 8 fn War. 3°f* Sbeßui 
(1794—1876), Aber ben bei Aufmanl, 3ugmbttinnenmgm einet alten Ärjtei, 
8.9. $.281 ff. BAberei )u ftnben ig. 9 „(Reftor JUee l&fit ©ir bnt<h @ut« 
fegmib fagen, ©u foflefl ja nicht verf&nmen, bie 2. 9btbeilung bei 3. ICfytüti von 
Beeter« Bltertbftmcm, fortgefegt von Btarquarbt )u (efen unb ju ftubirrn, ge bringe 
gan) neue 9uff<blftffe über bie rbmifeben ©teuerangelegenbtitcn* (im Brief bei 
Batet* vom 27.12.1868). ©iefer Beiter »ar ber 1846 geworbene Batet von ®ut< 
fbaribi grau. * ©er preug ginanjminiger Jtart v. Bobetfcgivingb batte 1868 
ohne Befolg bem Sanbtage ein neue« @runbßcuergefeh vorgelegt. 4 9m 12.3an. 

L 14 


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210 


getarnt 1864. 


Reußen», enb(t^) einmal ein »erfuch bie alte Schmach au*jutüfchen, 
müty bie erfle feefahrenbe «Ration ber SBelt bem SReere entfrembet 
hat. ©ott gebe, baf biefe teefe Xbat, übet bie ftch jebe* gute beutfehe 

jjerj freuen muß, fegen*reiche folgen habe!- 

2Bäö meine pottifchen Arbeiten anlangt, fo habe itb neulich einige 
Stoffe au* ber beutfehen Stübtegefchichte bearbeitet. ®* ifl unglaub* 
lieb, welche Sülle »on Anregung unb »egeiflerung in biefem S£b«le 
ber beutfehen ©efehichte ruht. ÜRan tann eine weit reinere Sreube 
an ben ©roßthaten ber alten beutfehen SBürger hoben al* an benen 
fetbfl unferer grüßten ttaifer. Die Saaten ber Jjohenflaufen ftnb jum 
Xheil glünjenber, aber man fiept in ihnen fchon ben Äeirn künftigen 
Verfalle*, weil eine #errfehaft über frembe Sülfer, wie fie bie #ohen* 
{laufen beabfttätigten, hoch nur fo lange bauern tann, al* ba* unters 
jochte Soll noch nicht jum Selbflbewußtfein getommen ifl; ein 
folcpe* erobembe* Streben nach Rlußen hot olfo glaub’ ich immer 
etwa* Unnatürliche*, unb wir hoben für bie Furje £eit äußeret ©rüge 
burch 3«hrhunberte innerer £>hnmacht büßen müffen. Die ©efchichte 
ber beutfehen Stäbte ifl aber etwa* burepau* Sotriotifcpe*; nach ®ts 
oberung hoben fie nie geflrebt, nur nach UnabpängigFeit »on fremben 
^errfchem. Unb wa* hoben fie in biefem Sweben geteiflet? klingt 
c* un* boeh wie ein SRüprepen, baß 3aprpunberte hinburch bie Dänen* 
tünige, nachbem ihre Angriffe auf bie #anfa fehlgefchlagen, fiep »on 
bem beutfehen Stäbtebunbe in ihrer ffiürbe betätigen taffen mußten. — 
Dahin hot e* bie flache Uufflürunghfucht be* legten 3aprpunbert*, 
bie fein „93olf" fannte, gebracht, baß wir ben fchünflen 5£peil unferer 
©efchichte »ergeffen hoben!... 3n ber Hoffnung auf recht balbigc Antwort 

Dein treuer Sohn 

Heinrich. 

96) Un bra 83 ater. 

Sonn, 16/2 b&K 

SRein lieber Später! 

. . . 3ch benfe übrigen* ©peliu* befonber* barnach ju fragen, ob 
c* wohl bie ©epümetoen ju fehr angreifen würbe, wenn ich 3n* 
fhrument ähnlich wie #err ». Sieth, trüge. ©* ifl ba* ein ©ebanfe, 

berichtete bie ÄMn. Leitung, welche unbefchteiblicht @enfatwn in Dlbtnburg bet am 
9. bert befannt geworbene Ubfchlup eine* StaaWoertrag* mit bet Ärone tyrongen übet 
bie Unlegung eine* Xrieg*hafen* am 3apbebufen erregt habe. * «erfeprieben flatt 64. 


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ftrtruat 1854. 


211 


mit bem ty nriber SBiffett anfangs mich »ertraut ,ju machen. SBenn 
auch ba* fragen eine* fotzen Snflrumente* febr Uflig ifl, fo ift boch 
bet Sortbeil gar ju groß. SRit Simtocf j. 93. tarnt ich gar nicht 
orbentlicp fprechen, er unterst fic^ fchriftlicb mit mir, ba e* ihm 
unmöglich tfl, (aut ju fprechen. (Sie peinlich mir ba* iff, fannfl 
Du Dir mobl beuten; wenn er ei nicht offenbar gern tbüte, mürbe 
ich gar nicht m$r bingeb’n. Äffe folche Sachen ließen ft<h burch 
ein Snftrument oermeiben... Äuch über ben anbren Borfchlag, ben 
Du mir machtefl, nach ooffenbetem Dramen einige *fcit im Dte*bner 
üRinifterium ju arbeiten/ tann ich bi* je|t natürlich noch gar nicht* 
fagen. Daß e* t>om hüchffen Sntereffe für mich mdre, bie Detail* 
einer Staat*oerma(tung tennen ju lernen/ oerfleht ft<h oon fribfl. 
ttnb gerabe Sachfen bietet für meine 8ßiffenfchaft bie reichte Be* 
lehrung. So mbcpte ich befonber* gern ba* Dre*bner flatifüfche 
Bureau fehen, burch beffen Schöpfung ft cp unfer Setter Steinlig in 
bcr Dhat ein fehr große* Berbienfl ermorben hat. 3Benn e* in folgen 
#ünben bleibt/ mie jefct unter Dr. 6nge(, mirb e* fidler ba* befle 
Deutfcplanb« merben 1 . Bon biefem Dr. <£ngel (a* ich neulich eine 
flatiflifche Darfleffung ber füchfifcpen Serhültniffe, toohl bie befle 
ähnliche, bie mir je oorgefommen; nur baß <£inen, mie immer bei 
folchen Arbeiten, ein gelinbe* ©raufen übertommt oot ber ungeheuren 
SRaffe oon Berechnungen/ beten ftefultat in biefen menigen Blättern 
miebergegeben ift ®* mar barin unter Änberem bargeflefft, melchen 
Einfluß bie oerfchiebene gemerbliche Befcpäftigung ber (Jinmobner, 
ihre Bettheilung in D6rfem, großen unb (leinen Stäbten auf bie 
Sermehrung ber Beoolterung, bie Änjapl ber Drauungen, bie Sitt* 
(ichteit u. f. m. au*übt — natürlich eine hHfl michtige Unterfuchung 
unb btr erfle Serfuch tn biefer Ärt. — Schon au* biefem Beifpiele 
tannfl Du fehen, lieber Batet, mie belehrenb ein folget turjer prat* 
tifeper äurfu* für mich fein mürbe. Dennoch bleibt e« fraglich, ob 
ich ohne ein futiflifche* Staat*ejramen Zutritt mürbe erlangen, unb 
befonber*, ob ich meine* ©ebbte* megen irgenbmie mürbe benu|t 
merben t&nnen. — Sogleich nach bem Dottorejcamen mich S u babili* 
tiren, tfl natürlich unmiglicp; um ba* ©elemte ju oerbauen unb 
felbfl etma* ju fchaffen ifl minbeflen* ein 3abt nothmenbig; baju 
tommt, baß ich meine* Älter* megen auch bann taum Hoffnung 


tfBgL 3nom« in btr Mg. ©. Biographie 41, 509. 

14* 


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212 


gctaun-1864. 


hätte gum |weiten Spornen gugelaffen gu werben. 9tun ift ober bet 
Uebergang »on ber rein receptioen XbiHglett jur probufttoen ein fo 
fernerer, baff eg wobt einer emflen liebertegung werth ift, ob nicht 
bie prattifche Xhätigfett mich gu febr ber Vorbereitung für bag Sehr* 
fatb entfremben würbe. Defihalb bann ich nicht baran benfen, fchon 
fegt eine Antwort gu geben/ unb bitte Dich nur beglich/ mir recht 
batb bie Meinung beg @eb. Stath SBeintig gu fchreiben. — Dagegen 
bitte ich ®‘t/ lieber Vater, eine anbre Vitte wegen meiner niepften 
£utunft »orgutragen. Sch habe biefen ÜBinter über hier befonberg 
bie tanbwirtbfchnfttichen Digciplincn mir angefebn unb hoffe mit biefem 
langweiligen gelbe, fo weit ich ** brauche, big gu ßftem (eiblich aufg 
Steine gu tommen. (Sag ich an Surigprubeng unb eigentlicher Staatg* 
wiffenfepaft noch big gum Spanien gu abfoloiren höbe, h®ffe i<h mich 
noch big Dftem fertig gu bringen. So bleibt mir bann noch für 
bag lebte Semefter Xecpnologie unb ®ewerb(ebre unb anbererfeitg 
politifche ©efcpichte. Veibeg ift hier im Sommer nicht gu ftnben; 
benn für (eftereg gadj ift hier überhaupt lein Docent, unb ber für 
bag erftere lieft eg im Sommer nicht Die Hauptaufgabe für ben 
Sommer ift aber bie Dottorarbeit, bie nothwenbig big gum Herbft 
fertig fein muff, bamit ich im Dttober in Seipgig bag Spamen machen 
tann. — Dagu aber brauche ich Bücher, unb biefj ift für fe$t bie 
Vchiffegferfe unferer Rhenana; benn bie Vibliothet wirb, wie ich Dir 
fchon fchrieb, febt reoibirt unb tatalogifcrt; gotge baoon ift ein 
trauriger Vtangel an bigponiblen Vüchem, fo baff ich nicht abfehe, 
wie ich h*cr bie ttrbeit machen follte. Sch müchte Dich «Ifo bitten, 
mich im Sommer nach Tübingen gehn gu (affen, wo ich jene Soffegia 
unb oor SWetn eine grabe für mein gach fehr gute Vibliothet ftnbe. 
Äoften macht bie Sache gar nicht; benn ftubiren muff ich bo< h noch 
ein Semeftcr, unb wenn ich einmal in Heibelbcrg bin, ift bie Steife 
nach Tübingen ungefähr ebenfo weit, alg bie hierher. Vteine greunbe 
haben mir gwar fchon mit Hülle unb Himmel gebroht, wenn ich 
»erliefe, unb auch ich müchte wohl gern einen Sommer am fonnigen 
Stheinegufer »erbringen, bag ung biefen SBinter ein fo mürrifcheg 
Skftcht geigt; aber bie emflen Sntereffen gehn »or. — 

Unfer {eben hier ift glüctlich wie immer: bie jtameoalgfreuben 
ftüren mich f*> wenig alg bag Xheater, in bem ich neulich eine fchanb* 
bare Slufführung ber „Sübin* »on Ha(e»p fah. Sch mag bag gange 
Ding nicht (eiben, affe gatben ftnb fo unnatürlich bict aufgetragen. 


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9Ut} 1864. 


213 


unb bk ganje gäbet tfi «tgentlic^ bet reine Glhbflnn. Seiber bin ich 
nic^t mufifalifch gebübet genug, um ben Unfinn ber gäbet Aber ben 
Drompetenfanfarcn unb bem gtoutengebrihn ju vergeffen. €6 wirb 
alfo wobt ba« legte SDial gewefen fein, baf ich biefen SBinter ba« 
Zbcatcr befuchte. 93kt mehr jog mich neulich ba« Jtitner Jj>dnne«eben 
an, ba« ich wohl einmal .^eppegen unb Stainer »erführen m&chte. 
66 liegt eigentlich ein traurige« Geffönbnif in biefen SBorten, 3br 
»hebet fie mir aber flehet nicht fo hoch anrechnen, wenn 3h* »üfjtet, 
baf unferc Stöhn* «taffifeh* ©tiefe nie, unb nur hi* unb ba Opern 
febt fchtecht giebt, fonft lauter Girchpfetffetei; man geht nur hin, um 
fchtechte SBige }u machen, beagalb macht ein fotch*« Unterhaltung«* 
mittel, ba« fleh bennoch Äunjfinfiitut nennt, einen lügnerischen unb 

wiberwArtigen Stnbrucf- 

Slnbei fegiefe ich 2 Äneipbilber, eine« für Such unb eine« fit 
Sltfreb Gutfcgmib . . . 2ßenn e« $eppcgen ©paf macht, meine 
beflen greunbe aufjufuegen, fo empfehle ich ihr nufer Sereli (Stoff II) 
von ber fegigen Generation befonber« Stahmann, t>. b. Golf unb 
SRartin, welcher fegtere fleh wohl ihr* befonbete Gunft erwerben 
wirb. — Dem guten Jtinbe bebaute ich f«b* nicht antworten )u 
Sinnen; e« ift mir wirflich unmiglich . . . Dir aber, mein lieber 
Gäter, fage ich nochmal« ben b*t}li<hft*n Danf für bie viele Güte, 
bie Du an mich »erfcgwenbefl, bitte Dich, Sitte« im $aufe beglich 
$u grüfen unb bleibe wie immer 

Dein treuer ©obn 

Heinrich 


99] Sin ben Statt. 

99onn, 15/4. 63*. 

©lein lieber QSatet! 

. . . Ueber ba« wa« ich t»n Tübingen ju erwarten höbe, höbe 
ich f<h*n an 9Ratna getrieben*, hi** füg* ich nur ginju, baf mir 
Jgr. »♦ SRangolbt befonber« an gattati eine Smpfegtung »erfproegen 
hat — g. ift entfehieben ber bebeutenbfle bortige Samerafifl unb 
überbief Oberbibliotgefar, wa« wegen meiner Doftorarbcit feh* ange* 
nehut if}. Ueber ben Gegenflanb ber legieren werbe ich in ben Öfter* 


1 3f tkhris 16.8.64 i» batitttn. * Ott ©titf ift nicht «galten. 


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214 


OT&d 1864. 


fetten flehet noch in’d Älate fommett, »otberhanb habe ich noch ju 
Siel in anbten Sichern ju thun, befonberd im jus, wo ich je$t 
glücflich bei bem Serfehr mit ©taatdpapieren angelangt bin/ einem 
bet fchwierigflen unb jugleich tangweitigflen Gegcnflinbe. 68 ifl 
wirtlich unglaublich/ wad für fonbetbare unb wiberflnnige SBcge bie 
©brfenfpefulation etfunben hot um jum Getbgewinne ju gelangen; 
erff wenn man bie Stenge betfclben überfleht, begreift man/ wie biefe 
Srwerbdart eine fo ungeheure ©ebeutung hot erlangen finnen ... 
Senn 5Wed fo gut geht wie ich hoffe/ fo bente ich ju Anfang 
Slpril, etwa am 4./ abjureifen. 3n ^eibelberg werbe ich bie furje 
3eit über bei einem ©elannten wohnen. ©on ba nach Tübingen 
werbe ich wohl übet $reiburg reifen/ wohin mich Sereli bringenb in 

fein »iterliehed #aud eingetaben hot-“Die ©olitif macht 

hier immer noch aller Seit ju reben. Stir fcheint ed, baf nach bem 
neueren türtifchen Stlaf, ber oittige Gleichberechtigung bet Sbtiflen 
oerorbnet, auch ieber Sorwanb für Stuflanb füllt/ ben Ärieg ald im 
Sntereffe bed Sbtiflentbum[d] geführt audjurufen; SRuftanb, bad ben 
Uebertritt auO ber griechifchen Äürche mit Deportation befhaft, fytt 
wahrlich leine Urfache, einen anbrcn Staat/ ber felbfl oiel toleranter 
ifl, wegen Unbulbfamteit ju befebben. 3ch hohe etfl neulich ein gang 
im rufftfchen Geifle gefchriebned ©uch gelefen (von Graf ©eaumonts 
©affp), in beffen Anhang unter Snberem ber Sortlaut bed Stiebend 
oon ÄutfchulsÄainarbfche fleht; baraud fleht man, baf bad Patronat 
über fdmmtüche griechifche Sbtiflen in ber Xürtei, baO 9tuflanb oer* 
langt, fleh auf ben ©efifc einer äapettc in Sonflantinopel rebucirt 1 . 
©on Deflreich aber glaube ich, baf fchon feine ^anbeldintereffen »er* 
langen, bie angemaaf te ruffifche Dberherrfchaft über bie Donaumüm 
bungen nicht gu bulben. — Doch oerjeih, lieber ©ater, baf bie 
traurige ©olitit fleh wieber in bie ©riefe einfchleicht, gern fchriebe ich 
mehr, aber bie £eit bringt, ich oerfpare Seitered bid auf Sohanna’d 
Geburtdtag. 

Dein treuer Sohn 

Heinrich 


1 ©st. Schiemann ®. 81 f. 


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tyri! 1864. 


216 


100) ®n Heinrich SaAmann. 

Sonn 2/4 64. 

Siebter SSatbfrib! 

Pnbei folgt bet 9Rte^( mit bet Sitte, all Deine ©eelenftärfe ju* 
fammenjunebmen, um nicht bei bet Eeftüre be*fetben aufer Dir ju 
geratben 1 . 6* ift mit »obl noch nie ein Such vorgefommen, ba* 
neben einet Vtengc baulich« unb entfcbieben neuer ©ebanfen einen 
folgen Ueberfluf »on Slobfinn enthielte. Der legte« ifl im [2ten Sehe]* 
noch viel reichhaltiger vertreten, [al* im] 3 erften, unb bocb fann man 
bem Vtanne nicht gram »erben, wüte eO auch nur wegen be* einigen 
prächtigen ©ebanfenö, mit folget Sntfchiebenheit bie ganje ©eamtem 
unb niebere Pbel*couleur in ben vierten ©tanb ju verwetfen. 3ch 
hoffe. Du wirft baburch nicht übermütig unb gftnnft mir balb eins 

mal in ©naben ein Paar $eiltn — mir armen „Proletarier"- 

3fn alter Siebe unb mit b<t)lichen ©rufen an alle 8Beifrotbgolbne in 

^erforb \ 

Dein 

Heinrich Xt 

101] «n aBilhrfm Wo». 

Jjeibelberg, 7/4 64. 

£iebfter SSereli! 

©änjliche Ungewifbeit über meine ^ufunft, ttebertabung mit Pr« 
beiten, bie Verwirrung unb Aufregung ber 2lbfcbieb*roocben unb fcblief* 
lieh eine ppramibale Penur — ba* ftnb bie Sntfchulbigungen, bie ich 
für mein unverantwortliche* Schweigen aufbringen fann. Dafür fann 
ich Di* aber auch mittbeilen, baf bie Vaterlanb*lieber bi* auf bie 
Pbfchrift fertig ftnb unb ich alfo mit gutem ©ewiffen in wenig 
Xagen $u Dir fommen fann. 3m Uebrigen bin ich natürlich glücfe 
lieh, bie Pu*ficht Dich enblich einmal wieberjufebn macht mich ganj 
felig; unb baf ber alte granconenleichtfinn mich immer noch nicht 
verlaffen, wirb Dir eine Vergleichung jwifchen meinem Steifeplane 

i „Die MegetKcbc ®efetlf<baft*, 1864 in 2. Vug. «feinten. 3 SRU bem Siegel 
mrtgeiiffene Stelle. 




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216 


*jml 1861 . 


unb meiner $enur lehren. — Seit »orgeftem ©achmittag* bin ich 
hier, morgen früh reife ich noch Saben/ Sonnabenb nach Siebern yx 
9>utt, ben Su fo nab fennen fottteft al* ich/ e* ift ein prächtiger 
«Wenftb/ ich falte je§t viel mehr »on ihm atß fonfl — Sonntag ober 
Montag über Straßburg na<b Sreiburg, fo baß icb am Sonntag/ 
fpäteflen* Sftontag Slbenb* bafelbft eintreffe . . . 

Stuf fatbige* frohe* SBieberfebn 

Sein 

Jfainrich S 

i 


102] %n hm Sätet. 

gteiburg, 14/3» 64. 

. . . Slm Sien*tag oor 8 Sagen reifte ich mit 5 Sfnbren oon 
Sonn ab/ ba* ©etter mar fxtt, bie gabrt munberfehün, aber ber 
Dampfer «erfpätete ftcb unb wir mußten in ÜRain) ffatt in fOtann« 
beim übernachten. Slm anbten Sage fuhren mir auf ber neuen Sifen« 
babn am S&beinufer bin biß Submig*fafen unb tarnen SDtittag* in 
Jjeibelberg an. Sa bin icb benn 3 Sage gemefen; benn €beiiuß al* 
»ielgefuchter unb oerm&bntcr Slrjt bot $mar feine Sprechftunbe/ falt 
fte aber burchau* nicht regelmäßig ein/ mie ihm benn überhaupt große 
Seutfeligfeit gegen feine Patienten nicht nacfaufagen iff. Snblicb traf 
ich ihn einmal; fein ruhige* falte* unb cntfcbiebnc* SBefen ermecft 
Zutrauen; er oerfehrieb mir ein Sei jum ©nreiben in ba* £>fa/ unb 
eine 9frt Spiritu* $u gleicher Slnmenbung hinter ba* £>fa* Sntmutbigt 
bat er mich nicht/ aber ebenfo menig mir Hoffnung gemacht; er bei 
gnügtc fleh mit bem Steeepte; auch }u Berichten über ben ©erlauf ber 
Sur but er mich nicht aufgeforbert; ba* foll mich aber nicht binbem 
ihm in einiger £cit ju fchreiben, menn (ich nicht grabeju nachtheilige 
©itfungen gezeigt hüben. ®iö jeßt fann ich ulfo nur fagen/ baß 
Sille* in be* Schicffal* Jpanb fleht unb mir ba* SSeffe hoffen muffen. 
#ier bin ich nun feit 3 Sagen unb befinbe mich ungemein gtücflicb: 
bie tieben*mürbige gamilie be* Jfafrath* 9toff, bei bem ich mobne/ 

1 3ft «om 14.4. ju bfltimn. v 


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Bpril 1864. 


217 


feine beiben prücptigen @6pne — bie ©egenb, bie meine füpnflen 
üriume überbietet — Sltteb ifl fcp&n unb muff miep glücflicp machen, 
©epr Siel bitte icp noep ju ersten; wie icp in .fteibelberg non bem 
berüptnten 8t. t>. Stobt auf bie Empfehlung einen ©bttinger ^tofeffor« 
fepr freunbtiep aufgenommen warb/ wie i<b bann in einem Sage 
Staben unb Eberfletn fab/ von Siebern aub 2 Zage lang mit Oppen« 
beim in ben perrtiepen ©cpwarjwalbbergen perumjog, ben Stummelfee 
unb bie Jpomiffgrinb erflieg — biefj unb oiel mehr noch mbepte i<b 
Dir febreiben, wenn eb nicht bie offenbare Unjuldnglicpfeit ber ©epreib* 
materialien )ur banbgreiflicben Unmöglicpleit machte. — @o begnüge 
icb mich benn mit taufenb perjticpen ©rufen aus bem febbnen ©eptoarj* 
walb unb mit bem Scrfprecpen/ in etwas über 8 Xagen oon Tübingen 
aus aubfÜprticp ju febreiben- 

Dein treuer ©opn 

Heinrich 


103] Bn ben Sinter. 

Tübingen, 28/4 64. 

SDtein lieber 95atet! 

Der Stegen fhrümt, unb bie alten Stauern beb ©cploffeS Jpopen« 
tubingen auf ber $6pe mir gegenüber/ bab in trautem Serbanbe @e* 
fingnif unb Sibliotpet in ft cp bereinigt/ fepen wo m&glicp noep finftrer 
unb grimlicper aub alb gewbpnticp; ber ganje Stag ifl ungemütplicp 
unb Sllleö geeignet bie ©epnfucpt naep Eucp, bie miep alle biefe Xage 
über geplagt pat/ noep ju erpopen. Ucber aept Stage bin icp nun 
fepon pier, unb meine Erwartungen paben fiep fo jtemltcp beflitigt: 
ber Slufentpalt pier fepeint nieptb weniger alb angenehm/ aber ©elegen* 
peit jum Semen ifl oottauf ba, auep auf anregenben Umgang glaube 
icp hoffen )u bürfen, wcnigflenb waren bie ^)rofeffoten/ bie icp bib 
mit Stangolbt'b Empfehlungen oerfepen, befuepte, auferorbentlicp 
freunblicp. — Docp bevor icp oon piefigen £uflünben rebe, (af miep 
erfl oon ber Steife naep greiburg erjäplen, bie mir noep jept wie ein 
fropcb SBanberlieb im Jpetjen nacpHingt unb miep bab/ bei Stegen« 
wettcr wenigflenb niept aUju angenepme Stübinger Seben oergeffen 
lüf t. — Stoep nie ifl eb mir fo War geworben/ wab für ein erfrifepen* 
ber lacpenber Stei| im SBanbem liegt. — ÜBtr fupren ju ©eepb oon 


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218 


tgmf 1864. 


Sonn ab; unterwegs an mehreren jDrten fliegen alte granfonen ein, 
um ein Stucf mit und ju fahren unb und ben legten ©ruf ju fagen — 
eine legte leitete Erinnerung an ben greunbedfreid, an bem ieg mit 
fo »oller Seele gegangen. 3n SDiainj muften wir, auf Drei §u* 
fammengefcgmoljen, jur 9taegt bleiben, fagen und ben bunten S4rm 
ber SKeffe an, unb genügten bie grügfhinben bed anbren Stagd um 
in ben Dom ju gegen. Ein wunberlicged ©ebdube, jufammengew&rfelt 
aud allen Stilen, »om romanifegen bid jum 3efuitenfhle — aber bie 
gewaltigen Dimenftonen, unb befonberd ber rotge Stein, aud bem bad 
©anje gearbeitet ifl, maegen einen grofen Einbruch Eigentgumlieg 
ifl ed, mitten unter ben gogen SDiauem glögltcg in einen freunblicgen 
(leinen Sloftergarten ju (ommen, ben ein gotgifeger Sreujgang ringd 
umjiegt. 3n bem Sreujgang fegt bad Denfmal Jjeinricgd grauen lob 
»on Scgwantgaler: ein SRdbcgen, bad — beiläufig bemerft — Sofepgen 
fegr ägnlieg ftegt, befränjt bed Sdngerd Sarg. 9lun weiter am SRgein* 
ufer gin bureg bad weinfelige Sanb unb bie 3Drte mit ben gerrlieg 
flingenben Flamen, bie SJtierflein unb Saubengeim, naeg Subwigdgafen 
unb bem traurig graben unb mit bem 2ßinfelma§ abgetgeilten SDfann: 
geim. SBon meinem Jpeibelberger Slufentgalte gäbe ieg Dir wogt fegon 
gefproegen. 3(g will alfo noeg erjägten, wie ieg naeg 3 Stagen mit 
Spinoja, ben ja meine Scgweffern (ennen, abreife unb ju»6rberfl naeg 
StobemSaben fugr. Die 99agn gegt immer am gufe bed Scgwarj: 
walbd gin unb ber 93lief naeg beiben Seiten bietet wunberlicge ©egen: 
füge: reegtd eine weite fruegtbare Ebne, in ber gerne begränjt bureg 
bie blauen fegneebebeeften SBogefen, bie wie ©ewitterwotfen über ben 
grauen SRgeinnebetn feg weben; (infd ber Scgwarjwalb mit bem fogt 
fegwarjen ftnfren ©egblj. Stoben *93aben liegt in einem Segwarj: 
walbtgale, bad fieg naeg bet SRgeinebne ju bffnet, bad alte Scglof 
auf einem walbigen Segel grabe an ber bem SRgein jugeEegrten Ee(e, 
fo baf man bad JDodtgal, ben Sauf bed SRgeind »on Straf burg bid 
SRaflatt unb bie ganje Scgwarjwalbfette uberftegt; eine Stunbe ba»on, 
in Sltteberffeinburg, (ommt baju noeg ber SBlief in bad freunblicge 
lacgenbe SJlurgtgaL Steigt man bann gerunter an ben 3Beinbergen 
unb gegt bureg bad altertg&mlicge Stdbtcgen ©erndbaeg an ber 3Rutg 
ginauf, ba fpringt pliglicg ein fcgroarjbewalbeter SBerg fegroff in bad 
freunblicge Stgal ginein, auf feiner #bge bie fpigen Stgürme bed 3agb: 
fegtoffed 9teicEberftein. Unb »on oben welcger S3licf: in ber SJläge 
ber feg war je äBalb — et »erbient feinen Flamen — aud bem. nur 


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ttptfl 1864. 


219 


manchmal ein SRauboogel ober ber blaue Dampf eine* 2Jleiler6 fiep 
erbebt, unb auf bem anbren Ufer Sietnberge mit hlüpenben Dbfi* 
bäumen, unb bie freunbliepen J^dufer mit ben ©alerien runbum, ben 
hoben Scpornf&inen unb ben überpängenben Ddcpern.— Am anbren 
Sag fuhren wir oon SBaben nach Schern, blieben bort bei jDppenpeim’6 
SRutter, einer febr gebilbeten Dame, bie un6 ungemein freunblicb auf« 
nahm, ju SKittag unb jogen Saepnrittago ju Dritt in bie Serge 
hinein. <56 war ^atmfonntag, überall begegneten wir Äinbem mit 
großen Süfcpen (Halmen) in ber Jjanb, SWdnnem im SonntagOfleib 
mit Dreimafler, rotper Siefie mit filbemen Änbpfen unb ©amafcpen, 
unb Stauen burepauO fchariachroth gedeihet. Sange waren wir fepon 
oon ben Dörfern fort unb jogen burcp bicpten #o<pwalb bergauf, ba 
lichtete fleh ba6 #olj, unb tief ju unfren Süfien lag im einfamen 
füllen 5£hnlt bie gotpifepe Stuine be6 Ätofiert Allerheiligen, nebenan 
ba6 Sbrflerhau« mit einem Jjirftpgeweip, ba6 im fiebenjdprigen Kriege 
peraufgefepoffen worben. Satürlicp fehlte auch ber alte $&rfter niept, 
ein oerwitterter berber Sergmenfep, ber un6 bei einem Scpoppen 
SWarfgrdfler oon ben perrlicpen Sagen ber ©egenb unb ben Stubenten 
aller beutfeper Jjocpfcpulen, bie fiep hier perumgetummelt, erjäplte. 
Sl6 e6 91acpt geworben, jogen wir bei hellem SDlonbfcpein naep ben 
ber&pmten Siafferfdtlen. SDlan fommt in einen engen ©runb, ber 
Sieg geht fanft abwdrtt; ba bricht er ploplicp ab, unb man fieigt 
auf einer fcpmalen kreppe pttab biept neben bem Sacpe, ber hier in 
bonnernben Sprüngen fiep ben Sieg jut Ziefe fuept. So geht e6 
wohl eine gute Siertelfhinbe lang immer herunter im £ictjact; bei 
jeber Sienbung ein anbreO Silb; halb wogt ber Söacp breit unb ruhig 
über einen glatten Seifen, halb briept er fiep fcpdumenb an einem 
feparfen dlegel — unb biept ju beiben Seiten feproffe Sidnbe mit 
Jjocpwatb bebeeft, ber bi6 in ben »aep pineinragt — ba unb bort 
ein Äreuj auf ber #6pe, ober eine #oble, ber Sip wunberlieper 
Sagen — baju ba6 bleicpe SRonbliept, in bem bie Dannen bie feit« 
famfien ©efialten annapmen unb ba6 Siaffer nur noep heiler unb 
gldnjenber fhraplte. 3pt fönnt <5uep ben Sinbtucf benfen, ben ba6 
SUe6 auf miep maepte; ber Snblicf fo wilb unb grauenhaft unb boep 
fo tieblicp. — Am anbren Dage fapen wir un6 ba6 fepine Sepaufpiel 
natürlich noep einmal an unb jogen bann auf fepr „wüften" ©egen 
naep bem fOhtmmelfee. SRiept lange bauerte e6, fo (amen wir in ben 
Scpnee, ber Sieg Porte auf unb wir mufften un6 ben $fab felhfi 


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220 


«ptil 1864. 


fuchm; manchmal fonfcn wir bi« über ba« Jtnie ein — entließ nach 
langem Steigen traten wir au« bem SBalbe an ben (leinen füllen 
See, ber noch gan$ gefroren war; ringsum fyofyt walbige getfen — 
ältle« füll, (eine guftapfen ju (eben, wir waren wobt bie Srften, Ne 
in biefem 3ab« herauf (amen; 500 guf bta« ift bie eigentliche 
Jjomifgrinb, ein grofe« (able« Plateau nur mit einem (anboer* 
meffungOtburme «erfeben, fonft Sitte« tobt unb füll: ber ©tid ift uns 
gebeuer weit, faft attjuweit Dief unter un« bie büchftn Spifen be* 
Schwarjwatb«, bann bie Slbbtage, enblich Ne Sbne unb am fernen 
JJorijonte wie eine fchlanfe State ber Strafburger HRunfter. — Sine 
Stunbe barauf waren wir wieber unter bt&benben ©tarnen unb bitten 
mit Senugtbuung oon einer Damengefettfcbaft bie fefle ©erftcherung, 
baf rt unmöglich fei, in biefer 3«bre«jeit bie $ornif grinb ju befteigen. 
Denfelben Slbenb tiefen wir un« noch in bie 3rrenanftalt 3ttenau 
führen, wo fegt ber Stifter unferer granconia Sfmnarjt ift*. ©atür* 
ti<b befamen wir nur fSenig ju (eben, aber oottauf genug um unO 
ju erf<büttern; einen grauenhaften Sinbrucf machte eO mir befonber«, 
ato wir lange mit einem alten $errn ganj vernünftig gefprochen 
batten, unb biefer (ein früherer bonner ©rofeffor) ptüftich mit ber 
grage (am, ob wir bei bem nunmehr 20 3abre tobten Otiebubr Sotteg 
gebürt bitten. — Den folgen ben Dag benuften wir um un« auf ber 
gab« nach greiburg einige Stunben in Strafburg aufjubalten. SBir 
gingen at* einfache Spaziergänger unangebalten hinüber, faben ben 
fünfter unb Ärgerten un« nach lüften über bie rotben J&ofen, bie 
franjüfifchen Schilber an ben 2dben, worin man (ein franjüftfcheO 
fffiort fpricht unb bie langweilige Stabt 9tur Ne $artbieen an ben 
Kanülen haben etwa« Originelle«. 3ntereffant war mir ba« Sjerciren 
ber Solbaten: febr faloppe unb leichte Haltung, ba« ©tarfebieren festen 
mir gar nicht recht im Daft ju gehn, aber alle ©ewegungen gefaben 
febr febnet! unb gewanbt — 3n greiburg habe ich bann 8 bwtliche 
Dage »erlebt Die Segenb ift wunberbar fchta: ju ben ©ogefen unb 
bem Scbwarjwalbe, bie man überall in ©aben fieht, (ommt bi« noch 
eine britte ©erggruppe, ber ^aiferfhibl, eine wunbertich geformte »uts 
(antfehe Äette, bie ifolirt jwifchen ben beiben grofen £ügen liegt. 3n 
bem J^aufe beö JJoftath« ©off würben wir febr freunblicb aufge» 
nommen, man fühlte fleh gleich wie ju $au«. SRit ben beiben 

1 ©emljarb ©ubben, ba am 18. 3»ni 1886, bei bem ®erfu<be feinen Patienten 
JUnig 2ubwig n. »an ©apent ja retten, im Starnberger ©ee ertront 


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»i>ri( 1864. 


221 


Sereli’b hoben wir bann ©pripen gemacht, ©oSfi« getrieben, Wer 
rimifepeb Stecht mit ungeheurem Sifet gekritten unb frohe ©rinne* 
rungen unb Hoffnungen aubgetaufept, auch hi« Kneipen nicht ganj 
«emacptdffigt, bie hier wirtlicp einen poftifepen Steig hohen. Sb gieht 
hier im ©üben feine hefonberen 6 ff entliehen ßrte für gewühlte ©e* 
feöfepaft; bab ^Söierie" iff überall gut, unb bie Xofale überall fepmupig. 
Da fteht man benn im bumpftgen Zimmer alle SEBelt jufamnten, vom 
^Beamten bib jum Sauer; wirb irgenbwo ein intereffanteb ©efprdcp 
angeregt, fo rnifept fiep bie ganje ©efeUfcpaft herein, man b&rt ba 
oft fehr gefepeute, oft fepr bumme Sieben — aber man lernt £anb 
unb Seute fennen. Diefe leiepte Srregbarfeit beb ©übbeutfepen ift 
fiepet eine fepr liebenbwürbige ©eite; aber, fo viel icp beurtpeilen fann, 
fepeint mir bab Sntereffe viel weniger bleibenb unb nachhaltig ju fein, 
alb bei bem Rorbbcutfcpen, wenn her erft einmal ein Sntereffe ge* 
faft hat. — 

©on greiburg hierher ift ber ndepfte unb billigte ©kg niept per 
©oft burep ben ©cpwarjwalb, fonbem mit ber Sifenbapn über Stucpfal 
unb ©tuttgart. ©uf biefem ©ege tarn icp alfo in vergangner ffioepe 
fftittwocpb Racptb hier an, unb war fepr angenehm überrafept, alb icp 
am anbem SRorgen in bem vielbefung’nen Tübingen ein fo fepmupigeb, 
fepmierigeb, winfligeb unb polprigeb Reft fanb, wie icp wirfliep mein 
tebtag noep niept gefepn. Dippolbibwalbe ifl eine reine Rcftbenjfiabt 
bagegen. Die ©tabt liegt an ben ©bpdngen eineb Setgeb jwifepen 
bem Recfar* unb ©mmersXpale unb fiept von ©eitern reept nett 
aub; bie ©egenb ift einfach, aber freunblicp, ringbum Serge unb 
wieber Serge, in ber gerne bie raupe Slip, beten kuppen metfi bie 
gorm ber ©teine in ber fücpfifcpen ©cpweij haben, ©ber nun bie 
©tabt felbfi: fo reept bab Meine von brr civilifirten ©eit weit abge* 
fcplofne ©cpwabenfidbtcpen. Die eigentliche ©tabt pat 4000 Sin« 
wopner, nämlich nur ©tubenten unb bie )u iprer Unterhaltung, Sr» 
peitcrung unb Seleptung beftimmten Snbivibuen. ©ujjerbera noep 
eine grofe Sorflabt, bie „©oggerei", b. p. eine Reihe von ©ifipaufen, 
)wifcpen bie fiep burep wunberbaren £ufall einjelne ©injer* unb 
Sauempüufer verlaufen haben. Unb wie bie ©tabt, fo bie fftenfepen. 
Son gefeUfcpaftlicpem {eben natürlich feine ©pur. Rur ©tubenten, 
unb jwar nur ©cpwaben unb ©cpweijer. Da giebt eb Sliguen unb 
wieber Sliquen, von benen Sfebet beb ©nbren Serpültniffe fennt. Da 
giebt eb Reutlinger unb ©bppinger unb Xrocptelftnger u. f. w., bie 


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222 


ttpril 1864. 


jeben fRorbbeutfcgen mit fWifjtrauen betrauten. Der $artifulari«mu« 
fiegt in brrrlicgfier Slfitge; über bie ©rdnjen ber fcgwarjrotgen Erbe 
finb nur SBenige fe gerau«gefommen. ÜBit SRorbbeutfcgen (Sille« in 
2Wem 20) fiegen ganj ifolirt, benn mir finb „gemfitglo« unb ober* 
fWcglicb", wie ber ©cgwabe meint. 2fuf bem SOJufeum, wo man uns 
gefögr 30 politifcge Leitungen bat, liegen nur 3 norbbeutf<be Sldtter, 
bie nur von un« gelefen werben. Diefj finb nur einjelne ^fige be« gert* 
lieben Silbe« ber bornirtefien Slbgefcgloffengeit, ba« Einern hier @<britt 
für ©ebritt entgegentritt. — 

©o weit bie, aßerbing« nicht unbebeutenben, ©ebattenfeiten be« 
biefigen geben«. 3n ber Jgauptfacge aber muff icb jufrieben, febr 
jufrieben fein. Die Sibliotgef ifi »ortrefflieb, «nb bureb bie ©fite 
be« ^>rofeffor« gallati, an ben mich ebenfatl« #an« SRangolbt emp* 
foblen, fann icb unbefegrfinftefien ©ebraueg »on ibr machen. Steg 
fange befjgalb fegon fegt an, ffir meine Doftorarbeit ju fammeln: 
„Ueber bie flaatlicgen unb »olftwirtgfcgaftlicgen £ufidnbe Deutfcblanb« 
im 16. Sagrgunbert*. — Son Kollegien werbe ich 9>rof. gallati’« 
«fceft genügen, ba er fegt leife fpriegt, bagegen aber ficber Siel »on 
ber Technologie bei Solg hoben, bie mit Ercurfionen unb Erperis 
menten »erbunben ifi. — Sin 4 ^rofefforen höbe ich Empfehlungen, 
an 3 meine« Sach«, unb an Ernfi 3Äeter, ben bekannten Äritifer unb 
Ueberfeger 1 , hei bem man »ieie intereffante litterarifebe Unterhaltung 
finben foU. — Sei Slltebem wirb ber Jjauptnugen meiner Sefannt* 
fegaft mit biefen ^rofefforen boeb nur in einer bireften roiffenfegaft* 
lieben Unterfifigung »on ihrer ©eite befiegn; benn ber Umgang, bie 
gefeUfcbaftlicbe Unterhaltung wirb mir ungemein febwer. 3cg weif 
nicht, liegt e« an bem naffen SBetter, ba« wir nach ben gerrtiegfien 
©ommertagen fegt gaben, ober an bem Umfianbe, baf mir fafi Sille, 
bie icg gier treffe, fremb finb — aber icg ffiregte, e« ifi feit gangem 
mit meinem ©egör nicht fo fcglecgt gegangen ... SRancgmal tritt 
mir ber ©ebanfe in furchtbarer 9lfige »or bie Slugen, baf e« immer 
weiter bergab bamit gegn wirb, bi« bie Sielt ber Töne mir ganj in 
9lacgt »erfcgloffen ifi. — Slber icg fann, icg mag e« niegt glauben: 
e« muffen ba« fa nur trfibe Trdume fein, bie einen 3eben in »erein* 
famter ©timmung geimfuegen; bie SRatur wirb aueg gier einen wunber* 

1 ba orientaiifegen ®pt«<gm in Xftgingen (f 1866); »ielfeitiga, aueg auf 

bem @ebitt ba SoIKpoefie t&tiga unb mit eigenen Qebugten gavorgeftetena @e* 
iegrta. 


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OTai 1864. 


223 


taten 2(u«weg ju finben wiffen. — Daf ich jegt mich fett »erein* 
farnt fühle, fann ich freilich nicht leugnen. 3 Sreunbe au« Sonn 
täte ich jwar hier; aber ihnen gebt es gan$ wie mit: bet Sontraft 
jwifcben bem Sonnet ober bem gamilienleben ju häufe, woher fte 
eben Jommen, unb bem bieftgen ifl oorberßanb noch ju ftarf, um 
nicht einige Siebergefcblagenheit heroorgurufen ... 25er fcbwdbifcbe 
unb befonber« bet fpejiftfcb tbeoiogifcbe Xon unter ben biefigen ©tu* 
benten ifl bbcbfJ uiferbauGcb- 

©cblieflicb, Geber Sätet, tomme icb nun jur Seantwortung Deiner 
$rage wegen brt ©elbpunfte«. Die Steife bot mich 2Gle« in SGlem 
30 r( getoftet, wa« fielet in Setracbt bet Entfernung unb beffen, wa« 
i<b babei gefebn, nicht Sief ifl. — Seiber muf icb £i<b ober noch um 
weitere 30 rf bitten, ba ba« fegte fange ©emefler mebt gefoflet, als 
icb erwartete- 1 

SO fcbmerjt mich emftlicb, Geber Sater, baf icb $i* fo oief ©elb 
Cofte; mein Xrofl ifl nur ber, baf icb triebt weif, wie icb wtcb mehr 
bitte einfebrinfen fotten. 3cb mochte Dieb bringenb bitten, biefe 
auferorbentficbe SluSgabe mir oon ber für mich jurücfgelegten ©umme 
abjujiebn; ber ©ebanfe, Dir bamit irgenbwie jur Saft ju faßen, ift 
mir unerträglich. — 

Sun jum ©cbfuf noch bie berjlicbften ©rufe unb bie Sflrficberung, 
baf ich ben SOfoment faum erwarten fann, wo ich al« ooffenbeter ©e* 
febrter wieber ju Such fomme. Socb nie ift ber ©ebanfe an bie ^eimatb 
mir fo oft gefommen al« fegt, hoffentlich lautet mein ndcbfter Srief 
etwaö froher unb fann febon etwa« »om gortfeb reiten ber Doetorarbeit 
berichten. Ju (egterer fehlt mir freilich febr mein ©epäcf ... Sorber* 
banb ift alfo mein Jimmer noch febr leer unb fahl, nur beoblfert non 
einer Stenge ©ebanfen an Such unb meine anbren Sieben in ber Seme. 

SEBie immer 

Dein treuer ©obn 

hetnricb 


104] 8n ben Sater. 

Xubingen 21/6 54. 

SDtein lieber ©ater! 

... 3cb benuge alfo ben blutigen ©onntagSmorgen, um nach ber 
fernen h**tmtb ju fegreiben, ein ©efegüft, ba« mir in ber biefigen 
l folgt genauere ttufjiettung ber Vuftgaben int lebten Semejtar* 


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224 


W«i 1864. 


Hbgefchiebenbeit lieber unb erfreulicher ift ato je. — Den guten Sach* 
richten/ bie Du mir von Such giebjl, unb wofür ich ©ir h«*)li<b 
banfe, fann ich von meiner ©eite wenigjlenO leine (flechten entgegen: 
fe$tn. SO fcheint, att oh man fleh hier gan§ wohl hefinben fann/ 
wenn man fleh erjl an bie Sbgefchiebenbeit gewohnt unb ben Sorfafc 
gefaßt hat/ recht grünblich ju verbauern. — 3<h hohe hio je$t allerlei 
anbete Arbeiten ahjuthun gehabt/ fo lange meine Sücper noch nicht 
angelommen waren, ©eit einigen Zagen ftfce ich nun an meiner 
Doltorarbeit unb fehe ein/ baß bie gewöhnliche ©efchichtofcheeibung, 
bat Stuffuchen biftorifcher Zhatfachen, eine viel leichtere Arbeit ijl, alo 
baO Sntwerfen einrt eulturhifiorifchen ©emätteO. Du weißt/ mein 
$lan ijl bar)ufleffen, wie fleh &»e ©egtiffe vom ©taat unb von ber 
®otfOwirthf<h«ft in ber Zheorie unb ^rajrtt im 16. Sahrhunbert in 
Deutfchfonb geflaltet haben. SRein ffiunfeh märt gewtftn, bie weitere 
Sntmicflung biefer Segriffe bio auf bie ©egenwart fortjuführen. DaO 
ijl aber natürlich für eine Doctorarbeit eine viel )u weit auOfehenbe 
Aufgabe. Sch befchränfe mich olfo auf bie $tit, wo ber moberne 
Segriff vom ©taate anfängt fleh J“ bitten, auf baO 16. Sahrhunbert, 
unb fehe, baß ich baran mehr alo genug )u thun habe. Zhatfächliche* 
ijl nicht aityuviel ju berichten; aber eO fommt hier baO ^arabojr in 
Hnmenbung, baß man fehr Siel wißen muß um fehr wenig )u fagen. 
SRan muß eben bie ganje ©efchichte einer ^eit in ber ©ewalt haben, 
um barauO baO wenige für einen einigen ©efichwpunft Sßefentliche 
herauOjußnben, noch baju, wenn biefer ©eftchttpunft ein fo tief in 
alle gebenOverhältniffe eingreifenber ijl, wie in biefem gaffe ber Sc* 
griff btO ©taatt. — Sun, ich hoffe, eO foff gehen. DaO ©chlimmjh 
ijl nur, baß ich mich manchmal gang unwiberftehlich nach poltifcher 
Sefchäftigung feßne unb boch weiß, baß ich ntir bieß für jeßt 
verfagen muß, wenn ich onberO in biefem ©etncjler mit ber Arbeit 
fertig werben will. UebrigenO ijl 9>rof gaffati, ber Dberbibliothelar, 
gan$ außerorbentlich gefällig gegen mich. 3* Sibliothef ijl fehr 
gut, aber fetter finb bie Sucher faß immer verliehen. Denn bie 
tyrofefforen jinb fchlecht befottet unb hoben meijl nur Heine eigne 
Sücherfammlungen. Sbgefebn von folchen Äleinigfeiten muß ich 
fehr jufrieben fein. Huch von ber Zechnologie von Sol) habe ich 
wetugfienö baO Hnfchauen einer Slenge neuer fSafchinen, wenn ich 
auch leibet vom Sortrage feine ©ilbe verjlehe. — ffBeniger jufrieben 
bin ich ntit meinem htejtgen Umgang. Unter ben Sorbbeutfchen, mit 


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«Wat 1864. 


225 


betten ich verfemte/ finb jtoar einige tretet tvic^tige ?eute; aber weit fie 
alo gmttbe ganj ifotirt flehen, ftnb fte gezwungen mit alten Wort» 
bcutfchen jufammenjubalten; eO ftnb im ©anjen etwa 15, unb baff 
bantnter manche unangenehme unb nichtOfagenbe Elemente ftnb, ift 
tmoermeiblich. 3<h lerne eben, toaO ich fpäter hoch noch lernen muf, 
wie eO ifl, wenn man feinen Umgang nicht nach Weigung, fonbem 
nach eonoentionellen Werhältniffen einrichten muff. — ©urch Änapp 
bin ich auch mit einem fchwdbifchen Äteife befannt geworben. SO 
ftnb meift Sbhn« hoher württembergifcher Beamter, unb ich habe 
wenigftenO ben Wortbeil oon ihnen, einen Wegriff von ben hieftgen 
Wcrbältniffen ju erlangen. 9tn Streit fehlt eO nicht, wenn er fich 
auch nur in ben ©rinjen ber Wecferei hält. Die £eute finb meift 
nicht über bie fchwibifche ©rinje herauOgefommcn unb enttoicfeln nun 
einen fo unauOftehlichen finigL toürttemb. eonceffionirten ^artifula* 
riomuo, baf eO für Seben, ber ettoaO beutfcheO Wationalgefübl hat, 
eine wahre ^(age ifl. Xraurig ifl eO, baf man einen fo ferneren 
Stanb hat, wenn man ihre Angriffe gegen ben Worten, bie fich 
natürlich hauptfüchlich gegen «Preufen richten, jurücfweifen will. Denn 
leibet hat ^teufen in ben lebten fahren 2WeO gethan, um ftch in ber 
üffcntlichen SReinung ju ©runbe ju richten, unb eO ift nicht leicht 
ben Wetoei« ju führen, baf bie Schutb oon biefen SWifgriffen nicht 
am preufifchen Staate, fonbem an feiner gegenwärtigen Regierung 
liegt. Wtan oerwechfelt eben ju leicht bie SRenfchen mit bem Wegriff, 
ben fte oertreten. — freilich haben bie SBürttemberger oon ihrem 
Staate auch nichtO WühmlicheO )u berichten. Won bem Sanbe fann 
man fo recht fagen, baf bie Watur hier 2WeO gut, bie SRenfchen 3We6 
fehlecht gemacht haben. ©aO ?anb ifl fo reich unb boch überfüllt mit 
bem gefdhrlichffen Wroletariate, baO eO giebt, einer beruntergefommenen 
Sanbbeobfterung. ©aju eine Wielregiererei, bie jebe Selbflänbigfeit ber 
©emeinben, jebe Freiheit beO WoltOthumO gebrochen hat. So ifl}. W. 
nur ein einziger Stag im 3ahre, wo bie Wauem tanjen bürfen. ©a 
oerbietet man bem tebenOluftigen Wolfe feine unfchulbigm greuben 
unb wunbert fich bann, wenn bie Werbrechen furchtbar überhanb 
nehmen, ©urch Wolijeifhrafen aller 2lrt fucht man bie leeren ©e» 
meinbeeaffen wieber ju füllen. 3ch habe noch nirgenbO fo oiel Wer» 
bote an ben Segen gefehlt wie hier. SO giebt ffiege, bie ganj breit 
unb fchün finb, alfo oon Wiemanben für oerboten gehalten werben 
(Innen, unb an benen man bie 3nfchrift lieft: „©iefer ©eg ift 
i. 16 


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226 


Wat 1864. 


erlaufet.* Sllfo ftnb feie 2Bege alle oerboten, wie e* fefeeint, wenn fie 
niefet au*brücfticfe erlaufet ftnb. Unb fo gefet feie polizeiliche Gudlerei 
fort bi* in feie feöcfeften Greife. Stan muf feie Srofcfeüren lefen, 
welche j. 93. über Stbfefeungm oon 93eamten u. fegt erftfeeinen, worin 
bann feie tleinlicfeftm 9>rioatgef(fei<feten jur äenntnif fee* ^ublifum* 
gebraefet werben, um ftefe oon feem ©efereibers unb Denuncianten* 
unwefen feier )u Sanfee einen 93egriff ju macfeen. — Unb feoefe werben 
mir Sanb unb Sott in ©efe woben immer lieber. 3Bo ftefe noefe etwa* 
oon feem früfeeren SJofelftanbe finfeet, fea jiefet man, wetefeer Äem oon 
^>oSfte unb Seben*luft in feem Solle liegt. Da* Sanb ift ungemein 
freunfelicfe; nirgenfe* etwa* 93efeeutenfee* unfe ©rof artige*, aber übers 
all lacfeenfee Weinberge, Heine freunfelicfee ©tdbtcfeen (oorau*gefegt feaf 
fte niefet gan§ in ©efemufe oergraben finfe) unfe überall feiftorifefeer 
Sofeen. Äein Serg, fein ©efetof, woran ftefe niefet eine fefebne ©age, 
eine gefcfeicfetliefee Erinnerung fnüpfte. Der alte Siefeerreicfetfeum fee* 
Sanfee* ftirbt freitiefe au* mit feem )unefemmben Slenfe; Sille* feratt 
an 9tu*wanberung, e* maefet einen traurigen Sinferucf, in fefeer Dorf« 
fcfednfe bie ^lafate feer „©elegenfeeiten naefe Seus^ort" ju ftnfeen. — 
Son feer greunblicfefeit be* Sanfee* maefet unfer Tübingen eine trau« 
rige 9lu*nafeme. 3e länger iefe feier bin, befto ftarer wirb mir’*, baff 
feie ©tafet fea* fcfemufeigfle unfe finfterfte Socfe ift, fea* iefe je ju ©eftefet 
feetommen werbe. Stein £immer jwar ift gan) freunfelicfe mit feer 9tu*? 
ftefet naefe feem alten ©efetoffe, einem alten finflren ©ebdube... Steine 
Slbreffe ift beiläufig Seetarfealfee 148 bei Sungfer ©bfe- 


Dein treuer ©ofen 

Die 2 (efeten Sdnfee oon Stacautap feabe iefe feier: 


Jpeinriefe. 


106] ttn ©Ufedm Soff. 

Tübingen, 26 jb 54. 

SWetn Heber ©ereli! 

Sigentticfe ift c* eine wafere ©efeanfee, baf iefe naefe feen gtüefticfem 
Dagen, feie Du mir in greiburg bereitet, nun fo lange fefeweige. 
SSiUft Du einen reefet mageren Droft feafür, fo nimm bie Serfiefee* 
nmg, feaf iefe wenigftra* um fo öfter an Suefe gefeaefet, feaf mir noefe 



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SRai 1864. 


227 


beute bie ©ffwarjwaffmfe wie ein feiner bräunt, ein frifffe* ?ieb 
»off 3ugenb« unb SSanbertuft im ^»crjen naffftingt. 3ff beftnbe miff 
jegt im ^uftanbe bet größten Ungewißheit in jeber Jpinftc^t; unb ©u 
weißt jo, baß ein fotffer hoffet "Juftanb, bet nicht ©tucf ift nicht 
Zrauer, ßinen nie mittheiienb unb geeignet macht au* fleh fefffl 
herau*|ugehn. ©teß jut (fntfffulbigung außet betn äußeren ©runbe, 
baß bie ©enbung an ^ru§ wegen Söetjbgerung bet 2lbfffrift erft »or 
8 Zagen abgegangen ift. — ©off nun (aß miff ab ovo beginnen 
unb ©ir fagen, baß ba* httftge Sehen mit jwat intereffant ift, weit 
e* mit eine SRenge neuer Stnfffauungen gewährt unb in wiffenfffaft« 
(iffer JJmfifft SRanffe* bietet, im Uebrigen aber hetjliff 6be unb 
traurig... Srnmeffin ftnb e* aber mehr bie SRenfffen, bie an einen 
Ort feffetn, aff bet £>rt fefffl. Unb grabe in biefer J^infifft fleht e* 
hier traurig, ©ie 3 anbren granfonen finb, wie ba* ja immer naff bem 
ßBeggang »on Sonn bet gaff ift, ffft niebergeffftagen. #aa* ift mir 
ein fehr angenehmer Umgang: fehr gebiffet unb talentvoll, gegen Slnbete 
meift »erfffloffen, jeigt er ftff gegen miff fehr offen unb »ertraut 1 . 
© ... mafft ftff oft fehr unangenehm burff bie Strroganj mit wetffer 
er Sfnfifften au*fprifft, bie feiner Antwort werth finb, weit fte ent« 
webet in* 3rrenbau* gehören ober, wie bieß bei 99. ber gaff ift, ba* 
$robuft einer wahrhaft feetenmbrberifffen €rjtebung finb. SBunbere 
©iff nifft Aber bie Jßärte biefe* StuAbrucf*. S« giebt gewiffe 99er« 
fehrtheiten, bie ein greunb ber Shre unb ber greffeit be* ©eifte* nifft 
mehr befämpfen barf, bie er »erbammen muß. ©aju reffne iff jene 
fffänbtiffe SJRucferei, bie in maßtofer Strroganj bie eigne 9tnfifft für 
bie affein fetigmaffenbe hätt unb bennoff ^Raffinationen, bie fte fefffl 
für (ägnerifff unb »erräfferifff anerfennt, billigt, wenn fte jum 93eften 
ihrer Partei gefffehn, j. 99. ba* meineibige 99reffen ber preußifffen 
93erfaffung, bie 93er(äumbungen ber Jtreujjeitung :c. ©egen fotffe 
Sfnftfften giebt e* meiner 9(nftfft naff nur eine moratifffe ©ppofU 
tion, bie jebe* brauen SRanne* $ftifft ift; ber religibfe unb politifffe 
©tanbpunft ift babei »offtommen gleichgültig, ©ieb, unb fotffe 3beeen 
hat man bem ungtöcftiffen 99., ber eigentlich ein fehr gute* 4>erj 
hat, in ber fffänbtiffen SRucferanftatt ju greiimfeffe oetropirt. ©rabe 
biefe* Zwange* wiffen oerbamme iff ffn nifft, iff bebauere ihn nur, 
aber mein greunb fann er nie fein. <£* gebärt oft aff meine ©effft« 

i JDrirotalift; tfftdt fpAtrr burff Stmnitrtung SKajr SRAfln# StnftrQung am ttritiff 
SRufdtm ln Sonbon. 

16* 


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228 


Stai 18M. 


bcgertfcgung bagu um niegt loOjubrecgen unb gu fagem SBer f«lege 
©cgänblicgteiten »ertgeibigt, ber iß fein 2Äann von ggte, mit bem 
(amt ich niegt umgehn! — SBet a dt bem fte^c ich mit SB. auf gutem 
guße, wett icg fein Herg egte unb bie Biebertrdcgtigfeit feinet Btoeal 
feinet ©rgiegung unb bet Berfehrtgeit feine« Betßanbe« beimeffe... 
Stußerbem (ennen wir noeg einen Zeit bet aften ©ermanen, wie e* 
fcgeint ihre haute-volöe, rneiß ©ogne bet fegwdbifcgen Bureau(rotie. 
Baeg jebern ©cfprdcg mit ignen fcgöme ich micg attemat bet Hoff* 
nungen / bie icg auf Deutfcglanb« £u(unft gefegt. S« giebt (einen 
wiberliegeren ^atticulariömuö, at« ben junger Seute, benn bei benen ift 
et unnatürlich. SBenn unfett Bdter, bie vielleicht igt. @ut unb Sötut 
bem Dienße eine« beutfcgen Äleinflaat« geopfert, fiep nicht wollen ein« 
reben laffen, baß bet ©taat, bem fte fo Biel geopfert, ein Phantom fei, 
fo (ann man ba« nur egten. Diefe jungen gaffen aber, bie unter ben 
Sbeeen einer neuen Zeit aufgewaegfen ftnb — wenn bie au« Slngß um 
igt f&nftige« liebe« Brot bie (bnigt w&rttembergifcgen eonceffionirttn 
Patrioten fpielen, ba« iß wahrhaft fegmdhlicg* Unb fo iß e« gier bureg 
bie SBanf hei allen ©tubenten, bie SDteißen hoben fogat niept einmal 
ben fcgwdbifcgen g>atrioti«mu«, fonbetn bloß ben eß lingifegen, goppingü 
fegen tc. Da« gat raieg wiebet reegt in meinet Slnßcgt beßörft, baß 
unfete politifege Zulunft oom beutfegen Borben abgdngt; biefet gogle 
unb faule Barticulari«mu« (ann bem, im norbbeutfegen Bolle gang 
allgemein verbreiteten, g\atrioti«mu« unb ©etoßgefügle nimmerraegt 
@tanb galten, unb mag bet Borben augenblüflicg noeg fo fegt auf 
ben J?unb (ommen bureg Sftanteuffel unb bie 3un(et. — Zrog alles 
bem unb altebem bin icg moralifeg niegt auf bem Jgunb. 3<g lerne 
ein gang neue« Sehen (ennen, unb gie unb ba (leibet nur fegt feiten) 
bient eine ©priße in bie weitete gerne, bie wirflieg fegöne tauge 
Slip, gut (Stfrifcgung bet geben«geißer. — 

SÄein Slenb ifl aber bie abfcgeulicge Ungewißheit, in bet icg 
fegwebe. Die ©enbung an B*ug iß fort, unb icg bin in bet gbcgfbn 
©pannung, wenn aueg meine Hoffnungen niegt galb fo fanguinifeg 
ftnb, al« bie Deinen. $ruß’« Antwort wirb fieg beßen gaff« auf 
einige SKnetfennung unb auf ben 8tatg „gu warten" befegrinten. 
Dagu bet btingenbe SBunfcg poitifeg gu ptobuciten, wo« für jegt 
(aum möglich fegeint tgeil« be« Djen« tgeil« bet Ungewißheit wegen, 
bie gu freiem ©egaffen niegt anregt ©nen Blan gab* icg fegott, 
bie gerrlicge ©age von bet Zigeunerin in SKlergeiligen in einem tomatt« 


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9t«i 1864. 


229 


tiftyen Weinen <5po« ju befanbeln worin natürlich ©chilberongen au« 
betn ©chwarjwatb eingeflocbten würben*. 2Ba« meinft Du baju? — 
Dann ber grabe j«$t in mir febr lebhafte »trieb nach Befchüftigung 
mit ben allgemeinen SBiffenfthaften; ich muf mich für je$t mit 
Bifcher« Weftbetif* begnügen unb führte immer mehr, wie furchtbar 
lücfenfaft mein ÜBiffen in ber Jßinftcbt ift; ba« vita nostra brevis cst 
ift mir nie in fo nieberföfogenber Älatfeit erfcfienen al« je|t. gern er 
meine Doctorarbeit: bie ftaatlicben unb oolf«wirtbfcbaftlieben £uftdnbe 
unb Wnficbten in Deutfcfffanb im 16.Sabrb* — ©ewif ein ftbüne6 
3^ema, aber wie entmutfigenb. ÜRein $lan war bie SntwicWung biefer 
Wnftcbten unb £uftdnbe bi« jur ©egenwart barjufteffen, aber wegen 
ber Beftbtänftbeit von £eit unb Bütteln muf ich mich auf bief Weine 
©ebiet jurüdjiebn, bief Weine ®ebiet> bat grof genug ift um mich ba« 
ganje ©emefter über ju befehligen ohne bie 3(u«ffcht et nur jur Jpilfte 
ju erfchtyfen. ©chon biefe Weine Wrbeit geigt mir, wie ungeheuer 
bie Wrbeit«tbeilung in ber SBiffenfehaft jugenommen bat. gaft in affen 
SBiffenfcfaften ftnb bie Jßauptgefi<bt«punfte unb bie SRetfobe fcfon 
feftgeftefft; jum weiteren Wu«bau gebürt nur mübfame Detailarbeit. 
Unfere ganje Bilbung nimmt nicht in ber ^bbe, fonbem in ber Breite 
ju. Da« SRaterial unfere« ÜBiffen« ift fo ungeheuer geworben, baf 
e« ff<b in einer Blaffe oon Btenfehen jerftreut beftnbet. Ginen $olt>s 
fiftor giebt e« nicht mehr, ja felbft feinen Btenfcfen, ber eine einjige 
SBiffenfchaft ganj in feiner ©ewalt bitte. Da« bcftirft mich in bem 
©tauben, baf unfere SBiffenfcfaft (etwa mit 9tu«nabme ber ejaeten) 
leine fä&pfetiföen &eniet mehr febn wirb, fonbem nur tüchtige SRit* 
arbeitet unb, wenn ich &en materieffen Wuabrucf gebrauchen barf, 
Wrbeiteraffociationen; benn grabe bie Bertbeilung bet 8Biffen« unter 
eine Btcnge Btenfehen wirb eine Bereinigung ju gemeinfamer Wrbeit 
notbwenbig machen. — ©o bient benn meine Wrbeit nur baju mich 
ja entmutbigen. Sch feb« (in ungeheure« SRatmal vor mir unb 
weif voran«: fann ich e« überwinben, ftnbe ich etwa« 9teue«, fo wirb 
felbft biefer gtücWichfte Crfolg nur ein Sticht« fein, „ein J?alm im 
grofen ©arbenfelb* *. — ftum ©chluf noch bie Ungewifjjeit über meine 
ftufunft . . . Wm £iebften ginge ich i m hinter nach Berlin . . . 
Du fiehft, lieber Bereli, ba« ift eine ganje Steife oon ©orgen, bie 
mir burch ben Äopf gehn. SBie fte ber ©mnb ftnb, warum ich fo 

i ®0t ,©wWm» 6.117. 3 Crftiai Bon 1846 bi* 1867. 1864 bol Srft Mtt 

bi* Wolmi. s JBgL 6 . 181. 


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230 


TOai 1864. 


lange fchwieg, fo fotten fte auch ber ©runb fein ©ich jum recht baU 
bigen ©cbreiben ju bewegen, ©et bettrc Sraum bei S3urfcbenleben# 
ift für mich ju Snbe, aber ba# greunbfebaft#banb, ba# wir ibm oet* 
banfen, wirb un# auch in oerAnberten 93erbAltniffen nicht neriaffen. 
3fmmer unb unoerAnbert 

©ein 

Heinrich X 


106] Kn JftrinriA ©acbtnann. 

Tübingen 28/5 54. 



Sin eben angefommener 83rief non ^)utt macht bie Srinnerung 
an bie granconentage in mir (ebenbiger afe je unb ruft mir bie $ftt(bt, 
©ir, mein guter 23acbfrifc, für ©einen freunbticben ausführlichen 23rief 
.ju banfen in# ©ebdcbtnif. ^>utt giebt mir juerft bie freubige SRacb* 

ric^t non ©einer ©tanbe#erbftbung 1 -23i# hierhin mein 

„burfcbenfcbaftlicber ©ruf junor". — 9tun fann icb aber wieber 
SWenfcb fein unb bube im Auftrag ber gefammten 9lecfarfranfonia auf 
©eine gragen wegen Sübiftgen ju antworten/ baf ei uni grabe fo 
gebt wie ©tr, b. b* baf „un# ba# $erj auch ganj febwer wirb/ wenn 
wir an Sübingen# fromme ©trafen benfen 5 ." 3n ben erflen Sagen 
war ber Kammer ganj allgemein. 2rcb meine#tbeil# fange naebgerabe 
an/ mich einjugewbbnen. gär einen ©rofflAbter ift bie fcbwAbifcbe 
Sulturiofigfeit unb ©cbweinerei Anfang# atterbing# unertrAglicb. 3ft 
aber einmal ein tüchtiger SIntauf jum SJerbauern genommen/ bann 
bat bief befcbrAnfte unb abgefebiebne Schwaben einen ungemein trau« 
lieben 9teij. SSSenn icb Such* wAre unb tAglicb in bie 23erge flettern 
fönnte, würbe icb feb* glüeftieb fein. 3n 23onn unb ©re#ben lebt 
man flet# in einer freunblicben ©tabt unb fpart ftcb bie 9tatur nur 
für geierftunben auf. J^ier aber fiebt man bie 9totur nicht al6 etwa# 
grembe# an, fonbem gebt ganj barin auf. 3cb ftnbe an ber bieftgen 
©egenb nicht# 83ebeutenbe# unb wahrhaft ©ebine#, aber Sitte# ift 

i bU €bttnmitg(i(bf<baft. 9tu«b Oppenheim unb Smtföfe mürben bantaK 
|U @brmtnitg(iebetn (mannt, mal ihnen jut JJeit alfo noch unbefannt mar. ©gl. 
6eite 284. 3 ^ronifib; beim ©acbtnann »erfianb bat nicht »Stabe fo*, batte 

»iebnebt feinen Xftbingcr Aufenthalt in beget Srianmmg. 



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SKm 1864. 


231 


freunblich unb traulich unb tritt Sinern fo recht nabe anb J^etj. 
3fe|}t begreife icb/ wie Schwaben eine folche SRenge nid^t grabe großer, 
aber bo<b tief*pottif<bet Sichtematuren bat heroorbringen tonnen. 
Schillern Statur fann i<b mir aber aub feiner JJ>eimatb nicht er* 
ttüren . -. Um nun non meinem Umgang $u fprechen, ber bocb 
immer mehr alb ber £>rt felbft baju beitrügt, Stnern ben Aufenthalt an 

einem £>rt lieb ju machen, fo ift mir Jjaab ein wahrer Trofl- 

Unfer übriger Umgang ift nicht befonberb. Sie Storbcaffaria, eine 
Sameetbcouteur non fRorbbeutfchen, hat )war einige tüchtige Seute, 
aber ber Schunb wiegt nor. Sie fchwarjen 25ürierb, bie 23üreau* 
Iratenpartei ber alten ©urfchenfchaft (Änapp unb Sonforten) mit 
einigen netten gücbfen, finb eine recht angenehme Unterhaltung jeit* 
weife, aber unb ftöfjt ab ber Ueberfluf) an ©tbanfenarmutb unb 
ber ctaffe »nahrhaft bornirte fchwübifche ^articularibmub. Ser legtere 
ift hier überhaupt Srbfünbe unb bringt Sinem einen guten begriff 
non bem politifchen SBerufe ber Sübbeutfchen bei. — S.o nie! nom 
Umgang. — gut bie SBiffenfchaft ftnbe ich fehr ®iel; bie 23ibliothet 
ift trefflich, ich flße bereitb an meinem Soctor, gaifati unterftügt 
mich auf bab greunbtichfte. — ®on 93ol)’b Technologie habe ich nichtb 
alb bab Anfehn ber famofen Apparate. — Jeitweife war ich ganj 
auf bem #unb wegen ber (Sorge, bie mir mein ©eh&r macht. Sn 
geht fehr fehlest bamit, ich gewöhne mich (aber ich nerfuche eb 
wenigflenb) an ben ©ebanten, eb mit ber £eit noch ganj ju ner* 
lieren. 2Bie ich mich bann mit bem lieben, beffen fünfte «Seite, ber 
Umgang mit SRenfchen, mir bann nerfchloffen wäre, abflnben fott, 
bab wiffen bie ©btter. — 3fn wiffenfchaftlicher J^inficht fomme ich 
je$t nicht aub ben Zweifeln unb Äümpfen beraub. Sb ift an fich 
fehr unangenehm, felbftünbig fchaffen ju muffen, fo lange man noch 
nicht einmal bie Elemente feiner SBiffenfchaft ganj inne hat; fehr 
lüjtig aber ift eine folche Softorarbeit, bie fleh natürlich nur auf ein 
ganj winjigeb ©ebiet befeprünft unb Sinen t>ot lauter Setailftubien 
beinah bab ©anje »ergeffen lügt . . . Saju fommt, baff ich mich 
gan) unwiberftehlich ju ben allgemeinen SBiffrnfchaften getrieben 
fühle. Sch befcprdnfe mich auf SBifcpetb StefthetiE. Siefer gefunbe 
frifche SRealibmub, bab feefe Brechen mit allen ®orurthei(en (25. nennt 
eb frech!!) gieren mich ungemein an. Aber grauenhaft geifttbbenb 
fcheint mir bie SRetpobe. Su wirft mir einen ©efallen tbun, toenn 
Su mir erflürfl, wab biefe Regelet nü|en foU. Sa erführt man erft 


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332 


<W«i 1864. 


in ber Dhefe eine Stenge abfid^ttidx Sinfettigfeiten, um bann in bet 
Slntithefe mieber anbete Cinfeitigfeiten ju hören, btt enblieh bie Spct« 
thefe bat* erfehnte Süchtige bringt. Da* mag bei einem fehr tornplü 
cirten Stoff jur Ueberficht unb unparteilichen Erwägung recht bien lieh 
fein. SBte man aber barau* ein allgemeine* Denfgefeß ableiten unb 
unfer reiche* Sehen nothwenbig immer in 3 Xbeile einfchachtetn 
will/ ba* begreife ich nicht. Stan fann boch jeben ©egenffanb, jeben 
©egriff von vielen verriebenen Stanbpunften au* betrachten/ ). ©. 
ben Staat vom Stanbpunfte be* Stecht*, ber materiellen SBoßlfahrt, 
ber ©ilbung, ber ©effintmung be* Stcnfchengefchlecht* ic. Dann 
mite alfo biefer einzige ©egriff bie Spnthefe von einer Stenge vet* 
fchiebener Dhefcn unb Stntithefen? Da* iff boch unbenfbar. — Stit 
meinem Urtheil über Stiehl geht c* mir eigen. Sich h<t6< ihn jegt 
jum 2ten Stale getefen; ba hatten benn bie Schilberungen ben 
größten Dheil ihre* St ei je* verloren. So fvmrne ich benn ju bem 
Stefultate: in poesi magnus, in philosophia parvus; bie Schübe« 
rungen ftnb fchön, aber bie Folgerungen gänjtich haltto*. Seine 
©orjuge finb, glaub' ich/ bie eminente anregenbe jtraft, bie Siebe ju 
unferem ©olftthum unb ber wohlthuenbe Seift ber ©ietdt, ber burch 
ba* Sanje geht Da* Sille* hat er mit feinem ©orbilbe F* Sift 
gemein/ aber wie biefer bleibt er alle ©eweife fchulbig. SBiffen« 
fchaftliche Äenntniffe hat er gar nicht; feine ©orwurfe gegen bie 
Stationalöfonomie treffen nur eine einjige Schule, bie Sticarbo'fche. 
Son ber htfforifchen Schule ber Stofcher, ^ilbebranb(t) re., beten 
Jpauptjwect e* ijl, bie wirthfchaftlichen ©erhöltniffe im ^ufammen« 
hange mit bem ganjen ©olftleben ju erfaffen, fcheint er gar Sticht* 
ju rniffen. Seine Folgerungen werben, fcheint mir, grabe burch ben* 
felben Umftanb fo fchwach, ber feine Schitberung fo fchön macht, ich 
meine burch bie Unmittelbarfeit ber Slnfchauung. €r hot fleh in ba* 
©olf*leben fo recht eingelebt, bie £uft&nbe finb ihm fo menfehlich 
nahe getreten, baß er nur nach bem fubfectiven ©nbruefe urtheilt 
©ei bem reichen fchlicht>gliubigen ©auem hat er fleh natürlich woßler 
befunben al* in ber mobemen Sivilifation. So fommt benn biefer 
Sfann, ber fleh mit ©orliebe feine* contreten Sinne* rühmt, in 
feinen Stefultaten ju einem ganj abftraften Schematiftren, er fommt 
ju bem Stefultate, baß nur bie alten naturwüchftgen jjuftinbe gut 
feien, unb nun wirb furjweg allen ©ölfem bie fein gegliebertr* 
Stdnbewefen mehr haben, bie Seben*fühigteit abgefprochen; Deutfeh« 


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<Roi 1864. 


S83 


lanb« £utunft ruht bann auf bem Hochgebirge unb auf ber norb* 
beutfcpen Tiefebne, bloß be6^alb weil fleh bort bic alten ©tänbe er« 
galten hoben, wo« ich übrigen« beftrrite. 2Belcbe (Sottfußon. Stiehl 
fchilt e«, wenn man 9>olitit nach abftraften ©pftemen macht, unb 
geht felbft non ber Slbflraftion ber fWnbifcfjen ©tonarchie au«. — 
Da« Äomifcbfte tff aber, er umgeht ben eigentlichen Äern ber grage 
gänjlich. Daß e« fich bei feinen bairifcben än&belbauern ganj gemuth* 
lieh bbt, baß fle ein triftiger ©tenfchenfchlag finb :c., ba« wirb ihm 
Stiemanb befireiten, obgleich ich glaube, baß bie (Sultur ben ©tenfehen 
auch beffer unb glücklicher macht. <5« ift aber eine -Jett getommen, 
welche biefe primitiven ©erbältniffe umfturjt. Da verlange ich nun 
ju wiffen, ob biefer Umfturj ein fünftlicber ober ein notwenbiger 
ift, unb im (enteren Salle, wa« nun an bie Stelle be« Sitten treten 
fott. Darauf antwortet Stiehl nicht, er behauptet halb ba« €rfte, 
halb ba« Segte, begrünbet aber gar nicht«, fonbern wartet meift mit 
groben 9tcben«arten auf 1 . 

[De]r ©rief wirb lang, aber e« wirb ber einjige von biefem 
fflolumen fein, ben Du von mir erhältft. Die 3eit ift für einen 
Candidatus fchr foftbar, überbieß muß ich mich mit (Bemalt an ben 
©egreibtifeh bringen, benn ich bin im £uftanbc ber votltommenften 
Ungewißheit über meine ^utunft, unb ba« ift ber unpaffenbfte £u* 
ftanb für’« ©rieffegreiben. 3<h muß e« mir immer unb immer 
micber fagen, baß mein ©eruf bie ^>o8fie fei, baß e« meine ver* 
bammte Pflicht unb ©cgulbigfeit ift, mir bic unerläßliche litterarifche 
unb äfthetifege ©Übung ju verfchaffen. ©Sie tann ich aber felbft ent« 
feheiben, ob bieß (Befühl ein richtige« fei? Ober foH ich £ufatl 
entfeheiben laßen? — fOtein ©ater münfeht, ich foUe näcgfte« ©emefter 
in eine Dre«bner ©egbrbe eintreten. Sch habe aber an bem ©Siber* 
ftreite jwifegen ber ^>o€f!e unb ber ©Siffenfcgaft fchon mehr at« genug 
unb tann mich nicht noch in eine britte ^flichtencollißon (mit bem 
Slmte) bringen. — 6« ift wirtlich gräulich: Da ßge ich an biefe 
Dottorarbeit gefchmiebet, unb Herj unb jtopf fmb übervoll von 
pottifegen Träumereien, von ber herrlichen ©chmarjmalbrrife ber legten 
Serien, von biefer wunberbar reinen unb großartigen Statur, von bem 
heiteren Stufenthalt in greiburg, ben ich mit )u ben glüctlichften 

1 OTU fXi<b( gat geh ttriifchf* noch oft fritif<h, troiff vefonifimnb befegiftiflt. 
® 0 l. befenberi frint J^abilitttionifchrift @«ft 0 fehafrtn>iff«f<hoft* unb bie int 
4.©anbber Jhiffoc.tf. ffMlt. «affige* 6.662 ff. 627 f. neu getauften »ffptecbimgm. 


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234 


3um 1864. 


Sagen meine« Sieben« jühle. — Die @rü£c non unb an tannfi Du 
Dir fe([ber] benten. 9Bor altem aber »ergif? nicht, baf eine batbige 
Antwort au« bem feinen Berlin un« oerbauerte Schwaben (mit Jpofen 
)u 3 fit) her$lich freuen wirb. 

Unoeränbcrt Dein 

Heinrich Sr 

♦ ♦ ♦ 


107] fcn bat Stator. 

Sübingen, 20/6 64. 

SDlein lieber Söater! 

... £unä<bft einige Sorte über Gheliu«. — £u ^ftngjhn mar 
Sinaffa hier unb betätigte mich leiber in ber Sabmehmung, bafj e« 
fi<b mit meinem ©eböt oerfchlimmert habe. Gr mar mit mir ju Ofiern 
in gteiburg gemefen unb tonnte alfo mohl ein Urtbeil abgeben, al« 
er mich nach einigen Soeben roieberfab- Da icf> muffte, baff Gheliu« 
fitb nicht hewbläft, einem Patienten ju fTreiben, ber nicht in 9lmt 
unb ÜBurben ifl, fo gab ich SBinaffa einen SBrief an ihn mit unb 
erhielt barauf bie beifolgenbe Antwort. Du tannfi Dir benten, bafj 
fte mich nicht gerabe ermuthigte. 2Baö fott ba« helfen, auf meinen 
Bericht, bafj e« fchlechter gemorben fei, mit ber SBermutbung anfc= 
morten, bie jeber £aie ebenfo gut machen tann, bafj e« vielleicht oom 
Setter berruhren fünne? Unb bann mir Silbbab $u oerorbnen, mos 
hin noch nie ein SÄenfch megen Scbmerhirigfeit gefchicft mürbe, nur 
meit e« in ber 9Mb« liegt . . . Uebrigen« höbe ich feitbem mit 
Gheliu«’ Gur paufirt unb e« geht nach allgemeiner Ginficht mieber 

beffer, obgleich ba« Setter ba« alte geblieben-Seiter höbe 

ich ®»r noch eine 9lachricht mitjutheilen, bie mir fehr grofje greube 
gemacht hot. Die gtanconia hot mich nämlich ju ihrem Ghrenmit* 
gliebe gemacht, eine feit 2 fahren nur einmal oorgetommene Slu«® 
Zeichnung, bie mir aber jegt mit 2en meiner liebfhn greunbe jugleich 
miberfahren ift. Sie gtücflich mich ba« macht, tannfi Du Dir benten. 
Um fo lebhafter mirb in mir bie Sehnfucpt nach fo oielen tüchtigen 
unb lieben greunben, bie mich fefct jum Gommer« nach @oar«baufen 
eingelaben haben. Natürlich ifi baran nicht ju benten, ich »erbe mohl 
mäbrenb ber Gommer«tage allein hier bleiben, mäbrenb meine 
3 GoUegen an ben SRhein liehen. £eib thut e« mir natürlich fehr. 


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3uni 1864. 


235 


aber biefe Uebung in ber 6ntfagung ifl mir recht gefunb, ba ich bab 
afabemifche {eben bo<h fcbon alb ein gefchloßneb Vuch betrauten 
fann. — 

Sonfl bin ich in ber legten £eit oft unwohl gewefen, befonberb 
plagt mich ein manchmal tagelang angaltenbeO abfcbeulicbeb Stopf: 
web, bab mich jut Arbeit unfähig macht. Dab mcchfelnbe ©etter 
binbert mich oft bei bem beflen 2Billen an ber näthigen SSenwgung, 
ba i<b bocb nicht über alle Dagebflunben frei verfügen fann. 9lu<b 
eine fleine ©prige in bab Donautbal, bie i<b in ben ^ßngflfeiertagen 
unternahm, bot SRichtb bagegen geholfen. Da höbe icb mieber ein 
SBilb beutfcber *Jerriffenbeit gefeben, wie man eb nicht lächerlicher 
ftnben fann. ©it ftnb feiten länger alb eine Stunbe auf bemfelben 
©«biete gegangen/ obgleich toi* nur burch breier Herren {änber famen 
(Preußen, ©urttemberg, Söaben), unb von unferer SReifegefeltfcbaft 
felbft (mir waren 6) war 3<ber aub einem anberen Sanbe. Der 
grüßte Dbeil beb ©egb führte jeboch burch &i« b<>b<njoUernfchen 
gänbehen, an benen Preußen, wab Vaturfchünbeiten anlangt/ eine 
herrliche {tequißtion gemacht bot. Slnberb fleht eb mit ben übrigen 
Verbältniffen. 6b bot ungeheure ©üb« gefoflet/ eine einigermaßen 
georbnete Verwaltung berjufleßen. 3n biefer J^inficbt wirb bab neue 
SRegiment allgemein gelobt. 6benfo allgemein flagt man aber über bie 
in golge ber ^Reformen bebeutenb erbübten Steuern, ein Uebelflanb, 
bem feboch näcfjflenb abgebolfen wirb, .^öffentlich gelingt eb Preußen 
an biefen gänbehen burch ein argumentum ad hominem bie ©runb* 
lofigfeit ber Vorurtbeile ju jeigen, bie hier int ©übweflcn im 
eraffeflen SRaßflabe übet ben fernen 9lorben curfiren. — Der ©eg 
nach bem JJwbenjoßem (4 ©tunben von hier) gebt an fahlen gelb* 
wänben vorüber; ebenfo fahl ifl bab Plateau, aub bem ftch ber flolje 
Hegel erbebt Die SRunbficht von Dben ifl ungemein weit, bie SBurg 
felbfl wirb im großartigflen ©aßflabe gebaut; leiber entflellt bab 
Xbor eine blübßnnige 3nfchrift, beten hoben Verfaffet 3b* Such »obl 
benfen fünnt. — Dann führt ber ©eg über bab raubefle unb übefle 
Plateau, bab ich f« gefeben nach ©igmaringen. 9lur von fern fleht 
man bie fchnurgerabe abgefchnittenfen] gelfen ber Slip unb gegen gtbenb 
flaunten wir ein femeb rotb befhablteb ©ilbergewülf an, bie Schwerer* 
alpen. 25ei Sigmaringen famen wir an ben grünen raufchenben 
©albbach, ber einen fo floljen Flamen führt unb gingen burch bab 
herrliche Seifenthal an feinem Ufer aufmärtb. Ungeheuer hohe bläu* 


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236 


3mi 1864. 


liehe Äalffelfen mit runben bauchigen formen fließen bab 3^al »ft 
fo eng ab/ baß bab Sluge feinen Slubmeg finbet. Daju SBurg auf 
SBurg auf fthminbelnben geraben 2Bdnben, ber ^Krrticfjft« bunfte 2Balb 
unb prächtige SBiefen — unb Sittel fo füll unb abgegeben, baß 
€inem ganj feierlich ju Stuthe wirb. Sefonberb bab ßreußifche 
Älofter Seuron ift ein SBilb ber ftillften SBalbeinfamfeit, bab ich mohf 
ber guten Stama jeigen mbchte. Seiber bauert bie JJ*rrl«hfeit nur 
eine furje £agereift/ unb halb batauf hoben mir unb mieber gabrifen 
angefebn. — ©eitbem bin i<b fafi nie aub ber ©tabt getommen. 
Der Aufenthalt h«r mirb mir/ menn au(b nicht befonberb angenehm/ 
bocb immer nä$li<her. 3ch finbe bie beffe Gelegenheit/ aub ben 
heften h^Pfl« Srofeffoten früher Gelernte» ju repetiren unb bie 
hifforifebe Stuffaffung Stofeher’b bureb bie mehr praftifche ^teftge 
{Richtung ju erginjen. Gefonberb belehrenb pnb Stof. ^elfericb’b 
^efte, von bem ich bei 9Beitem nicht fo Siel ermartet hatte. Seiber 
giebt er bab Steifte m&nblich/ unb eb ift mir nicht möglich/ feinem 
Sortrage ju folgen. — Nebenher (efe ich/ menn eb bie 3eit erlaubt/ 
Sifcber’b Aefthetif unb freue mich an feinem gefunben JRealibmub, 
ber bem Gehanten alb fotchen feine ©chbnheit jugefteht, menn er 
nicht im fchbnen Silbe erfebeint. 3m Uebrigen ift biefe Seftüre eine 
mähte ^)ferbearbeit; bie philofophifthm Äunftaubbruefe merben in 
folcbem Uebermaaßc angemenbet, baß man oft Stalapifch ober Sen* 
galiftb ju hbren glaubt. Doch ich muß fließen unb bitte Dich nur 
noch meinem lieben Gröberehen bie h«jlithft<n Geburtbtagbmönfehe 
ju fagen, bie ich ihm fo gern felbft brachte. — fflie immer 

Dein treuer ©ohn 

Heinrich 


106] Wn Otubelf tbtartin. 

Tübingen/ 20/6 64. 



9tur ein Soar $t\Un, befter Starguib, um Dir für Deinen Grief 
ju banfen unb Dir mit miberftrebenbem $erjen bie {Nachricht ju geben/ 
baß eb mir unmöglich ift ben €ommerb ju befuchen. gortmühtenb 
muß ich meiner armen ©eele ein „Drucf nicht fo 4 jurufen um ihre 


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3u(i 1864. 


237 


unbAnbige ©efnfueht ju befchwichtigen. @k mag motten ober nicht, 
oor bet ^anbgveiflic^en UnmAglichfeit muf fte bennoch fchweigen. 
©teil’ mich auf ben Kopf, ich fann’O hoch nicht. Den Doftor für 
einige $eit an ben ©aget ju ftecfen, baju wAre icf», ju meiner ©chanbe 
fei e* gefagt, leichtfinnig genug. Slber — ba* ©elb! — £> ©tobame 
©Schraube, wie fott ba* werben. 2Nh nApre mich nur oon ©chwarjs 
brob, bat (ier nicht au* Korn, fonbem au* Kartoffelf«halen gebaren 
wirb, bei feierlichen ©elegen beiten füge i<b fogar ©uttey b»nju. ©ei 
biefer DiAt (ommc ich faum au*, bie ^(gerungen fannff Du Dir 
benten. ©rfpart mir bie ©orwürfe, ich muf mich mit bcm 3facben 
©anjer ber ©elbfierbaltung (fo finb ja wobt Kappe’* gotbne ÜBorte?) 
wappnen- 

Dein 

Heinrich £ 

109] ®n ben 93at<t. 

Tübingen, 16/7 64. 

SDlein lieber Sßatet! 

-SRein biefiger Umgang ift ein fo befchtAnfter, tbeilwei* 

fogar fo wenig angenehmer, baf ich bie Süefe, welche bie ©icbttbeilnabme 
an einem froben Familienleben boch immer im .ßerjen jurücflAft, 
oft febr febmerjlieh empftnbe. Sin einen (Srfafc bafür ift hier nicht 
|u benfen. Denn erften* habe ich feine berartigen ©elanntf«haften 
hier; fobann aber fcheint mir im ©üben ein rechte* Familienleben 
überhaupt (einen ©oben ju haben. Der ©lann aller ©tAnbe ifi in 
allen freien ©tunben auf ber Kneipe, unb fo ifi ber Umgang beibcr 
©ef«blechtet unb mit ihm jebeö wahrhafte gefettige Sehen auf ein 
SRtntmura rebucirt ... €* wirb Dich überrafchen, mein lieber 
©ater, wenn ich nach SKlebcm mit einer febr bringenben ©itte (ommc, 
nAmlich mit ber, ob e* nicht angebt, mich noch bi* jutn Dejember 
hier ju (affen. Angenehm wirb ba* legte ©ierteljahr ficher nicht, 
meine nAberen ©efannten geben mit S(u*nabme eine* Sinjigen fAmmt* 
lieh fort, unb ich muf mich f<b*n auf ein fiarfe* Cinfieblerteben 
gefaxt machen. Die ©rünbe, bk ich für meinen SBunfch »orbringe, 
ftnb alfo ganj emfter ©atur. — 3«h habe hier fo unerwartet ©id 
für mein F a h gefunben, baf ich niit ben Jjjeften, bie ich erhalte, 
unmöglich »or December fertig werben (ann. Dk ©orbereitung auf 
ba* Doctorejramen nimmt mir fo »kl £eit weg, baf ich bi*her nur 


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238 


3nli 1864. 


#elfericps S)t ft« unb gaßati’S S&flerrecht unb ©tatißif pabe repetiten 
(innen. @o bleiben mit alfo non Snbe SCugaft an noch bie poßtifcpe 
©efcpicpte unb bie Technologie burchjunepmen. 8Benn ich baju nicht 
längere £eit erhalte, fo mite ei beffer, ei gat nicht anjufangen unb 
fchon im Auguß nach DreSben ju (ommen. ©o fehr ich mich barauf 
gefreut Such recht halb unb Treiben in feinet ©lanjperiobe, bem 
J^erbß, )u fepen, fo wirb ei mir boch immer (tatet/ baff ich beffet 
thue/ erft bann )u (ommen/ wenn ich mit meinen ©tubien )u einem 

gewiffen Abfcpluff gelangt bin-Dieff wäre benn ber $unft, 

ber mit in bet That fehr am JJ>erjen liegt unb um beffen ©ewäprung 
ich £i<h bringenb bitte/ fo wenig Angenehmes et mir auch oerfpricpt. 
Sure $läne, wie mein Leichnam in DreSben untergebracht werben 
foß, dingen ja gang fcpbn; unb ich miß nut Zweierlei hoffen/ ein* 
mal/ baff Alfreb 1 noch in Treiben bleibt/ benn fein Umgang iß mir 
grabe in Treiben fehr erwünfept; fobann aber, baf mir ber ©ebrauep 
einei SnßrumenteS ben SSefucp oon ©efellfchaften erträglich machen 
wirb, benn ohne baS graut mir baoor. — SJeibeS iß waprfcpeinlich, 
unb wenn ich fo AfleS jufammen rechne, wirb ber Aufenthalt in ber 

Jpeimatp gewiff glücdicp unb fruchtbar werben- 

©onß ifl alle« füll feinen ©ang gegangen, nur baf bie orienta* 
lifche grage in aßen Äbpfen fpuft. 9Rir iß bie ©ache grunblicp »er* 
(eibet. Aber ba Du Dich fo ausführlich baruber auSfpracpß, mbepte 
ich nicht, baf Du über meine Anßcpten im Zweifel feieß. Da muf 
ich benn offen geßepen, lieber Sater, baf ich deinen ©lauben an bie 
SRotproenbigfeit eines Krieges DeutfcplanbS mit bem SBeßen nicht 
tpeilen (ann*. Du weift, baf ich ein eifriger granjofenfeinb bin. 
Aber in biefem fünfte gehn glaube ich, DeutfcplanbS Sntereffen mit 
benen granbreieps unb beS ganzen cioilißrten Europa Jpanb in J^anb. 
Sö gilt einen fcpamlofen Singriff in baS Sbfferrecpt abjuwepren, ber 
jebeS Stecht, jebe ©ieperpeit in grage ßeßt. Daf bie SBeßmäcpte bei 
biefer Abwepr auep egoifHfcpe Abßcpten im $intergrunbe haben, glaube 
icp d<rn, aber oorberpanb haben ßc noch nichts baoon gegeigt. Sor* 
erß panbelt es ßcp barum, ben ©toter ber Stupe Suropa’s, alfo Stuf« 
lanb, ju bänbigen. Unb bamit iß man, glaub’ icp, noep lange niept 
fertig. — Ueberpaupt, fürepte icp, läuft bie ganje Sache juleft auf lang« 
wierige Unterpanblungen unb einen matten grieben aus, ber bie Ser* 

1 #on ©utfepmib. 3 ©iefen ©laubfn patte bet Sätet, ein Segnet bet 9Brfhn&<pte, 
in feinem ©riefe «am 1. Juli antgefpraepen. 


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3»li 1864. 


239 


hältniffc }iemli<h beim Sitten läßt unb Stußlanb leiber bie ßR&glichfeit 
giebt, baofelbe hinterlißige Spiel in einigen faßten neu }u beginnen.— 
SDtir fcheint biefer Stuögang fepr natürlich, bcnn ein Äampf Suropa’O 
gegen Stußlanb, b. h* ein wirflicher crnßer jtampf wäre Sticht* an« 
bereö alö ein ätampf für bie ©efreiung Suropa’* non einem Sin« 
fluffe, ber feit bem Xeßamente ^eter’O be* Stoßen nur auf bie 
Schwächung ber Selbßänbigfeit unb bie 9tieber$altung ber greift 
feiner SSachbam ßingearbeitet ßat. Unb }u folcß einem entßhcibenben 
Kampfe würbe eine gr&ßere ©egeißerung gebären, al* fie bei ber 
je^igen allgemeinen politiftßen Stbfpannung mägtich iß. — SO tßut 
mir feßr leib, baß unfere Slnßchten in biefer Sache fo weit auOein« 
anbergebn. 2rch fann aber oerßchem, baß icb fie feinem fremben 
Sinßuffe, fonbem allein ber ©efchäftigung mit rufßfcher Sefchichte 
oerbanfe. 3<h füble übrigen*, wie unerquicflicb folcb briefliche* $oli« 
tifiren iß. Die ^olitif fpiett je|t eine fo ungeheure Stolle, baß 
politifcpe Stnßcpten nicht mehr bloße politifche Slnßchten ftnb, fonbem 
mit ber ganzen übrigen Denfweife eine* SOtenfchen innig )ufammen* 
hängen. Sin Streit über einjelne politifche fünfte wirb alfo wohl 
immer erfolgloO bleiben, fo lange man ft<h nicht über eine SRenge 
fcheinbar ganj fern liegenbet fünfte geeinigt hot. — gür bießmal 
aber hielt ich e* für meine $ßi<ht/ Dich über meine Slnfchauung 
nicht im Unflaten }u laffen . . . 

3mmer unb unoeränbert 


Dein treuer Sohn 

Heinrich 


110] 9n Jp<inri<h ©tt<$mann 

Tübingen, 30/7 64. 

Der SonntagOnachmittag iß herrlich, ber 2Beg burch bie 2Bein« 
berge be* Spifcberg* lacht mir fo freunbtich entgegen, unb ich ßh« 
fo unruhig jum genßer hinau*, wie ber Sefangene burch ba* Sitter 
btt Schloßthurm* mir gegenüber; überbieß höbe ich eben ein dürfet 
matter Leitungen burch laufen unb ben $urß nach freier Suft unb 
ISeilheimer ©ier grünblich eingefogen. fcrofcbem witt ich feß bleiben, 
bamit biefer Sörief Dich noch in ©erlin trifft, mein guter ©achfriß. 
3e§t, ba Du meinen Schmer} fennß, wirß Du feinen ffierth er* 
meffen — pßegen unglücftiche JJuntetlaffene in ben Leitungen }u 


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240 


3»lt 1864. 


fagen. — Unb nun juerfl non »tübingen ju fpretpen, fo wirf Du 
fcpon aub bem Obigen (eben/ baß bab Sefi nocp immer (lebt/ @ott 
fei’c geflagt. Slucp fann icb Dir melben, baß noch immer jur fetten 
©tunbe bab Sieb iw ben Secfar getrieben/ 3o<fele fperr!_ gerufen wirb 
unb wab ber greigniffe mehr ftnb. 3cp fange nattgrabe an/ nritt 
hier beimiftt ju fühlen, woran wobt befonberb bie Btecfarfranfonia 
fttutt ifl. 25... bat fiep fttr ju feinem Sortpeil gednbert... Äurj, 
eb ifl ein rettt glüefticpeb SerpÜltniß, baß wir wopl ber Btacpwirtung 
beb Sonnet Sebenb oerbanfen. — Seiber bat eb halb fein €nbe... 
3tt werbe bann wobl im September nach ?retburg gehn, mich bort 
einmietben unb an lang oemacpläffigten pottifcpen Arbeiten, am Um« 
gang mit Sereli unb an ber berrliep*n ©egenb meine ^»erjenbfreube 
haben. — Steine Doftorarbeit habe ich fürjlicp bei ©eite gefegt, bab 
Sttema war fo weit aubfcpcnb, baß eb Stporpeit wüte, wollte ich eb 
hier ooffenben, wo i<b an gaffatib, Soljb unb $elf(f)eritt’b heften 
unerwartet Siel ju lernen ftnbe. 3tt werbe alfo jene Sfrbeit bei paffen* 
ber ©elegenpeit wieber aufnebmen, für jegt aber ein furjeb Schema 
bearbeiten, //über bie Srobuftioitüt ber Arbeiten* (fiebe: Productivia!), 
bab für ben Doftor genügt unb bib €nbe Sfugufl fertig wirb. 3tt habe 
bie ©efepiept« ^crjtitt fatt. £um wiffenfepaftlicpen Stobuciten, wo 
man alle entgegengefegten Steinungen »erführen unb beleuchten muß, 
»erfpüre ich gar feine Scigung. Stich intereffirt allein bab SRcfultat. — 
©rabe umgefebrt beim poftifepen ©epaffen. 3n aufgeregter Stimmung 
fommt man niept eper jur Stope, alb bib fte in einem ©ebiepte über* 
wunben worben. Dann ifl aber bab ©ebiept eben nur bab SRefultat einer 
Bteipe »on ©ebanfen unb Stimmungen, bie unb bewegt unb bie wir 
»erfepweigen. Dab fepeint mir boep ein tief ei ngrei fen ber Unterfcpieb 
jwifepen ber wiffenfcpaftlicpen unb fünfllerifcpen Slpütigfeit ju fein. 
Die 2Biffenfcpaft legt unb ben ganjen hornigen Sfab, ben fte nach 
ber SBaprpeit gept, offen bar; bab Äunfhoerf tritt unb rein unb ur* 
fprünglicp, alb fertigeb 2Berf entgegen, opne baß man ipm ben Schweif 
ber Arbeit anfiept. Die #ifh>rif nimmt au cp hierin eine Stittelflellc 
jwifepen SBiffenfcpaft unb Dicptfunfl ein. — 

Um nocpmalb auf ©cpwaben jurüefjufommen, fo pafl Du miep 
mißoerflanben, wenn Du mcinfl, icp fünne mir niept erführen, wie 
aub bem fcpwübifcpen Solte ein ©cpiUer hätte peroorgepn tünnen. 
3cp habe nur »on berSatur beb San beb gefproepen, bab mit feiner 
anfprucpblofen Sieblicpfeit gewiß in fepr »ielen Jpcrjen ein pobtifepeb 


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3«fi 1864. 


241 


geuer, «fett immerhin nur ein febr mäßige«, entzünbcn muß. ©on 
beut Schwabenvotte tagegen teufe i<b, wa« feine fünßlerißhe unt 
fpefulative ©egabung anlangt, febr b°t/ erfläre fit mir aber befon* 
ber« au« bißorif<b* n ©erbältnißen, au« ten Stürmen ter Neforma* 
tion, tie bi« tiefer al« fonßwo eingriffcn, au« tem rafchen SBechfet 
von politifeher ©ebeutung im Mittelalter bi« ju feiner gänzlichen 
3folütung in ter ©egenwart. — Oiefe ©erbältniffe baten, feheint 
mir, in antrer JJinßeht febr ungtüdflich gewirft; von bewußter %fyxU 
fraft unt politifeh« ©iltung fintet man feine Spur. S« ift fo 
recht tie Stätte großer Erinnerungen, tenen tie ©egenwart wie ein 
<$obn gegenuberftebt, unt wovon Sticht« al« ein grunttofer $ochmutb, 
ter craffeße ©artifulari«mu6 geblieben iß. 3n tiefem fünfte bietet 
Schwaben ein fo witerliche« ©ilb, wie fein antere« teutfche« Sanb. 
Offenbar weiß feine Partei wa« fie will, fie bewegen ßcb alle nur 
in Negationen. Oie ©reffe weiß Nicht« ju tbun al« über ©He«, 
wa« gefchiebt, ju fcpimpfen, unt zwar tie ©reffe aller ©arteien, 
obgleich fie für ba« Saht 1854 relativ febr große greibeit bat. So 
tann man auch mit einem Schwaben über ©olitif gar nicht reten, 
fein Stanbpunft beßebt tarin feinen zu buben, al« ta« ©ewußtfein, 
baß außerhalb ter fchwarzrotben ©fäble ein Sanb ter fcßwarzen Jetten 
iß 1 , ffiie angenehm ta unfer Stanb manchmal iß, tannß Ou Dir 
benfcn. 3eßt tavon zu fprechen, taß Oeutfchlanb« £ufunft vom 
Nörten abbängt, fe|t, wo ©reußcn fleh fpßematifch in ter bffent* 
liehen Meinung ruinirt, wo feine Negierung Srnconfequenz, geigbeit 
unt Süge zum Erbtbeil te« preußifchen Namen« zu erbeben fucht — 
ta« iß hier/ wo von vom herein fleinlichet $aß gegen ben Nörten 
herrfcht, ein wahre« ätunßßücf. S« lernt fleh nicht fo leicht, ten 
©egriff eine« Staat« von ten ©erfonen feiner Senfer zu trennen, 
unt 3eber, ter tarauf aufmerffam macht, erfeheint notbwentig im 
Sichte eine« gutmütigen Optimißen. — Segen tiefen Namen muß 
ich mich übrigen« grünblich verwahren. Oie feßige ©erwieftung, tie 
felbß Englant« vielgerühmte« Staat«(eben in fo febmäblichem Sichte 
Zeigt, iß vollßänbig geeignet, fete Sßußon nietcrzufchlagen. Oie iffent* 
liehe Meinung liegt auf eine fchantbare SBeife tamieter, ta« Ärieg«* 
gefchrei in ten Leitungen wirb fein tententer Menfch b®t anfd)tagen. 
3ch glaube, taß tie Jeßige Äriß« im ©anzen frietlich verlaufen wirb. 

1 SB 9 L Sauft« @«ftftt« 8,900 bi« Banahng ja €ftiO««t <9«bftt ,®raf ö» 
h«ib ta ©rrinn“ unb Otftmdin, QUbtn unb Äuffft« 8,984. 

L 16 


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242 


3nK 1854. 


Sin &unpf mit ftuftanb, alfo ein ßampf für Sutopa’« greiheit fcpeint 
mir erfl bann benfbar, wenn unfere inneren Serhältniffe nicht mehr 
in günglicher Zerrüttung befangen ftnb. — 

Doch hinweg vom europdifcpen Äronpel ju unferem engflen 

Saterlanb grantonien-3<h lege tm fleh wenig Werth auf 

bie Duettfrage; icb h<ü*e ba« Duett im gefettfchaftlichen {eben noch 
für butcpau« nothwenbtg, für ein Sottroerf gegen Serwitberung bet 
©itten^ bie unfrem gefcttigen {eben ohnehin nahe liegt, weil ber Ums 
gang beiber ©efchlecpter ein fo befchrünfter ift 1 , Dagegen ift bie 
ftubentifche Rauferei fo offenbar eine Quelle enbtofer Rohheiten, baf 
man in ber Qppofition bagegen ehrt einen ©chritt ju weit gehen 
unb im ftubentifchen {eben auch bann ba« Duett verweigern lann, 
wo man ee in anbrer ©efettfehaft annehmen würbe. Dafj babei 
nothwenbig Momente fommen, wo man fich fetbft fchwüchlich «r* 
fcheint, ba« ift beim Serfechten eine« jeben neuen, noch wenig anet* 
lannten 9>tincip« unvermeiblich. Run (ommt aber baju, bafj in 
Sonn bie Sluffaffung ber Duettfrage einen wefentlichen, ja beinah 
ben Jfrauptunterfchieb ber Sorp« unb Surfchenfchaften hübet . . . 
leibet giebt <« grabe unter un« Siele, benen burch eine mertwürbige 
Segriff«verwirrung bad „anftünbige, noble" Wefen ber Sorp« gefüllt, 
kommen fie alfo, — wie bief eine unvermeibliche gotge be* neuen 
Srincip« wüte — bfter mit ben Sorp« in Berührung, fo wirb ber 
Snfchluf an fie nicht mehr lang warten taffen. Denn eine wirtlich 
triftige patriotifche @eifte«richtung, ber hefte Damm gegen bie bla* 
firte SCpathie ber Sorp«, ift leibet bei Sielen vergeblich ju fuchen. 
Deshalb bin ich burchau« für ba« gefüllten be« bi«berigen ^tincip« 
in iebem gatte ... Sin Singehn auf bie von Dir berührten philo« 

fophifchen gragen verbietet mir biefjmal Zeit unb Rapier- 

Sch bleibe noch bi« Weihnachten hier unb gehe bann nach Dre«ben, um 
auf ben J^ofbitten einen neuen Slbam anjujtehn. Horribile dictu!... 
SDtit ben heften ©ritten an Sitte 

Dein 

Heinrich X 


1 SgL pelirif 8. «. 8,870f. 


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«ttgnß 1864. 


243 


111} 9h Jßrimty 99a$mann. 

J^eibelberg, 5/8 54. 

Stacbläfftgerweife habe ich ben »rief Hegen (affen unb et bat ftcb 
feitbem in meinet »rieftafche bie Seit angefebn. Der jtnoHen war 
mal wieber febt leühtflnnig. 3<b faßte ben wabnftnnigen Sntfcbluß/ 
in »oben meinen 9Becbfel auf ben Damm ju bringen. Slber üb war 
beffkr att ich felbfl bacbte. Der ganje ©cbwinbel efelte mich an 
unb üb mußte mich überwinben mitjufpielen, ging aber halb fort 
unb att üb mich auf ben b«tH<ben »crgen baumgetrieben, verging 
mir jebe Suff ba6 ©piel fortjufegen. @o habe i<b benn feitbem bie 
für bie Serien profectirte ©prige in bie »falj gemalt, habe biefrt 
abligc Eanb gefebn, wo au4 Jeber S)bi)t eine rotbe gelfenmaffe/ eine 
natürliche ®urg auftauebt... Unb bann ber ©ang am flfanbe ber 
J£>aarbt entlang/ reebtö bie herrlichen SBeingärten, na<b italientfcbet 
(Seife am »oben hingegen, HnfV ba6 wattige burgenreicbe ©ebirg. — 
9tun, Du fennfl ja ©oetbe’6 ©<b wärmerei für bie pfiljer Sbne, fo 
fannft Du ben ©enuß einer 2Banberung am »ergabbang ermeffen. — 
Äurjum, i<b habe mal wieber au6 voller »ruft ba* teben genoffen 
unb fann Dir bie ©priße nicht beffer febittem, alt wenn ich fag t, 
ich wollte Du wärefi mitgewefen ... 

Die J^ribelberger grüßen fo wie 

Dein 

J&einricb % 

118 ] «n SBÜbd» »off. 

Tübingen 7/8 54 



.. . (Sag Du boeb mit Deinem beiteten unbefangenen 4?erjen 
manchmal leicbtfinnig fein fannft Da febrieb ich Dir nun aderbanb 
nxtd mir jc$t von ©orgen am Jperjen liegt/ unb ffatt einer Antwort 
erhalte ich ben »orwurf be6 SRangett an ©clbfbertrauen. SBenn Du 
in Deiner heitren- J^eiraatb mit ber fieberen äuOftcbt auf einen »eruf> 
ber Dich befriebigt. Dir Gelegenheit giebt @ute6 $u wirten unb boeb 
3eit genug läßt Deinen Steigungen nacbjugebn, wenn Du einen äugen* 
blüf febwanten woHtefl, ba* wäre unverantwortlich. 3cb aber flehe 
an bem »unttC/ wo ich notbwenbig einen €ntfchluß faffen muß unb 

16 * 


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244 


«ugttft 1864. 


f<f>web< bocp mitteninne jwifcpen 2 faum ju vereinbarenben 93erufen, 
weiß, baß ich hierin nur meinem eignen ©efübt folgen borf (unb 
ba« b«t tängfl entfliehen) unb muß bennocp bie Sntfcpeibung non 
einem äußerlichen Stomente, vom ©lief meiner Stufe, abhängig 
machen, febe übrigen« ernften SonfKcten mit benen, bie mir babeim 
bie Siebten finb, mit ©«herbeit entgegen — eben ber wegen — 
fteb bereit, wenn ich ba einen Augenblicf mutplo« würbe, fo wüte ba« 
fiepet oer)eiblicp. 3tb bin e« aber nie gewefen, ich fcprieb Dir einfach, 
baß i<b mich in peiniget Ungewißheit über meine ^utunft befänbe, 
unb conflatirte bamit einfach ba« gaftum, baß ich |u meinem Serger 
nicht weif, wa« in ber nächften £eit au« mir wirb — unb bafür 
tabelft Du mich» Da« ift unbillig. — Diefe Ungewißheit b*t fich 
feitbem in ®twa« geänbert. 3cb habe einen Srief meine« Sätet« 
erhalten, worin er mir ertaubt, bi« Sßeibnacpt b'er }U bleiben. Da« 
ift mir lieb; Tübingen bietet mir in wiffenfcbaftlicber ^inftcht mehr 
at« ich i ( erwartet gattati’« Sortefungen finb im ©anjen au«ge» 
geichnet, feine ©tatiflib natürlich gtoßentbeil« langweilig, aber burch« 
au« gut, fein S&Derrecht vortrefflich unb anpebenb. €r (teilt 
fich barin, im ©egenfaß ju Refftet, auf rein biftvrifepen 93oben, 
jebenfaU« bie einzig richtige Stetßobe für einen ©toff, ber nur wenig 
pofitive« Stecht enthalt, fonbem vorwiegenb auf ©runb biftorifeper 
Scrpältniffe unb Steinungen fich fortentwicfolt Sbenfo ift feine 
politifcpe ©efcpichte febr gut. J^elfericb iff ohne Originalität, aber 
prattifep. Sotß mag recht tüchtig fein, aber bie technifchen Stoffe 
eleln mich an, für Sieben, ber fie nicht in praxi treibt, finb fie nur 
©ebäcptnißbaUaft, troßbem aber für mich ein notbwenbige« Uebet 
Du fiepft, e« giebt genug ju tpun, genug grabe von folchen Dingen, 
bie ich nur in Tübingen finbe. ätbnnte ich fit «her auch in 83ertin 
ebenfo gut treiben, fo würbe ich bennoch bi« bleiben. Stein Sätet 
verlangt nämlich entfliehen, ich falle im SBinter in Dre«ben bleiben, 
wo ich in ©efefffepaften te. wohl ©toff genug ju einem foeialen 
Stomane finben, aber Sticht« lernen bann. Dicfem ffiunfepe meine« 
Sätet« gegenüber war natürlich eine Sertängerung meine« bieftgen 
Aufenthalt« ba« #ö<bfie, wa« ich erreichen tonnte. — 6tn ) weiter 
©runb, ber mich beffimmt bür ju bleiben, ift ba« Seetangen nach 
ruhiger poStifcpet Sefcpäftigung, bie mir in Dre«ben ziemlich erfchwert 
wäre. 3ch bann ben Stoment nicht erwarten, wo ich enblich biefe 
verbammten Suchet wegwerfen unb eine Stenge Stäne aufnebmen 


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«U0ufi 1864. 


245 


fonn. $at immer noch nicht getrieben; Du fiebft wobt/ baff 

Du etwa* fanguinifch warft, e« ift ein Sierteljahr barüber bin« 
gegangen. 3<h bin aber entfchloffen; fcbreibt er nicht halb, fo fchaffe 
i<b mir eine neue dbfchrift, beffete Sinige« unb oerfuche auf grabem 
®ege mein Slücf. duch fonft giebt rt ber $>läne genug: ein ferner 
epifcher Stoff, ba« eingebenbc Silb eine« 3üngling«lcben«, wirb in 
3amben bebanbelt; Sßiefce* baeon fleht mir fcpon dar vor ber Seele, 
aber meine Stimmung ift noch gu unfrei Da« Drama, wovon 
4 dete fertig f<bon über ein 3abr ruben, wirb vorgenommen unb 
vollenbet. finblich bie übrigen Schichte geflutet unb burchgearbeitet. 
Da« nennft Du bo<b b»ff«ntlich nicht Mangel an Selbfbertraucn? 
Um ba« dlle« mügltch gu machen, habe ich nieine Doftorarbeit, beren 
Stoff ohnehin viel |u weit au«febenb war, aufgegeben unb nach 
langem J^m* unb Jßerfuchen ein neue« Xbema genommen, eine viel 
bcftrittene Sontroverfe „über bie sprobuftivität ber drbeiten*, bie bi« 
dnfang September fertig fein foll. <S« ift ein eigen Ding mit fot* 
chen €ontroverfen; baft Du eine. Deiner dnficpt nach, falfchc 3Rei» 
nung getefen unb fte Dir im Seifte wibertegt, fo vergebt Dir jebe 
£uft, bie Sache, bi» Dir nun dar vor dugcn fleht, nieberjufchreiben 
unb fo ben gangen Denfproceff gu wieberbolen. Darum werbe ich 
Sott banten, bin ich «ft fertig. — 3ch b<*be fo lange gewart«, weil 
ich «ft erfahren muffte, ob ich Serien über bi« bleiben würbe. 
Da« ift nun burch ben SBrief meine« Sater« entfliehen unb ich 
(omme nun mit einer Sitte an Dich. Die gangen Serien über bi« 
gu bleiben wäre ÜBabnfinn. Son meinen näheren Sefannten bleibt 
Niemanb bi«/ ich mürbe mich alfo, vercinfnmt nur unglücdich fühlen. 
Deshalb benfe ich baran, auf 4 üBochen nach greiburg gu gehn, wo 
ich ®i<h unb anbere fOtenfchen unb ^errltehe Umgebung finbe. ffiir 
hätten Setbe Siel gu tbun, würben un« aber fich« Nachmittag« unb 
dbenb« febn. Sewiff ift e« noch nicht, barum bitte ich $i<h/ ©i<h 
oorberbanb nur gu erfunbigen (ohne abgufchliefen) nach einer Sube, 
bie ich für ben September etwa bewohnen fännte, eine leere Stu* 
bentenbube wirb fich fi<h« finbcn. Schreibe halb bar über; ich hoff*/ 
baf mir bie hoffte, bie mich in bicfem Semefter fo gang oertaffen, 

in ftreiburg freunblich nab fein wirb- 

tteber ben Zübinger Stubenten noch ein 5Bort; bah « 8 at f° 
wiberlich ift, rührt befonber« baber bah Tübingen mehr al« gur Hälfte 
tbeologifch ift, unb bieh nerfnücherte ©ortdauberftubium bilbet wohl 


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246 


«»0# 1864. 


nur auönabmöwetfe tintige {tute. Dev ffibbeutfche ©tubent im Ätt* 
gemeinen bot/ baö 8«k ich 8«« ju, fielet biefelbe ©cbulbilbung wie 
bet norbbeutfebe, et ift auch, wenn man ftcb über bie robe äufett* 
feite binwegfeft/ liebenörourbiget, jutbunlicber. äuf bie Dauer befriebigt 
et mich aber nicht: eö fehlt ihm burepauö jene ©ilbung beö <Sbara& 
terö, bie ben Norbbeutfchen fo abeit; baö ftebft Du an ben politifeben 
Parteien/ bie ftcb hier im ©üben faft nur in Negationen/ im Stau 
fonnement bewegen/ offenbar ohne jeben pofitioen Zwecf; bet ®&b* 
beutfehe bat ferner meift feine ©pur von Unioerfaiität, er weif oiel, 
bat aber nur feiten baO ©eb&rfnif auö feinen pfählen berauöju treten; 
eö ift a(0 ob baö pbpftfcb unbefebrärtfte äuge in ben norbifeben Sbnen 
au<b geifHg freier fäbe. — Doch um bicb 3» »erfibnen, witt i<b noch 
mit einer gobrebe auf ©bbbeutfcblanb fcbltefen, auf bie 9>falj, bie 
icb vor wenig Stagen/ alö tebö hier nicht mehr auöbielt, bereifte. Daö 
ift ein wahrhaft ablig £anb, wo bie Urmacbt ber Natur ftcb fefbft 
Zwingburgen gebaut bat auf ben wafbigen ©ergen — Du weift wobt/ 
wie bort faft auf icbem @tpfel ber rotbe ©anbftein in pbantaftifeben 
fNauerngeftalten burebbriebt 3<b ftanb auf ber Ntabenburg äbenbö, 
alö grabe ein 3Better ftcb *>er)og unb baO @etoMf jerriffen um bie 
©erge flatterte; eö war herrlich/ wie baö graue änechtögefcblecbt ber 
Sßolten ftcb an bie brrrifeben ©urgen beraitbrängte, jur&cfflob unb 
jerftob; unb bann ber ©lief in bie weite (acbenbe Sbne, biefeö gott* 
gefegnete £anb, baö prächtige ©olf, fo lebhaft unb beiter/ ein rechter 
@egenfa$ ju bem langfamen, oft grfbbrifcben Schwaben — fttrj, 
eö war eine herrliche ©anberung, oon ber ich Dir gern mehr er* 
jäblte. — Zum Danf für meine milben ©orw&rfe unb bief lange 
Schreiben erwarte ich nun auch eine recht balbige Antwort, ©or 
ällent fepreibe mit/ waö Du t>on ©onn birft... 

©ie immer 

Dein 

Heinrich X 

ff 


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ttaguft 1864. 


247 


118] An bcn 3ktn. 

Tübingen 9/8 64. 

SDlein lieber 83oter! 

... 3 <h hohe mir in brr ^mif^enjeit ba« Vergnügen nic^t »er« 
fflgen Finnen, SOiamo in ©chanbau burcg ein paar feilen )u über« 
rafcpen 1 . 3<b Fannte ihren Aufenthalt bur<h Atfreb, ber ja nun enb« 
li<h am %\tU angelangt ifl unb eö, wie e« fcheint, fehr leicht gehabt 
hat; bie ^rofefforen werben wohl gefühlt hoben/ bafj fte von einer 
fo monfhrbfen ©elehrfamFcit Siegt« oerflehen. 3Rit einem folchen 
Apparat werbe unb will ich nicht promooiren. 3cg muf Dir näm* 
lieh fogen unb hoffe, baf Du e« mir nicht al« ttnbeflänbigfeit au«* 
legen wirf!, bafj ich «in anbere« Dbema für meine Arbeit gewühlt 
höbe. 3cb fühlte, bafj ba« alte Xhema für ein ©emefler viel )u 
grofj fei unb mich an ben nieten anberen Dingen, bie ich h'^r noch 
ju lernen hohe, hinbem müffe; hätte ich nur einen 2 hei( be« ©toffe« 
behanbclt, fo wäre bie Arbeit für mich nicht nüglich, fonbem nur 
ein duriofum geworben. Aufgegeben ifl bie Sache bamit nicht. 3m 
©egentgeil will ich mich fpäter »iet mit ber ©efegichte ber Staates 
wiffenfegaft befchäftigen, bie (ich natürlich eng an bie ©reichte ber 
politifchen unb focialen ^uflänbe anfegliefjen mufj. d« ifl ba« ein 
noch wenig bebauten gelb unb boch vom häuften 3ntereffe, wie 3 .99. 
ber Sacgwei«, baf auch bie unftnnigflen rein utopifchen ©taaWlegren 
nicht« rein SBiHfürliche«, fonbem ber nothwenbige Au«f(ufj ber poli* 
tifchen ^oftänbe finb*. Aber wie gefagt, für jegt Fann ich on fo 
grofje Arbeiten nicht benFen, bie politifcge ©efchichte unb bie teeg* 
nifchen 2 Biffenf<haften, bie ich noch abfoloiren mufj, liegen mir )u 
fehr auf bem #etjen. 3 <h höbe alfo neulich ein neue« Dgema ge« 
nommen, bie beFannte dontrooerfe über bie g>robuFti»ität ber Ar« 
beiten, 3 war auch Fein leichter ©tofF, aber infofem »ortheilhaft, al« 
ich nicht a(l 3 U Siel barüber 3 U tefen brauche. Al« legten Dermin für 
bie SoUenbung höbe ich niir meinen ©eburtntag gefeilt, unb wenn 
i ch nicht FranF werbe, hofft ich fogor noch ther fertig 3 U fein. 3<h 
freue mich f«h* barauf, benn 3 um wiffenfchaftlichen g>robuciren »er« 
fpüre ich bisher noch Feine 2uft, währenb ich «tieg auf ben einzigen 
datheberoortrag, auf ben bircFten befebenben dinflufj, ber bem Docen« 
ten über fein Aubitorium ju ©ebote fleht, ungemein freue. — 

1 Siegt «galten. 3 0g|. Deutfcgr @ef<b«bt« 8,778. 


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248 


©eptnnbfr 1864. 


gut bi« freundliche ©ewährung meinet Sitte nimm meinen berj* 
Haften Dan!, liebet Sätet... Sn Tübingen »erben jegt £immer ge» 
lüftet unb Setten au*gefiäubt, man fleht außergewöhnlich viel Sehr* 
linge mit Rechnungen auf ben ©trafen, bie ©affenbuben fchmütfen 
fleh mit abgelegten ©tubentenmügen, bie ^bilifter laben fleh $u gefl* 
lichfeiten in ben Zimmern ihrer verreijfen „§CMityxxtn u ein — nach 
bem @pru<h»ort von üage unb Stau* — fur§, bie gute Schwabens 
ftabt benft einen langen ©<hlaf ju thun nach ben ©trapajen be* 
©emefter*. E* wirb gräulich 6be in ben gehen. Sch benfe fchon 
baran, nach Sotlenbung bet Arbeit jum Sanberffabe ju greifen unb 
in 2 Dagen burch ben ©chwarjwalb gen greiburg ju jiehn, um bort 
einen Stonat etwa ju leben. Sicher unb hefte von hier fann ich 
auf bie geringe Entfernung fefr gut erhalten, ber hauptvortheil aber 
»ff, bafj ich bort nicht fo gänzlich vereinfamt lebe, unb fotch eine 
trofllofe Einfamfeit fchlägt ungemein nieber. 8Ba* meinfl Du ju 
bem 9>lane? Sch würbe bort Sereli wieberfebn, fo oft al* nötyig 
ifi um un* ju erholen, aber immer noch feiten genug, benn er arbeitet 

auch fit’* Ejramen-in weniger al* 14 Dagen geht auch ber 

britte meiner Eodegen fort unb bann bin ich ganj einfam... E* ifi 
wunberlich/ »a* wir Sier für einen Ärei* bilbeten. Sir waren eigene 

lieh grunbverfchiebne Staturen-©päter aber lebten wir un* 

vödig ein unb vertrugen un* herrlich; wir bilbeten unferen einzigen 
näheren Umgang, wenn fleh auch ber Äreiö unferer Sefannten mit 
ber ^eit fehr erweitert, unb wir haben gelernt, auch in bem fcheinbar 
frembeflcn Eharatter bie frönen ©eiten )u ehren. — 

Doch ich muß fließen unb füge ben Sunfch Öinju, baß Dich 
biefe feilen in befferem Seftnben treffen mögen al* bie legten, unb 
baß ©chwefler unb Sruberchen manchmal freunblich benfen m&gen 

Deine* treuen ©ohne* 

heinrich 


114] Vn bat {Batet. 

greiburg 9/9 54. 

SDtein Heber ©Ater! 

-Einen Dag blieb ich in ©tuttgart, ba* ich bi*her nur 

auf ber Durchreife für ein $aar ©tunben gefefjen hatte. Die ©tobt 
felbff macht einen äußerff fleinffäbtifchen Einbruch Uber bie Sage in 


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©<j)trmb« 1864. 


249 


einem Äeffel freunblicher ffieinberge, ber ftch nur nach bem reijenben 
Sanflatt ju bffnet, ifl h«*rii<h« Die füniglichen ©chtöffer unb bie 
Anlagen bie fich jroifchen ihnen non Sanflatt biö Stuttgart eine 
©tunbe lang $injie$n, wunberoode ©aumgruppen, jwifchen benen 
herrliche ontife ©tatuen flehn; in ben ©chttffem felbfl eine treffliche 
©utwahl non ©emdtten, in ben Sitten unenblich lange ©ewicht* 
hdufer, wo man burch ^atmenroitter geht, bie fein Snbe ju nehmen 
(feinen — biefj übertrifft burch wahrhaft füniglichen SReicpthum unb 

©efchmadf Sldet wat ich in ber 8lrt je gefehn-9lacp 

biefem einen »tage in Stuttgart fuhr ich bireft hi«hcr unb wohne 
jeft in einem winjigen £immerchen mit herrlicher Slutficht, bat ich 
für ben September gemiethet habe, 9teüe ©orflabt 91 r. 2. Die 
SBibliotbef ijl geöffnet unb recht gut; ben Dag über wirb fleißig ge» 
arbeitet/ nur Sttenbt unb ein ©tünbchen nach Slifch treffe ich mich 
mit ffiereli unb mehreren anbren ©tubenten. Der ©chlufj ber ©iblio* 
thef in Z. hinberte mich 14 Stage lang an ber Differtation ju arbeiten/ 
aber ich hatte genug ju thun burch bat wihrenb bem angefommene 
neue ffierf meinet Äeipjiger {ehrert SRofcher: „bie ©runblagen ber 
9lattonal6fonomie". Dat ijl ein wirflich h*rrlichet ©uch, »on bem 
ich befiimmt »orautfage, bafj et in ber ©efchichte ber ©taattwiffen« 
fchaft einen unoerginglichen $la§ einnehmen wirb. ©ie jebet bes 
beutenbe ©erl macht et auf ben Stnfinger einen ebenfo fehr be* 
geiflemben alt befchimenben Sinbrucf. St macht mir grofje ftreube, 
bafj mir ber ©ebanfengang bet ©u$t im ©anjen ooHflinbig befannt 
war, weil ich SRofcher’t ©orlefungen mit Sifer gefolgt bin. 8tter et 
fchligt fehr nieber, wenn man aut ben litterarifchen 9lachweifungen 
fleht, auf wie bomigcm 9>fabe, burch wat für raftlofe Sfrbeit jene 
©ahrheiten gewonnen ftnb, bie wir ©chüler fo leicht unb bequem 
aut bem ©tunbe bet Sehrert entgegennehmen. — immerhin. St ijl 
ein fchünet altet ©ort, bafj ben Anfang jeber Srfenntnifj bie grünb« 
lichfle ©efchimung über unfer 9lichtwijfen bittet; ich *®id hoffen, 
bafj fleh bat auch an mir bewahrheitet — 3e|t bin ich wieber eifrig 
über ber Differtation, aber eben jener ©erjügerung wegen bringe ich 
bit ju meinem ©eburtttage nicht wie beabflchtigt bie ganje Sache 
auft Steine, fonbem nur bat beutfehe Soncept. Dann bleibt alfo 
noch bie (ateinifche Ueberfe|ung, ein recht alberner £opf . . . enblich 
bie ©bfchrift. ©eibet wirb mich nicht linger alt bit Snbe biefet 
SRonatt aufhalten. Dann fann bie ©bfenbung nach Äeipjig fogieich 


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250 


September 1864. 


erfolgen-Sftit fchwetem Jjerjen gehe ich an etne Sitte, bie 

barauf beregnet iß, mich noch länger »on bet Jjeimath entfernt $u 
galten. Stach reiflichem Ueberlegen unb nach mannigfachen ©efprächen 
mit älteren Leuten fcheint e» boch, al» ob mir ein futje» Sierteljahr 
in Xübingen jugebracht wenig nü§en würbe, ffienn ich mit meinem 
©tubienplane »üdig in» Steine tommen will, fo muß ich wohl noch 
ein ganje» ©emefter afe ©oftor in X. bleiben, fflenn ich bisher 
glaubte, bie technifchen Fächer eher abfoloiren ju Binnen, fo liegt bie 
©chulb baran wohl in bem adju regen SBunfche recht halb ju $aufe 

)u fein. Sch habe manchmal beinah eine 5lrt »on Jjetmweh- 

2Rit biefer Sitte, bie fo fehr gegen meine innerften SBünfehe geht, 
fehltest ich unb bringe Such noch einen ©ruß »on ben Jpüben bei 
©chroarjwatbö, bie ftch je$t in ber htrrtichßen Jßerbftbeleuchtung 
{eigen. — ©en nächten Srief erhaltet 3b* noch au» greibutg, wo 
ich jebenfall» bie Arbeit »odenben werbe. Si» bahin lebt wohl unb 
feib oerfcchert, baß ich täglich mit ©ehnfucht an Such benfe. 3mmer 
unb unoeränbert 

©ein treuer ©obn 

Heinrich 

... A propos, wenn 3h* mir eine ungeheure ©eburtntagnfreube 
machen wodt, fo fehiett mir boch ein Jpunbert guter (iarfer Stgarren 
(ich taufte fie immer a */, Steugrofchen in bem neuen großen Saben 
in ber ©opbienfitaße neben Sngel’i SBirtbfchaft). ©ie greube wäre 
fabelhaft, benn ba» Ärout, ba» man im ©üben raucht — natürlich 
lautet 9>fäljer — geht noch über ben ©t&tterico. 

116], Vn Jhetnrich »odjmamt. 

groburg, 15/9 54. 

SDtein lieber S5a<hfri$! ^ 

©u mußt bie älürje biefer feilen nicht übel nehmen. 3<h bin 
je|t mit einer $u»bauer, bie einer befferen ©ache würbig wäre, mit 
Sereicherung ber lateinifchen Sprache befchäftigt. 2Benn kleine 1 
einmal ein lateinifche» SBürterbuch fchreibt, fo fod er nur ja nicht 
meine unterbliebe Arbeit de productivitate laborum »ergeffen. — 

-Xro$ aliebem unb tro| ben fehr ftarten ©penn habe ich mich 

hier boch fehr wohl befunben. ©aran i(l natürlich faß nur Serdi 
fchulb, ber wenn auch jeßt »omßjren fehr abforbirt, boch ein fo prächtiger 

1 frantone, Jheifeft 1868 eingetreten; fpitet ©pmnafialbUeftot in SBefeC. 


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Gxptmbtt 1864. 


251 


Senfch ift, ich mich felbfi allein mit ihm nie anberg ate gludlicb 
füllen fann. Danit finb auch bie SEeutonen tbeilweig recht nette 2eute, 
nnb fo giebt eg oft Slbenbg nach beg Slageg Saft unb Jpijje bei bem eblen 
©ramm’fcben Siere febt aneegenbe ©efptdche. Daju b«b’ ich mir 
bumm genug eine Sube mit febr febener Slugficht genommen unb 
ba begiebt ftch man<bmal bag ©chredtiche, baf ich m«h meineg 
Dreng oor ben Sergen feinte, bie fcjtifa in bie (Jde werfe unb — 
Serfe mache nach Jperjengfafh — Uebrigeng finb wir fo folib, baf 
ich in ben 6 Soeben noch nicht eine geifere ©prifce gemacht höbe. 
9tur übermorgen gebt eg nach Safet unb Sabenweiler, über 8 Stage 
wenn üb fertig bin, über ©chaffbaufen unb ben Sobenfee nach bem 

©cbmabennefhben jur&ef-Siebte junior b<*t entbedt, baf 

bie ©eele nur burch SRifoetfMnbnig eine ©eele, eigentlich aber ein 
Dreicd ifl, unb freut fich ungemein an Dir einen $rofe(pten j U 
machen... .9luft leb wobt/ nimm ©rüfe oon 9>ut unb Sereli unb 
gteb welche an alle Seifrotbgolbnen oon 

Deinem 

Heinrich Z 


116] ®n bn» ffiatn. 

greiburg 28/9 64. 

üttein Heber föater! 

Srft am ©onntag erhielt ich Deinen Srief. . » ©ein 3nbalt ifi 
mir febr nabe gegangen. £g war bag erfte 3Jtal, baf ich Aber jene 
traurige Satafhropbe 1 ein wirfltcb tief empfunbencg Sort tag. Sag 
ich. früher barfiber gefeben war entweber fo gleichgültig ober fo 
miberticb feroil gehalten/ baf eg einen bb<bß nieberfcblagenben Sin« 
brud machte. 3«b war beinah oerfuebt ju bem ©lauben/ baf eg ber 
SM felbfi ber beften gürften fei (ein natürlich wabreg ©ef&bt in 
ihrer 91% auffommen ju taffen. 3<b banfe Dir oon ^erjen, baf 
Du mir biefen ©tauben grünblich benommen hoff« @o lang wir 
jung finb, finb wir ja in Sejug auf bie ©rofen biefer Seit nur 
auf bag $6renfagen angewiefen. Da ifi benn ber unwurbtge 
©cbmeicblerton, in bem eg je$t wieber ©ttte wirb oon ihnen ju reben, 
wahrlich am wenigfien geeignet 3ntereffe unb ©befürcht ju erweden. 
Um fo wobltbuenber wirft bann ein Sort, bag aug bem #erjen 

1 Den tbbUchcn UngKUMfad Jtinig Jrifbrich SfagufH H. in ©rol am 9. äug. 1864. 
ffigl 6tnbi(n @. 162 ff. 


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262 


Dftcbrt 1864. 


fommt. ©ott gebe, bafj btt neue {Regierung für unfre heimatb 
fegen«teicb fei. Sa« Du fegreibfl unb auch roa« ich fonft gebart 

unb gelefen, berechtigt ja ju guten Erwartungen-Weber 

ber Arbeit fcgeint ein eigner Unfiem ju feg weben; nacgbem i<b in Z 
bie Sibliotgef 14 Zage nicht benugen Sonnte, gefchah hier ba«felfe 
auf acht Sage; fiberbiefj rnufee ich feinab 3 Soeben auf meinen 
jCoffer warten... «trog attebem bin ich fertig unb jegt beim Webet« 
fegen unb Wbfcbteiben. {Natürlich miebte <<b Webet Darren febiefen. 
E« iff mir noch obffig unflar, wie biefer ganj mobeme Stoff im 

(ateinifhen ©ewanbe füg au«negmen foff-3eg »erbe betrieb 

frob fein, wenn ich ben Segwinbel oom J&olfe habe unb mi<b mit 
n&gticbcren Dingen befefeftigen fann. 3egt wirb meine feit vor« 
wiegenb baoon in Slnfprucg genommen. Sluferbem fette ich jegt 
meine erfien Eodegien, b. g. ich trage fBereli unb einigen anbren 
SRecgtOcanbibaten täglich eine Stunbe 5tational6fonomie oor. E< ifi 
nicht leicht, ben reichen Stoff in etwa 20 Sorlefungen jufammen* 
ju bringen, aber e« gebt wiber Erwarten recht gut unb ifi mir eine 
nftglicge Webung. ^öffentlich werfe ich ba«felfe ben ganjen" Sinter 
bureb mit einigen Stäbinger Sefannten oomebmen. Obwohl wir Sille 
grabe oor bem Sramen flehen unb noch nicht weiter al« eine hülfe 
Stunbe oor bie Stabt gefommen ftnb, lebt eO fi<b boeb recht ange* 
nebm; ber Wmgang mit Sßereli iff mir in jeber hinfiegt fefe oiet 
wertb. Ein paar SDlal habe ich auch wieber Scrfe gemacht; n4cgften 
Sonntag, wo wir Dppenbeitn'8 Befucg erwarten, fleht ein hoch* 
pobtifcher ©enufj beoor, ba« Sefteigen beO Äaiferfh»bl’«. — Seine 
feit erlaubt mir nicht mehr ju fegreiben. 3<b fcgli<fe alfo, lege 
Dir nochmals meine Sitte wegen be« Sinter« an’« Jjerj unb griffe 
Euch Sille au« ooller banfbarer Seele. Sie immer 

Dein treuer Sohn 

heinrüg 


117] Wn ben Batet. 

greibutg 20/10. 64. 

ÜJtein lieber ©ater! 

heute enblicb ober fpdtefien« morgen früh ifi bie Sttbeit fertig. 
E« fet freilich einen Sonat länger gebauert al« ich baegte; baoon 
(ommen aber 3 Soeben auf {Rechnung btö Schluffe« ber Bibliotfefen. 


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Oftete 1864. 


253 


3<$ felbfl fabe mich ober boch um IVa SBocbe verrechnet. Dü Uebet* 
fegung tour fo Aber ade Srwartung ferner ober vielmehr fo un* 
mbglich, baß fie mich febr lange aufbült unb mich n&tbigte, ba* 
beutfehe Original ju eopiren unb beijuügen, ba ich Siele* barau* 
platterbing* nie^t übertragen tonnte. Sun, ©ott gebe guten Srfolg; 
bie Arbeit felbfl ifl glaub’ i<b ganj gut, aber ba* tatein fürchterlich, 
ba ficb bie .ßauptfacbe um bie burtpau* barborifchen Sbrter Pro¬ 
ducti vitas u. f. to. brebt. 2Nb boffe, bie Herren werben auf biefen 
alten £opf nicht Siel geben, unb feit i<b mir einige anbte Doftor* 
arbeiten angefebn, fommt mir mein tatein ganj erträglich vor. 3Rit 
ber Seenbigung ber Arbeit füllt mir ein »obrer Stein vom Jperjen, 
ich freue mich ungeheuer nun enbtich ȟber etwa* lernen ju tbnnen. 
€* »ar aber auch eine un»urbige $tage. ^uerfl ba* ftuedenftubiren, 
wovon bie meifte 3eit bie Sücber wegnebmen, »ebbe man nicht 
brauchen tann. Dann nur 4 Sage lang ba* eigentliche Arbeiten, 
©nblich, über 3 Soeben um bie Arbeit biefer 4 Zage jujujlugen, 
|u überfe|en unb abjufchreiben. Senn ich ba an fo manchem ein« 
famen Abenb in ben Sbrterbüchem berumfttberte, bie ich al* Xer* 
tianer fo eifrig nachgefchlagen, ba habe ich recht gefeben, »ie mächtig 
ber Steig be* teraen* ifl; bamal* tbat ich <* mit folcher greube, 
weil ich Seue* barin fanb, fegt, wo ich Sicht* mehr barauö lernen 
tann, mit folchem Siberwiden. Da habe ich benn recht oft an Such 
gebacht ober auch ><h bült <* nicht mehr au*, warf bie alten Schar« 
tefen jur Seite unb war gottlo* genug Serfe ju machen, ober ich 
brüllte wäbrenb be* Abfcbreibeit* ein fchine* Surfchentieb in bie 
fHde Sacht binau*, bi* mir auch biefe barmlofe tufl verleibet warb 
burch ben alten $rofeffor unter mir, ber mich f«b* höflich benach* 
richtigte, feine grau fei tränt — wa* ich wirtlich nicht gewufjt batte. 
Sun, nur noch einige Sogen Abfchrift unb bie Autobiographie . . . 
wobei mir Dein Xitel viel Stühe macht, ben ich n>obl «W regis 
Saxonia vigiHarum praefectus anfübren werbe — noch biefer Xribut 
an ben alten atabemifchen ttfu*, bem ber £opf noch febr von biuten 
bängt, unb ich &i« fertig. Dann gebt e* mit neuer £ufi an ba* 
Stubiren. Die Sorträge über Sationalütonomie, bie ich bür mehreren 
SRechttfanbibaten gehalten, b*6m mir gezeigt, baß mir bü Seben, 
bü ich grantone fo oft gehalten ty&t, hoch von Sugen gewefen 
futb unb baß e* mir leicht wirb meine Steinung au*jubrücfen. S* ifl 
wunberbar, wa* ein freier Sortrag auf ben Sprecher felbfi belebenb 


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264 


dubcr 1864. 


etn wirft; ich freue mich ungemein auf bi« Docenten|eit. ffienn ich 
biefen SBintet über fleifjig bin, fann ich ba» folgenbe 3nbr fcpon jum 
Stoßarbeiten »on Sodegienpeften benugen unb jDftem über’« 3aht fo 
©ott wid mich fwbilitiren. Dann finbet ftch hoffentlich ba» ffieitete 

»an felbfl —-Stiebt habe ich in bet Jeit wenig; bet Umgang 

mit Nereli unb mebteren anbten tüchtigen geuten hat mich bafür 
entfchübigt, baff wir un» Slu»flüge »erfagen muften, }u benen ba» 
wunberbar Ware ^erbfhvetter mtocfenb eintub. SBBir haben Zage 
gehabt, wo man Aber bie rei<he glAnjenbe Sbne hin jebe Sehbuht 
an bem 4 Stunben entfernten Jlaiferftuhl etfennen tonnte; einer 
phantafHfch gegipfenen »ultanifchen SSerggruppe, bie gan) ifolirt 
gwifcpen Schwarjwalb unb Nogefen gelagert ifl; ja felbfl an ben 
fernen Nogefen tonnte man Dirfer unb Seiler unterfeheiben; jebe 
Äofe an bem burehbroehenen SNünflerthurtne jeigte fiep fo beuttieh, 
baf) man ba» gewaltige ©ebiube für eine niebliche Nipptifcpfcpnihetei 
halten tonnte. — 3e$t ftnb bie Zag« filter aber immer noch fdh&ti, 
ich hoffe biefer Zage einmal einen Weinen WuOffug ju machen. — 
Sonft befcpüftigt fi<h hier ade 2Belt natürlich mit ber Stage: ©b e» 
nun wirWich genommen ifl 1 ? unb prachtvolle Äarten ber £rim, »on 
benen natürlich teine mit ber anbten übereinftimmt, prangen an allen 
SchautAben. Sinmal war ich mich im Xheater, ba» bie Herren 
Stubirenben für 6 ©rofcpen befuchen, unb fah ba» Nachtlager »on 
Oranaba. 3<h bin aber tpeil» ju fchr muftfalifcp ungebilbet, tpeilo 
bitte ich I“ wenig — »on bem ©efange gar Nicht» — alt bafj ich 
an bicfem weichen gebehnten tprifcpen ätingWang tro§ einjelner 
fchinet Stellen bitte ©«fallen finben linnen. 3cp fehe in ber ©per 
immer »iel ju fehr auf bie $anblung, bie hier aderbing» traurig 
genug ifl; auch überwog jebe» anbre menfchliche ©«fühl bie Snt* 
rüfhtng über bie SNummeret, baf 6 alte Sßeiber unb 1 9Xann al» 
junge Nlibchen oertleibet erfchienen. — 

Non Such nun michte ich wiffen, ob fOtama unb ^eppchen recht 
wohl ftnb; ob bie $tauen)immer recht »iel »on ben greuben bei 
SBinter» reben; wieviel Zürlenfcplacpten Naüter fcpon befiftt; enblicp 
ob ber SBrief, ben mir Jheppcpen au» Sehanbau gefcprieben hoben 
fod, wirWich ejriffirt ober auch eine Sroberung »on Sebaflopol ifl. 


1 ©rtaftopol, btffrn €inna^m« rin Xatat €nbc ©rpt. 1854 in ©nfartft fdlfcbflcp 
gtmdbtt baut. 


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Stemmte 1864. 


265 


An 3ohonna enblich werbe ich t>on Tübingen au« fcpreiben. Segt 
muf ich eilen, baf ich bie Arbeit rechtzeitig abfcpicfen fann. 9Rit 
taufenb ©rufen 

Sein treuer Sogn 

Heinrich 


118] An tei fflat«. 

Jgeibelberg, 12/1154. 

fDieitt Heber 95ater! 

Su wirft ft eher erftaunt fein mich b*rr i u ftnben. 3n ber S£gat 
ift e« ba« erfte mal, baf ich tinen wichtigen Schritt ohne Seine »eis 
ftimmung unternommen höbe. 3<h werbe baher etwa« weit au«ho(en 
muffen um mich J u rechtfertigen. 3cg hotte früher gar nicht baran 
gebacht anber« wohin a(« nach Tübingen ju gehn. Sa fiel mir ganj 
ju Enbe meine« Freiburger Aufenthalt« ber Jheibelberger Mtion«fatalog 
in bie #ünbe. 3cg foh barau«, baf Dr. Jtieffelbach girr ©efchichte 
ber politifcgen ßefonomie unb beutfehe Sirthfchafttgefcgichte lefen 
wollte, alfo gerabe bie beiben gäcger unferer Siffenfcgaft, bie mir 
am Seiften fehlten unb überhaupt am Seiften im Argen liegen. 
Ser Entfcgluf lag nahe hierher ju gehn. Sein Xubinger Abgang«« 
jeugnif hotte ich, «benfo Seine Erlaubnif noch «« Semefler ju 
ftubiren; bie Entfernung wm greiburg unb $eibelberg ift fogar noch 
geringer al« bie nach Tübingen. So ftanb alfo ber Au«fubrung 
Sticht« entgegen al« ba« gehlen Seiner »eiftimmung. Sa war e« 
aber auf ben erften »tief ftar, baf ba« $in« unb #erfcgreiben nach 
Sre«ben mir nur unnbthig £eit geraubt hätte, »ereli, mit bem ich 
über bie Sache 8tücffptacge nahm, machte mich barauf aufmerffam, 
baf ich, wenn ich nur von Seiner Seite bie Erlaubnis weiter ju 
ftubiren hätte, nachgerabe alt genug baju fei über bie Art unb Seife 
meiner Stubicn felbft }u befcgliefen. So ging ich benn hierher; ich 
habe mit bem Schreiben fo lange gewartet, bi« ich ®»r etwa« Sichere« 
über ba« Stefultat meiner Saht fagen fbnntc unb ich bin froh Sir 
mitjutheilen, baf ich burchau« bamit jufrüben bin. Sie teegnifegen 
gäeher, bei benen e« mir fa nur um eine encpclopäbifche ttebcrficht 
)u thun ift, fann ich hror offenbar ebenfo gut treiben al« in Tübingen. 
Auferbem will ich bie Jganbefelebre bet« berühmten Stau heutigen. 
Sa« aber bie #auptfacge ift, Jtieffclbacg hot fiep meiner ouf ba« 


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256 


1864. 


greunblichfte angenommen. . . Seiber ^inbem ihn littrrarifchc Sirs 
beiten, bie oerfprocbnen Soßegien $u lefen. Slbet er erfegt mir ba« 
vottftänbig inbem er genau Sitte« angiebt wa« ich }um ©clbftftubium 
barüber bebarf — (in großer Sortbeil, ba e* über biefe Rächer nur 
tOionograpbicen giebt Da« ift ba« erfte ©tat in meiner ©tubienjeit, 
baß i<b vom lebenbigen ©orte be« Sebrer« etwa« habe. Denn bie 
Hübinger ^rofeffoten, fo freunblüh fit auch waren, befebränften fi<b 
bo# nur auf gcw&bnlicb* J^bfliebteit unb gattati auf bie Srleicbte* 
rung ber ©ibliotbefbenugung. 3<b bin bann febr genugfam ge* 
worben unb fage jegt au« voller ©eete: „®ott fei Danf!* S« wirb 
mir immer tlarer, wie fegwer mir mein Seiben im ©tubium ge= 
fegabet bat. ©er au<b nur (ine Univerfität befugt, bat borg von 
einem einigen Sotteg bunbertmal mehr al« i<b au« allen ©ärgern 
unb J^eften. . . Die ©ibltotgef werbe i<b febr unbefegtänft benugen 
(innen, fobalb icb mein Doftorbiplom habe. — SBa« meinen Umgang 
anlangt, fo finbe i<b jwar febr viele ©efannte hier, worunter reegt 
angenehme Stute, aber bo<b meift fol<bc, welche in jüngeren ©emeftem 
finb. — Der Sofien wegen unb weil i<b borg fein Solleg befugen 
fann, werbe ich mich nicht immatrifuliren taffen. Da« bat freilich 
ben tttacgtbcil, baß ich in $infi(gt be« ©erhalten« ber ganzen ©trenge 
be« bürgerlichen ©efege« unterworfen bin — ein in Jjeibelberg gar 
nicht unbebeutenber Umffanb. Denn ba hier nur Sorp« epiftiren, fo 
ift ber Hon unter ber ©tubentenfehaft, obgleich äußerlich f«b* fein 
(man jiebt in ©lanzfticfeln unb ©latb baher) boch im ©runbe ent« 
feglieb roh; man fann ju einem Duett tommen ohne ju wiffen wie. — 
©egen be« Doftor« bin ich natürlich noch in gänzlicher Ungewiß« 
beit Da bie gafultät ju Stnfang be« ©emefter« immer viel ju tbun 
•bat, fo glaube ich nicht, baß ich ba« Diplom vor Snbe biefe« ober 
Slnfang näcgftcn SRonat« erhalte. ©efomme ich noch vor Deinem 
näcgften ©riefe, fo fchreibe ich fogleich an Johanna, ber ich ohne« 
bieß noch Slntwort fcgulbe. — Die Ungewißheit ift nicht grabe ange* 
nebm, befonber« ba ich über bie ©chwierigfeit ober Seicgtigfeit be« 
Spanien« burebau« 9Ucgt« weiß; benn ©utfegmib’« Slrbeit, von ber 
natürlich bie Spaminatorcn felbft Stiegt« verftanben haben, fann mir 

unmügtich ein SRaaßftab fein-©ottt 3gt nun von bte 

etwa« büren, fo ift Jjeibelberg noch immer eine fchbne ©tobt wenn 
e« «(«geregnet bat, tva« aber ber Jgimmel bi«bet nur bann bat ein« 
treten (affen, wenn er e« vorzog, ©chnte faden )u (affen. Unter 


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Sowmbn 1854. 


257 


tiefen Umßünben habe icp von ber frönen Statur perjlich wenig 
gehabt. ©onß iß es eine wahre SBopltpat wiebet auf einer beutfcpen, 
nicht fcpwdbifcpen, Jjocpfcpule ju fein, wo man auch SlnbereS als 
fepwübifepe ^ifeplaute ju hören hetommt. Da« ©tubentenleben gefällt 
mir übrigens nicht SBie in Xubingen ber Xpeolog, fo überwiegt 
hier ber (SorpSburfcp. DaS ganje Xreiben hat a(fo etwa« ungemein 
SinfeitigeS; SBlafirtpeit unb ©tußerwefen {eigen fich hei Stage, unb 
SlbenbS, wenn baS nötige Quantum 23ier genoffen iß, bricht bie 
Stappeit burch. Sitte, welche bie SotpSprtncipien nicht billigen, jiepen 
fleh m deine gefcploßne Greife juruef. — 2Baö hlrr ju 2anbe immer 
noch alle £6pfe bewegt, iß ber £ircpenßreit‘. 3cp habe als ich ln 
greiburg war, fepüne Seifpiele für bie greeppeit biefer ^faffenrebeffion 
erlebt. Stttf bem Srjbifcpof angefunbigt würbe, baß ber SRegent fo 
gndbig gewefen, bie über ihn »erhängte Unterfuchung nieberjufcplagen, 
weigerte er ßch felbß baS ^rotofott über biefen Stet, welcpeS ein 
junger SBeamter, ben ich etwa* fenne, führte, ju unterfepreiben. Stuf 
bie SRieberfcplagung ber Unterfuchung gegen bie rebettifepen ©eiß» 
liehen hat ber Sifcpof bamit geantwortet, baß er bie getßlicpe Unter» 
fuepung gegen bie Krcpenfeinblicpen Beamten an befahl 3cp be» 
greife niept, wie manepe freißnnige Seute biefe freepe Serpopnung 
beS ©taats billigen tünnen, weil bie Pfaffen fo fcplau ßnb, ße Ser« 
tpeibigung ber SReligionSfreipeit ju nennen. UebtigenS pängt ipnen im 
ganjen Sanbe außer ein paar grauenjimmern nur ein Stpeil beS, be» 
fanntlüp butcpauS niept lopaten, SSretSgauifcpen SlbelS an. — 

3um ©epfuß grüße icp Sucp Sitte ber SReipe naep perjlicp . . . 
SBie immer 

Dein treuer ©opn 

^einriep. 


119] 9n Jptinricp 99a<$matm. 

Jjeibelberg 19/11 54. 

SOlein lieber QSacpmann! 

-@anj ju <£nbe meines greiburger StufentpaltS fam mir 

ptüßlicp ber ©ebanfe, hierher ju gehen. 3e tiefer icp in mein ©tubium 
pereintam/ beßo Kater warb eS mir, baß mich mein Seiten ganj 

1 Sögt. ®. 189 9.1 unb Rtafcptnger, ^ttupen in ©unbritag 1,34*jf. 4,226f. 
i. 17 


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258 


Sbvnnbn 1864. 


unberechenbar gebinbert unb einer bebenHiepen Sinfeitigfeit nabe ge» 
bracht bat. SJtit Sluönabme eine* Weinen bifatifcben ©rioatiffmtum 
bei bem trefflichen/ je$t Jeiber »erftorbenen, jungen Dr. Wbel habe ich 
in meiner ganzen ©tubtenjeit nicht ein einige« Solleg gebärt. SO 
ift jwar allgemeiner «ton/ ben Stugen eineö SollegO mbglicpft gering 
anjufchJagen. SJber wenn ich «u<h oielleicpt ben SBertb beO Jebenbigen 
SBorteO fiberfcbäge, weil ich nur wenig bäte aJfo feiten etwa« @e= 
birteO oergeffe — fo glaube ich boch/ baf 3br ©IficWicpen 1 Durch 
bie Slotbwenbigfeit immer au6 tobten heften unb ©fiebern ju arbeiten 
bin ich i u einem ei nfteblerifeben ©tubium gefommen, baO mir noch 
oiel mehr gef (habet bitte, wenn ich nicht mit einer fiberfjfiffi^en 
Dofte oon Seich tfinn unb Weiterleit gefegnet märe. Daburcp habe 
ich jwar oiel SKateriaJ jufammengeffapelt, aber bie Ueberftcpt bei 
©anjen, bie ©cheibung oon Waupt« unb siebenfache, bie man burch 
eine gute ©orlefung faft oon fetbfl erhält, fann ich nur inftinftio 
berauOffibJen; ebenfo unbefannt ifl mir bie «teepnif bei ©ortragO, 
eine ffir einen funftigen atabemifepen Septer ficher febr gefährliche 
Klippe. Stach WJJebem wirf) Du es begreiflich finben, wenn ich jebe, 
auch bie geringfle, Jpoffnung, enblich ein Solleg ju bäten, mit 
©egierbe ergreife. Dr. $ieffe(bacp hier ffinbigte SBirtfcpaftögeftbicbte 
unb ©efep. ber polit. Defonomie an, jroei ©toffe, bie noch fo gut 
wie unbebaut ftnb unb oon ihm auOfcpließlicp bearbeitet werben. Die 
Woffnung lag nabe, bei biefem jungen Docenten enblich birefte mfinfc 
liehe ©elebrung ju finben. . . Seiber ijl meine Hoffnung tpeilwei« 
ju SBaffer geworben. Äieffelbacp lieft nicht — bie alte ©finbe ber 
Docenten, baß fie bie Sollegien a(0 Siebenfache betrachten! — Wber 
ich habe enblich an ihm einen Septer gefunben, ber mich prioatim 
auf alle 2trt im ©tubium unterftfipt, unb baö allein reicht hin mich 
meinen Sntfcpluf} nicht bereuen ju (affen. Sr ift ein junger, fabet 
baft arroganter SOlenfch, auch moralifch nicht grabe ebrenwerth — Sipo* 
flat oon ber ©otpaerpartei bulbigt er jept jenem elenben ©ebeinlibe* 
ratiämuO, ben bie WugOburger Leitung mit fo oiel 9>erftbie oertritt — 
aber burch auOgebepnte Steifen in allen SBetttpeilen, burch praftifcpeO 
Arbeiten im Kontor unb burch einen natürlich Waren Äopf hat er rt 
in feinem Sache febr weit gebracht 1 unb ift, offenbar burch ben ©runb 

* £ier — ba$ 2Bort: ©löcfttc^cn flebt am €nbe ber ©riefoeile — bricht ber Slufc 
bruef beb ©cbanfeitg unvodenbet ab* 3 Sögt* £tfh>r. vu 9hiff&$e 2, 167 
Vnim unb 4, 687 f. bie WejeKtflon eineg anbeat Jtieffe(bacbf$en ©u tyrt. 


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9lo»ttnb»t 1864. 


269 


meine* #erfommenö gefcbmeicbelt, gegen mich febr juoorfommenb. 
@o treibe icb benn jegt mit Siebe bißorifcb*pofitifcbe ©tubien unb 
tec$nif($e ffiiffenfcbaften. ®orberbanb arbeite icb bie ©runbbegriffe ber 
3Re<b«nif burcb, mit meiern 3ntereffe, benn ba* matbematifcbe ©enfen 
bat mich immer angejogen. 3(1 baö oorüber, bann tommt freilieb 
ber elenbe SJtifcbmafcb, ben man Sameralwiffenfcbaft i. e. ©. [nennt/] 
an bie Steibe. Da* ift ein Raufen non Flamen unb empirtfcben 
Siegeln, ju einem rein äußerlichen £wecfe, bem be* grüßtmiglicben 
Srwerbe*, jufam men ge flopp eit; ba* einjig SBiffenfcbaftlitbe in bem 
ganjen Jtram ftnb ©d§e ber Stationalüfonomie ober ber Staturwiffen« 
febaft. ©a* muß i<b al* ©ebäcbtniObaUafl aufnebmen, um ^offents 
lieb ndcbflen ©ommer auf einer Steife bureb bie Steilen be* Srj» 
gebirge* bie tobten Stamen (ebenbig werben ju taffen. — ©u ftebft, 
icb b<*be genug ju tbun, wenn au<b mein ®ater etwa* bebenftieb ben 
Äopf fcbüttelt, ba man ficb im Storben nicht oon ber ®orfte(lung 
(o*macben fann, jjeibelberg fei nur ein Ort jum Amufement. — 
2Bir 8 granfonen hier leben auf febr gutem guße jufammen. Seiber 
wirft ©u c* mit mir fühlen, baß icb wenig emfte Anregungen au* 
ihrem Umgänge jieben fann. ©o lieb fte mir finb, fo ift boeb deiner 
barunter, ber mit Smft unb ©elbflänbigteit baran gegangen würe, 
an anerjognen unb angeerbten ®orfte(lungen ju rütteln. Stur ©cbel*fe 
au*genommen. . . ©onft ift mir natürlich SBarqui* am Siebften, 
beffen gefunbe unb lieben*würbige Statur julefct immer ben ©ieg 
baoon trügt über ben heiligen „Anftanb", ber ihm fo tief in ben 
Knochen fi$t. . . 3m Ucbrigen ftebe ich mit Allen auf beftem guß 
unb wir leben recht angenehm jufammen, außer @cbel*fe, ber nur 

bei mir manchmal fiebtbar ift-SBegen meine* Dr. lebte ich 

bi* beute in großer Spannung; ©u weißt baß ich bie Arbeit, ohne 
litterarifcbe JjulfOmittel wie ich in greiburg war, jiemlicb leicbtftnnig 
in 4 Stagen bmgefubelt unb nur auf ba* Abfcbreiben tc. oiel 3eit 
oerwenbet hotte, SSebenffl ©u baju ba* baarftrüubenb fcblecbte Satein, 
fo wirft ©u e* begreiflich ßnben, baß ich jettweife in febr peinlicher 
Ungewißheit war. ©oeben aber erhalte ich einen amtlichen ®rief au* 
Seipjig, worin mir... mitgetheilt wirb, baß bie Jjauptprüfung febon 
febr gut beftanben fei; e* bleiben nur einige gormalitüten übrig, ba* 
Sirculiren bei allen gafultätOmitgliebern — alfo auch bei ben Pro* 
fefforen ber Philologie tc. Statürlicb fann ich ein fo unftnnige* 
Spanten nicht al* Prüfflein meiner Äenntniffe anfehen, immerhin bin 

17* 


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260 


©oottnbtr 1864. 


ich froh feen ©chwinbel vom Jjalfe ju haben. — In summa, etJ geht 
mir recht gut/ nur entbehre ich fchmerjlich feen Umgang eine* ge« 
reiften greunbe*, wo* Dir, mein lieber ©achfrih, eine feringenfee Stuf* 
forberung jum baifeigen Antworten fein mag. — 

Sine ©teile Deine* »Orienten ©rief* veranlagt mich, mit einigen 
Sorten auf meine politifcpen Slnficfeten einjuge^n. 3ch $abe in 
©onn Dir gegenüber/ um Dich mit Deinem 9tabifali*mu* }u necfen, 
oiedet^t ju fehr feen ©othaer gezielt. 3n Sahrheit ifl e* nicht fo 
ftfelmtm feamit. ©ot allen Dingen bin ich ganj rafeitaler Unitarier. 
3ch halte feie greiheit tt. für reine grafen, fo lange fein ©oll vor« 
hanben ifl/ feie einige ©runblage jefeer flaatlichen Sntroicflung. Der 
©leg/ feer am rafcfjeflen ju feiefer nationalen Sinigung führt, ifl mir 
feer liebffe/ unfe follte e* feer De*poti*mu* fein; ich glaube/ baff jefee 
unnatürliche Serfaffung*form, wenn eine wahrhafte nationale Sin« 
heit unfre* Soll* erreicht ifl/ nur von furjer Dauer fein tonnte. 
3ch holte mich olfo an feie gartet, bei feer ich nieiflen nationalen 
Sifer finfee; fea* ftnfe in meinen ©ugcn trog aUefeem feie ©othaer. 
Du mufft nicht glauben/ baff ich »h** monarchifüfchen 3feeeen theile, 
©eroinu* fcheint mit/ — obgleich ich feine ©ietfeobe nicht billige 
feie ©efchichte wiUfürlich ju conflruiren unfe ). ©. feie griechifch« 
Xprannt*, fea* SRefultat ephemerer ©taattflreiche, mit feer mofeernen 
©Monarchie jufammenjuwerfen, welcher feoch ohne grage fea* ©erfetenfl 
jufommt, in gan) Suropa, aufjer Deutfchlanb unfe 3talien/ juerfl 
einheitliche auf feer ©runfelage grofjer Nationalitäten ruhenfee ©taaten 
gebilfeet ju haben — er fcheint mir trofcbem in ben SRefultaten auf 
feem rechten Sege )u fein. Die ©erehrung feer angeflammten gürften« 
häufer ifl mir flet* lächerlich gewefen. Sbenfo wenig tann ich 
©ewunfeerung fee* herrlichen Ärieg*heere* theilen. Nctchbem eine* 
ihrer efeelflen ©lieber/ ©onin/ feie hünbifcpe ©emeinheit eine* Jjenfce 1 
gebilligt unfe nachbem feer ©rin) »on ©reuten, fea* 3bol feiefe* J^eere*, 
feie feentwürbigen Sorte gefprochen: „3<h nwrbe mit 3h»en gront 

i ®tt ptrafüftfet AtiegSminifiet «on ©onin feattt brat Seutnant a. X). htnfee, alt 
btt ifent jugtfübrt nratbt „jut ©efeebung ftintt gnwiftl", ob tt an btn Aontitre 
Übungen «on Dr. Sabmborf unb ©enoffen, auefe natfebtm n ifert angeblich feotfe; 
»tttdettiftfetn ©tfhtbungtn erfannt, not* fttntr, alt polizeilicher Aunbftfeaftet, ttxU 
nehmen foOt, »trfufeert, „baf ftine militdrifefee Sfert habet nicht «triefet mttbtn fbnnt, 
tt «itlmtfer feint CßfUtfetfei, btt tt genögen ntftfft*. 35er ho<fe«trrattpto|tfi Sabenbotf, 
btt int Df tob. 1864 «ttfeanbelt »utbt, war tint btt bifeftrn ©löten btt prtu&ifcfeen 
Oieaftion in btn fönfjiget 3<>f>ren. 


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9}owmb« 1864. 


261 


machen nach welcher Seite bin e* unfer $err gebietet!" — bo fann 
ich übet biefe*, bet ftbeorie nach ftcber auf einer herrlichen bemo* 
fratifchen 3bee rubenbe, Jjeer nicht* Slnbere* urteilen al*: €* if} 
ber würbige Nachfolger jener beimatblofen Eanb*fnecbte, bie mit ber 
gleichen gebantenlofen Stapferfeit für bie Sitten wie für ben Doppel* 
abter fochten. — 3<b febe ferner recht wohl ein, bafj ein gbberatio* 
ffaat oon SRonarchteen um fo mehr eine contradictio in adjecto 
wirb, je liberaler biefelben im 3nnem regiert werben. Denn wa* 
if} ba* wefentliche Siecht be* conjtttutionellen Ntonarchen? Dbne 
grage bie Neprdfentation feine* Staate* nach Stoffen. Unb grabe biefe* 
Siecht mufj er im güberatioflaate an bie Gentralgewalt abtreten! — 
Du fiebft mein greunb, bie Ätoft jwifchen unfren politifcben Sin* 
ficbten if} nur eine geringe. 3«h holte mich bennoch ju ben ©otbaern, 
weil fie meinen Sin ficbten am Nücbflen flebn unb weil ich e* für 
Pflicht holte Partei ju nehmen, wenn man auch in einjelnen gragen 
ohne @efinnung*genoffen haftest. Die bemofratifebe Partei bot, fo 
viel ich weif, nie ein wirflic^c* Programm aufgefletlt. Sie bewegt 
fich burchweg in ber Negation unb in einem $effimi*mu*, ben man 
nicht hört genug fabeln fann. — Sin ber ©otfjaifcben $reffe, be* 
fonber* ihrem $auptblatte, ben ©renjboten, erfreut mich befonber* 
ber männliche Sinn, ber nie »erjweifelt unb auch jefct unter ben 
traurigfien Nerbältniffen in ben beruntergefommenen Kammern eine 
fräftige jtb^tigfeit geigt. Db 9>reufjen, wenn e* auf bem betretenen 
SBege ber Demoralifation feiner Stü$en, ber Beamten unb be* #eere*, 
fortfibrt, noch im Stanbe fein wirb Deutfchlanb* ©efebiefe ju leiten; 
ob ferner jene Umwäljung, bie jur Jperfletlung einer preufjifcben 

Hegemonie notbig wäre, nicht auch ^gleich ba* monarchifch« Vrincip 
ftürgen würbe, — ba* finb gragen, bie mich lebhaft befebäftigen 

boch noch immer ohne Süfung. So Niel fd)eint mir ft eher, bafj, 

wenn einer ber gegenwärtigen Staaten leben*fübig genug if} unfere 
£ufunft ju oerbürgen, biefj nur ^reufen fein fann. Die grage if} 
aber eben: Db? SBenn ich hierüber felbf} im klaren bin, werbe ich 
c* Dir mittbeilen. Da* Sorfiehenbe follte Dir nur ben ©lauben 
benehmen, a(* ob ich bie ftebenben Norurtbeile ber ©othaer tbeilte. — 
Noch eine fDlittbcitung, bie Dir wohl unerwartet fein wirb. 

Sobalb ich mein Doctorbiplom höbe (auf folche JUeinigfeiten mufj 
man leiber ©otte* SBertb legen!) werbe ich einen Xbeü meiner @e* 
bichte, bie Dir unbefannten „Naterlanb*lieber", ju Sotta fehiefen. 


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262 


November 1864. 


©te ßnb bte ffierfe mein« glucflichßen Stunben. Nach ruhiger 
Prüfung bin ich ja ber Ueberjeugung gefommen, baß fie ihre »olle 
Serechtigung in ßch tragen. S« flnb Silber au« unferer größten 
^eit, ber Slütbe unfre« Sürger* unb Sauemtbum« unb ber SÄefor* 
mation, Scbitberungen wie fie tebenbige patriottfcbe Segeißerung ein* 
giebt, bie unb ba unterbrochen burcb ben 9u«fprucb allgemeiner »on 
folgen Stoffen unjertrennlicber ©ebanfen. 2Nb »erbebte mir nicht, 
baß ße (ein üftobeartifel ßnb unb bem heutigen ©efcbmacFe nicht 
recht jufagen. Sfbcr ich bube ba« Kare Sewußtfein, »on bem ich 
weiß, baß e« mich nicht tdufcbt: ©ie ßnb (ein ^robult ber Saune 
ober eine« pottißben $i§el«. — 3cb werbe bamit fobalb 

a(« m&glicb meine ©cbriftßeßetlaufbabn eröffnen. SRancbe, jum 
Übeil febr ernße, Unannebmlichfeiteri mit meiner gamilie ßeben mir 
baburcb bevor. Hlber in bicfer Sache (ann ich mir ganj leibenfcbafwlo« 
fagen, baß ich recht banble. 3ch weiß, baß Deine beßen HBunfcbe 
mich babei begleiten unb bufft ßcber, baß ße Dir gefallen werben. 
3n bem Kampfe, ben wir funge« Soff ßunblich mit ben taufenb 
Ädtbfeln beö Dafein« burcbfämpfen, ßnb mir nur jwei Dinge un* 
angefochten geblieben, an benen ich uiit ungetbeilter Segeißrung hänge, 
bie Äunß unb ba« Saterlanb. ©erabe biefe beiben Sbeeen treffen 
in ber (leinen Schrift jufammen. Darum bube ich ba« Such f° 
mit »oller Seele geßhrieben, barum fage ich auch ß> juverßchtlich, 
baß e« Dir greube machen wirb. — Nun laß mich fchließen unb 
Dir unb Such Hilten noch bie berjlichßen ©ruße »on ben HBeißrotb* 
golbnen am Necfar bringen. 

Dein 

Heinrich X 


120] Vn ben Sätet. 

Jjeibelberg, 23/11 54. 

ÜWein lieber ©ater! 

£u»brberß bie erfreuliche SRittbeilung, baß ich au« Seipjig bie 
beßen Nachrichten habe. Da ich meiner £eugniffe beburfte um mich 
hier ju legitimiren, fchrieb ich un bie gafultät, man mige mir bie* 
felben noch oor ber Promotion jurucfgeben. Darauf fchicfte man ße 
nebß einem amtlichen Schreiben, worin mir mitgetbeilt warb, baß 
bie „$auptpr&fung" glucfltch beßanben unb bie Hfrbeit febr belobt 


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9foecmber 1854. 


263 


worben fei. Da* Diplom (6nne aber erft bann auOgefertigt »erben, 

wenn alle gorraalitdten erfüllt feien-Jpeppcgen unb Sfopanna 

werben atfo noep einige Sage warten muffen, bi* bie langerfepnte 
3eit ba iff, wo fte iffentücp „mein Araber, ber Doftor" fagen (innen. 
Die ©aepe pdngt eben nur an einer gorm, ba bie $auptprüfung, 
b. p. eben bie Prüfung burep bie ^rofefforen ber ©taat*wiffenfcpaft 
unb Qefcpicpte, oorüber iff, unb bie Uebrigen nur „%a" fagen (innen. 
Dafj 3pr fo fange in dngfllieper Erwartung wegen be* 3(u*gang* ge* 

wefen feib, tput mir fepr feib. 3cp (onnte e* aber niept dnbern- 

Ueber meinen piefigen 3(ufentpa(t (ann icp nur wieberpofen, baff icp 
aUe Urfaepe pabe mit meiner 8Bapl jufrieben ju fein. 3n ben piffo* 
rifepen ©tubien unterffüpt miep Äieffelbacp mit ber grüßten gmmb* 
(iepfeit... (urj, wenn icp affe* mir gebotene rebfiep benuge, fo poffe 
icp biefen ©inter ju einem guten Slbfcpluffe meiner ©tubien ju 
(ommen, fo fern man beim ©tubium überhaupt oon einem Sfbfcpfuf 
reben (ann. — fflenn SWama mit meiner ©apl niept jufrieben iff, 
fo (ann icp mir ba* nur barau* erfldren, baß J^eibelberg im Stufe 
einer (eieptfinnigen unb fieberfiepen Unioerfitdt fiept. Da* mag jiemlicp 
rieptig fein, fo weit man bamit bie piefigen Korp* meint. 3cp bin 
aber oief ju guter granfone um in biefer 3lrt oon ©tubentenleben 
etwa* dnbre* af* eine Sdeperlicpfeit ju fep’n. ©eine Slcptung gegen 
bie Korp* ifl niept grabe gefleigert worben baburep, baß icp at* Sfbliger 
neufiep burep ben SBefucp eine* mir ganj fremben ©ajroboruffen über* 
rafept würbe, ber barauf pinjielte miep jum Eintritt unter biefe #erm 
„au* guten gamitien" ju bewegen, ©eit man aber erfupr, baß mein 
Dr. oorüber unb baf icp alter gran(one fei, pat man miep mit weiteren 
SBefucpen oerfepont, unb mir bfeibt ba* pumorifüfepe Vergnügen, 93e* 
traeptungen anjufleffen über pie eigentpümfiepe 9frt, wie biefe J&erm ben 
ffiertp iprer Kommilitonen fepdgen. — gür miep unb meine 83e(annten, 
ju benen fiep jegt $u meiner greube meprere dltere au*ffubirte Seute 
gefeilt paben, befcprdnft fiep ba* #eibelberger Sfmüfement barauf, baf 
wir Stacpmittagö, wenn e* ba* ©etter erlaubt, auf ben fepünen bergen 
perumfleigen unb pie unb ba 3(benb* un* auf einer Kneipe ober jum 
£pee auf unferen £immem jufammenftnben. — ©iber meinen ©unfep 
pabe icp miep pier immatrifuliren taffen. 3(1* icp ba* legte ©a( 
feprieb, patte icp miep auf bem 3(mt a(* Jgwfpitant gemelbet; ber 
Sntfcpeib fcpwebte noep. Da tpeilte man mir mit, icp fei noep $u 
jung jum #ofpitanten, unb ba augenblieflicp meine ^gttiffe noep 


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264 


Otewmb« 1864. 


in Leipjtg waren/ fönne ich mich ohne Legitimation auch nicht atS 
grember in ber ©tabt aufhalten. Sollte ich atfo nicpt bis jum ©in« 
treffen ber Rapiere mich non pier entfernen/ fo mußte ich ©tubent 
werben, Dieß ift feitbcm fehr ju meinem Sortheite auSgefch tagen, 
eines SorfattS wegen, ben ich Dir mittbeite, theits weit eS mir 
brücfenb ift ©eheimniffe oor Dir ju haben, theilS weil Du barauS 
einen Segriff oon bem ^iefigen ©tubententreiben befommen fannft. 
AIS ich neulich AbenbS nach Jpaufe ging, würbe ich plbgtich non 
einem ©chwarm Sanbalen (ein hiefigtö ©orpS) umringt, unb ©inet 
oon ihnen, ben ich gar nicht fannte, beteibigte mich auf phbetpafte 
Seife. 3ch forberte ihn auf ^ijbten. ©r nahm an, AtteS warb 
oerabrebet, aber noch am Sorabenbe beS Duetts würbe bie ©ache, 
trog ber Jjeimlichfeit, mit ber wir fie betrieben, angejeigt, unb jroar, 
wie wir feitbem befKmmt erfahren, oon ben Sanbalen fetbß! — ©ie 
hatten natürlich erwartet, ich würbe auf ©cpläger forbem; aber wenn 
Du je eine fhibentifche ©chlägerpauferei mit angefehn haß, fo wirft 
Du mir ficper Stecht geben, baß ich «ne ©hrenfache nicht burch eine 
fotche ©pieterei auSfecpten wottte. ©ie waren ju frech, um eine in 
ber Setrunfenheit getbane Äußerung ju bepreciren unb $u feig für 
ein emftlicheS Duett, fo jogen fie ben Seg ber Serrätherei oor. — 
Sein ©egner unb ich würben fogleich citirt, mußten baS ©hrenwort 
geben uns nicht ju fchtagen, unb ich «hielt oor Amt unb fpäter 
noch prioatim Abbitte oon ©eiten meines ©egnerS, „ba eS ja nicht 
mehr möglich fei bie ©ache mit Saffen auSjumachen" . . . Das 
eine ©ute hat bie ©ache jebenfatlS, baß ich nun oor ähnlichen Srutali« 
tüten ficper bin; benn nachbem fiep bie ©orpS mir gegenüber eine 
fotche Stbße gegeben, werben fie ftch wohl oor ähnlichen Dingen 

hüten-Ueber ben ©rfotg meiner greiburger Sortefungen habe 

ich w'th f«h°n in meinem teßten SBriefe oon bort geäußert, wenn ich 
nicht ganj irre. 3ch fann wohl fagen, baß ber AuSgang ein recht 
gtütftich« war. 3<h habe gefehen, baß es mir leicht wirb, ben SBuft 
jufammengetefenen Sateriats georbnet auSjufprecpen. 5n ben näcpften 
Xagen hoffe ich hi« ähnliche Serfucpe ju beginnen, bie mir hoffend 
tich noch mehr nüßen werben, weil ich l«ßt nicht burch bie Äürje 
ber £eit beengt bin. — 3BaS bie Abfichten antangt, bie Du an meinen 
DreSbner Aufenthalt fnüpfft, fo fann ich feßt in ber £hat gar Nichts 
arüber fagen. 3cp oermag unmbgtich, beoor ich f«lbß in Db. bin, 
}u beurtheiten, in wieweit mir mein Leiben unb ber beftehenbe Ser« 


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r 


iCtjrmbft 1864. 266 

waltung«mecgani«muö geffatten »erben, eine Sinficgt in ben pra(: 
tifc^en ©taat«bienff ju erlangen. . . 

. gür SSSeignacgten mag icg (einen SBunfcg au«fprecgen, »enn 3gt 
mir niegt, wie ba« legte SJtal, einige Xoilettenbebürfniffe, bie immer 
wilKommen ftnb, ftriefen wollt. — Sinen 2Bunfcg gäbe icg freilieg, 
ber mir fegr am Jjerjen liegt, ben icg aber nur jbgernb außfpreege, 
weit i(g feine $offfpie(ig(eit niegt beurtgeilen (ann. £« würbe mieg 
ungemein freuen, wenn icg eine €opie ©eine« Porträt« befüße . . . 
icg grüße Sucg ade gerjlicgff unb fuge bie IBerfiegetung ginju, baß 
icg aueg in ber neuen 8Bürbe immer unb unoeränbert bleibe 

©ein treuer ©ogn 

Jpetnricg 

181] 9(n bm iSatrr. 

Jpblbg, 21/12. 54. 

SOlein lieber 93ater! 

3cg weiß niegt wie e« $ugegt: icg bin boeg alt genug unb lange 
genug vom Jpaufe fort; aber in ber bießjdgrigen SffieignacgtOjeit gäbe 
icg eine unbejwinglicge ©egnfucgt naeg Sucg, icg benfe mit greube 
wie ein $inb an ben geiligen Slbenb. ©enn icg mir überlege, baß 
icg morgen um 2 Ugr gier abreifen unb übermorgen um biefelbe ^eit 
€ucg unerwartet am SRittagötifcge jufammen treffen (ann; wenn icg 
mir ba*« autfmate, ba gegort ade Energie ba$u, um mieg oon bem 
©egritte abjugalten, mit bem ©u boeg fteger niegt jufrieben fein 
würbeft. ©arum muß icg [mieg] teiber auf einen gerjdcgen briefliegen 
©ruß befegrünfen, unb aueg biefer (ann nur (urj fein. 3cg fiel neu: 
lieg, al« icg im ginffetn oom ©egtoßberg einen {teilen 2Beg gerabffieg, 
über megrere ©tufen gerunter, bie ben 2Beg unterbraegen unb oon 
mir in ber ©un(elgeit niegt bemertt würben, ©ie golge baoon iff 
ein oerffauegter guß, an bem icg fegon 14 Sage leibe, ©ie Söefferung 
gegt leiblicg fegned oon ffatten ... ©ir unb ßRama bringe icg meine 
beften 8Bünfcge ju Sutern glüefliegen gamdienfeffe unb 2 ^fliegt: 
ejremplare meine« ©iptom«. 3cg goffe, 3gr werbet ben feinen ©oft 
bewunbem, womit ber ©ruefer feine gogalitüt gezeigt gat. Sinem 
ruffifegen Staunten muß ba« Jperj im Seibe taegen, wenn er ftegt mit 
wie breiten Lettern ©r 3Rajeftöt gebrueft ift, unb wie bie Staegffaben 
immer deiner unb bemütgiger werben, bi« enblicg ber arme junge 


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266 


Dtjemb« 1864. 


©octor, ber boch eigentlich bic #auptperfon bei bet ©ache ifl, ganz 
winzig unb unfcheinbar auftritt. 3Rit ffiebmut habe ich gefebn, 
welche niebete Stellung ich in ber flaatsbürgerlichcn ßrbnung ein* 
neunte. — 3Jlit bcm Ublanb, ber für Johanna befftmmt iß, miber* 
fu^r mir ein fcfiöneS ... Jjeppchen wirb, hoffe ich, ben Sitten* 
(lein gern einmal wieber lefen unb erfolgreiche ©erfuche machen ihrem 
#errn ©ruber baS „@ott (traf mein $tti" ju (ehren/ womit mir 
früher bie gute 3Rama fo fehr in ©erzweiflung brachten. ©aS rofa* 
farbne ©ilb, bat babei liegt/ ift an Ort unb ©teile getauft unb geigt 
bas Schloß in feiner gegenwärtigen ©eflalt. 2lm guß ber ©erge in 
ber $eme liegt Tübingen, ©ie Jjeibelberger Slnficht ift ein nachträg* 
liebes ©eburtStagSgefchent für $eppchen. — Steinern (leinen ©ruber 
tonnt 3b<f einen herzhaften 2BeibnachtSfuß oon mir geben; fonfl müßt 
3ht wohl wieber fo gut fein an meine ©teile ju treten; ©pielfachen/ 
bie bie ©erfenbung lohnten ftnben (ich h*er natürlich nicht; unb in 
ber Sugenblitteratur bin ich Z tt wenig bewanbert um auf einem fo 
belitaten ©ebiete eine richtige ÜBahl ju treffen. — 9lun bleibt mir 
nur noch übrig traurige ©etrachtungen anjuflellen über meine hieß* 
jährige 2BeibnacbtSfeier. ©iefe wirb ziemlich einfam fein, gafl alle 
meine ©etannten gehen fort; ich werbe alfo wohl mit 2 ober 3 Slnbem 
auf einem Jimmer jufammen fi§en bei einer ©owte $unfch; hoffent» 
(ich f«ß« »<h* «och burch/ baß ein SBeihnachtSbaum angejünbet wirb/ 
unb wenn bann rechtzeitig ein ©rief oon Such eintrifft, fo bente ich 
ben Slbenb hoch noch burch frohe Srinnerungen ju beleben; unb ich 
werbe es mit ©leicbmuth hinnehmen, wenn uns ber ©übel nach 11 Uhr 
auSeinanberjagen will. So befiehl hier nämlich bie unmenfchiiche Sin: 
richtung, baß ©tubenten auch auf ihren Zimmern nicht länger als 
bis 11 Uhr jufammenbleiben bürfen, wenn fie etwa« ©ttnfbareS bei 
ftch hoben, was man mit bem technifchen SluSbrucfe „nächtliches @e* 
läge* ober „Uebertneipen" bezeichnet. — 

©aS wirb einmal ber reine 8BeihnachtSbrief, ber oon ©ichts als 
oon bem gefle banbett. . . Unb wenn ber grüne SBeihnachtSbaum 
brennt unb (Rainer mit fachtunbigem Sluge bie (Ruffenfchlacht muflert, 
welche feinem ©ifche fchwerlich fehlen wirb, bann, hoffe ich, werben 
wir Sille uns im ©eifte in herzlicher Siebe begegnen. 

©ein treuer ©obn 

Heinrich 


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3<muar 1866. 


267 


122] Vn b«n S3atn. 


ÜJlein lieber 95ater! 


Jjeibelberg, 2/1 65. 


Seiber verbinberte mich »orgeßem ber SBefucb eineß greunbeß, ber 
btß geßem SWacbmittag blieb/ baran Sir junt gütigen Slage einen 
93rtef ju ßbreiben. @o will ich benn wenigßenß beute burcb einige 
feilen/ wenn fte auch nicht jur beßimmten £eit in Seine Jpdnbe 
fommen, Sir jetgen, baß ich biefen Stag mit allen innigen SBünfcben, 
bie mir Pflicht unb Siebe auflegen, feite. &ebe @ott, baft baß gluck 
liebe gamilienbanb, baß unß Sille um Sieb fo eng vereinigt/ noch 

lange wdbte!-3<b bube ben heiligen Slbenb jwar füll aber 

beiter jugebraebt; wir faßen ju günf jufammen, erfreuten unß an 
einem Sicbterbaume mit boßbaft gewühlten ^ueferßguren, unb be* 
febüftigten unß mit Uebertretung ber afabemifeben ©efege, waß be* 
(anntlüb jebem Vergnügen einen hoppelten Steig giebt. Slrogbem war 
ich auf Slugenblicfe recht febnfücbtig gejhmmt, unb alß ich bann lange 
nach ber erlaubten £eit burcb bie fHde Stacht nach #auß jog, fanb 
ich boeb/ baß baß SBeibnacbtßfeß nur im gamilienfreife wirtlich ge: 
feiert wirb. — Sie übrigen gerien blieb ich einfam b»er; alß aber 
enblicb Stileß fort ging/ fühlte ich mich gar ju troftloß unb folgte 
gern ber Sinlabung eineß Sefannten nach granffurt, baß unß bie 
€ifenbabn auf 2 ©tunben nabe gerüeft bot. Sch bin febr froh/ baß 
ich eß tbat, benn ich bube SRancbeß bort gelernt unb befonberß mit 
großer greube lang entbehrten Äunßgenuß gehabt in ben SRufeen, bie 
ich bei meiner früheren Surcbreife nicht geöffnet gefunben butte. Sin 
Overbecfß großem ©emdlbe „SReligion unb Äunß" bube ich in praxi 
gelernt/ baß abßrafte Sldegorie auch unter ber #anb eineß SReißerß 
immer lebtoß bleiben wirb. Stucb fab ich $um erßen 3Rale größere 
Serie von Sefßng unb beßaunte aufß 9leue jene wunberbare Ära ft 
unb gebenbigfeit/ bie mich febon früher an einem Keinen ©emdlbe 
von ihm angejogen butte, ©ein #uß iß eine fo herrliche ©eßalt, 
ein fo gewaltiger glaubenßfreubiger €rnß in biefen bleichen über« 
wachten £ügen/ baß nur ein ©tumpfftnniger ohne Erhebung baoon 
febeiben tann 1 . Sannecferß Striabne, über bie wirtlich jebeß ÜBort 
ber SBewunberung ein überßüfßgeß SBagniß wdre, fennt 3b f ju wohl 


i SBflI. DtutfCjw @ef<b«b»e 4/ 469. 6, 401. 


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268 


3«nu«r 1866. 


au« ©obellen. 2 Zage blieb ich in granffurt, ben einen Sacbmittag 
brauten wir in bem nagen Homburg ju. Qi ifl wirblig eine Scganbe, 
wie biefe« tangweitigfie aller SJteffer, ohne ben geringffen lanbfcgaft* 
ti^en Sfteij, feine grequenj allein ber brillanten Spielbanf »erbanft 
3<b bin bureb mein Unglücf im Spiel, ba« mich t>om Domino btö 
jum Tempeln von jeher »erfolgt bat, gewiegt genug ba« ©lücf am 
grfinen Xifd^e nicht $u verfugen, aber ich habe mit großem Vergnügen 
bie ^hpfiognomieen ber Spieler ffubirt, bie junge Dame, bie (ich 
fämmtliche gewinnenbe Hummern auffeprieb unb barauf bin cornbü 
nirte, unb ben grauhaarigen Jperm, ber mit fegeuf lieber ©ier auf feine 
©olbrollen ffürjte. Sluferbem bitten wir ba« ©lucf bie gefammte 
^omburgifebe ÄriegOmacbt unter ben ©affen ju fehen unb ihre wun» 
berbarlicben Stögen unb geuerfeblofgewehre ju beftaunen. ©nbticb 
bejauberte un« noch bie Slrcgiteftut bei Schlöffe«, wo über einem auf 
Säulen, bie wie Äorfjieher auOfehen, ruhenben Xfyote ba« halbe 9>ferb 
be« 9>rinjen von Jjomburg nebff feinem halben JÄeiter au« ber Stauer 
herauöfpringt. — 

Seitbem bin ich wieber h»«*/ mein SBefucg ift wieber abgereift, 
mein guf beinah gan j wieberhergeftettt, unb fomit fehrt Sille« wieber 
in« ruhige ©lei« jur&cf. $u thun habe ich noch fehr Siel, bähet 
fann ich über bie £eit meiner SRueffehr, bie aber feinenfall« nach Stitte 
Stärj erfolgen wirb, noch Glicht« fagen. SDlit Sufi unb Siebe habe 
ich auch meine poetifepen Slrbeiten wieber oorgenommen unb ootlenbe 
jegt einen ßpelu« »on Selbem au« ber ©efebiegte ber $anfa. Sluch 
ältere Sachen fehe ich wieber bureb unb ftnbe jegt bei ruhiger Prüfung, 
baf ba« Sefte ba»on entfebieben bie epifeben Sachen ftnb; jur eigen U 
lieben Sprif habe ich, glaub’ ich, fein Xalent; wa« ich barin gefebrieben 
ifi »orwiegenb bibaftifcb unb refleftirt — Sehr intereffant ifl e« 
mir, baf ich in ber legten £eit mehrere ältere Seute, theil« Doctoren, 
tgeil« bemoofte Häupter, fennen gelernt, bie meift oiel älter al« ich 
ftnb unb Siel gefehen haben. Sin Einigen »on ihnen lerne ich recht, 
wie ba« Seben jeber abfhraften Theorie fpottet. 3<b glaubte nach 
Sillen, bie ich bi«her fennen gelernt, befKmmt, baf Srntoleranj mit 
wahrer Silbung ebenfo unoerträglich fei wie arrogante Unoerftgämts 
heit mit Sieben«wärbigfeit be« Sgorafter«, unb fegt ftnbe ich (inen 
Stenfcgen, ber alle biefe ©genfegaften in fteg »ereinigt unb offenbar 
ein fehr begabter Stenfcg ift 3cg fehe wohl, ba« ©ort, ba« irgenb 
3emanb über bie ©efegiebte gefagt hat: ff 3Ran foK bie Dinge nicht 


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3«nuar 1865. 


269 


bemeinen, m'c^t betatfeen, matt foff fte ju »erflehen futfeen giltautfe 
»ott ben einzelnen SJtenftfeen. — 

Damit rndre itfe mit bern Stoff fo jiemlitfe ju gnbe. g» fetetöt 
mir nur notfe übrig feer armen SRama feie batbige »fettige ©enefung 
»on iferem (dftigen Uefeet ju münftfeen unfe Dtcfe unfe gutfe Me feerjtitfe 
ju griffen. SEBie immer 


Dein treuer Sofen 

Jjeinricfe 


12S] 9tn fern SB ater. 

Jjeibelberg, 19/1 55. 

ÜRcto lieber föntet! 

Dein feeute angctangter SJrief beffimmt mich, einen gntftfeluf aufl* 
. jufüferen, mit feeffen ^lane itfe mich fcfeon tdngere £eit getragen, unfe 
feer mir grabe je|t um fo peinlitfeer mirb, je gütiger Du über feen 
au» Tübingen Dir jugefommenen Sörief fpritfeff. Stfe muf Dir ndm* 
tief) meine ftnancieden SBerfedttniffe bartegen unfe Dir geftefeen, baf 
itfe in feen 4 Saferen meiner Stubienjeit naefe einer genaueren S5eretfe* 
nung, t»et<fee unten folgt, ein Deficit »on 170 rl ju Stanbe gebraefet 
feabe. Da» giebt auf fea» Safer atterfeing» nur 40 rl, ifl aber im 
©anjen eine fo bebeutenfee Summe, baf iefe weit au»feoten muf um 
fte Dir begreiftiefe ju matfeen. Du mirff mir roofet fitttiefeen grnft 
genug jutrauen, um ju glauben, baf mir meine ©etboerfedltniffe feie 
grfefte Sorge gemaefet unb miefe jur eingefeenbffen Selbftyrüfung fee* 
mögen feaben. — Da» SRefultat feerfetben iff, baf itfe feie ganje Scfeutfe 
meinen 3 erften Semeffern »erfeanfe. Öfene in Dre»ben je eine 
nennen»mertfee Summe in feer $anb gefeabt ju feaben, mar itfe fea« 
mat» mit ©etbgeftfedften ganj unbekannt unfe tief ba» ©otb, ofene 
grafeeju ju »erftfemenfeen, feurtfe feie Singer taufen. So bratfete itfe e» 
tn l‘/j Saferen ju 100 rl Stfeutfeen. Stfe feabe Dir ba» gefagt, mie 
Du Ditfe erinnern mirff, at» itfe einmal »on Seipjig au» bei gutfe 
mar; itfe fügte feinju, feaf jene Summe abbejafett fei. Da» mar autfe 
ganj ritfetig. 2lber — unfe nun fommt feer mefenttitfee ^unft. Stfe 
fann mit gutem ©emiffen »erfttfeern, baf itfe feit SRüfeaeti» 52 fo 
fparfam at» mogtitfe gelebt feabe; itfe feabe mir in feer £eit mantfee» 

* ©pitlOJö, Tractatus politicas 1, 4* 


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270 


3<unuu 1866. 


Vergnügen oerfagt unb 2We« getban um meine früheren ©cbulben 
abgugablen; ich hielt e« für meine ^fliegt, ba« ma« ich felbfl ner* 
fcfmlbet auch felbfl gu tragen, ohne Dir jur Saft gu faden. Da« mar 
gang gut gemeint, aber e« mar febr untlug. Da« oon Dir mir au«« 
gefegte ®etb reichte bin um mich anfldnbig gu erbalten, aber burebau« 
nicgt meiter. 3cb gablte in Seipgig meine Vonner ©cbulben fdnunt« 
lieb ab, unb bie natürliche ?olge mar, baß ich in Seipgig mieberum 

Rechnungen flehen laffen mußte. @o ifl e« fortgegangen- 

Sfch habe meinen ©Idubigem immer meinen neuen Wohnort angegeigt 
ober angeigen laffen unb bann fo halb al« möglich bie Gablung gefchicft. 
3n Sonn fieberte mich &a« gute Renommee unferer Verbindung, von 
ber e« befannt ifl, baß, menn bie Gablungen auch »ft fpdt erfolgen, 
hoch deiner «on un« je etma« unbezahlt gelaffen bat. Veußerlüb bin 
ich alfo nie in unangenehme Sagen babureb gefommen, meil man e« 
eben in Unioetfttdwfldbten gemobnt ifl, baß bie Gablungen erfl fpdt 
erfolgen. — Sfber mit mir felbfl bube ich genug ber traurigflen unb 
ernfleflen ädrnpfe befbalb gehabt unb ben moralifeben glucb, ber 
auf unerfüllten Verpflichtungen liegt, grünblich burcbgefoflet. Sch 
batte gmar genug ©emalt über mich, um nach 2lußen ruhig, ja beiter 
gu fcheinen. 3lber oft bat mich ba« Vemußtfein beinahe gu Voben 
gebrüeft. Sefonberö in biefem ©emefler bat e« mich fo unruhig ge« 
macht, baß ich mich oft freute, älbenb« allein gu Haufe gu fein um 
nur ben qudlenben ©ebanfen gu entgehn. Da« Xraurigfle mar mir 
ba« ©efübl, »or Dir Heimlicbfeiten gu haben. (5« mar mir immer 
bie emflefle Regel gemefen, baß e« rein fein fotle gmifchen meinem 
Vater unb mir. Unb grabe biefe mußte ich fo oerlegen. Den ©ebrnetg 
barüber bat mir felbfl ba« Vemußtfein, baß biefe Heimlichkeit menigflen« 
in guter Slbßcbt gefcheben, nicht paralpßren fbnnen. Du lannfl mir, 
lieber Vater, unm&gtich mehr Vormürfe machen, al« ich e« f<h°n 

felbfl getban-Da« ifl alfo ber ©acboerbalt: Durch bie ©ebutb 

meiner 3 erflen ©emefler bin ich utit ber ^eit gu einem Deficit oon 
170 rl gelangt- 

Sch fornrne jegt halb nach Hau« gurücf, oerliere alfo bie ÜR&g* 
liebfeit meiterer Vbgablungen. Den Vorfchlag eine« greunbe«, mir 
bie fragliche ©umme auf mehrere Sabre gu b«ben ^iufen gu oer« 
fchaffen, habe ich fl l« 2Binfelgug «ermorfen. Singer fann biefer un« 
erträgliche ^uffanb auch nicht mehr bauern. ®o bleibt mir alfo feine 
Zuflucht al« Deine ©üte. — Slber Du magfl bie ©acht fo hart be* 


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3«nuat 1856. 


271 


urtheilen wie Du wiQff, fo h«tt fanng Du mich nicht ffarafen wollen, 
bag Du mir baO qudlenbe ©efühl aufbürben follteff, Du ober meine 
©effhwigcr fottten meinetwegen (eiben. Darum, lieber 2tater, er« 
innere ich Dich an jene Steigerung, welche Du thateg a(* ich Dir von 
meinen (Bonner ©chulben fprach: „SBenn Du mehr brauchg, alo ich 
Dir geben tann, fo mugt Du eO Dir gefallen (affen, wenn Dir ber 
ffRehrbebarf oon Deinem Srbtheil abgejogen wirb." 3<h erinnere Dich 
baran unb bitte Dich ingdnbig, bieg SBort wahr ju machen. 3ebe8 
anbre SluOfunftOmittel Könnte für mich nur eine Quelle immer neuer 
Sorwürfe fein. — 

3ch hübe mir burch baö 93org<henbe eine Sag oom JJterjen gewdljt, 
bie mir fdjwn feit Sagten unenbltch brucKenb gewefen ig- 

Der ©egenganb bei (Brt'efO ig biegma( ein fo emger, bag ei 
webet ju bem Xone beOfelben noch — unb noch »ie( minber — ju 
meiner ©timmung paffen würbe, wollte id} ihm SBeitereO hinjufugen. 
3# ggreibe ndchgenO wieber unb b(eibe, wenn id} auch biegma( nicht* 
Erfreuliches me(be. 

Dein treuer ©ohn 

Heinrich 

Der Starffcherung, bag mich bie Qual unb ©orge wegen meiner 
©elboerhdltniffe Künftighin vor ähnlichen Dingen bewahren foß, unb 
bag ich nachgrabe unter folgen unangenehmen £ugänben wirthfehaften 
gelernt habe — beffen wirb eO nach bem Storgehenben wohl nicht 
beburfen. — 

124] Stn SffiilfKltn Woff. 

$blbg 20/1 55 

ÜReitt liehet föetelt! 

... dtenng Du Sefffng’S #ug? 3ebe Sinie ein 2Bort beO ÄampfO 
für bie Freiheit beO ©eigeO. 3<h fab « fe^on, wie „bie glommen 
nahmen ben (Böhmen auf unb Konnten ben gelben nicht jwingen." 
Qi ig ein ftböneO SBort: ÜRenfchlichKeit; aber al* ich Me emge (Ruhe 
biefeO gelben fah, ber fein JJteliggtf vor einem migoergehenben ^öbet 
enthüllt, a(0 ich ben unermeglichen Slbganb jwifchen biefen ©eigern 
fah, welche biefelbe gorm umhüllt: — ba war ich nrirflich jweifel* 
haft, ob biefeö SBort „SDtenfch" mehr fei alo ein »ager (Begriff, ob 
nicht bie Eigenheit ber g>erfon unenblich wichtiger unb bebeutfamer 


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272 


3<umar 1866. 


fei al« bie ©emeinfamfeit ber ©attung. SBefonbert in einer 4?inficht 
ifl mir ba« ©tüb(t)elfche SJlufeum fehr belehrenb gewefen. Jch bin 
in ber Ueberjeugung beflürft worben, baf eö unfrem Zeitalter burch* 
au« an jener naiven grömmigfeit gebricht, welche jur Jnfpiratton 
eine« religiöfen ©emdlbe« gehört. ber finbli<h*gliubigfle SfJlenfch 
fann ftch bei einiger ©ilbung — unb ohne biefe wirb er fein Äunfl« 
wert fchaffen — heutzutage nicht ben mannigfachflen ©efprdchen über 
religiöfe Dinge entjiehn. Da mag er fi<h bann zwingen wie er will — 
bewußt ober unbewußt muf er (ich butch ©rünbe feinen ©tauben zu 
fKigcn fuchen. Unb wa« ich uiir erfl beweifen muf, baf erifürt nicht 
für mein fünfHerifche« Söewuftfein. Darum ifl uni bie grimmig« 
(eit etwa« rein Negative«/ bie Wbwefenheit alte« ©Öfen, b. h* aller 
Wffecte, fomit etwa« burchau« Unmaterifche«. Darum hot e« felbfl 
ein ßverbecf zu nicht« mehr a(« einer tobten religiöfen Stttegorie ge« 
bracht; unb ©chabow’« aufrichtige grimmigfeit ifl nicht im ©tanbe 
gewefen, feinen Shriflu« unb feine ftugen Jungfrauen zu (ebenbigen 
SRenfchen zu machen, wihrenb bie thirichtcn Jungfrauen wie ein 
reizenbe« ©ilb naiver ©inntichfeit finb. — Wuch an tebenbiger ©chin* 
heit hübe ich mich gelabt; ich hübe eine ©tunbe lang jene befannte 
©ütferin, bie fchinfle grau in granffurt unb zugleich bie fchinfle bie 
ich (enne, betrachtet unb ohne bie geringfle finntiche SRegung in biefen 
mafettofen reinen gormen gefchwelgt — 3lu« ben SWpflerien granfe 
furt«, welche wir unter ©rüll« 1 fachfunbiger Leitung heintfuchten, 
machte e« mir mein üflhetifche« ©efühl unmöglich ein praftifche« 
SRefultat zu Ziehen . . . ©on ben anbren h«<f»gen Leuten fann ich 
Dir nur mein frühere« Urtheil über fte beflütigen ... ©anz befonber« 
freut e« mich. Dir fagen zu fönnen, baf ich mich mit ©chet«fe auf« 
€ngfle befreunbet hübe. Durch meine lang anbauernbe Lahmheit warb 
er genöthigt mich «ft }u befugen; fo entflanb nähere ©efanntfchaft, 
bie fehr fchnetl in herzliche greunbfchaft übergegangen ifl; benn wir 
fönnen ©eibe mit unfren ©pmpathieen unb Slntipathieen nicht lange 
hinter’m ©etge hatten . . . Der ganze Äert flecft, nicht in feinem 
— fehr Waren unb confeguenten — Denfen, wohl aber in feinem, 
halb arroganten halb lieben«würbigen, Benehmen »oder ÜBiberfprüche 
unb ifl trofbem fo recht ein ganzer SOienfch. Jch habe e« bahin ge« 
bracht, baf er jeft mehr al« früher mit ben Leuten verfehrt; hoch 


1 Äneipname einet aut franffurt a. SR. gebftrtigen frantonen Sanbauer. 


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3<uraar 1866. 


273 


perrfcpt sanften ihm unb ihnen außer 9Rarc|m« (ein perjticpe« ®er* 
pdltnif. SWatqui« pat fiep jur eblen ©taat«wiffenfcpaft betetet unb 
wirb nur au« praftifepen ©t&nben noch 1 3 apr jus ftubiren... er 
will fpdter Diplomat werben; bet feiner Silbung unb feinem gewanbten 
Scnepmen fann ei ibm fcpwerlicp an Saniere fehlen, unb wir lönnen 
hoffen, einen ©taaWmann ju befommen, ber au«nahm«weife ©runb* 
fdpe unb Silbung befipt. — Da icp einmal »on unfren Leuten rebe, 
fo will ich Dir nur au« Sonn mittheilen, baß bie £eute bort jwar 
nicht ftdrfer geworben finb, aber im innigften gteunbfepaft«»etfebte 
(eben unb wunberbarerweife gdnjlicp unangefochten unb mit allen 
Parteien auf gut fHibentifcpem guße ftepn. — 3 cp höbe geflern fftr 
unfre granfonia im SKflolenbueff einflehen muffen. Sin Soruffe». 3 ... 
hatte fich ©chmdhungen über fie erlaubt; ich H<ß ihnt Deputation 
ober ein ^iflolenbued »orfcp lagen. ©eflern fchoffen wir un«; eO waren 
jwar nur 15 ©chritt Diftance, ber Unparteiifche hatte aber bafur ©orge 
getragen, baß bie ©dritte ungeheuer lang waren. ©0 fam e«, baß 
meine Kugel btept an ber ©chulter meine« ©egner« »orbeipfiff, wdhrenb 
bie feine fich i n ungemeßne gerne» »erlor. Die ©efeptepte entflanb 

au« einer elenben Xiftelei- K 

2aß Dir mein erfle« ©cpriftflellers^ecp erjdplen. 3cp fepirfe bie 
Saterlanb«(ieber, wetepe mir naep grfmblicpet Durcharbeitung unb 
Skrmeprung reept gut gefielen, an ffotta unb — erpielt fie in einer 
■ 3 eit jurfief, welcpe faum för ipre Jpin* unb #erreife pinreiepte, alfo 
offenbar ungelefen. Eigentlich pdtte icp mir ba«, a(« unbekannter 
junger Dr., »orperfagen fönnen. SDletne Snttdufepung war niept arg. 
©l&cflicperwetfe pat fiep mir jept eine anbre 3lu«ficpt eröffnet. Der 
SRebafteur be« SOlorgenblatt«, beffen ©opn icp in Dfibingen etwa« 
fannte, pat auf bie Sitte feine« 3ungen, »erfproepen, e« fotte auf 
Sinfenbungen, welcpe unter meinem tarnen fdmen, SR&cfficpt ge« 
nommen werben ... ja e« wdre fogar niept unmöglich, baff miep 
Dr. Jpauff an Sotta empföhle. . . Xritt aber jener gönflige gaff 
ein, fo werbe icp fo flreng a(« möglich mit mir »erfahren, unb nur 
einige »on ben Saterlanb«liebern, fobann einige anbre epifepe ©aepen, 
welcpe icp jept grönbtiep bureparbeite, enblicp nur ein p)aar ber beflen 
Iprifepen ©ebiepte gefammelt perau«geben. Son (epteren nur fepr 
wenige, benn e« ifl mir flar geworben, baß bie ?prtf niept mein 


1 ©. b«n fetgenben ©rief. 
L 


18 


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274 


Januar 1866. 


Stauf ift. . . 3cg fegne bie £cit herbei, wo eö mir müglieg fein 
wirb/ auf btefe ©ebicgte tote auf ein frembets SBetf jurüdPjublicfen. 
6rfl bann werbe ich ein richtige« Urteil baruber hoben, welche« mir 
fegt mitten in ber ÜBärme bei ^tobucireni, unmbglicg ift- 3cg (ebne 
mich nach biefer %eit, benn ei ift ohne grage ba« #auptjiel febe« 
tüchtigen SRenfcgen, baf er ficg jeberjeit Kare Steegen fcgoft über feinen 
ganzen £ntwicflung«gang geben fann, ohne femal« ftidjuftegen. Du 
wirft Dich wunbem, wenn ich oorgin baoon fpracg, ich ft* noch 
im ^robuciren begriffen/ wägrenb ich nur wenig 9teue« fegt ginjtt« 
gefchaffen höbe. Slber bie SReoifion älterer g)robufte, mit ber ich mich 
fegt befchäftige, fenei viel oerfegrie’ne „geilen* ift mir eine wagte 
greube unb erfüllt mich foum mit minberer Sfobaegt ate ba« $ro* 
buciren felbft . . . SfJtufj ich bocg allemal/ wenn ich (in alte* ©e« 
biegt beffem will/ mir feinen ganzen ©ebanfengang unb bie gtüef« 
liehen ©tunben, welche mir feine ^robuftion gewährte/ oor bie 
©eele rufen. 2Benn ich bann auch nur über eine SRebewenbung nach« 
ftnne unb mir bei biefem heitren ©ebanfenfpiele all bie un)ägtigen 
8lu«brüefe in ben Sinn fommen, womit unfre Sprache einen einigen 
©ebanten ju umhüllen weif/ bann höbe ich feneO ebte ju neuer 
Dgätigfeit anfpomenbe Stagnügen, bie SBewunberung oor bem SReieg« 
tgume beO SRenfcgengeifie«, oor ben ©egägen, welche und eine taufenb« 
fägrige Sntwicflung Übermacht hot. — €6 wirb Dir wunberbar oor« 
fommen, wenn ich nach ber greube/ bie mir bie getterfte ber fünfte 
bereitet/ oon meinen/ tgeilwei« fegt troefnen, wiffenfcgaftlicgen Arbeiten 
fpreege, j. 35. oon fenem unfetigften aller 35ücger, 9tebeniu«’ 740 engen 
©eiten über ben öffentlichen ßrebit, beffen Klarheit fo grof ift, baf 
man feben Sag oiermal überlefen muff. Da« ift oft oerflucht lang« 
wetlig 1 . Slber ich höbe mich batein gefunben unb fege fegt feinen 
©egenfag megr jwifegen wifFenfcgaftlicger unb fünftlerifcger Slgätig» 
feit. Sch glaube baf bie eine auf bie anbre gleich förberlich einwirft, 
©inb fie boeg beibe nur oerfegiebne ©eiten beO göcgften menfcglicgen 
Streben«, be« Streben« nach allfeitiger rein menfcglicger €ntwict 
lung. — 

3cg breege fegt ab mit bem, wa« icg Dir über meine ernfteften 
geiftigen Sntereffen ju fagen gäbe unb fegtiefe mit einer reegt grob« 
materiellen Diffonanj, bie jugleicg eine SlpeCation an Deine greunb« 


1 S 89 L Dtutfegr ©efcgichte 2,618. 


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Jtbniat 1866. 


275 


febaft fein fott, nämlich mit ber 9la<bricbt, bafj —i<b morgen Slbenb 
auf 8 lange bange Sage in* Earcet gebe. ©a« ämt botte erfahren, 
bafj ba« ©uett roirflicb ftottgefunben, war aber nacbficbtig genug un« 
blof wegen intenbirten ©uett« ju belangen. 3cb bobe jegt geit eine 
2Bocbe lange über bie Jpeibelberger 3uftij nacbjubenlen, welche mich, 
ber icb auf« Jpbcbfle gereijt würbe unb erfl auf ben »otwurf bin/ 
bie granfonia fei feig, forberte unb ferner meinem Gegner frieblicbe 
®erfbbnttng*»orf<b%e machte — welche mich, fage ich, befhfaft unb 
meinen Gegner, ber mich ohne jlebe Urfacbe brutal beleibigt unb bie ©es 
prefatton unter Erneuerung oeräcbtlicber 9teben«arten über bie §ranfonia 
verweigerte, gänjlicb freifpricbt. Er ifl ia Eorp«burf<b!...Sin ©ich 
aber, mein alter 93ereli, fott biefj gaftum eine bringenbe Mahnung 
fein, bafj ©u mir umgebenb antworte# . . . bamit ich in meiner 
trofttofen Einfamfeit wenigem« eine greube höbe... Grüfje SRubolpb 
unb bie Xeutonen oon un« Sillen unb ©einem 


Heinrich Zt 


126 ] Ät» ben {Batet. 

J^eibelberg 4/2 55. 

SOleitt lieber ©ater! 

3cb höbe ©einen »rief erhalten unb fann jegt «Rieb« *bun, at« 
©ir meinen aufrichtigem ©anf fagen für bie (Säte, womit ©u ber 

Sache fo febnett ein Enbe gemacht hott-3eb fann offen ge* 

flehen, bafj mir fegt unenblich leicht um« J^erj ifl, ba ich toieber 
ohne alle unerfüllten »erpflichtungen bafhhe. E« bleibt nur noch 
übrig, ©ich nochmal« um »erjeihung ju bitten, mehr wegen ber 
$eimlichteit, bie mir fo brütfenb war, al« wegen meiner fmangietten 
Unoorfichtigteit. ©enn ich wieberbolc, bafj ich mir nach meinem erften 
Abgang oon »onn in biefer Jjinjicht Stich« »orju werfen höbe. . . 
©och nun genug oon ber Sache, bie mich fo lange gequält hat. — 
Seiber ifl c« mir nicht m&gtt’ch, fogleicb oon etwa« Slngenehmem 
|u reben. 3<h habe nämlich, fo eingejogen ich lebe unb fo feiten ich 
au«gehe, in biefem Semefler merfwürbige« Unglücf... ich habe ein 
©uett gehabt unb bieg ifl bem Slmte befannt geworben. E« werben 
hier um 11 Uhr fämmtlicbe Kneipen gefcploffen, unb ba bie Stabt 
eigentlich nur au« einer Strafe befteht, fo ifl « natürlich, bafj um 

18 * 


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276 


Sftatar 1866. 


biefe ©tunbe bie halbe ©tubentenfcgaft feg jufammenfinbet unb .ßünbel 
affet 9lrt nic^t auSbleiben. ©o ging es mit neulich, als ich um 
11 Uhr bie JJauptfhafe herabfam. Scg begegnete einem gteunbe unb 
fpcacg mit igm. Da brdngte feg ein Jjaufe Boruffen, ein S)m o. 3* ♦. 
an bet ©pige, biegt um uns unb machte Bemertungen übet unfet 
©efptücg. Scg ftug fte natürlich, was fte non uns wollten unb er« 
hielt batauf bie Antwort: „Daf Sie ein bummer 3unge fink" Stuf 
meine Bemertung, fte feilten nicht glauben/ baf ein gebilbeter SRenfcg 
foltge finbifegen Beteibigungen berüefftegtigen würbe, begann ein 2Bort« 
wecgfel, bet oon mir jiemtieg malitiös, aber hoch ruhig, unb oon 
ihnen wirtlich pöbelhaft gemein geführt würbe. SBie gemein, magfl 
Du barauS fehen, baf fte mir unter Slnbrem oorwarfen, ich flefle 
mich nur taub. Sch mifigte mich fo lange ich tonnte, aber als fte 
enblich auf bie Srantonia ju fehmühen begannen, »erflanb es fleh 
oon felbfl, baf ich 3* ♦ • forberte. Sch etjügle Dir baö fo ausführlich, 
bamit Du einen begriff oom ^eibelberger Done befommfl unb be* 
greifjf, welchen Qlerger eS mir oerurfacht, jegt noch als Doctor, nach* 
bem ich 7 ©emefier lang nie in folche Eagen getommen, in fo tinbifch* 
brutale ©efegtehten oerwictelt ju werben. 8Bir fcglugen uns alfo, 
beiberfeits ohne Srfotg. 3* ♦ ♦ muf aber nachher unoorftegtig gewefen 
fein — furj, eS warb angejeigt, baf er contrahirt habe unb wahr* 
fcheinlich fegon losgegangen fei. Das 3lmt mochte aber wohl 2 SDtonat 
Seftung für eine ju harte ©träfe halten, ignorirte alfo bie legiere 
Sfnjeige unb frug ihn btof, ob er contrahirt habe. Da er fein ©gren« 
wort für bas ©egentgeil nicht geben tonnte, fo Warb er als über« 
führt betrachtet — bas ifl bie gratis beS UnioerfititSamts! — unb 
muf te 3lffeS geflegn. ©o bin ich benn wegen wieberholter Sorberung 
ju 8 Dagen Qarcer oerurtheilt... Sch erfahre an mir bie Betätigung 
bet alten 2Bagrgeit, baf, wenn man nur fetten bie ©efege Übertritt, 
man fteger fein tann bei jeher Uebertretung entbeett ju werben. 
Beilagen tann ich ntich ebenfo wenig als mir Borwürfe machen: 
ich habe oon oom herein mit bem Berouftfein geganbelt, baf ich 
moratifch oerpflichtet war in biefem Solle bie ©efege ju übertreten, 
gber unangenehm ifl mtt’S boeg, oon heute — Montag — Stbenb 
bis Dienflag über 8 Doge in ben finftren Blauem ju ftgen unb 
mir oom Sarcerwirter ©efegiegten erjäglen ju taffen oon J&ecfer, 
SWajc SBalbau unb ben anbren Berühmtheiten, bie oor mir hinter ben 
eifemen Spiegeln getrauert gaben... 


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$<6nim 1866. 


277 


©iefe ©ueltgefchichte unb ein heftiger Satarrh, bet» mit baO gräu* 
liebe ©etter gugog, h«t mich in btt le|ten >Jeit oft vom Slrbciten 
abgehatten. So bleibt mit a(fo noch Siel ju tbun übrig, unb bie 
unfreiwillige Stufe bet nücbflen Xage fommt nicht gang unerwunfebt. 
3<b l«fe fefct bie beiben fcbwierigflen ©erfe bet Stationalofonomie, 
Sticarbo unb SebeniuO, gang abfhraft mathematifcb gehaltene ©ar* 
Teilungen — eine febt troefne unb mühfame, aber auch boppelt nüg« 
liebe Sefebüftigung. SO ifl mit allemal eine wahre Srholung, wenn 
ieb nach biefern ©tubiurn an baO ©unbarbeiten älterer ©ebiebte gehen 
fann... ©ie liebe Sitetfeit empört fleh oft feht flarf, wenn man 
einen liebgewotbenen ©ebanfen, ber nicht an bet ©teile ifl, fhreiehen 
muf. Unb boeb barf fie nicht laut werben, benn waO man in 
meinem Sllter febreibt, ifb fieber nicbtO SotlenbeteO, fonbern nur ein 
©pmptora fortfebreitenber Sntwicflung, baO nur eine relative Serech* 
tigung hat. — 

©ehr erfreulich ifl mir bei meinem Stifgefcbüf bie grof e Zf>eiU 
nähme, welche mir meine Sefannten geigen, greilicb ifl fie nicht frei 
oon ©ebabenfreube, ba fafl 2llle von ihnen mehr ober weniger etwao 
9lehnli<beO erfahren haben. Natürlich ifl febon Siet barüber gelacht 
worben; unb eO wirb ein herrlicher Xrtumpbjug werben, wenn ich 
nach überflanbnen {eiben wieber unter meinen greunben erfebeine, 
bie mir natürlich noch heute 9tbenb ein ©tänbeben bringen werben, 
beffen #auptlteb fein fotl: „gteibeit, bie ich meine." jtomme ich 
herauO, fo habe ich nach altem Surfcbenbraucbe baO Stecht, ein braun« 
weif«f<bwargeO Sanb gu tragen, beffen gatben bebeuten: Sier, Un* 
febulb, Stachel — ©o hat bet gute $untor ftcb auch an biefe 
{eiben gemacht. — Sor {(Hem hoffe ich aber, baf meine ©cbweflern 
mich in meinem Sammet nicht »erlaffen unb mir umgehenb febreiben... 
bamit ich wenigflenO an einem Zage meiner Sinfamfeit liebe ©efell* 
fchaft habe, ©iefer Srief fommt am ©ittwoch bei Such an. ©enn 
#epp<ben ober Sobanna umgthenb febreiben, fo habe ich am greitag 
ober ©onnabenb einen glücklichen Sag, für ben ich ihnen beglich 
banfbar fein werbe. — ©eflern älbenb feierte ein greunb oon mir, 
ein Jpetr oon grangiuO auO ßflpreufen, theilO um mir ein genfer» 
mahl gu bereiten, theilO um eine cbemifche Sntbecfung gu oetbett* 
liehen, welche für ihn bie erfle ©taffel auf bem ©ege ber Unterblieb* 
feit ifl, ein geft, bei bem cO an tufligem Slrofl für meine {eiben 
nicht fehlte... 


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278 


getan» 1866. 


3ch fchltefe in bet fichem Hoffnung, baf mit meine ©chweftern 
bie harmtofe Sitte nicht abfchlagen, unb unter (Erneuerung meine« 
aufrichtigen Sanfe« an Sich für Seine viele ©ute. 

Sie immer 

Sein treuer ©ohn 

Heinrich. 


186] Vn ,£>rtnri<b ©acbmamu 

Gegeben im Satter ju $btbg 5. Sehr. 56. 

Sie fte mich angrinfen, biefe fahlen Säuern! Sie ber ©türm 
um bie eifemen ©ittet pfeift! Unb baju ba« griffige SewufHfein, 
bafj ich ^ lange, hange Stage in biefer #6ble verbringen fotl, wohin 
ich nur burch fchamlofen »euch ber Sarcerorbnung ein weiche« Ätffen 
gefluchtet höbe um meine mfiben ©lieber barauf ju betten! ©inb 
e« bie ©eifler jener frieblichen ©ärger, benen ich * n ®onn unb fceipjig 
fo oft bie Nachtruhe geraubt habe — finb e« bie ©chwure ber Wache, 
bie mir jahllofe Opfer meiner ungerechten 83iergericht«fpr4ehe getobt 
haben — ift e« mein alte« (Pech, wa« mich in biefe« Soch noch al« 
Soctor bringt? 3ch weif e« nicht. — ?af mich biefe bithprambis 
fchen Srgiefungen enbigen unb Sir, mein liebet ©achmann, bie tra* 
giften Sotive wofo? mittheilen. 3 u »&rberfl bie Semerfung, bafj 
bie Wecfarftanfonia jwat fehr folib unb juruefgejogen lebt, aber theil« 
burch eigne« 9>ech, theil« burch ben flechten Seumunb, ben unfre 
Worgänget Wapa ©chmibt ic. h«er hmterlaffen, heim 9lmt fehr fchlecht 
angefchrieben fleht, wägrenb fie in ber ©tubentenfehaft, ©ott fei Sanf, 
allgemein geachtet ift . . 3<h fpejidl bin in biefem Sinter vom 
Sifgefchidf gerabeju abgehegt worben, ^uerft jene Wanbatengefchichte. 
©obann würbe ich mit SSrull abgefafjt, al« ich — ba« einzige Sal 
in biefem ©emeffet — bei Wacht fang, unb jwar ironifcherweife grabe 
bei bem Werfe: „Ser bie folgen ängfllich juvor erwägt!* — Sie 
golge war Werwei« unb ©elbfhafe, wa« hier boppelt angenehm ifi, 

ba Sille« unb 3ebe« im StbgangVjeugnif bemerft wirb-Wun 

ju ber Hauptfach«, bie weniger humoriflifch ift. 3ch habe ein (piflolens 
bueU mit einem ©oruffen gehabt, ber mich inmitten feine« cblen 
Sorp« neulich Wacht« artfiel unb brutal fehimpfte- 1 ©enug 

1 golgt tint mit b« im «origen ©riefe gegebenen u>efentU<h Obere infHmmenbe Dop 
ftellung ber OueOaff&re. 


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fcfouar 1866. 


279 


je$t bet unfinnigen Abenteuer. £af Bit liebet, ba ich einmal von 
unften Leuten tebe, etjählett, baß ich in ©chtfofe unb SranfciuO jwci 
auOnehmenb tüchtige ältere Saite lernten gelernt habe. Sie finb ben 
jüngeren non unO fehr überlegen 1 unb laffen fte baO, ba 9tütfficht« 
nehmen nicht in ihrer Statur liegt, nicht undeutlich füllen. 3e§t ift eO 
endlich $u einem guten fßerhältniffe gefommen, wat mir viel Sühe 
gefoftet hot* • • ©cheWe’O Belanntfchaft wünfehte ich £it fehr; da* 
ift ein begabter unb feuriger Sharafter. ®r hot jene ©genfehoft, 
ohne die ich einem Sanne nie näher treten fann, bie ootle gähigfeit, 
herslich ju hoffen unb ju lieben. — Bie (eibige „Gewohnheit*, bie 
Sitten tragen tann, bie traurige SNaflrtheit, jenen Erbübel unfern ent* 
täufchten Sage, frift je$t an fo oielen tüchtigen SJtenfdjen, daf mir 
ein unoerfälfehten frifche# unb hoch nicht unreifen Gefühl immer ben 
mohlthuenbften ©nbruef macht, Biefer frifche träftige #af, ben 
®if<her mit fo fernen Sorten oerherrlicht hot 1 , fcheint mir heut* 
jutage bie wahre medidna mentis. Senn ich fühle, wie ich auf 
Slugenblicfe geifüg erfchlaffe, wenn ich f<h on beginne über bie Ge* 
meinheit ju lachen, bann lefe ich den £ufchauer ober ein mucferifchen 
Buch, unb wenn mir bann ber träftige 3ngrimm burch bie Sldem 
tobt, fo weif ich, baf ich utich geftärtt unb gebeffert habe. 3n biefer 
J&inficht tann ich ben {entern ben heutigen Beutfchlanbn nicht genug 
bantbar fein, ©ie forgen immer bafür, baf ihre Unterthanen nicht 
einfchlafen. — Ob Senfehen mit fo feharf aungefprochner Slb* unb 
Zuneigung ftch gut burch bie Seit fchlagen, ift eine anbre Stage. 
3<h bezweifle da«; benn wenn man wenige ©chooffinbet ben Glücft 
wie Gäthe, aunnimmt, fo hot en wohl noch teinen tüchtigen Senfehen 
gegeben, ber fich nicht gewaltig mit ber „Seit" hätte herumbalgen 


1 ©gl. hiermit bie Sfarafteriffif Xmtfcffe!, tote er $rait$iit6 in jenem Jßeibclberger 
2Bintet erlebten, bei Schiemann, ©. 68 f. 2 Jn bet (Rebe jum Antritte feine! 
Orbinariart 1844 (Deutfcbe ©efebiebte 6, 874), mit ©dfen, bie aOerbing! Xreitfcbfe 
f(bon bamal! fytü einleucbten muffen: *34 bin gan| Wann bet gartet, »eil ich 
meine Partei nicht für Hofe Rattel, fonbern, fo ©oft »10, fftr bie Sache felbff 
halte, jeb tenne auch feine Überzeugung, bie blo* Überzeugung iff, fonbern i$ 
forbere, baf bie Überzeugung gan| jur ©efinnung »erbe, ganz in ©lut, Weto, 
Cmpfinbung, ©lutf unb Jener bet €netgie unb beO Sbarafter! ftbetgefe. So oet- 
fpteefe icf benn ben geinben — im Vrin)ip — einen Xampf ebne fltocffalt, ich 
oerfpreebe ihnen — im iptinjip — meine eo0e, ungetfeilte geinbfebaft, meinen 
offenen unb b*qli<b*n #af. 34 b°be auch in meinem Amt!eib nicht gefcb»oren, 
siftcffichten )u nehmen, fonbern, ohne linf! unb recht! |u fefen, ofne Wenfchenfntcft 
meinet Überzeugung unb bet Wahrheit treu ju folgen. 4 ' 


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280 


Jrfmiftt 1666. 


\ 

müffen. 3<h geböte $war nirft ju jenen esprits forts, bie borum 
bebeutenb ju fein glauben/ weil fie ®ott unb affet 2Bdt inb (Beftcbt 
fcblagen. Stfbcr i<b benfe, ohne tüchtige« glnfiofjen unb Rümpfen 
(ommt ein triftiger -Kenfcb in bet SEBelt nicht fort. Unfte Segriffe 
vom Slnffanb ic. mögen jwat füt viele Serbültniffe recht htilfant 
fein — jebenfaffb ftnb fte nothwenbig/ benn fonfi würben fte nicht bei 
jebem Solfe, mehr ober weniger mobificirt/ oorhanben fein: — aber 
eb tff fchr fraglich/ ob fie nicht auch bie Quelle ber güge unb ber 
Servilitdt ftnb. SBenn ich benfe, bafj ich in wenig Wochen in ganj 
anbere Äteife trete/ eine neue Sprache (emen mujj, fchweigen lernen, 
wo ich jc&t bie Sache beim rechten 9iamen nenne, bann mag ich 
mir noch fo oft fagen: bab ift bir gefunb unb ju beiner entwirf 
(ung nothwenbig; ich ton« bennoeb bab (Befühl nicht to« werben, 
bafj ich m< in beffereb Selbfi aufgebe, wenn ich biefen neuen böf* 
liehen unb eioilifirten Ion lernen foff. 3<b weift recht wohl, bafj 
bie offene Kürfbaltloftgfeit, bie unter unb Stubenten brtrfcht, eben 
nur in einem engen greife möglich ift, bafj gröfjereb Sefdmpfen unfreb 
natürlichen ©efüblb im gefefffchafilieren geben nothwenbig ift. Uber 
biefer »egriff ber Kotbwenbigfeit ift mir noch nicht fo in gfeifch unb 
»lut übergegangen, bafj ich )u bem einfachen $olgefa$e tommen 
fönnte: folglich ift Pflicht fleh unter bie Kegeln beb gefeffigen Skr» 
febrb ju beugen, ffb geht mit in biefer grage wie in vielen anbren: 
ich bin mir in ber Ihoorie jiemlich flar, unb boch tann ich nticb in 
ber »rarib nicht von bem übermunbnen ©tanbpunfte ganj lob machen. 
3rf mag mir noch fo oft vorfagen, bafj bie Segriffe ber Sittlichfeit, 
ber Sitte u. nur relative ftnb, bafj fie nach ben Skrhültniffen, ja 
fogar nach ben 3nbivibuen mechfetn. Sie anerjogne 3bee vom ab« 
foluten ©uten bricht immer wieber burch, unb ich tonn oft nicht 
umhin, »erhültniffe anberb ober, wie wir eupbemiffifcb fogm, 
„beffer* ju wünfehen, obgleich ich ihre Slotbwenbigfeit vofffommen 
einfehe. — 

Su mußt eb bem €inftuffe ber jferfermauern ju ©ute rechnen, 
wenn ich in meinen ©ebanten etwab fchranfentob gewefen unb von 
Srfelbfe auf bab abfolute ©ute getommen bin. — 3<h will fchliefjen, 
ba ich fchon Idngft bie von ber Sarcerorbnung für bab gichtbrennen 
vorgefchriebne ßcit überfchritten höbe. 3<h bitte Sich bie geute hwj» 
lieh ju grüßen... Sin Sich aber, mein guter »acbmann, ergeht bie 
bringenbe Sitte: SBirf einmal nur auf eine tutje Stunbe bie »an« 


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Sebruat 1866. 


281 


beften. bei Seite unb erbarme Dich meiner Ginfamfeit burcg einige/ 
wenn auch nur furje, feilen mit Slacbricgtcn non Gutem Streiben. 
Daß Du mir baburcg einen gl&cflicben Stag bereiteff, unb Dir meinen 
herjtichften Dan! eroirbft, beffen magft Du gewiß fein. Sch rechne 
mit Sicherheit barauf... 

Sn aber greunbfcgaft 

Dein 

Heinrich Str 


127] «n bn» SBairr. 

$eibetberg 13/2 66. 

ÜJiein lieber ISater! 

-Dag ©lief beg heutigen Stageg bejleht barin, baß ich 

heute enblicg aug meiner $aft befreit werbe, bie ich feit geftern 
(SDtontag) »or 8 Stagen genoffen. 3<h tann Dir nicht fagen, mit 
welchem Subei ich an ben Augenblüf bente, wo ber eiferne Stiegel 
aufgeht, mit welcher praftifegen SSegeiflerung für bie Freiheit ich 
erfüllt bin. — Gg ift hoch eine recht wohlfeib SRebengart, baß ein 
guten ©ewiffen jebeö {eiben erleichtere. Sch glaube wohl, baß ich 
mich noch oiel fchlechter befunben hätte, wenn ich ntir irgenb einen 
bummen Streich hätte »orwerfen muffen. Aber auch ognebieß war bag 
{eben in ber legten Socge elenb genug. Sch hatte mir ein irjtlicheö 
^eugniß oerfchafft, in golge beffen ich eine Stunbe täglich auggegen 
burfte. Der Arjt unterfuchte mich genau unb gab mir bann (eiber 
bie ernffc fßerfiegerung, baß ich nie! Anlage ju Unterleibgfranfgeiten 
hätte. Darauf hin ging ich 9lacgmittagg immer 3 Stunben auö unb 
würbe bei ber Stucffegr regelmäßig vom Gareerwärter mit ben Sorten 
empfangen: „Aber Sjtxt Doctor, bat muß ich morgen anjeigen!", 
unb wenn ich bann antwortete: „Aber J^err Raufet, machen Sie mich 
nicht unglücPlich!", fo oerficherte er ebenfo regelmäßig, er werbe eg 
für bießmal noch ignoriren. — Gg fommt gar nicht feiten oor, baß 
ich mehrere Stage lang nur auf einige Stunben mein £itnmer »erlaffe, 
aber fegt habe ich recht gelernt, wie hoch alleg ©16c! nur in ber Gin« 
bitbung beruht. Sch hätte ganj jufrieben fein linnen, aber bennoeg 
würbe mir ber Aufenthalt beinah unerträglich. Gin Soch »on 4 Schritt 
Sänge unb 2 Schritt Breite, hoch auf bem Dache, aber ohne Augftcgt 
unb trogbem ju grißeret Demütigung mit einem ©itterfenffer »er« 


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282 


febraar 1866. 


feben; ein ©chmug ofme ©teilen; eine Sebienung, bie $u bem $mdt 
angefcbafft ifl, jeben üflhetifchen «Sinn in ber Srufl beS Serba fteten 
ju erfHcfen; baju baS angenehme ©efübi, bafj ich mir feine Slnnehm* 
lichfeit »erfchaffen tonnte ohne bie Sarcetorbnung ju umgeben; enb* 
lieh bie Slothwenbigfeit jebe Aufregung ju untetbrücfen unb ganj 
mechanifch wie ein Sttüblenrab tdglicb ein tüchtig ©tücf Arbeit abju* 
machen, um nur ja nicht au« bem ©leife ju tommen — baS war 
ein Sieben 8 Sage (ang!... 

Sich will biefen feilen, ben erften unb hoffentlich auch ben testen, 
weiche ich Dir hinter ©ittern unb Stiegein fehreibe, noch eine Stach» 
rieht beifügen, welche mich f«br überrafebt hat. Dr. Sfegibi, ein @öt* 
tinger ^rioatbocent, ben ich etwas ferme, theiit mir unerwartet bie 
Sitte mit, ich möge fobalb als möglich nach ©öttingen tommen um 
mich bort ju habüitiren. SS wirft bort, aufjer einem sjSrofeffor für 
bie technifchen Sicher, nur ber befannte 1 Stationalöfonom ^>rof. Jjmnffen, 
ber früher in Sieipjig war. Sr fühlt fchmerjlich bie 2ücfe in ber 
©taatSwiffenfchaft, welche baburch entfielt, bafj aufjer feinem Sache 
fein anbrer Jweig biefer SBiffenfchaft gelefen wirb, unb wünfeht befj* 
halb bringenb bie Habilitation eines jungen SOtanneS für Sncpclo* 
päbie, ^olijet u. f. w. Sr hat fich anheifchig gemacht, für baS Sott* 
fommen eines foldjen Docenten nach Ärdften ju forgen. Slegibi 
fchreibt in feinem Aufträge. Slatürlieh fann ich an fofortige Habili* 
tation nicht im Sntfernteften benfen. SHbet eS ift baS jebenfaHS eine 
unerwartete SfuSficht auf erfolgreiches ffiirfen. ffienn ich hier meine 
©tubien beenbige, bann in DreSben 1 Saht lang fleifjig mich auf 
meine Sortefungen »otbeteite unb jDflern übet’S Saht nach ©öttingen 
gehe, fo fann ich ein ©emefler lang mich bort aufhalten unb baS 
Xerrain tennen lernen unb mich fchon Herbfl über’S Saht habüitiren. 
DaS ifl ficher ber früheft mögliche Jeitpunft, weil gefe§lt<h 2 Sahre 
jwifchen ber Promotion unb bem 2ten Sjramen oerfloffen fein müffen. 
SBenn bann Hanffen fein Besprechen hält, unb ich mit ben Sollegien 
einiges ©lücf höbe, fo fann ich hoffen, eher auf eignen Süßen ju 
ftehn, als ich es bisher erwarten fonnte. — 

Doch biefj ifl ein ©egenflanb, ben wir heffer für münbliche Be* 
fpreehung auffparen. Ueberbief jueft mir bie SteiheitSahnung fo 


i „geiffrriche'' fftgt ZxtitfäU an rin« nicht abgebrochen ©teile eine* fpdteren 
Briefei an Bachmann noch h* n l u * 


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SOtdtj 1866. 


283 


mistig in tat ©Hebern, bafj ich feinen orbentlidjen ©ebanfen faffen 
fann. 3ch »überhole a(fo nur meinen berjlichften Danf für Deine 
viele ©ute unb bleibe mit ben hefien ©rüfjen an Such Sille 

Dein treuer Sohn 

Heinrich 


188] 9n bm S3at<t. 

JJeibetbg, 3Mrj 10. 56. 

SWetn lieber 23ater! 

... 3<b werbe wahrfcheinlüh am Donnerstag um 6 Ubr Slbenbs 
eintreffen, »üßeicht auch SWittwoch ober grettag. 3<h hoffe biefe un» 
gefdbre Stngabe foH genügen um Such in ben Stanb ju fegen, bie 
Vorbereitungen für meinen Smpfang ju treffen. 3nbe£ glaube ich, 
biefetben* »erben nicht bebeutenb fein unb ich »erbe fchon mein ©arten» 
jimmer bejühen fönnen. Sei uns wenigffenS ift ber grügling mit 
fchneßen Schritten etngejogen, unb baS Slecfarthal fhahit im h«ßften 
Sonnenfeheine fo freunblich, bafj es mir boppelt leib thut, es gerabe 
fegt »erlaffen ju muffen. 3<h »erbe ben 2Beg über Samberg unb 
ffiurjburg nehmen, ber nicht nur mir unbefannt, fonbern auch ber 
billigte ift, feit bie ©fenbahn eröffnet ift. «foßkich finbe ich babei 
©elegenheit, in fflurjburg einen greunb »ieberjufehn unb vielleicht in 
einer ober ber anbren frdnfifchen Stabt mich ein wenig umjufchauen. — 
ffiie ich nti<h freue, in wenig Zagen »ieber in ©wer SDtitte ju fein, 
meinen Leitern ju banfen, »on ben Schweftern weife SebenSregeln 
unb »on Stainer Satein ju lernen — baS fönnt 3hr Such nach fo 
langer Stbwefenheit wohl »orfleßen. greilich fann ich nicht leugnen, 
ber Stbfchieb »on Jpeibelberg unb »on bem ungebunbnen Sehen geht 
mir fchr nahe. 3ff mir boch biefeS legte Semeffer, obgleich es an 
Unannehmlichfeiten nicht arm war, eine fegr liebe Srinnerung. 2BaS 
mir immer ber J^auptmafjflab für ein gtücflicheS Sehen war, ber Um» 
gang mit braven unb befähigten SÄenfchen, baS ift mir in biefem 
SBinter im reichen SWaafje ju Zheil geworben. 8Benn ich bie ^agl 
meiner Sefannten im ©anjen überbtiefe unb finbe, bafj ©eifieSfdhig» 
feiten jiemlich fparfam »ertheilt finb, fo fann ich nicht bantbar genug 
fein für biefe ©unft beS SchicffalS, baS mich fchon oft unb uner» 
wartet mit SDtenfchen jufammenführte, beren ©eift unb Sharacter ich 
hochfchügen mufjte. — 


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284 


9torj 1866. 


®or einigen ®o<hen h®be ich einen feht angenehmen 5Brief er» 
hatten. 3m testen grühling würbe mit ber Sßiberfhett, in ben müh 
meine getheitt poftifche unb roiffenfchaftliche Dütigfeit brachte/ fo 
unerträglich, baß ich befdjloß bem ein Snbe ju machen, ©introcf 
hatte mich jwar auf viele gormfehter aufmerffam gemacht/ aber nie 
ein eingebenbeti Urtfjeil über meine pottifdje Begabung abgegeben. Sch 
befchloß alfo, an 9t. $ru$ ju fchteiben, weil er einer ber ftrengften 
unb cingehenbften Jtritifer ift unb eö mir um ein rücfficht«lofe« Urs 
theil ju thun war. Sch fchicfte ihm alfo einige meiner ©ebicfjte mit 
ber SBitte um fein Urtheil. Sch muß offen geflehen, baß ich wir 
batnal« über bie golgen biefeO Schritte« nicht recht Har war; fchwer* 
(ich hütte ich wich burch ein verbammenbe« Urtheil ganj von pofc 
tifchen Arbeiten abbringen (affen. Snblich im gebrnar fam feine 
Hntwort; (ange verjbgert, wei( wie er fcbreibt/ fortwührenb 
von ähnlichen Anfragen h«wgefucht wirb; aber auch befh> günffiger. 
Sch glaube in ber £bat Stwa« auf ^ruß’« Meinung geben ju bürfen; 
benn er ift notorifch ein grober 2Rann, ber feine #6flicbfeit fennt; 
unb bann finb bie gehler, welche er mir vorwirft/ fo ganj biejenigen, 
welcher ich wir felbft bewußt bin, baß ich auch annebwen fann, er 
werbe bie ©orjüge ebenfo richtig erfennen. Sr prophejeit mir bei 
bem richtigen gleiße in Sinjelheiten eine fchöne pottifcße £ufunft.— 
Sch bin nicht gefonnen, meinen (Beruf mir burch ba« Urtheil eine« 
Dritten, unb fei er noch fo competent, aufbringen ober rauben ju 
(affen; aber baß mich biefer (Brief fehr erfreute wirft Du wohl natürs 
lieh ftnben. 9to<h erfreulicher war mir aber bie (Bergleichung beö 
SWanufcrtpt«, welche« ich iw SRai an 9>. gefchieft hotte, mit feiner 
iefigen ©eftatt; ba fah ich allerbing« einen offenbaren gortfehritt, 
unb bieß ift wohl ba« glücflichfte (Bewußtfein, ba« ein (Wenfch hoben 
fann ... ©ruße mir bitte, (Dtama, bie hoffentlich ihren @ebutt«tag 
im volljühligen gamilienfreife feiern wirb unb bie ©efchwifter von 

Deinem treuen ©ohne 

Heinrich 


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$ur Habilitation. 

2Bie oft batte $£reitfcf>!e wäbrenb ber langen mit feinem {weiten 
Sonnet Aufenthalt begütnenben Abwefenbeit von Haufe berjliehe ©ebn* 
fuebt nach Sltetn unb ©efchwiftern unb nach ber fronen ^eimatfiabt 
in feinen Sriefen geäufjert. Alb er aber in Grebben/ bei ben ©einen 
wiebet bäublich eingerichtet/ in ihren gefedigen Umgang ficb einju* 
fügen oerfuchte unb feine nächfle wiffenfcbaftliche Aufgabe, bie ®or* 
bereitung für bie Habilitation, grünblicb anfaffen wollte, ba fanb 
er {ich halb enttäufcht. 2Bte mangelhaft bibjipliniert für ben Srebbner 
„höflichen unb cioilifirten Zon u er noch fei, bab hatte er mit guter 
SrJenntnib feinem greunbe Sachmann in ber im Heidelberger Äarjer 
niebergefchriebenen ©elbftöetrachtung erläutert. Son gleichaltrigen 
greunben unb Setannten tonnte feinem ftetb regen Sebürfnib nach 
ernfierer Unterhaltung nur ©utfebmib genügen; unb baju nun noch 
erwiefen fleh auch für feine Arbeit bie Srebbner Sibliotbefen unju* 
länglich. 

©o fürjte er bie oorgefebene Sauer beb bortigen Aufenthalt auf 
bie Hälfte unb ging fchon im ßftober 1856 nach ©ottingen, wo 
eine oorjüglühe, oon Streitfchfe auch fpäter noch gern benugte Suchers 
fammlung ihm reichte gbrbetung bot. Ser fchon nach Heidelberg 
ihm mitgeteilte SBunfcg beb ©üttinger ßrbinariub für National« 
üfonomie, H«nffen, eine jüngere, ergänjenbe Sehrfraft neben ftch ju 
haben, tonnte ihn nicht mehr junäebfl befKmmen, benn biefe Süefe 
war im ©ommer burdj Hanb oon SWangolbt aubgefüdt worben. Aber 
bie atabemifche 8Birffamteit adein nahm er boch neben anberen Aub* 
flehten: grünerer poetifeger ^>robuftion, jeitweidger joumatidifeger 
Sätigfeit immer wieber fefi inb Auge; ber umfaffenbften wiffenfegafts 
liehen Aubrüffaing für fie war auch in ©ottingen feine unermübliche 
Arbeitbtraft oor adern jugewenbet. Anberthalb 3agre blieb er bort, oon 


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286 


©il }ur Jhflbifitorion. 


innerer Unruhe, 36gern unb Stbwanfen »ielfacb gehemmt, auch dufjet* 
lieb bureb Äranfbeit unb fbrperlieben Unfall geflört, fo bajj bie QabilU 
tationöfcbrift mübfam wie feine anbere ber Heineren Arbeiten Xrettfebfeä 
juflanbe tarn. Sorlefungen ju büren »erfucbte er gar nicht Sr rühmt 
jwar 2Bai§’ „herrliche Sorträge" feinem greunbe SRartin, hoch ift 
fonft in feinen Briefen weiter feine Siebe ba»on; jebenfatlh bie Sors 
tefung über Stttgemeine Serfaffungögefcbicbte würbe ihm erfl, naebbem 
er ©üttingen fepon »ertaffen, jugängticb bureb eine Staebfcbrift, bie 
fein greunb grenbborff nach Setpjig mitbraebte 1 . 

Sn gefettigem Serfebr tarn Xreitfebfe »on älteren Unioerfitätt« 
tebrem nur Smil iperrmann näher; fein teurer Sieftor dttee, in jweiter 
Sbe Jperrmannö Schwager, hatte ihm ben Zutritt in beffen $au6 
eröffnet. Durch Jperrmann würbe Xreitfcbfe SJKtglieb beö Xiterorifcben 
SWufeumh, ba« mit feiner gütte fWnbig auöliegenber neueffct 
febriftentiteratur „ein »ielbenetbeteh Seftgtum ©üttingenä" war unb 
»on niemanb eifriger alä »on Xreitfebfe genügt würbe. Später war 
er $errmann* Äoltege in Jjpetbelberg, unb auch neben bem ^räftbenten 
beb ^reufifeben OberfirebentatS wirfte er wieber am fetben Orte; noch 
1878, atb #errmann aub biefer Stellung febieb, ift Xreitfcbfe pubtü 
jifhfcb für ihn eingetreten 1 . 

Unter ben jüngeren Dojenten hatte er batb mit jweien Umgang: 
mit feinem Sanbbmann JpanÄ »on SWangolbt, neben bem er fpäter 
atb qtorofeffor in greiburg (ehrte unb »iet lebhafteren noch mit bem 
Ofipreufjen Stegibi. Sin nabeb SSerpättnib ju SHangolbt, ber ihm fegt 
freunbticb entgegenfam unb ben Xreitfcbfe auch wiffenfcbaftlieb b»<b s 
febägte*, bitbete fi<b erft mit ber ^eit aub; mit Stegibi btieb Xreitfcbfe 
»on jenen Xagen her fürb {eben freunbfebaftlicb »erbunben. 

Subwig Sttegibi war, atb Xreitfcbfe nach ©üttingen tarn, feit jwei 
Sabren in ber juriftffeben gafuttät habilitiert; atb anregenber Segrer 
unb befonberb auch atb ein ffetb jugängticber unb hilfsbereiter Slot« 
geber war er febnett unter ben Stubenten beliebt geworben. Sei ben 
ber granfonia nabeftebenben grünen Jjannooeranern, benen Xreitfcbfe 
bureb feinen ebenfattb in ©üttingen febon länger ftcb aufbattenben 


i %t<b banbf<bnftti<b«ti »Stimmungen*, bi« J&ax ©«btimtat gmt»bcrff in @6t 
ringen gleich na<h Xteitfcgfrt lob« niebetgefegrieben unb bem £erau<geber gärig 
)ut ©«tufcung ftbettaffen gut * ,3egn Jagt* Oeutfcg« Ä4nt»fe* 2. St. ©. 777 f. 
780 . 789 unb on Staat« 11 . 12 . 1877 . ©. auch Deutfeg« ©«flicht* 6 , 868 . 
» ©gl 6. 176 , Sinnt. 1 . 


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®ii jot JßaMIUaHon. 


287 


greunb Oppenheim jugefüprt würbe, war er ein päupger GaP. Gleich 
SÄangolbt um ein Saprjepnt Alter ale »treitfepfe, war er trunffeP wie 
ber unb naep öppenpeim« SBerpcperung „beim Übetfneipen Pete güprer 
unb erPer SDtann". „Sei feierlichen Gelegenheiten trug er eine fcpwar}« 
fammetne ©epirmmuge mit bem ptbernen Silbertue baoor, bem alten 
Slbjeicpen ber ätonigeberger ©tubenten.* ©o hotte ipn nach langen 
3apren noch gerbinanb greneborff not Slugen; vor allem aber waren 
ipm unb bem bamale gleichfalle in Güttingen Pubierenben Jpugo 
SWeper, bem fpäteren ©trafrecpteleprer, Slegibie „glänjenbe gefellfcpaft* 
licpe ©oben" unoergeffen, feine „pinreipenbe Serebfamfeit" in Jenem 
Jtreife ber 3üngeren. 

Xreitfcpfe in feinen ben frifepen Sinbrucf ber ^erfönlicpfeit wieber* 
gebenben Sriefen fpriept pep niept fo juPimmenb aue, ale apnte er, 
bap bae für feinen fanguinifepen greunb niept ungefährliche, bie ju* 
fammenpaltenbe Sluebilbung befferer Jträfte Pörenbe Gaben waren. 
Der unermüblicpen Gefälligfeit Slegibie aber würbe auch Streitfcpfe 
fepon »erppieptet, noch epe er in Güttingen war. STOit feiner Smpfeps 
lung patte er pep bei Stöbert t>on SWopl eingefüprt, ale er 1854 nach 
Jheibelberg fam, um Speliue ju fonfultieren. 3m näcpPen 3apre 
fuepte Slegibi ipn in Jjanffene auebrucflicpem Sluftrag, ben er gewip 
fetber erP angeregt, naep Güttingen ju jiepen, unb ale »treitfepfe aue 
freien ©tuefen im Jjetbp bann fam, tonnte feine Släpe bie gefepäftige 
greunbfepaft Slegibie nur Peigern. ©tärfer noep ale auf anbere, benen 
ber Sinunbjwanjigjäprige über feine 3apre reif unb mit pep felber 
im Waren etfepien — mepr ale er ee grabe bamale in Güttingen 
war — mupte ber Sinbruef »on Xreitfcpfed iperfünlicpfeit auf ben 
leicht entjünblüpen, obfepon neun 3apre älteren Slegibi wirten. Selber 
ein angefepener SÄeiPer freier Siebe, bewunberte er neibloe SCreitfcpfee 
viel pärtere rpetorifepe Jtraft. Slle er fpäter bie Siebe auf giepte ge* 
lefen patte, fpraep er biefe Sewunberung treffenb aue: „2Bie pab icp 
miep über Dicp gefreut! Die metallnen SBorte »on manchem Sommere 
tünten mir »oHfltngenb aue »ergangenen »tagen wieber ane JDpr. 
©epon ber gorm naep pat Dein Sieben für miep immer ben Räuber 
gepabt, ben bae SBalbpom übt ober ein pellce Gefcpmetter »on »troms 
peten. Dae ©eplacptrofj Peigt* 1 . — Unb ba Slegibi auep bie gute 
Gabe befap, pep felber unb fein »tun mit Jjumor anfepauen ju tünnen. 


1 Sgl. Jpigor. u. Potit. Sluffäfc* S, 473. CPoHtif 1,74. 


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288 


SU )ut J5»abilttflttcn. 


fo fchrieb et nicht minber bejcichnenb im SDtärj 1869, alv bet nahe 
SluObruch bed Ärieged in Italien fchon fehr mabrfcheinltch unb in 
beffen ©efolge ein jweiter biedfeitd bet Sllpen gegen granfreich vielen 
in Deutfchlanb faft jweifellod war: „hoffentlich fefjen mit und in 
nicht attju ferner £eit am Sthein im Hauptquartier bed H^jogd »on 
©otha, Dberfelbherrn beö Deutfchen »unbed. SBcibe jufammen f&nnen 
wir bann ä la @en§ bie SWanifefle fchreiben: wenn Du ju ^fcrbe 
fleigfl, fegefi Du mich vorne vor Dich $in ober ich laffe meinen 9>ont> 
an Deinen Stoppen anbinben." 

@anj fo tonnte Slreitfchte biefe ©efühle nicht erwibem. Der un* 
ermubiiche Slebner Slegibi verbanfte ihm im gemeinfamen greunbedtrcife 
ben ©ptgnamen Stulliud, unb auch bie rafche „©ielgefchäftigfeit" 
empfanb er an fich fetter bidweilen unbequem; er murrte nachträglich/ 
baß er fich oon Slegibi ju ©eiträgen für bad Deutfche Staat«wärterbuch 
habe „einfangen" (affen. Manche nachhaltige wiffenfchaftliche Anregung 
verbantte er ihm boch/ fo wahrfchemlich ben erften H*nweiO auf 
Stodjaud „Stealpolitit"; unb ald Slegibi 1857 einen Stuf ald außer* 
orbentlicher 9>rofeffor nach Erlangen erhielt/ urteilte £reitfchfe/ bad 
habe er längfl verbient. Sluch ganj nüchtern beraten würbe er ein« 
mal von bem greunbe, ald er Snbe 1856, um von bem ©ater Wirt* 
fchaftlich nicht länger ganj abhängig ju bleiben, wieber emflUch baran 
bachte, vor ber Habilitation eine ^eitlang erft bem 3oumalidmud 
fich jujuwenben. Da warnte ber gerabe hier erfahrene Ältere Herglich 
unb fchrieb jugleich/ ganj in feiner gutmütig hingebenben ©Seife: „Saß 
mich erft vetfuchen. Dir Dein ffiorhaben audjureben, unb bann, wenn 
mein ©erfuch fehlgefchlagen ifl, Dir treulich in ber Sludfübrung mit 
Stath unb 5£hat jur ©eite flehen", ©o machte er 1857, ald auf« 
neue unb biedmal eine fehr annehmbare, politifch wichtige Stebafteur* 
fledung fcreitfchte jugänglich fehlen, auch gleich wieber bereitwillig ben 
©emittier. 

Sin ben verriebenen fchriftlichen Äußerungen über ben ^Hiblijiflen 
Slegibi läßt fich befonberd beutlich ©ewicht unb ©Sert brieflicher Urteile 
Dreitfchfed abfehägen. Sr am wenigflen mochte Slegibi verbenfen, baß 
er feinen politifchen Srirterungen gern eine lebhaft fubjettive gärbung 
gab. ©Senn aber ber rafch Srtegliche bann boch mit einer gar ju 
„lebhaften ©eflitulation bed Sludbrucfd" arbeitete, wenn fein ©athod 
mit „nicht mehr unbefannten Sitaten aud ©dritter unb ©oethe" aUju 
vetfehtvenberifeh wirtfehaftete, bann tonnte £reitfchfed Unmut in ben 


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83 ii jut Habilitation. 


289 


©riefen gemeinfamen gteunben gegenüber kbpaft au«btecpen. Spricht 
er aber, ruhiger geworben, bffentdcp über Slegibi, fo ftegt feine ange* 
borene Neigung, uberad ba« ©ute ju finben unb ju fehlen — f&r 
©oetbe ba« Äennjeicben ber Saptbeitäliebe — unb er hobt naepbruef* 
lieb ba« pofrti» Sertnode beö 3npuft« perau«, 

Slegibi« ^itatenfreube ^ielt jebet ©nrebe ftanb. Sie ber Stubent 
in einer Eingabe an ben granffurter ©unbeötag fiep mit ber Jungfrau 
non Orlean« oerglicben butte, fo berief noch ber Dreiunbftebjigjäbrige 
©oetbe« Sppigenie („ba« 2anb ber ©riechen mit ber Seele fudjenb"), 
um einbr&cflicper ju machen, mit welchen ©ef&plen er bisweilen al« 
oortragenber SRat im 3lu«wärtigen 3lmt (1871—77) an bie aufge* 
gebene Bonner ^rofeffur jurbefgebaept bube. Die „Jungfrau non 
Orkan«" war bamat« (1898) febon in ber Deutfcpen ©efebiebte »er* 
ewigt (5,585). Stber auch Sfegibt« wertoodfle urfunblicbe ^ublifationen 
bat £teitfcpfe noch in feinem großen Serie forgdep »erjeiepnet, bie 
Sfbpanblung „9lu« bet ©orjeit be« ^olfoerein«" neben SRanfe« »iet* 
genannten Sluffaß „*Jut ©efebiebte ber preußifepen Jpanbetepolitif" 
geffedt *. 

Step alte granfonen traf 5£teitfepfe an, al« er nach ©bttingen 
fam: Steine unb »or adern Oppenheim, ben er ubertreibenb wieber* 
holt al« feinen faft einigen »ertrauten Umgang bejeiepnet; fpäter 
(amen noch Scpetefe unb gtanßiu«. €ben Oppenheim führte ihn ben 
^annoneranern ju, unb baß er an ihren ^ufammenfänften regelmäßig 
unb gern tednabm, wirb »on einem ber ©tunen, ber ficb bamal« 
XreitfcpFe« bauembe greunbfebaft erwarb, gerbinanb gren«botff, )u 
fteber bezeugt, al« baß e« bureb Äußerungen in £reitfcpfe« Briefen, 
in unfrober Stimmung febned pingeworfen, wiberkgt fepetnen (onnte. 
Step Jpugo SWeper fnöpfte in biefer Umgebung feine kben«läng(icpe 
berjliepe greunbfebaft mit Dreitfcpfe; „Jjerrn Dr. Jjjugo Sepet (ju 
ftnben in &oop« ©arten 2 )" fiept auf ber Rtbreffe eine« am 7. De). 
1858 »on Seip)ig nach ©bttigen gepenben ©riefe«. Unb noch ein 
britter, wieber ein ©tuner, ben Xreitfcpfe bamalö fennen (ernte, ijl 
)u nennen: ber 1898 al« ^Berliner Stabtrat geworbene Sajt Seber. 
gren«borff pat ein ©ilb be« früh bewunberten greunbe« au« jenen 
©bttinger «Sagen fut) nach «Sreitfcple« «tobe gejeiepnet. „©ne (räftige 

i 3/ 774. — £»eitf<pfe< ©rief« an Ätgibi, ju beffen Sebjeiten jugdnglitp, »arm 
fftt biefe Sammlung leibe» bttpe» nitpt ju befepaffen. 1 ®a4 Jtneiplofat bet 
©tftnett/ in einem ftpinen ©arten auf be» Wotbfeite be» Stabt. 

L 19 


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290 


83i* jin JpobUitarion. 


ritterliche Srfcheinung, hochgewachfen, fchlanf, buufetbaarig, ba« blaffe 
©eficht burch bunfk Augenbrauen unb einen fiattticben fchwarjen 
Schnurrbart marfiert, lebhafte braune Augen: fo fleht er in ber €r® 
innerung berer, bie ihn jung gelaunt hüben. 4 £ogo «Meper aber 
fchrteb um biefelbe 3«* on Streitfcbfeb Pachter: „SB»e ein mächtiger 
Saum überragte er unb Alte mit ber ffküffe feiner Anfchauangen, 
mit bem ffeuer feiner Segeifierung unb mit ber Stacht feine# SBortb 4 . 

Sin befonberer S>la$ in biefem ©üttinger Sefanntenfreib ifl bem 
Shrofeffor ber ©lebijin, #ofrat Saum* ju geben/ ju beffen menfch* 
lieber Art fcreitfchfe bamalb eine h<t)li(he Zuneigung foffte, obwohl 
er beb fchmerjlichen Jjjaarfeitö, bab ber Arjt ihm alb ©tilbeeungbmittel 
gegen bab ©ebirleiben burch ben Maden jog, noch in ber Deutfchen 
©efepichte gebenfen muffte (5/ 431). £ubem war eb Saum/ bem er 
ben Jjnnweib auf eine Eeibenbgefährtin, ©ujlaoa von Tafelberg, Xochter 
eine# angefehenen Arjteb in Stralfunb, oerbanfte. Streitfcpfe trat in 
einen Sriefwechfel mit ihr/ ber bib ju feinem Xobe fortbauerte; neun 
3apre älter alb er, überlebte ihn biefc Äorrefponbentin, bie ihn 
1867 auch oon Angeficht fennen lernte, noch bib Oftober 1898. 3b* 
fei biefe ffreunbfepaft „jum Segen geworben 4 , fo fchreibt, furj nach 
bem Abfeheiben ©ujlaoab, ihre Scpweffer. Auch SEreitfcpfe fühlte fich 
jwat jundchff burch ben 5£rofl, mit bem fle wie fich felbet auch ihn» 
bab gemeinfame Seiben erträglich ju machen fuchtc, an bie 2auben« 
weibbeit in ©oetpeb fepüner gabel erinnert. Aber ihre ftbon gefefhgte 
SReftgnation, ihr, hoch immer gang weibliche#, Sigengefüpl unb geben#« 
jutrauen, baju ein gebiegeneb, bab fchon Srworbene fletig mehrenbe# 
Silbungbbebürfnib jogen ihn jumal in ben erflen 3ahren beb Srief« 
wechfelb flchtlich an unb erregten auch ihn S« aubgiebigfler «Mitteilung. 
Sinen folgen ffraueneparaftet, bem auch eine zugleich freie unb ge« 
haltene politifcpe ©ejinnung ganj oertraut war, hotte er in ber Heimat 
in feiner näheren unb weiteren Umgebung bibher vergeblich gefuept. 
®aff ihr titerarifcheb Urteil, bab fich ouep über hiffwifde ©epriften 
ju weiten, wie über Sartpleb „granjäftfepe SReoolution 4 mit fichercm 
©efüpl aubfpricht, auf Xreitfchfe Sinbrucf gemacht hot, fcheint noch 
fein groffeb SBerf an mehr alb einer Stelle ju oerraten, ©uflaoa 
vielleicht juerfl hot ihm jur Serteibigung Sümeb entgegengehalten 
(Dft. 1862), biefer behanble hoch „Äleifl unb 3mmetmann mit oiet 

i ffion Saum (1799—1883), brm 9<t}t unb brat Atmfcpra, h<U ©«Hg 

ffifch« in b« VQg. ®. ©iogt. 46,860—264 gtbanbtlt. 


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©ii }ut Jpabilitarion. 


291 


»nebr Siebe atö üb älnbre habe tbun febn" 1 . @ie febeut flc^ gar nicht, 
«rtjufprecben, wenn fte ftm nic^t jufhmmen fannj bem ruhig über* 
fcbauenbtn J^tftorifer fühlt fte ftcb ndbet alö bem Kämpfer Xrettfdpfe. 
8tir feine Siebe jut Seiet bet fünfunbjmanjigjdbtigen Regierung Äünig 
äBiftetmö L, bie er ihr in mehreren ßjremplaren gefcf) «ft bat, banft 
fk berjKcb/ tieft fte jroeimal büttereinanber unb febreibt mit feinem 
©efüpl: „€ö liegt wie ein ©cbleiet ber Sehmut unb Slübrung über 
biefer Siebe, ber atte Xpdrten unb ©ebdrfen »on fonft wohltätig »er* 
bullt; bie in ber Seit »otbanbenen wie bie in 3bnen liegenben." 

©uftaoa von Tafelberg entflammte einem ^>aufe unb einem Stiem« 
paar »on (Seift unb Stiftung. Sie Sorträge über baö Sefen unb 
ben 3®ecf beö Siberaliömuö, bie ibr Sater 1847 in ©tralfunb jur 
3eit beö ^Bereinigten Sanbtagö gehalten bat unb bie 5£reitfcbfe bureb 
©uftaoa fennen lernte, bat er ber Srwdbnung in feiner Seutfdjen 
©efftiebte wütbig gefunben (5, 603). — 

Saö ibm im ganjen bo<b unerquicflicb gebliebene ©bttingen »er« 
lief Sreitfcbfe ju Seginn beö grübfabrö 1867, um eö fofott mit bem 
für ibn ebenfo unerfreulichen Seipjtg ju »ertaufeben; ffton am 9. Ppril 
febreibt er »on bort an ©cbelöle. Saö folgenbe Sinterfemefier bin* 
bureb leiftete ibm fein greunb grenöborff, ber 2lttrecJjt ju büren fam, 
eine febr wiHfommene ftete ©efellfebaft, ber „©achfenfpiegel", wie ber 
atiejeit gern ©ptfcnatnen gebenbe SEreitfebfe ben geborenen Jpannooeraner 
ju nennen pflegte, beffm ©tubiurn bamalö befonberö ben fdebfifefen 
SÄeebtöquellm jugewanbt war. 3m übrigen befebrdnfte fieb fein Serfebr 
in Seipjig faft ganj auf ©utfebmib, ben unldngft an ber Unwerfitdt 
habilitierten flafftfeben Philologen »urftan unb ben pbilologifeben ©er« 
tnaniften Profeffor ^aroefe. Ser gewann für fein Siterarifcbeö Zentral« 
blatt JCreitfcbfe jur Sitarbeit, fein erfler Seitrag b»«t erfebien am 
1. Sai 1868. Siel folgenreicher für ftn würbe bie faft gleicbjeitig 
(am 1. Slpril) beginnenbe Teilnahme an ben eben erüffneten Preufjifeben 
Sabrbücbem, ju ber er fiep bureb ben Jperauögebet im $erbfl 1867 
leicht beftimmen lief. Sit warmen Sorten bat Slubotf Jjapm noch in 
feinen nacbgelaffenen „Erinnerungen" bejeugt, waö bie •Wtfcbrift »on 
Stnfang an gerabe biefem ihrem jüngften Sitarbeiter ju banfen batte. 

Snbeffen arbeitete Streitfcbfe unoerbroffen an feiner Jjabilitationö« 
febrift fort, für baö deine J^eft, baö im Srucf wenig mehr alö 


1 ©gl. Deutfö« 3,706. 


19* 


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292 


©U )ur Jßabilitatietu 


bunbert ©eiten umfafjt, ein ungeheures 3tä<bermatcrial bewdltigenb; 
immer wiebet tdufcbte er ft$ ben 2lbfcbtuf}, unb alfo ben beginn 
feiner Sebttdtigfeit, in grbfjeter 91% »W/ als fte in 2ßirffidjfeit mar. 
€nbli<b hoch am 8. ©ept. 1858 (onnte er feinen „fritiföen SJerfueb* 
über bie „Gefellfcbafttmiffenfd^aft" bet gafultät einrei<benj am 13.3an. 
1859 erhielt er bie venia legendi, unb am 24., bem Geburtstage 
griebricbS beS Großen, begann er feine erfie, bffentlicbe ©orlefung: 
über beutfcbe 93erfaffungögefRichte feit bem meffyb&ifchen grieben. 


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129] 9n Jpeinric$ SBa<$mann. 


Dre*ben, ÜJWrj 25. 55. 

ÜReiit lieber Qkcbmann! 

€* ift ©onntag*morgen, unb ich habe eben meine Slnbacbt oer* 
rietet, b. 5* Otto Subwig’* ©iaccabüer gelefen: — ba* ift freilich 
eine arge Äegerei, befonber* ber renommiftifeben grömmigfeit gegen* 
über, bie b«utjutage in unfrem lieben Dre*ben jum guten Don ge* 
bürt; aber e* bat mir unenbilden ©enuß gern ifyxt. Die SDWngel be* 
©tücf* finb febr in bie Slugen fpringenb, aber eö ift ba* 3Berf eine* 
ungewöhnlichen bramatifchen Dalent*, unb bureb ba* ©anje gebt ber 
btnreißenbe Räuber jene* großartigen religiofen ganati*mu*, welcher 
ber jübifeben ©efebiebte einen fo eigentbümlicben 9teij gewährt'. — 
ülian fann ficb nicht fo leicht »on anerjognen ©ewobnbeiten lo** 
machen: unb fo will ich, ba ber ©onntag einmal etwa* ©efonbre* 
für fich haben fod, bie 3«it benugen um ba* jegt hoppelt in mir 
lebenbige Sebürfni* be* freunbfchaftlicben ©erfebr* ju befriebigen. 
3«b habe Dir ©iel abjubitten; ber ©rief, ben Du mit fo freunblicber 
^ünftlicbfeit in meine einfame Jpaft febiefteft, bitte wohl eine fcbnellere 
Antwort oerbient. Du rnagft Dir aber felbft benfen, wie ich leben 
Slugenbticf ber legten SBoche benugen mußte, um tbeilö ju arbeiten, 
tbeil* noch einmal bie greuben eine# freien geben* unb eine* b«*i s 
liehen freunbfchaftlicben Umgang* ju genießen. Jjier wo ich ber S3e* 
kannten febr ©iele, btt greunbe eigentlich nur ©nen habe*, werbe ich 
wohl febon bureb bi« ©nt größeren gleiß im ©ebreiben lernen; unb 
ba auch Du wohl in ©ielefelb ober fonfhoo jiemlich einfam leben 
wirft, fo baff« i«h, wirb fich oon felbft eine lebbaftere Sorrefponbenj 
entwicfeln. 5<h fühl« feban fegt, wie febwer fich «in bloß auf @e* 
banfenau*taufcb, nicht auf praftifebe 3*®ecfe gerichteter SBriefwechfel 

1 ®gl. JpipBT. unb g)olit. Vnff&*e 1,444 f. 2 Sllfteb »on @utf<$mib. 


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294 


TOdrj 1866. 


Ratten Idfjt — bie 3«it wirb eben immer foftbarer unb bie Sufi @e* 
banfen auöjufprecgen ohne bie ©ewiffgeit gegenfeitiger (Berftdnbigung 
immer geringer: — aber mit Dir wenigften«, unb einenr ober jwei 
anbren greunben goffe ich immer in (Betbinbung )u bleiben. — (Bon 
meinem Sehen in ber (egten £eit will icg nur fagen, baff mir ber 
Sfbfd^ieb oon Jjblbg unenbltcg fcgwer geworben ift. «trog mannicg* 
facben ^tcg«, welche« ich jegt fcgwarj auf weif in meinem £eugnif 
formulirt gäbe, war ba« ein febr glücflicge« Semefter ... (Weine 
Dücfreife ging burcg granfen. 3n ffiurjburg blieb ich einen «tag 
bei (Rübe 1 . . . Die Stabt mit ihrer weitfchauenben Sitabeöe gut 
ber Sage nach Aegnlicgfeit mit Sohlen); fonft ifi fie eine wunber* 
liehe (Wifcgung oon herrlichen (Bauten beö (Wittelalter« unb gefegraaef* 
lofem (Roccocoprun? — ein treffenbe« (BUb ber ©efegtegte ber weilanb 
geiftlicgen gürften. Nürnberg’« Anblid fleht mir noch immer lebhaft 
oor äugen; ein pgantafttfege« ©ewirt oon ©iebetn unb Itgürmen, 
Alle« wunberlicg unb gimmelauf ftrebenb, unb boeg fo gar nicht frembs 
artig. Die Stabt führt unö um 4 Sfagrgunberte jutücf, unb boeg 
fühlen wir un« geimifeg in igr; ber (Seift be« beutfegen SBürgertgum«, 
ber biefe fügnen (Bogen wölbte/ lebt fteger noeg geute, wenn auch 
geänberte (Bilbung igm anbre ©egenftänbe für feine Xgatfraft bietet. 
Am (Weiften in gan) Nürnberg gat mich ba« ^ortrdt Samuel 1 £ol)s 
feguger’« oon Dürer ergriffen. Da« ift ein einfacher (J)atricier, ein 
waefrer (Witgelfer bei ber Einführung ber Deformation/ weiter Wiegt« 
— aber in biefen gewaltigen Jügen liegt bie ©efegtegte jener fonber* 
baren (Reoolution, bie fügnfte (Neuerung unb bie tieffte Demutg oor 
ber Autorität oereinigt. — Jjier in Dre«ben fuegt man alterbing« oer* 
geblicg naeg reoolutionären Anregungen. (Wan ift fegr fromm/ gegt 
fegwar) geHeibet )u Egten be« oerblicgenen „^roteftor« ber beutfegen 
Staaten" 8 / gebauert Sieben, ber in biefen Jjocgoerratg niegt mit ein* 
ftimmt — Dre«ben ift rugig. 3cg gäbe meine 3eit bi«ger )wifcgen 
Wetten, (Befucgen, ©efellfcgaften unb wenig Arbeiten [getgeilt], Sieg 
gäbe babei oft lieben«würbige grauen getroffen, im Allgemeinen aber 
bin icg in ber Ueber)eugung beftdrft worben, baff unfer fogenannter 
Abel mit wenig egrenwertgen Au«nagmen (wo)U icg ©ottlob meine 

t Ein ftanfon« Dctaoio ©«rge«fi, dHrbijintr. Di« Snttoidflung fein«* Antqmamen* 
au* bem bätgeriiegfn bietet «in gut«* SBeifpiet jum SBottmanbd in ber beutfegen 
@tub«nt«nfpra<ge: 83«rg««fi — ©etggtifi — föObtjagl — WObt. 3 Ke«: Jgiero: 
nprnu*. 8 Jtaifer Wifefaul L oon (Ruflanb war am 2. SOWtj geftotben. 


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9K8«| 1866. 


295 


engere Jamilie rechnen fann) burd) ein mögtic^ft $o$(e6 unb feroileö 
«treiben geh natb Jhriften felbg ruinirt. Die 83eraebtung bet SBiffen« 
febaft, wenn fie mehr wirb alö Sörotfhibium, unb jeher 3bee alö 
folget (man nennt baö „praftifcb") gnb in biefen Greifen fo beimifcb, 
bag üb mi<b nie auf bie Dauer hier werbe wobt fühlen fönnen. 2Kb 
bleibe fteber ben Sommer über hier, metteiebt auch ben 2üinter, waö 
mir meiner gefetffebaftlicben Huöbilbung wegen nübt unlieb wäre. 
3cb b<»be je|t 9liebtö ju tfwn alö ju warten unb ju arbeiten; benn 
oor ÜÄiebaeliö 56 fann i(b mich gefeglüb nicht babilitiren, unb auch 
biefer ^eitpunft wdre mir,, ba itb noch febr jung bin/ ju früh, wenn 

i<b ni<bt febr wünfebte halb auf eignen Jügcn $u gehn- 

9hm/ mein lieber Sacbmann, bitte icb Dieb um eine gleiche Offen* 
beit binfiebttieb Deiner $ldne. Dag Du jegt woblbegaffter Beamter 
big, fann üb mir benfen/ obgleich i<bö nicht weig, unb roüttfcbe Dir 
berglicb ©lücf baju. 2Billg Du aber Dein geben lang Dein febüneö 
Talent in einem Serufe, ber Dir juwiber ig, oergeuben? Ober wirg 
Du — waö alle Deine greunbe hoffen unb wünfeben — Deine philo* 
fopbifeben Stubien weiter treiben unb in einigen fahren bureb eine 
wiffenfebaftlübe «Chat ben Uebergang jur ^>b‘lofopbie crjmingen, ber 
Dir je|t »erwehrt ig? — 3<b fomme auf Deinen »orlegten SSrief 
jurücf unb auf bie Stelle wo Du fagg/ bag Du bie Sjrtgenj eine# 
Staatörecbtö, nicht anerfünnteg. Da« glaube ich auch/ aber eö ig 
unbillig barüber ju Hagen. So lange eö Staaten gegeben bot (unb 
bag beren Sjcigenj eine 9lotbwenbigfeit ig, wirg Du nicht abgreiten) 
gnb in ber ^olitif immer nur SDiacbtfragen, niemalö SRecbtöfragen 
abgebanbelt worben. 2Baö man Staatöretbt nennt, ig meiner Hngcht 
nach nur ein Supbemiömuö; eö ig einfach bie gatigigbe HufjÄbhmg 
unb ©ruppirung ber in einem Staate begebenben politifeben ÜÄacbt* 
oerbdltniffe. Daö Hingt febr faugrecbtlicb, ig aber nicht fo fdjlimm, 
benn ich »ergebe unter SRacbt nicht blog bie rohe ©ewalt, fonbern 
jebe politifcb« XebenOfibigfeit. Sin pogtioeö Staatörecbt ig bann 
gut, wenn eö biejenigen gefefffcbaftlicben ©eroalten, welche bie meige 
politifebe gdbigfett beggen, auch alö bie rechtlich berrfebenben aner* 
fennt. Daß beutfebe Staatörecbt ig nicht barum fcblecbt, weil eö 
^errfebenbe unb SSeberrfdjte unterfebeibet, (baö ig an ficb fein Stabe!) 
fonbern weil eö ©ewalten ju J^errfcbem macht, benen jebe politifebe 
üebenöfäbigHit unb jebe ©emeinfebaft mit ber ©efebübte unb ben 
SJebürfniffen beö 33olfö abgebt. SBeoorrecbtet gnb bei unö bie Jürgen, 


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296 


»4«| 1866. 


an beren öligen Slimbuö fein Senfd) mehr glaubt/ feit fte bie ©ptel= 
bitte frember Süchte geworben; unb ein 2lbet, für beffen €knb ich 
(eine Sorte finben würbe, wenn e« nicht preufjifche Äammemrhanbs 
hingen gäbe. Diefer ^uflanb ift traurig, ganj gewifj, aber er ifl uns 
»ermeibtich, benn »orberhanb hoben dürften unb 2lbet entfchieben noeh 
bie Sacht: fit hoben ihre ©aponette unb ©eamten: burch weiche Sittel 
ffe biefelben on ftch fetten, ift gleichgültig; genug, fte hoben fte. Das 
gegen bie ©efettfchafwfreife, benen in Jjinftcht ouf ©itbung unb Sohl* 
flanb bie meife £eben«föbigfeit innewohnt, ftnb polittfch machtlo«; 
fte erringen politifdje Sacht nur burch Stfcbtufj an jene herrfchenben 
@tdnbe, al« ©eamte ufw. Die ©arantie ihrer Siechte ifl eine ©er* 
faffung, bie auf bem Rapiere fleht unb barunt täglich »erböbnt wirb. 
@o rebucirt ftch aifo bie ganje grage über unfre politifche £uftutft 
auf eine reine Sachtfrage: et gilt benjenigen, weiche politifche £eben«s 
fühigfeit hefigen, auch bie politifche Sacht ju »erfchaffen. Da« ifl 
entweber baburch möglich, bafj bie jegigen Sachthaber ftch iongfam 
felbfl oernichten — ein trauriger gJrocefj, bei bem bie ganje Station 
geführbet werben (ann: — ober im Sege unfrei pofiti»en Staat«; 
recht«; ba« fomrnt mir fehr unwahrfcheinüch »or, fo fehr e« ju 
wünfchen wäre: — ober burch eine Sleoolution 1 , bie eine hoppelte ©es 
rechtigung hoben würbe, eine poütifche unb eine fittliche. 5<h glaube, 
biefe SÄnftcht läfjt ftch fchwer befreiten; inbeft bin ich mit barüber 
noch nicht dar, wie ftch bie #eilig(eit ber Sibe pp. baju »erhalt. Der 
(Jinjelne, ber eine befchworne ©erfaffung bricht, ifl atterbing« burchau« 
fhrafbar; aber wie wenn e« gefehlt in ber Maren (Jinftcht, bafj fte ftch 
überlebt hot unb gütlich nicht aufgehoben werben (ann? Da« ifl eine 
emfle grage, aber wieber (eine rechtliche fonbera eine fittlich*politifche. — 
Du fagfl, e« fei unerhört, bafj unfer ©ot( ftch in Jpertfchenbe unb 
©ehertfehte tgeile. Da« meine ich auch, ober nicht, weil ich on fich 
bie ©teichbeit ber 3nbi»ibuen »or bem (Staate für nothwenbig holte; 
fonbern weil mir bie ©olf«bitbung fo allgemein »orgefchritten fcheint, 
bafj jebe« #errfchaft«»erbättnifj für unfer ©off im 19. Sahrg. etwa« 
Unnatürliche« ift — 3cg breche jegt ab, mein lieber ©achmann, unb 
bitte Dich nur meiner ßinfamfeit gnäbigfl ju gebenfen ... 

Sie immer 

Dein 

Heinrich Dt 

t ©gl. jgtfior. u. epolit. 9uff&«c 4,194. 


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ttprit 1866 . 


297 


130] an SBilJxlm StolT. 

©re«ben, 2lpril 8. 65. 

3Benn biefe Reifen fpdter eintreffen, at« ©u «wartet, mein lieber 
©erli, fo ig ba« nur eine uneble Stäche bafur, bag Du mich in 
meinem Werfer fo fchmdglich im ©tich tiegeg ... Siegt ift mir bie 
©ac^e natürlich eine humorigifche Erinnerung, unb auch mein ©roll 
gegen ©ich »erliert geh, feit ich h»w an ©utfthmib lerne, bag man 
einem vom ewig ©«blichen Slngegogenen fOiet gu ©ute halten mug 1 . 
Die legten ©ochen in J?blbg waren herrlich: ich weig nicht, ob mir bie 
entbegrenbe Erinnerung ge ibeatigrt — aber eO fommt mir nor, afe 
hdtte ich in jenen legten leicgtgnnigen Xagen noch einmal ben legten 
Staufch beö ©urfchenleben« genoffen ... ©on meiner Stücfreife: non 
©ürgburg, wo ich nicht weig, wa« mir am ©egen gegel: Stube, ber 
©teinwein, ba« enge STOainthal ober baö wunberliche ©emifch non mittel* 
alterlichen ©auten unb überlabnen ©enfmdtern ber 8Roccoco*3eit: — 
non ©amberg mit bem einfacfcgrogen ©ome unb bem weitgerrfchenben 
©lief über ba« ganje reiche granfenlanb: — non Nürnberg, bei beffen 
©amen mir noch fegt ein bunten pbantagifche« Sabprintb non @ie* 
beln unb ©bürmen, ©rücfen unb ©omen nor bie Slugen tritt — non 
Slllebem will ich, fo gtücflich mich bie furje Steife machte, ©ir nicht« 
©dgere« berichten, ©ie paar ©orte follen ©ir nur 2ug machen gur 
wirtlichen 2lu«fübrung ©einer fo oiel befprodjenen Steife in ben Stör* 
ben. — 3n ©einem ©riefe hat mich befonber« bie bonnernbe 9>bi® 
lippifa gegen Eotta gefreut. Sich fege barau« wieber ©ein gute« #erg 
unb ©einen ibeaten ©chwung: nichttbegoweniger big ©u entfehieben 
auf bem Jjolgtnege. ©uchhanblungen gnb eben ©peculationöfacbe; 
Urtgeil über g)oSge u. f. w. barf man non ihren Egef« gar nicht ner* 
langen; ge hanbeln gang recht, wenn ihnen ein elenber Stoman at« 
©erlagäartifel lieber ig al« ein ©anb guter ©ebiegte. Eotta freilich 
hat ein ©efegdft non folcher ©lütge unb litterarifchen ©acht, bag er 
alferbing« ba« ©elbintereffe nicht immer gum aunfcgtiegticben ©e* 
gcgtnpunfte gu machen brauchte; aber wer wirb non einem bairifchen 
Steichnratge ©ernünftige« erwarten?... ©eine jegigen 2lu«gdjten in 
biefem fünfte gnb materiell == 0, ibeell fehr gegiegen. Sich erhielt 
im gebruar einen ©rief non ^rug, non beffen Sfngalt ich ©fr ©iegt« 
weiter fagen will alb bag er meine fügngen Erwartungen erfüllte... 


i @ntf$mit> war mit Sonftanj« ffitdrr »frtobt. 


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298 


«pril 1866. 


liefet moralifcge ßinbrud ifl jebocg bet einjige SBottgeil, ben wir 
Jener 23rief gewährte; materiell nügt er mir gar 9licgt«. $tu$ bietet 
ficg »ebet an, mir einen Verleger $u »erf«gaffen, noch giebt er mir 
irgenb einen JRatg befjgatb. 3«h fann ibm baß nid^t oerbenfen; benn 
einmal febreibt er felbfl, baf bie $orm ber ©ebicgte wefentlicger Ulen« 
berungen beburfe — wa« freilich wägrenbbem fegon gefcgegen ifl — 
fobann fann ich mir wogl benfen, wie fegr ber arme SJlann non 
©efucgen junger Wogten uberlaufen wirb, unb wie ei einem Spanne, 
ber felbfl nur mit SDlüge ei ju etwa« gebracht, einen Oenuf ge* 
wägren mufj, junge dünner ficb ganj felbfl ju uberlaffen, unb ju 
fegen wie jebe tüchtige Äraft fich trog atlebem felbfl 33agn brechen rnuf. 
3ch fege ba« 31ließ recht wohl ein, aber meine 9lu«fi«bten werben baz 
burch um 9licgt« beffer. 3<h fann X)ir’« jegt wohl gefiegen, baf) 
ich fc^on oft, fegt oft einjelne ©ebicgte, bie — glaub’ ich — wogt 
wa« 93efjre« Serbien t hätten, an oerfcgiebne 58latter eingefcgüft habe — 
aber immer ogne ßrfolg. Slucg bie SRebaftion beO SRorgenblatt«, an 
bie ich boch vel quasi empfohlen war, fcgweigt noch immer. ©u 
wirfl barüber ©ich wogl fegt ereifern, mein lieber 93ereli; mich hat 
ei für SRomente oerflimmt, aber icg rnufj ei boch begreiflich finben ... 
3n ben paar SBocgen feit ieg gier bin, gäbe icg mich nur wenig mit 
^ogfte abgeben fönnen; SSefucge, ©efellfcgaften unb »or 2ltlem ber 
burcg ba« neue 3lmt meine« Sater« 1 nötgig geworbne 2Bognung«z 
wecgfet, welcher mich jwingt, augenblidflicg halb gier halb bort ;u 
wognen unb nie recgt ungeflort allein fein läfjt — ba« Sille« hielt 
mich ab. 3n wenig Sagen wirb ba« Slnber«; bann will icg fogteicg 
an bie fcgleunige 3lbfcgrift unb Säuberung ber gefammten @amms 
lung gegen unb fie »ielleicgt an SBtocEgau« fegicfen ober auch «n 

3ulian ©cgmibt-3<h wünfcge umfo megr, mit ben ®e* 

bicgten halb ju ßnbe ju fomrnen, weil icg halb an neue Arbeiten 
gegen will. ©onfl werbe icg gier im 3lllgemeinen auf mein 2te« 
ßjamen lo«arbeiten unb wagrfcgeinlicg — erfcgricf nicgt! — im fla* 
tiflifcgen löureau arbeiten, ß« finb 2—4 ©tunben täglich, bie mir 
aber ficger »on 9lu§en fein werben, ba ba« 35ureau muflergaft ge* 
leitet ifl. langweilig wirb’« fein, aber e« wirb Dliemanb ein STOann, 
ber ft«b nicgt gehörig gelangweilt gat. 2Bie lange icg gier bleibe, 
weif icg nicht; ben ©ommer über ficger; ber oielen gübfcgen SKäbcgen 

1 SmtfcgM Sßatfr »at am 80. ®«j. 1864 jum @o«wtntÄt von Drrfbm «mannt 
tootbcn. 


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ttpril 1866 . 


299 


wegen michte id) beinah wünfchen, auch im (Sinter; ober eö wirb 
fieser beffer fein wenn ich im $erbfl nach Berlin gebe. Denn (eibet 
tonn i<b bi« je$t noch nicht fagen, baf eö mir hit* gefüllt; ber 
gamilienfret« unb bie f«honen ^ferbe meine« (Batet« ftnb fo gieralich 
ba« eingige Srfreuliche. 3cb fühle immer mebt/ baf ich mit meiner 
gangen (Richtung ooUfidnbig ifolirt baflehe. greunbfchaftlicben Umgang 
finbe ich wenig ober gor nicht — nur ©utfehmib — unb ich bin 
(ang genug mit £eib unb ©eele ©urfd) gewefen um biefen (Mangel 
auf« ©chnterjlichfle gu empfinben ... ©efonber« flarf hoffe ich aber 
auf einen (Brief von Dir, mein lieber 3unge. Da fchreib mir wiebet 
roa« t>on bem herrlichen ©üben, non Gütern gefchichtlichen ©oben, 
©uren ©ergen unb (Sdlbern unb — Suren Kneipen. Die ftnb hoch 
ein J£>immel«gut; hier fehmeeft mir fein (tropfen mehr in ben fletfen 
(Reflaurationen, n»o Weber wirtlich gewdblte ©efellfchaft, noch wirf* 
liehe« fflolBleben gu finben ifl. — (Seift Du ein feh&ne« poWifche« 
(Bert, fo nenne mir’« ja. £ingg’« ©ebichte fchmdbfl Du übrigen«, 
meinem ©efehmaef nach, ntit Unrecht. (Manche« ifl nicht gang natür* 
(ich; viele ©ebichte blof ©enrebilber, hinter benen fleh gufdllig ein 
biflorifcher ©ebanfe geigt, wenn man bie Ueberfchrift gelefen bot, 
benen aber ba« wahre biflorifche £eben unb befonber« bie ©eflaltung«* 
traft fehlt — aber »iele ftnb tro$bem wunberfchon. Unenblich be* 
beutenber ftnb bie beiben Dramen Otto £ubwig«, ber Srbforfler unb 
bie (Maltabder. Da« erfte ifl oon einer wunberbaren (Raturwabrbeit, 
nicht bie (eifefle ©pur oon unb SReflejrton; letber »erbirbt e« 

ber grauenhafte ©cbluf, ber gang im ©enre ber @chicffal«trag6bien 
gehalten ifl. Die (Maffabder ftnb al« Drama weit minber oollenbet, 
aber hinreifenb burch ben ©eifl be« religiüösnationalen ganati«mu«, 
ben ©eifl be« Jjerm, „bem alle Jjimmel beben, wenn er fchilt". 
Diefe beiben ©tütfe ftnb nebfl Hebbel« „©ernauetin" (feinem einfach* 
fchbnen, aber leiber auch burch ritten unnatürlichen ©chluf oerborbnen 
neueflen ^robufte) bem ©eflen gugurechnen, wo« unfer Drama feit 
S) Äleifl geboten h«t *. — Sin anbre« ©uch muf t Du auch noch lefen, 
(Mommfen’« romifche ©efchichte, ein wiffenfchaftliche« (Bert, aber fo 
recht mit bem ^ergblute eine« @chle«wiger«, mit bem gangen £ome 
eine« bittren erfahrung«reichen £eben« gefchrieben. (Benn Du ba« 
wiebetftnben willfl, wa« h«ute in ben ©eflen unferer (Ration lebt. 


l ©gl jpiftaT. unb tyotit Vuff&fct 1, 472f. 


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300 


®toi 1866 . 


ben inbrünffigen 4j>aß, wie ifm nur rin gemißhanbelteg 93olf hegen 
fann: — fo lieg bag 93ilb, bag SDt »on J^annibat entwirft — 
Schreibe halb; Drin SBunfch einer regelmäßigen ÜEorrefponbenj 
fonn jeßt leicht in Erfüllung geben; ich wenigffeng werbe hier nur 
an SBenige, biefen aber auch regelmäßig fchreiben: — bag ift ja in 
ber Sinfamfeit bag größte Vergnügen, ©rüße Stubolph unb benfe 
freunblich 

Drineg 

Jheinrich 3> 


181 ] «n Wubolf ©<b«Ufe. 

Dregben, STOai 27. 55. 

SDletn lieber ©chelgfe! 

-3cb will Dir nicht ad bie Üteinen Umftänbe aufjäßlen, 

ad ben Reinen £wang f<hi(bem, ber mit einem ^hüifterium im SSaters 
baufc unb in einem nicht febr angenehmen größeren 93erwanbtcnfrrife 
unjertrennlid) »etbunben iß. 3<h wüte rin Dhor, wollte ich bag 
anberg oerlangen ober mich baruber beflagen. Daß ich ober hier noch 
nicht ein ©efpräch geführt habe, bag nicht ebenfo gut ungebrochen 
wäre; nicht einen SWenfchen fenne, oor bem mir nicht jebeg ffiort 
über bie Dinge,, bie mir bie hedigften finb, jur Unmüglichfeit würbe; 
baß bie intereffantefte Unterhaltung, bie ich hier führen fann, bie mit 
©utfchmib, (Richtg weiter bietet atg gelehrten ©ebächtnißbadaft; baß 
ich noch nie einer fronen 99egeifterung ober Jener braoen Derbheit 
begegnet bin, bie ber ©runbton jebeg offenen Freunbfchaftg»erfehrg 
ift — bag fann ich nicht fo leicht »erfthmerjen. Damit ift natürlich 
OUchtg über unfer Familienleben gefagt; bag ift fo gtüdfrich unb freunbs 
lieh atg möglich, aber täglich mehr fühle ich, baß eg nicht ber Drt 
ift für mein Sllter. 3n einer Jjinficbt ift mir bag Dregbner Sehen 
entfehieben »on Otugen: ich lerne burch ben Rugenfchein immer Rarer, 
baß bie Rnfichten, welche ich mir nach unb nach über unfere potis 
tifchen Skrhältniffe gebilbet, boch nicht feere Sbeologieen fein fönnen. 
SBenn ich biefe frioofe föornirtheit fehe, womit mir ). 99. neulich ein 
IBerwanbter (eine ^ietbe »omehmer Greife) rieth, ftatt ber Docentem 
carriere, bie ftch für Seute „»on (Jrjiebung" nicht hoffe, boch lieber 
bie ©tadcarriere $u ergreifen*; wenn ich bebenfe, wie felbft ber beffere 
Dheil tiefer Greife jwar ju »iet 5£aR hot um biefem $eroigmug ber 
1 93gl. Jpiflot. u. ^poltt. Vuff&ge 3,89. 


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9Roi 1866. 


301 


©ummheit beijuflünmen, aber im Stillen bodj (eine anbre ablige 
©efchöftigung anerfennt al« ben ©liflwagen unb ben Erercierflocf; 
wenn t<h biefen Knbttcben Eifer fehe, womit man jeben (Stritt unb 
»tritt ber „Sfrmfd}aften u vergöttert; ober gar wenn ich mein beffere« 
Selbfl auOjiebe unb mich in bie unergrünbfiche 9Bei6beit föchfit« 
SRegierungOblitter 1 vertiefe — bann habe t<h jwar alle Urfacbe empört 
§u fein, aber boch ben fhllen Striumpb, baf ich recht gehabt. — Solche 
Erfahrungen befldrfen mich m ber lieber jeugung, baf unfre oiel be* 
Flagte polttifche 3ntoleranj hoch ihre fehr guten ©rünbe hat. — 

... eine £eit lang war ich feb* unlufHg unb mit mir felbfl uns 
jufrieben. 3eft fange ich wieber an, an ber Arbeit ©etmaef ju 
finben. Sorwiegenb treibe ich ©olitif unb fuche mir burch hifforifche 
Stubien ein flareO Söiib ber vergebenen Staatvformen ju hüben. So 
habe ich in ?eo’« herrlichen ©ortefungen über ben jubifchen Staat 
(natürlich ftnb fte gehalten bevor ber b*üige ©eifl über ben ©tonn 
lam) eine anjiehenbe EharaFteriflif ber £beofratie gefunben. — 9lm 
Reiften befchöftigt mich ba« Sammeln, ©urcharbeiten unb Eopiren 
meiner poötifchen Arbeiten, Striumphire foviel ©u willfl — ich gebe 
©tr gern ju, baf mir ber SRepulO von Eotta recht gefunb gewefen 
ifl. 3ch bin je$t flrenger gegen mich geworben, unb eö ftnbet pef 
©iel ju önbern unb ju fhreichen. 2Baö ich fch*>n abgetrieben hob 
ich meinem ©ater gejeigt. E« thut mir wohl ju feben, wie er, ber 
jefct leiber Mnflieh unb oft verflimmt ifl, fich baran freute; er mochte 
ft wohl glücflicher Stunben babei erinnern, er hat felbfl alp junger 
©tonn manche recht hübfehe ©erfe getrieben. — ÜBie ich e« möglich 
gemacht habe, bür einige ©erfe ju machen, worunter ein paar gut 
ftnb, ba« ifl mir felbfl unHar. ©enn bie £age gehn in graufamer 
©Monotonie hm? ©lorgen«- ein 9titt — ber ©lanjpunft beO Stage« — 
bann ju #au« — ©achmittag« in« Eaffeebau« jum -Seitunglefen — 
Slbenbo in ber $ami(ie — jum Schluß ein Stünbchen auf meiner 
Stube, wo ich mir au« meinem ©arterrefenflet ben herrlichen ütnblicf 
einer grünsblauen Scbübwache bei ©tonbfefein gönnen fann, unb ©lufe 
habe barüber naefjubenfen, baf ba« geben hoch fehr arm ifl. ©ann 
unb wann eine ©efelltaft ober ein Eoncert; ein ©efuch in ber 
©aüerie, bie nöchflen* gefchloffen wirb um ju Enbe beO Sommer« 
im neuen ©iufeum $u prangen; fetten eine ©per ober ein ©rama, 
fo neulich ber SBattenflein, ber nicht befonber« gefpiett warb, mir aber 
1 Sfflfou vu $olit ttuffdfe 4,104 f. 


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302 


Sai 1866. 


wieder einen ungeheuren (Jinbrucf machte; aber nie ein fröhliche* 9»* 
fammenfein mit greunben. £> 5unge, ich miehte ©ich hkt herben 
um wieber einmal ein rechtfchaffen wahre* ffiort )u hüten. £> memt 
©u tannft fo mache ©einen 9>lan wahr unb siehe in ben Serien nach 
Sofchwif. Suer granfen ifi jwar fchün ... Stber ich glaube auch 
nach Stonfen wirb ©tr ba* Slbthal gefallen. Äugeitblicflich ift unfre 
glorreiche £cit: unfre Dbfhvälber blühen, alle Serge finb weif unb 
roth, bie Stühling*fonne macht bie Sranfonenfarben fertig; wenn ich 
borgen* burch bie Selber reite, geht mir ba* Jperj auf; im Salbe 
geht fo ein prächtig golbne* Sorbenfpiel, baf ich manchmal juh&re 
wa* er fleh erjdhlt, wenn auch nicht grabe $utli$fche Gefehlten ba? 
hei herau*fommen. Sur einen Stcunb rnüchte ich babei hoben, um 
etwa* mehr von ber ^errlichftit ju hoben, a(* blofe Xräume . . . 

3ch höbe eben mit vielem Sntereffe Stehtag* neuen SRoman „©ofl 
unb #aben" gelefen bi* sum Snbe be* 1. Sb*. €* fehmeeft etwa* 
nach ben ©renjboteti unb ifl weniger ba* Serf einer bebeutenben 
poCtifchen Xraft a(* eine* feingebilbeten eblen Sanne*. Bie 3bee 
ifi vortrefflich: er will ba* beutfehe Sott in feiner Xüchtigfeit fuchen, 
bei feiner Arbeit, fo giebt er bie @efdrehte eine* Kaufmann*. ©a* 
iff fehr loben*werth, benn wir fennen offenbar ba* englifche tägliche 
Sehen beffer at* unfer eigne*, ©a* Such reist unwilttürlich su Set? 
gleichungen mit ben SRittern vom Seifte; fte fallen fehr gänftig au*: 
feine ©pur von forcirter Seiftreichthuerei unb jenem grofen Apparat 
von maffenhaften ^erfonen unb holbwahren ©ebanfen, womit ©ugfow 
imponiren will. Sefonber* fd)6n {ft bie ©chilberung einer Sugenb? 
freunbfehaft jwifchen 2 Scuten, bie ba* beutfehe unb ba* $)anfees®efen 
barftetlen. Sich S t( ht ba* Such befonber* an, weil e* eine Srt Sio* 
graphie ifl. Sei einer folgen fchrittweifen Sntwicflung eine* (Sharafter* 
wirb man fleh »on felbff feiner eignen Sntwicflung bewuft, bewahrt 
fleh vor bem Sota(i*mu*, ben un* ba* Sehen fo oft aufbrängt, unb 
lernt wieber bie alte Sahrheit, bie man nicht oft genug hüten tarnt, 
baf ber Sann fieh fein ©ehieffol felbft fchafft- 

9tochmal*, fei mir nicht büfe wegen ber Sersügerung. 

©ein 

Heinrich Xt 

-XrJfie mich mit ein 9>aar feilen ober tomme in ben Sttien 

felbfl unb rette mich vor Seutnant*, Xanten unb filtern ©uff- 


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3nti 1866. 


303 


188] 8n Otabolf URottin. 

Dre#ben 22/7 55. 

ÜRtitt litUt SDtarqui#! 

. . . SJtein geben gebt fegt aßerbing# traurig genug feinen 
Gang, aber — einige troßlofe ©tunben ausgenommen — bin i(b 
wenigßen# oon meinen ^icftgcn oerßmpelten SBefannten no<b immer 
ber gufHgße... Hßerbtng# bube ich manche $reuben, bie ich anbet* 
»Art# oergeblicb fucben mbcbte. Dawifon als ©hptocf, bie ®eper 
at# Dphelia )u bören (ober/ wie icb leiber fagen muf, nur )u (eben) 
— ober an einem monbbeßen 2lbenb unter ben Ätängen einer Seethooen* 
ftben ©pmpbonie auf ber Sruhlfcben SCerraffe ju ßgen unb ben ®teber* 
fcbetn erhellter Sröcfen unb Käufer im Haren Klbfpiegel ju bewun* 
bern — ober am frühen ÜRorgen auf mutigem ^ferbe burcb ben 
ßhweigenben ®alb ju reiten — ba# finb SÄße# ganj fcbine Dinge. 
9ber bie bloßen Datßellungen menfcblicber ©ebanfen ßnb nur ein 
halber ©enuf, ba# einfame £r<$umen auf bie Dauer hbcbßenS fcb<5bs 
lieb: — ich »iß SWenßben ftben unb mit ihnen leben, mich in fie 
bineinleben unb ihnen Stwa# fein — ba# iß mir ein hoppelte# 95e* 
bfirfni#, »eil ich »egen meine# geiben# oon einer bloßen Unterhaltung 
mit gremben nicht einmal einen augenbtidHicben SReis bube. 3<b oer* 
lange nicht, baß Hnbre mit mir obßig hormoniren foßen, ba# iß ein 
@(&<f, ba#, glaub’ ich, felbß bie ibealße greunbfepaft nie, nur bie 
giebe bieten fann; boeb ein ®erßänbniß »enigßen# für ba# »a# mir 
am Meißen am $erjen liegt, wönßhe ich bei Hnbren ju ßnben, »enn 
ße mir auch auf# ©chroffße wiberfpreeben. Da ßeh Dir aber mal 
meine h><ßs en Gebannten an. Da ßnb einige geipjiger Kommilitonen, 
»a# man fagt recht nette Äerlö, aber fo blaßrt unb apathifcb/ baf 
ße, bie 4 Sabre lang ben Korp# auf# Jjeftigße opponirt hoben, fegt, 
wo ihre Skrbtnbtmg felbß Korp# geworben iß, nicht einmal ben Sföutb 
haben ßcb oon ihr loSjufagen. Darau# magß Du auf bie Konfequenj 
ber geute in größeren Dingen fchliefen. Da ßnb ferner eine Sföenge 
geutnants; ein $aar oon ihnen ßnb »irHich recht lieben#»hrbig, aber 
ba# Hnjiebenbße wa# ße bieten iß hoch nur ber 9tei$ ber Äomif, 
wenn ße ßch mit rfihtenber Unwiffenbeit über politifche Serhißnifft 
auofprechen. SBeitau# mein liebßer Umgang iß mit ©utfdjmib, einem 
grunbgelehrten Jjaufe, ber aber in unetgr&nblicher 9>rofa unb in ber 
Abneigung oor aßen ©efpräcben, bie ßch nicht auf hißortfehe ober 


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304 


3uU 1866. 


philologifche ©etait* beziehen, feine* ©(eitlen fucht. — Run, hoff 
ich, tobelfl ©u mich nic^t, baß ich «nich balbigfl fortwünfche. SReine 
©chilberung ifl wahrlich nicht übertrieben; ich hin je$t fehr befcheiben in 
Seurtheilung Hnberer, befonber* feit ich SP**’* ©«hicffal erfahren... 
3ch höbe nie tiefer gefehlt, welche* hunfle unerforfchlich« Räthfel ba* 
Jj>erj felbfl be* unbebeutenbffen SRenfchen verbirgt ... feit 3Xitte 
*Rärj bin ich feine Rächt au* ber ©tobt gewefen, Hnfang* war ba* 
9Better, nachher eine unfmnige magnetifche Sur bran fchulb; ba muß 
ich niich benn mit Heineren ©age*fpri|en begnügen. @o hübe ich 
neulich bie wunbervotten SSafalte von ©tolpen gefehen (bie 9tolanb*s 
ecfer unb bie ber 8anb*frone ftnb wirtlich Rieht* bagegen) — 3m 
SBinter gehe ich hoffentlich nach ©ittingen; bie Sefmfucbt bieß jtoecfc 
lofe ^hilifWren ju beenbigen ifl groß; auch ou* wiffenfchaftlichen 
©rünben bringt mich* fort; ich höbe fogut wie feine litterarifchen 
#ilf*mittel unb lefe baher plante* wa* ich grabe finbe. SRohf* neue* 
SBerf 1 habe ich mit großer gteube bewältigt; ich feb* aderbing* feinen 
^)lan barin unb fürchte, e* wirb Anfänger eher verwirren al* orien* 
tiren — trofcbem ifl* ein Rerbienfl, wie e* fich nur SRohl erwerben 
tonnte. Hm geifbollflen ifl unfhreitig ber Hbfchnitt über bie ©efetfc 
fchaft*wiffenfchaft; inbeß fann ich ben Refultaten be*felben, trog ade* 
aufgebotenen ©chatfftnn*, nicht beiflimmen unb buchte fchon baran 
in bie £tfcht. f. @t2Biff. einen längeren Huffafc bagegen )U fchreiben. 
Hbet bie betreffenbe Sitteratur fehlt mir gänzlich unb ich muß ben 
SBinterfelbjug gegen SRobl bi* ©üttingen auff«hieben 2 . Huch ©et* 
vinu* neueffe* 2Berf höbe ich gelefen; e* ifl vortrefflich, ba* fiebt man 
fchon barau*, baß e* in ßeflreich verboten worben*. 3ch wünfehte, 
bie übrigen (Staaten folgten biefem 93eifpiele, bann würbe ba* 58u<h 
befannter, at* e* bi*her leiber ber galt ifl; ich weiß nicht, fotl ich 
biefe ©teichgültigfeit be* 9>ublifum* unfrem SKangel an politifcher 
Söitbung jufchreiben ober ber Hbneigung vor jener „$eit be* £ruge* 
unb ber ?üge", bie ©. fo berebt fchtlbert. ©ir will ich e* hiermit, 
al* SRatgui*, ÜJtenfch unb ©iplomat, bringenb an’* JJ>erj legen. — 
SDleine ©ebichte höbe ich je§t burchgefehn unb gefammelt, auch ifl 
#trog bet ungünfligen ^eitverhältniffe" einige* Reue hinjugefommen; 

1 Di e @cf<$u$te unb 2iteratur ber ©taatlwiffenföaftcn. 2 Die ff Äritif würbe 
bai Xfjema non Xreitfc^frt £abilitfttion$f<$rift. 8 Der erffc SBanb non ©ec: 
ninul’ ©ef$i$te be$ 19. 3a$r$unbert* erf$ien 1865. Xreitfäfe* iHejenftonen 
ber fiteren D&nbe #iffor. u. ^>o(it. Xfuffd^e 4,683f. 637f. 655f. 


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905 


aua# 1866 . 

/ 

nun liegen bie Sachen jiemlich fertig ba; ihr weitere* Schicffal wiffen 
bie ©ötter-- 

Du ober/ lieber SWargutö, laff Dir* in €urem feinen Jj^blbg, ba* 
ich in furjer 3eit ungeheuer lieb gewonnen habe, nicht allguwobl werben 
unb fthreib mir halb. 

Dein 

Heinrich 2> 


133] 9bt 83a<$matm* 

ÜRein Heber Stahmann! 


Drebben, 12/8 65. 


-SJlan wirft un* mobemen SWenfcben bie ©ielfeitigfeit 

unfern Sntereffen, bie 'Jerfplitterung unferer Ärdfte vor/ bie golgen 
ber boebgrfhegenen 2fcbrit*tbetlung be* ©eifte*. 3<b glaube/ bie $ebt* 
feite biefer ©erböltniffe ift ein Raffinement be* Sgoibmu*, ein $u(tu* 
be* eignen 3<h« ®* giebt brüte feinen ©eruf mehr, wie ber be* atbe* 
nifeben ©ürger* war/ bem man ficb mit naivem ©tauben/ mit feinem 
ganjen Selbft bingeben fönnte. Unfere Berufe flnb berart/ baff fte 
nur einen Xeil ber @eifte*frifte in 2tnfpru<b nehmen; unb unfere 
öffentlichen ©erböltniffe in Staat unb Jtircbe entfpreeben fo wenig 
ben ©«griffen ber ■&*/ baff man felbft biefe* einfettige SBirfen im 
©erufe nicht mit ber rechten greubigfeit übernimmt. Die folgen 
flnb flar. Der gewöhnliche 9Renfch gebt/ wie man fälfcbtich fagt, 
ganj in feinem ©etufe auf; ba* wäre in naiven «Jetten ein £ob, heute 
ift* ein labet, weit e* nicht wahr ift: man tbut eben nur mechanifch 
„feine Pflicht* unb (Afft feine übrigen ©eiftebfröfte verborren unb 
vertroefnen. Der benfenbe Sttenfch bitbet fleh neben feiner fchaffenben 
Dhötigfeit noch ein „belfere* Selbft" (ba* ift ba* wahre Stichwort 
für biefe reflectirte Sluffaffung), nicht um bamit nach Stoffen ju wtrfen, 
fonbern um bie taufenbföltigen Sntereffen unfere* £eben* auf ftch ein* 
wirfen ju (affen. Da* ift natürlich; benn ber eingig wahre Xroff 
ben e* giebt für bie Sinfeitigfeit unfrer ©erufbtbötigfeit, ber ©ebanfe 
einem groffen ©anjen anjugebören at* „ein Jjatm im groffen ©arben* 
felbe" — biefer Xrofl ift un* verfchtoffen/ weit wir mit Recht fragen, 
ob ba* gelb unferer öffentlichen ©erböttniffe nicht btoff taube grüebte 
trögt. So ift* begreiflich/ baff wir un* auf un* felbft §utücfjtebn, 
aber e* ift unverantwortlich/ welchen troffen Sgoi*mu* wir un* ba* 
l 20 


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306 


ttiguft 1866 . 


6« ju ©efeulben fommen (affen. Du wirft unter unfren Scannten 
nicht lange ju fuchen brauten, um feltfl unter tiefen jungen Leuten 
(feltfl) Xeute ju finben, tie ganj harmlo« fagen: Den Umgang tiefe« 
SDtenfchen wid ich fuchen, er fad müh anregen/ er fod mangelhafte 
©eiten meine« Sbarafter« ergänjen. Da« fagen fie in ter heften &b* 
ficht fich feltfl ju »er»od!ommnen; ater/ fo reflectirt, fo bewuft wie 
e« au«gefproehen wirb baf man anbre SJlenfehen alö unfrei/ a(« SXittel 
für un« feltfl anfiett/ fo ift« ein unerhörter Sgoiömu«. Diefer Sultu« 
be« eignen 3ch ift« auch/ ter mir bie (Berliner Greife ber Stabel it v 
ja feltfl bie unprobuftioen $erfonen ber großen SBeimarer -Seit bureh* 
au« ungenief bar macht. Sine glänjenbe 3fu«natme macht aderbing« 
ba« (Berbältnif »on ©öthe unb ©dritter; ^ter ift ein bewußte« 
@ich*ergänjen jweier grunboerfchiebener Staturen, ater nicht ju ego* 
ifUfchem £wecfe, fonbern ju ©unflen ber haften menfchlichen (Be* 
flretungen. — 3<h glaube, man fängt heutjutage fett energifch an, 
fich »on tiefer unfruchtbaren ©chtngeifterei ab* unb auf adgemeine 
3ntereffen hinjuwenben; fchon ba« 3lu«jletben ber Xagebuehet, ©eitfl* 
befenntniffe tc., biefer #auptnabtung«mittel ber ©elbflbefpiegetung; 
fchon unfer ganj umgemanbelte« politifcheö ieten (wenn e« auch 
traurig genug ift) fcheint mir bafur ju fpreehen. — 3ch für meinen 
S£b«d habe in biefer $inficbt mir »iel »orjuwerfen, ich habe meinen 
tlntheil am (ffieltfebmerje getragen unb trage ihn noch; aber ba« 
©treten bie inbhribuede 3fo(irung aufjuheben unb al« 5th«d «ne« 
größeren ©anjen mit allen Kräften ju wirfen, wirb mir immer 
lebenbiger; ich erfahre an mir feltfl Jjegel« 2Bort, baf ber SJienfeh 
bei junehmenber (Bilbung immer concreter wirb. Slber ich fühlt/ baf 
mir biefer ©ebanfe noch nicht fo recht in Seifet unb (Blut über* 
gegangen ift; ich fühl«/ baf mein biefige« £eben — (ba« mich ganj auf 
mich feltfl anweifl ohne jeben concreten £wecf) nicht geeignet ifl, ihn 
jur Steife ju bringen. Darum bin ich j«§t weniger al« je ju ©elbfl* 
betenntniffen aufgelegt, barunt habe ich auch thbrichterweife ben (Brief* 
wechfel mit Dir liegen gelaffen, obgleich mein (Bewuftfein fowohl, 
wie Deine 9>erfönlichfeit mir bafur bürgen fonnen, baf fich jwifchen 
un« feine ©elbftoergötterung eingefchlt'chen hat. — 

Da« ifl aber nicht ber einjige ©runb warum ich Dir fo un»er* 
antwortlich fpät fchreibe. 3«h habe meine ©ebichte fegt entlieh »er* 
»odflänbigt unb gefammelt . . . Ueber ben 3nhalt tonn ich nicht 
wohl eher mit Dir reben bi« Du fie feltfl in Junten faft Stur fo 


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«US»# 1866 . 


907 


Siel: btc Stabführung »fl m ungewöhnlichem Waße hinter bet Slbßcht 
)urucfgeblieben. 2hh werbe fte trofjbem oerbffentliehen, weil ich jeßt 
meinen SJeruf jur hoffte erfannt )u haben glaube unb enblich einen 
Schritt bafür tbun muß; eb (»egt im SBefen bet Aunß, baß fie an 
btc ßeffentlichleit treten muß; nur burch bie fBeröffentlichung werbe 
ich recht einfehen fönnen, toaS mir noch fehlt. — «Kein Sater, non 
bem ich/ feinen gan) abweichenben Slnficbten nach/ entfehiebenen ffiiber* 
fpruch erwartete/ hot wir neulich oon freien Stücfen jur Verausgabe 
gerathen. ©ab ift mir hoppelt lieb/ eb erfpart mir einen Sonßict, 
ber mir fehr fchmerjlich fein würbe/ unb ifl mir eine SJürgfchaft, baß 
bie @ebi<hte boch nicht gan) werthlob ßnb . . . 

3ch trage mich je$t mit oerfehtebenen bramatifchcn $tänen aber 
ohne bisher bamit inb Steine ober über bie Ueber)eugung beraub« 
gefommen )U fein/ baß bie Ataft jwifchen bem Spob unb bem ©rama 
eine ungeheure ifl. ©ort ifl mit einer lebenbigen $>bantafie unb einem 
fühnen unbefangnen Slnfaffen beb Stoffes bab Weiße gethan; hist 
wirb eine Alarbeit beb Urtheilb/ eine Steife ber Sitbung noch )u jenen 
fugenblichen Sigenfehaften b»n)u fo gebieterifch geforbert, baß ich 
manchmal ocrjwcifeln möchte. Natürlich richten ßeh meine Slbßchten 
auf bab hiflsrifche ©rama. Sb Hingt parabo;, ifl aber unbeflreitbar/ 
baß unferem Sitter große gewaltige Aataßropben viel näher liegen/ 
viel oerßänblieher ßnb alb bie Keinen SerwicHungen beb Sußfptelb. 
Sin Vauptjammer ifl auch uttfre mangelhafte Aenntniß ber grauen. 
Wab meine Srfahrung barin anlangt/ fo erßreeft ße ßeh außer auf 
meine Wutter unb einige alte £anten nur auf einen fehr befehränHen 
Äreib junger Wäbchen, oon benen ich im Srunbe nicht viel mehr 
fenne alb ihre tomifchen Seiten — »on anbren grauenjimmern, bie 
ihrer Statur nach gan) außerhalb ber Aunß liegen/ )u fchweigen. 2Nh 
glaube/ ben Weißen meiner greunbe geht eh nicht viel beffer; bab £u« 
fammenlcben ber Sefehleehter iß fo lofe/ baß wir in ©efellfehaften 
oon ben Wäbchen fetten mehr hohen alb ein Sefpräch über gleich« 
gültige ober abgefchmaefte ©inge. — Sinen großartigen grauen« 
charafter hohe ich Har oor Stagen, ben ich flat )u gern )u einem 
bramatifchen machen möchte — ich meine bie Siegbrit/ bie Wutter 
ber Geliebten Shrißiem’b 11/ jme gewaltige alte Vollinberin, in ber 
ßch bie Stäche gegen bie Wörber ihrer Xochter unb ber Hbfcheu gegen 
eine frioole 3untetroirtbfeb«ft )u einem wahrhaft bämonifchcn Vaffe 
eoncentriren. Slber abgefehen oon ber wiberßrebmben Statur beb 

30* 


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906 


fegt# 1866 . 


gangen in ©tut unb ©rduel getauften ©toffet — ich (ann für 
ben gelben bet ©efcbicfjte/ jenen (Sbriftiern, nicht warm werben, bev 
nach alten feinen $revetn guleft hoch ben topf vertiert unb mutbtot 
unb etenb untergebt. Da« ift pfpcbotogifcb febr gut aut ber Statur 
bet Slprannen gu erflären, ift aber immer nur ein patbologifchet, (ein 
bramatifchct Problem. — ©och laf müh von biefen ©tönen ob« 
bre<ben. ©rabe bei no(b unreifen ©ebanfen geigt ftcbt am ©eut« 
tichfien, welch ein fchtechter (Erfafc ein ©tatt Rapier ift für bat tcbenbige 
SBort . . . 

Stuf eine nähere ©cbilberung meinet biefigen Sebent witt i<b nicht 
eingebn. 3<b entbehre ©ietet wat mir (ieb ift unb war baber lange 
£eit mifgeftimmt unb ungerecht gegen manchet ©chbne woran ich 
mich freuen (ann. 3ch lebe gwar einfam genug/ höbe aber wenigftent 
an meinem ©etter ©utfchmib einen wenn auch f«b* einfeitigen hoch 
geiftreichen unb braven greunb. Unb baf Jtunftgen&ffe wie bie 
©awifonfche ©arftedung bet ©bptod aber bie Stuffubrung bet 3bo* 
meneut von ©togart fetbft auf mich/ ber ich fie nur tbeitweife ge« 
niefjen (ann/ binreifjenb wirten muffen/ bat wirft ©u bei bem be* 
wahrten Stufe unfern ©übne, vor ber fleh ber innere SBcrtb ber 
©erliner verfriechen mu§, wobt glauben. — Seit ©fingften fcf>on 
gebrauche ich eine magnetifche <5ur, bie mich fbrpertich feb* ermattet 
unb auch geiftig burch fortwdbwnb geweette unb getöufchte Hoffnung 
abfpannt. 3e|t enbtich werbe ich ft«/ alt offenbar refuttattot/ faden 
taffen. ®ie bat mich auch teiber ben gangen Sommer über an bie 
©tabt gefeffett. — Sehr intereffant war mirt in ben jefct gtucttich 
gu @rabe getragenen fächfifchen Kammern ben ©tifrototmut biefer 
gangen Slea(tiontgeit gu betrachten, ©ie int ©pftem gebrachte 3m« 
poteng/ bat ift ihr ^barafter, bie vodftönbige Unfdbigfeit etwat gu 
fchaffen/ befbalb bie finn« unb rechttofe Stüctfübrung verjährter ©tifj« 
brduche. Unb bem gegenüber eine öppofition, bereu geigbeif-unbe« 
greiftich fein würbe/ wüfjte man nicht wie bie Kammer entftanben 
ift; bat ift ein trauriget ©ectamiren gegen ©inge/ bie nur ©pmptome 
attgemeiner ©erberbtbeit finb flott auf ben Öuett bet Uebett gur&ct* 
gugebn. ©tan beantragt nicht bie ©erminberung unferet fibergrofjen 
leeret/ fonbem mäfelt an bem ©ebattc jebet J^auptmannt, wo benn 
bie Stegierung mit Stecht fagen (ann/ bat müffe fie fetbft am ©eften 
wiffen; man töft ftch bie unerhörte ©erfaffungtver(e|ung gefaüen, 
baf bie Stegierung ohne bie ©tänbe gu fragen bie @tabt«©oligei in 


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®rrttxn aufgehoben unb mit enormen äoften eine fg l 9>oIigei ein* 
gerichtet hat — unb mäfelt flott beffen wegen ber paar taufenb Sthaler, 
bie ba« Solijeihau« gefoflet tyd ufto. <5« ifl fchwer, bem gegenüber 
nicht ganj bitter ju werben. <5« ifl ba« übrigen« biefelbe Halbheit, 
welche b*ute burch bie ganje beutfehe Oppofttion geht. Ueber bie 
finblictye Naivität ben beutfehen SWinifterium 1 ben Setbfbnorb juju* 
muthen, oon ihnen ju verlangen fich ben Schemel/ worauf fte flehn, 
bie rufftfehe ^ilfe, unter ben $üfen wegjujiehn! Unb merfwürbig! 
felbfl 0. ©iejel, ber bie Xhorheit folcher ©erlangen an bie gegen* 
wdrtigen Gewalthaber grünblich einfieht/ muthet un« jur Teilung 
unfere« politifchen Sammet« einen neuen SRücffchritt ju, bie Ser* 
nichtung unfern politifchen Parteien, ©u hoff vielleicht feine neuefle 
Schrift 1 gtiefen; ich hübe SDlübe gehabt mich bavon nicht blenben )u 
laffen/ je§t ifl mir« flar, baf bie Silbung einer rein nationalen Partei, 
bie nur gegen ben ruffifchen ©nfluf gerichtet ifl/ eine Sthorheit wäre, 
fffiir fottten bem Schicffal banfen, baf wir au« bem grofen Schiff* 
bruch unferet nationalen Hoffnungen wenigffen« bie Elemente einer 
Sarteibilbung gerettet hoben- <£« ifl ba« ein Reichen/ baf wir ein 
wenig Rarer über unfre 3werfe geworben finb. Solche Sarteiunter* 
fchiebe ju vertvtfchen, baju gehört ein ganj birefter frember ©rurf, 
nicht ein blof moralifcher nur wenigen ©ebilbeten fühlbarer. Sn ben 
gtttheittfriegen war aUerbing« eine folche Serwifchung ber Parteien 
möglich unb nüftich, aber auch batnal« nur währenb ber Aufregung 
be« Äriegeö. 9lachh«r, im Stieben/ finb bie patriotifchen Hoffnungen 
grabe baran gcfcheitert/ baf wir feine Parteien hatte[n], baf 9liemanb 
wufte wo« er wollte/ baf felbfl ber ftarfle Staat«mann jener Stage, 
Stein, jiemtich gleichseitig mit 3 ganj verfchiebnen $länen einer 
fReugeflaltung ©eutfchlanb« auftrat. — $ragfl ©u, wie ich niir bie 
Sefferung biefe« namenlofen ßlenb« bente, fo fann ich ctUerbing« 
faum mehr fagen a(«: ©ie moralifche Gntwürbigung unferer ton* 
angebenben Greife fcheint mir faum mehr einer Steigerung fähig ju 
fein, fle hat nur eine Analogie in ber ^eit vor 1806, eine Sefferung 
ifl benfbar wenn entweber ju bem moralifchen auch noch ber materielle 
©ruef jener Stage binjufommt; ober wenn bie Rnmafung ber Sunfer 
fo hoch fleigt, baf felbfl bie Sureaufratie jur ©ppofition getrieben 
wirb, ober enblich wenn in ^reufen auf gefeflichem SBege ein Spflcm* 

* 6c, flau: ©tmiftmen. 3 $» Gilbung tiiut nationalen «Mri in <Dratf$l*ab. 


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810 


«Kgl# 1866 , 


wechfel ««tritt, Der le$te &u#tveg ift freilich efcenfo unwabrfcpeinticb 
al# bie 2 erfteren entfe$licb. Dennoch follte man bie Hoffnung ntc^t 
aufgeben unb für bte preuf. Äammerwablen fo tbätig fein al# m6g* 
lieh; tvemgften# ift ba# J^etabfefjen be# conftitutionellen ©pftern# in 
Snglanb, mir <6 jefjt t>on ber SWats^tg. getrieben wirb 1 * 3 , eine grofe 
©ewiffenlofigfeit, e# verwirrt bie Änfichten ber SWenge über bte 9Je* 
beutung ber jefigen Ärtft# auf# Unheilvollst; ba# fiebt man fcpon 
barau#, baf bie reaftionären SBMtter ganj in ba#felbe ^)orn blafen.— 
Sine wahre Srbolung war mir ©ervinu# ©efch- be# 19.Sabrb. 3<b 
empfehle fte Dir bringenb; ba# ©u<b macht ber btfcben SBiffenftpaft 
Sbre unb jeigt, baf männlicher greimutb bei un# noch fein leerer 
@cbatt ift. Stbötfäcblitb neu war mir bie ©tbtlberung ber bftreichi* 
fchen SBerbältniffe, worau# u. 91. bervorgebt, baf Italien fi<b unter 
mettemicbfcber J^errfcbaft nicht einmal, wie fonft allgemein behauptet 
wir, materiell wohl befunben bat. Der morofe Sion, ben man ihm 
oorwirft, ift mir nicht aufgefallen, wenigften# ift er biefer 3eit „be# 
Slruge# unb ber Säg t u gegenüber febr begreiflich. — 3<h bin baburch 
bewogen worben, auch feine Sitteraturgefcbicbte, bie ich febmäblieber* 
weife noch nicht bannte, ju ftubiren*. ©ie jiebt mich auferorbentlich 
an, geigt mir aber fo flar meine Unwiffenbeit in ber fchbnen Sitteratur, 
baf ich oft mit bem ©ebanfen umgebe, bem unfeligen Doppelleben 
in hoffte utib ^>olitif ganj ein Snbe ju machen unb mich gan§ auf 
bie Sitteratur ju werfen. — 

Jjabe ich lange gefchwiegen, mein alter SBachfrif, fo mache ich# 
feft wenigften# burcb eine au#f&brlicbe SBeicpte wieber gut. Seiber ift 
fte für mich nicht erfreulich': ich bin grabe je$t mehr al# feit Sängern 
in innerem £wiefpa(t, trage mich mit Plänen unb bin nicht befriebigt 
von bem wa# ich au#geföbrt ... Da ich vielleicht im Dftober nach 
©bttingen gebe, fo bitte ich Dich, fcbreib mir fa vor biefer *Jeit. 

2Bie immer 

Dein 

Heinrich Sir 


1 Sun if»(cm bamaligm mglifchtn Aomfponbtnten 2ort)ar Such«. Dcffm Schrift 

,1b tt Parlamentarismus, mir ex ift* mar ju Anfang brt 3a(>itS (rfebientn. 

3 889 t. Dnttfch« ©eftpiepte 6,417ff. 


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©fptroibfr 1866 . 


311 


184) «n SBHl^bn «WoTf. 

Dte*ben 2/9 55. 

SDteiit lieber bereit! 

. . . ffiie beneibe ich Dich um btt Steife. 3ch höbe eine gewaltige 
©ehnfucht na<b ben Sllpen, feit i(b juetfl von ben rauben Plateau* 
an bet fchwdbifcben Donau am füblichen Fimmel ba« prachtoolle 
rotb angehauchte ©ilbergewölf fab unb bann etflaunt erfuhr ich hohe 
ba* Sllpenglühen be* ferner Cbetlanb* geflaut. 9Rir ifl* nicht fo 
gut geworben. SDletne (Sur fehlest ftch noch immer fort/ hoffen 
unb Zweifeln wecbfeln fortwibrwb; bie ©ache ifl je|t fo angreifenb/ 
baf felbft mein rüfKger Seichnant ju einem »auftren oon 14 Dagen 

gejwungen war-©ehr traurig aber hoben mich bie »es 

richte ber Seute über »erlin berührt . . . auch unter ben Uebrigen 
herrfcht eine unerhört ffeptifch« Slnficht über bie gtanfonia — Da* bot 
feine ^Berechtigung. So ifl ganj gut wenn man ju ber Sinficht tommt, 
baf in jebent »erbinbung*(eben etwa* SRaOferabe jlecft, baf man ftch 
unb Stnbre unbewußt getiufcht hot Aber bie »ebeutung oon eigentlich 
febr unbebeutenben Dingen. SDlan muf ftch Hör barüber werben/ baf 
ein fo ibeale* ^rineip, wie ba* worauf bie granfonia ruhte/ ftch nur 
halten Idft wenn bie SWebtjabl ber Seute wirflich begabt ifl/ wie ba* 
im ©ommer 1852 wirflich ber galt war. Silber mir ifl* oerbdchtig, 
baf ben Herren biefe Sinficht fo fchnett fommt/ unb unbegreiflich/ 
baf fte ftch bamtt nicht begnügen. 3ch wenigflen* hoffe ber granfonia 
auch noch mit grauen paaren banfbar ju fein; unb wenn ich von 
ihr weiter 9lid)t* gelernt bdtte al* bie tätige Dbeilnahme an einem 
griferen ©anjen (baoon ju fchweigen, baf wir in »onn ein wahre* 
SDtufterleben bet reinflen ©enüffe führten), fo ifl ba* oollauf genug 
grabe brüte wo bie ©ubjeftioitdt ftch fo anmafenb beroorbrdngt. — 

3m Saufe biefe* SRonat* hoffe ich noch rine Heine ©prifce nach 
»bhmen ober in* Srjgebirge ju machen. 3m Dctober gehe ich nach 
©ittingen ... SBa* ich von ©ittütgen erwarten foll fann ich noch 
nicht mit »efümmtheit fagen. Uebrigen* wdte e* Dir altem ©chwaben 
oiel gefünber gewefen nach 9torben al* in bie ©chweij ju gehn. 3<h 
benfe man reif! ebenfo fehr ber fremben SWenfchen wegen, ein wahrer 
jDbpffeu* 1 , al* wegen ber ©egenb. ©Chine* Sanb hüttefl Du im 
SRorben oft genug gefunben; 3hr ©toeffehwaben hobt »egriffe oon 

i ®gL ^oßtif 1 , 226 . 


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312 


Geptttnbcr 1866. 


«ttotbbeutfchlanb wie jeneO franj6fifd^€ ©eographiehonbbuch, baO Deutfeh* 
lanb ald einen grofen Salb mit einem guf}fchloffe ©erlin unb ben 
.$auptprobu(ten tyd) unb Kohlen befehreibt. So bie ©egenb nicht* 
taugt ba finbeft Du (ier fafl überall (riftige eble Senfehen. Du 
wirft im «Worben manche (raffe ©orurtheile oblegen/ befonberO auch 
über ben tyroteftantiömuO, über ben ich Dir nachher noch ben Dcpt 
lefen will. So if} merfwürbig waO felbf} bie glufgefldrteffen bei Such/ 
). ©. ©uftav Diejel in feinet neueren Schrift/ fleh über ihre nürb* 
liehen ©rüber täufehen. Sllfo (omm felbf} unb heile Dich! — 

Dein ©ericht über Deine nattüf. Stubien hot mich mit gerechter 
Schabenfreube erfüllt; eO if} mir b«jli<h lieb/ baf ber Streitpunfte 
jwifchen unO immer weniger werben. — Sührenb Du 3ul. ©chmibt 
fhibirt h«f} lefe ich je$t jum erf}en Sale ben ©ervinuO; ich f}imme 
in febr vielen Dingen nicht bei, aber ich lefe mit fta'genber ©ewunbe* 
rung biefto reichen unb fenntnifjreichen ©eifteO, ©efonberO fchün 
feheint mir ber enge £ufammenhang jwifchen bem politifchen unb 
litterarifchen geben nachgewiefen, auch holte ich* für volttommen 
richtig, bafj er einen fo ibeaten Safffab anlegt; gut wäre eO gewefen 
wenn er nicht blöd feine eigne fritifche gfuffaffung fonbern auch bie 
jeweilige Stimmung beO $ubli!um* bargeffellt hätte. Slber abge* 
fehmaeft iffe ihm vorjuwerfen ... baf er baO blofje Unterhaltung** 
futter alo außerhalb ber gitteratur flehenb betrachtet. Sein @ott! 
Unfet ^ublifum fucht fi<h bie gangeweile, bie auf bie mobifch geworbne 
$rümmigfeit folgt, burch bie fabef}en ^robufte ju »ertreiben unb faugt 
baO profaifche ©ift unfrer Si$blätter unb DageOnooetlen mit vollen 
•Jügen ein; unb bann mutbet man ber Äritif auch noch ju, fte foUe 
nicht etwa baO ^Hiblifum vor folcher Slrbeit warnen, fonbern fogar 
biefe $robu(te analpfiren alo ob (ich bie geere analpfiren liefe. Da* 
nennt man Singehen auf bie £eitf}immung! .. . SHbet einet folchen 
fflaoifchen ©eachtung ber Sobe, gegenüber lobe ich mir felbf} eine fo 
cpnifche Satire auf unfre Sobelaunen wie ©u$(ow* „genj unb Sühnet 
Äennft Du ba* Stüef ? Die 3bee: ^erfiflage unfrer mobemen weich« 
berjigen Sohl tätigfeit, über ber ba* 9lothwenbigf}e oergeffen wirb, 
nach bem Dberna: „Die Schlefier verhungern, ben Reiben fhrieft man 
Strümpfe* — if} bhcbf} glüeflieh. 8ür einen genialen ©atirifer wäre 
ba* bie befte Gelegenheit ben Sifrofoömo* ber moralifchen 3mpotenj 
unferer guten ©efedfehaft barjuf}eUen. Da* hot man in gewiffen 
Greifen fehr wohl gefühlt, al* man bem Stüc(e bie unverbiente Shre 


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CfeptemSe? 1866. 


313 


antgot es ju »erbieten. Slber (Sugforo ift Mt ju fegr bloßer £itterat 
um ben 23rennpunft bes Stoffs bctouSjufuhten. Statt bie 3«ftüttung 
ein« .ftauSweftnS burd) unpraftifege qtyilontropie barjufhlten gAtte 
er jeigen follen, wie biefe fentimentate (SefcgAftigfeit nur bie Äegrfeite 
ber wahrhaft prafttfehen —. politifcgen — XrAggeit ifl; in ben regten 
JJAnben wAre baS tyxtliii) geworben. 316er (Sugfow’s StuSfügrung 
nicht nur profaifeg unb im gbehfien (Srabe unftttticb, fonbera auch 
— was bei fo ’nem alten qforaftifuS unbegreiflich »ft — teegnifeh 
gAcgfl fHcmpergaft 1 . 

2Nh bin am Sonntag unterbrochen worben, J)eute, Donnerstage 
habe ich eigentlich SlnbreS ju thun. Sch will ben SBrief hoch roll« 
enben bamit Du nicht wieber Ärgerlich wirft. — Du fragft was 
aus meinen (Schichten geworben? ... Ueberhaupt glaub’ ich trifft 
mich ®ein ©orwurf wegen beS „oielen geilenS" nicht. Die Scgulb 
liegt baran, baß ich f° f«h* rafch probucirt hübe unb nun nothwenbig 
®iet Anbern muß. 9tun fehlt mir aber grabe ber rechte gleiß im 
dinjetnen. Sch höbe nicht etwa wie Du ju glauben fegeinft mich 
fortwAhrenb bamit befcgAftigt, nur ab unb ju gelegentlich etwas ge« 
Anbert. Das ift ein gehler/ ben ich ab ju legen anfange unb burch bie 
33erj6gerung büßen muß. 3luch bie »ermifchten (Schichte liegen fegt 
fertig ba. — Sn ben legten 8Bocgen höbe ich wich »irl mit brama* 
tifchen 3MAnen hrrumgeworfen. 3luch ben Slnno wieber »orgefucht. 
dS war ein tinbifeger dinfall, baß ich wich in £eipjig an bie Aunft« 
gattung wagte/ bie am 2Benigften »on allen im Sturm erobert werben 
fann. Stoeg fegt fehlt mir fo jiemlicg 3lHeS baju: SBügnenfenntniß 
(ich höbe fa noch nie eine 5ßorfteUung gegArt), ffieltfenntniß/ Äenntncß 
ber bramatifchen £itteratur. Xrogbem will ichs wagen. Der 3lnno 
fchien ein glücflicger (Sriff: ein großartiger boppelter donflift nach 
Oben unb nach Unten: 3t wiberffegt ber großen Drbnung feines SBotfS, 
bem beutfehen {Reiche unb bem Siechte feiner Untergebenen/ ber Ablner 
{Bürger. 3lber wenn ich wirs nAger anfege, fo (Ampft Sinne jwar 
gegen große Sbeeen/ er ift felbft aber nicht XrAger unb Serfeegter 
einer Sbec/ fonbem beS fraffen dgoiSmuS. Das geigt bie pfpego« 
logifche dntwicflung; bas jeigt auch — wie ich wit drßaunen geftern 
aus gloto’S neuem ffierfe* fah — bie neuefte giftorifege Äritit Da* 

1 eine autfftgrlicge #nalpfe unb Aririf biefe* ©ugfomfegen ©rttft* gab 3- ©egtnibt 
fegen in ber 2. Sufi. (1866) feiner Siteraturgcfcgicgte ©b. 8, ©. 168 ff. 3 „Aaifer 
jgeimieg IV. u. fein $eita(ter*, 1866 erfegienen unb (Kante ungeeignet. 


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314 


©«ptmbtt 1866 . 


gegen tverb’ ich wogl einen anbren Stoff begatten: Ghriffiem n. Scg 
fann Dir nicht auf fo ’nem gegen Rapier ben ganzen ®orwurf au«® 
einanber fegen. Sillff Du ben Stoff fennen (eenen au« einem 
meifferhaften hifforifcgen ©emdlbe, fo Ke« Dahlmann« Ddnifche ©efcg. 
(Snbe be« 3.99b«.). J^ier liegt bee JJauptjammer in fceniffhen 99e® 
benfen wegen bee Saffengaftigfeit be« Stoff«, (eibee auch im Sfwafter 
be« gelben, bee mir nur in einjelnen Scenen flae unb (ehenbig iff. 
Hber bie alte fanatifche Siegheit mit bem ganzen $affe bee mif® 
hanbelten Butter unb be« verachteten Seihe« au« bem 93olfe — ihr 
©egenfag bie ffolje ßhtiffina, bee fbnigliche ©uffav Safa, bee gemeine 
friechenbe Slaghoef — baö finb (Sgaraftere, au« benen ich etwa« 
Dficgtige« fcgaffen fann wenn mir ein guter ©eiff bie geber lenft. — 
9(nbee unreife ^>ldne wiebeln mir im Äopfe, bie ich mönblich gern 
mit Dir befpr&he: politifche Satiren, ein Drama .ßannibal 1 — nun 
wer weif wa« in 10 fahren au« un« geworben iff. — 

Ueber mein hwffflt# {eben will ich nicht weiter Hagen; ich war 
Anfang« etwa« verbittert, fegt weif ich mich beffer brein ju fcgicfen. 
Sieber Umgang fehlt mir burchau«; baf ich unbefannte ©rbfe mich 
in ©ugfow« unb Huerbach« greife einbringen foffte war hoffentlich 
nicht Dein (Jrnff. Otto {ubwig «nicht* ich fennen, er lebt aber ganj 
al« Stoffehler. — Snblicg ein Sort pro patria, für ben tyroteffan* 
ti«mu«. Da nebm’ ich entfchieben für Sut. Schmibt Partei. 3ch 
glaube, man barf ben 99egriff einer gifforifcgen ©rife nicht fo eng 
faffen; wie man mit vollem (Rechte j. 99. unfer Streben nach ©e* 
meinbefreiheit al« eine Sbee ber franjif. Revolution barffeUt, obgleich 
bie franj. Revol bie ©emeinben unterbräche, fo muft Du auch unter 
$roteffanti«mu« nicht blo« ba« von {uther allein ©efagte verffegn. 
Sn jeher hifforifcgen Umwdlpng liegen eine Senge Sbeeen, bie bei 
ihrer erffcn Srfcgeinung latent blieben aber bei ihrer gortentwicflung 
nothwenbig vortreten muffen; ba« gilt am Seifen vom ^roteffan* 
ti«mu«, her feinem Sefen nach auf gortentwicflung berechnet iff. So 
iff mir trog {uther« üfuguffinifcher Hnfcgauung be« freien Sillen« 
unb trog feiner {ehre von ber Rechtfertigung burch b. ©tauben bie 
Sbee ber ^fliegt immer al« bie ©runbibee be« $roteffanti«mu« er* 
fchienen. {uther war }u fehr Dgeolog um bie ganje Tragweite feiner 
{ehre ju ermeffen unb fleh von gewiffen bogmatifegen Hngängfeln frei 


i ffiflL 6 . 80a 


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©fptfmbtr 1866 . 


315 


ju machen. Cer heutige 9>roteflanti8muO, felbfl ein großer Zb«l ber 
orthoboren hortet, bat Idngfl bie Schale weggeworfen, aber bei» Äem, 
bie Zurechnung bie burcb lein dufjereO «Wittel genommen werben fann, 
behalten 1 . Unb bao ifl fürwahr ein h«rrli<her &rn; ohne biefe 5bee 
ber Pflicht ifl jebe geifHge Freiheit aufgehoben, baO jeigt bie einige 
rein fatbolifcbe Sitteratur ber panier. So ifl fein Zufall, bafj unfre 
grofen Dichtet ^roteflanten waren, baf ber Worben unb Sübweflen 
(wo entweber ber Sonfeffion ober boch ber Gilbung nach ber Brotes 
ftantiomuo h«rrfcht) bie Zrdger unfrer Sultur ftnb wdhrenb ßejlreitb 
unb Skiern immer mehr erflarren. CaO Hingt beinah wie Vrofelpten» 
maueret unb wirb Cich von mir wunbern. HtterbingO mag bie pro* 
teflantifche Slerifei jur guten ^dlfte mich a(0 Reiben betrachten — 
ich f«b« mich immer a(0 Vroteflanten an unb werbe bao Hnbenfen 
beO Hugoburger SteligionOfriebenO mit beglichet greube begehn 1 . 3<h 
fann nicht leugnen: ich drgere mich oft über bie Wüchternbeit unfereO 
SultuO unb laffe mich blenben burch ben phantafhfchen Glanj beO 
Suren. Vber bei ruhigem Wachbenfen muff ich mit fagen, bafj ich 
ba bie ^hantafie auf Gebiete übertrage wo fte nicht htngehbrt. 3<h 
oerlange von ber Steligion fittliche Steinigung, bie hat mit ber $h<*n« 
tafle nichto ju tbun; bie Sfbeeen ber Freiheit worin ber 9>roteflantiomuO 
wurjelt, hatten wir nicht erlangt ohne biefe Wüchternbeit; eO ifl eine 
trofllofe Verworrenheit ober Schwäche wenn Vroteflanten öU $ pottis 
fchem SBebürfniffe fatholifch werben, eO waren aber auch ftine wahren 
Dichter bie baO thaten. — Waffen wir baO; jwifchen unO iflO ja nur 
ein Streit um Warnen; an ber 3bee ber fittlichen 'Pflicht unb Freiheit 
hdngfl Cu ja eben fo innig alO ich. Warn’ ifl Schall unb Stauch 
— in jener unfichtbaren Äirtbe, wo eO einen büb«ten SultuO giebt 
alO 'Pfaffengebete * ftebn wir boch jufammen. Srinnte Cich aber, 
liebfler 3unge, baf eO in ber unfichtbaren Jtirche auch «in Gebot ber 
Wdcbftenliebe giebt; folge ihm unb fchreibe mir recht halb (etwa jum 
15 Septbr? jebenfado nicht nach bem 15 Dftbr, weil ich bann fort 
bin). Grüfje Stubolpb unb bleib ber Sitte... 


Cein 

Heinrich Zr 


1 Söfll. u. 9luff4$e 4,380 ff. 3 %m 26. Gtpu rrfftflte ft<$ ba* britte 
3a$r$unbert feit feinem 9bf$lufi. i8g(. Ziffer, unb $ofit. fhtff&fee 2, 409 ff. 
* fögi. no$ ,ge$n 3a$te 2)eutf$er Jt&mpfe* 2. 9L ©. 634. 


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316 


Sfatmtar 1866. 


136] Sa bm SBoter. 


SRtiit lieber Später! 


©Bttingen, 9lo»br 4. 65. 


3<B Babe tnicB in tiefem Sommer fo fe&r mietet an ba« »itet« 
(«Be hau« gewöhnt/ bafj ich mich oft in ba« einfame leben gar ni<Bt 
finten lann. 3<B muntere mi<B manchmal, baf gegen ffRittag lein 
Stainer erfcBeint, um mir an feinen Stiefeln fämmtlicBen Strafen« 
loth in« ^immer unt jugletch tie Sinlabung jura Sffen )u Bringen. 
Sun gar Slbenb« iff ein fitteO 3$eetrinfen bocB eine gar unbehag« 
li<Be SacBe. 9fn ein ilrompeterrBclcBen »ottenb«, teffen Snblitf mir 
ba« herj flirten ttnnte, ifl nicBt ju benfen; mein vis-ü-vis ifl ein 
DacB unt giebt ju leinen anbten DetracBtungen Knlaf ate ju Ser« 
gleicBungen jmifehen ten nieberbeutfeBen Pfannen« unt ten fichfifcBen 
£ungen)iege(n. Daf icB SRorgen« nocB mancBmal unmillfürlicB nacB 
ten Sporen greife, »erfleht ftcB von fclbft; bocB merte i<B von folcBen 
©elüflen na<B unt na<B geheilt burcB ten Änblicf ter ©öttinger 
Älepper, tie roirfli<B Stiemanten oermutBen (affen, taf man hier im 
HafftfcBen lanbe ter ^ferbejucBt ifl. — Du fieBft, mein lieber Sater, 
i<B merte nocB immer flünbltcB an tie ^eimatB erinnert Xrogbem 
fcBretbe i<B etwa« fpdter att 3Bt »ielleicBt oermutBct Babt 3cB Bote 
mi<B nimlicB in herforb ein menig linger aufgeBaiten al« eigentlich 
mein Sorfaf mar unb bin etfl am greitag vor 8 fragen hier ein« 
getroffen... 

Steine Steife »erlief feBt gut-3n Stagbeburg benu^te ich 

ten lurjen Kufenthalt um nach tem Dome ju eilen; freilich iffe ein 
eigenthümlicBer £unflgenu§ mit ter UBr in ter hont unt ter Kngfi 
ten £ug ju »erfiumen im htr)en; bocB mar e« eine genufrei<Be 
Stunte, ich faB meine Erwartungen weit Bbertroffen. DraunfcBmeig 
Bat’ ieB mir »orgenommner Staafen einen Batten 5tag lang angefeB’n. 
Die moberne Daupolijei mirt aderbingO Siel gegen tie überlangen« 
ten h^ u fer einjumenben Baben; micB Bat tie Statt boppelt ange* 
jogen, ta ter SergletcB mit Nürnberg, ba« ich lütjlitB gefeBn, fo 
naBe liegt. 3n herforb traf icB mehrere Donner greunbe, tie freili<B 
theil« »on ten laum genof’nen lanbwehrleutnant««Strapajen etwa« 
marobe tBette bureb tie 8u«ftcBt auf tob j weite Spornen etwa« nietet« 
getrüdt waren. Da« hwberte aber nicht mehrere tüchtige guftouren 
tur<B ta« benachbarte lippef<Be lanb. 9fu<B auf ter hm« unt Süd* 


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9lowmb« 1866. 


317 


fahrt j?a§ten bi« £&ge fo, baf ich ohne eine 9la#t $u oerlieren einig« 
3«tt in 2Rinben unb im SBücfeburgfcben bleiben tonnte. 9Ran tbut 
bem ßlorben wahrlich Unrecht, wenn man ibm bie lanbßhaftlichen 
SReijc abfpricht. ÜÄeiß habe ich ben großen gluf oermift, woran 
iäf fo febr gewöhnt bin; baför finbet man prächtige ßebenbe 2Bäßet 
jroißhen ©iefen unb taub, bie oft ganj ben Stnbrucf 9top«baelfcher 
ganbfcbaften machen/ unb auf niebeten Jobben fcbon unerwartet weite 
unb w«(bfeirei<be Ku«ßchten. ©äcfeburg iß ein elenbe« Dorf, ab« 
wechfelnb aud Keinen Jütten unb unerhört höflichen färßlichen 
Sftoccocogebäuben beßebenb. Der ©ebante, baf ein folcbe« ÜReß in 
ber ©röfe von Sofcbwif bie JJwucptßabt eine« fouoeränen Staate« ift, 
wirft febr nieberfcblagenb. ©ewunbert habe ich bort unb in Detmolb, 
wie bie Regierung au« ©fange! an ©eßbäftigung ad ihre ©bantaße 
anßrengt ba« ©filitär fo buntßbectig unb fonberbar al« möglich i« 
Keiben, (ängßoergefne ©Junjforten, al« ba finb ©olbgulben unb 
©fariengrofcben, aufrecbtjubalten, enblicb an aßen Scfen unb ®egen 
Verbote unb ®amungen anjufchlagen, beren ©til ber ®elt jeigen 
foß, baf ber mittelalterlicbe Surialßil bocb noch nicht au«geßorben 
iß. Km Srgöglicbßen war mir bie Ätrcbe oon ©ücfeburg, ein grofe« 
höfliche« £opfgebäubc; ben Srbauer bot fein fänßlerifcbe« ©«wißen 
getrieben, Aber bie Zb&r bie nabe Sfnfcfrift ju fe§en: »Religionis 
excmplum, non structurae«. — Dagegen iß bie Umgebung febr 
febön; bie {anbleute ein ßbbner triftiger ©fenfchenßblag mit eigen* 
tb&mltcb malerifcben brachten. — 3n ber Jperforber ©egenb haben 
mich am ©teißen bie fog. Sjrterßetne bei ^>orn interefßrt, eine b»b< 
jerflöftete gefegruppe an ber ©aberborner ©träfe mit feböner Ku«* 
ßebt, aber befonbert merfw&rbig bureb eine flteib« uralter in ben gel« 
gebau’ner äapeßen. Darin ßnb alte ©culpturen, bie ben ßunß* 
bißorifern grofe ©ewunberung, mir nur febr mäfige, abtocten. ©ie 
ßnb noch au« ber £eit, wo ba« ßbrißentbum mit beibnifeben Sie* 
menten tämpfte unb bie römifefe Sultur grofen Sinßuf in Deutfeh* 
(anb batte; fo iß eine ßreujabnabme ba, wo neben ©ott bem ©ater 
noch ©ol unb £una über ben «lob Sb*‘ßi weinen. — Diefe Ku«ßuge, 
bie ßcb oon #erforb fo bequem mit gefunben ©einen machen (aßen, 
waren febulb, baf ich erß am greitag oon bort abfubr... ©öttingen 
felbß habe ich erträglicher gefunben al« ich baefte. Sch habe eine 
b&bfcbe SBobnung, bie ßcb freilich (eiber al« fehr talt berau«ßeßt. Die 
©tabt iß jwar unenblich tleinßäbtißb, aber nicht grabe höflich dt* 


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318 


9faranb<v 1866. 


• legen, bot breite luftig« ©trafen, Äirchen, an bencn man lernen Bann 
wie fol$e Gebdube ntc^t gebaut werben fallen, unb in bem litterari* 
fch«n SDfufeum minbeftetrt ein SnfKtut, baö an Sultur gemahnt ©a« 
aber bie Jfrauptfache ifl> bie ©enfchen, mit benen ich bi«her jufammen* 
getroffen, hoben mich febr fteunblich aufgenommen, fo befonbert tyrof. 
Jj>er[r]mann, an ben mi<b bcr SReetor Älee empfohlen. Sr bot mir 
ben Zugang jur GibliothcF geüffnet unb mi<b in« ©ufeum aufge* 
nommen. ©it ©angolbt bin i(b fcbon mehrmals jufammengewefen, 
auch mehrere anbre Docenten unb Doctoren hob« i<b Fennen gelernt, 
oon benen freilich erfl bie £ufunft jeigen wirb, wie ich mit ihnen 
auSfommen werbe. Gtücflichermeife fanb ich wich mehrere UnioerfttdW« 
befannte, bie mir werth ftnb, wieber, auch in Df- Slegibi, einem tüch« 
tigen Docenten, einen alten GeFannten. 9licht grabe angenehm über: 
rafcht hot e* mich, ofc mir J£er[r]mann fowohl als 9>rof. Jj>anffen fo« 
gleich beim erften SBefuch« fagten, baf mir meine ©chwerhürigteit ben 
atabemifchen Söeruf fehr erfchweren, wo nicht unmöglich machen 
würbe — überrafcht, aber natürlich nicht abgefchrecft, benn ich höbe 
mir nie SWufionen über bie ©chwierigteiten gemacht unb hofft fie ju 
überwinben. Sorberhanb werbe ich SJibliotheF, bie vortrefflich ift, 
bcnufen ju meiner JhabititationSfcbrift; baS wirb nicht fchnetl gehen, 
benn ich Fann barübet nicht meine übrigen ebenfo n&thigen Arbeiten 
oemachldffigen. Sinige Gefellfchaften werbe ich wohl befuchen; bisher 
habe ich freilich nur eine Güttinger Dame Fennen gelernt, bie grau 
beS ?>rof. ***} baS war eine ftorfe Erinnerung an J&eine’S ©chitbc« 
rung ber grau ^rofefforinnen- 

©eib mir Sille herjlich gegrüßt, ©ama, Gefchwifter unb alle anbren 
nicht mehr als oierfüf igen gamiliengticber, unb laft mich mein burch 
bie UmfWnbe gebotneS 3^fl ern nicht attju lange entgelten. ©an rebet 
hier jwar platt, üffnet bie genfler nach Stufen ju unb trinFt nur 
franj&ftfcbe ©eine — aber felbft unter fotchen fremben norbifchen 
Gewohnheiten bleib ich immer unb unoerdnbcrt 

Dein banfbarer ©ohn 

Heinrich 

©eine ©ohnung: $oftftrafe 428*... 


i Jptutt 3ftbaifhaf« 46. Da* J?»au* trägt «int von btt Stabt ©Jttingtn gtfKftrte 
SRarmortafri jur Erinnerung an $ttitf<hfc* bamaligm Vufmtbalt barin. 


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Wwcinta 1866. 


319 


188] 8n b«n 93ater. 

©öttingen 28/11 66. 

SJlein liebet Später! 

... 9loch immer fühle ich mich hier jiemlich fremb. ©a« ift (ein 
fffiunber. ©tabt unb ©egenb ftnb non Statur unb Äunfl fo fehr net* 
nachWfßgt, baf man mit aller Untergattung unb gteube einjig auf 
bie SRenfchen angcmiefen ifl. Stber ber Umgang mit Leuten non 
gleitet Srjiehung, ifl mir gleichgültig/ fo lange er ftch noch um att* 
tägliche 8teben6arten breht unb noch (ein nähere* 8ßerhältni# hefteht. 
©aju braucht eO peit. Sorberhanb bin ich alfo, aufjet auf einige 
Sonnet greunbe, mit benen ich mich fehr gut nertrage / oortoiegenb 
auf mich felbfl bcfchränft. Da fommt benn mancher äbenb, an bem 
mir bie einfame {ampe gar nicht gefallen will. @ie ift boch ein gar 
fchroffer ©egenfag ju bem .Qeibelberger ober Sonner greunbe*(reife 
unb bem ©reäbner gamilientheetifch. ©och ba* ifl ein $un(t, ber 
fleh non ©ag ju ©ag beffer geflaltet. ©chon b<*b’ ich manch liebend* 
m&rbigen SRenfchen (ennen gelernt. SRangolbt gefällt mir fehr; leiber 
fehe ich ihn wenig, benn er ifl burch feine Kollegien ganj abforbirt... 
©ehr freunblich ifl mir Dr. äegibi, ber auch f<hon in SDtangolbt’O 
älter ifl, entgegenge(ommen; ich bin boch begierig, wie mir un6 ner* 
tragen merben, jmei grunboerfchiebnc ©haraftere mit merfoftrbig 
gleichen änflchten — baO ifl ein munberlicher Zufall. — ©onfl ifl* 
mirdich unglaublich, mie nachtheilig bie ©öttinger £uft mirft: fehr 
gute gachleute giebt rt in SRenge, benn jum ruhigen confeguenten 
Arbeiten ifl bie ©tabt mie gefchaffen, aber URenfcfen, £eutc benen 
nihil humani alienum est, bab’ ich noch fehe SBenig gefunben. Sch 
möchte mir perfönlich etmaö mehr non ber ©öttinger Sinfeitigfeit 
munfehen. ©rabe jefct ifl mir ber SBiberfhreit jmifepen poütifcher unb 
miffenfchaftlicher ©hätigleit unerträglich. Sch wag unb (ann ÄeineO 
aufgeben unb fehe boch nicht ab, mie ich ®eibe* treiben foU, ohne 
in Seibern ©t&mper ju bleiben. ©a* ifl eine fehr emfle grage, aber 
ich fehe ein, baf ich f>< nicht beffer töfen (ann, alo menn ich wich 
in beiben ©ebieten thätig nerfuche. SBiffenfchaftlich bin ich legt am 
SReiffen mit äriflotele* ^olitif befchäftigt. ©er ©eifl bet älterthumö, 
feit ber ©chule nemachlöffigt, macht feine alten änfpr&che miebet 
geltenb. ©a merben bie tieffinnigflen Probleme, an benen unfre ©e* 
lehrten ihre ÄunflauObr&cfe oerfchmenben, burch eine unglaublich feine 
SRenfchenlenntnifj auf bie einfachfle SBJeife gelöfl. herrlich ifl ber 


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320 


Rooanfo 1866. 


männliche rücfftchttlofe Xon, bem tt gar nicht müglich fcpeint, ola 
fbnne Semanb gejwungen werben anbert ju rrben att er benft. ©elbft 
bet cinfeitige ^ettentf^e Sbealtttnue, ber 2Wtt, was wir materiefle 
Sntereffen nennet)/ ©flaoenarbeit nennt/ berührt ungemein woblthuenb 
in einer $tit, wo Einern fo Spiele wett matten tooflen, rt gebe nicbtt 
tybfyetti att eben iene materiellen Sntereffen. — 9Rtt meinen ©ebichten 
bab’ ich gleich ju Anfang abfcheulichtt Unglücf gehabt. £6re nur 
bie fchmdhlichc ©efcptchte. S«h hotte an $ru$ mehrere Gebiete jur 
Aufnahme in’S beutfehe ÜRufeum gefchieft Reulich ftnbe ich ouch 
eines baoon abgebrueft: älmbroftuS Dalfinger 1 ; ich »*i§ nicht ob Du 
tt fennft, ich glaube aber/ tt war gang gut/ wenigftenS gefiel es bem 
Rector Älee befonberS. fltber wie fanb ich «S wieber? Bon ben 90 
Berfen btt Driginatt nur 37 unoerünbert, 30 gang neu gefchaffen/ 
alte übrigen mehr ober weniger umgearbeitet — unb jwar in einem 
fo abgefchmacft profaifchen £eitartifettone, baf ich mich fchümen würbe 
folcpea 3eug nur gebacht/ gefchweige benn gefchrieben gu haben, gottlob 
war att Berfaffer Ricfjarb oon Xreitfchfe angegeben — man hotte 
mich »ohl »it meinem eblen Better oerwechfelt. Natürlich fehtefte 
ich on 9>ru$ fofort ein Srtldrung gum älbbrutf, worin ich bi* Äutor* 
fchoft btt ©ebichts ablehnte. Da entwaffnet mich ber «Rann burch 
einen überaus höflichen/ oergeihungsbittenben SBrtcf: er habe einige 
Formfehler ünbern wollen/ fei aber burch bie „begeifiembe ©luth" btt 
©ebichtt fo hingeriffen worben/ baf) er unwillkürlich ein neutt barauS 
gemacht (wörtlich wahr!); bieftt habe er mir att „SbänberungSsBoi* 
fchlag" nach Drttben gefchieft, mit bem Bewerten: wenn ich btt gum 
20. Cftbr nicht geantwortet/ fo ndhrne er an, baf) ich einoerftanben 
fei. Diefer Brief müffe »erloren fein. — Damit ift bie Rechtsfrage 
erlebigt; ber SRann hot wirtlich bona fide gehanbett. Sch tonnte 
«Wichte mehr tbun att eine furge Berichtigung in ber ndchften Rr. oon 
ihm oerlangen. Sine habe ich ober babei gelernt, wie tt mit biefen 
Äritifem fteht, bie über unfre ^oCfte gu ©ericht ftfcen. «Pru$ ift ohne 
Frage Siner ber betanntefhn unb fühigften — unb hat noch fo wenig 
Begriff oom Riefen ber 9>o?fle, bafj er glaubt wie weilanb ©ottfeheb: 
ein ©ebicht ftnne burch frembe JJanb corrigirt werben wie eine ©til* 

Übung!-«natürlich hot mir bie ©aehe nur auf furge ^eit 

bie Saune geflört; ich höbe mich mit bem beffen Stroft getrüflet, b. h* 
auf bae oerbatlhomte ©ebicht ein beffertt neutt gefchrieben. — 
t ®i* Rümmer oom 1.Roo. 1866 niftnmb. 


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$<)<mbtr 1866 . 


321 


34» m&4>te »ob! wiffen, tote <6 fe$t in feem fernen Stbleffel 
au«fiebt (3bt »ift gar m4»t wa« ein grofer Stuf wertb ift: ein folche« 
faule« Cfenen»affet wie feie Seine ift tein unertrdgli^): wahrftbeintich 
ift feie SreObner Kirmef auch fthon vorbei? SBenigften« b»«r ift feer 
SBintet grimmig unfe jeitig eingejogen. Sßorgeftern Mo« 9 ©rab 
Kälte! Unfe baju biefe jammervolle primitive j)otjfeuenmg unfe eine 
faum feeijbaw ©tube — ftpfene SluOficbten. Sa« ©chneewetter bol 
feen Sortbeil, feen Seftetg unfe feie anferen «Wauhvurföfeügtl um Klein» 
Serufalem etwa« b&ber fcheinen ju taffen unfe fo bet ©egenb ein wenig 
romantiftben Räuber ju geben. 3enen Zeitigen Flamen führt offtciell 
ein £>rt in feer Wäbe, von bem ein weitgereifter @&ttinger $rofeffor 
einft behauptet bot, feine Sage gleiche ganj feer feer ©tabt Savib«. 
91a, wenn fea« gelobte Sanfe fo au«ftebt — mftebt’ ich wirtlich wiffen, 
wie feie ungelobten Sänber auOfebn. Sin fotzen SJitbem nähre ich 

meinen 9laturfinn-«Warna will meinen 9Bunf4»}ettel? Sr 

ift fcbnetl fertig... enbtich ein »unberftböne« ©uep meine« Sebrer« 
©imroef: fea« Slmelungenlieb (nicht gu oerwechfeln mit feem 9tibe* 
(ungenliefe). «Woglich, baf fea« 93uch nicht vorrätig ift ober ju grof 
unb tbeuer, bann bitte ich um feen, befonfeer« erfchienenen unfe Jlcher 
vorrätigen, Stb«! feaoon: „SBtelanb feer ©4>mibt". ©ebtieftüb ein 
febr großer 2Bunf4», feen ich mir aber ftbon im IBorau« oerfagen muf: 
ich mbchte feen SBeibnacbWabenb enfelich wiefeer mit Such feiern. SBer 
weif wann fea« gefaben wirb? $ür biefmat bin ich wenigften« 
brieflich ftcher anwefenb, auch ju Jjeppcben« ©eburt«tag foUen ein 
9>aar feilen eintreffen. — gür beute ift« mehr al« genug, e« ift fchon 
fpät in feer 9lacht 3ch grüfe Such ÄH« brrjlich unb bin wie immer 


Sein treuer ©obn 
Sin SUfrefe fchreib’ ich näcbften«. 


Heinrich 


187] Sin fflubolf SWartin. 

©ittingen 9/12 5&. 

fDlein lieber ÜÄarqut«! 

-Su ftebft mal wiefeer, wie unenbtiefe wenig SBettb ein 

©riefwechfel bot, feer ftch nicht auf einen pofttiven %md ober auf 
9leuigfeiten»S(u«tauf<h beftbränft. Sa fott ich bem greunbe ein SJilfe 
meine« eignen giftigen Sehen« geben unfe für fea« feine empfänglich 
l ^ 21 


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Depotbct 1M6. 


unb eingehenb fein — «bet wie wenig ift bog möglich auf dnem 
furjen ©latte, für bag wir erft unfre (Bebauten fammeln mkffm, 
tvdbrenb bo<b nur bie unabftchtlitbe, unmittelbare ©Kttbeilung ein 
©ilb unfereg 3mtern geben bann! Dag ftnb ©ebanfen, bie mit bog 
©rieffchreiben gon) verleiben tönntm. ©rabeju grauenhaft, um nicpt 
ju fagen lächerKtb, ift mit aber ein folcheg ©riefmonftrum, wie bet 
gute $ertbeg, beffen ©iograpbte mit neulich in bie J^anb fiel, £wei 
Stagen brängten ftch mit babei auf: SSarum bat bet ©tann ni<bt 
einen Drben erbalten wegen unerhörter Unterftügung bet ©oftcaffe in 
biefen fehlten feiten? gemer ffiie fann man ein fo männlicher 
©tonn unb hoch ein folcheg SBafchweib fein? 3ch bann mich über 
biefe ©rieffeligfeit nicht hart genug augfprechen: ein fo bäufigeg Sin« 
gehen in fein Snnereg unb ©loflegen feineg ^etjen« ift burchattg 
weibifch; bag ffleib lebt in (Befühlen, bet ©tonn in Shaten, batum 
ift mit ein bäufigeg {tufbetfen bet innerfien (Befühle an einem ©banne 
unerträglich, et (affe bag ber Stau, für fie ift eg bag wag für ung 
bie Stenommage ift — 3a, liebet ©totquig, wie ber alte ©crtheg eigene 
lieh in biefen ©rief gehört, weif ich ftlbft nicht. Du fodft Dir nmr 
aug bem Sntfef}en, bag mir ber ©tonn eingefföf t hat, erfläten, warum 
ich Stabe je$t für einige ©lochen beine {uff jur Sorrefponben} habe 
— unb nachfichtig gegen meine feilen fein. — 

SBag Du mir von Dir fchteibft gefällt mit nicht ganj. 3<b benbe, 
grabe Dir müfte bet Umgang mit tüchtigen {euten unentbehrlich 
fein ... @o lange wir noch beine praftifche Dbätigfeit haben, bann 
fich unfre Ühatfraft nur im Umgang mit {Inbern jetgen. Dag „vieler 
©lenfehen ©inn erftnnen" 1 wirb ung bäum in einem anbren 53er* 
hältniffe leichter unb angenehmer gemacht alg im ©tubentenleben. 
Du follteft eg um fo weniger vemachläffigen, alg ich aug Erfahrung 
weif, baf ber ©erbebt mit ber Slufenwelt bag ©tubium nicht binbert, 
fonbem förbert. — {ehhaft intereffirt mich bie Stage, wag Du ju 
Dftem vornehmen wirf. Du gehft bann }U meinem Sacht über, alfo 
mufft Du fchon einige ©orfchläge von mir in ben Äauf nehmen. 3n 
Tübingen wirf) Du nach ©ol&’g unb SaUatig lobe ©ichtg finben. 
Denn ©cbü$ ift ganj unfähig, unb ^elferich, beffen J&efte ich *enne, 
giebt in ber {tolitif einen fchwachen ©bblatfch beg Dahtmannfchen 
©pffemg, in ben wirthfchaftlichen Sächttn eine Rare Ueberftcht, bie 


1 homert Obpff« 1,8. fflgf. ®. 311. 


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$«pmte 1866 . 


gum Stepetiren ber JJauptpunfte recht brauchbar ift, aber, ba tbr febe 
©riginalitit fc^lt, Sliemanben befricbigen ft»nn, bar tiefer in bie Siffen* 
fcbaft anbringen wirb. — So fontmen, glaub' ich, nur Seiy>gig unb 
©Jttingen in grage. gur Seibri lifft fiep Siel fagen. 3cp würbe 
Dir ratba»/ in» Sommer nach ©üttingen, int Sinter nach Seipgtg 
gu gehn, $anffen unb Stofcher (efen Seibe einen €urfu* oon Dftem 
gu Oftem. Sfber bat 3nbalt oon Stofeber* ©ommewSorlefung über 
tbeoret StafcDef. finbeft Du oiel ausführlicher in feinem fe|t er« 
fepienenen Spftern. Senn Du alfo JJanffenO Sorlefung pbrfl unb 
mit Stofcher* Such oergleiebft, fo b«ft Du bie hefte ^iftorifc^e unb 
g>rafttf<pe Sluffaffung oereinigt Sufjerbem lieft Stofeber im ©ommer 
©tatifhf, ein gaeb, worin ibm JJanffen unbebingt überlegen ift 
Ueberbiefj finbeft Du bin noch anbre Seprer, wiprenb Du in Seipgig 
«Kein auf Stofeber befeprinft bift. Den fitttieb unb wiffenfebafttieb 
gleich erbdrmlieben ©ilau unb bat unbebeutenbat 3acobi wage ieb 
Dir faum gu nennen. $ier bagegen ftmnft Du einen tüebtigat Sin« 
finget, meinen £anb*ntann Dr. oon Stangolbt, unb bie barrliebat Sor* 
trüge oon Saig büren. Diefe Sortbeile unb ber Umflanb, baff Stofeber’* 
©ommersSorlefungen febon gebrueft finb, foflten glaub’ ieb bmreicben 
Dieb für bat ©ommer für ©ittingen gu beftimmen. 3m Sinter aber 
lieft St ginangwiffenfepaft, $o(itif unb praftifepe 0t. D. — 3 Kollegien, 
worin er eine wunberbare gulle oon ©eift unb ©elebrfamfrit nieber« 
legt ^inficbtlieb be* täglichen Sebent barfft Du Dir für ba* niebfte 
3apr freilieb feine Sttufionen machen ... 

ffueb oon ©üttingen fann ieb ®ir nicht oiel ©ute* fagen. ©epon 
um ber unertriglicbften Sinfamteit gu entgehen bin ieb genütpigt 
worben oft mit ben ©rünen gufammengufommen. Sber ieb fühle, 
baf ba* ©tubentenleben mir je^t ein überwunbner ©tanbpunft ift. 
€* fehlt mir hier nicht nur ba* Sanb ber greunbfepaft, bat unfre 
Serbinbung fo feft gufammenbielt, fonbem auch ber pottifepe JJtoucp, 
ber auf bem rbeinifeben Seben lag. Da febe ieb benn bie Sache febr 
nüchtern an, ftnbe ben 3*oang be* Somment* unenblieb fabe unb 
tomme mir oft febr licberlieb oor, wenn ich wie ein berliner 9>b»lifter 
alle ©amOtage bureb einen tüchtigen Sierftrom ber Socb< Arbeit weg« 
gufebwemmen fuebe... bie Segeifterung, ber fugenblicbe ©ebwung 
fehlt, ohne ben ein fo erceptioneder £uftanb wie ba* Serbinbung** 
leben, ben SinbrucS einer garce macht — Doch ich f«bt bie «Jett ift 
um. 3cp bitte Dir noch Siel gu fagen, mein alter Starqui*, aber 

* 1 * 


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324 


Dejemb« 1866. 


Jjj>ipp wartet. Stur fo ®iel, baß mir bie ebte ©eorgia Slugußa 1 einen 
fehr jopftgen Sinbrucf macht, baß ich mit $ut fehr intim lebe, bagegen 
fonß wenig angenehme »etanntfehaften gemalt habe... baß ich in 
ber griffen Ungewißheit bin über meinen »eruf, baß i<h wegen ber 
»aterlänbifchen ©ebiepte mit einem »uchbänbler in Unterhanblung 
flehe. Stähere» baruber re<bt halb, wenn Du mir mit einer Antwort 
eine fcp&ne 2Beihna<h«freube gemalt hoben wirft... 3n großer Sile 

Dein 

J^einri<h «Cr 


188] Sin b«t fflatfr. 

©httingen, Deebr 21. 55. 

SDtein Heber ©ater! 

3ch muß mich für heute furj faßen, Jjegef» @taat»s unb SiechtOs 
philofoppte, von beten grauen älbßraftionen ich mich eben loOgerißen 
habe 1 , wirft mir mahnenbe »liefe ju . . . 3cp fchreibe ja ohne* 
bieß noch einmal in biefern alten 3ahre, ba» be» ©egen« wahrlich 
wenig gebracht hat unb unfer Deutfcplanb in minbeßen» gleicher troßs 
lofer Ungewißheit über bie ^ufunft »erläßt wie fein Vorgänger. — 
3<h benfe, mein ÜBeipnacht»abenb wirb bießmal ziemlich unerguieflicp 
werben; ber grüßte Xfyeil meiner ©efannten hat feine ^eimath in ber 
Släpe unb geht nach J^au». Die wenigen ^mücfbleibenben bilben 
einen fchlecht jufammenpaffenben ätrei», an ben ich mich, miU ich 
nicht ganj einfam bleiben, anfchließen muß. Da iß» wohl natürlich, 
baß ich f«hr ernßlicp baran bachte, ju Such J*> tommen ... 3n bem 
9>acfet liegt für Dich bie neuefte 9tr. be» b. 9Ruf. mit einem Worts 
liehen tlbbrud ber ©tebinger, bie Du fennß; ba» anbre ©emplar 
bitte ich an ällfreb ju geben, mit bem ich ben ßitlfchweigenben Sons 
traft be» gegenfeitigen 3lu»taufch» unfrer unterblieben SBerfe gefchloffen 
habe, ^rug iß freilich fo anßänbig gewefen fein ÜBort baoon ju 
erwähnen, baß mein legte» ©ebiept »erfälfcpt war. 3ch begnüge mich 
alfo bamit bie gemachte Erfahrung forgfältig einjußecfen, unb werbe, 
wenn einmal meine ©ebiepte »or bem gorum biefe» Äritifer» ßehn. 


i 3» b« J^anbfdbrtfe fiatt b ti G unb A monogramtnatißh jufommm-- 

geiogen. 3 ttreitfrhfe hatte ba< ©u<h au* ber @6ttinger ©ibliotpef «vorn 9Jownu 
ber bU ben Sommn h‘«butch entliehen", (grenWctff.) 


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Dtjentbtt 1866. 


325 


feinem Unzeit mit großer Unbefangenheit entgegenfeb’n . . . DaO 
Portemonnaie ift ©eburWtagOgefchen! für Jj>epp, auch ber Slnbetfen 
ift für fie; ben erften Panb von Auerbach fann 3ohanna neben ben 
jmeiten fteden, ben fte fchon beßgt; er wirb ihr hoffentlich noch 
beffer gefallen alo biefer... 3ofepb« fchilt mich nuO, baß ich Such 
Pücher oorfchlage, bie ich nicht gelefen, unb verlangt hoch neue Pots 
fchlüge. @ute neue beutfche Stomane giebt’O jegt nicht außer „Soll 
unb Jjaben", ich will (Such alfo nur vor jweien warnen/ bie fehr ges 
falten unb mir neulich in bie JJdnbe fielen: Ptarggraff’O grig Peutel, 
roiglofer Unjtnn, unb Sting, Perirrt unb (Srlüfl/ eine langweilige 
®efchichte/ bei ber man erft am Schluffe entbecft, baß bem @anjen 
eigentlich eine fcgänbliche SRoral ju @runbe liegt. Ohne allen Sfahalt 
ift Storni, ein grünet Platt/ baö von jungen Pldbchen fehr getobt 
wirb. DaO ift meine Stomaniettüre beö legten PierteljagrO; ich empfehle 
fte bringenb. Pon Slnbren würbe mir gelobt fcbacferap’O Newcomes 
unb PtüUer’6 Charlotte Slcfermann. 3<h benfe, 3h* werbet nicht viel 
jum Sefen tommen; nach Ser Stille beO legten ÜBinterO wirb bie bk$s 
jährige Saifon wohl fehr laut werben; auch i<h höbe PeßteO ju thun 
alo Stomanlefen, waO eigentlich mit bem Äirchenfchlafe auf einer Sinie 
fleht: man bilbet jtch ein fich geiftig )u erheben unb hat Stich« bavon 
alo fbrperliche« SluOtuhen. — 

Sin Stainer weiß ich Püh« 3» f<hkf*«, auch «n SRama nicht/ 
wenn ße nicht bk Stebinger in ihr Sdbum ober (wenn ihr baO ans 
gemeßner erfcheint) ju ben leberartigen Pflanjen ihrer Sammlung kgen 
will. Dafür aber h<*3li<h* Örüße. ffienn ber Sichterbaum brennt/ 
bann werbe ich fehnfüchtige Perfuch« machen burch bie ©Oblumen beO 
genfterO nach ber ©egenb ju fpähtn, wo unten bie Schilbwache ftch 
nach ber SBachfhtbe fehnt, oben im Saak bie gähnen bk ätüpfe jus 
fammenftecfen unb ßch wunbem über ben unmilitärifchen Sdrm ju 
ihren güßen/ unb 3ohann fagt: „Slber ber fcheener Pefcheerung!* — 

Poch einmal taufenb Srüße von 

Deinem treuen Sohn 

Heinrich 


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386 


totimbtt 1866. — 3anuot 1866. 


189] Vn bm 93 «In. 

@6ttingen, 31/12 55. 

fOkin lieber Skater! 

... Oer f$&ne Slberglaube, baf bie SBünfche unfrei ffreunbe SRacbt 
über ba6 ©cbidfat haben, bat fich biefmal nicht bewert. 3bt habt 
mir Sitte fo freunbltcb gefunbe ffeftage gewünfcbt — unb grabe feit 
bem SDtorgen btt 24 Oecbr bin ich tränt. Anfänge mar e« Obren: 
reifen unb ©cbfetmsSfabrang na<b bem Ob«/ ©cbmerjen mie icb fte 
noch nie gehabt höbe. SNb fürchtete fcbon, baf im Sfnnern brt Obre« 
etwa« oerlebt fei. 916er batb feilte fitb Steifen in atten Steilen btt 
Sloipftt ein/ wa« jmar bat Vergnügen nicht erbübte aber bie ©eforgnif 
wegen be« Obre« aufbob. ©o hob’ ich bie SBoche jugebracht — etf 
bie lebten 2 Siebte tbciimei« gefehlten. 6« marb (angfam beffer, 
aber feit gefiem bot fch wieber eine forte Orüfengefcbtoulf ringe 
feilt — Siun, Sangeweile unb ©cbmerjen b«b’ ich genug/ oiel mehr al« 
©ebulb — aber feib ganj ohne Sorgen. Oie ©cbanblung (eitet ©rof. 
©aum, ein b&<hf liebenöwürbtget ÜRann, oon bem €ucb4(nfchüg fagm 
tonn, baf er einer ber berubmtefen ©ebürirjte if; über meine OiAt 
maeft ein ffreunb oon mir/ ein junger Dr med, ber natürlich febr forgs 
fAltig if. ©obalb ich gefunb bin/ mitt mir SBaum, um StüdfAtte ju oer* 
büten 7 ein $aarfei( bureb ben Staden jiebn, baö ich mehrere SRonate tragen 
fott — auch ein Vergnügen, aber hoffentlich eine gute ©cbu$webr. — 

Stoch rin 23ort über bie SBeibnacbtöfife ... Oie ffreube mar 
wirtlich febr grof; am meifen wohl überrafebte mich ber ©rief oon 
SRama, ma« hoch eine grofe ©eltenbeit if. — Stun, nochmal« meinen 
berjltcbfen Oant an Sitte/ ich hin wahrhaftig ju mübe um mehr ju 
fchreiben. Oamit fleh SRama nicht Angfigt, fo oerfpreebe ich/ wenn 
e« fchlechter werben fottte fogleicb ju fchreiben ober fchreiben ju (affen. 
5Birb e« langfam befer, fo erhaltet 3hr in t 8 Xagen einen ©rief 
oon Surem bann hoffentlich gefunben ©ohne 

Heinrich 

©tödliche« Steujabr! 

140] Vn ben ©ater. 

©üttingen, San. 6. 56. 

SJJtein lieber ©ater! 

... Sobanna’6 (Sorte fnb fo liebeoott unb fchweferlich/ baf fe 
mir unter atten anbren UmfAnben bie gr&fte ff mibe gemacht hätten. 


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3anuar 1866. 


327 


@o aber fcgäme icg micg bei jebem 2Borte, bag icg Sucg fo unnbtgige 
©orgen gemacht. 3eg gätte wigen fotten, bog 3gt au« bar gerne 
Sitte« in viel feglimmetem Siegte fegn mügt, nnb bog bar ingattttofe, 
mit jittember JJ>anb gefegriebne SSrief eine« Fronten immer einen 
bifen Sinbrucf morgen mug. — SBenn icg eine Sntfcgulbigung gäbe, 
fo ftnb e« bie feginen ©gaffpearefcgen SBorte, bie ieg neulieg al« ein 
magre« argumentum ad hominem lo«: 

we are not ourselves, 

when nature, bring oppressed, commands the mind 

to suffer with the body 1 . 

J&eute bin icg jwat noeg nicgt gonj mögt, icg fügte micg fegr mube 
unb obgefponnt, aber bie Drüfengefcgtvulg ig faft gonj gegeilt, oueg 
bar ßgrenfegmerj beinag verfcgwunben; meine #anb ig wie figura 
jeigt etwa« ungcger, mein Äopf nicgt grabe fegr flar unb gebanfem 
reieg, aber icg fann wogt fagen, bag Sitte« bi« auf bie Slacgwegen 

überganben ig-Sin Deinem @eburt«tage würbe mir ba« 

J^aarfeil gejogen, ein furjer aber angänbtger ©cgmerj. Die SBunbe 
ig unbequem, weit ge micg vergröbert ben $at« ju bewegen, aber ge 
eitert, wie meine mebicinifcgen greunbe fagen, wunberfcgin. 3eben 
SDlorgen fommt ein SWebiciner, ber mit verflärtem Oegcgte gcg bie 
greube, mir bie 9>lage macgt, ba« ©eil ein ©tücf weiter burcgjujiegen, 
fo bag mir alfo ber ©trief al« eine Slrt origineller Äatenber bient, 
an begen Sänge icg bie Sage bi« ju meiner Srlofung jiemtieg geger 
berechnen fann. — ©umma fummarum, e« war reegt langweilig unb 
fcgmerjgaft, aber wer naeg 13 3agren jum ergen SDlale orbentlicg 

franf wirb barf gcg nicgt befegweren-Stainer« Porträt, ba« 

in 6 Sagten fprecgenb ägntieg fein wirb, fott natürlich ben Sgrenplag 
über meinem ©opga ergalten... 2Bo gat er aber feine Seicgengau«* 
pgantageen ger, bag er mir ©efunbgeit „bi« an mein goffentlicg ferne« 
Snbe" wünfegt? Sr ig boeg noeg ju jung um ben Hamlet ju fpielen... 
gür ba« verlorne Sjemplar ber ©tebinger fottt 3gr näcggen« mein 
legte« befommen, ba« freilieg jiemtieg migganbelt au«gegt. Sluf So« 
ganna’« grage, warum icg nicgt lieber „etwa« Sprifcge«" fegriebe, fann 
icg nur mit Jenem Degreieger antworten: „S« tgut« galt nit anber«" 
ober mit bem ojfengerjigen ©egänbnig, bag ba« ©ebiegt auf SBeifatt 
au« fegbnem SDtunbe buregau« feinen Slnfprucg macgt 3cg bente 
r Ä&nig Seat fagt ba* von gcg 91 ft 2 ©j. 4 


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328 


3attuat 1866. 


nicht baran, J&etrn Emmanuel ». ©etbel in« JJanbmerf ju pfufcpen, 
ich würbe ba nur eine fc^tec^t« Stoße fpieten. — 

Sie gern mbchte ich bet Stama unb ben ©eßhwißem etnjeln auf 
ihre freunblichen Briefe antworten/ aber auf einmal iß« wirtlich um 
ntiglich- Sch wrfpare ba« auf paffenbe ©«legenbeiten; nur bem Meinen 
Stainer werb’ icb halb ftbreiben, um ibn nicht ju febr ju frcSnfen. — 
gur ©bttingen iß bief SBeibnachten ein traurige« gewefen. S« 
brachte/ auf er einem neuen ®erfaffung«bruche von Hannover au« 1 / ben 
Xob be« berühmten ^>h>i(otogen ^ermann. Sch habe ihn nicht grtannt/ 
aber auch nie einen 2obe«faß erlebt/ ber fo aßgemeine Zheßnahme 
erregt bitte 1 , ©eine Steße wirb lange unbefeft bleiben/ tbeil« weil 
er fchwer ju erfefen, tbeil« weil ber Jtbnig auf« ^bchße über feine 
Unioerßtät erjümt iß. Sr hatte bie beiben alten $ofrätbe ». Siebolb 
unb Stibbentrop ju ßcb fommen taffen um ihnen ju fagen, wen er 
oon ber Unioerßtät gewählt haben woße. Da fagt Stibbentrop: „Sw. 
SOtaj. wißen/ baf bie Lehrer ber Uni», unabhängige unb freie Spinner 
finb; alfo fann »on einem ©orfchlage für bie Stahl nicht bie Stebe 
fein" — unb b>tr angefommen waren SBeibe nicht ju bewegen ben 
Sanbibaten be« jtbnig« auch nur )u nennen. Der Senat wählte einen 
febr conferoatioen SJtann, »on bem grabe befbalb nicht ju erwarten 
iß, baf er bem 9Berfaffung«bru«be jußimmen wirb. Da« iß wirtlich 
ein bra»e« ©enebmen, befonber« beutjutage, wo Siebebienerei unb leicht* 
ßnnige« Mufgeben ber heißdßen Stecht« fo gew&bnlich ßnb. ®on St 
iß e« um fo ebrenwertber/ ba er ein perfbnlicher greunb be« feligen 
Äbnig« unb at« Steaftionär befannt iß. — 

Sin ©ute« bat mein Unwohlfein boch jur golge. Sch fann Such 
au« Srfahrung einen Stoman empfehlen/ ©oj’« David Copperfield — 
ein fo tieben«würbige« Such wie ©oj nur je gefchrieben hat Die 
Situationen unb Sharaftere ßnb febr einfach/ aber mit einer h<n* 
reifenben ffiärme bargeßeßt; befonber« ßh&n iß ein grauenchamfter 
in ber Mrt ber Sßher in Bleakhouse. Sehr unbehaglich war mir bie 
Schilberung ber jungen She be« gelben mit einem Stäbchen/ ba«/ 

* Um 22. Dtj. 1866 war in Jpannooer abtrmal« ein fogenannte« Stotgefc« (b. b* 
ein ohne fttnbifche $ufHmmung gegebene«) erfcbienen. St entyog nicht nur fdmt 
lieh« Vrefoetgehen, fbnbem auch «Ke politifchen ©erbtet««, fdhf mit (ebnerer 
Straß bebro«te, ben Schwurgerichten unb »mmri fte an ein neu gtbUbeteg 9u*-- 
nahutegericht S. 9. Oppermann, gur Sefchicpte be« Königreich« Jhannooer oon 
1882 bi« 1866. 2. 9. 2,484. 2 Karl friebrich Hermann färb am 31. De). 

1866 im 9lter oon 61 Jahten. 


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Januar 1866. 


329 


obgleich ItebenOwürbiger unb warmbergiger, mich attgufebt an . . . 
erinnerte ... 

©och genug/ mehr al* genug! ©treibt mir ba(b unb feib gang 
ohne Sorgen. — 58iel Vergnügen ju bem ^auberfefte. — Saufenb 
©rufe an Sitte, auch an Sttfreb, bem ich jegt begimmt nficbgen* 
fcbreibe, »on 

Seinem treuen ©ohne 

-Heinrich 


141] 9n ©off. 

©fittingen 13/1 56. 

fWein lieber ®ereii! 

. . . wenn ich Sir fcbreibe, fo fte^t mir attemai jener glücfltcbe 
Sommer am Steine wie ein ferner Xraum vor bem Sluge; er erfebeint 
mir immer berrütber, je mehr ich fübie wie wir bem beitem ©urfeben« 
leben immer frember werben; ich benfe grabe wenn ich Sir f<breibe fo 
gern baran, weil mir unfer ©riefwecbfel bie ©ewifb«* giebt, baf wir 
au6 bem febnett oergognen fr&bticben Treiben ©fiter gerettet haben, bie 
ffir 9 * Seben au*bauem werben. Solche ©ebanfen bringen geh mir beute 
recht lebenbig auf. 3cb fwbe grabe ba6 neue ©onner Äneipbilb oor mir. 
©iele ber £eute finb mir unbefannt, ©tele recht unibnttch — aber 
baö ©anje ig fo fünglerifcb aufgefaft — eine ©achenfabrt auf bem 
SRbtine, bie £eute mit Stfimem in ber 4anb, in ber ©litte bie Sahne 
mit bem ©accbu*frange, im $intergrunbe ©oat*baufen, bie alten 
©urgen unb ein ©lief in* enge 9tb<intbal — baf? ich gong un* 

perffintiche* SBoblgefatten baran hübe; e* ig ein frifebe* ©ilb be* 
rheinifchen ©urfcbenleben*, ba* auch ben gremben feffeln muf. Su 
fanng getrog irgenb einen lugigen ©er* au* bem ffialbmeiger bar« 
unter fegen. ©eildugg, wenn Su ba* ©ilb noch nicht hoff/ f® f#reib 
mir* halb; ich fann Sir, wenn Su e* halb fagg, ein Sjremptar 
fehtefen- 

6* machte mir natürlich ben Sinbrucf eine* fonberbaren Xna« 
chroni*mu*, al* ich ©ecember — oor mir ein fchneebebedfte*, 
ei*gapfenbebdngte* £iegelbacb — Seine ©chilberung ber Sommer« 
reife burch bie Schweig (a* — hier in ©ftttingen, wo mir wenigem* 
bie fRaturfchftnbeiten auf gleicher Stufe mit ben geipgigfehen geben, 
ffia* ich ©ir bagegen gu bieten bdtt«/ wfire bie ©chilberung meiner 


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890 


Januar 1866. 


Steife hierher mit tan SÄbßecger nach Seßpgolen; bocg ich fcgweige 
liebet bamit Du fetbß mal herfommß. 3cg fann Dir nur fagen, 
baß fetbft bie JJerforber ©egenb recgt gühfcg iß, wdgrenb onbre 
^artieen Seßpgalen«, wie 93ietefelb unb Detmolb, ficg getroß neben 
febr berühmte $artieen j. 93. von Schwaben (teilen fdnnen. 9fm 
meißen ©enuß hotte ich *>on bem 93efuche 93raunfcgweig«. Da« ift 
eine wahre $unbgrube für ben ÜXaler, ndcgß Stümherg bie fcgünßc 
alte Stabt bie ich fenne ... 3<g bin wügrenbbem, wenn auch 
(angfamer al« e« meiner Ungebutb recht war, meinem Jiele etwa« 
ndger gefommen. Du wirft im b. SDtufeum ein ©ebicgt Slmbroßu« 
Datfinger unter meinem Staaten gefunben hoben . . . grtaß mir 
bie Detail« ber faubem ©efchichte . . . Dagegen finb bie fpdter ab« 
gebrochen Stebinger dieser wirtlich »on mir. Sa« gdltß Du bauen? 
9 hot feinen ©efegmadf, benn ba« ©ebicht ift unbebingt fchtechter 
a(« mehrere anbre, bie ich ihm gugefanbt. g« ift mir nicht tnorrig 
genug — ba« ift natürlich; benn bie hiftorifchen Detail« jene« 93auem* 
fampf« finb noch nicht aufgefldrt; roißfürlicg erfinben burfte ich 
nicht; fo mußte ich otfo wa« an inbioibueßem Sehen fehlt burch 
Schilberungen )u erfegen fuchen. Stur bie beiben legten ©efdnge uer= 
föhnen mich einigermaßen mit bem ©anjen. — Segen ber „»ater« 
Idnbifcgen ©ebiegte" flehe ich mit ©eorg S}. Siganb (einer jungen 
aber geachteten gtrma) in Unterhanblung ... #at ba« Jpeft ©lief, 
fo fannß Du fchon ju Sügaeli« ober fpdteßen« ju Seihnachten einen 
93anb „Stubten" »or Dir hoben — oermifchte ©ebiegte, meifl 93afc 
laben unb Meine gpen. Der Xitel iß ganj richtig gewühlt, benn ich 
fege immer flarer, baß ba« ©enre ber englifchen unb beutfehen 93aßabe, 
bem e« nicht fowohl auf Schßberung ber greigniffe a(« ihre« Stefleire« 
im Senfchenherjen anfonunt, eine Uebergang«ftufe jum Drama bitbet. 
3cg fühle, baß bie meißen meiner 93aßaben, obgleich natürlich ohne 
biefen ©ebanfen entftanben, SJorßubien p bramatifchen ©eenen ßnb. 
3cg höbe fegt einen herrlichen bramatifchen Stoß gefunben 1 , gan) 
fürjlich, nachbem ich oße bie $tdne, »on benen ich ®ie früher fehrieb, 
theilö verworfen tgeil« oerfegeben höbe. 3<h gehe fegt baran pndcgß 
ben gißorifegen Stoß )u bewältigen. 3m Sommer foß bann goßent* 
lieg ba« Sert jur Steife tommen. 3cg weiß wogl, baß 93ügnen? 
gereegtigfeit niegt bloß etwa« äußerliche« am Drama iß, fonbem )u 


1 Jgdmicb «on flauen; f. Schiemann ®. 118g. 


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3onuor 1866. 


331 


feinem 2Befen gebärt; ich weiß auch/ baß ich von SBübnenlenntniß 
noch (eine Stbnung hohe. Slber ich glaube/ baß boö Drama baO bäcbffe 
3»el für bie SoCfie ber ©egenwart bleiben muß; ich muß mir alfo 
bie enge Serbinbung brt bramatifcßen Dichter* mit ber Sühne, ohne 
bie feine Äunft nicht gebeiben (ann, burcb ein Drama p erzwingen 
fucben, bei bem erften Serfuche mich meinem guten ©tem überlaufen 
unb mich an SKuflern fo gut e* gebt p hüben fucben. J^at mir 
bocb ber gute Sut p SBeibnacbten in einem gewaltigen englifcben 
goliobanbe, auf bem ber ©cbwan von Slvon unb bie (afonifcbe Sn* 
fcbrift Shakespeare p feben ifl, eine potttfche Söibet gefcbenft, an ber 
icb mich täglich i< noch Umfiänben erbaue ober beraufche. — 

Stein alter SBereli, fo weit war ich vor 8 Zagen gefommen unb 
habt mir nun bie ganje SBoche über Sorwürfe gemacht/ baß ich ben 
©rief noch immer nicht p €nbe gebracht, JJeute aber jeigt ßch, baß 
bat ©lüd auch meine gaulbeit pm Seften (ehren will. Sch (ann 
Dir nun gleich mittheilen/ baß SBiganb mich beute früh befugte. 
2Bir finb bonbel*einig, pr Dftermeffe wirfl Du Dein €;emplar in 
J£>änben hüben. Sorberbanb werben 5—600 @jr. gebrudt, wovon ich 
15 frei erhalte. Senn eine 2. Auflage nätbig wirb/ werbe ich uw 
Honorar au*bebingen, b. h* fo Siel al* genügt um mir ad ocolos 
bat ^unbe«@(enb eine« Sotten p bemonftriren, ber von feinen 3ugenb= 
arbeiten (eben wiü. Da6 dingt glänptb — aber wafl (ann ich jeßt 
mehr verlangen/ wo e* ficb nur barum bonbeit bie erfte fefle ©taffe! 
p gewinnen? ... ©enug ber SoSfei unb ptüd ju %opf unb Sb>* 
lifterei/ b. b* ju biefem SRefte, bem ich (einen dugenblid anffebe 
Seipjig weit vorpjieben. Da* würbe vielleicht anber* lauten/ wäre 
ich «in Stieberbeutfcher — am SRbeine unb in ©chwaben hoben mir 
bie Ütorbbeutfchen prächtig gefallen; hier wo fte unter f»<h ßnb, macht 
fleh ba* Shlegnta unb bat früb*ergreifle bblptne Sefen bällifch breit — 
ober wäre ich ©tubent. Sch bin von ieher gewähnt mit Leuten um» 
pgebn, bie älter waren at* ich; ba wirb mit* fegt fchwer p bem 
jungen Solle beeobpfebn, noch bap wenn tt in folchen Slirtnahme» 
Serbältniffen lebt. Da* perfänliche Sntereffe am Surfcbenleben fehlt 
mir jefjt, fo fehe ich baran faff nur bie oft lächerliche/ oft — be» 
fonber* h»et — (leinliche dußenfeite. Äurpm, ich (omme mir vor 
wie eine Shnpbibie. Stit ben jungen Doetoren verlebte ich wenig/ 
fo gern ich* tpäte; ba hot Stile* fchon einen fehr würbigen Slnffricb, 
vor Slllem eine anbre, b. b* teife Sprache/ fo baß ich Sicht* ver* 


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S32 


3<uunu 1866. 


flehen fann unb mich langweife. Um nicht ganj ju vereinfamen »er* 
lehre ich viel mit ben ©rünen, obwohl ich fühle, baß ich nicht ju 
ihnen paffe, ©tabt unb ©egenb ftnb ein $ohn auf jebe« äffhetiffhe 
©efühl — bocf» nein — e6 hält ffch h‘« gegenwärtig ber große SXann 

3ufiuö ». Stobenberg auf/ mein Diffhnachbar-3Rit Slu«* 

nähme biefe6 lichten ©effirn« am poötiffhen Fimmel iff hier Sitte« 
fo unäffbetifcp wie möglich — hoch ich will Dich nicht burcp Detail« 
langweilen, ©er eine fo ffhöne J^eunath hat wie ich unb fo lange 
in Sonn unb Jjeibetberg gelebt/ ber barf nicht murren/ wenn er biefe 
norbifcpe Suft athmct/ wo bem fleißigen Sünglinge ber SBhifftiffh bie 
einzige Erholung iff unb ber Jtneipwirth ben ©äffen fagt: SBein unb 
Siet ftnb fehlest, aber ber ©cfinap« unb ©rog vortrefflich» Saß Dir 
an ber Xhatfache genügen/ baß ich tat größten SEheil btt 5tag« ju 
Jjau« bin unb $ut ber einzige SJtenffb iff/ ber mir nahe ffeht. Da* 
für höre liebet/ wa« mich befepäftigt ©eit greptag« Stoman hab’ 
ich httilich wenig erträgliche neue ^oeffeen gefeben, nur neulich 
$ebbel’6 ©pge«, ein wunberlich Such. ®*e Sabel iff fo/ baß Du 
lachen würbeff/ wollte ich ff* Dir erjählen. Unb hoch hat mich ba« 
©anje wunbetbar angejogent bie Darffettung iff fo glänjenb realiffiffh/ 
bie beiben ÜRännercharaftere mit fo wohlthuenber ffiärme gefchilbert, 
baß man oft bie Jjauptfache (bie gabel) unb bie Unnatürlichleit be« 
weiblichen JJcauptcharafter« (bie Sfbffraftion ber reinen SBeiblichfeit, 
bie au« einer lächerlichen ffhambaften ©ri(le(n) bie ffhamtofeffen Dinge 
thut) ganj vergißt. Der ©chtußeinbrud iff entfehiebner Unmuth, baß 
ein fo glänjenbe« Dalent au« ©eiffreichthuerei einfache rein*menfchliche 
Gonflifte »erfchmäht unb mit ber wittfürlichffen Saune nach ben ab* 
furbeffen SWotiven hafcht. — Sluch ben 1. Dbeil »on ©imroef« Slme* 
(ungenlieb hab’ ich flelefen. ®« ffnb ganj herrliche ©tücfe barin/ auch 
fehr warme ffnnliche ©cpilberungen, wie ich ff« von meinem guten 
trodnen ©imrod gar nicht erwartet hätte — ffhlicßlich bleibe ich 
aber babei/ baß unfre eigne ©agenwelt unferer Kultur »iel ferner 
ffeht a(« bie griechffch«. Diefer phantaffifche ^auberfpuf, biefe« reden* 
hafte jtloben unb „in bie SBunben greifen", wie e« ffch befonber« in 
6den S(u«fahrt breit macht, fann mir hoch nur munben, wenn e« 
in fehr Keinen Dofen verabreicht wirb. — SÄein ©ewiffen mahnte 
mich, ben 3ean ^aul, ber mir faff unbefannt war, jur Jjanb ju 
nehmen. SRir iff« unmöglich, auch nur einmal herjlich gerührt ju 
werben ober h«rj(i<b J« lachen — mir macht Sitte« ben unnatürlichffen 


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3<unuur 1866. 


333 


©inbrucf 1 . Äein fffiunber, baß unfre mobemen Stomonfcbreiber, bie, 
tote ©ugfow, 3* tyml neben ©oetbe unb ©(bittet fegen, Sicht« 
triften. €6 ift eine ©cbanbe, baß ba« Stuftet unfret Jjumorifien 
oom fcblecbtefien englifcben öbertroffen wirb. 2Bie gern mbcbte ich 
mich felbft baruber täufcben, bie ttBabrbeit fpringt aber fo in bie 
Sugen, baß mi<b bie ©cbam bar&ber oft iberwältigt; eO giebt nur 
einen SErofl für folcbe ©nftcbt: nur wenn wir Kar erfennen, baß unb 
warum unfre fcbine Eitteratur feit jener furjen ÜBeimarfcben Släthe fo 
tief gefunden, nur bann fbnnen wir hoffen au« bem Slenb berau«ju* 
Eommen. — Siel mehr greube machten mir einige fcbbnwiffenfcbaft* 
liebe ©erfe, bie i<b in ber langen ^eit feit meinem legten Sriefe 
gelefen. ©bringet, biefer prdebtige finnige Stenfcb unb treue granfonen* 
freunb, bot eine furje ßunftgefebiebte gef<brieben, bie hoffentlich halb 
allen ©ebilbeten ein unentbehrliche« Sefigtbum fein wirb. Die 2.2luf* 
läge oon Julian ©cbmibt ift ein ganj neue« 2Berf. Du fotttefl fie 
Dir anfebaffen. Da« Such ift unerhört einfeitig. 2lber ba« ift jene 
eble männliche Sinfeitigfeit, bie auch Eeffing jierte. ©ie fleht mir 
unenblicb bib«r al« jene dd)t moberne Sielfei tigEeit ber ©eficbwpunfte, 
bie fcbließlicb ju gar feinem Sefultate fommt. Ueberhaupt faffe ich 
ba« geiftige Eeben eine« Sott« al« einen ewigen ßampf auf, ich febe 
alfo nicht ein, wie bie ÄritiE etwa« anbet« fein Eann a(« einfeitig. 
Sur bie b&<bften Eeiftungen ber Äunfl unb attenfatt« ber ©efebiebt* 
febreibung nehmen einen höheren ©tanbpunft ein. — 

gragft Du nach meinem Srotftubium, fo bin ich jwiegetheilt. 
©netfeit« ftubire ich mit berjlicber greube bie alten ©r&ßen Slrifto* 
tele«, Stacbiavetti tc., anbrerfeit« fammle ich langfam für eine Arbeit 
über ben SegrifF ber ©efettfebaft. Da« jwingt mich neben einten 
guten Sichern unerhörten ©ebunb floßweife ju lefen ober vielmehr 
fiebenmal an bie 8Banb ju werfen bevor ich mich einmal entfebließe 
bie Eett&re fortjufegen. Da« ©cbmäbtid)« ift/ baß ich für meinen 
Kerger nicht mal bie ©enugthuung hohe etwa« Sofitive« brau« )u 
lernen. Dabei jupft mich immer ein bämifeber 3emanb am Dhr* 
unb raunt mir jene fauflifcben Serfe vom vierten Suche, ba« man 
au« 3en jufammenftoppelt, ju. — Uebrigen« ift mir« jegt flar, baß 
ich nicht bran benfen fann febon in ‘/j ober 1 3aht ju bociren. 3cb 
bin burebau« ju unwiffenb baju. 2Ba« ich vom aEabemifcben Eehrer 


1 X)fuif<b« @tf<hi«hre 1,208. 


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384 


3 ««Mt 1866. 


»erlange ift mehr, alö baf er bloö mehr wiffen foff al6 fein Subito« 
riunt; et foff eine ganj eigentümliche fettige Suffaffung feinet 
Siffcnfcbaft mttbringen. Sie foff ich baju gelangen/ ba meine 
£ebrling6geit faum »orüber ifl? 2Kb hoff« »ielmebr, um bc6 lieben 
©robeO wiffen/ auf einige Sabre Sournalifl ju »erben unb bin auch 

ni(bt ohne affe Suftficbt auf Erfüllung. Darüber ein anbermal- 

9la, Sunge, bet ©rief Idft lang auf fl<b warten, ifl aber au<b febr 
lang geworben unb bringt eine gute ©acbricbt. Darum belohne ibn 
halb. €6 Hingt jwar wie Jbobn, wenn ich fauler Schreiber fage, baf 
mir unfer ©riefwecbfel febr am «fjfctjen liegt/ e6 ifl aber barum nicht 
minber wahr. — ©ei ein guter Sunge unb f<breibe halb/ fcbon beO 
^neipbilbo wegen. — ©rufe mir Stubolf ... unb bleibe ber Site. 

Dein 

^einricb 5tr 


142] 9n ben 93ater* 

©bttingen 90/1 66. 

ÜReto Heber ©ater! 

. . . §ür Deine odterlieben Ratbfcbldge fage ich Dir meinen ber$« 
licbfien Dan!. Du bafl mit Deiner Samung, i<b foffe ni<bt ju Siel 
auf einmal beginnen/ gerabe ben ©unft getroffen/ ber niebt nur für 
mich/ fonbem für Sieben, bem e6 mit feiner ©Übung ®mfl ifl, beut« 
jutage am ©efdbrlicbfien ifl. Senn i(b fe$t tdglicb eine ©tunbe auf 
bem SKufeum bie leichte ÜBare »on taufenberlei Jeitfcbriften gelefen, 
bie bocb ber banbgreiflicbfle Su6bruc! unfrer mobemen ©Übung finb: 
bann überfommt mich oft eine ©erwirrung, eine ©efcbdmung über 
meine Unwiffenbeit, unb bocb zugleich eine unenblicbe Seracbtung gegen 
bie feicbte pb*afenbafte Seife, womit ich bie griften unb tieffkn Dinge 
bebanbelt febe. Unb biefe beiben (fmpftnbungen flirten nur bie Sif« 
begierbe, ben beinah franfbaften Sbrgeij baf ich nie ju bem geifligen 
©übel gebbren mbge, bem bie Seit nur ein ©egenflanb falber £beil* 
nähme, halben ©erfWnbniffeö ifl. Sch war noch fo jung alö ich Such 
verlief unb hatte — wa6 gewif recht gut war — aufer ber Schul« 
bilbung fo gar feine Äenntnif von ber Seit, baf ich feitbem be6 
Semen* unb ©cbauen* fein ffnbe gefunben habe, SRocb in ber 
füngflen 3eit finb mir grofe ©ebiete be* Siffen6 nabe getreten, von 


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3«nuöt 1866. 


386 


betten ich gar (eine dbnung batte — unb immer unb immer mieber 
(am ich auf ben Stoffeufjer jurueP: ©atum fuhren wir nicht ein 
jwiefacheß (eben/ ba baß eine, baß unß »ergbnnt tft, (aunt hinreicht 
um unß nur ju etjieben. 216er ich bin auch nüchtern genug, um ju 
roiffen, baft fleh mit Seufjetn Richtß intern läft. 3Kh füh^e baft 
nur baß Schaffen bem gehen ©ertb gieht, unb baf? ein übertriebner 
föilbungßeifer ju einem ohnmächtigen Raffinement fuhrt, baß mit 
ber Barbarei fehr viel ffitynlichfeit hot. So befchränte ich mich 
nach Äräften in ber 2lußbebnung meiner Dbätig(eit. Den ©ieber* 
fpruch biefer ©nfeitigBeit fühle *<h freilich lebhaft; lifen läftt er ftch 
nur burch Reftgnation — unb baß ifl mir bie »erbaftefle aller 
Stimmungen. 3n biefen Xagen bin ich fo einfeitig atß möglich: ich 
befchiftige mich faß außfchlieftlich mit bem »erwünfehten Domänen« 
artifel 1 . — Die jweite ©ebidjtfammlung liegt mir fehr am Hetjen; 
ich bin aber bannt fertig biß auf etwa 2 ©ebichte, für beren Um* 
fchaffung ich einen g&nfhgen Sag abwarte. 2rft aUeß in Drbnung, 
fo werbe ich nn eine grofte girma fehtefen. 3war hat mir ©iganb 
ben Sßerlag fchon angeboten; wenn eß feboch möglich ifl, fo jiebe ich 
eine befanntere Hanblung vor. — Sinb bie nächflen 3 unglücflichen 
Domänenwochen um, fo gehe ich fogleich an bie 2(bfaffung eineß 
flaatßwiffenfchaftlichen 2lrti(elß für eine gtbfiere Leitung. Die Rüm« 
berget Sache »erjogert fich fo f«hr, baf} ich ben ©tauben baran »er* 
liere. 3ch werbe beftbalb ben ftcherflen ©eg wählen, um an einem 
Sournal angefleltt $u werben, unb unaufgeforbert einen 2lrti(el ein* 
fchitfen. 3ffl man jufrieben bamit, fo wirb baß ©eitere fchon er* 
folgen. Natürlich geht baß nicht fo fchneU, unb biß gegen Dflem 
werbe ich n>obt noch h‘ w bleiben müffen. Die (Sinjelheiten ber 23er« 
fuche (innen Dich (aum interefftren, ich »erbe mich alfo barauf be« 
fchränfen müffen. Dir baß Refultat mitjutheilen. Die SBebenflich* 
(eiten bei ber Sache erfenne ich recht wohl, unb habe mich fthon 
früher barüber außgefprochen 1 . 2lber eß ifl eine ÜEhatfache, baft fafl 
ade bebeutenben ^rofefforen mehrere Sabre »or ihrer Habilitation 
gewartet unb erfl im reiferen 2(lter bie afabemifche gaufbabn be« 
gönnen haben, ©enn fBiele »on ihnen biefe ^roifdhenjett auf Reifen 
ober in fOfufte jugebracht haben, ich bagegen mich felbftänbtg felbfl 

1 JCfar baß feit 1866 erfcheinenbe, »on ©tantftbR unb ©rat« heraußgegebene Deutle 
€taat ß wßt mb n<b. 3 jpietftbet ift ni<btß ©efüntmtertß erfi($tli<b. Die erhaltenen 
©riefe beß SBaterß fpringen *om 89.19.66 auf ben 7. ft. 66. 


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336 


3«wmt 1866. 


ju ermatten fueh« 1 , fo if! ba* «in Unterfthieb, ber lebiglich in ben 
5Berm6gen*»erbältniffen begrunbet ifl. — Daju fommt noch ba6 
Dilemma jtuifdfycn 9>o?fie unb ffiiffenfchaft. ©ne ber Haup teigen* 
fünften eine« Äünfller* glaube ich fitbet ju hefigen: bie rege Sufi 
am Seben, ba* offne Äuge für feine ©ftbeinungen unb bie Pleigung, 
nitbt burtb £beorieen ihre Sefegmüßigteit ju begreifen/ fonbem febe 
©ftbeinung in ihrer Sebenbigfeit, in ihrer Schönheit ju erfaffen. Db 
ith bie fthbpferifthe gifiigfeit b<*k/ bie @ef!alten, bie mir im Innern 
leben, an* Sicht be* «tage* ju bringen/ barüber fann ich mich unb 
Änbre nur burth funfHerifche Arbeiten belehren. Daju brauche ith 
3eit unb SBilbung; barum muß ich ntir für biefe Schülerjeit einen 
Seruf mühten/ in bem ich Sttuße genug hübe meine pottifchen Är* 
beiten fortjufegen. Da* if! flar mie ber Üag; e* if! unleugbar/ baß 
bie Äunfl im Änfange ihren jünger nicht ernährt, aber e* wüte 
Äleinmutb unb Simbe, mollte ich f>e befhatb aufgeben. — Da* über« 
fieht auch mein lieber Segter Älee, ber mir jegt mieber burth ben 
(leinen Jjpelbig fagen ließ, ich (bitte mich halb habilitiren. — 

Damit, mein lieber IBoter, gab’ ich Dir meintet) offen au*gefchuttet; 
ich ben!e, ich merbe biefen ©egenfianb nicht eher mieber ju berichten 
brauchen, a(* bi* ich ®ir etma* über ba* IRefultat meiner joumatifh« 
fchen Skrfqche melben (ann. 2Ba* ich fonfl noch ju erjäglen habe, 
ftgteib’ ich bteßmal an 9Rama J , beren freunblich« feilen mich natür* 
lieh jur Äntmort bringen. 

Heinrich. 


148] Än Otubolf QXartin. 

Sittingen, San. 27. 66. 
3Äein Heber ÜJlargui«! 

gur einen a(* fehreibfaul oerfchrieenen SWenftgen mie ich if! eine 
Äntmort nach menig mehr a(* einem SDionat etma* Äußerorbent* 
liehe* ... Sn ber £b<»t ftnb e* auch bie unermarteten fthkegten 

Plachrichten Deine* SBrief*, bie mich jur ©le treiben-Sch 

habe barau* mal mieber recht (lat gefehen, mie heilfam ein emftgafte* 
Duell if!, fo lange bie übermiegenbe SKehrjahl ber Sterblichen noch 
einen folchen Ueberfluß an 99ilbung*mange( befigt. — Selbf! nach 

i «ueg tlrgibi unb, ernftgaftfr, SRangolbt »«rtn vor ihm Habilitation journafifHf<h 
t&tig gewefen; vgl. ©. 176. 1. 2 9H<gt erhalten. 


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gebtuftt 1866. 


337 


meiner furjen unb im ganjen günfligen Srfahrung bejweifle ich fehr, 
bafj fich baS je inbern wirb. Die gute ©efellfchaft würbe ohne bog 
Duett ganj oerwilbern, fit h<*t fonfi nur bie SBaht fich wie bet knoten 
ju bdjen unb $u fchimpfen ober ftc^ wie ber JRufle für gndbige ©es 
teibigung ju bebanfen 1 ... 

10. gebt. 

9lach 14 Dagen feh’ ich heute, bafj ber Sörief immer noch nicht 
fertig ifi... Dafj Dir bie Stabt anfingt tieb ju werben finbe ich 
fehr natürlich; mir ifi nur Sine« wunberbar, bafj baS nicht fchon Idngfl 
gefchehen ifi; ich wenigflenö fann an mein Jjjeibetberger Semefler nicht 
benfen ohne bafj mir bat Jjerj warm wirb. Aber ich glaube, wenn 
Du bie Staattwiffenfchaft ernfitich fiubiren willfl, fo fommt es auf 
einen mehr ober minber angenehmen Aufenthalt nicht an. Da« 3ahr, 
baS Du bafür beflimmt h«fl, reicht ohnebiefj nur hin um Dir einen 
©egriff »on ber AuSbehnung ber SIBiffenfchaft, feineSwegS eine Äenntnifj 
ihre« Snhaltt ju »erraffen. Da wirb eS boch gut fein, wenn Du 
bie beftmbgtichen JjnlfSmittel benugefl. 3BaS Du in Jjblbg gut finbeft, 
atfo bie 9Jtohlfchen SoUegien, baS h«fi Du entweber fchon gehört ober 
eS finb gdcher, bie mit bem jus nahe »erwanbt atfo für Dich leicht 
burch ©etbfifiubium ju erlernen finb. Da* Schwierigfle finb bie 
nationatifonomifchen gdcher. Die wirft Du aber bei SRau ficher nicht 
hbren wollen; fein ©erbienft liegt in feinem ©uche, baS Du Dir boch 
anfchaffen mufjt; feine Sollegien finb aber — barüber ifi nur eine 
Stimme — nur burch bie Gelegenheit jum Schlafen angenehm. Auch 
Diegets ©orlefungen werben feine ©leifierwerfe fein; im legten ©Jinter 
wufjte er noch h«rjlich Sßenig, unb feine Schrift ifi grabe fo grün 
wie ihr Umfchlag. 3ch bleibe atfo bei meinem früheren Stathe; ent* 
weber Seipjig ober @6ttingen, beibeS fehr langweilig, aber auch W* 
nüglich- Diefet „»ernünftige" SRath wirb einem Hamburger weniger 
abfiofjenb erfcheinen, ba man ja bei Such, wie ^>ut behauptet, auch 
bie Jjeiratben „aut ©ernunft" eingeht. — Du legfi mir hoffentlich 
mein jweimatigeg ©efprechen beSfelben ©egenftanbS nicht alp Jj>of* 
meiftersDenbenj aus. (St ifi fo fetten, bat ein fünftiger Diplomat fein 
eigentliches gach wirftich fiubirt; um fo erfldrlicher atfo, bafj jeber ^unfts 
genoffe fich bafür intereffirt. ©on ber ehrwürbigen ©eorgia Augufia 
ifi 2Benig mitjutheilen. Die ^rofefforen befchdftigen fich »orwiegenb 

1 Sögt. 6.242. ~ 

I. 22 


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338 


februar 1866. 


mit Sterben. Da* gerbt ben Stubrnten Änlaß fi<b erß über ba* 
prä beim ©egrdbniß ju ßreiten, nachher frierenb auf ben Äircgbof S u 
jiebn unb bort möbrnnb ber ©rebigt bie Stirfc ber Gouleur* ju be* 
regnen, enblicb unter ben klingen ber Zfyityolta einjurücfen unb 
mit einem §rübfcb<>PP<n bie ©rabc*s(£rinnerungen binmegjufchmrmmen. 
Die frommen bagegen genügen bie ^dufigen Dobe*f4l(e um ex eventu 
ben 3 orn be* JjSrm JjSrrn ju »erfunbtgen auf biefe* funbige Stuf; 
rübrers(Reß, ba* noch immer an bem uncgrißlicben ffiabne fefl^dft, 
ein ©erfaffung**üReineib fei auch ein SReineib. — 

95i* hierin mar i<b b^te früh gelommen, ba marb i<b mieber 
unterbrochen. 3dj> fege mich fegt jum Schluß, aber in ber uns 
paffenbßen Stimmung »on ber 2Be(t. Srcg hob« foeben bie Debatten 
ber Kammern über ben Scbmetin’fcbm Antrag gelefen 1 ; ba mirb Dir* 
mobl nicgt munberbar erßheinen, menn ich angegriffen bin. (Bon 
welcher Seite ich* nuch anfeben mag — ich höbe immer nur ba* 23i(b 
unerhörter (Berberbtbeit, einer Änechttgeßnnung ohne ©(eichen »ot mir. 
Sich möchte mit meinem Schicffal bobern, baß ich nicht reich bin, baß 
e* mir »orau*ßcbtlicb nicht möglich fein mirb mein ©rob ju t>er* 
bienen, ohne in biefen 5£ummelplag ber Söge, ben man Staatöbienß 
nennt, einjutreten. 9Ba* an mir liegt e* $u »ermeiben, fo£t ge» 
fchebn. — Die Regierung fyat nicht einmal mehr bie ßttlicbe Scham, 
fie gefleht offen ein, baß ©eßeebungen, Drohungen, Sfbfegungen, Uns 
recht aller 5lrt gefcheben fei, fie gefleht unb — oertbeibigt e*. 

Der £on, in bem ich «be, mag Dir m’edeicht §u leibenfchaftlich 
oorfommen. 9Bob( möglich, ber Sinbrucf iß noch 8 ar S u lebhaft. Daß 
ich ober in ber Sache felbß im meiteßen Sinne (Recht höbe, ba* weiß 
ich unumßößlich ßch«. Die S$rage berührt 8« nicht ba* politifebe, 
nur ba* ßttliche ©ebiet. 3n meinen politifchen unb religiöfen Sin* 
ßchten mirb ßch bei tieferem (Rachbenfen oießeicht noch SRonche* dnbern. 
©on jener ßttlichen Ueberjeugung aber, bie mir meine proteßantifche 
Srjiebung oon Äinbetbeinen an eingeimpft bot, baß feine 3Racht ber 

1 Sm 7. unb 8. ßebruar »erganbelte bat preu§. Vbgeorbnetengaut Ober ben Vntrag 
bet ©tafen Schwerin, ber (ine Untrrfucbung von ©eiten bet ©taatt minifierium* 
verlangte, „inwieweit buteg Organe ber (Regierungtgewalt eine bie freigeit bet 
(egten ftbgeorbnetenwaglen beeintr&cgtigenbe 8inwirfung geftbt worben fei*. 8t 
waren bie (Sagten, welche 72 ganbrftte in bie -Rammet gefegafft unb ben bits 
getigen 8inf(ufj ber 2ibera(en vemiegtet gatten. 9lacg fegr erregten Debatten be« 
fcglofj bat -baut mit 208 gegen 92 ©tinunen, jur einfachen Xagetorbnung Obers 
tugegen. 


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Jebroor 1866. 


339 


2Bett, fein SM>g unb fein tfönig, ©ünbe gebieten ober oon ber <£r* 
füöung ber ©gicht entbinben tann — von biefem ©tauben fann ich 
nicht ab weichen, fott ich nicht oor mir felbg fchaubern. ÜBirf mir 
nicht oor, bag ich Stört auf bie ©pige treibe: — grabe oon ©eiten 
ber preug. Regierung ig Stört auf bie ©pige getrieben worben. Uns 
fittlidje SOtittel finb oft genug von gefronten ©ünbern, congitutio* 
netten unb abfotuten, gebraucht worben/ baö ig nicht* 9teurt. Stber 
ftetö hat man fle oerleugnet; baf ge eingeflanben unb unter bem 
Subet einer ©olfhoertretung oertheibigt werben — baö ifl ein Spniös 
muö, für ben geh weber in ber ©efchichte ber ©tuarrt noch unter 
ben ©ourbonen Stnatogieen finben. — 3<h habe mich oon meinen 
rabifaten greunben oft genug einen Optimigen fchetten taffen/ unb 
auch fegt noch bin ich &** Stnficht, bag ein SRann auch unter ben uns 
günfliggen ©erhittniffen nie ©erjweiftung für fO?uth nehmen/ immer 
nach bem SRccht« hanbetn foö. Ob ba$ aber möglich Rin/ ob bad 
cSchicffat unfrei ©atertanbrt geh auf gefegtichem SBege wirb änbern 
taffen — baö ifl eine grage bie mir immer unftarer wirb. Sin paar 
©ebanfen bringen geh mir immer wieber auf: ber engtifche @runbs 
fag „fofortige Slbhitfe 1 bei jebem Unrecht oon Oben* ig nicht nur/ wie 
SXacautap fagt, ber ©runbpfeiter ber englifchen greiheit unb ber ©totj 
jebrt ©riten, fonbem baö nothwenbige Srgebnig jeber hohen ©olfts 
bilbung*. — gemer: rt ig eine unbejweifette higorifche Xhatfache, bag 
febe ©ewegung in einem ©otfe gewattfamer ig al$ bie Dichtung/ welche 
ge befdmpft unb lange gebutbet hat. ©Senn ich nun benfe, bag bie 
gegenwärtigen beutfehen ©erhältniffe nicht bauern fönnen/ weit ge im 
lichetlichgen Sontrage ju unfern ©olftbebürfniffen gehn; wenn ich 
ferner benfe/ bag baä SWaag ber 9techttoerte$ungen je$t jiemlich ers 
fchöpft ig unb nur noch burch blutige ©littet überboten werben fann 
— wer mag ba noch fo btinb fein an eine friebliche Söfung ju 
glauben? — Sag mrt abbrechen; oieöeicht meing Du, fotche Dinge 
gehörten nicht in einen ©rief. ©Senn aber ber ©rief ein ©itb oon 
bem geben foö, wag ben ©chreiber am SCiefgen befchäftigt, fo hab’ 
ich nieine Sorrefponbentenpgicht erfüöt. $6 ig möglich, bag ich folch« 
fragen emger auffage a(6 Stnbre. Der ©egenfag, worin ich in potis 
tifchen Dingen ju meinem ©ater gehe, unb ber ©chmerj barüber hat 


1 „©ribftb'lff* tagt Xreitfchfe b«utli<b« an einer anbrm, nicht abgebrochen ©riefflefle, 
benfdbm ©tbanfen »icbnhotmb. J © 9 t. ^elitif 1 , 196 f. 

22 * 


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340 


grimm* 1866. 


mich unroillfütlich barauf gebraut (inen fe^r flrengen SWagflab baten 
ju legen. — 

©aö ich hier mache? fragfl Du. 3$ arbeite au« bet SBibliothet 
an meinet habi(itation«fchrift unb backte baran mich hier ju Tahitis 
tiren. Sigentlicf) bin ich Diel ju unroiffenb baju. £>b id) e« noch 
tbue — h»rr ober in £eipjig? — ober nicht auf einige 3ahre 3our* 
nalifl »erbe/ unb jroar halb, ba« fleht noch bahin. Uebrigen« mirfl 
Du fchon ju ©flern ein 93dnbcf>en „ißaterlänbifche ©ebichte" oon mir 
im Suchhonbel finben ... Stöbere« wenn eö herau« iff ... Stun 
noch bie grage, toann Du promooiren millfl?, unb herjliche ©rufe 
oon unb an. — 

Dein 

Heinrich Dr 


144] Sn btn Steter. 

©öttingen, gebt 10. 56. 

SOlein lieber SBater! 

-SDtein geben ifl ftch in ber legten 3eit fehr gleich geblieben, 

fo wie ich« Such oft betrieben. Den Schlug be« Sarneoal« . . . 
haben mir burch eine Suftfpielauffübrung gefeiert. Da« Spiel mar 
natürlich eine Souliffenreigerei im grofjartigjlen «Dtagflab, e« gefiel 
aber boch fo, bag felbfl bie alten ehrenfeflen ^rofefforen ganj au«* 
gelaffen mürben ... SJtit meiner ©efunbheit geht e« feit 8 Dagen 
oortrefflich; ich hotte bi« bahin fortroäbrenbChrenfcbmerjen, gefchmoltne 
Drüfen unb Steigen unb ©efchmulfl an ben Schultern, obgleich ba« 
©etter im ©anjen gut mar unb ich mich mirflich fehr in Sicht nahm. 
3egt fcheint enblich Sille« oorbei. Da« Jjaarfeil merbe ich jeben fall« 
bi« Dflern, mahrfcheinlich noch langer tragen; nicht al« ob ich mir 
fehr 93iel baoon oerfpriche, aber e« müre mir fehr unangenehm mit 
$rof. 83aum ju brechen. Sr mirb vielleicht noch (ine anbere Sur ba* 
mit oerbinben, menn nur enblich (in heller Dag fommt, an bem er 
bie &hren genau unterfuchen tann. Doch mug ich mich entfegieben 
oermahren gegen 3ohanna’« Slnficht, e« mdre inconfequent mollte ich 
bie einmal angefangene Sur mieber aufgeben. Da« ©abre ifl, bag 
ich ft* fl°r nicht angefangen höbe, fonbern völlig bamit übertölpelt 
morben bin. Sfl« mich ®oum befugte lag ich toub im SJette; er 
fchrieb mir auf eine Dafel, bag er mir ein Jpaarfeil jiehen mollte. 
3ch flimmte bei, meil ich 8®r nicht mugte ma« ba« fei unb natürlich 


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Jrtruor 1866. 


341 


glaube e6 fotfe gegen ba6 SReißen Reifen. 3n biefem ©tauben habe 
ich eö auch bi6 vor 8 «lagen getragen, wo ich crft erfuhr, baß er ba« 
burch bie ©chwerh&rigfeit felbft ju milbern hofft. — (56 wäre finbifch, 
wollte uh große Hoffnungen htgen. Silber Saum ift wentgflen6 ber 
Slrjt, von bem ich noch am erften etwa6 erwarte, ©ein «Kittel ift 
nicht angenehm, wirb aber immer weniger I4ftig feit ich »«ber ganj 
wohl bin. ©o will tch’6 benn auch weiter burchfühten. Jpifft ei 
nicht6, fo h«b’ ich meinerfeit6 wenigflen6 2ltfe6 gethan. — 

Uebrigen6 bin ich in biefen Dagen ber (Erreichung mancher Hoff* 
nungen, bie mir fehr am Hetjen liegen, um einen Keinen ©chritt 
ndher gefommen . . . 3eßt habe ich *ni<h enblich, nachbem ich e ' ne 
SKenge ^tdne theil6 verworfen theil6 verfchoben, mit bem Stoffe eine6 
hiflorifchen Drama’6 befreunbet. ^unächft muß ich bie unentbehrlichen 
Sorfiubien machen. 3m ©ommer foll mich hoffentlich bie 2tu6führung 
befchdftigen. — 3h* »erbet alfo fchon ffurj nachbem ich Dre6ben 
wieber vetlaffcn habe, (Euer ^flicht«(Ejremplar 1 erhalten. Du wirft, 
lieber Sater, mit manchen ©teilen in bem Hefte nicht etnverftanben 
fein; für ba6 ©anje aber, beffen ©harafter Du fchon jeßt jiemlich 
beurtheilen fannft, hoffe ich auf Deine ^uftimmung. — Da6 finb 
Dinge, bie ftch jum Dbeil noch techt traumhaft unb ungewiß au6« 
nehmen. 3ch buchte beßhalb auch baran, fetbft gegen Dich bi6 jum 
(Erfcheinen ber ©chrift bariiber ju fchweigen. 3ch habe mich inbeß 
einc6 Seffern befonnen. Kicht jebe Ueberrafchung ift angenehm; ba 
ift im 3»eifel Offenheit immer ba6 Sefte. — 3ch bin boch herjlich 
froh, baß ich nun ein ©tücf 2Beg6 in bie ^ufunft flar vor mir fehe. — 
©ehr häufig wollen ftch 9>oEfte unb SBiffenfchaft gar nicht mit ein« 
anber vertragen. Ob ich auf bie Dauer beibe fo frieblich neben ein« 
anber betreiben fann, ohne in beiben ein ©tümper ju bleiben, ba6 muß 
bie 3««t lebten. Sorberbanb fann ich Kicht6 thun al6 fortfahren wie 
bi6her. — Uebrigen6 bitte ich Dich ben ©chweftern gänjliche6 ©tili« 
fchweigen über bie Sache ju gebieten; fte werben mir fo manche Wftige 
Antwort auf luftige Stagen erfparen ... 

3ch bin unterbrochen worben, ber Srief ift leiber einen Dag liegen 
geblieben, ©o will ich i'ßt fchneC fchließen. Jjerjlicbe ©ruße an 
Sille, befonberi an meine getreue (Eorrefponbentin. Sich fa, 3ohanna 
foll ftch einmal von Hbcfner SRichter’6 Sltbum „(Erbauliched unb Sc« 


1 Oer „©atrrldnbifc^m ©ebic^te*. 


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342 


februar 1866. 


frauliche*" fchicfen laffen. Da* ftnb ganj rounberfchbne Silber/ bie 
Sud) gewiß gefaßten werben. 3ch weiß freilich nicht, ob ich mich 
auf mein Urzeit oertaffen fann; ich höbe fo lange fein Äunftwerf 
gefehn, baß mir jebe* nicht ganj f<$le<$te Bilb greube macht. — 
Wun, bafut febe ich in einigen SBochen ba* neue SWufeum; unb für 
eine Sammlung clafftfcfter jjanbjetcfmungen wirb Stainer fchon Sorge 
tragen... 

2Bie immer 

Dein treuer Sohn 

Heinrich 


146] 9tn Jpeinri<b ©(wb mflnn . 

©bttingen, gebr 17. 56. 

SOtein lieber Stahmann! 

3d) bube Dir febr oiet abjubitten. 3n ber 2tbat, grabe je$t, wo 
ich Deinen (egten (Brief, ber nachgerabe burtf» fein greife* Sitter ganj 
ebrwurbig au*fteht, wieber burchgelefen, fegt begreife ich felbfl nicht, 
wie ich Dein Schreiben fo lange ohne Antwort (affen tonnte. 3ebe* 
Schulbbefenntniß macht ben Sinbrucf ber Schwache unb wibcrfteht 
mir. 3<h berufe mich alfo auf ben guten ©tauben, ben Du ju mir 
haben mußt, unb fage einfach, baß e* am (Billen nicht gefehlt hot. 
(Bon Dre*ben au* mochte ich nicht fchreiben, weil ich hoffte. Dich im 
Oftober in SWunfler ju fehen. (Bie Du fegt wiffen wirft, bin ich 
Dir bamal* auch fcbt nahe gewefen. 3<h höbe in Jjerforb tüchtig 
mit mir felbfl Wimpfen muffen, ehe ich mich entfchloß, ben Befuch 
in SW., ber mir fo fehr am Jjerjen tag, $u unterlaffen. 3egt fann 
ich bie gotgen flor überbticfen unb muß mir fagen, baß ich nicht nur 
oerfWnbig gehanbelt, fonbern ba* unumgänglich Wothwenbige gethan; 
im J^inblicf ouf meine SWittel war fchon ber Sjrcur* nach J&erforb 
ein Seichtfinn, alle* (Beitete war eine Unmbglichfeit. Wachher war 
ich f° vielfach befchäftigt, baß ich olle nicht ganj bringenben Briefe 
bi* SBeihnachten auffchob. Da fpielte mir ba* ©lucf einen böfen 
Streich* Bon SBeihnachten bi* in ben 3onuar hinein war ich front, 
unb jwar fo, baß ich ouf lange $tit recht niebergefchtagen war. Du 
wirf! ba* begreifen, wenn ich 2>it foge, baß ich »n gotge furchtbaren 
Ohrenreißen* ganj taub war unb mich mit ber gurcht trug, ich werbe 
e* für immer bleiben. #afl Du fe einen heruntergefommenen {Reichen 


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fttbtuar 1866. 


343 


gefebn, bet bie bettelbaften Slefte feinet Jj)abe mit fir»bifdf»er Slngft 
hütet? Darnach magft Du Dir vorftellen, welken 2Bertb für mich 
jener Sinn bat, ben ich fo färglicb geniefje. 3b* @lüdlidf>en benft 
freilich nicht baran, welchen Scbag 3bt fwbt an bem Bollgenufj Suter 
«Sinne, 2Ba* wüte aud) ba* ©lüd, wenn «6 bewufjt genoffen würbe, 
wenn e* verbunben wüte mit ber Srfenntnifj feine* ÖBettbe*? — 
9tun, je§t ftebt e* enblieb mit mit wieber fo gut ober fo fdjlecbt wie 
vor SBeibnacbten. Slucb naebbem ieb wieber „gefunb" war, bin ieb 
noeb lange unwohl gewefen, biö ungefähr vor 14 Etagen. Da hab’ 
ieb mieb oft mit trüben franfbaften ©ebanfen getragen. Snblicb gelang 
mir* meiner Stimmung #err ju werben. So ift ein ©ebiebt barau* 
geworben, vielleicht ba* Söeffe wa* je au* meiner gebet gefloffen. S* 
fam fo recht au* tiefftem Jjerjen; unb boeb war ber ©ebanfengang, 
ben e* au*fpricbt, für mich abgefebloffen; ich batte jene Stube wieber, 
welcher bie Bewegungen be* Jjerjenö jum fünftlerifchen Bilbe werben. 
Du wirft ba* ©ebiebt hoffentlich halb unter bem Xitel „Oranten» 
träume" — lafj Dieb nicht febreden bu«b ben fentimentalen Stamen — 
(hoffentlich halb) ju ©efiebt befommen. Dann lafj un* weiter bavon 
reben- 

Du wirft von unfern Befannten wiffen wollen. But ift biet, 
er will im Sommer promoviren. Sr ift mein vertrauter, beinah 
einziger Umgang. 3<h gewinne ihn immer lieber. Seiber bat er jene* 
fahrige ju leicht erregbare 2Befen, bafj ficb febwer auf einen Bunft 
eoncentriren fann, noch immer nicht abgelegt, fo bafj e* mir manch« 
mal um feine 3ufunft bangt, trog feiner fcb&nen Anlagen. Sr ftedt 
noch recht voll von unklaren 3beeen; ba* ift natürlich: er hat viel 
3ntereffe für bie hHften politifeben unb pbilofopbifcben gragen, ohne 
ficb \e mit etwa* Slnberem al* ber Slaturwiffenfcbaft er n ft lieb be» 
febäftigt }u haben. Da nimmt ftcb manche* feiner Urtheile oft 
fomifcb au*, benn von Siecht unb ©efebiebte bat er nicht ben (eifeften 
Begriff. Sr benft noch immer bie 9Belt gewaltfam ju reformiren 
mit Kanonen, bie nur mit 3beeen gefaben ftnb. Slber et ift ein reicher 
benfenber Äopf unb jeigt mir täglich mehr ein fo warme* lieben*» 
würbige* Jpetj, bafj an ihm allein 3lHe* ju Schanben werben mufj 

wa* man über ben Sharafter ber 3uben gefabelt bat-Sin 

pfpchofogifche* Suriofum ift mir Dr. Slegibi, ben Du ja fennfl. Sr 
ift ohne grage ein geiftreicher ÜJfenfcb, ber vielleicht in ber äBiffen» 
fchaft einft einen grofjenStamen haben wirb. 2Bie ftch aber ein tlarer 


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344 


Jfbruat 1866 


5$erftanb mit einer fo franfhaft fleinlichen ©tetfeit reimen fann, ba« 
wiffen bie ®6tter. Sa ift feine Äneipe, fein Stoff fo elenb, baf nicht 
Sieg, burch eine ^oufe ober fonft maß fic^> jum £öwen beö £age« 
machen foffte. 3ch habe mich früher oft barüber geärgert, bafj ich 
gefefffchaftlich nie eine Stoffe fpielen »erbe. Jjätte ich aber jegt noch 
ben geringflen 3»eifel über bie 3Bohlfeilheit unb ffierthlofigfeit folcher 
Triumphe, fo mürbe 91. ihn mir genommen haben. Unb bann biefeO 
teutfche Siecfentbum in ©lac^banbfchuhen! üBie ein frommer fein 
2Äittag«effen oernichten fann, ohne bem #©rrn für feine ©nabe ju 
banfen, fo fann 91. nicfjt je(m SBorte reben ohne unfer unglücfliche« 
SBaterlanb in« ©piel ju mifchen. Steulicf) reifte ein granffurter Soctor 
ab; ba gab e« eine Siebe über bie ©nigfeit jwifchen ©üb« unb 9torb* 
beutfchlanb. 3m ©nft! fffiüfjte ich nicht au« unoerwerflichen 3eug« 
niffen, bafj Slegibi’« beutfche ©efinnung eine fehr ernfle ift, fo wäre 
e« mir unmöglich an bie 9Iufricf)tigfeit von ©efüfjlen ju glauben, bie 
wie fleine SWünje au«gegeben »erben . . . 

3<h ging au« Sreöben fort grabe al« ich anfing »ich bort ein« 
juge»6hnen unb »ohl ju beftnben, unb habe nun hier einen hcrjlich 
langweiligen SBinter oerlebt. Sie 93ib(ioth<t ift gut, ba« ift ba« 
einjige Sob ba« ich biefem Stefie mit gutem ©ewiffen jugeftehn fann. 
3ch bin aber leiber noch nicht ju jener J?&he be« »iffenfchaftlichen 
©inne« gefommen wie ^rof* J?er[r]mann, ber mir neulich fagte: 
ff €« wirb mir affemal ganj »arm um« jjerj, wenn ich » biefen 
herrlichen SJücherfaal trete!" SWeine 93erbauung«»erfjeuge finb (eiber 
fo befchaffen, bafj ich »ich von ©ch»ein«kber=934nben allein nicht 
nähren fann. ©ege ^»er[r]mann« ÜBorte al« SJtotto über ein ©tabt« 
thor, nimm noch etwa« Sünfel für bie alten, etwa« Sieberlichfeit für 
bie jungen SRitglieber ber J^ochfchule h»)U, fo haft Su ein SJilb 
ber ©eorgia Slugufta. Somit ift übrigen« nicht gefagt, baff e« nicht 
eine treffliche Unioerfität ift SDtein Umgang befchränft fich auf ^ut. 
3e mehr ich » Greife tomme, wo ber laute ©tubententon aufhört 
unb ba« gefefffchaftliche 9Befen ober Unwefen beginnt, beflo fernerer 
wirb mir« SBefanntfchaften ju machen, ©o bin ich alfo mit ben 
jungen Soctoren k. nur oberflächlich befannt. S« ift deiner, bem 
ich näher getreten. 9(u« Sangeweile oerfehre ich manchmal mit ben 
©rünen. 9lber einerfeit« ift ba« überwunbner ©tanbpunft, anbrer« 
feit« empört mich biefer bureaufratifche ©eift gegenfeitiger Knechtung 
unb ba« falte theilnahmlofe üßefen ber Seute; ich f«»»e mir unter 


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ftbruar 1866. 


346 


ben fleifen $errn »or wie ein glich«. — 93on jtunft unb Ratur ifl 
natürlich nicht bie SRcbe. @o war mir’« oft trubfelig $u SWutbe. 
3r<h fam fogar fo weit/ bafj ich bei einem Stäbchen grbotung fuchte. 
<©ie war ^ubfcf) unb, fo weit ba« mbglid) ifl, liebenöwurbig; ihre ©itt* 
lietjfeit rnagfl Du Dir benlen. S« ifl flarf, bafj icf> Dir von folgen 
Dingen rebe; aber ich will oor Dir nicht beffer fc^einen al« ich bin. 
Sich bin »ietleicht boppelt tabeln«wertb; benn ich habe ba« ©lud bee 
Umgang« ebter grauen genoffen. 3e$t ifl bie Dborbeit hoffentlich 
uberwunben. Da« ewige Einerlei be« Arbeiten« in langweiliger Ums 
gebung »erflimmte mich; ba magff Du Dir erfliren wie ber SJerfebr 
mit grauen unentbehrlich wirb. 3cf) bitte mir felbfl fagen (innen, 
bafj man bei bem ©emeinen nie etwa« ©cb&ne« fucben barf, wenn 
man fieb nicht felbfl belögen will. Sfber e« fterft in 3ebem ein ©tiitf 
5tb<>ma«: wir glauben Riebt« wa« wir nicht mit jpdnben greifen. 
@o bin ich um eine höfliche Erfahrung reicher; ich gefleht, bafj ich 
fte lieber nicht gemacht bitte. 93ie(e meinen, ber Sbarafter bilbe 
ftch nur burch folche ©ebtammbdber. 3ch glaube ba« nicht, äßet 
Sille« an fleh felbfl erfahren will (ommt enblich ju jenem Raffinement 
SBtjron’«, ber einmal glaubte einen ÜJlenfchen getbbet ju haben unb 
fich nun an 2W&rber*Smpfinbungen weibete. Da hart jeber fittliche 
©tanbpunlt auf. — 

3n anbrer Jjinficbt bin ich gtücflicher gewefen. 3<h habe einen 
©erleget gefunben . . . Da« Urtbeil »on Such ®eiben, Dir unb 
©ereli, bie 3b* bie ©acbe ftcher febr »erfchieben anfebn werbet, unb 
von ben ©renjboten — ba« ftnb fo jiemlich bie Sinjigen, »on benen 
ich hoffe etwa« $u lernen. Ueber S>tu§’« ©eifl unb „poftifebe«" Dalent 
bin ich burch eigne Srfabrung aufgefldrt worben .. .*) Ueber bie (leine 
©Sammlung noch ein $aar ©orte. Die ©ebiebte finb ju »erfchiebnen 
feiten, einige noch *« Sonn, entflanben unb erfl im ©ommer ju einem 
©anjen »erarbeitet worben. @ie ftnb ohne ^ufammenbang; aber ich 
wunfehe, bafj Du fle al« ein ©anje« anftebfl, bamit Du manche fchein« 
bare ©iberfprficbe barin »erflebfl. ©ie foden eine poettfebe ©erfldrung 
fein ber Smpfinbungen, bie fleh einem guten Deutfcben aufbrdngen in 
unfern gegenwärtigen namenlofen ^uflänben, befonber« wenn er Dtofl 
fucht in unfrer ©efchichte. Da« ifl etwa ber 3nbalt in natfter $tofa. 
Da« barin ©iberfprüche »or(ommen ifl un»ermeib(ich, benn eben jene 


1 felgt WSfjftri übtr $ru«m* Smbritung M ©tbiebrt „9(mbrt>flui SDalftngn*. 


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346 


fttbtuat 1866. 


Smpfinbungen wibetfprechcn fich felbjl. Sine anbre grage ijl, ob nicht 
ber ganje Stoff eben jene« 2ßtberfpru<h« wegen bet pobtifchen Ser« 
flürung unfähig ift. Darüber fodjl Du mir wenn Du gelefen Deine 
Meinung fagen. Da« Dbema ijl fejjr gefährlich, bie 9>hK*fe liegt gar 
ju nabe. ©ewifj ijl, baff oon 10 „patriotifchen* Dichtem minbeften« 
9 unjurechnung«fähig ftnb. Die {Dleijlen gehen auf Hermann feligen 
Slnbenfen« jurücf unb erwerben fich ba« Serbienjl un« jene herr« 
liehen ©rofjthnten herjlich wiberwdrtig ju machen. Son all bem 
Sarbengebrüd ijl rein gar Glicht« auch nur ber Siebe wertb — Äleifl 
natürlich au«genommen. ©eine Jjermann«fchlacht ijl bie grofartigfle 
Serflürung be« oaterfänbifchen Jjaffe«; herrlicher h<*t felbjl ©chitler 
nicht für bie greiheit gefchrieben. — Sluch je$t ijl biefe Sarben« 
pobfie nicht au«gejlorben . . . Slnbre, wie $erwegh, «erherrlichen bie 
greiheit manchmal in kräftigen ©ifcen, gewöhnlich aber in mobem* 
fentimentalen ^hwfen, ganj wie man fein Liebchen befingt. 3<h 
benfe aber, wenn man einmal fentimental fein will, fo thut man ba« 
beffer einem SOfäbchen alfi einem abjlraften {Begriffe gegenüber. — 
3cb bin auf bie ^eit be« erwachenben {Bürger* unb Sauemthum« 
unb ihre erjlen jfämpfe jurüefgegangen. Du wirfl mir auch hier 
mit Siecht ba« omne simile claudicat ein werfen, aber fchwerlich 
bie SRichtigfeit be« ©ebanfen« bejlreiten fönnen. Sfl e« boch ber 
lange nicht au«gefochtne #auptfampf unfrer £eit bem JBürgerthume 
ju feinem {Rechte ju helfen unb bie mobemben Drummer be« geubal« 
jlaat« ju jlürjen. — Sch bin weber felbjl mit meiner Seijlung ju* 
frieben noch wirjl Du e« fein. Slber e« ijl gut, bafj ich meine 
©chriftjlederlaufbahn grabe mit biefen oaterfänbifchen ©ebichten er« 
öffne. 3ebe« 3Bort, ba« heute an unfre Schmach mahnt, ijl ge« 
fegnet. SfBenn meine ©ebichte Slnflang finbm fodten in bem ?efer* 
(reife, für ben jie »orwiegenb gefchrieben ftnb, unter ber männlichen 
Sugenb, bann wid ich gern jebe oerbiente {Rüge ber Äritif hinnehmen. — 
Jpabe ich rnit ben oaterfänb. ©ebichten einige« ©lücf, fo werbe ich 
noch im ©ommer eine Sammlung oermifchter ©ebichte bruefen laffen, 
fajl lauter SBadaben unb (leine Spen. Son benen, bie Du in Sonn 
oon mir in J^ünben gehabt hajl, wirjl Du nut fehr wenige, unb auch 
biefe ganj oefänbert, wieberfinben. S« waren eben ©tilübungen, bie 
heutjutage unoermeibdch ftnb, wo e« fo leicht ijl Serfe ju machen 
unb eben barum fo fchwer ju bitten. S« ijl noch tn biefem dBinter 
SDtanche« baju gefchrieben worben. Sch will hrrjlich froh fein, wenn 


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$«bniar 1856. 


347 


ich bamit abgefahloffen habe. Si#her ging e# immer fo: wenn mir 
etwa# einen fahr tiefen Sinbrucf gemocht hatte, fo warb ich nicftt eher 
ruhig al# bi# ich e# mir jum ©ebicßte geßaltet hatte. Sa# iß in* 
fofem gut, al# ich barau# fahe, baß mir wenigßen# bie Smpfdng* 
liebfeit, bie bem Äünßlet unentbehrlich iß, nicht abgebt. @6 h«t ober 
auch feinen großen fWachtheil. Sin falche# Schaffen iß nur bie rechte 
Slrt für ben Sprifer; unb grabe Iprifahe# Talent habe ich Hebet gar 
nicht. 3Ba# ich innerlich erlebe verflüchtigt ftcb mir nicht in eine 
mufifalifche Stimmung, fonbern e# verbietet ßcß jum Silbe. Da 
iß# wohl Har, baß - ein folche# Sftjjensßntwerfen nicht ewig fort« 
gehen tann; ich hoffe mich jegt baoon lo# ju machen unb mich auf 
ein große# »oll audgeführte# Silb ju eoneentriren. 3e mehr ich ba# 
Sehen fennen lerne, b. h* je lieber ich ba# Sehen gewinne, beßo mehr 
ßrebe ich banach meine 9>hantaßegeßalten mit gleifcß unb Slut ju 
umgeben, beßo weniger fann ich wich mit bloßen „Stubien" begnügen. 
Unter biefem Xitel folt jene jweite Sammlung auch in bie 2Belt 
gehen, auf bie ©efaßr hin, baß bie Äritif barin eine Seßütigung ber 
beliebten 2lnftcf>t ßnbet: Sille ^unfle werben immer mehr malerifch. 
Sine lange 3«* gab’ ich mich mit »erfchiebnen bramatifchen ^Idnen 
getragen, enblich alle theil# »erworfen theil# »erhoben unb einen 
gewühlt, ber mir ba# #erj warm macht unb im Sommer beßimmt 
auOgeführt wirb. S# wirb ein hißorifeße# Drama im ßrengßen Sinne, 
fehr emH, gar nicht rühtenb, faß ohne SBeiberrollen aber hoffentlich 
auch ohne Strafen. SBenn ich mir baburch bie 9R6glichfeit »erfchaffe, 
an ben Sühnen etwa# ju lernen unb nicht mehr, wie bi#her, nur ben 
einen Xheil ber Schaufpielfunß, bie SRimif, ju genießen — bann 
hoff’ ich fallen meine Seißungen fchnelle gortfeßtitte machen. — S# 
fommt mir faß fomifah #or, wenn ich hfa* mich felbß »or Dir auf 
ben Secirtißh lege unb lang unb breit über Dinge rebe, bie Du noch 
gar nicht fennß unb vielleicht auch fpüter nicht großer Seachtung 
würbig ßnben wirß. Doch e# iß ein halbe# 3aßr feit meinem (egten 
Sriefe »ergangen; ba iß# wohl gut wenn ich mir unb Dir einmal 
SSechenfchaft ablege. — 

Die ©efeßiefe unfre# Saterlanb# habe ich auch in ber legten £eit 
mit großer, natürlich fahr fahmerjUcßer, Xßeilnaßme »erfolgt. D greunb, 
wenn ich Seinen »or ben ÜBaßlen gefchriebnen Srief (efe unb ba# 
jegt Srreicgte mit Deinen bamaligen fo unenblich befcheibnen #off« 
nungen »ergleiche — wo fall ich ba ©orte ßnben? — SReineUeber* 


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348 


Jfbruflr 1866. 


jeugung, baß reif nur in einer Uebergang«jeit (eben, fleht allerbing« 
ganj fefl. 9lber ee füllt ntir oft furchtbar fchwer mit bem ©chtcffal 
nicht )u hebern, ba« mich in «inw folchen 3eit (eben lüßt. ©o weit 
meine ©efchicbWfenntniffe reichen ftnbe ich Pein ©eifpiel, baß Säge 
unb Unrecht fo fchamlo« auf bem throne gefeffen h^en. SBiber* 
rechtlichfeiten freilich fornmen unter jeber (Regierung vor. 9lber baß 
fie non Oben herab nicht entfchulbigt ober verleugnet, fonbern grabeju 
al« ©taat«wei«beit gepriefen werben mit bem offnen ©ngefldnbniß, 
Wecht fei ba« allerbing« nicht — ba« ifl eine Sirtuofitdt in ber Ser* 
h&hnung be« #eiligflen, bie ba« (Win. (Wanteuffel erfl erfunben hot. 
Sie ©efchichte mit bem ©rafen 9fei( (wt mich natürlich ebenfo be* 
rührt wie jeben Weblichen (beilüuftg ifl er auch bran fchulb, baß «h 
biefen ©rief erfl heute fchließe. 9(18 ich« »wr 8 Stagen thun wollte, 
hatte ich eben fene Webe gelefen unb war natürlich S u aufgeregt 
baju 1 ). 9(ber im ©anjen fann fie boch nur gut wirten. 2Ber wirb 
e6 noch wagen bie flaatliche £eben«fühigfett eine« folchen fittlich »<t* 
moberten ©tanbe« ju vertheibigen? Ober vielmehr, weffen ©ewiffen 
ifl fo fchwach e« ihm ju erlauben? Sem 3unferthume hat allerbing« 
fein Senfenber eine flaatliche ^ufunft juerfannt; aber auch bie fehern* 
bar (eben«fühigen SSheile be« 9(be(«, bie ©tanbe«herren unb (Webiati* 
firten jeigen ihre v&Uige Weife jut ©ernichtung, über bie ich aller* 
bing« nie im £n>eifel tvar, recht flar. Sie ßinen jiehen fleh t>om 
©taat«leben ganj jurücf — bie befte 9lrt wie fich eine 9(riflofratie 
felbfl morben fann — bie 9lnbem unterfiügen jenen dBahnfinn be« 
3unferthum« ober fchweigen baju. — Sa« ifl fein ©ehabe. — ©ne 
viel ernflere grage ifl bie nach beugen’« ^ufunft. 9lu« ber Weihe 
ber ©rofjmüchte ifl e« fchon au«gefchieben; wirb e« unter folchen 3«' 
fianben je wicber bar in eintreten? 3<h benfe allerbing« fehr h°<h 
von ber 2eben«fraft jene« ©taate«. 9(ber e« ifl nicht ba« erfle (Wal 
in ber ©efchichte, baß ein gefunber ©taat burch ben confequenten 
SBahnfinn feiner Genfer vernichtet worben wäre. Sa« Element, worauf 
bie ©Jieberbelebung eine« gefunfnen ©taate« immer fußen muß, ber 
fittlicße ©eifl be« ©olt«, wirb mit merfwürbigem ©folge unter* 
graben. Sa« ifl ber gluch unnatürlicher £uf!ünbe, tag auch bie 


* ®raf ^fetl, 0 SKit 0 (icb bet preufjifäen Bbaeorbnctcnbaufet, fcatte fic^ &ter am 
15« $tbx. bei brr f 8 er&anblun 0 über bat (&ttb(i$e ^oUjeigefrb auf bat friwlffr 
geräumt, alt 3 n&öber poltjftobtigrtitlt^fr ©nsalr aderfet rt^ttnubrige Strafw* 
fäguttgett ftlaffen ju fyabnu 


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ftfbruar 1866. 


349 


©efferen im ©olBe in eine fcftiefe ftatbe Steilung getrieften »erben. 
2Baö fnnn unerquicBlicfter fein al« ftie ÄommersSkrftonbtungen ? Sin 
$ampf nicftt jwifcften Parteien, fonftern jwifcften oerfcftiebnen 3aftr* 
ftunberten. Sine Dppofttion, bie immer unb immer iftre eigentlichen 
Slnftcftten oerfcftweigen unb mit 9)erf6nlicftBeiten unb &uf}erlicftfeiten 
ft<ft fterumfcftlagen muß. 3Ber will fit tabein, wenn fit folcften @eg* 
nern gegenöfter eine tinbifcfte gutcftt jeigen oor ber „Steoolution", 
jenem ©efpenfl, ba« eine aftgefcftmacfte 2fteorie erfunben jum Scftrecfen 
öngfllicfter ©emötfter? — 9Böre e« nicht fo furcfttftar ernft, fo mußte 
man lacften, baß in bem protefiantifcften Preußen ein ^faffenfoftn 
wie Sfteicftenfperget, ber feine fromme Seele mit ein wenig flacftem 
Sifteraliömu« getrdnft ftat, ju ben ©orBdmpfern ber greifteit geftbrt... 
SOtir finb gerabe jeftt biefe politifcften ^ufWnbe boppelt wiberlicft. 3d> 
ftafte eben Slriftotele« ^olitiB mit immer fieigenber Sewunberung ge* 
lefen. 3cft benBe, wie wir einfi unfre Sitteratur burcft bie SrBennts 
niß be« 3lltertftum« neu geboren ftafte n, fo Bann aucft bie ftaatlicfte 
DenBweife ber Sitten unfrer flaatlieften SntwicBlung nur fteitfam fein 
Daß wir baftei nicht in bie „geftler" ber Sllten oerfallen »erben, baß 
un« ber ÜJlenfcft nie im SBurger aufgehen, ber Staat nie alle Prüfte 
be« ©olB« aftforftiren wirb — bafür ftörgt unfre gange @ef<fti<ftte 
nur ju feftr; bie entgegengefeftte ©efaftr liegt un« oiel ndfter. Daß 
aber unter gefunben ©erftdltniffen ber Staat ba« Jjerj be« ®olf«s 
leben« fein muß, ba« mit allen feinen SSefheftungen in SSerftinbung 
fleht, biefe Uefterjeugung wirb mir immer Blarer. 9locft fteute gilt 
ba« 2Bort jene« ^ptftagoröer«, ber einem ©ater auf bie grage, wie 
er feinen Softn am SBeften erjieften Bonne, jur Slntwort gab: „2Benn 
Du iftn in einen woftleingerieftteten Staat fcfticfft." — S« ift wunber« 
bar wie mdcfttig ber Sinfluß be« Staate« auf bie fcfteinbar entlegenflen 
Saiten* be« ©olB«leben« ifl, auf feine Sittlichfeit, feine Äunfl uf». 
9lur ein große« StaaWwefen fonnte au« bem Scftooße eine« ftttens 
lofen roften Sunfertftum« gewaltige greifteit«fdmpfer wie gor fteroor* 
geften (affen. 9lur in einem fiaatlofen Solfe Bonnte ein Seifl wie 
©oetfte nicht baftin gelangen, ein nationale« 2BetB im eigentlichen 
Sinne ju erfcftaffen. — greiticft, wenn icft einen folcften üRaßflab an* 
lege, bann feftlen mir bie ÜBorte för unfre heutigen ^uftdnbe. 8Bir 
finb bereit« fo weit ben Staat al« eine Saft, ja a(« eine UnfittlicftBeit 


i 33gl. holttit 1, lf. * @o, fhut: Seiten. 


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360 


gtbruat 1866. 


angufebtt; fein ehrlicher SRann tritt gern unb ogne ©ewiffen«biffe in 
©taattbienfle. — 

Den eigentlichen $tot& meine« H»erherfommen«, bie Habilitation, 
fehe ich f<h°n jegt at« verfehlt ein. ÜBiffenfcgaftliche ©rünbe haben 
mich babei nicht geleitet — ich benfe gu b»<h »om ©erufe brt «Fas 
bemifchen Segrer« um mich fchon jegt ihm gewachfen gu glauben — 
wohl ober perunidre ©runbe. 3<h muf enblich fehen wie ich mich 
felbft erholten fann; bie ©ergdltniffe meine« ©ater« verlangen ba« 
bringenb. aber gier fehe ich am ©eifpiele eine« gachgenoffen unb 
£anb6mann6, Dr. v. üRangolbt, bem e« weber an SBiffen noch ®ers 
ftanb gebricht/ wie ich in biefer Hmfitht gor Glicht« erwarten Fann/ 
weniger noch al« ©icgt«. Da bin ich in ber Hgat in b&fer Sage. 
3ht ©taoWbiener, bie ich Feine«weg« preifen will, feib hoch infofern 
gut baran/ baf Sgr @u<h (angfam von ben einfachen gu ben ver* 
wicFelten ©efcgdften geranbilbet, tvdgrenb ber aFabemifche Segrer gleich 
mit bem Haften anfdngt. üRein ©ewiffen fagt mir/ baf ich uns 
bebingt noch einige Sagre »orten muf. 9Bie biefe £eit verwenben? 
Son meinen imogindren Dienten leben Fann ich nicht. 3<h höbe 
boran gebacht auf einige Sabre Sournalifl ju werben. Die ©efahren 
biefe« ©eruf« für SharaFter unb ©ilbung unb befonber« ben bireFten 
©egenfag, in bem er gu bem gelehrten ©erufe fleht, verhehle ich mir 
nicht. Slber e« ifl hoch eine ebrenwerthe HgdtigFeit für eine gute 
©ocge — unb leben muf ich! — 2Ba« meinfl Du bogu? — 

3u Sifcher« äleflgetiF, wovon ich nur einen Fleinen Heil Fenne 1 , 
bin ich trog Deine« Sflatbe« noch immer nicht geFommen. Sch hotte 
in meinen ERebenfhmben genug gu thun um meine Äenntniffe m ber 
Sitteraturs unb dtunfigefcgichte etwo« gu vervoltftdnbigen. Da ifl 
mir auch bie neue Auflage von SuL ©cgmtbt gugeFommen, ein gang 
neue« SEBerf. Sch empfehle fte Dir bringenb. Sh» SRdngel werben 
Dir febr halb Flor fein; benn ba« ©uch ifl hüchfl. einfeitig ... Sn 
einigen Hagen höbe ich mit biefer SeFtüre abgefchtoffen, wenn man 
einen Anfang obfehtiefen fann. Dann werbe ich Sifcher lefen unb 
fpdter enblich orbentlich ^bilofopbie treiben, gür meine ©iffenfegoft 
hob’ ich biefen UBinter einige philof. SBerfe benugt. aber bof ich 
mir in Herbart« ©pftem wie in einem Hollhoufe ober einer $(ein* 
Finberbewohronflolt vorFom, bo« wirft Du mir wohl vergeihen. Da«* 


1 ©0l. ©. 281 f. 236. 


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SDMtj 1866 . 


351 


gegen hat mich Jjegel’S ©taatSwiffenfchaft mächtig angejogen, unb ich 
empfehle Dir jum Drofte jenen §, bet über ben ©olbatenflanb hanbelt, 
worin bet ©olbat gepriefen wirb ber mit Entäußerung artet fubjef; 
tioen ©elüfle nur bet 3bee beS Staats bient — atterbingS ein 
fomifcher Eontraft ju ben rebenben X^atfac^en! — 

9lun, liebet Sachmann, eyfchticf nicht ju febt übet biefeS 95rief= 
roerf. ©ehe mit jener Stuhr unb ©ewiffenhaftigfeit an bie Entjiffe* 
tung biefer Jjierogltjphen/ womit Dinborf beS ©imonibeS ^alimpfeft 
unterfuchte’. Du wirft barauS jwar feine flütgenben SJortherte jiehen 
wie jener antife Eharafter; aber wenn Du bie Uebetjeugung gewinnt 
baß ich trog meine« Schweigens noch immer bet Sitte gegen Dich 
hin unb wohl eine Antwort oetbiene, fo fort mir’ö beglich lieb fein ... 

Dein 

Heinrich $£r 

UebrigenS bijl Du im Srrtfjume, wenn Du glaubft, baß bie eng* 
lifchen ©emeinbefn] je fehr unabhängig waten, ©ie waren eS nie 
in bem ©rabe wie bie beutfchen, Sonbon ausgenommen. — Das ift 
eine fable convenue, bie in arten Sichern fpufte bis bie Debatten 
über bie SDtunicipalreform 1836 bie häßliche SBahrheit ans Sicht jogen. 
Suchet wiberholt bie gäbe! wieber, weil fie in fein, geiftreich burch* 
geführtes aber thatfäcplith burchauS falfcheS, ©pftem paßt. 

146] $n ben ©ater. 

©üttingen, SKärj 4. 56. 

SOtein lieber ©ater! 

-Erlebt höbe ich nichts SntereffanteS als was 3ht Sitte 

mit erlebt — unb baS ift wahrlich nichts Erfreuliches. 3th h°be 
neulich erfl bie ©chilberung JpäuffetS über Preußens ^uftänbe vor 
ber ©chlacht oon 3ena gelefen; bie Sehnlich feit mit ben gegenwärtigen 
ift furchtbar. 3ch fann mich nicht hört genug barüber auSfprechen, 
wie biefer ©taat nach innen fpftematifch SltteS vernichtet was ihm 
bisher bem grüßten Dhrile Deutfchlanbs gegenüber einen Sorfprung 
gab/ nach außen ftch felbft aus ber Stethe ber ©roßmächte auSftreicht. 
©ehe ©ott/ baß es feiner ©chlacht oon 3ena bebürfen mbge um 
biefem unfeligen ©pftem ein Enbe ju machen. SBäre es nicht oer* 

1 Knfpielung auf eine bamalö Buffeten erregenbe Jpanbföriftfälfcfcung eine« ©rieten 
äonfhmtin ©imonibe*, bur<$ bie ber tyrofeffor 2B. Dinborf in fceipjig fty t&uf$en 
(ie§ unb au$ bie ©etfiner Äfabemie beinahe get&uf$t worben wäre. 


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352 


mti 1866 . 


dcbtticb ju »etjwetfeln, fo mochte man oft wünffben fagen }u (innen 
roa« bet Ä6nig »on ÜBurtemberg übet bie DteObner Sonferenjen an 
©cbwarjenberg fc^rteb: „3cb banfe @ott, baff idf ju alt bin um bie 
unoermeibticben golgen »on bem, wa« mir je|t beratben hoben/ et* 
leben ju muffen!" — 3<b höbe in biefem 2Binter (neben »erfebiebnen 
Schriften &bet bie ©efellffbaft, bie jum Xbeit febr fehlest unb nur 
mit ©elbffüberwtnbung ju tefen ffnb) auch SDtaccbiaoelli toieber ge: 
(efen. Da« iff fteber ein „praftiftber" ©taat«mann, mehr al« irgenb 
Einer geeignet ben ÜBabn ju jerff&ren, al« ob man bie 2Belt refor= 
miren (innc mit Kanonen/ bie nur mit SRecbtt« unb Sffiabrbeit«: 
3beeen gelaben ftnb. Silber felbff bie spolitif biefe« »erffbriccnen SBers 
tbeibigerO ber roben ©ewalt erfebeint mir noch ffttlicb ber preuffiffben 
©egen wart gegenüber. Sr opfert SRecbt unb Zugenb einer groffen 
3bee, ber SRacbt unb Einheit feine« Sol(«, wa« man »on ber Partei, 
bie 9>reufen fegt beberrfebt, ficber nicht fagen fann. Diefer ©runb: 
gebanfe be«23ucb«: ber gtübenbe ^atriotiömuö unb bie Ueberjeugung, 
baff felbff ber brücfenbfte Defpott«mu« wifiTCommen fein muff, wenn 
er bie fDtac^>t unb Einheit be« IBaterlanbe« gewdbrkiffct 1 — biefe 
3beeen ffnb e« auch, bie mich mit ben »ielen »erwerflicben unb ent* 
fefflicben Meinungen be« groffen glorentiner« »erfibnt hoben. — 

3cb bin leiber fo »ielfacb befeb^ftigt, baff ich felbff ju ben Stör* 
arbeiten für meinen bramatiffben ^)lan noch gar nicht gekommen bin... 
S3ei üRangolbt war ich geffem unb bringe bie nbthigen Empfehlungen 
»on ihm. ©eine Unterhaltung iff febr intereffant; aber ich höbe bi«: 
her noch Wicht« an ihm gefunbtn wa« mich ein febr nabe« Serhiltniff 
ju ihm wünffben machte. 

2Benn man bie 3lu«ftcbt bot ffcb halb felbff ju feben, ba fehlt 
wabrlicb bie Suff jum Schreiben. 3n weniger a(« 14 Zagen bin ich 
ja unter Such, (ann ben Sßcrfucb machen ob ich ba« Weiten nicht 
»erlernt höbe, (ann ba« SWufeum befugen unb (ann micb’burcb ben 
ülugenfebetn wieber belehren, wa« ein $8erg unb wa« ein gluff iff 
(jwei hier ju Sanbe unbe(annte ^Begriffe) ... 

2Bie immer 

Dein treuer ©obn 

Heinrich 


t 8nfang 1866 fyattt £reitf<bfe (Kante« Schrift „gur Äritif neuere? 
f<breiber* ber ©irtinger ©it>Iiort>ef entliehen (freniborff). Jpier entfalt ber „Anhang 
Ober (WaechiaoeB* baJfelbe Urteil. 


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«W&rj 1866. 


353 


147] Vn 3BiW>»(m (Rolf. 

Dregben, Sj 23, 66. 

Sin froheg Dfterfeft, mein lieber ftlereli! Du wirft eg (»öffentlich 
fröhlicher feiern alg ich. ©ott ber Shtiftt« fd^eint entlieh ge* 
merft ju hoben/ wag für ein #eibe ich bin/ tarum läßt er mich an 
allen h»h<n geiertagen franf werten. — 3ch höbe je|t wieber tag* 
felbe Vergnügen wie ju Seihnachten, wenn auch bei Seiten» nicht 
fg fchlimm; morgen fehon bin ich hoffentlich wieber gefunb. — 3n 
Surem glücflichen ©au wirb ber gruhling fehon feinen Sinjug ge* 
halten hoben; ung fchieft er erft feit geftem einen (Borläufer in @e* 
ftalt eineg warmen (Regeng; ich freue mich fthon auf bag Erwachen 
ber Statur, wenn ber (Regen feine Pflicht gethan hot; eg war geftem 
ein prächtigeg ©efuhl beim Augreiten, wie ber Salb aufathmete von 
feinem langen Schlafe... 3<h bin hi«r feit 8 Dagen um mich etwag 
ju erholen. (Seit Seihnachten bin ich eigentlich nie recht wohl gewefen. 
Da w&nfchte ich out einen Suftwechfel, uberbieß war bie Sfudflcht bie 
gerien über in bem €ervelatwurft*9teft an ber Seine faft allein ju 
fi$en gar ju traurig. So bin ich benn hier unb gefalle mir auf 
einige £eit recht gut. Die ©allerie befuche ich fleißig; fe$t mit etwag 
mehr ®erftänbniß feit ich mich mit Äunftgefchichte befthäftigt höbe; 
bag Dheater wirb morgen mit bem (Romeo wieber eröffnet. <£g werben 
alfo ganj angenehme Soeben, aug bem Arbeiten wirb freilich nicht 
(Biel... Die Steife hierher war mühfelig unb genußreich« 3<h fuhr 
mit unferm (Berbinbunggbruber kleine, einem prächtigen ftillen 9>hilo* 
logen, butch Dhöringen. 3««rft «ine 13ftfmbt'ge ^oftfahrt nach ©otha. 
Unruhiger Schlaf unb wöfte Dräume in bitterfalter Stacht, manchmal 
eine Stärtung aug einer mächtigen glafthe, womit ung 9>ut oorforg* 
lieh oerfehen hotte — bag war immer noch bie befte Art bag Sichg* 
felb ju paffferen, vielleicht bie troftlofefte ©egenb Deutfchlanbg. Snb* 
lieh beim Sorgengrauen fuhren wir in S&hlhoufen ein — bavon 
hab’ ich »och ein verfehwommeneg (Gilb von alten reicf»gffäbtifchen 
Säften unb Dhörmen, uberhängenben Käufern unb einem mäch* 
ti[gen] Dom aug rothem Stein: prachtvolle gothifch« Senfter unb 
fpätromanifepe Dh&rme. Dann froren wir bei Doge weiter big 
©otha, bann in bie Sifenbahn umgelaben big Erfurt, wo wir 
hielten unb aufathmeten. Erfurt ift eine fonberbare Abnormität 
in bem Sanbe: eine Heftung unb große Stabt in ber länb* 
liehen 3bpfte Dhöringeng, eine alte fürftbifehöfliche (Refibenj in biefer 

I. 23 


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354 


W&t) 1866. 


©egenb, wo man auf Schritt unb Stritt 9teformation*erinnerungen 
unb Stanachfchen ©tlbern begegnet, aber bie Stabt «fl fchin mit 
ihrer fDtenge alter Äirchen, ben wunberli<ben Rufern au6 fernen 
Stagen, unb ben moterifchen ^artieen an ben Sandten, bie bie Stabt 
(ähnlich wie Strafburg) burehfliefen. 2BitHich grofartig ifl ber 
2Bilbelm*plafc, ein weiter SRaum, überragt auf ber einen Seite oon 
ben mächtigen SBdtten ber Eitabelle, auf ber anbem oon einer Sterraffe, 
beren Jpöbe 2 Kirchen fcbmücfen. auf einer breiten ^roceffton*treppe 
fleigt man jum SDome herauf unb ftnbet ba in einer grofen gotfü 
[eben Jjöttenfiwbe SDenfmäler mittelalterlicher Äunfl oon ben rohefkn 
grrtcosSubeleien ber frühen 3«it an bi* ju *Peter SBifcher* berr= 
ticken Sculpturen. Sieben folgen SBerfen, bem altem SRatbbaufe, ber 
9tolanb*fäule, biefem floljen ÜBabrjeieben be* ©annrecht*, nehmen 
fi<b bann manche neuere 9toeocos@ebäube wunberlicb genug au*. SDa 
finb gefcbmacflofe Sbrenfdulen für Idngfi oergefne SRainjer ©ifchife, 
unb jener berüchtigte ^alafl be* Soabjutor*, wo einfl ber ftanjöftfcbe 
unb ber ruffifebe Äaifer fich in unfer ©aterlanb ju tbeilen gObachten — 
ein Schauspiel, ba* fleh in oielleicbt naher «Jeit wieberbolen wirb. — 
anbem Stage* waren wir in SBeimar, einem lieblich gelegenen Stäbte 
eben mit all’ bem Heinlich*elenben Streiben Heiner SReftbenjen. Sch 
erwartete nicht Siel baoon, benn ich gehöre nicht )u benen, bie an 
befhmmten Orten beflimmte ©efühle hoben, weil e* fo hergebracht 
ift aber al* ich in Schiller* Stube trat, ba* Heine SDachjimmer 
mit ber häflicfw grün*unb*blauen Stapete, bem drmlichen ^>iano, 
lenen traurigen Silbern ohne ^erfpectioe, wie ich P* noch manchmal 
in bet Stube einer alten ©roftante gefehen höbe — ba tonnt* ich 
mich boch ber Führung nicht ertoehren. günfjig Sabre erft, feit 
biefe* gewaltige Huge brach — aber wie un* bie drmliche Einrichtung 
jene* Zimmer* fremb erfcheint al* ob Sahrhunberte bajwifchen Idgcn, 
fo ifl* auch mit ber äunß jener glüctlichen Stage. So fremb wie 
bamal* barf bie heutige Äunfl bem ?eben nicht mehr peben; um fo 
fchwerer wirb e* ihr werben, jene* unferbliche £ob fleh in oerbienen: 

„Unb hinter ihm in wefenlofem Scheine 

Sag, ba* un* alle bdnbigt, ba* ©emetne." — 

©öthe* ganbbau* liegt auf einer lieblichen Stelle im ^>arf; bie 
Umgebung fpricht un* fo hriter unb fonnigtlar an wie bie 2Berfe> 
bie hier entflanben. — Sn ber Sähe ifl ©oethe* ÄoloffaiPatue oon 


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SDto rj 1866. 


355 


©tetnbäufer aufgejlellt, nach bet befannten Sfijje bet (Bettina. — 

St ftßt fcalbnatft »on einem »eiten Chiton umhüllt unb flemmt bie 
Sitzet auf fein ätnie; e« ifl bie Haftung eine« ^erotfc^en ©eher«. 

Sin weiblicher Geniu« fchmiegt ficf> an ißn unb fd^tigt ihm bie ' 
Saiten bet Sitzet. Ganj befriebigen fann mich bie üuffaffung nicht, 
fte giebt eben nut eine ®eite feine« 9>roteu«*Geifleö »über; aber wenn 
©u nur an ben Sänger bet 3pb‘0cnie unb bet rbmifchen Siegieen 
benffl, bann magß Du ba« Söitb biefe« griechtfchen ©eher« bewun* 
betn. — 

(Keine antifen ©chulträume ftnb mir im (egten (öierteljabre leb* 
haft »iebet erwacht; ich habe Sinige« non Sfefchplu« unb Slriflophanc« 
gelefen, leibet au« (Wangel an %tit nicht in bet Urfprache, fonbem in 
bet trefflichen Ueberfegung non ©topfen. Slriflopbane« hot mit weniger 
reinen Genuß gewährt al« bet große Xragifer, aber mit »eit mehr 
©ewunberung abgenotpigt. 2Ba« muß ba« für ein Geijl fein, bet 
un« burch geniale Gebanfen in bemfelben Slugenblitfe hütreißt unb 
ftaunen macht, wo et un« burch ©chmug unb Unflat ohne (Gleichen 
empbrt! ©eine (Birtuofität in bet Gemeinheit ifl unleugbar für Seben, 
bet aufrichtig gefleht, baß wir au« ben Slnfchauungen unferer £eit 
nicht httau«gehen, un« nicht mühfam auf ben fittlichen ©tanbpunft 
be« SUterthum« jurucffchrauben fbnnen. Sch bin burch biefen atti* 
fcpen SBig in ber Ueberjeugung beßärft worben, baß bet #umor, je 
reichet unb wahret, auch tim fo »ergänglicher, um fo mehr nut für 
bie ^ritgenoffen oerflänblich iß. — Ungetheilte greube hotte ich on 
ber ©reffte be« Slefcpptu«; fte hot mit bie lang »emachläffigte Siebe 
$um SUterthum »iebet mächtig aufgeregt; ich fannte mich enblich 
nicht eher beruhigen, al« bi« ich fetfefl ein Gebiet im „antifen* Geifle 
gefchrieben. Sa, wo« nfigt e«, baß ich &>r ba« erjähle? Sch fann 
Dir boch nicht« »eitet al« eine (BuchhänblersSlnjeige baoon geben, 
flatt baß ich ©it fo gern Sille« wa« au« meiner gebet fließt unreif 
ober lebenbig wie e« ifl gleich itigen m&chte. ÜBir leben fo fchned, 
wir werben fo fchned falt gegen ba« wa« un« oor wenig (Soeben 
erregte, baß nur ba« räumliche ^ufammenleben ein wahre« ^ufammen« 
leben ifl. SlUe ^aubeterßnbungen unfret Jett werben biefen glucp 
bet Sntfemung nicht tilgen f&nnen. ©ie oaterlänbtfchen Gebiete 
befommfl ©u jegt wo ße mir jiemlicb gleichgültig ftnb; mit ben 
„Stubien* }u Snbe be« Sommer« wirb e« nicht anbet« fein — b. h. 
mit anbern (Sorten: in biefem Sommer wenigflen« mußt ©u ©eine 

23 * 


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356 


«pri( 1866 . 


Steife nach bem Sorbett wirtlich auöfühten. — ©och einen ©rief von 
Die, bann follft Du ben verfptochnen »anb erhalten; hoffentlich Sann 
ich Dir bann auch etwa« über ben Fortgang meine« Drama« metben, 
)u bem ich immer noch nicht bie Stube gefunben. Da« ift mein 
ewiger Sammet, ba« macht mich oft an meinem poftifchen Serufe 
i weif ein: ich toffo mich ju leicht aufregen; wenn mich etwa« mächtig 
erregt, fo werbe ich nicht eher ruhig, bi« e« mir jum pottifchen ©ilbe 
geworben ift. @o gerfplittere ich mrm« Äraft in Äleinigfeiten, wäh* 
renb bie wahre fünftterifche äBdrme nachhaltig unb au«bauemb ift — 
ffiillfl Du etwa« fchbne« lefen, fo empfehle ich ©>*• «hrttner (@et* 
vinu«’ «Schüler) ©efch. ber Hufflärung. 1. ©b: englifche gitteratur 
im 18. 3«h»h — wieber ein ©ewei« ber geiftigen gäuterung, bie fleh 
in unferm ©olfe vollzieht, von ber unfre SBiffenfchaft fo viele glän* 
jenbe groben giebt. ©tag bie Äunfl ihr barin halb ebenbürtig jur 
©eite flehen! — gut fegt nimm meinen hetjlichen ©ruf, auch an 
SRubolf, unb fchreibe mir recht halb. 

Dein 


heinrich 5£r 


148] Kn bm ©ater. 

©bttingen, Slpril 28. 56. 

SDtefn lieber ©ater! 

... Sch f<htefe Such hier ein Sjremplat 1 unb benfe, Sh* werbet 
e« mit ber ^heilnahme annehmen, bie fo natürlich ift wo e« fich um 
ben erften Schritt eine« jungen ©tonn« in bie jDeffentlichfeit hanbelt. 
Doch fann ich eine gewiffe gurcht nicht unterbieten. Du fennft 
jwat fchon ben grbfjten Xhetl ber ©ebichte unb bie Dichtung ber 
Schrift, mein lieber ©ater. Sch fürchte aber, wenn fte Dir hier al« 
ein ©anje« vorliegt, fo wirb Dich ©lanche« überrafchen unb Deinen 
Vnfichten feht wiberfprechen. ©ei jebem anbem ©olfe würbe ich 
feiner Rechtfertigung bebürfen für ba« wa« ich gefagt. geiber ift e« 
anber« in Deutfchlanb, wo noch vor wenigen Sahren von ben Xhronen 
herab bie hüchft verberbliche gehre von bet Sinheit Deutfchlanb« vers 
boten würbe. Sn einem vierjigj&hrigen grieben hat ber SBohlfianb unb 
bie ©ilbung unfre« ©olf« unenblich jugenommen, unb boch ift feiner 


1 ber „&ater(änbif$ttt ®fbi$te** 


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Stpril 1866. 


857 


ber befcheibenfen nationalen Sunfche befriebtgt worben. ÜBod und bie 
gremben geraubt if nicht nur in ihren Jjänben geblieben/ fonbem nach 
einem fhmachootten Kriege hot und ein ohnmächtiger geinb jwei unfrer 
fch&nfkn £anbe entriffen. ©af wir im 9tathe ber ©611er noch he» 
fcheibned Sort mitfprechen bürfen, oetbanlen wir nur bem Jufatt, baf 
2 ©rofmächte wemgfend theilweid ju und gebären. 9CId ©anjed if 
©eutfchlanb ohnmächtig unb ein Spott ber gremben. ©ad ftnb Alled 
SChatfachen, ebenfo traurig ald unleugbar, Siemanb täufcht fich baruber. 
Manche fuchen fcf in elenber ©leichgültigleit ber ©ebanlen, bie fich 
baran Inüpfen, 'ganj ju entfchlagen; Anbere hegen bie wahnfinnige 
Hoffnung/ baf ein Sunbet von oben/ eine Steoolution bie «Sache 
jum Seffern änbem werbe 1 / fafl überall herrfcht ein erfcbredenbed 
Schweigen über bie heiligten Angelegenheiten unfred Solid. — 3ch 
hatte abfichtdlod unb nur ju meiner eignen greube mir aud ben Sürgcr» 
unb Sauemlämpfen bed Sittelalterd, bie mich lebhaft erregten/ bich» 
terifche ©efalten gebitbet, in bem Anfang# infinltioen fpäter immer 
llarer werbenben ©efüfle »on ber Aehnlichfeit jener -Seit mit bet 
unfern. Sod Sunbet, wenn ich enblich ju bem Sntfchluffe fam, 
bad abfichtdlod aud bem Sebürfnif bed #erjend (Jntfanbne ju fam» 
mein/ $u oeroottfänbigen unb fo nach Kräften mitjuwirfen, baf ber 
©leichgültigleit unb weibifchen ^»offnungdloftgleit, ber wir überall be« 
gegnen/ gefeuert werbe. ®d fefn manche bittere Sorte in ber lleinen 
Schrift; bad finb aber nur bie Smpfnbungen, welche jeber ©enlenbe 
in ben leften Sohren burchlebt hat. Sie Hären fich ouf jur J^off* 
nung unb ju ber Ueberjeugung, baf bem thatlräftigen ©tauben eined 
Solled bad Scbidfol noch nie gelogen hot — bad fpridjt bad lefte 
©ebicht aud/ unb barin liegt meine wahre Ueberjeugung. — ©ad 
finb bie ©ebanlen/ bie mich nicht fowoft jum Serfaffen, ald jum 
Sammeln unb $eraudgeben bed Sänbchend befimmt hoben. 3<h 
habe mich f° oudführlich baruber oudgefptocben, weil ich jeben ^weifet, 
ben Du über bie Abficht ber Schrift b<8«n länntef, oerfcheuchen 
müchte. ©u wirf auch i«6t noch Sanched bagegen einjuwenben 
haben/ aber boff«ntl«h S»<htd gegen bie Dichtung bed ©anjen. — 
Sch hohe fchon manche# bittere Sort von politifchen Siferem barüber 
hären müffen unb bin auch ruhig auf mehr begleichen gefaf t. Senn 
bad Such aber ©ich verfimmen follte, fo würbe mich bad fehr traurig 


1 »et* ©. 896. 


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868 


tyn( 1866. 


machen; ich möchte um Sille« nicht, baf burcb mein« ©ebulb mein 
glüdlicbe« Berbdltnif ju meine« gamilie, ba« ich mir nicht glück 
lieber benfen lann, gehört würbe ... Sie wenigen Sjremplare, bie 
ich vorläufig erhalten, habe ich an meine alten 2eb«er Slmbt unb 
©imrod gefebidt (ba« einliegenbe feib 3b« wobl fo gut }u beforgen), 
nur Sine« an einen Unbelannten, nämlich an 3ulian ©<bmibt, ber 
mit greptag jufammen bie ©renjboten rebigirt. Sa« ifl in ber £bat 
ber einjige Äritifer, von beffen Urtbeil üb etwa« ju lernen baffe. 
3n meinem näcbflen Sriefe werbe icb boffentlieh mittbeilen (innen 
wa6 bie £erm baju gefagt haben. 3fu<b riefle ich mich febon mit 
@(eichmutb, um in 3—4 Soeben ba6 Srobefeuer ber erflen Aritifen 
au«)ubalten. — Steinen lieben ©cbweflem übrigen« magfl Su fagen, 
baf ieb auf ihren Seifall niebt rechne; für junge Stäbchen ifl ba« 
Such nicht gefebrieben ... Son bem Seifall, ben bief JJeeft finbet, 
foll e« abbängen, ob ich anbre ©ebtebte gefammelt febon &u Sticbaeli« 
(wie ich wünfebe) berau«geben werbe. Siefe finb ohne politifcb« Sex 
jiebung unb werben eö nicht n&tbig haben mit einer Srflärung be* 
gleitet |u werben. Uebrigen« bebeuten bie Suebflaben über bem legten 
©ebiebt SBilbelm Stoff, meinen unter bem 9lamen Sereli Such wohl* 
befannten greunb in greiburg. — 

Steine Steife ging einfach vorüber... 3n Jj>tlbe«beim war genü* 
genbe ben Somplafc anjufebn; ba aber ba« funflbiflorifebe Snter* 
effe nur mäßig bei mir auOgebilbet ifl, fo (onnte ich lein ©efalten 
an ben vielgcrübmten aber belieben ©culpturen ftnben; ich freute 
mich vielmehr an ben malerifcpen altertbümlicben Rufern. — Unfere 
liebe ©tabt fanb ich ebenfo gelehrt unb langweilig wie ich fte ver» 
taffen. Socb ba« grübjabr ifl fo herrlich, baf felbfl ber ©öttinger 
©all in feinem grünen ©ebrnude gang freunblüb auofiebt. 3« meiner 
großen greube fanb ich meinen ,$eib«lberger greunb ©cbel«fe hier vor, 
ber al« frifcberSoctor ftcb ein 3abr lang in ben biefigen Jjofpitälern 

befcbdftigen will-3cb »»erbe in ber näcbflen ^ett wahr: 

fcbeinlicb viel befebäftigt fein. Dr. Stegibi bat mir angeboten, mich 
unter bie Mitarbeiter be« ©taat«lerilon« aufnebmen ju (affen, welche« 
Sluntfcbli in Stüncben mit einer Stenge ©elebrter berau«giebt. Sa 
gilt e«, in Slrtifeln von etwa Vi Sogen in möglicbfl wenig Sorten 
möglicbfl viel ju fagen. Ser Serfucb ifl etwa« gewagt; e« ifl nicht 
febr angenehm für junge 2eute wie Stangolbt unb ich, neben einem 
Stobl unb Stofeber ju arbeiten ... 


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8pril 1866. 


369 


£unt ©chlufj einen hetjlichen banfbaren ©ruf an Such Sitte. ©6 
got mir biefmal, ich weif nicht warum, fo gut bei Such gefatten, 
bafj ich fafl noch bfter« al« fonfl an Sre«ben jurücfbenfe. 

2Bie immer 

Sein treuer ©ogn 

Heinrich. 


149] 8a 3tt(iu6 Äl«. 

©öttingen, Slpril 29. 66. 

3<h bin noch einmal vor meiner Slbreife bei 3bnen gewefen, ge« 
ebrter $etr SReetor, aber ich fanb ©ie nicht ju #aufe unb habe befj* 
halb Sre«ben ohne Slbfchteb von 3bnen »erlaffen. 3njwifcgen höbe 
ich bie erffen Sternklare meiner Schrift »om Serleger erhalten/ unb 
e« ifl mir natürlich eine greube, 3bnen eine« berfelben jujufchüfen 
mit aufrichtigem Sanf für bie Sheilnabme, bie ©ie bem ®erfuche 
bi«h«r betoiefen... Sie ©ebichte ftnb jutn grofjten Sheite abftchW« 
lo« entflanben, iegt aber machen fie hoch ben Slnfpruch al« ein ©anje« 
ju gelten. Sie bitteren unb traurigen ©teilen barin ftnb feine 2Biber« 
fprüche. Sa« Such fott eben ben Smpfinbung«gang, ben RBechfet 
»on Hoffnung unb 9liebergefchlagenheit wiebergeben, ben jeber Senfenbe 
in ben (egten 3abren burchlebt hot. SKI biefe wiberfprechenben @e« 
fühle fttren fleh in ben jwei legten ©ebiegten ju einer Ueberjeugung 
auf/ mit ber ©ie wohl einoerffanben fein werben. Sa« SWotto au« bem 
„golb’nen Sfel" ifl fegt unpottifch, aber wie für unfre Jett gefegrieben. 
@o erbittemb wirft bie ©leichgiltigfeit unb ba« thatlofe Jjoffen auf 
eine unbeftimmte beff’re ^ufunft/ ba« fegt fo allgemein ifl/ baff 
SWacchiaoetti mir — unb ft eher nicht mir allein — ein Liebling«« 
fchriftffetter geworben ifl. ©eine rücfftchWlofe Xbatfraft unb gluhenbe 
SßaterlanbOliebe (affen mich ben trofttofen @emüth«mangel an ihm oft 
gan) »ergeffen. — ffienn ©ie ba« SBünbchen einmal 3h*em greunbe 
99. Kuerbach (eigen wollten/ fo würbe e« mir lieb fein. Sie fehr 
begreifliche gurcht ju beldfNgen hot mich obgehalten ihm bireft ein 
Sternklar )u fenben . . . 

$inficht(ich meiner wiffenfchaftlichen Jufunft bin ich noch fehr 
im Unflaten, gürchten ©ie nicht/ baff ich wieg »on ber aBiffenfcgaft 
abwenbe. Sie Spaltung meiner Shütigfeit ifl mir jwar fehr brücfenb, 
unb wenn ich frei wühlen fönnte, würbe ich wich ou«fchlie@li<h auf 


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360 


OTai 1866. 


bte ^oSfie werfen. Biber fc^on bet erfle ©lief auf meine dufeten 
©erbdltniffe belehrt mich, baf ich biefe freie 2Babl nicht ^abe. ©ne 
ganj anbre grage ifl e«, ob mir nicht rein wifTenfchaftliche ©rünbe 
eine balbige Habilitation wiberratben. 3cb benfe febr b<><h vom ©es 
rufe eineO afabemifcben BebterO; in meiner BBiffenfcbaft inObefonbre 
febe icb/ baj? Äenntniffe unb Blacbbenfen allein nicht baju befähigen. 
SDlit 21 3abren gerabe «StaaWwiffenfchaft )u lebten wäre, gelinbe 
gefagt, ein SBagnifj. ginbe icb eine ©elegenbeit, mich einige Sabre 
lang auf eine vernünftige üBeife, bie micb bem flaatlicben Beben nicht 
entfrembet, ju befcbdftigen, fo werbe ich f»<b<* noch warten. Hn^itire 
ich mich balb, fo tbue ich t* gegen meine Ueberjeugung unb weiche 
babei nur ber Blotbwenbigfcit materieller Slürfftcbten. €6 ifb nicht 
gut, Blnbere in einen inneren Äampf, ber und bewegt, Mieten ju 
laffen. 3ch freche baber lieber ab, unb hoffe, 3bnen halb fehreiben 
ju fbnnen, woju ich wich entfchloffen. — Bloch einmal, geehrter 
Herr Siettor, nehmen @ie ba« ©u<h freunblich auf. 

3bt banfbaret «Schüler 

Xreitfchfe. 


160] 8n Heinrich ©acbmann. 

©üttingen, SWai 25. 56. 

Blnbei, mein lieber ©acbmann, erbdltfl Du meinem ©erfpreeben §u* 
wibtr bie deine «Schrift... 8Bie ich über bad Heft benfe, unb wie ich 
mir alle SDlübe gebe über ben «Stanbpunft biefer (Schichte binoudjus 
tonunen, bad weift Du fchon. Xrofcbem wünfefe ich — unb nicht 
allein meinetwegen — bie ©chtift in ben Hünben recht vieler junger 
SRdnner ju febn. Daju müffen mir wobt ober übel meine gteunbe 
verhelfen, wenn anbetd ihnen ihr ©ewiffen erlaubt bad ©ueb ihr*« 
©efannten ju (oben ... Beb wohl! Bafj Dir bie rbeinifchen ©* 
innerungen warm jum S}nytn fprechen, unb wenn Dir bad eine ober 
anbre ber ©ebiebte bolbvcrgeffne «Scbmerjen wieber werfen follte, fo 
jüme mir nicht, ©n gefunber H<>£ unb Jom ifl ein ganj febdfends 
wertbeö Slngebinbe in einer Jeit, wo auch über bem Haupte bed Beb« 
baftefen unb geurt'gflen bie gefübllofe ©leicbgiltigfeit wie ein «Schrerfs 
gefpenfl febwebt. 

Heinrich X. 

«Schreibe halb, febr halb. 


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Wai 1866. 


361 


161] Vn tat 93otrr. 

@6tttngen, 2Rai 28. 56. 

SDtei» lieber SÖater! 

. . . Die ^fingftjeit war regnerifcb unb fomtt« b«§^a!6 nicht, rote 
tc^> gewünfcht, )u einem Keinen 2lu«fTuge benugt werben. Dafür 
mußten wir alten Doctoren an bem (Sommert bet Hannoveraner tfyeiU 
nehmen, bet von ®onn au6 von unfret alten ®erbinbung befchidt 
würbe. 3<h greife« Jjöupt entblibete mich nidf)t in bet au« bem 
©taube bervorgefuchten weißen SXuge bem ^oßjuge voranjureiten. 
9>tof. H«r[r]mann fab jum Unglud bie Schanbthat au« feinem genfter 
mit an unb roitb roobl bei meinem ndchften ®efuche eine (leine vet* 
roeifenbe 23emerfung nicht unterbrüden (bttnen. Smmerhin, e« roar bocb 
recht hübfch, mein ^fetb war bießmaf ganj gut, unb ich Kx»r (inbifch 
genug mich fehr i« freuen, wenn ich unb ein auf bem $ferbe auf: 
gewachfner Doetor au« ©übamerifa burch unfre SReitfunfi ben ® eifalt 
ber Seute erregten, Schon barau« werbet ihr fließen (innen, baß 
hier (eine Eavalterie in ©arntfon liegt. . . meinen innigen Dan( für 
bie gütige 9trt, wie Du meine Schrift aufgenommen baß. 6« »ft 
mir bamit eine wahre Sorge vom JJterjen genommen. Ob mich 
grembe unb Äritüer tabeln, (ann mir ja gleichgiltig fein. Sch glaube 
jroar nicht, wie Du ju meinen fcheinfl, baß meine Hoffnung auf eine 
Einheit Deutfchlanb« eine vorübergehenbe Sugenbfch wärmerei fein wirb. 
SBenn e« erlaubt ift, oon fleh felbft für lange £cit etwa« vorau«ju* 
fagen, fo benfe ich: e« wirb immer meine Ueberjeugung bleiben, baß 
felbfl bie trefflichflen ftoatlichen Einrichtungen ein einige« ®ol(«tbum 
nicht erfegen (innen. 2Bie bem auch fri: follte ich <*t»»h in reiferem 
Rllter bie gleichen Slnfichten vertreten — Du wirft wiffen, baß ich 
auch im politifchen Seben immer a(« ehrlicher SDlann hobeln werbe, 
unb e« wirb babutch (eine Jtluft jwifchen un« entftehn. ®on ben 
emften Sehren, bie un« bie legten fchweren Sabre eingeptdgt, ift biefe 
ja eine ber emfteften, baß polittfche Mnßchten nicht burch ©eburt unb 
Erziehung oorau«beftimmt, fonbern burch rigne« 9lachben(en gebilbet 
werben. Eben weil Du bieß fo freunblich anerfennjt unb mir in 
allen biefen Dingen volle Freiheit Idßt, ift mir Dein ®rief fo lieb 
unb ban(en«werth. . . SBiganb befugte mich geftern unb fagte, bie 
Sache taffe fleh recht gut an, bie erfte Senbung hierher haüe nicht 
genügt, e« feien fchon wieber neue ®efte(tungen gemacht. SDteine 
Hoffnungen ftnb nicht fanguinifcb; ein unbe(annter 9lame, ber )u 


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362 


©toi 1866. 


leinet litterariföen ©oterie gehört, (amt nut (angfam in unfrer ftber* 
»otten Böcherwelt burcb&ringen, aber wenn er e* »erbient wirb e* 
auch gewif gegeben, ©afj Sultan ©chmibt mit feiner befannten 
©robbeit felbft ba* ©urcbtefen ber ©cbrift verweigert fyat, wirb ©ucb 
wobt Üttfreb erjdbtt ^oben; aber gerabe biefer ©robbeit wegen glaube 
ich, ba§ e* beffer abtaufen wirb. SebenfaU* muff icb noch lange 
warten, unb $epp wirb fcbabenfrob meinen, biefe Strobe fei meiner 
£amm*gebulb recht gefunb ... 3tn bem Btuntfchtifchen ©taat** 
lertfon werbe icb nun beftimmt at* SRitarbeiter tbeitnebmen. 3ch 
werbe in biefen Stagen bie 2lrti(et erhalten, beten Bearbeitung mir 
jufatten fott 1 . ©ie deine ©cbrift über bie ©efettfchaft nimmt febr 
oiet 3eit in Slnfpruch; fte jwingt mich jut Jeftüre einer SRettge 
bifiorifcber SBJetfe, von benen in ber ©cbrift felbfl gar 9ticbt* er* 
wähnt werben fott, aber fte mufj noch im ©ommer fertig werben. 
£u bem ^werfe b<*b« icb <*««b SRomntfen’* rbmifcbe ©efcbichte ge* 
tefen, ein noch nicht »ottenbete* Buch, ba* icb unbebingt für ba* 
befte ©efchicbttwerf in beutfcber ©pracbe hatte. dnbere ©cbriften 
bab’ icb nicht oiet getefen au* SRanget an £eit. ©ehr intereffant, 
wenn auch nicht befonber* gefcbrieben, ift bie Biograph« be* ©enerat* 
©agern von feinem Bruber Heinrich. @* ift wunberbar, wie in bem 
Äopfe biefe* jungen niebertänbifchen ßfftjtet* fcbon in ben 20et fahren 
jene SReformpläne ber beutfcben BunbeOoerfaffung jicb bitbeten, beren 
StuOfübrung beinah ein Biertetjabrbunbert fpäter oerfucbt warb, ©r 
war ein auögejeicbneter praftifcber unb wiffenfcbaftticber ©otbat, ein 
emfier ©en(er in ftaatiicben ©tngen unb ein eifemer ©barafter — 
man tbut ba einen Bticf in ein wunberbar reiche* £eben J . lieber* 
baupt finb nächft guten ©ebicbten Biograpbieen meine £ieb(ing** 
teft&re; man bot ba ba* SRätbfel be* £eben* wie in einem SJtiBto* 
(o*mu* oor ficb, unb ber ©inbticf in ba* innerffe ©enfen eine* 
bebeutenben SRenfchen macht fafi einen dbnticben ©inbrutf wie ein 
Äunfhoerf*. — ©agegen will ich ©ucb warnen »or bem entfefclich 
faben Buch »on Jammer, ©infebr unb Umfebr. Jütten mich nicht 
einige ©re*bner £o(atfcbitberungen intereffirt, fo hätte ich nicht 2 ©eiten 


t Sä njfltm jundchft 6it ftber ©ioiOifh, ©omdnett, ©emeinheitäteilung. ©pdtet 
folgten nut noch bie Ättifel ©tifton 1861 unb Stein 1867. ®iefet je*t auch )u 
ftnben Jpiftor. u. ^polit. Stuffdfce 4,168 ff. 3 ©gl. ©eutfehe ©eftbicht'e 4, 269 f. 
u. ©iäntarcf, ©ebanfen unb Srinnetungen 1,67. 0 ffigl. Jpifior. u. tyolit. 9uh 

füge 1, 77. 


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3»ni 1866. 


868 


btefcr »uttetbemmehen«9>o{fte lefen Wunen. ©er SRann ifl entfefclich 
gut unb menfchenfreunblich. Siber wenn jum gintritt in ben Jpimmel 
wirflich Sticht« weiter gehrte alo folche jjerjenögüte, fo muf e6 ba 
oben furchtbar langweilig fein. — »om alten 3lrnbt hob* ich fürj« 
lieh «nen fehr h<t}(ichen liebenöwurbigen »rief befommen, ber mir 
ein freunblicheO Slnbenfen bleiben wirb. — SRangolbt hot ftch mir 
fehr gendhert unb mir neulich ba$ ©u angeboten. ©a$ war mir 
natürlich gonj fchmeichelhaft, aber ich Bonn mich noch gor nicht brein 
finben, ba ich ‘ m ©runbe noch recht fern flehe. @6 ifl hoch 
fomifch/ welche Äluft jehn 3ahre 3Uter6«Unterfchieb unb bie SBürbe 
eine« Familienvater« bilben. — UebrigenO gefüllt mir« im ©ommet 
hier weit beffer al« im Sinter. 3fl bie ©egenb auch fehr harmlo«, 
fo nimmt ftch Poch felbfl bie SRarf im Frühling freunblich au«... 
©a ich i*$t ©chet«fe unb Oppenheim hier hohe unb mit ihnen viel 
»erfehre, fo höbe ich auch olle Urfache mit meinem Umgänge jus 
frieben ju fein. Senn ich «in paar tüchtige SRenfchen ju ndherem 
Umgänge finbe, fo erregen mir bie unlieben«würbigen, bie ich fonft 
noch treffe/ nur ben 4?umor, unb bamit ifl fa für beibe ©heile 
geforgt . . . 

©ein treuer ©ohn 

Heinrich 


168] 8Tn Otubolf SNartin. 

(Unbatiert. 9lu« ©ittingen, 8. 3uni 1 66.) 

goUegialifchen ©ruf unb ©lüefwunfeh juvor! 
grwarte biefmal, mein alter SSRarqui«, weber einen langen noch 
einen leferlichen »rief. 3ch fchreibe, offen geflanben, nur um meinet« 
nicht um ©einetwitlen. 3<h habe ben 3lrm gebrochen, muf »iel 
allein ju Jpaufe hoefen unb hoffe befhalb burch furje »riefe ©ich 
unb anbre greunbe ju bewegen, mir burch balbt'ge Antworten bie trüge 
£eit ju furjen. ©u weift vielleicht, baf ich ©anf meinem »ater 
unb feinen eblen Stoffen ein ganj erträglicher Steiter bin. 3n ©re«ben 
wo e6 natürlich ber guten SReiter viele giebt brauche ich wenig« 
flen« nicht ju fchümen auf ber ©träfe mich J« geigen; hier bagegen, 
wo e« fchon für verbienfUich gilt wenn man wenigflen« auf bem 
9>ferbe flehen bleibt, wirb meine Sentaurennatur bewunbert. ©a« 
t XSiefeS Dalum ift vom Stnpf&ngcr na^geuagtn. 


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364 


3uni 1866. 


hot mich benn »erfuhrt, häufig au«jureiten, obgleich bie (Säule wirf* 
lieh unerhört fchlecht pnb. Neulich fogar, de nach bem Sommere 
ber (Srünen unfre Bonner Seute auf ©prigen geführt würben, figurirte 
ich ölte« .ftau« 2 mal in ber weifen ©lüge al« Sorreiter jum ge« 
rechten Sntfegen meiner ^rofefforenbefanntfehoft. 9lber $ochmutb 

fommt »or bem gaß!- 1 

©leine (Schichte finb enblich — ber ©erleget hot abfcheutich ge« 
trbbelt — feit 14 £agen im ©ucgbonbel. JJrier wenigßen« fcheinen 
fie (Slücf ju machen . . . Dein Urtgeil möchte ich wohl hüten. 
Deine fanfte ©atur wirb (ich burch manche ©itterfeiten abgeßofen 
fühlen — Du wirß mir aber jugeben, baf ein fröhlich« Jj>af eine recht 
brauchbare ©litgift in biefer SSBelt iß, befonber« für Seute, bie, wie 
ich, ihren (Sott nicht im Fimmel, fonbem in ber (Schichte unb bem 
©erufe ihre« ©olfe« fuchen. — 3ch breche h««r ab unb empfehle Dir 
nur noch für Deine ßaottwiff. ©tubien ba« anonpme ©uch: „Die 
(Srunbjüge ber SRealpolitif", ba« in ber JJblbger ©lufeumibibliotgef 
ju hoben iß. Der ©erfaffer iß 2. ». SRochau. Obgleich fcheinbar ein 
gewöhnlicher publicißifcher essay enthalt er boch für bie SBiffenfcgaft 
mehr ©rauchbare« a(« ein biefe« Sehrbuch ber ©olitif. J?, o. Slrnim 
hat ju 2legibi gefagt, er würbe mit ihm nicht eher über ©otitif reben, 
bi« er bief ©uch 8«l«fen. Sch wüfte fein ©uch, ba« »orgefafte 
Sßußonen mit fchneibenberer Sogif jerßörte*. — ©leine Vbreßc iß 
übrigen« ©oßßrafe bei (Sreuling. Du brauchß ße nicht auf ben 
©rief ju fegen; man fennt hier nicht nur iebe« ©lenfehen ©ognung, 
fonbern auch feine Xhaten fo genau baf wenn Du ein ©täbegen ge* 
füft hoß, bie bolBe ©tobt am anbem ©lorgen fleh bei Dir ju <Ses 
»atter bittet. @rüfe »on ©chel«fe, ber übrigen« feine alte ©egroffs 
heit ganj abgelegt hot unb bei ben (Srünen auferorbentlich gefäßt, 
©ut unb 

Deinem 

Heinrich X, 


l ©. bi« ©ebitberang b«4 2lrmbuu$J im folgen»«« ©riefe. 9 Vucg 4> u 8° 
Wtprr, in t)«nbfcf)rifrti<^en Slnnter fungen unb jJufÄfcen ju JtetUbotff« „©rinne; 
mögen", fpriegt basen, ba§ ju ben ©Argem «mit btnen Steitfcgfe fl<b in ©bttingen 
siel befcgAftigte", auch Olocgau’« Otealpolitif gebiet habe, «Aber bie et u. a. siet 
mit mit fptaeg, wenn i<g ihn tsigrenb feine« Äranffein« befugte, unb bie et mit 
ju eigenem ©tubium borgte*. 


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>ni 1866. 


365 


163] Vn bm ©ater. 

@6tttngen, 2funi 18. 66. 

SDlctti tlefeer SSater! 

beglichen ©anf fit deinen 95rief; et (am geßern an unt ich 
will ihn fogleicb beantworten. Stainer muß noch bio $u feinem ®e* 
burtbtage warten; bann foll er eine Antwort erbalten/ unb für ben 
fcbamlofen ÜRangef an tytfütfy, ber ftch in feinen £eiten auOfpricpt, 
werbe ich mich baburcb rieben, baß ich fein ©pecimen bem herm 
©irector ©jonbi fchicf«; ber wirb ibm hoffentlich feine ciccronifcbc 
9>rofa banbgretflitber eorrigiren al6 ich leibet vermag 1 ... Seiber 
Sann üb Such von mir büßmal (eine angenehmen 9la<hrichten ftbreü 
ben.... 9lm 1. bfo SBonatO ritt ich fpajieren; bat ^>ferb war fehlest, 
aber ti febten erträglich. ®anj pl^lich währen b be6 ©aloppirenO 
tbat e6 einen gehltritt unb ßürjte. 3<b blieb mit bem einen guß 
im 95ägel hingen wäfjrenb baO 5£hier auf ber ©eite lag, unb wahr« 
febeinlüb wihrenb eO verfuepte ftch wieber aufjuriepten, brach ber 8lrm. 
3<b glaube nicht, baß ich e« bitte verhinbern (innen, ich faß ganj 
feß unb hatte ba< spferb vbllig in ber ©ewalt; auch von ben Slnbern, 
bie babei waren, giebt mir SRiemanb bie ©cpulb bavon*. Sie bem 
auch fei, ich habe fegt bie folgen ju tragen unb muß @ott ban(en, 
baß e6 fo glimpflich abgelaufen iß. ©er 95ruch iß an ftch nicht 
fchlimm; fepon eine ©tunbe nach bem Säße (onnten bie ©ebienen 
angelegt werben; unb ich &* n in ben beßen hänben, ba mich hofratp 
95aum, mit feiner befannten greunblicpfeit unb ©efebicflicpfeit be* 

hanbelt-@ott(ob, baß e« ber lin(e 9lrm iß; fo (ann ich 

wenigßenP fchreiben; nur beim Sfndeiben unb Sffen bebarf ich ftember 
Jpilfe; ba iß mir’O wahrhaft ruprenb, wie freunblicb fleh «nein« 93e« 
(annten, befonberO ©cpclefe, babei benehmen- 

©aß ich im 9(uguß feinenfalle nach ©t«$ben (omme ßeht nun feß. 
Senn ich bie ftbpanblung unb bie ©ebicbtefammlung biß SRicpaelie 
brueffertig haben unb noch Slnbere« arbeiten will, fo bleibt mir wenig 

l Drei ©eiten bet testen t>om ©ater gefepitften ©riefet h° tt * b** ©euber geliefert, 
feine beutftpe 'Profa mit 2fltein umermifdjenfc. 2t rikgt gart Jpeinritpt ©djteib; 
faulbeit, beginnt )Ug(ei<h aber mit bem „©iono": Post iram placatio debet sequi. 
3 frmtborjf erjdf)lt a. a. D.: Oft etftpien et mit feinet »eigen ffranconenmäpe; 
auep bei 9utflägen habe i<p ihn mitunter fo oorrtiten fehen. 91t n>it einfl natp 
Kbelebfen fuhren unb hinter ©ooenben »on ber Spauffee ftpatf (inft abbiegen 
mußten, fHtrjte er mit bem tyferbe unb bratp ben 9rm. „Der I'octor ifl caput, 
fepten wir um* trfl&rte (afoniftp Jreunb ©tpeltfe natp ber ©efttptigung. 


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966 


3«ni 1866. 


j}eit )u verlieren. Huch (ei bem 5Rün<bener Staat*lejricon bin ich nun 
für einige nationolüfonomifcbe Huffd$e engagürt, wovon aber glücfs 
lieberweife ber frübefte erft jum 3abrrtfcbluß einjutiefern ift Ob i<b 
)u 2Ricb«elt* naeb Setpjig gebe um gegen Dftern b<rt gramen pro 
venia legendi }u machen, ober wa* fonfl — barüber tann ieb Dir 
augenblidttidf) noeb 9ticbt* mittbeilen; ba* muß fieb no<b im Saufe 
brt Sommert entfebeiben. 2Äit ben Daterlinbifcben ©ebichten gebt 
e*, wenigften* bi« im Orte, unerwartet gut. Äritifen bab’ i<b no<b 
nicht gelefen, nur einige Slacbbtucfe in Leitungen. Dagegen lag ba* 
®ucb bi« auf bem ÜRufeum auf; ba* mag rt wobt fcbnetl befOnnt 
gemacht (oben, Selbft alte Jherrn, von benen ich nimmer geglaubt, 
baß fte für anbere Dinge al* ihre wiffenfcbaftlicbe Gompenbien Sinn 
bitten, finb mir auf ba* Such bi« mit großer Jperjlicbfeit entgegen: 
gefommen. Spaß machte e* mir, al* ich neulich in einem 91ero* 
'Porter beutfepen Platte eine pobtifepe grwiberung auf ben Slmbrofiu* 
Dalßnger fanb. Darin ritb mir ber gute 2Xann (ober Dlauftrumpf ?) 
nicht um alte Briten ju trauern, fonbern auf bie «Seit ju hoffen, wo 
bie geflüchteten „©eiftrtfürflen" au* Hmerifa jurüeftepren unb ber 
J^errfcpaft ber „gefrönten genfer" ein Snbe machen würben. 9lun, 
wenn biefe 2lrt Seute mit meiner Schrift nicht einverftanben ift, fo 
tann mir ba* ja nur fchmeichelbaft fein! — Deiliufig will ich Such 
jwei 9love(lenbücher empfehlen, von $aul ^epfe unb von Hermann 
©rimm, SBeibe in febr ipnlicpem ©enre, obwohl bie (eßtem bebeu* 
tenber finb. So finb Heine anfprucp*lofe Srjiblungen, burebau* feine 
ßBerfe großer grfmbung*gabe, aber voll feiner ^Bewertungen unb 
treffenber, bem innerften Seelenleben abgelaufchter £üge; bie gorm ift 
fcpön, beinah übermißig gefeilt. — 9leurt giebt rt von bi« Sticht* 
ju melben. 9lacb einem abfcheulichen SKai haben wir enblich b«rlich< 
«tage, bie ich leiber nur mißig genießen tann. Der SBall ift jeßt 
ein wichtige* grüne* Saubbacp unb wirHich febr bübfcb ... 3« 
Stainer* ©eburrttage follt 3bt hoffentlich beffere Stacpricpten erhalten. 
Di* babin gebt bem 3ungen einen $ttß unb behalt« lieb 

Deinen treuen Sohn 

Heinrich 


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3wni 1866. 


367 


164] 9r b<n ©atn. 

©öttingen, 3uni 27. 56. 

3Rem lieber ©ater! 

. . . Daß ©tama fich meinen Unfall fo ju .fterjen genommen, 
tbut mir febr leib. @o fehr ich mich gefreut haben mürbe fie hier 
ju febn, fo iff« boch recht gut, baß fte ihren ®otfa§ nicht au«geführt 
hat. Die gute ©tutter bitte mir mirflich menig helfen fönnen, benn 
e« giebt überhaupt menig ju helfen. 3ch befinbe mich fo bequem, 
wie nur Semanb in meiner Sage rt thun fann, ber nicht fortmdhtenb 
©ebienung um fleh hat. ©teine ffiefannten flnb außerorbentlich ge* 
f dlfig ... 

3n bem beifolgenben ©aefete . . . ©rimm« ©tdhrchen für ben 
@eburt«tag«mann. hoffentlich mirb Stainer nicht glauben, baß er )u 
alt fei für biefe Settüre. 3ch habe Einige« au« bem ©uche mieber 
gelefen unb herjliche greube baran gehabt. Sine ©tenge Jtinbheito* 
Erinnerungen mürben mir mieber lebenbig. 3ch fann eö mir lebhaft 
oorffellen, mit melcher greube bie beiben ©rimm oor 3ahren bei ber 
alten ©duerin im Jjatj gefeffen unb ihr biefe lieblichen @ebilbe ber 
©olftphantafie abgelaufcpt haben. E« iff ein mohlthuenber ©ebanfe, 
baß für biefe. leichten unb boch oft fo tiefen Errungen bie meite 
©Reibung oon ©ebilbeten unb Ungebilbeten nicht gilt 21 Ue anbem 
griffigen ©efifcthümer unfere« ©olf« faffen mir nach ©tanb unb 
©ilbung «erfepieben auf; nur biefe« leichte ©piel ber ©olfobicptung 

erfüllt alle ©tdnbe unb Sitter mit gleicher greube.-Du munberff 

Dich, mein lieber ©ater, baß Du oon meinem ©uche noch gar Sticht« 
in öffentlichen ©Idttera gelefen baff. Stach Slltem, ma« ich über ba« 
©chicffal ber Erffting«merfe unbefannter ©erfaffet höre, fann ich ba« 
nicht anbet« ermatten. 3th merbe mohl manchmal etma« ungebutbig. 
©ber ber ©ebanfe, baß ohne ©tühe unb mannigfache Enttdufchung 
fein Erfolg möglich iff, unb bie Ueberjeugung, baß ba« ©uch ben 
meiffen SRdnnem, bie e« lefen, marm jum Jjjerjen fprechen mirb, ftehen 
mir fo feff, baß ich m»<h ba« SBarten nicht oetbrießen laffe. SBo bie 
©chrift bi«her mirflich gelefen morben, b. h* h«r in ©öttingen, hat 
fte fehr oiet ©lücf gemacht; eine ©uchhanblung hat allein in menig 
Zagen über 80 Ejremptare abgefeßt, bie anbem beiben nach ©erhdltniß. 
©enn bann in einigen 2Bo<hen bie Äritif fleh hrrabldßt ba« ©uch 
JU befprechen, mirb auch anbermdrt« ber Erfolg nicht au«bleiben. 
hier fpricht man fehr ©iel baoon; glücflichermeife bringt e« ba« ju* 


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368 


3uli 1866. 


rücfbaltenbe (Naturell ber (Rorbbeutfchen mit fleh, bafj ich felbft nicht 
allguviel mit Urteilen unb gtagen barübet behelligt »erb«... (Rach 
wochenlangem Stegen hoben mit miebet herrliche Zage. 3Reine ©e* 
bannten ftnb faft Sille auf ben hoben SReif ner au«geflogen. 3<h mufj 
mich begnügen vom ©all au« nach ben blauen ©ergen fehnfüchtig 
berübetgublicfen ober unter ben ©äurnen eine« ©arten« gu figen, ben 
ber majefWtifche Seineftrom in feiner gangen lehmfarbigen .ßerrlühfeit 
burchftrhmt. ©onft lebe ich, meiner ©enefung harrenb, ruhig weiter, 
freue mich an bem Umgang mit ©chel«fe, ärgere mich über bie Schlechten 
SBücher, bie ich M*n muf unb erhole mich 1*8* mieber an ©tahl’« 
chriftlicher ©taartlehre. Die Darfletlung ift fo Har, ber ©charffinn 
fo gtänjenb, baf ich nur bebauern fann mie fo viel Zalcnt verfchmenbet 
mirb für bie unfinnigfte aller Staat«lehren, bie ©crmifchung von Zheo* 
logie unb ©olitif... SBie immer 

Dein treuer Sohn 

Heinrich 

4 4 4 

166] «n SBi(h<Int «Reff. 

©bttingen, 3uli 15. 56. 

ÜJtein alter SJereli! 

Sffiie e« eigentlich gugebt, bafj ich ®eine beiben testen freunbtichen 
©riefe fo fpät beantworte, ba« weifj ich felbft nicht. Sin ©achmann 
unb Dich, von benen ich am Siebften ©riefe erhalte, fchreibe ich am 
©ettenften. ©eht mir« gut, fo ift mir eben ba« hanbgreifliche Sehen 
fo lieb, bafj ich an alle« Slnbre eher benfe al« an« Schreiben; geht 
mir« fehlest, fo bin ich nicht aufgelegt bagu unb min Such nicht 
burch langweilige feilen gut Saft fallen ... Dein tegter ©rief war 
wiebet fo lieben«würbig, aber — baß ich« nur gleich h**au«fage — 
mieber viel gu gutmüthig unb fanguinifch. Deine ©orau«fagungen 
haben ft<h benn in ber Zhat nicht erfüllt; ba« blaue ©uch hat bi« 
fegt nicht über Uebetntafj von ©lücf gu flogen. Jpter in ©ittingen 
freilich, n»o e« auf bem SRufeum auflag, ift e« fehr rafch befonnt 
geworben; ich hatte bie greube, bafj in wenig SBochen an 200 Sr. 
hier im Orte abgefegt würben. Deffentlich befprochen warb e« meine« 
SBiffen« erft gweimal; im beutfeh. SRuf. 1 mit nicht«fagenbem pbrafen« 

1 3" bn Wmnmet »om 1. 3u(i 1866. 


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3nli 1866. 


369 


haften» £obe... bann im litt. Sentralblatt mit wegwerfenbem Xabel *. 
9lu* ©eiben habe ich gleich wenig lernen finnen. ©Ja* mir ber 
tabelnbe Sritifer vorroirft habe ich mir (eiber fchon felbff gefagt: mein 
©er* ringt allerbing* noch mit bem Sfteime, unb ber Stammen deiner 
&pm ober SRomanjenfteife iff ju eng für große hiffotiffhe ©toffe. 
Deßhatb teenbe icb nti<h je$t auch jum Drama. Unb bennocb bin 
icb überjeugt, baß icb unb feine anbere gorm für bie ©aterldnb. 
©eb. tollen mußte, wollte icb warm unb energifcb ju jungen Jjerjen 
reben. Die ©toffe pnb epiffh; aber eine breite objeftive epifcbe ©e= 
banblung wiberffrebt ber ©ilbung unfrer Jeit unb ber meinen in** 
befonbre. 9hm gar über biefe* geffaltenreicbe bifforifcbe Dreiben ben 
webmütbigen ©trom tpriffher Smppnbungen au*gießen, wie mir mein 
£ritifer ritb, ba* hieße bocb wirfltch ben ganjen ©ortbeil eine« reichen 
©toff« aufgeben. ©i< babin iff bie Äritif, wenn auch meinem Ur* 
tbeile nach nicht ganj richtig, bocb ebrenwertb, weil fie motioirt ift. 
©Jenn aber ber ©fann mir btcbterifcbe Äraft abfpricbt — ber irgffe 
©orwurf ber überbauet möglich iff — ohne ba* mit einer ©ilbe ju 
motioiren, fo bin ich im vollen SRechte, wenn ich einfach anberer 
Meinung bleibe. Der eigentliche Jpelb ber ©cbrift iff ber ©laube, 
bie mir bi* jur SReligiofitit heilige Ueberjeugung von ber großen 3« 5 
funft unfre* ©off* — ba* iff ein Xbema, ba* bie vollffe ©erechttgung 
bat, poftiffh verflürt ju werben unb von bem ich fühle, baß e* in leben« 
bigen Xünen burch ba* ©uch binburcbdingt. ©Jenn ber Äritifer für 
biefe 3bee be* ©uch* fein duge hot unb ffch nur an ba* gormeUe 
hült, fo fann ich babutch nicht belehrt werben. €* iff wohl ein 
bittre* ©efü(jt, mein liebet ©ereli, (ich felbff unb feine* ©eiffe* Äinber 
fo üffentlich hetunterreißen ju laffen; ba* bat mir geffern einige un* 
angenehme ©tunben gemacht, unb noch heute ffhreibe ich/ wie Du 
wohl b«tau*füblen wirff, unter ber toff biefe* (Jinbrucf*. 3cb benfe, 
ber einzige SWaßffab für unfer Streben iff unfer eigne* ©efühl; frembe 
Urtheile foll man bamit vergleichen aber ihnen feine unbebingte ©facht 
jugeffehn. ©o wirb auch *>ief« Erfahrung halb vergeffen fein unb 
feine anbre golge hüben, al* bie, mich ffrenger gegen mich felbff )u 
machen. — 2lu<h mit 3« ©chntibt iff* ganj anber* geworben al* 
Du bachteff. 3<h fc^icfte ihm ©uch unb ©rief burch ©utfehmib. 
Dem hot er tut}weg erddrt, er werbe ba* ©uch nicht lefen, er hübe 


112. 3nlt, ©palt« 460. 

t 24 


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870 


3mK 1866. 


fein« 3*tt baju. 3<h fann ipm baruber nicht bbfe fein, er pot ber 
unangenehmen Erfahrungen auf tiefem 5«U>e genug gemacht 9Ä6g= 
fich, baß er ßcp no<h eine« ©eß’ren befutnt, ba fi<h fein Sreunb ttegibi 
mit feinet gewohnten gutmutpigen, aber tactlofen ©ielgefcpüftigfeit 
für mich verwenbet hat. So iß nun einmal bafftr geforgt, baß upo 
baO nil sine magno labore recht oft unb (ebenbig eingeprdgt wirb. 
£affen wir baO gut fein; ich f«h< noch immer mit froher Hoffnung 
in bie £ufunft. Sie ©tubien hab’ ich *or einigen «tagen vottenbet, 
um — fte hbcpß wahrfcpeinlich nicht h*rauO$ugeben. 3<h benfe, 
man foß ftch bie Äinbetßhupe privatim ablaufen; baju braucht man 
fein ^ublifum. SO ßnb einige gelungne Gebiete barunter; beßpalb 
foßß Du fte auch jum £efen erhalten, fobatb ©chelOfe unb Slegibi 
bamit fertig finb: aber mit folchen Äleinigfeiten iß unfrer £ittevatur 
jegt nicht gebient; ich bin äberbieß burthauO fein formgewanbter Schrift* 
ßeßer. SinjelneO werbe ich >n ^eitfchriften fchicfen, baO Ganje aber 
liegen laffen, wenn nicht einmal bie £eit fommen foßte, wo man 
anfdngt an mir auch ein pfpchologifcpeO 3ntereffe ju haben. 3<h 
benfe jegt eine orbentlich« Sorfchule burchlaufen ju haben unb gehe 
jegt an meinen bramatifchen ^>lan. Ser Jjelb ift Heinrich von 
flauen, jener beutfcpe OrbenOnteißer, ber ju Grunbe ging in bem 
Eonßifte ber freien «thatfraft mit bem engperjigen poßtiven Siechte. 
Ser SRetter beO OrbenO in feiner grbßten Gefahr, war er aßein jutn 
Jperrfcpen berufen; feine gewalttpdtige #anb aßein fonnte bie ßttftche 
Sdulniß, bie an feinem £anbe jehrte, vernichten, ©ein $lan, burch 
einen großen Ärieg bie brohenbe Uebermacht $oten6 ju jerß&ren, jer* 
fcheßte an ben ©chranfen beO SlechtO, bie er fiberfcpritt, an ber 
Gleichghltigfeit unb fleinlichen 3ntrigue feiner Umgebung, bie ihn 
nicht vergehen fonnte. Er warb geßürjt, unb in ber Enge eine« 
unbebeutenben SBirfungOfreifeO, auO ber Hoffnung feine verlorne ßRacht 
wieberjugewinnen, auO bem Jjaffe gegen bie Keinen ©eelen, bie ihn 
verflogen, faßte er jenen wunberbaren spian, fein £anb an ^)olen ju 
verrathen, an eben jeneO ^>olen, baO er fchon einmal auO bem OrbenO* 
lanbe vertrieben, auf beffen IBernichtung aß feine alten $ldne ge* 
richtet waren. SBeiliußg, baO £e§tere ift ein hißorifch fehr wenig 
aufgefldrter fünfte ich mug ihn faß ganj erßnben. flauen wiß 
ben alten Geiß feineO OrbenO wieberherßeßen unb untergräbt burep 
feine J^errfcbfucpt felbß beßen mäcptigße ©tilge, baO Siecht. Sarum 
trifft ihn bann bie grauenhafte 3ronie beO ©cpüffato, bag er, ber in 


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3Wi 1866. 


371 


feiner Umgebung Sticht* mehr b«ft al* bett heimlichen ®errath, ben 
ihre ffcdfliche ©leichgültigfeit mit 9>olen treibt, felbft jum offenen 
Sßerrötbe gelangt Du ftebft, ber Söorrourf ift furchtbar ernff, aber 
gut gewählt; wenn e* mir gelingt, bie frembartige gttmofpbdre be* 
©toff* ju bemeiffem, fo wirb auch ba* ©tücf gut werben. Unters 
efftrt Dieb ba* Problem, fo fonnfl Du in ®oigf 0 ©efcg. o. Preußen 
®b. VH eine trocfne £ufammenffedung ber Dhotfachen finben. Der 
SluOgang iff adetbing* gräflich: bie atttägliche (Gemeinheit flegt über 
bie geniale £hottraft. SHber e* iff nicht meine ©cbulb, baf i<b ein 
Äinb meiner ^eit bin unb oon ben ©ebanfen am SReiften bewegt 
werbe, bie in ber Suft fliegen; bin i<b Urfacbe, baf biefe fo traurig 
ftnb? ... 8Benn ich nur erfl mit biefer oerwünfchten Habilitation*« 
fcbrift fertig wdre!... Sich freue mich hrrjlich barauf, fl« vom 
Hoffe }U hoben unb bann auf einen prafttfchen loOjuarbeiten. 

Da* wirb bann hoffentlich meinen fegt unglaublich gediegenen 81b* 
fcheu oor bem ®ücher«23 tüten oerringern. Du glaub# nicht, wie 
unglücflich mich oft biefe* einfame Arbeiten macht, wdhrenb ich mich 
fo lebhaft in* £eben hinau*wünfche- 

Dein 

Heinrich <£r 


166] Än 3uliu* Jtttt. 

©ittingen, 3uli 18. 66. 

3ch bin 3hnen, lieber Httr Üteetor, oon ^erjen banfbar für 3f>ren 
freunblichen »rief 1 . Sch hotte mich fchon entfchieben al* er anfam 
unb freue mich, meinen fintfchluf burch 3bte SRetnung betätigt ju 
ftnben. 3ch »erbe im Jj>erbft ober um üBeifjnachten nach Seipjig 
gehen um mich bort ju Dftern ju hobilitiren. ©iele ©rünbe be* 
fümtnen mich gerabe £etpjig ju wdhlen, für ba* ich eigentlich burch* 
au* feine Vorliebe höbe. Die 3lu*ftchten für einen jungen Docenten 
ftnb an jebem Orte ziemlich gleich günfig ober ungünfüg. Stber ba 
ich ®o<hf« bin unb in £. promooirt habe, werbe ich bort am Beichteten 
unb Statürlichden jur Habilitation gelangen; ich fomme baburch einem 
entfchiebenen ÜBunfche meine* ®ater* nach unb fade ihm auch weniger 

i ©om 2* 3uli, ber bringenb unb )u balbiger Habilitation gemahnt batte: 

„Sie, wie Sie gemiffenbaft ftnb unb n>ie Sie 3b*** ^atu? na<b ju einem 3^len 
emporfeben unb (heben, mürben, menn Sie noch fo fp&t ft<b J>abirttirtrn, immer 
glauben et etmaft ju früh ju tbmu* Ogi. au6 bemfelben ©rief bei S<bi?mann 6* 122* 

24* 


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372 


3u(i 1866. 


jur Saß al* in bem foßfpieligen ©üttingen. ©orberhanb bin ich noch 
mit bet Schrift über bie ©efeßfchaft befchdftigt. 3ch habe freilich 
Idngß eingcfeben, baß biefe* Problem bi« ©runbfragen unfret SEBiffen* 
fcb«ft berührt unb beffer am Snbe al* am Anfänge einet wißen* 
fcbaftiicben Saufbabn bebanbelt metben foßte. Slbet i(b miß bie 
©ach«, ba fte einmal angefangen/ burchfübren, wenn au<b nur ein 
©chriftchen von 30—40 ©eiten hwauöfommt, bem man bie Arbeit 
nicht anftebt. 2Bte angenehm biefe Arbeit juweilen iß, rnügen ©ie 
barau* abnebmen, baß bie unglücflicbe ©efeßfchafttwißenßhaft be* 
fonber* in ßeßreicb Entlang gefunben bat. Die rübrenbe äinbUch« 
feit bet ©Übung von ßeßreich* ©taat*gelehrten iß an (ich fd^on 
unerträglich; fie wirb aber noch trauriger bur<b bie $raufe’f<be 9>&ilo* 
fopbie, welche merfwürbigerweife von aßen beutfehen phüofophifchcn 
© 9 ßemen im SJuOianbe bie weitere Verbreitung erlangt bat. — 
Uebrigen*, lieber JJerr SRector, muß ich Shnen geßebn, baß ich nur 
fehr ungern fo früh ba* Satbeber beßeige unb mich burch Sb« ©rünbe 
nicht für gänjlich »iberlegt anfehen fann. Sine falfche ©efeheiben* 
heit wüte meinem alten Sebrer gegenüber befonber* übel angebracht. 
Slber bamit ©ie nicht ju Viel von mir erwarten muß ich Shnen 
fagen, baß ©ie meinen ©ilbung*grab burebau* uberfchicen. Sch 
habe erß in Seipjig angefangen, bie ©taatcSroiffenfchaft al* mein 
Jjauptßubium $u betreiben. 8Ba* aber wichtiger iß: bie Srfenntniß, 
ohne bie jebe* wiffenfchaftliche Arbeiten wertblo* iß, bie Klarheit über 
ba* Serhültniß be* Slßgemeinen jum ©efonberen, ber Sbeeen ju ben 
©etail* ber SBißenfchaft — biefe Srfenntniß iß mir erß fehr fpdt 
gefommen. Sange £eit war e* mir nur um ba* Slßgemeine ju thun; 
wenn ich glaubte ben ©runbgebanfen einer ©ache ju verßehn, fo war 
mir aße* 2Beitere gleichgültig. Snblicb habe ich «infehen gelernt, 
baß ßch in ber 2Bißenfcbaft fo wenig wie im Sehen ba* Slßgemeine 
vom ©efonbern trennen, ba* Sine ohne ba* Slnbre begreifen läßt, 
©ie golge bavon war, baß ich »°hi weniger gelernt habe al* ich 
nach ber verwenbeten erwarten fonnte. ©ie ©chulb baran trügt 
wohl befonber* ber Umßanb, baß ich in meiner ganzen ©tubienjeit nie 
einen Sehrer gehabt, nie eine ©chule burchgemacht habe, fonbern ßet* 
auf $rivat*3lrbeiten beßhränft war. Sch wieberhole, ich fage Shnen 
ba* nur bamit ©ie nicht Slßjuviel von mir erwarten. — 

lieber ba* ©chieffat meiner ©aterldnb. ©ebiebte fann ich Shnen 
nicht ©iel mittheilen-Sch »iß hi« fchließen. SBenn e* ber 


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3uli 1866. 


373 


3wecf eine* SBriefcd ift, ein 93iU> »on bem ju geben waö in bem 
Schreiber »orgebt, fo erfüllt biefer feinen 93eruf. E* ift nicht meine 
Scbulb, baft ba* SBüb fo bunt geworben ift. Nehmen Sie nochmal*, 
lieber J^err Stector, für 3bw freunblicben feilen ben heften ©anf 

3bw* treuen Schüler* 

5£reitfcb?e. 

©a* gewünfcbte Eremplar für 93. Hluerbach lege ich üei. 

167] Vn Jheimicb ©acbmam«. 

©ittingen, 3uti 19. 56. 

©ein fester 93rief, mein lieber 93achmann, bot mich f«br betrübt; 
er ift in einem Slone getrieben, ben ich bi*ber on ©ir nicht fannte, 
unb ich fühlt/ bo§ ©u emfte Utfachen ju ©einen Klagen boft. 3ch 
weift nicht wa* ich barauf antworten foll; ich benfe, e* ift auch 
unnbtbig. 3ft bocb jebe Klage fi<h felbft «Jwecf; fte brilt nicht/ aber 
inbem wir un* Kar machen wa* un* bebrücft, erbeben wir un* über 
unfern Schmerj; eine frembe Einmifcbung, unb fei fte noch fo freunb* 
fchaftlich/ ift bann immer »om Uebel ©erabe fegt bin ich om Hitlers 
roenigften geeignet ©ir nur ein HBort be* Strofte* ju fagen. Sollte 
ich ©ir jeigen wa* in meinem 3nnem »orgebt, fo würbeft ©u fo 
jiemlich baOfelbe 93ilb, nur etwa* anber* gefdrbt, wieberflnben, wie 
ba*jenige, wa* in ©ir lebt. Sch bin nie unjufriebener mit mir ges 
wefen, ich höbe bie Unfertigfeit meiner 93ilbung, ben Hlbftanb be* 
Erreichten »on bem ©(wollten nie tiefer empfunben al* fegt. 3cb 
glaube faft: wie wir un* in ber $tit, wo ba* felbftünbige ©enfen 
beginnt/ in pbantaftifcben Hlbftrafrtonen ergehn bi* bann al* Stücf* 
fchlag ber ffieltfchmerj eintritt, fo ift in unferm jegigen Hilter bie 
Selbftantlage für fcben ©enfenben unoermeiblich. ©ie glückliche 3eit 
wo wir nur un* fetbft lebten unb im Steicbe ber ©ebanten »er* 
weiten tonnten wo e* un* am Schbnften erfchien — biefe Jrit ift 
»orbri; wir foUen un* nun al* bienenbe* ©lieb bem grofjen ©anjen 
ber menfchüchm 93eftrebungen rinfügen, ©a* ift ein elenber Stage* 
lobnerberuf, wenn wir ihn nicht mit 93ewufjtfein üben, wenn wir 
un* nicht ftar ftnb über ba* Heben ber SDlenfcben unb unfer Ser* 
bültnif in ihm. ©a fühlen wir bann fcbmerjlicb, wie weit entfernt 
wir ftnb »on biefer Klarheit/ wie weit abgrirrt »on ber Hlufgabe be* 


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374 


3uli 1866. 


SJtanneO ouö ben 3 u faH en feine« geben* eine Siotbwenbigfeit ja 
motten, fo baß er ftch jeben älugenblicf über feinen (Sntwicflung*« 
gang SRec^enfe^oft geben fann. Die Drägbeit ober ber SgoiOmu* 
(roaö in meinen Bugen fo jiemlich baOfelbe ift) wirft bie ©djulb auf 
bie SBelt unb wirb blafirt; au* ber ©cheu, einjugefhbn baß wir 
felbfl in bem Steife ber ©ebanfen fdumig unb fünbig gewefen, ent« 
ftebt bann bie Negation be* Denfen*, bie ftch ^eute fo breit macht, 
jene wiberliche ©efmfudjt nach ber rob natürlichen Bufregung be* 
Kriege«, ba* Schmähen auf unfre unmännlichen £uftänbe, bie feinen 
Staum für Saaten gewähren — ba* SRefultat elenber ftttlicber Schwäche. 
2Bet aufrichtig gegen flcb ift, flagt ftch felbft an, unb wabrlicb, e* 
ift fJtiemanb, ber an feiner SBilbung nicht fchwer gefunbigt hätte. 
3ch beflage je&t taufenb ©tunben, bie ich in leeren 9tichtigfeiten »er* 
geubet, aber auch taufenb greuben, bie ich ungenoffen gelaffen. 9Rir 
ift ba* ©lücf nicht ein launifche# 2Beib, fonbem eine heilige ©ottin; 
unb wenn ich jurüefbenfe, fo beweine ich wichtige Bugenblicfe, wo 
fie mir nabe geftanben, wo ich ben Hauch ihre« SDtunbe* fpürte unb 
boch ju trüg war ihre ©tim ju Kiffen — ich me ine jene Momente, 
wo ftch un* bti$artig ba* SJeroußtfein aufbrängt: 3efct ober nie 
fannft Du etwa* leiften, wa* Du nie wieber fo oodfommen erreichen 
wirft. — Solche ©ebanfen fommen mir je$t oft, ich fühle wie fie 
mich geiftig lähmen unb bin oft nabe baran jene ©lücflichen ju be= 
neiben, benen bie wohlfeile Uebung chriftlicher SReue unb bie greifbare 
Stacht ber Kirche all ihre ©chutb oom Jjerjen nehmen, ©tücflichers 
weife forgt ba* geben bafur un* ju belehren, wie ba* ©cheingtücf 
jener geute boch nur barau* entftebt, baß fie 2Befen untergeorbneter 
Brt finb: ein ©efpräcb, ba* ich oorgeftern mit einem frommen 9>to= 
feffot führte, bat mir wieber flar gejeigt, baß wir mit all unferm 
Zweifel, all unfrer ©elbflanflage boch für ber 2Renfcbb«it große ©egen* 
ftänbe geiftige Organe befifcen, bie jenen abgebn. — Du baft gang 
Stecht, wenn Du Kagft, baß täglich ntebr fübne spiäne ftch ®°n 
unferm $erjen lofen; aber fo traurig ba* ift, fo liegt barin boch baß 
büchfte ©lücf für ben SWenfcben; ba* wirtliche geben ift fo arm, bafj 
e* nicht ju ertragen wäre, wenn un* nicht bie ©chatten unfrer alten 
Dräurne binburchbegleiteten. Daß wir nach bem ©chiffbruch unfrer 
Hoffnungen enblich jur dtefignation gelangen, gebe ich «i<ht unbebingt 
ju; ba* brüeft, glaub’ ich, nur bie Äebrfeite ber SBabrbeit au*; ba« 
pofttioe 3iel männlichen Denfen* iß boch bie Dbat, bie freilich ohne 


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3uü 1866. 


375 


©eftbränfung auf einen engen @eban(en(tei< nicht möglich ifl. — 
Du fiehfl, mein greunb, wa6 ich hi« hingeworfen finb (eine reifen 
©ebanfen; ich flehe eben noch mitten in jenem ^uflanbe, über ben 
i<b rebe; e6 finb ba6 nur Stefultate jener ©ophiftil, ju ber wir Aber« 
baupt, aber nie mehr geneigt finb al6 bann wenn ficb jwei ©etfter in 
un6 befebben. — Sin Deinem ©erufe fe^eint mir ba6 ba6 ©chltmmfle, 
baf er Dir ni<bt jufagt; bie ©elbflentäuf erung, bie un$ Slnfangä fo 
fcpwer fdttt, forbert er nicht mebr unb nicht minber al$ jeber anbre 
©taub, «traurig freilich/ baf unfre elenben öffentlichen ©erbältniffe 
unfern ©eamten biefe männltchfte «lugenb fo febr erfcpweren; wer (ann 
fie ohne @ewiffen«biffe üben/ wenn er »on ber Sticbtigfeit be6 ^iete, 
bem fein ©tanb juflrebt, nicht ganj fefi öberjeugt ifl? ... 

©om ©chirffale meiner ©ebicpte (ann ich Dir wenig rnelben ... 
Unglaublich ifl bie ©erfcbiebenbeit ber Urtbeile ber £eute Aber bie 
Details... £af Dich baburch/ mein alter ©achmann/ ja nicht von 
Deiner öerfprocpnen ©efprecpung abbalten; jene ©orwftrfe treffen 
Dich ja nicht. Du wirfl wie ich felbfl finben, baf [rt] ben ©ebicbten 
an plaftifch« Stunbung unb Slnfcbaulicbfeit fehlt/ Du wirf banach 
auch leicht ermeffen (innen, welche bie jüngflen finb. 6ine$ brutft 
mich: bie $inweifung auf ©ott in ben 2 ©cblufgebicbten; bei meinem 
@(auben6ftanbpun(t (ommt mir ba6 wie ©laäphemie oor unb war 
boch unumgänglich um einen wahren ©ebanfen nicht aflju abflraft 
au6)ubrAcfen. — ©or Äurjem hab’ ich e m Jjeft oermifcbter ©ebichte 
beenbigt. Cb ich ft* h«au6gebe hängt tbeilwefe »on bem €r* 
folge ber erflen ©ammlung ab. Sch habe grofe ©eben(en bagegen: 
formell finb fie wohl »ollehbeter a(6 bie ©at. @eb., aber e$ burch« 
webt fie (eine ©runbibee; e$ finb eben bunte ©eflalten/ mit benen 
ich nur meine füllen ©tuuben belebt habe. 3m ©anjen genommen 
(ann ich ft« nur al6 ©tubien anfehn unb bezweifle/ ob ich baä Stecht 
habe ba6 publicum jum 3*ugen berfelben aufjurufen. — Die Un* 
jufriebenbeit mit mir felbfl unb mannigfache anbre Arbeiten finb 
fchutb, baf ich «ft jefct mir meinen bramatifchen *pian etwa* näher 
anfebe. 3<h faffe ba* gerichtlich* Strauerfpiel nicht anber* auf al* 
ba6 «trauerfpiel überhaupt. £6 foU (eine Dramatifirung eine« b»fto* 
rifchen Slbfcbnitt* fein, fonbern ba« ©chtrffal foll fich mit 9lotb* 
wenbig(eit au* ben 6b®tafteren entrotcfeln; wir fchreiben e* nicht 
jur ©erberrlichung ber ©efchichte, fonbern weil wir für eine 3bee, 
bie un* bewegt, (eine beffere ©erlhrperung finben (innen al6 biefe 


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376 


3uli 1866. 


hijtorifche 5£^atfac^e. ©einen ®orjug vor bem bürgerlichen Strauer* 
fpiel fege ich einmal barein, ba§ bie 3been welche unfre 3ett am 
Diefflen bewegen, fo am getchteften lebenbig erfdeinen fbnnen; fobann 
barein, bafj bie Erhabenheit be« ©toff« unb bie seitlich« Entfernung 
eine weit reinere SltmofphÄre unb ben Eharafteren einen freieren 
©pielraum »erfchaffen, al« im bürgerlichen fcrauerfpiele, wo man bei 
jeber energifcgen geibenfchaft, bei jeher wahrhaft tragifchen 5Chat gleich 
an ba« 3u<hthau« benfen mu§ K Da« mobeme geben tft in feiner 
oielfeitigen SRaffenhaftigfeit atlerbing« febr großartig; feine Reineren 
jlreife aber — unb mit biefen hat e« ja ba« Drama allein $u thun — 
machen nur einen genrehaften, heften gad« einen rührenben Einbrucf. 
Daher wirb ba« ©chaufpiel unb Sufffpiel ftett au« mobemen ©toffen 
fchßpfen muffen; bie wirtlich bebeutenben bürgerlichen Xragübicn 
werben aber nie sahireich fein. — SKein ©toff ift au« bet preuf ifchen 
Drben«gefch«chte entnommen. Die jpauptfchwierigfeit wirb fein ba« 
frembartige Terrain Rar unb oerfMnblich ju machen. 3<h fehne 
hetslich bie freie ©timmung be« #erjen«, bie basu nothig ift, herbei. 
3egt fehlt fie mir noch feh** 3ch eil« mit ber Rrbeit über bie @e* 
feöfchaft fertig su werben ... SJteiner £ufunft wegen bin ich nun 
entfchloffen: Der SBunfch 3oumalift su werben mufj «or hanbgteif* 
liehen ©rünben suruef treten. Da ich mich hoch einmal hobilitiren 
will, fo nüthigt mich bie SRücfftcht auf meinen Unterhalt, ben beginn 
meiner atabemifchen gaufbahn nicht länger al« nüthig hinau«sufchie6en 
um meinem 93ater bie ©orge um mich balbigft vom JJalfe s u 

fchaffen.-9lun la§ mich f<hü«§en, mein lieber Fachmann. 

3Benn Dir biefet ®rief etwa« oerftimmt erfcheint, fo gebe ich ba« s u * 
3ch benfe aber, ba« wirb halb «orübergehn. Eben habe ich «in 9>aar 
®erfe oon 93. jjugo gelefen: 

ne jamais rien hair, mon enfantl tout aimer 
ou tout plaindre ! 1 — 

unb au« ber 2Buth, bie mich paefte über biefe 9Remmenphilofophie, 
gab’ ich gefehn, baf ich im ©runbe noch ber alte bin aber ade Urs 
fach« hübe, meinen fehler, bie Rbhängigteit oon augenbticRichen ©tim* 
mungen, halb absulegen ... 

Dein 

Heinrich X. 

1 SBgL 4>iftor. u. tyottt. SluffAfcf 1,442 unb Dfurfc^e ©efc^i<^re 6, 887« 2 

tJerfc M ©<btc^>tö A mt fille in Les Contempl&tions. 


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3uR 1866. 


377 


168 ] Sin bat ©ata. 

©Jttingen, Suli 20. 56. 

SWrttt liefe« ©ater! 

-Uebrigen« ftnb mit fegt 2 Beurtfeeilungen be« Bücfelein« 

ju ©eficfet gcfommen: ein fefetafenfeafte« £ob ton $rug, au« bem icfe 
fafe, baß tt bie ©eferift gar nicfet gelefen featte, unb ein wegwetfenb« 
Sabel eine« Unbefannten im £itt«arifcfeen CEentralblatt, ben icfe mit 
«nftlicfe überbaut feabe, bi« icfe enblicfe ju bem Sftefultate farn, baß 
« unbegrünbet ift. Sefe fann nicfet leugnen, baß micfe biefet erfte 
öffentliche Angriff Anfang« etwa« geärgert feat: Du wirft mir ba« 
wofei nicfet morgen: — aber jegt iff ba« längfl wiebet »«geffen. 
Die Bwecfetigung auf unfre innere (Jntroicflung beleferenb einjuwitfen, 
fonnen wir bocfe nur fefer wenigen SDJenfcfeen einräumen: ben Slnbem 
gegenüber gilt e« eben (alt $u bleiben. — Hinfiefetlicfe meiner Jufunft 
bin icfe fegt ju einem Sntfcfeluffe gefommen: icfe werbe micfe ju Dffern 
in £eipjig feabilitiren. Dann ftnb 2 Safere, alfo bie gefeglicfe notfe* 
wenbige ^eit, feit mein« (Srmatriculation ««gangen. 3<fe featte mjcfe 
fcfeon entfcfeieben, al« ein fefer freunbliefe« Brief »om Stertor Älee 
anfam, b« micfe in meinem Borfag beftärfte. Scfe benfe, mein lieber 
Bater, Du wirft Stufet« bagegen feaben. Daß icfe £eiy>gig wäfele, ge« 
fcfeiefet tfeeil« weil icfe weif baff ba« Dein üBunfcfe ift, tfeeil« weit mir 
bort bie Habilitation al« ©acfefen unb £etpjig« Doctor «erfeältniß: 
mäßig leicfet gemacfet werben wirb. ®ö ift Dir befannt, baß icfe für 
bie ©tabt feine Vorliebe feabe; aber e« feanbelt ficfe feiet eben um fein 
Bergnügen, fonbem barum, wie icfe am Srften in einen nuglicfeen 
2Btrfung«frti« unb auf meine eignen güße gelangen fann. Hoffart: 
liefe werbe icfe nicfet mein ganje« £eben bort jubringen muffen. Die 
erfte 3eit wirb nicfet gerabe angenefem: »on Befannten ftnbe icfe nur 
bie Bräutigame Burfian unb ©utfeferoib, ab« icfe weiß auefe wie lange 
e« bauert efee man ficfe in neue Greife einlebt @o fefer icfe füfele 
wie viel mir noefe jum £eferen fefelt, fo glaube icfe bocfe: jeber, ber 
in einem nüglicfeen Berufe wirft, ift wie ein Slnteu«; au« ber Slu«: 
Übung feine« Berufe« felbft fcfeäpft er imm« neue Äraft. SDtein 
©ätting« Slufentfealt ift mir «on mannigfaefeem Stoßen gewefen: wie 
lange « noefe bauern wirb, fann icfe noefe nicfet beftimmt »otfeerfagen. 
Bi« Bticfeaeli« febenfaff«. Bielleicfet fieble icfe auefe erft jum Safere«: 
fefeluffe naefe £. über, ba icfe für ba« Btüncfeen« ©taat«w6rterbucfe 
einen Slrtifel «erfproefeen feabe, b« fefer »iel £eftüre forbert. Sille 


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378 


«ugttft 1866 . 


nhthigen ©ücher ftnbe ich aber nur b*w. 68 ift unglaublich, wert 
für eint Unmaffe ©ucber man (efen muf, um au6 20 enblich ein 
einunbjwanjigfle* ober nur einen bogenlangen Sluffag ju machen. 
SRanchmal erfaßt mich ein wahrer Sngrimm über biefe funfütche 
©Übung. Sch fable bann recht lebhaft, wie hohl unb leer biefe ab» 
geleitete Sßei8heit ift, unb wie ba6 wahrhaft Unterbliebe im SRenfcgen 

nur im lebenbigen Seben felbfl feine Nahrung finbet- 

«DÜt ben freunblichften ©rüfen wie immer 

Dein treuer Sohn 

Heinrich 


169] ttn SBi(b«tm Woft. 

©ittingen 31/8 56. 

«Wein liehet ©ereli! 

Wach langem trofttofen Wegenwetter hohen wir heute ben erflen 
fch&nen Sag. 3Bir hoben ihn reblich benugt; ich fomme eben vom 
JJohen plagen juruef mit ber angenehmen 6rinnenmg an eine prieg« 
tige Shrtficgt über ben Solling, bie heffifchen unb thüringifchen ©erge 
bi$ jum #arj, unb mit ber ©eruhigung, baf mein linier Slrm bem 
eblen ©efegüfte be$ SRoffelenfenä gewachfen alfo ziemlich hergeffcllt 
ift. Sch will bie (egte fpite Slbenbfhmbe noch für Sich beftimmen, 
aber ich foffe mich fur$, benn ich hin mube unb ba6 beifolgenbe Jgceft 1 
fann wohl einen ©rief erfegen. «Kit bem heiteren Fimmel ifH auch 
in meinem Äopfe heller geworben; bie ganje legte 3«it über hotte ich 
fehr viel mit meinem ärgflen geinbe, will fagen: mit mir/felhfl, ju 
thun. ©ittre unb nieberfchlogenbe ©ebanfen, taufenbmal abgewehrt, 
bringen (ich mir immer wieber auf: ich thot SRöcfblicfe auf meinen 
©übungtgang, auf baö wa$ ich erfhrebt unb erreicht; unb bie gr4§s 
liehe ©ahrheit, baf brt £eben$ befirt Xheil in guten ©orfdgen belegt, 
ftonb mir in ihrem »ollen 6rnfe »or Äugen. ©erfegone mich mit 
©orwürfen. Sch »or nicht nur berechtigt, ich war verpflichtet $u folchen 
©ebanfen. Du weift, welchen reinen Sinn ber tiefere Denier in ber 
mpffifegen Sehre von ber Srbfünbe finbet; Du weift, baf bie fcglimms 
ften Sunben be« ©lenfegen jene namenlofen ftnb, bie fein «Otoral* 
cober aufjeiegnet; Du muf mir alfo auf# 2Bort glauben, wie eroffe 
Urfache ich hotte mit mir ju hohem . . . Wenne ba6 feine ©rillen. 

1 Dal OTanuffript btr 1867 a(l »©tubien* eniffmtlitbtfn ©«biente. 


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«Ufluft 1866. 


x 379 


3ch bin nic^t fo thoricht an einen geoffenbarten ©ott ju glauben/ bet 
mit mein Seiben abnimmt mie ein dienet meinen kantet; ba muß ich 
eben 2lße« wa« ich nerfchulbet allein unb bi« auf bie Jj>efe au«foßem 
Sin Shrobuciren war in bet £ett natürlich nicht gu benfen; ich machte 
©Idne unb fuchte mir bie Beit/ in ber mein Drama fpielen foll, burch 
Seetüre oertraut gu machen. 3egt ifl hoffentlich bie Qual vorüber, 
©ergeffen fann ber ©lenfch überhaupt ©ich«; wa« man fo nennt 
ift nur ba« ©etfchmelgen einer Erinnerung mit einer anberen gang 
gleichartigen. @o fann auch i<h mir bie trüben ©ebanfen nicht gang 
au« bem ©inn fchlagen, aber ben einzigen Xroß, ben ich barin finben 
fonnte, ben ©orfag weiter gu fchaffen trogbem — ben gab’ ich 0** 
funben, unb ich miß nun fofort an mein Drama gehn. Da« ©erüß 
fleht fogut wie fertig ba; hab’ ich ©lücf/ fo foßß Du fo halb nicht« 
wiebet baoon hören bi« e« fertig ift. ©orberganb nimm biet bie 
oerfptocgnen ©lütter, fehief mir fle recht halb wieber mit einem 
orbentßchen ßrengen Urtheil, wenn Du ?uß haß. 3<h felbß benfe 
augenblicfltch gar Glicht« barüber; bie ©aegen liegen eben hinter mir; 
wenn ich ß« h*tau«gebe iß« nur weil ein unau«geführter ^Dlan immer 
eine Saß iß. gür ba« ©eße barunter holte ich ba« erße ©ebicht be« 
gweiten ©uch«, Äranfentrüume. ©feine greunbe, benf’ ich, werben 
in bieß Urtheil einßimmen; ob ba« ©ebicht aber bem publicum »er* 
ßdnblich iß, mag ich nicht entfeheiben. — Ueber bie ©. ©. fanb ich 
im ©remet ©onntag«blatt eine fehr freunbliche Äritif oon SRuperti 1 ; 
natürlich für), aber immer noch bie eingebenbße, bie ich 9«fcf«n ... 
Die ©ache wirb mir naeggetabe langweilig. E« tgut mir h^tich 
leib, baß ber Erfolg meinen Erwartungen nicht entfprochen hat. Slber 
ich fann ©chmibt« ©erfahren nicht unbebtngt tabeln; er benft: uns 
fähige ©fenfegen fegreefe ich burch biefe Srt vom weiteren ©erfes 
brechfein ab, fähigere Äöpfe werben trogbem nicht mübe werben. @o 
wiß ich ba« Segtere thun unb fehen wa« bie Bufunft bringt. — 
Jpdtte ich 3<it unb Rapier, fo würbe ich ©fr noch oon einer fleinen 
ötägigen Steife in ben ©orben ergäglen, bie ich fürglich oorgenommen. 
©orberhanb nur fo ©iel: fo lange Du nicht Hamburg gefehen gaß, 
bie einzige wahrhaft großßäbtifcge ©tabt unfre« Sanbe«, unb unfre 
beiben ©feere unb bie wunberbar ftgbne Äüße ber Dßfee unb bie 
herrlichen ©fenfehen an ber ©ieberelbe unb auf JJelgolanb — fo lange 


l 9fr. 90 (27. 3ult) ®. 288. Untrr brat Srfamttitfl: ©raefte ?t>rifrr unb Spifrr. 


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380 


Scpttmbtr 1866. 


fennft Du Deutfeh lanb noch gar rn'c^t ... Unb nun, liebffer Sereli, 
noch eine Sitte. 2lm 15. ifl mein ©eburWtag; bie ©tubien brauchft 
Du bann noch nicht wieberjufchcefen, aber la§ mich nicht ohne einen 
Srief. Dtatürlich bin ich f«n egoiftifcher ty*fcha, ber am befHmmten 
»tage feine Jpulbigung hoben will. 216er e« ifl ein fo angenehme« 
©efüfjl, &o« mir noch au« meiner Äinbheit theuer ift, für eine be* 
fHmntte $eit ficher eine greube ju erwarten, ©o ergreife ich biefen 
Sormanb unb fege Dir hiermit ben 15 ©eptbr al« lebten 5termin 
Deiner Antwort, ffion Steehttwegen. — 

Dein 

. . . Heinrich 5t 


160] 9n bfn ffiater. 

©bttingen, ©eptbr. 1. 66. 

SDlein lieber SSatet! 

. . . Dein ©chreiben unb Stainer« jtrafetfüße nebfl Sftanbgloffen 
haben mir natürlich grofje greube gemacht, bi« auf jwei Dinge. Srflen« 
fagt boch bem 3ungen, bafj er um ©otte«witten bie *) unb Simers 
fungen unter bem Üerte (affen fott. 3<h bin h«rjlieh froh, wenn ich bie 
gelehrten Sucher mit ihren *) unb **) unb wie biefe fchrecftiehen 9toten* 
jeichen alle au«fehen bei ©eite werfen fann. ©oll ich mich über ben 
gelehrten £opf auch bann Ärgern, wenn ich einmal ©ohn unb 83 ruber 
fein unb mich an einem Sriefe non Such freuen will? — ©obann 
mufj ich mich feierlich gegen bie Sefchulbigungen non Santa unb 
meinen beiben al« ©ehweflern nerfleibeten ©ounernanten nernähren. 
3<h benfe: wenn man 3emanb nicht für ganj bumm ober gemüthlo« 
hält, mu§ man auch feinem ©cherje weite ©renjen fteefen. 3(h fann 
über bie beflen Senf eben fpotten unb fie boch auf« Jjbehfle achten; 
aber jwarum foll ich i« Jtbem harmlofen ©pott (nnjufügen: 3m 
Uebrigen habe ich ben grfiften Stefpect nor grAutein @o unb ©o? — 
Da« wAre boch gar ju langweilig. £« ftecfen nun einmal in 3ebem 
non un« jwei Senfehen; leiber fann immer nur ©net non ihnen 
auf einmal ju Sorte fommen. Ser hat noch nicht, wAhrenb er felbft 
im 3««terften ergriffen war burch ben Slnblief eine« fernen ©emAtbe«, 
einen mutwilligen ©eher) gemacht über bie ffeifc Dame, beren blaue 
83rille mit ©achfennermine ba«felbe 83ilb anftarrte? 3«h glaube wirf: 
lieh, nur in ben älugenbltefen ber angeffrengteften 5thAtigfeit ober be« 


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©qjtfmbrt 1856. 


381 


aufgeregteften ©efübl6 ftnb wir gan) von einer ©timmung beberrfcbt. 
2)o6 follten Vtama unb Scbweftem billig berfiefftcgtigen unb nicht 
gleich benfen, ich hohe (ein 4?er) für 3obanna6 greunblichfeit, wenn 
tch mir ein lufKge© SBort über ihren SB rief ertaubt habe. 9tun gar 
ber Vorwurf, ben ich feit fenern unfeligen ©eburtvtage, wo ich »meinen 
Äenntniffen nach 11 3abr alt" würbe/ fo viele Viale ju baren be* 
(ommen: ich halte mich für ba6 Vtufter menfchticher Vodfommen* 
heit. Seine guten ©chweftern haben freilich nicht gewugt, in welcher 
Stimmung mich ihr Vorwurf treffen würbe, aber er war ber bitterfte 
Jjobn, ben fte mir fagen (onnten. Siefen ganjen ©ommer über bab’ 
ich in fortwäbrenber gebbe mit meinem ärgften geinbe, mit mir fefbfl, 
gelegen ... 3<h bin in ber fegten ^eit meinen greunben, glaub’ ich, 
ein trauriger @eno§ gewefen. 3cb fab ein, bag ich m folcher ©tim« 
mung 9licbt6 probuciren (onnte unb befcbäftigte mich mit Vorarbeiten. 
3ch war froh, wenn ich rinmal eine britre ©tunbe batte unb fte )u 
einem muntern SBriefe an Such benugen (onnte. Schilt ba6 nicht 
thürichte ©rillen, mein lieber Vater! 3<h habe fegt, hofft ich/ biefe 
ganje vetroünfcbte 3eit hinter mir, ich hin jiemlich frei von ben bittern 
©eban(en, aber ich fühle, bafj fte ihr Stecht batten, ©erabe bie tüdf>* 
tigften meiner greunbe fcheinen fich jegt in gan) ähnlicher Sage )u 
befinben. Sa6 ba6 ftch 3eber flectt, bem e6 Srnfl ift mit feiner 
Vitbung, ift fo bo<h/ »ab hoch fliegt bie Stubentenjeit wie ein luftiger 
Xraum vorbei; unb nun biefe 3abre, wo mir allmälig ba6 Sntereffe 
erfiirbt an taufenb Singen, bie mich früher erfreut, wo ber 2Bunfch 
banbelnb in6 Beben einjugreifen immer mächtiger wirb, wäbrenb ich 
bocg noch (einen Veruf habe: — ich hätte oft Alfreb beneiben mbgen, 
ber nie etwa6 Anbre6 geliebt bat al6 feine Vücher unb fo bleiben wirb 
bi6 an fein Snbe. ©erlieflieh bin ich auf ben einzig vernünftigen 
©ebanfen gefommen, nicht rüc(wärt6 noch feitwärtv ju feben, fonbern 
weiter )u ftreben fo gut e6 gebt, ©ei mir nicht bofe, mein lieber 
Vater, bag ich ®ir ad bieg verwirrte £eug »ortrage. 3«h hätte gan) 
barüber gefchwiegen, ftänbe nicht ba6 wa6 Santa unb bie Scbweftem 
von mir unb meinem Senfen vorau6)ufegen fcheinen, in gar )u grofjem 
Sontrajl mit ber Sirtiicbteit... Sag ich an Such fo Viel ben(e, 
ift auch (ein Verbienft, benn etwa6 2roftlofere6 a(6 ben Aufenthalt 
in ©.- wäbrenb ber gerien giebt e6 nicht. Viemanb ift anwefenb, 
unb bie anwefenben 9tiemanb6 ftnb in golge be6 abfcheultchen ÜBetterV 
fämmtlich (ran(-für wenige Soeben finb bie gtyilifter fegt 


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882 


Gtptmbn 1866. 


gtücftüb, gtüctticger al* igre wenigen jurücfgebtiebenen JJetrn 1 . — fffir 
einige Zage gab* ich neulich @. »et(offen um SRenbtorff, ben ich feit 
4 Sorten nicht gefegn, in Äiet ju treffen. 3cg tonnte natürlich nur 
furje geit bleiben/ aber e* war wobt ber lebrreicbfte #u*flug, ben üb 
je gemalt... 3n JJolffein gab’ icb mich brrjlicb gefreut an beut 
burcg affe ©tdnbe gebenben grimmigen Ddnengaffe unb ber ruhigen 
unerfcgütterlicben ^uoerffebt »on 3ebem, baß ber jegige Juffanb nicht 
bauern fann. — Ueber mein (Buch gab’ icb neulich im Bremer ©onn* 
tag*b(att eine SRecenfion gelefen, bie mir ffreube machte/ weniger wegen 
be* £obe* al* weit fie bie einzige iff, bie bie ©cgrift etwa« eingebenb 
befpricgt. 3n ben ©rengboten gab’ icb «« fügte* 2ob »on 2 feiten 
gedmtet 1 ... Uebrigen*